James - Percival Everett - E-Book

James E-Book

Percival Everett

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Beschreibung

"Huckleberry Finn" wird zum Roman der Freiheit – in "James" erfindet Percival Everett den Klassiker der amerikanischen Literatur neu. Fesselnd, komisch, subversiv

Jim spielt den Dummen. Es wäre zu gefährlich, wenn die Weißen wüssten, wie intelligent und gebildet er ist. Als man ihn nach New Orleans verkaufen will, flieht er mit Huck gen Norden in die Freiheit. Auf dem Mississippi jagt ein Abenteuer das nächste: Stürme, Überschwemmungen, Begegnungen mit Betrügern und Blackface-Sängern. Immer wieder muss Jim mit seiner schwarzen Identität jonglieren, um sich und seinen jugendlichen Freund zu retten. Percival Everetts „James“ ist einer der maßgeblichen Romane unserer Zeit, eine unerhörte Provokation, die an die Grundfesten des amerikanischen Mythos rührt. Ein auf den Kopf gestellter Klassiker, der uns aufrüttelt und fragt: Wie lesen wir heute? Fesselnd, komisch, subversiv.

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Das ist das Cover des Buches »James« von Percival Everett

Über das Buch

Jim spielt den Dummen. Es wäre zu gefährlich, wenn die Weißen wüssten, wie intelligent und gebildet er ist. Als man ihn nach New Orleans verkaufen will, flieht er mit Huck gen Norden in die Freiheit. Auf dem Mississippi jagt ein Abenteuer das nächste: Stürme, Überschwemmungen, Begegnungen mit Betrügern und Blackface-Sängern. Immer wieder muss Jim mit seiner schwarzen Identität jonglieren, um sich und seinen jugendlichen Freund zu retten. Percival Everetts »James« ist einer der maßgeblichen Romane unserer Zeit, eine unerhörte Provokation, die an die Grundfesten des amerikanischen Mythos rührt. Ein auf den Kopf gestellter Klassiker, der uns aufrüttelt und fragt: Wie lesen wir heute? Fesselnd, komisch, subversiv.

Percival Everett

James

Roman

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Hanser

Dieses Buch ist für Danzy

Aus dem Notizbuch von Daniel Decatur Emmett

THE BLUE-TAIL FLY

When I was young I used to wait

On my massa and give him his plate,

And pass de bottle when he got dry,

And brush away the blue-tail fly.

(Chorus)

Jimmie crack corn and I don’t care,

Jimmie crack corn and I don’t care,

Jimmie crack corn and I don’t care,

My massa’s gone away.

And when he’d ride in de afternoon,

I’d follow after with a hickory broom,

The pony being rather shy,

When bitten by a blue-tail fly.

Chorus

One day he ride around de farm,

De flies so num’rous they did swarm,

One chanc’d to bite him in de thigh,

De devil take de blue-tail fly.

Chorus

De pony run, he jump, he pitch,

He threw my massa in de ditch;

He died and de jury wonder’d why,

De verdict was de blue-tail fly.

Chorus

Dey lay him under a’ simmon tree;

His epitaph is dere fo to see;

»Beneath this stone I’m forced to lie,

A victim of the blue-tail fly.«

Teil

1

Kapitel 1

Die kleinen Halunken versteckten sich drüben im hohen Gras. Der Mond war nicht ganz voll, leuchtete aber kräftig, und er stand hinter ihnen, deshalb konnte ich sie sehen wie am helllichten Tag, obwohl es tiefe Nacht war. Vor der dunklen Leinwand blinkten Leuchtkäfer. Ich wartete an Miss Watsons Küchentür, kippelte mit dem Fuß auf einer lockeren Treppenstufe, wusste, dass Miss Watson mir morgen sagen würde, ich solle sie reparieren. Ich wartete darauf, dass sie mir eine Schüssel Cornbread gab, das sie nach dem Rezept meiner Sadie zubereitet hatte. Ein Sklavenleben besteht zum großen Teil aus Warten — Warten, Warten und nochmal Warten. Warten auf Anweisungen. Warten auf Essen. Warten aufs Tagesende. Warten auf den gerechten und verdienten christlichen Lohn am Ende von allem.

Diese weißen Jungs, Huck und Tom, beobachteten mich. Sie spielten immer irgendein Phantasiespiel, in dem ich entweder ein Schurke oder ein Opfer war, auf jeden Fall aber ihr Spielzeug. Sie hüpften da draußen bei den Sandflöhen, Moskitos und anderen stechenden Biestern herum, kamen mir aber kein bisschen näher. Es lohnt sich immer, Weißen zu geben, was sie wollen, deshalb trat ich in den Garten und rief in die Nacht hinaus:

»Wersndas da draußnim Dunkeln?«

Sie rumorten unbeholfen herum, kicherten. Die beiden könnten sich nicht mal an einen Blinden und Tauben anschleichen, während eine Blaskapelle spielt. Ich hätte lieber Zeit damit vergeudet, Leuchtkäfer zu zählen, als mich mit den beiden abzugeben.

»Chglaub, ich setzma lieber meine alten Knochng auf die Veranda hier un schau nomma nach dem Geräusch da. Vlleich isssas da draußen ja irngso’n Dämon oder ne Hexe. Chbleib hier, da isses sicher.« Ich setzte mich auf die oberste Stufe und lehnte mich an den Pfosten. Ich war müde, also schloss ich die Augen.

Die Jungs tuschelten aufgeregt miteinander, und ich konnte sie so deutlich hören wie eine Kirchenglocke.

»Schläft er schon?«, fragte Huck.

»Ich glaub ja. Ich hab gehört, Nigger können einfach so einschlafen«, sagte Tom und schnipste mit den Fingern.

»Pssst«, sagte Huck.

»Ich sag dir was, wir fesseln ihn«, sagte Tom. »Wir fesseln ihn an’n Verandapfosten, wo er sich gegenlehnt.«

»Nein«, sagte Huck. »Was, wenn er aufwacht und Rabatz macht? Dann kommt raus, dass ich draußen bin und nich im Bett, wie ich eigentlich sein sollte.«

»Okay. Aber weißt du was? Ich brauch Kerzen. Ich schleich mich in Miss Watsons Küche und hol mir welche.«

»Und wenn du den Jim aufweckst?«

»Ich weck niemand auf. ’n schlafenden Nigger weckt nicht mal Donner auf. Weißt du denn gar nix? Kein Donner, kein Blitz, keine brüllenden Löwen. Ich hab mal von einem gehört, der hat sogar n Erdbeben verschlafen.«

»Was meinst du, wie so n Erdbeben sich anfühlt?«, fragte Huck.

»Wie wenn dich dein Pa mitten in der Nacht aufweckt.«

Die Jungs krochen ungelenk auf allen vieren, und nicht besonders leise, über die knarzenden Verandadielen und durch die Halbtür in Miss Watsons Küche. Ich hörte sie da drin herumwühlen, Schranktüren und Schubladen öffnen. Ich hielt die Augen geschlossen und ignorierte einen Moskito, der auf meinem Arm landete.

»Na bitte«, sagte Tom. »Ich nehm mir einfach drei.«

»Du kannst einer alten Frau nich einfach Kerzen klauen«, sagte Huck. »Das is Diebstahl. Was is, wenn sie’s dem Jim in die Schuhe schieben?«

»Na gut, ich lass ihr einen Nickel da. Das is mehr als genug. Die werden keinen Sklaven verdächtigen. Wo soll denn ein Sklave nen Nickel herhaben? Und jetz nix wie weg hier, bevor sie auftaucht.«

Die Jungs traten auf die Veranda. Ich glaube, ihnen war nicht im Entferntesten klar, wie viel Krach sie machten.

»Hättest ihr auch nen Zettel dalassen sollen«, sagte Huck.

»Is alles nich nötig«, sagte Tom. »Der Nickel is mehr als genug.« Ich spürte, wie sich die Blicke der Jungs auf mich richteten. Ich rührte mich nicht.

»Was machst’n du da?«, fragte Huck.

»Spiel dem ollen Jim nen kleinen Streich.«

»Lass lieber, du weckst ihn bloß auf.«

»Halt die Klappe.«

Tom trat hinter mich und packte oberhalb meiner Ohren meine Hutkrempe.

»Tom«, beschwerte sich Huck.

»Pssst.« Tom lüpfte mir den Hut vom Kopf. »Ich häng den ollen Hut bloß an den ollen Nagel da.«

»Und wozu soll das gut sein?«, fragte Huck.

»Wenn er aufwacht, wird er denken, das war ne Hexe. Wenn wir da bloß dabei sein könnten.«

»Okay, er hängt am Nagel, nix wie weg jetzt«, sagte Huck.

Im Haus rührte sich jemand, und die Jungs rannten weg, bogen in vollem Galopp um die Ecke und wirbelten Staub auf. Ich hörte ihre Schritte leiser werden.

Jetzt war jemand in der Küche, an der Tür. »Jim?« Es war Miss Watson.

»Ja, Ma’am?«

»Hast du geschlafen?

»Nein, Ma’am. Bin zwar mächtich müde, aber geschlafm habbich nich.«

»Warst du in meiner Küche?«

»Nein, Ma’am.«

»War sonst wer in meiner Küche?«

»Gesehn hab ich kein, Ma’am.« Genau genommen stimmte das sogar, weil ich ja die ganze Zeit die Augen zugehabt hatte. »Chhab kein in Ihrer Küche gesehn, Ma’am.«

»Schön, da ist dein Cornbread. Du kannst Sadie sagen, dass ich ihr Rezept gut finde. Ich habe es ein bisschen abgeändert. Um es zu verfeinern, weißt du.«

»Ja, Ma’am, richdich ihr aus.«

»Hast du Huck irgendwo gesehen?«, fragte sie.

»Ja, vorhin.«

»Wie lang ist das her?«

»Schonne Weile«, sagte ich.

»Jim, ich frage dich jetzt etwas. Warst du in Richter Thatchers Bibliothekszimmer?«

»In seim was?«

»Seiner Bibliothek.«

»Sie mein, das Zimmer mit den ganzn Büchern drin?«

»Ja.«

»Nein, Ma’am. Gesehn habbich die Bücher, aber im Zimmer drin warch nich. Warum frahng Sie mich das?«

»Ach, jemand hat ein paar Bücher aus dem Regal genommen.«

Ich lachte. »Was sollchn mim Buch?«

Sie lachte ebenfalls.

Das Cornbread war in ein dünnes Küchentuch eingeschlagen, und ich musste ständig von der einen in die andere Hand wechseln, weil es heiß war. Hungrig, wie ich war, hätte ich gern davon probiert, aber ich wollte, dass Sadie und Elizabeth die ersten Bissen bekamen. Als ich durch die Tür trat, kam Lizzie auf mich zugerannt und schnupperte dabei wie ein Spürhund.

»Was riecht denn da so?«, fragte sie.

»Ich vermute, das ist das Cornbread hier«, sagte ich. »Miss Wharton hat es nach dem Spezialrezept deiner Mama zubereitet, und es riecht wirklich gut. Sie hat mir außerdem mitgeteilt, dass sie ein paar Veränderungen vorgenommen hat.«

Sadie kam zu mir und gab mir einen Kuss auf den Mund. Sie streichelte mein Gesicht. Sie war sanft, und ihre Lippen waren sanft, aber ihre Hände waren von der Feldarbeit so rau wie meine und trotzdem zärtlich.

»Ich muss ihr gleich morgen früh das Küchentuch zurückbringen. Solche Sachen merken sich die Weißen immer. Ich bin fest überzeugt, dass sie jeden Tag Zeit dafür einplanen, Küchentücher, Löffel, Tassen und dergleichen nachzuzählen.«

»Wohl wahr. Weißt du noch, damals, als ich vergessen hatte, die Harke in den Schuppen zurückzustellen?«

Sadie hatte das Cornbread auf den Hackblock — eigentlich ein Stumpf — gelegt, der uns als Tisch diente. Sie schnitt es in Scheiben. Sie reichte Lizzie und mir Portionen. Ich biss davon ab, genau wie Lizzie. Wir sahen uns an.

»Dabei riecht es so gut«, sagte das Kind.

Sadie schnitt ein Stückchen ab und steckte es sich in den Mund. »Die Frau hat wirklich überhaupt kein Talent zum Kochen.«

»Muss ich das essen?«, fragte Lizzie.

»Nein, musst du nicht«, sagte Sadie.

»Aber was sagst du ihr morgen, wenn sie dich fragt, ob es dir geschmeckt hat?«, fragte ich.

Lizzie räusperte sich. »Miss Watson, dassja ma n Cornbread, wie ich’s noch nie in meim Leem gegessn hab.«

»Probier’s mit ›wo ich‹«, sagte ich. »Das wäre die korrekte falsche Grammatik.«

»Dassja ma n Cornbreard, wo ich noch nie in meim Leem gegessn hab«, sagte sie.

»Sehr gut«, sagte ich.

Albert erschien an der Tür unserer Hütte. »James, kommst du?«

»Ich bin gleich bei euch. Sadie, macht es dir was aus?«

»Nein, geh nur«, sagte sie.

Ich ging hinaus und zu dem großen Feuer hinüber, wo die Männer saßen. Man begrüßte mich, und ich setzte mich. Wir unterhielten uns kurz darüber, wie es einem Entlaufenen auf einer anderen Farm ergangen war. »Ja, die haben ihn wirklich halb totgeprügelt«, sagte Doris. Doris war ein Mann, aber das war den Sklavenhändlern offenbar gleich gewesen, als sie ihm einen Namen gegeben hatten.

»Die werden allesamt zur Hölle fahren«, sagte Old Luke.

»Und was hast du heute erlebt?«, fragte mich Doris.

»Nichts.«

»Irgendwas musst du doch erlebt haben«, sagte Albert.

Sie warteten darauf, dass ich ihnen eine Geschichte erzählte. Anscheinend konnte ich das gut, Geschichten erzählen. »Nichts, außer dass ich heute nach New Orleans entführt worden bin. Davon abgesehen habe ich nichts erlebt.«

»Du bist was?«, sagte Albert.

»Ja. Ich dachte, ich nicke so gegen Mittag gemütlich weg, und im nächsten Moment stand ich auf einer belebten Straße mit Maultiergespannen und was weiß ich nicht alles um mich herum.«

»Du spinnst«, sagte jemand.

Ich bemerkte, wie Albert mir das Warnzeichen gab, dass Weiße nahebei waren. Dann hörte ich das schwerfällige Rumoren im Gebüsch und wusste, es waren diese Jungs.

»Wiech gesagt hab, zuers habbich mein Hut annem Nagel gefunn. ›Den habbich da aber nich hingetan‹, habbich mir gesagt. ›Wieser da hingekomm?‹ Da habbich gewuss, das warn Hexen, wo das gemacht haam. Gesehn habbich sie nich, aber die warn das. Und eine von den Hexen, die, wo mein Hut genomm hat, die hat mich den ganzen Weg nach N’Orlins geschickt. Isses zum Glaum?« Meine veränderte Ausdrucksweise machte die anderen auf die Anwesenheit der weißen Jungs aufmerksam. Und meine Darbietung für die Jungs wurde zu einem Rahmen für meine Geschichte. Meine Geschichte verlor als Erzählung, da die Inszenierung für die Jungs zum entscheidenden Punkt wurde.

»Sag bloß«, sagte Doris. »Die Hexen, mit den legsu dich lieber nich an.«

»Kannsu laut saang«, sagte ein anderer Mann.

Wir konnten die Jungs kichern hören. »Jeenfalls, da warch also in N’Orlins, und wisst ihr was?«, sagte ich. »Auf eima steht da son Kräuterdokter hinter mir. Er sagt: ›Machsndu hier inner Stadt?‹ Ich sag ihm, ich hab keine Ahnung, wie ich hergekomm bin. Und wisst ihr, wasser da zu mir sagt? Wisst ihr, wasser sagt?«

»Was sagt er, Jim?«, fragte Albert.

»Er sagt, ich, Jim, bin n freier Mann. Un dass mich kein Mensch nie wieder Nigger nenn wird.«

»Herrbarmdich«, rief Skinny, der Hufschmied.

»Der Dämon sagt, ich kann mir die Straße rauf kaufm, was ich will. Sogar Whiskey, sagt er, wemmir danach is. Da seid ihr platt, was?«

»Whiskeys Teufelszeug«, sagte Doris.

»War egal«, sagte ich. »War ganz egal. Er sagt, ich kann welchen ham, wenn ich will. Unnauch sons alles. War aber egal.«

»Wieso?«, fragte einer.

»Erssns war das doch da, wo die Hexe mich hingeschickt hat. War nich echt, war bloß n Traum. Un zweins hattich auch kein Geld. So einfach war das. Also hat der Dämon mit sein drecking Griffeln geschnipst und mich heimgeschickt.«

»Wieso hat er’n das gemacht?«, fragte Albert.

»Na, Mensch, in N’Orlins kannsu nix erleem, wenn du kein Geld has, Traum hin oder her«, sagte ich.

Die Männer lachten. »Hab ich auch schon gehört«, sagte einer.

»Wartet mal«, sagte ich. »Chglaub, chhör da grad im Gebüsch so’n Dämon. Gib mir ma einer ne Fackel, damit ich den Strauch da anzünn kann. Hexen und Dämohn, die mööngs nich, wenns um sie rum brennt. Da fang sie an zu schmelzen wie Butter auf ner heißen Platte.«

Wir lachten alle, während wir die beiden weißen Jungs stiften gehen hörten.

Nachdem ich vergangenen Abend auf die knarrenden Dielen getreten war, wusste ich, dass Miss Watson mich anweisen würde, die Bretter festzunageln und die lockere Stufe zu reparieren. Ich wartete bis zum späten Vormittag, damit ich keine Weißen weckte. Die konnten schlafen wie sonst was, beklagten sich aber trotzdem ständig, dass sie zu früh aufwachten, ganz gleich, wie spät es war.

Huck kam aus dem Haus und sah mir ein paar Minuten lang zu. Er drückte sich bei mir herum, wie immer, wenn er etwas auf dem Herzen hatte.

»Warum bissn du nich mit deim Freund unnerwegs?«, fragte ich.

»Tom Sawyer, meinst du?«

»Ja, der.«

»Der schläft noch. War wahrscheinlich die ganze Nacht auf und hat Banken und Züge ausgeraubt und all so was.«

»So was machder, ja?«

»Behauptet er jedenfalls. Er hat n bisschen Geld, damit kauft er sich Bücher und liest ständig von irgendwelchen Abenteuern. Manchmal weiß ich bei ihm nich so recht.«

»Wieson das?«

»Na ja, er hat da so ne Höhle entdeckt, da sind wir rein und haben uns mit anderen Jungs getroffen, aber wie wir da rein sind, da wollt er unbedingt der Boss sein.«

»Ja?«

»Und alles nur, weil er die Bücher gelesen hat.«

»Und dass dir irngwie gehng Strich gegang?«

»Wieso sagt man das? ›Gegen den Strich gegangen‹?«

»Na ja, chseh das so, Huck: Wenn du’m Fisch mit ner Gabel vom Kopf zum Schwanz übern Rückng fährs, dann issihm das ziemich egal, aber mach das mal annersrum …«

»Ich versteh schon.«

»Manchma mussu deine Freunde ehm nehm, wie sie sinn. Die machng sowieso, was sie machng.«

»Jim, du arbeitest mit den Maultieren, und du reparierst die Wagenräder, und jetzt reparierst du die Veranda hier. Woher kannst du das alles?«

Ich hielt inne, sah den Hammer in meiner Hand an, drehte ihn um. »’s ne gute Frage, Huck.«

»Also, woher?«

»Notgedrungen.«

»Was?

»Geht nich anners«, verbesserte ich mich. »Weil, wenn du’s nich kanns, passiert was.«

»Was denn?«

»Entweder sie bindich an Fosten und peitschen dich aus, oder sie schleppm dich runter an Fluss und verkaufm dich. Nix, wo du dir Sorgen drüber machen muss.«

Huck betrachtete den Himmel. Er sann eine Weile darüber nach. »Is wirklich hübsch, wenn man einfach so in den Himmel guckt, mit nix als bloß Blau drin. Ich hab mal gehört, es gibt Namen für verschiedene Blaus. Und Rots und all so was. Ich frag mich, wie man dieses Blau nennt.«

»Eierschalenblau«, sagte ich. »Hassu schomma n Ei vonner Wanderdrossel gesehn?«

»Hast recht, Jim. Es ist wie n Ei von ner Wanderdrossel, bloß ohne die Sprenkel.«

Ich nickte. »Desweeng mussu dir die Sprenkel wegdenkng.«

»Ei von ner Wanderdrossel«, sagte Huck erneut.

Wir saßen noch ein wenig länger da. »Wassdir denn sons noch über die Leber gelaufm?«, fragte ich.

»Ich glaub, Miss Watson is verrückt.«

Dazu sagte ich nichts.

»Quatscht dauernd von Jesus und Gebeten und all so was. Die hat bloß Jesus im Kopf. Sie hat gesagt, beten hilft mir dabei, draußen in der Welt selbstlos zu handeln. Was zum Teufel heißt’n das?«

»Nich fluchng, Huck.«

»Du klingst schon genau wie sie. Ich hab doch nix davon, um was zu bitten, bloß damit ich’s nich krieg und die Lektion lern, dass ich nich krieg, um was ich bitte. Was hat n das fürn Sinn? Da könnt ich genauso gut zu dem Brett da beten.«

Ich nickte.

»Nickst du, weil’s Sinn hat oder weil’s keinen Sinn hat?«

»Ich nick bloß so, Huck.«

»Ich hab nur Verrückte um mich rum. Weißt du, was Tom Sawyer gemacht hat?«

»Sag’s mir, Huck.«

»Er hat uns alle n Blutschwur ablegen lassen, dass, wenn einer von uns Bandengeheimnisse verrät, dass wir dann seine ganze Familie abmurksen. Das klingt doch verrückt, oder?«

»Wie gehtn das mim Blutschwur?«

»Man schneidet sich mit nem Messer in die Hand, und dann gibt man sie allen anderen, wo das Gleiche gemacht haben. Damit sich das ganze Blut vermischt und vermanscht, weißt du. Dann is man Blutsbrüder.«

Ich warf einen Blick auf seine Hände.

»Wir haben stattdessen Spucke genommen. Tom Sawyer hat gesagt, das wirkt genauso und wie wir denn mit zerschnittenen Händen ne Bank ausrauben wollen. Einer hat geheult und gesagt, dass er uns verpetzt, und Tom Sawyer hat ihm n Nickel gegeben, damit er die Klappe hält.«

»Verrätsu mir nich grad deine Geheimnisse?«, fragte ich.

Huck hielt inne. »Bei dir isses was anderes.«

»Weilch n Sklave bin?«

»Nein, nich deswegen.«

»Warum denn dann?«

»Du bist mein Freund, Jim.«

»Na so was, danke, Huck.«

»Du verrätst es keinem, oder?« Er starrte mich besorgt an. »Auch wenn wir losziehen und ne Bank ausrauben. Du verrätst es keinem, ja?«

»Chkann was für mich behalten, Huck. Un dein Geheimnis auch.«

Miss Watson trat ans Fliegengitter der Hintertür und zischte: »Bist du schon mit der Stufe fertig, Jim?«

»Ja, binnich, Miss Watson«, sagte ich.

»Das reinste Wunder, wo dir der Junge hier das Ohr abquasselt. Huckleberry, marsch zurück ins Haus, und mach dein Bett.«

»Das bring ich doch heute Abend sowieso wieder in Unordnung«, sagte Huck. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und trat von einem Fuß auf den anderen, als wüsste er, dass er gerade zu weit gegangen war.

»Ich sage es nicht nochmal«, sagte sie.

»Bis dann, Jim.« Huck rannte ins Haus und huschte seitlich an Miss Watson vorbei, wie um einem Schlag auszuweichen.

»Jim«, sagte Miss Watson und schaute dabei Huck hinterher.

»Ma’am?«

»Ich habe gehört, Hucks Papa ist wieder in der Stadt.« Sie ging an mir vorbei und warf einen Blick auf die Straße.

Ich nickte. »Ja, Ma’am.«

»Hab ein Auge auf Huck«, sagte sie.

Ich wusste nicht genau, was sie damit meinte. »Ja, Ma’am.« Ich legte den Hammer in die Werkzeugkiste zurück. »Ma’am, wo genau sollich denn n Auge drauf ham?«

»Und hilf ihm, sich vor diesem Sawyer in Acht zu nehmen.«

»Warum sahng Sie mir das alles, Ma’am?«

Die alte Frau richtete ihren Blick auf mich, dann auf die Straße und dann nach oben zum Himmel. »Das weiß ich auch nicht, Jim.«

Ich sann über Miss Watsons Worte nach. Dieser Tom Sawyer war eigentlich keine Gefahr für Huck, bloß eine Art kleiner Kobold, der ihm auf der Schulter saß und ihm Unsinn einflüsterte. Aber die Rückkehr seines Vaters, das war etwas ganz anderes. Der Mann mochte nüchtern oder betrunken sein, aber ganz gleich in welchem Zustand er war, er verabreichte dem armen Jungen regelmäßig Prügel.

Kapitel 2

An jenem Abend setzte ich mich mit Lizzie und sechs anderen Kindern in unserer Hütte hin und gab ihnen Sprachunterricht. Solche Stunden waren unverzichtbar. Sich gefahrlos in der Welt bewegen zu können erforderte Beherrschung der Sprache, Geläufigkeit. Die Kinder saßen auf dem gestampften Lehmboden, ich auf einem unserer beiden selbstgebauten Stühle. Durch das Loch im Dach zog der Rauch des Feuers ab, das in der Mitte der Hütte brannte.

»Papa, warum müssen wir das lernen?«

»Die Weißen erwarten, dass wir auf eine bestimmte Weise klingen, und es kann nur nützlich sein, sie nicht zu enttäuschen«, sagte ich. »Wenn sie sich unterlegen fühlen, haben nur wir darunter zu leiden. Oder vielleicht sollte ich sagen, ›wenn sie sich nicht überlegen fühlen‹. Also wollen wir zunächst noch einmal ein paar Grundlagen wiederholen.«

»Blickkontakt vermeiden«, sagte ein Junge.

»Richtig, Virgil.«

»Nie reden, ohne gefragt zu werden«, sagte ein Mädchen.

»Das ist korrekt, February«, sagte ich.

Lizzie blickte auf die anderen Kinder, dann wieder zu mir. »Niemals irgendein Thema direkt ansprechen, wenn man sich mit einem anderen Sklaven unterhält«, sagte sie.

»Und wie nennen wir das?«, fragte ich.

»Drumherum-Reden«, riefen sie im Chor.

»Ausgezeichnet.« Sie waren sehr zufrieden mit sich, und ich erhielt diese Stimmung aufrecht. »Versuchen wir’s mal mit ein paar Übersetzungen für besondere Situationen. Zuerst etwas Extremes. Ihr geht die Straße entlang und seht, dass es in Mrs. Holidays Küche brennt. Sie steht mit dem Rücken zum Haus in ihrem Garten und bemerkt es nicht. Wie sagt ihr es ihr?«

»Feuer, Feuer«, sagte January.

»Direkt. Und das ist fast korrekt«, sagte ich.

Die Jüngste, die magere, schlaksige fünfjährige Rachel, sagte: »Herrmhimmel, Ma’am! Da!«

»Perfekt«, sagte ich. »Warum ist das korrekt?«

Lizzie hob die Hand. »Weil wir darauf achten müssen, dass die Weißen diejenigen sind, die das Problem benennen.«

»Und warum?«, fragte ich.

February sagte: »Weil sie alles vor uns wissen müssen. Weil sie allem einen Namen geben müssen.«

»Gut, gut. Ihr seid ja richtig fix heute. Okay, stellen wir uns vor, es ist ein Fettbrand. Mrs. Holiday hat Bacon unbeaufsichtigt auf dem Herd stehen lassen. Sie ist im Begriff, Wasser darauf zu schütten. Was sagt ihr? Rachel?«

Rachel hielt kurz inne. »Ma’am, das Wasser machts bloß schlimmer!«

»Das stimmt natürlich, aber was ist das Problem dabei?«

Virgil sagte: »Man sagt ihr, dass sie das Falsche tut.«

Ich nickte. »Was solltet ihr also stattdessen sagen?«

Lizzie schaute zur Decke und sprach, während sie es zu Ende dachte. »Möchten Sie, dass ich eine Schaufel Sand hole?«

»Richtiger Ansatz, aber du hast es nicht übersetzt.«

Sie nickte. »Herrmhimmel, Ma’am, so’ich vlleich ne Schaufel Sand ranschaffm?«

»Gut.«

»›Schaufel Sand ranschaffm‹ ist aber schwierig auszusprechen.« Das kam von Glory, der Ältesten. »Die vielen ›s‹ und ›a‹.«

»Das stimmt«, sagte ich. »Und es ist okay, darüber zu stolpern. Es ist sogar gut. So’ich vlleich ne Saufel Schand ransaffm, Missis Holiday?«

»Und wenn sie einen nicht verstehen?«, fragte Lizzie.

»Das ist in Ordnung. Sie sollen sich ruhig anstrengen, einen zu verstehen. Nuschelt irgendetwas, das verschafft ihnen die Genugtuung, euch sagen zu können, dass ihr nicht nuscheln sollt. Sie genießen es, euch zu verbessern und zu glauben, dass ihr dumm seid. Denkt daran, je mehr sie sich dafür entscheiden, nicht zuhören zu wollen, desto mehr können wir in ihrer Gegenwart zueinander sagen.«

»Warum hat Gott es so eingerichtet?«, fragte Rachel. »Mit ihnen als Herren und uns als Sklaven?«

»Es gibt keinen Gott, Kind. Es gibt die Religion, aber ihren Gott, den gibt es nicht. Ihre Religion sagt, dass wir am Ende unseren Lohn bekommen. Allerdings sagt sie offenbar nichts über ihre Bestrafung. Aber wenn wir in ihrer Nähe sind, glauben wir an Gott. O Herrmhimmel, wir glaum ganz doll an dich. Die Religion ist bloß ein Kontrollinstrument, das sie anwenden und an dem sie festhalten, wenn es ihnen passt.«

»Aber irgendwas muss es doch geben«, sagte Virgil.

»Entschuldigung, Virgil. Vielleicht hast du recht. Vielleicht gibt es irgendeine höhere Macht, Kinder, aber es ist nicht ihr weißer Gott. Je mehr ihr allerdings von Gott und Jesus und Himmel und Hölle redet, desto besser fühlen sie sich.«

Die Kinder sagten im Chor: »Und je besser sie sich fühlen, desto sicherer sind wir.«

»February, übersetz das.«

»Umso besserer sie sich fühln, umso sichererer sin wir.«

»Schön.«

Huck bekam mich zu fassen, während ich Säcke mit Hühnerfutter vom Fuhrwerk in den Schuppen hinterm Haus der Witwe Douglas schleppte. Er dachte intensiv über etwas nach, und ich merkte, dass er reden wollte.

»’sgehtn dir im Kopf rum, Huck?«

»Gebete«, sagte er. »Betest du?«

»Klaa. Beten tu ich andauernd.«

»Und für was betest du?«, fragte er.

»Für alles Mögliche. Eima habbich dafür gebetet, dass die kleine February wieder gesund wird, wo sie so krank war.«

»Hat’s geholfen?«

»Na ja, is ja wieder gesund jetz.« Ich setzte mich auf die Ladeklappe und schaute zum Himmel hoch. »Eima habbich für Reeng gebetet.«

»Und, hat das geholfen?«

»Geregnet hat’s jeenfalls. Nich gleich, aber irngwann schon.«

»Woher weißt du dann, dass das Gott gewesen is?«

»Wissen tu ich’s nich. Aber macht Gott nich alles? Wer sossn sons gewesen sein?«

Huck hob einen Stein auf, betrachtete ihn eine Zeitlang und schleuderte ihn dann nach einem Eichhörnchen, das auf einem hohen Ulmenast saß.

»Willsu wissen, was ich denk?«

Huck sah mich an.

»Ich denk, Beten is für die Leute um dich rum, die wolln, dass du betest. Du muss so beten, dass Miss Watson un die Witwe Douglas dich hörn, unnumuss Jesus um Sachng bitten, wo du weiß, dass die das wolln. Macht dir das Leem n ganzes Stück leichter.«

»Vielleicht.«

»Un ab und zu streussu so was wie ne neue Angelrute oder so was ein, damit sie mit dir schimpfm könn.«

Huck nickte. »Ich glaub, du hast recht. Jim, glaubst du an Gott?«

»Na klaa, un ob! Wenn’s kein Gott gibt, woher ham wir dann das schöne Leem hier? Un jetz lauf un geh spieln.«

Ich sah zu, wie Huck die Straße entlangrannte und um die Ecke von Richter Thatchers großem Haus verschwand. Als ich mir gerade den letzten Sack auf die Schulter hievte, tauchte der alte Luke hinter mir auf.

»Du hast mich erschreckt«, sagte ich.

»Tut mir leid.« Er sprang auf den Wagen und pflanzte seine kleine Gestalt auf die Ladefläche. »Was wollte denn der kleine Rotzbengel?«

»Der Junge ist in Ordnung«, sagte ich. »Er versucht bloß, ein paar Dinge zu verstehen. So wie wir alle, denke ich.«

»Hast du das von dem McIntosh-Brother unten in St. Louis gehört?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Freier Mann. Hellhäutig wie du. Er ist bei den Docks in eine Schlägerei geraten, und die Polizei ist gekommen und hat ihn festgenommen. Er hat gefragt, welche Strafe er dafür kriegt, dass er sich geprügelt hat. Einer von den Polizisten hat gesagt, sie würden ihn wahrscheinlich aufhängen. Der Brother hat ihm geglaubt. Verständlicherweise. Er hat sein Messer gezogen und die beiden verletzt.«

Ein weißer Mann kam auf uns zu und musterte aus irgendeinem Grund das vor den Wagen geschirrte Pferd. Luke verstummte. Wir bemühten uns, jeden Blickkontakt mit dem Mann zu vermeiden. Wir hatten miteinander geredet, also mussten wir jetzt weiterreden.

»Weiter«, sagte ich zu Luke.

»Okay. Also, Blue Gum Monkey nix wie die Gasse rauf, als hätt Luzifer in Besenstiel gebissen. Un sofort kleem die Charlies an ihm dran wie das Weiße am Reis. So dich an ihm dran wie der Schaum anner Seife.«

Ich nickte.

»Hey«, rief der Weiße.

»Sah?«, sagte ich.

»Das Pferd da, gehört das Miss Watson?«

»Nein, Sah. Der Waang, der gehört Miss Watson. Das Ferd, dassis vonner Witwe Douglas.«

»Meinst du, sie will es verkaufen?«

»Da weißch nix von, Sah.«

»Frag sie, wenn du sie siehst.«

»Ja, Sah, machich.«

Noch einmal musterte der Mann das Pferd, klopfte ihm auf die Kruppe, teilte mit den Fingern die Lippen des Tiers und ging dann weg.

»Was meinst du, was so ein Dummkopf mit einem Pferd will? Der hat doch überhaupt keine Ahnung von Pferden«, sagte Luke.

»Das arme Tier ist hundert Jahre alt und kann den Wagen kaum noch ziehen, wenn er leer und trocken ist.«

»Weiße kaufen eben gern irgendwelches Zeug«, sagte Luke.

»Was ist McIntosh denn nun passiert?«, fragte ich.

»Sie haben ihn eingeholt und an eine Eiche gekettet, Holz zusammengetragen und ihn bei lebendigem Leib verbrannt. Ich habe gehört, er hat geschrien, dass ihn jemand erschießen soll. Die Männer haben damit gedroht, jeden zu erschießen, der versucht, ihn von seinem Elend zu erlösen.«

Mir war schlecht, dabei unterschied sich die Geschichte gar nicht so sehr von vielen anderen, die ich gehört hatte. Trotzdem, der Tag kam mir heißer vor, und mir fiel auf, wie sehr meine Haut von Schweiß klebte. »Schrecklich, auf diese Art zu sterben«, sagte ich.

»Ich glaube nicht, dass es eine gute Art zu sterben gibt«, sagte Luke.

»Da bin ich mir nicht so sicher.«

»Wie meinst du das?«, fragte Luke.

»Ich meine, irgendwann sterben wir alle. Vielleicht sind nicht alle Arten zu sterben schlimm. Vielleicht gibt es eine Art zu sterben, die meinen Vorstellungen entspricht.«

»Du spinnst.«

Ich lachte.

Luke schüttelte den Kopf. »Das war noch nicht das Schlimmste. Farbige sterben jeden Tag; das weißt du. Das Schlimmste war, dass der Richter der Grand Jury gesagt hat, es sei eine Massenhandlung, und deshalb dürften sie keine Anklageerhebung empfehlen. Das heißt, wenn es genügend Leute tun, ist es kein Verbrechen.«

»Du lieber Himmel«, sagte ich. »Sklaverei.«

»Du hast es erfasst«, sagte Luke. »Wenn dich genügend von ihnen umbringen, sind sie unschuldig. Rate mal, wie der Richter hieß.«

Ich wartete.

»›Lawless‹.«

»Meinst du, wir bekommen jemals Gelegenheit, einen Ort wie St. Louis oder New Orleans kennenzulernen?«, fragte ich ihn.

»Wenn wirn Himmel komm«, sagte er und zwinkerte mir zu.

Wir fingen an zu lachen, und dann erspähten wir ein Stück weiter einen Weißen. Es gab nichts, was Weiße mehr irritierte als ein paar Sklaven, die lachten. Vermutlich fürchteten sie, dass wir über sie lachten, oder aber ihnen war einfach der Gedanke zuwider, dass wir es uns gutgehen ließen. Wie auch immer, wir verstummten nicht sofort und erregten deshalb seine Aufmerksamkeit. Er hatte uns gehört und ging auf uns zu.

»Was habt ihr Burschen denn zu kichern wie zwei kleine Mädchen?«, fragte er.

Ich hatte ihn schon einmal gesehen, kannte ihn jedoch nicht. Er versuchte, sich in die Pose eines bedrohlichen Mannes zu werfen. Das sorgte dafür, dass ich einerseits mehr, andererseits weniger Angst vor ihm hatte.

»Wir ham überlegt, ob das stimmt«, sagte Luke.

»Ob was stimmt?«, fragte der Mann.

»Wir ham überlegt, ob die Straßen in N’Orlins wirklich aus Gold sin, wie’s immer heißt«, sagte Luke und sah mich an.

»Ja, un ob’s stimmt, dass wenns überschwemmt, dass die Straßen dann mit Whiskey überschwemmt wern. Ich hab noch nie kein Whiskey probiert, wirklich nich, aber aussehn tut er jehnfalls gut.« Ich wandte mich an Luke. »Fintsunich auch, dassas Zeuch gut aussieht, Luke?«

An dieser Stelle bildete ich mir eine Sekunde lang ein, er hätte durchschaut, dass wir uns über ihn lustig machten, aber er lachte breit und sagte: »Er sieht gut aus, weil er gut schmeckt, Jungs.« Er entfernte sich laut lachend.

»Jetzt wird er sich betrinken, nicht so sehr, weil er’s kann, sondern weil wir es nicht können«, sagte ich.

Luke schmunzelte. »Und wenn wir ihn dann später herumtorkeln und sich zum Narren machen sehen, ist das dann ein Beispiel von proleptischer oder von dramatischer Ironie?«

»Könnte beides sein.«

»Das wäre dann wirklich ironisch.«

Kapitel 3

Der Frühjahrsschnee kam für alle überraschend. Miss Watson ließ mich den ganzen Tag Holz hacken, um wochenlangen Vorrat zu haben. Aber es war nicht viel, und sie sagte nichts davon, dass ich oder sonst wer etwas davon mit nach Hause nehmen dürfe. Wir sammelten vom Boden auf, was wir konnten, und fällten in der Nähe unserer Quartiere heimlich ein paar kleine Bäume. Deren Holz war natürlich grün, qualmte fürchterlich und war schwer am Brennen zu halten, aber es lieferte wenigstens etwas Wärme. Ich fand Mittel und Wege, ein paar abgelagerte Scheite unter Miss Watsons Veranda zu verstecken. In der Nacht würde ich sie holen gehen. Die alten Sklaven, April und Cotton, brauchten sie. Manche Leute würden das, was ich da tat, vielleicht Diebstahl nennen. Ich auch, aber das kümmerte mich nicht sonderlich. Ich war ins Schwitzen gekommen und hatte mir das Hemd ausgezogen, obwohl es kalt war.

»Das is ne Menge Holz«, sagte Huck. Ich fuhr zusammen.

»Hab ich dich erschreckt?«, fragte er.

»So’n bisschen. Kommsn jetz her?«

»Ich hab Richter Thatcher grad alle meine weltlichen Besitztümer verkauft. Hat mir für alles zusammen den Dollar hier gegeben.«

Ich stieß einen Pfiff aus. »’n ganzen Dollar. Hab gar nich gewusst, dassu so viel has.«

Ich spaltete weiter Holz und ertappte Huck dabei, dass er mich anstarrte.

»Wie gefällt’s dir inner Schule?«

»Ich gewöhn mich langsam dran, könnt man vielleicht sagen.«

»Chhätt auch nix gegen bisschen Bildung.« Ich spaltete weiter Holz.

»Eigentlich bist du nich viel dunkler als ich.«

»Dunkel genug.«

»Wieso bist du n Sklave?«

»Weil meine Mama ne Sklavin war.«

»Und dein Pa?«, fragte er.

»Scheinlich nich. ’s aber auch egal. Wenn die wissen, dass einer von dein Verwandten farbig is, dann bist du’s auch. Ganz egal, wie du aussiehs.«

»Ich hab Fußspuren im Schnee gesehen«, sagte Huck.

»Ich denk ma, s gibt viele Fußspuren im Schnee. Da hinterlassen die Leute nämmich welche.«

»Bei einer war n Kreuz im Absatz.«

»Was fürn Kreuz?«

»Du weißt schon, wie bei Jesus — so’n Kreuz.«

»Da mach dir ma nich so viel Gedanken drüber«, sagte ich. Dass der Junge so aufgewühlt war, gefiel mir nicht. Ich wusste, was er dachte.

»Du glaubst also auch, dass er das is.« Er sprach von seinem Vater. »Du glaubst auch, dass er wieder da is.«

»’s habbich nich gesagt.«

»Aber gedacht hast du’s. Hab ich dir doch angesehen. Was will er, Jim? Du kennst dich aus.«

Ich griff in meine Hosentasche und zog ein Haarknäuel von einem Maultierschweif hervor, das ich für diese weißen Kinder aufgehoben hatte. »Weissu, wassas da is?« Ich hielt es hoch, damit sich das Sonnenlicht darin fing.

»Was denn?«

»Haarknäul aus’m Bauch vom Ochs. Weissu, wasses da wird?«

Der Junge schüttelte den Kopf. »’n Zauber«, sagte ich. »Das Knäul da’s n Zauber un kann mit mir reen.«

»Was sagt’s denn?«

Ich hielt mir das Knäuel ans Ohr. »Ja, ich hör’s. Es red. Sagt, dein Pa hat zwei Engel, die folng ihm durch die Welt, der eine schwarz un der andere weiß. Sie saang ihm verschiedene Sachen. Eins is gut, un eins is schlecht, und der Mann weiß nich, was is stärker. Er weiß nich, wasser machen soll. Weggehn oder dableim. Das Knäuel hier müßt’s einglich wissen, tut’s aber nich.«

»Das nützt mir nix.«

»Moment, grad sagt’s wieder was.«

Huck versuchte, mit mir zusammen zu lauschen.

»Ja, ja, mit dir wird alles gut, sagt’s. Du kriss was ab, un dann wird alles gut. Du has zwei Frauen um dich rum. Du heirates dir ne arme Frau un dann ne reiche. Aber ganz egal, was du machs, bleib vom Wasser weg. Der Fluss, der’s dein Tod.«

»Das hat’s alles gesagt?«

Ich nickte. »Jetz schläft’s.«

Miss Watson kam an die Tür. »Huck«, rief sie, »rein mit dir, und wasch dir vor dem Abendessen die Hände.« Sie sah mich an. »Bist du denn noch immer nicht mit dem Holz fertig?«

»’s richtig viel, Miss’ms.«

»Hör jetzt auf, es ist nämlich viel zu laut. Ich habe Kopfschmerzen.«

»Ja, Ma’am.«

*

Auf dem Heimweg holte mich Luke ein. »Mach mal ein bisschen langsamer, damit ein alter Mann mit dir Schritt halten kann«, sagte er.

Wir gingen eine Zeitlang stumm nebeneinanderher. Ich wusste, ich war besonders schweigsam, aber ich konnte es nicht ändern.

»Worüber machst du dir Sorgen?«, fragte Luke.

»Über gar nichts«, sagte ich.

»Machst du dir Gedanken wegen der Scheite, die du unter der Veranda versteckt hast?«

»Das hast du gesehen?«

»Ja.«

»Nein, deswegen mache ich mir keine Sorgen.«

»Du machst dir Sorgen wegen dieses Jungen«, sagte Luke. Als ich ihn ansah, sagte er: »Wegen Huck. Wegen diesem Huck.«

»Na ja, sein Vater ist ein Säufer und lässt ihn einfach nicht in Frieden.«

»Was kümmert dich das? Das sind Angelegenheiten von Weißen.«

Ich nickte. »Er ist noch ein Kind.«

»Ja, ein freies Kind.« Er zeigte mit dem Finger auf mich. »Irgendwas ist mit dem Jungen. Irgendwas mit dir und ihm.«

»Er hat einen Haufen Probleme«, sagte ich. »Und so traurig das sein mag, ich bin immer noch ein Sklave und kann ihm überhaupt nicht helfen.«

Kapitel 4

Das Wetter blieb für die Jahreszeit ungewöhnlich kalt, sodass ich am Ende nicht nur für April und Cotton, sondern auch für meine Familie und noch ein paar andere Holz klaute. Mir war schrecklich bang davor, dass das Fehlen des Holzes bemerkt werden würde, und eines Sonntagnachmittags fand meine Angst einen konkreten Anlass. Sadie kam zu mir.

»Was ist los?«, fragte ich.

Sie spähte zur Tür der Hütte hinaus, sah die Neunjährige und dann mich an. »Was wirst du jetzt tun?«, fragte sie.

»Wovon redest du?«

»Ich habe Miss Watson mit Richter Thatcher reden hören.«

»Und?«

Sadie schniefte.

Ich legte den Arm um sie. »Beruhige dich.«

Was sie als Nächstes sagte, traf mich völlig unvorbereitet. Sie sagte: »Miss Watson hat Richter Thatcher gesagt, dass sie dich an einen Mann in New Orleans verkaufen will.«

»Was heißt das?«, fragte Lizzie. »Papa, was heißt das?«

Ich ging zur Tür und schaute hinaus.

»Jim?«, sagte Sadie.

»Papa?«

»Hat sie gesagt, uns alle oder nur mich?«

»Bloß dich, Jim«, rief sie. »Was sollen wir denn jetzt machen? Sie werden uns trennen, und wir werden gar nicht wissen, wo du bist.«

»Was?«, stieß Lizzie hervor.

»Nein, werden sie nicht«, sagte ich. Ich schnappte mir ein großes Tuch und breitete es aus.

»Was machst du da?«, fragte Sadie.

Ich legte Brot und Dörrfleisch auf das Tuch und knotete es zusammen. »Wenn sie mich nicht haben, können sie mich auch nicht verkaufen.«

»Du kannst nicht weglaufen«, sagte Sadie. »Du weißt doch, was sie mit Entlaufenen machen.«

»Ich verstecke mich. Ich verstecke mich draußen auf Jackson Island. Die werden denken, ich bin in Richtung Norden geflüchtet, aber ich bleibe hier in der Gegend. Dann überlege ich mir irgendwas.«

»Das kannst du nicht tun. Sie werden dich ganz sicher finden. Und dann behandeln sie dich wie einen Entlaufenen. Vielleicht werden sie dich sogar — « Sie verstummte.

»Sogar was?«, fragte Lizzie.

»Also, ich gehe jedenfalls dorthin, bis ich mir überlegt habe, wie es weitergeht«, sagte ich. Ich ließ mich auf ein Knie nieder und sah Lizzie an, hielt sie ganz fest. »Hör zu, es wird alles gut. Okay, hast du gehört, Liebes?«

Sie weinte.

Ich stand auf und küsste Sadie. »Sag keinem, wo ich hingegangen bin. Du darfst es nicht mal Luke erzählen.«

»Okay.«

»Hast du das gehört, Lizzie?«, sagte ich.

»Ja, Papa.«

Ich bewegte mich in Richtung Tür.

»Papa?«

»Mir geht’s gut, Kleines.« Ich spürte Sadies Hand auf meiner Schulter. Ich küsste sie. »Ich komme euch holen.«

Ich verließ meine Familie und schlug mich in den Wald. Vielleicht war es dumm, bei Tageslicht die Flucht zu ergreifen, aber ich wusste nicht, wann sie mich holen kämen. Ich rannte nicht. Rennen war etwas, was ein Sklave niemals tun durfte, es sei denn, er rannte davon. Niemand bekam mit, wie ich durch den Garten der Witwe Douglas und den steilen Abstieg zum Fluss hinunterging. Dort wartete ich an einem Prallhang. Tagsüber konnte ich mich nicht aufs Wasser wagen. Zu viele Fähren, Flussschiffe und Leute, die entlang dem Ufer angelten. Ich empfand ebenso viel Zorn wie Angst, aber wo soll ein Sklave hin mit seinem Zorn? Wir konnten aufeinander zornig sein; wir waren Menschen. Aber gegen die eigentliche Ursache unserer Wut war nicht anzukommen, sie musste hinuntergeschluckt, unterdrückt werden. Sie würden meine Familie auseinanderreißen und mich nach New Orleans schicken, wo ich von der Freiheit noch weiter entfernt sein und meine Familie wahrscheinlich nie wiedersehen würde.

In der Dämmerung wurde ich bei lebendigem Leib von Moskitos gefressen. Ich zerrte einen Holzstamm von der Böschung und schob ihn in das eiskalte, schlammige Wasser. Ich stieß mich vom Ufer ab und paddelte mit den Füßen drauflos, denn ich wusste, dass die starke Strömung des Mississippi mich flussabwärts ziehen würde. Ich konnte die Insel im Dunkeln mit Müh und Not sehen und hoffte, nicht geradewegs daran vorbeizutreiben. Zum Glück wurde die Fahrrinne zwischen dem Ufer und der Insel nicht von Flussschiffen benutzt. Aber ich konnte nicht wissen, ob nicht vielleicht irgendein weißer Hinterwäldler in einem Kanu oder auf einem Floß vorbeikommen würde.