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Schmiede dein Schicksal! Artus, Morgana, Merlin, Guinevere: Seit Harper von ihrem gefährlichen Erbe erfahren hat, ist ihre Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Ihre Familie verbirgt ein jahrhundertealtes Geheimnis, das den Lauf der Welt verändern könnte – und der Mann, dem Harper mehr als jedem anderen vertraut hat, hat sie in eine Falle gelockt. Nun hat Harper nur ein Ziel: Sie muss ihre Schwester beschützen. Sie ahnt nicht, dass ein uralter Feind bereits die Verfolgung aufgenommen hat … Band 2 der packenden New-Adult-Romantasy-Reihe von SPIEGEL-Bestseller-Autorin Anne Lück Entdecke die "Silver & Poison"-Reihe von Anne Lück: Silver & Poison, Band 1: Das Elixier der Lügen Silver & Poison, Band 2: Die Essenz der Erinnerung
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Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2025
Als Ravensburger E-Book erschienen 2025 Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg
Copyright © 2025 by Anne Lück © 2025 Ravensburger Verlag GmbH Lektorat: Tamara Reisinger (www.tamara-reisinger.de) Cover- & Farbschnittdesign: Alexander Kopainski unter der Verwendung lizenzierter 3D-Blätter von Carel Jordaan Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-473-51252-2
ravensburger.com/service
Für Alex.Für die allerschönsten Cover und für deine einmalige Freundschaft.
Ich stand beinahe knietief in dunklem, unruhigem Wasser. Kalt umspielte es meine Beine und schickte mit jeder Bewegung kleine Schockwellen durch meinen Körper.
DieDunkelheitmachtemichorientierungslos.Aberselbstalsmeine Augen sich langsam daran gewöhnt hatten, erkannte ich die Umgebung um mich herum nicht. Ich sah nur schwarze Felsen, scharfkantig und stumpf, überall um mich herum. Als ich mich nach links drehte, konnte ich in der Ferne so etwas wie einen Ausgang erkennen.
War ich in einer Höhle?
Es schien fast so. Aber wie war ich hierhergekommen?
Ich konnte mich an nichts erinnern, was vorher passiert war … nur an Dunkelheit. Nur an … eine Stimme, die direkt in meinen Gedanken war.
Ich drehte den Kopf in die andere Richtung – auch dort war Licht. Aber vor diesem Ausgang sah ich auch einen Schemen. Einen menschlichen Körper, der zwischen mir und dem Licht stand. Er war so weit weg,dassichnichtsweitererkannte,aberirgendetwasandiesemMenschen zog mich wie magisch an.
Obwohl ich immer noch nicht wusste, wo ich war und wie ich hierhergekommen war, watete ich durch das Wasser. Ich bewegte mich auf die Person zu. Meine Schritte waren schwerfällig durch das tiefe Wasser unter mir. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es immer höher stieg.Undimmerkälter wurde.GenauwiedieDunkelheitummichherum immer dichter zu werden schien, als würde langsam die Nacht hereinbrechen.
Als ich nah genug an dem Menschen vor mir heran war, hob er den Kopf. Nein, sie. Es war eine junge Frau, die mich neugierig anblickte. Ihre smaragdgrünen Augen funkelten amüsiert, und sie strich sich eine dunkle Locke aus dem Gesicht. Sie war atemberaubend schön. EineErscheinung,überdieLeutewahrscheinlichsehnsüchtigeBalladen sangen. Ganze Alben voll.
Sie lächelte. »Wie gefällt es dir hier? Ich habe so selten Besucher.«
Ihre Frage verwirrte mich. Ich stockte und blieb einige Meter von ihr entfernt stehen. Was meinte sie? Wir waren in einer dunklen Höhle, die ungemütlicher wahrscheinlich nicht hätte sein können. Neben der klirrendenKälteunddenscharfenKantenderFelsenwardanoch etwasanderes,washierinderLuftlag.EineseltsameAtmosphäre, die ich nicht ganz verstand. Ich wusste nur, dass sie nicht angenehm war.
Sie war … seltsam bedrohlich.
»Ich habe so viel Zeit an diesem Ort verbracht.« Beinahe sehnsüchtig strich sie über die schwarzen Felswände. »So viele Jahre. So viele Jahrhunderte. Und jetzt wollen sie mich wieder hier einsperren. Wollen mich erneut für so lange Zeit in dieses kalte Verlies sperren – und das, obwohl ich doch gerade erst daraus entkommen bin.«
Etwas regte sich in meiner Brust. Eine Emotion – war es Mitgefühl? »Das … das tut mir leid«, sagte ich leise. Meine Lippen bibberten, weil die Kälte langsam an meinen Beinen nach oben kletterte und Besitz von meinem Körper ergriff. Wie lange würde ich es aushalten, hier zu stehen, bis ich erfror? Konnte ich überhaupt von diesem Ort weg?
Es war, als wäre zwischen mir und meinen Erinnerungen eine undurchdringliche Barriere. Da waren so viele Dinge, die ich vergessen hatte. So viele Dinge, an die ich mich eigentlich hätte erinnern müssen. Ich wusste nur, dass ich jetzt hier war. Dass es wichtig war, dass ich hier war und erlebte, was hier gleich passieren würde.
Die Frau legte den Kopf schief. »Danke, das ist lieb von dir. Aber du musst dir keine Sorgen um mich machen. Denn weißt du … ich werde nicht wieder in mein Gefängnis zurückgehen. Ich habe viel zu lange dafür gekämpft, daraus befreit zu werden. Nie wird mich jemals wieder jemand so einfach einsperren, das habe ich mir geschworen. Und weißt du was? Meine Karten stehen gar nicht so schlecht.« Ihr Lächeln wurde breiter, aber dann wurde ihr Blick von etwas hinter mir abgelenkt. »Oh. Sieh nur.«
Ich fuhr herum und sah durch die Dunkelheit jemanden in unsere Richtungrennen.EinejungeFrau.Siemusstewohldurchdenanderen Eingang gekommen sein, und sie wirkte abgehetzt. Ihr langes rotes Haar klebte nass an ihrer Stirn und ihren Schultern, und sie sah immer wieder und wieder zurück, als hätte sie Angst, dass ihr jemand folgte.
Ihr panisches Gesicht weckte etwas in mir. Eine Erinnerung vielleicht. Kannte ich sie etwa? Wer war sie? Ich hob die Hand, wie um sie zu grüßen, aber die Frau hinter mir schnalzte mit der Zunge.
»Sie kann uns nicht sehen. Im Gegensatz zu ihr sind wir nämlich nicht wirklich hier. Die Szene, die sich hier abspielt, liegt noch eine ganze Weile in der Zukunft. Wir können nur … beobachten.«
Und das tat ich. Ich beobachtete, wie die junge Frau die dunklen Felswände betastete. Hektisch und mit fahrigen Bewegungen, als würde ihr die Zeit durch die Finger rinnen.
»Komm schon«, flüsterte sie heiser. »Komm schon, wo ist es denn?«
Nach ein paar Sekunden erhellte sich ihr Gesicht, als hätte sie gefunden, wonach sie gesucht hatte. Einen Moment wühlte sie in ihrer Tasche und zog dann etwas daraus hervor. Es war eine glatte schwarze Kugel, die an Marmor erinnerte. Selbst ohne Lichteinfall hier in der Höhle glänzte sie – und es wirkte, als würde sich etwas unter ihrer Oberfläche bewegen. Als würde etwas versuchen … aus der Kugel auszubrechen.
»Du hast verloren. Wieder.« Die junge Frau strich sich die roten HaareausdemGesichtundhobdieHand,wahrscheinlichumdieKugel in eine Lücke in der Felswand zu rammen. Aber plötzlich stoppte sie in ihrer Bewegung, mitten in der Luft. Sie riss die Augen auf, voll Entsetzen und Panik. Und dann senkte sie den Blick auf ihren Körper hinab. »Nein. Nein, bitte nicht.«
Der Grund ihrer Überraschung waren schwarze Ranken aus Schatten, die sich wie Schlangen um ihren Körper wanden. Sie schienen aus dem dunklen Wasser zu kommen, und sie schnürten sie so fest zusammen, dass die junge Frau nach Luft ringen musste.
»Nein…«, bekam sie noch erstickt über die Lippen, als die Kugel aus ihrer Hand rutschte und ins Wasser fiel. »Bitte, nein!«
»Zu spät, kleine Schmiedetochter.«
Die Stimme brachte mich dazu, mich von der verzweifelt kämpfenden jungen Frau abzuwenden und stattdessen den Mann anzusehen, der durch das Wasser auf sie zukam. Er hatte blonde Haare und ein beeindruckendes Schwert in der Hand, das er jetzt auf Brusthöhe hob. Sein Lächeln hatte etwas Wahnsinniges.
»Dachtestduwirklich,dassduunsbesiegenkannst,Guinevere-Erbin?«, fragte er. »Nach all der Macht, die wir dir demonstriert haben? Nach all den Dingen, die du gesehen hast? Du und deine Freunde, ihr hattet nie eine Chance. Nicht gegen uns drei.«
Die junge Frau versuchte, sich aus dem Griff der dunklen Schatten zu befreien, doch es war aussichtslos. Sie hatte wirklich keine Chance. UndinmeinerBrustwuchsdiesesGefühlderVerzweiflung,diesesGefühl,dassdashiernichtrichtigwar.Dassichetwastunmusste, aber nicht konnte.
Es war zu spät.
Der Mann trat an sie heran. Ihre Blicke kreuzten sich. Sein wahnsinniger und ihr zutiefst verzweifelter.
Ich wollte mich wegdrehen, als er das Schwert hob, aber ich konnte nicht. Deshalb sah ich jede einzelne Sekunde davon, wie er ihr die Klinge durch die Brust rammte. Sah ihr Blut über das Schwert laufen, sah, wie sich ihre Pupillen weiteten, wie sie keuchte, zappelte, bis ihre Bewegungen langsamer wurden. Abgehackter.
Und wie schließlich das Licht aus ihrem Blick wich.
Wie sie erschlaffte und ihr Kopf zur Seite kippte. Mit offenen Augen, die nichts mehr sahen.
Ich schrie. Vor Entsetzen und aus irgendeinem Grund auch aus tiefem Schmerz, der sich in mir ausbreitete. »NEIN! HARPER!«
Sie war tot.
Meine Knie gaben nach, und ich sank in das eiskalte Wasser. Hinter mir lachte die Frau. Sie klang nah, als wäre sie gerade an mich herangetreten.
»Vergiss diese Szene niemals, hast du verstanden?«, raunte sie dicht an meinem Ohr. »Du darfst nicht vergessen, wie grausam sie gestorben ist. Wie allein und verzweifelt. Denn das, was sich dir dort gezeigt hat, ist die unvermeidliche Zukunft. Und sie wird euch alle einholen.«
UmgebenvonihremerneutenLachen,dasvondenFelswändenzurückprallte, sank ich komplett zusammen. Mein Gesicht durchbrach die Wasseroberfläche, und ich stürzte in Dunkelheit.
»DieSchlaftablette.«DieKrankenschwester,diegerade ihre RundedurchdieZimmerihrerPatientinnenmachte,schobmirüberdenNachttischeinkleinesdurchsichtigesBecherchenzu.DieTablettedarinwarblau,undichgriffsofortdanach,obwohlichsogarjetztnocheinenleichtenNachhangvondervongesternAbendhatte.DasZieheninmeinemOberkörperignorierteich,sogutichkonnte.
Ich hasste Krankenhäuser, vor allem weil es mir einfach unmöglichwar,inihnenzuschlafen.DasletzteMalwarichalsKind in einem gewesen, wegen eines Beinbruches, und da hatte ich in drei Tagen keine zwei Stunden Schlaf bekommen. Das Piepen der Geräte, die sich ständig öffnenden Türen, die leisen Stimmen meiner Zimmernachbarinnen – das war einfach nichts für mich.
Als ich mich etwas drehte, um nach dem Wasserglas zu greifen, zuckte ein so scharfer Schmerz durch meinen Oberkörper, dass ich es wohl nicht ganz so gut verbergen konnte.
Die Schwester bemerkte meine Grimasse und hob mahnend den Zeigefinger. »Langsam, Miss Turner. Sie werden doch nicht länger hierbleiben wollen als nötig.«
»Ganz sicher nicht«, murmelte ich an dem Rand meines Glases und schluckte die viel zu große Tablette, die sich jedes Mal anfühlte, als würde sie mir im Hals stecken bleiben wollen.
Die Schwester nickte zufrieden, bevor sie das Tablett meiner Zimmernachbarin an sich nahm und aus dem Raum verschwand. »GuteNacht«,sagtesienoch,dannfieldieTürhinterihrinsSchloss.
Die ältere Frau, die normalerweise im Bett neben mir lag, war gerade in der Dusche – ich war also gefühlt das erste Mal an diesem Tag wirklich allein.
Seufzend lehnte ich mich an das kratzige Kissen und nahm das Handy von meinem Nachtschrank. Keine Nachrichten. Harper hatte mir immer noch nicht geantwortet, obwohl ich ihr schon vor Stunden geschrieben hatte. Seit Harper vor etwas über einer Woche nach London gefahren war, um ihre Familie zu treffen, hatte sich etwas an ihr verändert. Ich hatte es bereits gespürt,alswirdasersteMaltelefonierthatten.Irgendetwasanihrer Stimme, irgendetwas daran, was sie sagte, hatte mich stutzig gemacht. Und es war nicht besser geworden. Im Gegenteil – mit jedem Telefonat und jeder Nachricht hatte ich mehr und mehr das Gefühl bekommen, dass sie mir etwas verschwieg. Dass irgendetwas passiert war, was sie mir aus irgendeinem Grund nicht erzählen konnte. Das war schließlich auch der Grund gewesen, warum ich ihr nach London gefolgt war. Aus Sorge. Leider hatte das nur dazu geführt, dass ich jetzt jede Nacht vom Piepsen Hunderter Maschinen wach gehalten wurde.
Ich stöhnte und wischte mir über die Augen. In die Dunkelheit hinter meinen Lidern mischten sich die Bilder von vor zwei Tagen. Die von dem schrecklichen Unfall, in den ich irgendwie geraten war. Ich spürte die Erinnerung an den Ruck durch meinen Körper, als ich auf das Auto vor mir aufgefahren war. Ich spürte das Zittern meiner Glieder, als ich aus dem Wagen gestiegen war. Und dann den Horror, als ich die brennenden Autos gesehen hatte. Die in den Himmel hochschießenden, unheimlich weißen Flammen, die das Metall einfach aufgefressen hatten, als wäre es Pappe.
Ich riss die Augen wieder auf, und meine Hand schoss automatisch zu meiner Brust. Zu den schmerzenden Rippen und meinem rasenden Herzen. Wahrscheinlich würde ich eine Therapie brauchen, verdammt. Aber zuerst brauchte ich eine Erklärung von Harper.
Etwas zu heftig tippte ich in das Nachrichtenfeld:
Mir ist egal, was die Ärzte sagen. Morgen nach der Visite mache ich mich hier aus dem Staub. Ich halte das keine Nacht länger aus.
Dann warf ich das Handy auf den Nachttisch und drehte mich auf die Seite. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel, und das passte leider gut zu meinem Gemütszustand. Ich zwang mich, die Augen wiederzuschließenundruhigzuatmen.Zwangmich,irgendwie in den Schlaf zu finden. Das klappte natürlich kein bisschen. Nicht nur wegen der Bilder in meinen Gedanken, sondern auch, weil die Geräusche wieder losgingen. Ich hörte das Schlurfen meiner Zimmernachbarin, die von der Dusche zurück ins Bett kroch. Das Kratzen eines Wagens auf dem Gang, das Schreien eines Babys irgendwo in der Ferne und Schritte auf dem Flur. So viele Schritte, so viele Menschen, die unterwegs waren. Je länger ich versuchte, einzuschlafen, desto mehr baute sich der Ärger in meinem Inneren auf. Der Ärger über meine Situation und über dieses Krankenhaus und auch irgendwie über Harper, die einfach nicht mit mir sprach.
Und dann hörte ich plötzlich ein Klopfen an der Tür.
IchblinzelteinsHalbdunkleunseresZimmers.MeineNachbarinschienschonwiedertiefzuschlafen,siehattesichdieDecke sogar übers Gesicht gezogen und gab leise Schnarchgeräusche von sich. Mein Blick wanderte zur Tür, und kurz lauschte ich angestrengt. Hatte ich mir das Geräusch etwa nur eingebildet? Aber nein, da war es wieder. Ein sanftes Klopfen. Die Schwestern waren das bestimmt nicht, die kamen immer direkt reingestürmt, wenn sie geklopft hatten. Aber wer dann? Es war bereits nach elf.
Ich schlug die Bettdecke zurück und schlich auf nackten Füßen durch das Zimmer. Das Licht auf dem Flur blendete mich erst, dannerkannteichHarpersGesichtnurwenigeZentimetervor mir.
»Harp.« Meine Augen weiteten sich. »Was machst du hier?«
Meine beste Freundin sah beschissen aus. Ich hatte sie bereits nacheinerdurchzechtenNachtgesehenundnachdemihrdämlicher Exfreund nach drei Jahren plötzlich Schluss gemacht hatte, um mit einer anderen auf die Uni zu gehen. Aber SO beschissen hatte Harper noch nie ausgesehen. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, war blasser als ein Leichentuch, und ich war mir verdammt sicher, dass sie geweint hatte. Der fiebrige Glanz war noch genau zu erkennen.
»Was ist los?«, fragte ich atemlos. Alarmiert. Mein Ärger auf sie wich großer Sorge. Sie hat dir irgendetwas nicht erzählt, schrie mein Unterbewusstsein. Und es ist schlimmer, als du dachtest.
»Wir gehen.« Harpers Stimme klang gehetzt, und sie sah sich merkwürdig ängstlich auf dem Flur um. Als würde sie damit rechnen, jede Sekunde von jemandem angegriffen zu werden.
Die Sorge wurde augenblicklich schlimmer. »Jetzt?«, quietschte ich erschrocken. »Wir gehen JETZT? Wohin?«
»Zurück nach Liverpool.«
»Was? Aber …«
»Ich erkläre dir alles später. Zuerst rede ich mit den Schwestern, damit sie dich entlassen.« Harper griff nach meinen Schultern, und ich spürte, wie ihre Finger zitterten. »Bitte vertrau mir noch etwas länger.«
Ich fixierte ihre Hände, dann wieder ihr Gesicht. »Scheiße, Harp.« Es kam mir nur als Flüstern über die Lippen. »Du machst mir Angst.«
Dazusagtesienichts,unddaswarwahrscheinlichalarmierender als alles andere. »Ada hilft dir beim Anziehen. Ich bin gleich zurück.« Sie deutete zu ihrer Cousine, die hinter ihr stand und die ichbishernichtbemerkthatte.Sielächeltemichentschuldigend an. Dann ließ Harper mich an der Tür stehen und eilte in Richtung Stationszimmer davon.
Ichstarrteihrnachundversuchtedabei,meineNervenzuberuhigen. Das war wirklich schwierig zu bewerkstelligen, wenn die beste Freundin wirkte, als hätte sie jemanden ermordet und müsste jetzt vor der Polizei fliehen.
Mein Blick schnippte zu Ada. »Bekomme ich wenigstens ein bisschen Kontext?«
»Harper wird dir alles erklären«, gab sie nur zurück.
Ich ließ sie ins Zimmer und lehnte die Tür hinter uns an. Nach dem grellen Licht des Flures kam mir der Raum wieder besonders dunkel vor. Ada bewegte sich trotzdem zielsicher zu meinem Bett und griff nach dem Plüschbären, den sie mir geliehen hatte, um mich zu trösten. Marshall. Ich bemerkte, wie sie ihre Finger in ihn krallte, und sofort breitete sich eine Gänsehaut auf meinen Armen aus.
»Hast du etwas, wo du deine Sachen reinpacken kannst?« Ada fixierte mich über die Schulter. »Einen Beutel, eine Tüte, irgendwie so was?«
»Meinen Rucksack«, sagte ich langsam. Leise, damit meine Zimmernachbarin nicht aufwachte. »Der steht unter dem Bett.«
Harpers Cousine bückte sich etwas fahrig und zog den Rucksack hervor. Dann begann sie, meine Sachen hineinzustopfen. »Zieh dir etwas an, in dem du raus kannst. Ich mache das hier.«
»In Ordnung«, murmelte ich, weil ich wahrscheinlich keine andere Wahl hatte, und ging ins Bad. Was auch immer hier lief, offensichtlich hatten wir Zeitdruck.
Im Spiegel über dem Waschbecken blickte mir mein eigenes, skeptisches Gesicht entgegen. Meine braunen Haare waren völlig durcheinander, und meine Augenringe waren nicht besser als die vonHarper.SeufzendschlüpfteichindieJogginghose,dieAda mirgeliehenhatte.EsziepteeinweniginmeinerBrust,aberes war machbar. Im Gegensatz zu dem Pulli, den ich mir über mein Schlafshirt hatte ziehen wollen. Der, der den Unfall überlebt hatte und nur ein wenig nach Rauch stank.
Als ich die Tür zum Zimmer wieder öffnete, saß Ada wie apathisch auf meiner Bettkante, den Rucksack auf dem Schoß, und starrte Löcher in die Luft. Sie riss den Kopf hoch, als hätte sie sich erschrocken, und richtete ihre Aufmerksamkeit sofort auf mich. »Alles in Ordnung?«
»Ja«, gab ich langsam zurück. »Ich brauche nur Hilfe … bei meinem Pulli.«
»Klar.« Sie schob den Rucksack von sich und sprang auf, um mir in den Pullover zu helfen. Als wir es mit Ach und Krach geschafft hatten, ohne meine Rippen ein zweites Mal zu brechen, standen wir uns plötzlich sehr nah. So nah, dass ich ihr feines Parfüm riechen und die Angst in ihrem Gesicht ablesen konnte.
Ohne groß darüber nachzudenken, griff ich nach ihren Handgelenken. »Hey. Wenn ihr jemanden umgebracht habt, solltet ihr mir das vielleicht sagen, damit wir unsere Geschichten aufeinander abstimmen können«, murmelte ich.
Adas Augen weiteten sich noch ein ganzes Stück mehr. Dann – endlich – zuckten ihre Mundwinkel ein wenig. »Wir … haben niemanden ermordet.«
»Gott sei Dank«, gab ich zurück und konnte nichts gegen die Erleichterung machen, die tatsächlich wie kleine Bläschen in meinem Magen aufstieg. »Ihr saht echt so aus.«
AdaschütteltewiederdenKopf,undichließetwasverlegen ihre Handgelenke los. »Aber es ist trotzdem ernst«, sagte sie. »Sehr ernst. Ich will dich nicht anlügen.« Sie machte einen Schritt zurück, um den Rucksack zu nehmen. Als sie sich wieder zu mir umdrehte, leuchtete etwas in ihrem Blick auf. »Du hättest uns geholfen, einen Mord zu vertuschen?«
»Für Harper würde ich alles tun«, sagte ich sofort. Egal, wie verärgert ich über ihr Schweigen gewesen war, für eine solche Antwort würde ich wahrscheinlich nie zögern.
Ada lächelte, dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. »Bist du fertig?«
»Ja, ich denke schon.«
»Dann lass uns gehen.«
Wir verließen auf leisen Sohlen das Zimmer. Auf dem Flur kamen uns bereits Harper und die Schwester entgegen, die mir meine Schlaftablettegegebenhatte.Siewirktenicht gerade begeistertundfing schon an, zu mir zu sprechen, bevor sie richtig heran war. »Ist das wirklich wahr, Sie wollen JETZT gehen, Miss Turner?«
»Siehtsoaus«,gabichetwasschwachzurück.»IstdaseinProblem?«
»Ich muss Ihnen wahrscheinlich nicht sagen, dass ich das für keineguteIdeehalte.DieÄrztehabengesagt,dasssienochmindestens ein, zwei Tage bleiben sollten. Vielleicht warten Sie einfach noch bis zur Visite, um …«
»Schongut«,unterbrachichsie.MeinBlickzucktezuHarper, die die Arme um ihren Oberkörper geschlungen hatte und immer noch zu bibbern schien. Mehr brauchte ich nicht. »Ich nehme an, ich muss irgendetwas unterschreiben?«
Die Schwester holte tief Luft, als würde sie zu einer neuen Tirade ansetzen wollen. Als ich ihr aber die offene Hand hinhielt, seufzte sienurtiefundgabmirdenZettelmitderEntlassunggegenärztlichenRat.IchnahmauchdenKugelschreiberentgegenundunterschrieb das Dokument an einer Wand. »Danke für alles«, sagte ich mit einem Lächeln, als ich ihr den Zettel zurückgab. »Und eine gute Schicht noch. Lassen Sie sich nicht von den anderen Patienten ärgern.«
Sie hob nur abwehrend die Hand. »Nicht zu viel Bewegung, Miss Turner. Besorgen Sie sich Schmerzmedikamente, und halten Sie sich ruhig, verstanden?«
»Versprochen.« Ich wandte mich an Harper.
Sie lächelte nicht, sondern löste nur die Arme von ihrer Brust. »Archer wartet unten mit dem Auto auf uns.« Damit ging sie einfach an mir vorbei, und ich hatte keine Wahl, als ihr zum Aufzug zu folgen.
Ada tapste etwas peinlich berührt hinter uns her und musterte mich nur immer wieder entschuldigend.
Kaum hatten sich die Aufzugtüren hinter uns geschlossen, fokussierte ich Harper fest an. »Also, Folgendes: Die Schwester hat mir vor etwa zwanzig Minuten meine Schlaftablette gegeben, und die wird in etwa zehn Minuten ihre wundervolle Wirkung entfalten. Danach bin ich zu nichts mehr zu gebrauchen und auch nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Das ist also der richtige und vielleicht letzte Moment, um mir das alles zu erklären.«
Harper und Ada sahen sich sehr lange zweifelnd an, und jetzt verlor ich doch langsam die Geduld.
»Was denn?«, knurrte ich. »Ihr entführt mich mitten in der Nacht aus dem Krankenhaus und wollt mir nicht einmal erklären, warum?«
»Das ist es nicht«, sagte Harper schnell. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum und vermied sehr offensichtlich den Blickkontakt mit mir. »Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll.«
»Irgendwo. Nur fang endlich an, Harper.«
Sie öffnete den Mund. Klappte ihn wieder zu. Dann sah sie mich endlich an. »Was ich dir jetzt sagen werde, wird völlig irre klingen. Aber du musst mir glauben, Willow. Alles, was ich sage, ist wahr, das schwöre ich beim Leben meiner Schwester.«
Oha. Sie schwor auf Danica. Wenn ich es nicht vorher schon gewusst hätte, wäre mir spätestens jetzt klar geworden, wie ernst die Geschichte war. »Ich glaube dir«, versprach ich.
Harper schnaubte leise, als würde sie das bezweifeln, aber glücklicherweise sprach sie trotzdem weiter. »Du erinnerst dich daran, dass ich dir erzählt habe, dass alle hier in London glauben, sie würden von den Rittern der Tafelrunde abstammen?«
Meine Brauen schossen in die Höhe. »Ja?«
»Es ist wahr. Sie stammen von ihnen ab. Nicht nur sie, sondern auch ich.« Sie legte eine Hand auf ihre Brust und verzog das Gesicht. »Ich stamme von Lancelot ab. Also, zumindest väterlicherseits. Meine Mutter ist nämlich eine Nachfahrin von Guinevere. Von der Frau von Artus.«
Ich starrte Harper an. Auch noch als die Türen sich öffneten und Ada den Aufzug verließ. Harper erwiderte meinen Blick. Ich hatte versprochen, ihr zu glauben, also hakte ich vorsichtig nach: »Und das weißt du woher?«
Harperseufztetiefundschiensichdanndazu zu entscheiden, einfach alles wie ein Pflaster abzureißen: »Die Erben der Ritter, wir nennen sie Wächter, haben Magie entwickelt. Die hängtmitdenSchmuckstückenzusammen,die,wiewirherausgefunden haben, Teile von Excalibur waren. Von dem legendären Schwert, das damals geschaffen wurde, um die böse Hexe Morgana zu besiegen. Die ist übrigens wieder da, und sie war es auch, die deinen Unfall verursacht hat – und noch einiges anderes mehr. Sie ist es, die weißes Feuer erzeugen kann. Sie ist es, die dem wahren Artus-Erben geholfenhat,Excaliburzurückzubekommen.Einemmachthungrigen,grausamenKerl,derAdaverletzthatunddernundieWeltherrschaftansichreißenwill.Sieistes,dieeineBedrohung für die Wächter und wahrscheinlich auch für ganz London oder die ganze Welt ist.«
»Was?« Mehr bekam ich nicht über die Lippen. Harper hatte so schnell gesprochen und so viele Informationen in ihre Sätze gepackt, dass ich kaum hinterherkam. Aber zumindest bei einer Sache konnte ich ihr zustimmen: Sie klang wirklich irre.
»Es ist wahr.« Ada hinderte die Aufzugtüren daran, zuzugehen. Als ich mich zu ihr drehte, löste sie das Pflaster an ihrem Hals, das mir bisher gar nicht aufgefallen war. Darunter zeichnete sich eine verkrustete, echt schmerzhaft wirkende Wunde ab, die mich nach Luft schnappen ließ.
»Was ist passiert?«
»DerArtus-ErbehatmichmitExcaliburverletzt.Cain.«Siestrich über die Wunde und verzog das Gesicht. »Er rekrutiert gerade die anderen Wächter, um sich eine kleine Armee zusammenzustellen – und niemand weiß, was dann passiert. Wenn er und Morgana und …«SiestockteundwarfHarperkurzeinenBlickzu,bevor sie schnell weitersprach. »… wenn sie ihre volle Macht zurückhaben. Sie gehen über Leichen. Und wir müssen hier verschwinden, weil wir sonst die nächsten Leichen sind.«
Ich fixierte beide nacheinander. Meine beste Freundin wirkte verzweifelt, und ich wusste, dass ich ihr versprochen hatte, ihr zu glauben, aber …
»Komm …« Harper griff nach meinem Handgelenk und zog mich mit sich über den Flur des Krankenhauses, durch die automatische Tür nach draußen. Bei ihrer plötzlichen Entschlossenheit hatte Ada Probleme, mit uns mitzuhalten.
Vor dem Krankenhaus an der Straße wartete dieser Typ, der einmal in meinem Krankenzimmer aufgetaucht war. Archer. Er lehnte an einem Auto und sah uns ernst entgegen.
WenigeMetervonihmentferntwurdeHarperwiederlangsamer. Sie presste die Lippen zusammen, wühlte in ihrer Tasche und förderte einen Schlüsselbund zutage, den sie mir in die Hand drückte. »Ich zahle dir hundert Pfund, wenn du ihn damit triffst.«
»Was? Harper, bist du wirklich okay?«
»Tu es.« Ihre Stimme klang so verzweifelt, dass ich meinen nächsten Spruch einfach wieder runterschluckte. Um Himmels willen, was war hier nur los?
Weil ich Harpers Gesichtsausdruck nicht länger ertrug, gab ich einSeufzenvonmirundwandtemichwiederArcherzu,dergerade vom Auto wegtrat. »Sorry, aber hundert Pfund sind hundert Pfund«, sagte ich trocken.
»Was?«, hakte er überrascht nach. Bevor er sich darauf vorbereiten konnte, warf ich den Schlüsselbund auf ihn. Ich war im Werfen im Sportunterricht immer eine der Besten gewesen, und ich zielte aus keiner großen Entfernung auf seine Brust. Und trotzdem – trotzdem flog zu meiner riesigen Überraschung der Schlüsselbund einfach über ihn hinweg, schlitterte über das Autodach und landete irgendwo dahinter auf der Straße.
Archer zuckte zusammen. »Hey, was zum …?«, empörte er sich.
Ich fuhr zu Harper herum, die sofort sagte: »Er ist auch einer der Erben. Seine Magie ist, dass er nicht angegriffen werden kann.« Sie sah ihn an. »Außer von Artus offensichtlich.«
»Hör auf«, zischte ich und wandte mich wieder zu Archer um. Bevor mich jemand aufhalten konnte, griff ich nach einem Stein am Boden und warf ihn auf den Typen. Obwohl ich auf seine Beine gezielthatte,kaumzweiMetervonmirentfernt,flogderSteinirgendwo über seiner Schulter durch die Luft. »Unmöglich!«, rief ich, und das Wort schallte über den Platz.
»Wieso muss ich eigentlich immer für so was herhalten?«, brummte Archer genervt.
Ich machte einen Schritt auf ihn zu.
Drohend kniff er die Augen zusammen. »Wag es dir ja n…«
Meine Faust prallte gegen das Auto. Ich hatte nicht einmal besonders fest zugeschlagen, aber das Metall war auch um einiges härter,alsichesvonseinerBrusterwartethätte,aufdieichgezielt hatte – deswegen tat es doppelt weh. »Scheiße!«, heulte ich auf und rieb mir die schmerzende Hand. Das war unmöglich. Völlig unmöglich. Aber Scheiße, das war gerade wirklich passiert. Ich riss mich von seiner verärgerten Miene los und starrte Harper und Ada an, die hinter mir standen.
Sie wirkten kein bisschen überrascht. Nur unglaublich angespannt und erschöpft.
»Magie?«, fragte ich schwach. Ich sah die Wunde an Adas Hals an. Sah die Verzweiflung in den Augen meiner besten Freundin, die sich völlig verändert hatte, seit sie hier in London war. Das weiße Feuer beim Unfall war real gewesen. Genau wie das, was auch immer hier gerade passiert war.
»Magie«, wiederholte Harper. Ihre Schultern sanken ein. Sie wirkte besiegt. Gebrochen.
In mir herrschte völliges Chaos, aber plötzlich spürte ich die Bedrohung in der Luft, als hätte sie nach meinem Hals gegriffen. Eine böse Hexe. Ein legendäres Schwert. Magie.
»Okay«, sagte ich langsam. Und dann noch mal: »Okay.«
»Wir sollten fahren«, meinte Archer hinter mir gereizt. »Wir werden überall beobachtet.«
»Von …vonwem?«,hakteichnach.Alsichihnansah,deutete eraufdieRückbankdesAutos,dessenTürergeradegeöffnet hatte. »Weitere Erklärungen vielleicht auf dem Weg nach Liverpool, wenn’s recht ist?«
Warme Hände legten sich auf meine Schultern. »Wir zwei steigen zusammen hinten ein. Und wir erklären dir alles, versprochen.« Ada lächelte mich müde von der Seite an. »Aber erst mal müssen wir uns alle in Sicherheit bringen.«
Einmal noch betrachtete ich Harper fragend.
Sie presste die Lippen zusammen. »Bitte, Will.«
Ich stöhnte auf und trat auf das Auto zu. »Die Medikamente, die sie mir gegeben haben, waren definitiv nicht stark genug für das alles.« Ich ließ mich mit grimmiger Miene auf den Rücksitz fallen. »Dann mal los, was?«
»Der Typ, der dich damals zu mir gefahren hat, ist also eigentlich ein mächtiger Magier, der dich hintergangen hat, um den Bösen zu helfen?« Willows Stimme klang schon ziemlich schläfrig, aber ihre Worte waren trotzdem wie ein Messer, dass sich tief in meine Eingeweide bohrte.
Ich beobachtete die beinahe leere Straße und versuchte, tief durchzuatmen, bevor ich nickte. Archer, der am Steuer saß, wirkte so angespannt, wie ich mich fühlte. »Er hat die ganze Zeit mit Morgana und Cain zusammengearbeitet, um das Schwert zu kriegen.« Es fühlte sich unwirklich und schmerzhaft an, das auszusprechen. Es vor allen anderen und mir selbst zuzugeben. Aber ich wusste auch,dassichesmusste.Ichmusstemichdamitauseinandersetzen, und vor allem musste ich endlich von Selbstmitleid zu Wut umschalten, wenn ich irgendwann noch einmal irgendwas auf die Reihe kriegen wollte. Ich konnte mich immer noch zu gut an sein kaltes Gesicht erinnern. Wie er auf mich herabgeblickt hatte, ohne jegliche Emotion. Wie er mit Cain und Melody gesprochen hatte. Nein, Morgana. Melody existierte nicht mehr, sie war seit einer ganzen Weile schon tot. Es war nur ihr Körper, der von der Seele einer uralten, mächtigen Hexe gesteuert wurde. »Er hat uns alle hintergangen.«
»Aberdichganzbesonders.«IchspürteWillowsHandanmeiner Schulter, und als ich sie anblickte, wirkte sie mehr als wütend. Obwohl ihre Augen müde waren, schienen sie Funken zu sprühen. »Sollte ich diesen Idioten irgendwann in die Finger kriegen, werde ich ihm ein paar Takte erzählen, das verspreche ich dir.« Sie stockte, dann ließ sie sich wieder in den Sitz fallen. »Vielleicht auch nicht, wenn er wirklich einer der mächtigsten Magier der Welt ist. Ich fürchte, damit kann ich es nicht aufnehmen.«
IchzwangmichzueinemkleinenLächeln.DieSachemitLark tat zwar wahnsinnig weh, aber immerhin glaubte meine beste Freundin mir. Sie hatte sich unsere Erklärungen ruhig angehört, Fragen gestellt und hatte es dann irgendwann einfach hingenommen. Alles, wofür ich viel Zeit gehabt hatte, um es zu verstehen, hatte sie in wenigen Minuten akzeptiert. Ihr unendliches Vertrauen rührte mich beinahe ein bisschen.
Willow lehnte sich an Adas Schulter, die sich ihr sofort ein wenig mehr zuneigte. »Und dein Vater ist also wegen der ganzen Sache mit dem Schwert gestorben.«
»Sieht so aus«, gab ich zu. »Sein Tod ist mir immer noch ein Rätsel, aber in einer Vision habe ich gesehen, wie er starb. Wie er verblutete. Ich habe den Ausdruck in seinen Augen gesehen und …« Den Marmorboden im Haus von Archers Familie. Wir tauschten einenkurzenBlick,bevorersichwiederaufdieStraßekonzentrierte. Seine Knöchel waren ganz weiß geworden vor Anstrengung.
»Scheiße«, murmelte Willow und fasste damit großartig die Situation zusammen, in der wir uns gerade befanden. Ich bemerkte imRückspiegel,wiesiedieAugenschloss,offensichtlichbegannihreSchlaftablettelangsamzuwirken.Trotzdemmurmeltesienoch: »Und in Liverpool sind wir sicher vor der Magiermeute?«
»Wahrscheinlichnicht.Aberichmusssicherstellen,dassesDanica gut geht. Wenn Cain und Co hinter uns her sein sollten, könnten sie sie als Zielscheibe sehen. Und außerdem …« Ich stockte. Nein, diesen Gedanken wollte ich noch nicht aussprechen. Den, der mir in Adas Wohnung gekommen war. Der mich seitdem nicht mehr losließ.
»Verstehe.« Willows Brauen wanderten wieder zusammen. »Ich willzugerndabeisein,wenndudeinerSchwesterdieganzeSacheerklärst.WirstdusieauchDingeaufdeinenFreundwerfen lassen?«
»Ich bitte darum, das nicht zu tun«, brummte Archer.
Willow kicherte hinter uns. »Wieso? Trifft dich doch nicht.«
»Ein schönes Gefühl ist es trotzdem nicht.«
Sielächeltebreitundseufztedann.DieganzeZeitüberhatte sie die Augen geschlossen gehabt, und jetzt fügte sie nur noch an: »Dann schlaf ich mich mal aus, von dieser Vorstellung will ich wirklich keine Sekunde verpassen.« Und ich war mir ziemlich sicher, dass sie beinahe sofort danach einfach weg war.
Ich sah Ada entschuldigend an. »Ich hoffe, du kannst es dir trotzdem ein bisschen bequem machen dort hinten. Wir werden sicher vier Stunden nach Liverpool brauchen.«
Meine Cousine sah zu Willow, die an ihrer Schulter schlief, und lächelte mich dann an. »Ich hab schon in unbequemeren Positionen geschlafen. Mach dir keine Sorgen um mich.«
Mein Blick streifte noch das Pflaster an ihrem Hals, bevor ich michwiedernachvornwandte.EineganzeWeilefuhrenwirschweigend durch die Dunkelheit, und obwohl die Erschöpfung an mir zog, kam es mir nicht wirklich wie eine Option vor, ebenfalls zu schlafen. Als ich dasnächsteMaldenRückspiegelcheckte,schienauch Ada eingeschlafen zu sein, den Kopf an Willows gelehnt. VonihrenseltsamenPositionenwürdendiebeidenwahrscheinlichordentlicheRückenschmerzen bekommen, aber wenigstens bekamen sie etwas Schlaf.
»Du solltest auch versuchen, ein bisschen zu dösen«, sagte Archer neben mir.
Ich gab nur ein kurzes, bitteres Lachen von mir. »Daran kann ich nicht einmal denken.«
Er schwieg, und ich bemerkte im Augenwinkel, dass er zu mir rüber sah. »Es ist nicht deine Schuld, Harper«, sagte er dann sanft.
Der Satz brachte mich fast wieder an meine Grenzen. Ich spürte schon das Brennen hinter meinen Lidern, und ich wischte es mit einer wütenden Geste weg. »Doch, das ist es. Ich hätte erkennen müssen, was Lark für ein Spiel mit mir spielt. Ich hätte bemerken müssen,dassermichnurbenutzt.Stattdessenhabeichihmeinfach geglaubt. Ich habe mich …« Einfach in ihn verliebt. »Einfach ausnutzen lassen.«
»Wie hättest du das erkennen sollen, Harper? Er hat seine Rolle außerordentlich gut gespielt. Sogar ich bin auf ihn reingefallen, und ich bin ihm von Anfang an mit mehr Skepsis begegnet als du.« Archer schüttelte sich, als würde er das Gespräch loswerden wollen. »Ich hätte … besser auf dich aufpassen sollen.«
Überrascht drehte ich mich zu ihm. »Was?«
»Vielleicht hätte ich dich von Anfang an nicht mit nach London bringen sollen. Und wenn, hätte ich dich nicht so im Stich lassen sollen zwischen den ganzen Wächtern und dem, dem wir uns ausgeliefert haben.« Er presste die Lippen zusammen, und ich spürte, wie sich ein wenig Unwillen in mir regte.
»Archer.« Ich runzelte die Stirn. »Ich brauche niemanden, der mich beschützt und mich aus allem raushält. Ich brauche jemanden, der mir zuhört und mich unterstützt, wenn ich es brauche.«
EtwasinseinemGesichtzuckte,undichbemerkte,dassdas auchalsVorwurfverstandenwerdenkonnte.Erhattemirnichtzugehört, als ich ihm von der Bedrohung erzählt hatte. Aber als es darauf angekommen war, hatte er mir zur Seite gestanden.
Ich legte vorsichtig eine Hand auf seinen angespannten Arm, und er sah mich kurz an, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte.
»SowieinderGruftdeinerFamilie«,fügteichanundschaffte es tatsächlich, meine Mundwinkel einen Zentimeter nach oben zu schieben. »Da warst du da. Hast uns dort runtergebracht und dich damit gegen deine Familie gestellt, weil du mir vertraut hast.« Ich stockte, dann sah ich durch die Windschutzscheibe nach draußen. »Auch wenn dein Vertrauen da vielleicht nicht angebracht war, um ehrlich zu sein.«
»Doch, das war es. Du hattest recht. Vielleicht hätten wir eher etwas unternehmen können, wenn ich dir früher geglaubt hätte.«
»Vielleicht sollten wir aber auch einfach mit diesen ganzen Vielleichtaufhörenundunsdaraufkonzentrieren,wasJETZTist.« Als ichetwastieferindenSitzrutschte,legtesichdieErschöpfung wiederaufmichwieeineschwereRüstung.»Wasistmitdeinen Eltern? Du hast noch nicht erzählt, was sie gesagt haben zu der ganzen Sache.«
Himmel, es war tatsächlich möglich, dass Archer sich noch mehr versteifte. Das bestätigte das ungute Gefühl, das ich gehabt hatte, seit er im Harrison-Anwesen zurückgeblieben war. Nach dem, was in der Gruft geschehen war, hatte sein Vater uns schon an der Treppe erwartet und uns angebrüllt. Archer hatte nur einen Satz gesagt, der Frederick Harrison sofort zum Verstummen gebracht hatte. Nur: »Artus ist zurück, und er hat Excalibur«, bevor er einen Krankenwagen für Ada gerufen hatte. Ihre Wunde war zum Glück nicht tief, weshalb sie nach der Erstversorgung direkt nach Hause durfte. Ich hatte alles nur wie in einem vorbeiziehenden Film wahrgenommen, nur mit einem Rauschen in meinen Ohren.
»Was haben sie gesagt?«, wiederholte ich, als Archer zögerte.
Er verzog das Gesicht. »Dass wir die Wächter von Artus sind. Die WächtervonExcalibur.DassesunsereritterlichePflichtist,auf seiner Seite zu stehen, wer auch immer er ist. Denn wenn er das Schwert führt, ist er unser wahrer König.« Er presste die Lippen zusammen, und ich spürte, wie alles in mir zusammensackte.
»Das ist doch lächerlich«, widersprach ich. »Dein Vater ist doch keine Puppe, die einem alten König folgen muss.«
»Abererwilles.Eristganzerpichtdarauf.«Plötzlichsahertraurig aus. »Vielleicht hofft er, etwas vom Kuchen abzubekommen. Den Glanz der alten Ritter von damals. Und vielleicht hofft er auf das, was Artus’ Macht anstellen kann. Dass er meiner Mutter helfen kann.«
DieWutüberFrederickHarrisonverpufftefastaugenblicklich, als ich Archers Gesicht so sah. Wenn auch nicht für diesen schrecklichen Mann, der mich als eine Spinnerin abgestempelt hatte – dann für diesen Mann hier, wünschte ich, dass es wirklich etwas gab, was seiner Mutter helfen konnte.
»Adas Eltern haben wohl das Gleiche gesagt«, fügte er leise hinzu.
Meine Nackenhärchen stellten sich auf. »Das kann nicht dein Ernst sein«, flüsterte ich ungläubig und warf einen Blick nach hinten. Meine Cousine schlief immer noch an Willow gelehnt.
Archer nickte. »Sie hat es mir erzählt, als ich in ihre Wohnung gekommen bin. Sie hat sie wohl von dort aus angerufen. Anscheinend waren dein Onkel und deine Tante ein wenig skeptischer als meine Eltern, aber der Grundton war derselbe. Artus ist der König. Der Anführer. Der, der Excalibur hat, hat die Macht über die Wächter.«
Mir wurde sofort eine ganze Spur kälter. Zusätzlich zu der unglaublichen magischen Macht, die Morgana und Lark hatten, und der Macht des Schwertes … hatten sie jetzt anscheinend auch die Wächter.VerzweiflungsickerteinmeineEingeweidewieeintödliches Gift. Hatten wir überhaupt eine Chance gegen diese schiere Kraft, die sich da in London zusammenbraute? Ich hatte mich noch nie in meinem Leben so machtlos gefühlt.
»Du willst deine Schwester nicht nur aus dem Grund warnen, weil Morgana und die anderen sie als Druckmittel gegen dich verwenden könnten, oder?«, fragte Archer in die Stille zwischen uns. Als ich mich ihm zuwandte, zog er die Stirn kraus. »Ich habe vielleicht dasselbe gedacht wie du. Ausgesprochen habe ich es zwar nicht, weil ich dich nicht beunruhigen wollte, aber … so wie du aussiehst, hast du auch schon darüber nachgedacht. Danica …«
Wieder stieg Sorge in mir auf. »Danica könnte die wahre Erbin von Lancelot sein.« Eigentlich wollte ich diese Möglichkeit nicht in Betracht ziehen, sie machte die Sache nur noch komplizierter. Aber wenn ich es nicht war und Ada es auch nicht war … Hätte ich etwas bemerken müssen? Dass Magie in Danica erwacht war? Andererseits hatte sie nie eins der Schmuckstücke berührt, deswegen war vielleicht noch nichts geschehen. Und wenn ich genau darüber nachdachte, hatte ich gerade eine Menge Geheimnisse vor ihr. Vielleicht hatte Danica mir einfach nichts davon erzählt, weil sie dachte, dass ich ihr nicht glauben würde.
Archer verzog gequält das Gesicht. »Ich habe es nicht mehr infrage gestellt, wer von euch beiden Lancelots Erbe sein könnte, weil du Magie entwickelt hast. Aber jetzt …« Archer seufzte und schüttelte sich dann, vielleicht um die Gedanken loszuwerden. Als er mich wieder ansah, war ein müdes Lächeln auf seinen Lippen. »Schlaf ein wenig«, sagte er. »Du wirst die Energie brauchen, wenn wir in Liverpool ankommen. Und wenn wir uns überlegen, was wir als Nächstes machen.«
Einen Moment wollte ich mich dagegen wehren – aber Archer hatte recht. Ich brauchte Energie. Ich brauchte Schlaf. Ich brauchte eine kurze Auszeit, um nicht zusammenzubrechen. Also nickte ich nur schwach. »Sag Bescheid, wenn dich jemand am Steuer ablösen soll.«
Er gab ein Schnauben von sich, als käme es überhaupt nicht infrage, dass er jemand anders fahren ließ.
Ich wollte ihn gerade darauf hinweisen, dass er versprochen hatte,mirmehrzuvertrauenundmichnichtimmerzuschützen –aberkaumhattensichmeineLidergeschlossen,zogmich die Erschöpfung in ein unendlich tiefes schwarzes Loch in meinem Inneren.
Ich schlief ein. Und ich träumte so lebhaft wie noch nie.
Ich stand in einem Haus, das ich nicht kannte. Aber als ich den Blick hob, sah ich hohe Decken mit schönen dunklen Holzbalken, hell gestrichene Wände und einfache Möbel auf altem Parkettboden. Ich spürte eine Wärme, die ich mir nicht erklären konnte, aber dieser Ort war voll davon. Von irgendwo hinter mir hörte ich Stimmen. Eine Frau und einen Mann, die zusammen lachten. Das Gefühl in meiner Brust jedoch zog mich nicht dorthin, sondern die etwas schiefe Holztreppe hinauf.
Mit der Hand strich ich über das alte Geländer, während ich langsam in den ersten Stock ging. In den Sonnenstrahlen, die aus einem der Zimmer auf den Flur fielen, tanzte der Staub. Wie hypnotisiert folgte ich dem Licht zu einem kleinen Raum, der durch die abgeschrägten Wände noch winziger aussah.
Hier waren nicht viele Möbel. Nur ein schmales Bett, ein Kleiderschrank und eine Holzkiste, vor der ein Junge auf dem Boden hockte. Er spielte mit einem Plüschtier, bei dem ich nicht einmal erkennen konnte, was es darstellen sollte. Es war grün, hatte einen riesigen Kopf und lichtes violettes Haar. Anstelle von Augen hatte es runde blaue Knöpfe, die das groteske Bild komplett machten. Aber der Junge strich ihm trotzdem liebevoll über das Gesicht und die Fadenhaare, als wäre es das Kostbarste, was er besaß.
Der Junge kam mir bekannt vor, auch wenn ich einfach nicht meinen Finger darauflegen konnte, woher.
Ich machte einen Schritt in das Zimmer hinein, um ihn näher betrachten zu können, da hob er überrascht den Kopf. Aus großen grünen Augen funkelte er mich an. Mich?!
Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Er wirkte plötzlich … enttäuscht.
»Gehst du schon wieder?«, fragte er mit sanfter Stimme.
»Ich muss.«
Gänsehaut flutete meinen ganzen Körper vom Haaransatz bis zu den Zehen, als ich die Stimme direkt hinter mir hörte. Ich hielt die Luft an, als ich mich ganz langsam umdrehte und nur wenige Zentimeter von Lark entfernt stand. Er war hinter mir in den Türrahmen getreten, die Hände in seinen Hosentaschen versunken und ein Lächeln im Gesicht, das ich noch nie gesehen hatte. Es war liebevoll und sanft.
»Warum musst du?«, fragte der Junge hinter mir, aber ich hörte ihn kaum.
Mein Herz raste in meiner Brust, weil ich Lark so nah war. Nicht nah genug, schrie mein Herz. Viel, viel zu nah, schrie mein Kopf. Ich konnte mich nicht bewegen, war festgefroren auf dem Parkettboden, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich vor oder zurück wollte. Warum hast du das getan? Warum hast du mich so hintergangen? Warum hast du dich so kalt von mir abgewandt, gemeinsame Sache mit den Bösen gemacht? Warum hast du mich so verletzt?
»Duweißt,warum«,sagteLarkmiteinemLächeln,undichrealisierte erst nach ein paar Sekunden, dass er nicht mit mir sprach. Er hat dem Jungen geantwortet, den ich jetzt endlich erkannte. Theo. Sein kleiner Bruder.
Theo brummte etwas Unverständliches, und Lark lachte. Das Geräusch ging mir durch den ganzen Körper wie ein elektrischer Schlag.
»Mona steht schon vor dem Haus. Willst du nicht auch runterkommen und mich richtig verabschieden, bevor ich wieder nach London fahre?«
Ichfuhrherum,alsderJungevomBodenaufstand.Erdrückte das Plüschtier an sich und verdrehte die Augen. »Na gut. Aber du kommst bald wieder?«
»Klar. Ich bleibe nicht länger in London, als ich muss. Das war doch mein Versprechen.«
Der Junge blieb skeptisch, aber er ging zur Tür und wischte Larks Hand aus der Luft, um sich an ihm vorbeizuquetschen.
Lark lachte wieder.
Ich hasste es, was dieses Bild mit mir machte. Ich hasste es, wie viel Sehnsucht sich in meiner Brust hochschraubte. Wie viele Gefühle mich fluteten, obwohl der Mann, der so eng bei mir stand, mich verraten hatte. Er war der Feind, aber ich konnte ihn nicht so sehen. Denn er war zwar der Feind, aber ich hatte mich auch in ihn verliebt.
Lark machte einen Schritt aus dem Türrahmen, um seinem Bruder nach unten zu folgen.
Bevor ich es verhindern konnte, kam die Frage aus meinem Mund: »Wie konntest du mir das antun?«
Lark zögerte. Und dann, ganz langsam, drehte er sich um.
Eine Schrecksekunde dachte ich, dass er mich ansehen würde. Aber er blickte nur über seine Schulter und scannte das Zimmer, in dem Theo eben noch auf dem Boden gesessen hatte. Plötzlich war sein Gesicht nicht mehr so sanft und liebevoll. Das Lächeln war verschwunden und hatte einem dunklen Ausdruck Platz gemacht. Seine Brauen waren zusammengezogen, und eine steile Falte hatte sich zwischen seinen blauen Augen gebildet.
»Warum?«, flüsterte ich, und meine Sicht wurde von bitteren Tränen geflutet. Ich konnte noch immer nicht akzeptieren, was er mir angetan hatte. Aber ich musste es. Wenn ich weitermachen wollte, musste ich endlich akzeptieren, dass er nicht der war, für den ich ihn gehalten hatte. Er war nur der, für den er sich ausgegeben hatte.
Lark drehte sich wieder von mir weg, aber dabei streifte sein Handrücken meinen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass er mich wirklich berührte, meine Haut streifte.
Dann war er weg, die Treppe runter, um sich von seinen Geschwistern zu verabschieden. Ich konnte seine fröhliche Stimme hören.
Und dann löste der Traum sich auf.
Archer blickte mich fragend an, als wir am Bordstein vor der Goldschmiede hielten. »Alles okay bei dir?«, kam es so leise über seine Lippen, dass ich es kaum hören konnte. Hinter uns waren Ada und Willow schon dabei, sich aus ihren Gurten und Sitzen zu schälen.
Ich ließ mir Zeit, nachdem ich mich abgeschnallt hatte. Mein Herz hämmerte noch immer viel zu schnell. Eigentlich tat es das schon, seit ich vor einer Stunde aus diesem Traum aufgewacht war. Und jetzt legte es noch einmal einen Gang zu, wo wir endlich hier waren. Endlich zu Hause. »Nein«, murmelte ich, brachte dabei aber ein Lächeln zustande. »Aber das wird es bald wieder sein.«
Auch wenn der Traum mir nur gezeigt hatte, dass diese verdammte Wunde sehr langsam heilen würde. Im Moment war das aber auch nicht das Wichtigste. Gerade war das Wichtigste, dass es meiner Schwester gut ging.
Deshalb riss ich mich zusammen und stieg auch aus. Sofort wurde ich von der frischen Brise Liverpools empfangen, die mir ein leichtes Frösteln und warme Schmetterlinge im Bauch bescherte. IchwarschonoftvonzuHauseweggewesenundhattenieProbleme mit Heimweh gehabt. Aber die Reise nach London und alles dort kam mir vor, als hätte ich tausend Jahre Hunderte Kilometer entfernt verbracht. Wieder hier zu sein, umgeben von Küstenluft, Möwen, die über unseren Köpfen flogen, und den zusammengequetschten Gebäuden, die ich so gut kannte, war irgendwie tröstlich.
»Ihr habt eine Goldschmiede.« Adas Augen strahlten, als sie durch das große Schaufenster blickte und dann nach oben zum Schriftzug. »Das ist … so passend.«
Ja, da hatte sie verdammt recht. Nur dass mir das nie bewusst gewesen war. Ich ging um das Auto herum und sah ebenfalls nach oben. Meine Finger kribbelten allein bei dem Gedanken an die Werkstatt, an meine Werkzeuge und meine Materialien. »Ich habe meine halbe Kindheit hier verbracht und alles von meiner Mutter gelernt«, sagte ich leise und spürte, dass mir das Lächeln plötzlich gar nicht mehr so schwerfiel wie vor einer Minute noch. Ich wandte mich ab, um zum Hauseingang zu gehen.
»Sie hat uns oft Schmuck gemacht«, berichtete Willow hinter mir. »Mir und Danica. Die Kette, die ich immer trage, zum Beispiel.«
»Was? Das ist ja großartig! Machst du mir auch mal etwas, wenn … die Zeiten wieder ruhiger sind?« Ada trat neben mich und legte eine Hand auf meinen Arm.
Ich war froh, dass sie etwas von ihrer Fröhlichkeit zurückerlangt hatte, und nickte deshalb, während ich meinen Schlüssel im Schloss umdrehte. »Natürlich. Ihr bekommt alle etwas, wenn wir die Sache durchgestanden haben. Ich mache euch, was ihr wollt.« Mein Blick zuckte von meiner Cousine zu Archer, der gerade das Auto abgeschlossen hatte und nun ebenfalls über den Gehweg zu uns kam. »Vielleicht einen neuen Ring für dich?«
Er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, dann schob er aber die Hände in seine Hosentaschen und schüttelte den Kopf. »Vielleicht etwas anderes.«
Unwillkürlich fragte ich mich, ob er das Schmuckstück auch so sehr vermisste wie ich. Selbst als auf der Tafelrunde die Steine zusammengeschmolzen waren und das Schwert gebildet hatten, hatte ich die Verbindung zu ihnen gespürt. Dieses Ziehen in meiner Brust, das mich zu rufen schien. Mittlerweile war mir natürlich klar, warum. Meine Vorfahrin Guinevere hatte das Schwert damals geschaffen. Und ich als ihre Nachfahrin hatte das Gleiche getan. Nur dass sie das Böse damals vernichtet hatte – und ich hatte ihm in die Hände gespielt.
»Washabeichverpasst?«WillowzogdieBrauenhochundsahzwischenmirundArcherhinundher.»HastdugeradeeinenHeiratsantragvonihrabgelehnt,Archie?Denndannmussichdirsagen,dassichtrotzdeinerschickenKlamottenbefürchtenmuss,dassdueinen sehr miesen Geschmack hast. Harper ist ein Hauptgewinn.«
Ich stöhnte genervt und schob die Tür des Wohnhauses auf. »So war das ganz sicher nicht gemeint, Will.«
»Ich bin mir sicher, dass sie das ist«, gab Archer zurück. »Aber ich habe eine Weile genug von Ringen.«
Während Ada meine beste Freundin über die Schwelle zog und dabei die Sache mit den Schmuckstücken und den Erben erklärte, blickte ich überrascht zu ihm zurück.
»Was?«, fragte er.
Ich zuckte mit den Schultern. »Du bist dir also sicher, dass ich ein Hauptgewinn bin?«
Archer stockte, und ich bildete mir ein, dass er ein wenig rot wurde, während er sich räusperte. »Also. Ja. Ich denke schon? Ich wollte nicht … also …«
»Schon gut, mach dir keinen Knoten in die Zunge«, erlöste ich ihn schmunzelnd von seinem Gestammel. »Ich BIN tatsächlich ein Hauptgewinn.«
»Hört auf zu flirten, wir haben wichtige Dinge zu erledigen!«, rief Willow, die schon auf der Treppe war.
DieLeichtigkeitschlugbeinahesofortwiederum,weilihrlockerer Spruch mich an Lark erinnerte. An seine Lippen auf meinen. Seine Hände auf meiner Haut. Und dann den kalten Ausdruck, mit dem er mich bedacht hatte, kurz bevor er mit Cain und Morgana verschwundenwar.MeinKörperfühltesichan,alswürdeergefrieren.
»Wir flirten nicht«, knurrte ich zwischen meinen Zähnen durch und wandte mich abrupt von Archer ab, um ihnen zu folgen.
UnddaswürdeichaucheineganzeWeilenichtmehrmachen.Wenn ich es überhaupt irgendwann wieder übers Herz brachte.
Auf den Stufen nach oben merkte ich, wie mein Puls erneut in dieHöheschoss.Hierwirkteeigentlichalles,alswäreesbeimAlten. Keine Brandzeichen am Haus, kein Geruch nach Karamellpopcorn, der mir den Ekel auf die Zunge trieb. Das musste natürlich nichts heißen, dieses Gefühl hatte mich schließlich auch nicht auf den Verrat von Lark vorbereitet. Aber ich hatte trotzdem Hoffnung, dass Morgana und die anderen meine Schwester noch nicht gefunden hatten. Gott, ich hatte diesen Gedanken eine ganze Weile so gut es ging verdrängt, aber je mehr Zeit verging, desto größer wurde die Angst um meine Schwester. Ich beschleunigte die Schritte auf der Treppe.
»Ich werde mal nach meiner Mutter sehen«, murmelte Willow im ersten Stock. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Es ist noch mitten in der Nacht, also schläft sie vermutlich. Außer sie ist mal wieder viel zu früh wach und macht schon das Frühstück.« Sie verdrehte die Augen gespielt genervt, aber ich konnte hinter die Fassade blicken. Willow machte sich Sorgen. Wenn die Hexe Morgana hier auftauchte, Cain, Lark … dann war Martha auch in Gefahr. »Ich komme dann nach.«
Ada legte ihr kurz die Hand auf den Arm, und Will lächelte sie an.
»Alles klar. Grüß Martha«, meinte ich und machte mich dann daran, die nächste Treppe zu erklimmen. Je näher wir unserer Wohnung kamen, desto nervöser wurde ich. Wie fand ich mein Zuhause wohl vor? War alles wie vorher, obwohl ich plötzlich eine ganz andere Person war? Wie ging es Danica?
Meine Finger zitterten, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte.
Die Wohnung lag still vor mir. Es war noch dunkel im Flur, und kurz hielt ich die Luft an und lauschte nur mit pochendem Herzen. Dann war im hinteren Bereich der Wohnung etwas zu hören. Ein Rascheln.DanndasKlackenvonaltenPfötchenaufdemHolzboden. Unser Schnauzer Reggie bog um die Ecke, und ich ging sofort auf die Knie, um sein struppiges Fell zu streicheln.
»Hey, Haufenschleuder«, sagte ich liebevoll.
Sein Schwanz hüpfte nach links und rechts, und er rekelte sich aufmeinenSchoß.OffensichtlichhattederalteMannmichtatsächlich vermisst.
»Deristjasüß.«AdabeugtesichübermeineSchulter,undReggie hob sofort den Kopf und gab ein Bellen von sich, das nach dem Husten eines alten Mannes klang. Dann bestrafte er auch Archer, der hinter uns in den Flur getreten war, mit einem Bellen. Damit schien er seine Pflicht erfüllt zu haben, denn er kuschelte sich wieder an mich.
Ich kraulte ihn kichernd hinter dem Ohr. »Du bist ein Beschützer, hey.«
Meine Cousine richtete sich wieder auf und sah sich neugierig um. Im Gegensatz zu dem, was sie aus London gewöhnt war, musste das hier wohl ziemlich enttäuschend wirken – aber Adas Augen funkelten, als sie weiterging und die alte Holzküche mit den Schnitzereien betrachtete. »Hier wirkt alles so …«
»Billig?«, half ich ihr auf die Sprünge, während ich mich wieder erhob. Reggie schlängelte sich sofort zwischen meinen Beinen durch und umrundete jetzt Archer.
»Gemütlich«, empörte Ada sich. »Nur weil ich mit einem Silberlöffel im Mund geboren wurde, heißt das noch lange nicht, dass … Oh. Hallo!«
IchfolgteAdasBlickundbemerktenunauchDanica,diegeradeimFlurumdieEckegebogenwar.IhrerotenHaarewarenzerzaust,alsowarsiegeradeerstaufgewacht.VielleichtwaresdasBellenvonReggiegewesen,abersiewirktenochetwasdurcheinander. Ich musste allerdings mit Erleichterung feststellen,dasssieunverletztwirkte.Nichttraumatisiert.Nureinwenig …sauer.
Ihre Augenbrauen waren dicht zusammengezogen, als sie erst Ada, dann mich, Archer und wieder mich musterte. »Was soll der ÜberfallumdieseUhrzeit?«,knurrtesieundmustertemichsointensiv,alswolltesiemichdurchbohren.»UndwarumzumTeufel hast du dich auf keine meiner Nachrichten gemeldet? Nicht ein einziges Mal in den letzten zwei Tagen?!«
Ich war damit beschäftigt, einen krassen Kampf zwischen Gut und Böse auszufechten. »Entschuldige, es war so viel los«, gab ich zurück. Dann überwand ich den Abstand zwischen uns, beugte mich zu ihr runter und schloss sie fest in die Arme. »Ich habe dich auch vermisst, Danica.« Himmel, ich wurde tatsächlich emotional. Aber ich war so froh, dass es ihr offensichtlich gut ging. Es war die erste gute Nachricht seit einer ganzen Weile, und das hatte ich wirklich dringend gebraucht.
»Du warst doch nur ein paar Tage weg«, brummte Danica und versuchte, mich von sich wegzuschieben. Ihre Augen funkelten noch immer wütend, als sie es endlich schaffte, aber zumindest war ein wenig von dem Ärger daraus verschwunden. »Kannst du mir mal erklären, was los ist?«
Oh, liebste Schwester, das willst du nicht wissen. Wirklich nicht.
Weil mir nichts Besseres einfiel, machte ich einen Schritt zur Seite und deutete auf die beiden hinter mir. »Das ist Archer. Der alte Klassenkamerad, der mich mit nach London genommen hat – du weißt schon.« Ich warf ihm einen Hilfe suchenden Blick zu.
Seine Reaktion kam vielleicht etwas zu langsam. »Ähm ja, hey, freut mich.«
»Unddas …«IchließdenFingerschnellzuAdaweiterwandern.»IstAda.UnsereCousine,dieichinLondonkennengelernthabe.«
»Unsere WAS?« Danica verengte die Augen zu Schlitzen. »Was meinst du bitte damit?« Ihr Ton war scharf, offensichtlich war sie jetzt noch wütender auf mich. Mist. Ich hatte ihr das alles wirklich viel zu lange verschwiegen. Das Schlimme war allerdings, dass ich ihr immer noch nicht alles erzählen konnte. Ich wollte sie nicht tiefer in diese ganze Wächtergeschichte reinziehen, als ich es eh schon getan hatte. Und solange nicht sicher war, ob sie Lancelots Erbin war, bestand dazu ja auch kein Grund.
Also lächelte ich ihr nur wieder entschuldigend zu. »Wir haben unsinLondonkennengelernt,siestudiertdortanderUniTiermedizin. Und als wir uns unterhalten haben, haben wir festgestellt, dass Eli ihr … ihr Onkel war.«
»Was für ein Zufall«, zischte Danica. Natürlich glaubte sie mir nicht. Meine Schwester war schlau, und meine Geschichte … war es nicht unbedingt.
»Ja«, sagte ich trotzdem und schlang unwohl die Arme um meinen Körper. »Ich wollte, dass ihr euch kennenlernt. Sie war ganz neugierig auf dich. Also … Ada, Danica. Danica, Ada.«
Meine Cousine hob etwas verlegen die Hand und lächelte. »Es freut mich unglaublich.«
Danica musterte sie eine ganze Weile, bevor sie nickte. »Ja. Mich auch.« Sie sagte es merkwürdig gedehnt, und das war etwas, was ich schon von Danica kannte. Eigentlich war sie noch sauer, und davon wollte sie auch auf gar keinen Fall abweichen. Aber sie war genauso neugierig auf Ada wie anders rum. Es war ihr nicht zu verübeln, unsere Cousine war wirklich außerordentlich charmant.
Meine Schwester beäugte auch Archer noch einmal eine Spur länger, bevor sie sich wieder an mich wandte. »Dann ist deine London-Reise jetzt also vorbei? Du bleibst jetzt hier?« Sie betrachtete mich immer noch bohrend. Aber das, was sie sagte, brachte mich zurück zu den Ängsten, die ich auf der Treppe noch gehabt hatte.
Ich holte tief Luft, bevor ich mit den Schultern zuckte. »Ich … kann es dir noch nicht genau sagen. Wir müssen noch überlegen, was wir als Nächstes tun.« Das war so nahe an der Wahrheit, wie ich ihr aktuell geben konnte.
Es war Danica anzusehen, dass ihr das nicht ausreichte, denn sie legte die Stirn in Falten.
»Was habe ich denn hier verpasst?«, fragte ich deshalb schnell. Versuchte, ein Lächeln auf mein Gesicht zu legen, das meinen Worten ein wenig die Dringlichkeit nahm. »Ist irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen, als ich weg war?«
»Ungewöhnlich, wie …?«, hakte Danica skeptisch nach.
Tja, das war eine gute Frage. Ich zuckte wieder etwas hilflos mit den Schultern. »Keine Ahnung. Kunden, die in die Schmiede wollten? Anrufe für mich? Irgendetwas, was dir seltsam vorkam?«
»Hast du dich in London mit einer Gang angelegt? Du wirkst ziemlich abgehetzt und durcheinander. Muss ich um mein Leben fürchten?« Jetzt schien Danica wirklich langsam die Geduld zu verlieren. Ihr Gesicht war voll von teenagermäßiger Genervtheit.
»Unsinn«, winkte ich ab. »Vergiss einfach, dass ich gefragt habe.«
Immerhin verhielt sie sich normal. Beinahe nervtötend normal. Morgana und die anderen waren also offensichtlich noch nicht aufgetaucht, sonst hätte ich das sicher gemerkt.
Danica warf jedem von uns noch einmal einen fragenden Blick zu,dannstöhntesieauf.»Meinetwegen.Ambestenvergesseicheinfach alles an dieser mehr als merkwürdigen Nummer hier«, knurrte sie und lenkte den Rollstuhl schon wieder um. »Ich bin dann mal in meinem Zimmer, damit ihr hier in Ruhe … entscheiden könnt, was ihr als Nächstes tut.«
Ja, im Nachäffen meiner Stimme war sie immer noch unheimlich gut. Aber als sie gerade um die Ecke zu ihrem Zimmer biegen wollte,sahichetwasanihremFingerglänzen.Ringe.Nichtdiefeinen goldenen, die ich ihr gemacht hatte. Es waren ein paar Moderinge,diesieirgendwobilliggekaufthatte.Einerinschwarzanihrem Ringfinger, der etwas edler aussah, aber der Rest war … »Du trägst meine Ringe nicht mehr«, meinte ich und deutete auf ihre Finger.
InnerhalbeinerSekunde