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Der Weltbestseller als erweiterte Neuausgabe! Die überwucherten Tempelruinen von Angkor Wat, die zerfallenden Pyramiden der Maya in Yucatan und die rätselhaften Moai-Statuen der Osterinsel – sie alle sind stille Zeugen von einstmals blühenden Kulturen, die irgendwann verschwanden. Doch was waren die Ursachen dafür? Jared Diamond zeichnet in seiner erweiterten, faszinierenden wie hochaktuellen Studie die Muster nach, die dem Untergang von Gesellschaften (oder ihrem Überleben) zugrunde liegen, und zeigt, was wir für unsere Zukunft daraus lernen können.
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Seitenzahl: 1221
Veröffentlichungsjahr: 2014
Jared Diamond
Kollaps
Warum Gesellschaften überleben oder untergehen
FISCHER E-Books
Für
Jack und Ann Hirschy,
Jill Hirschy Eliel und John Eliel,
Joyce Hirschy McDowell,
Dick (1929–2003) und Margy Hirschy,
und alle Menschen unter dem Himmel Montanas.
Ein Mann berichtete aus mythischem Land:
Zwei Riesenbeine, rumpflos, steingehauen
Stehn in der Wüste. Nahebei im Sand
Zertrümmert, halbversunken, liegt mit rauen
Lippen voll Hohn ein Antlitz machtgewöhnt,
Voll Leidenschaften, die bestehn; es sagt:
Der Bildner, der es prägte, wusste dies,
Wess Herz und Hand sie speiste und verhöhnt.
Und auf dem Sockel eingemeißelt lies:
»Ich bin Ozymandias, Herr der Herrn.
Schaut, was ich schuf, ihr Mächtigen, und verzagt!«
Nichts bleibt. Um den Verfall her riesengroß
Des mächtigen Steinwracks öd und grenzenlos
Dehnt sich die leere Wüste nah und fern.
Percy Bysshe Shelley (1817)
Zwei Bauernhöfe • Zusammenbrüche früher und heute • Entschwundene Paradiese? • Ein fünfteiliges Schema • Unternehmen und Umwelt • Die vergleichende Methode • Der Aufbau des Buches
Vor einigen Jahren war ich im Sommer auf zwei Bauernhöfen zu Besuch. Der Hof der Familie Huls und der Hof von Gardar lagen zwar viele tausend Kilometer voneinander entfernt, waren sich aber in ihren Stärken und Schwachpunkten bemerkenswert ähnlich. Beide waren in ihrer jeweiligen Region mit Abstand der größte, wohlhabendste und technisch am höchsten entwickelte landwirtschaftliche Betrieb. Insbesondere stand bei beiden ein großartiger, hochmoderner Stall für die Haltung von Milchkühen im Mittelpunkt. Diese Gebäude, die sich in beiden Fällen in zwei säuberlich getrennte, gegenüberliegende Reihen von Verschlägen für die Kühe gliederten, stellten alle anderen Ställe ihrer Umgebung in den Schatten. Die Kühe beider Höfe grasten im Sommer unter freiem Himmel auf üppig grünen Weiden, beide Höfe ernteten im Spätsommer ihr eigenes Heu, um die Tiere im Winter damit zu füttern, und steigerten durch Bewässerung den Ertrag an sommerlichem Futter und winterlichem Heu. Beide hatten eine ähnliche Fläche von einigen hundert Hektar, und auch die Ausmaße der Ställe waren ähnlich: Auf dem Hof der Familie Huls beherbergte er 200 Tiere, auf dem von Gardar war er mit 165 Kühen geringfügig kleiner. Die Besitzer beider Höfe galten als führende Gestalten ihres jeweiligen gesellschaftlichen Umfeldes. Beide waren tief religiös. Beide Anwesen lagen in einer großartigen Landschaft, die Touristen von weither anlockte; über ihnen erhoben sich schneebedeckte Berge mit fischreichen Gebirgsbächen, und unter ihnen lag ein berühmter Fluss (bei der Huls Farm) beziehungsweise ein Fjord (beim Hof von Gardar).
Das waren die gemeinsamen Stärken der beiden Höfe. Kommen wir nun zu ihren gemeinsamen Schwachpunkten: Beide lagen in Regionen, in denen die Milchwirtschaft von untergeordneter Bedeutung ist, weil wegen der hohen nördlichen Breite nur ein kurzer Sommer für die Gras- und Heuproduktion zur Verfügung steht. Da im Vergleich zu Milchviehbetrieben südlicherer Breiten auch in guten Jahren keine optimalen Klimabedingungen herrschten, waren beide Farmen der Gefahr wetterbedingter Schäden ausgesetzt, wobei die Farm der Familie Huls vor allem durch Trockenheit, der Hof von Gardar dagegen durch Kälte bedroht war. Beide Regionen waren weit von den Ballungsgebieten entfernt, wo sie ihre Produkte vermarkten konnten, sodass Transportkosten und -risiken einen Wettbewerbsnachteil gegenüber zentraler gelegenen Regionen bedeuteten. Der wirtschaftliche Erfolg hing bei beiden von Faktoren ab, die ihre Besitzer nicht beeinflussen konnten, so unter anderem von Kaufkraft- und Geschmacksveränderungen bei Kunden und Nachbarn. Im größeren Maßstab ging es mit der Konjunktur der Länder, in denen sich die beiden Höfe befanden, je nach der wachsenden und schwindenden Bedrohung durch weit entfernte, feindliche Gesellschaften auf und ab.
Der größte Unterschied zwischen der Huls Farm und dem Hof von Gardar betrifft ihren heutigen Zustand. Das Familienunternehmen Huls Farm, das fünf Geschwistern und ihren Ehepartnern gehört, liegt im Bitterroot Valley im Westen des US-Bundesstaates Montana und floriert zurzeit. Der Kreis Ravalli, wo sich der Betrieb befindet, hat eine der höchsten Bevölkerungswachstumsraten aller US-amerikanischen Kreise. Auf der Huls Farm führten mich Tim, Trudy und Dan Huls, drei der Eigentümer, persönlich durch ihren Hightech-Stall und erklärten mir geduldig die Vorzüge und Unwägbarkeiten der Milchwirtschaft in Montana. Dass die Vereinigten Staaten im Allgemeinen und die Huls Farm im Besonderen in absehbarer Zukunft zusammenbrechen werden, ist unvorstellbar. Aber der Hof von Gardar, der frühere Landsitz des altnordischen Bischofs von Südwestgrönland, wurde vor über 500 Jahren aufgegeben. Die normannisch-grönländische Gesellschaft brach völlig zusammen: Tausende von Einwohnern verhungerten, kamen bei inneren Unruhen oder im Krieg gegen feindliche Mächte ums Leben oder wanderten aus, bis in ihrem Gebiet schließlich niemand mehr lebte. Die dicken Mauern des Stalls von Gardar und der benachbarten Kathedrale stehen zwar noch, sodass ich die Verschläge für die einzelnen Kühe zählen konnte, aber es gibt keinen Eigentümer mehr, der mir etwas über frühere Vorzüge und Unwägbarkeiten erzählen könnte. Aber als der Hof von Gardar und Normannisch-Grönland ihre Blütezeit erlebten, erschien ihr Niedergang ebenso unvorstellbar wie heute der von Huls Farm und USA.
Um eines klarzustellen: Wenn ich diese Parallelen zwischen der Huls Farm und dem Hof von Gardar ziehe, will ich damit nicht behaupten, der Hof in Montana und die amerikanische Gesellschaft seien zum Untergang verdammt. Derzeit ist genau das Gegenteil richtig: Der Huls-Betrieb expandiert, ihre modernen technischen Einrichtungen dienen Nachbarbetrieben als Vorbild, und die Vereinigten Staaten sind das mächtigste Land der Welt. Ich behaupte auch nicht, Bauernhöfe oder Gesellschaften seien ganz allgemein durch den Zusammenbruch gefährdet. Bei manchen, so in Gardar, hat er sich tatsächlich ereignet, andere existieren ohne Unterbrechung seit Jahrtausenden. Aber meine Reisen zu den Höfen von Huls und Gardar, die ich trotz ihrer Entfernung von mehreren tausend Kilometern in demselben Sommer besuchte, legten mir sehr nachdrücklich die Schlussfolgerung nahe, dass selbst die reichsten und technisch am weitesten entwickelten Gesellschaften in Wirtschaft und Umwelt mit Problemen konfrontiert werden, die man nicht unterschätzen sollte. Unsere Schwierigkeiten ähneln in vielerlei Hinsicht jenen, die den Hof von Gardar und Normannisch-Grönland zu Fall brachten und mit denen auch viele andere Gesellschaften früherer Zeiten zu kämpfen hatten. Manche dieser früheren Gesellschaften gingen unter (wie Normannisch-Grönland), andere (so die Japaner und Tikopier) haben überlebt. Die Vergangenheit liefert uns eine Fülle von Daten, aus denen wir etwas lernen können, um weiterhin Erfolg zu haben.
Normannisch-Grönland ist nur eine der vielen früheren Gesellschaften, die zusammenbrachen oder verschwanden und gigantische Ruinen hinterließen, wie Shelley sie in seinem Gedicht »Ozymandias« beschreibt. Unter »Zusammenbruch« verstehe ich einen drastischen Rückgang der Bevölkerungszahl und/oder der politisch-wirtschaftlich-sozialen Komplexität, der sich auf ein größeres Gebiet erstreckt und längere Zeit andauert. Das Phänomen des Zusammenbruchs ist also die Extremform des Niederganges, den es auch in schwächerer Ausprägung gibt; wie drastisch der Verfall einer Gesellschaft sein muss, bevor man ihn als Zusammenbruch bezeichnet, ist eine willkürliche Festlegung. Zu den milderen Formen des Niederganges gehören die normalen Schwankungen des Wohlstandes sowie kleinere politische, wirtschaftliche und soziale Umstrukturierungen, wie sie in jeder Gesellschaft vorkommen; die eine wird vielleicht von einem Nachbarn erobert, oder ihr Niedergang ist an den Aufstieg des Nachbarn gekoppelt, ohne dass sich dabei aber die Gesamtbevölkerungszahl oder die Komplexität der Region verändert, in einer anderen wird die herrschende Elite durch eine andere gestürzt oder verdrängt. Von einem vollständigen Zusammenbruch und nicht nur von einem geringfügigen Niedergang würde man nach solchen Maßstäben wahrscheinlich in folgenden Fällen sprechen: bei den Anasazi und Cahokia auf dem Gebiet der heutigen USA; bei den Mayastädten Mittelamerikas; bei den Gesellschaften der Moche und Tiwanaku in Südamerika; bei der mykenischen Kultur Griechenlands und der minoischen Kultur Kretas in Europa; bei Großzimbabwe und den Meroe in Afrika; bei Angkor Wat und den Harappan-Städten im Industal in Asien; und bei der Osterinsel im Pazifik.
Die gewaltigen Ruinen, die solche Gesellschaften hinterließen, bergen für uns alle eine romantische Faszination. Wir bestaunen sie, seit wir sie als Kinder zum ersten Mal auf Bildern gesehen haben. Wenn wir älter werden, planen wir in vielen Fällen einen Urlaub, um als Touristen hautnah Bekanntschaften mit ihnen zu machen. Wir fühlen uns von ihrer häufig atemberaubenden, unheimlichen Schönheit angezogen, aber auch von den Rätseln, die sie uns aufgeben. Die Größe der Ruinen zeugt vom früheren Reichtum und der Macht ihrer Erbauer – sie prahlen »Sieh meine Werke, die mächtigen, und verzweifle!«, um Shelleys Worte zu benutzen. Aber die Erbauer verschwanden und verließen die gewaltigen Bauwerke, die sie mit so großer Anstrengung errichtet hatten. Wie konnte eine Gesellschaft, die einst so mächtig war, am Ende zusammenbrechen? Welches Schicksal erlitten ihre einzelnen Mitglieder? Zogen sie fort, und wenn ja, warum? Oder starben sie auf unerfreuliche Weise? Hinter solchen romantischen Rätseln lauert eine quälende Frage: Könnte ein solches Schicksal am Ende auch unsere eigene, wohlhabende Gesellschaft ereilen? Werden die Touristen eines Tages staunend die rostigen Gerippe der Wolkenkratzer von New York anstarren, so wie wir heute vor den dschungelüberwucherten Ruinen der Mayastädte stehen?
Schon seit langem hat man die Vermutung, dass dieses rätselhafte Verlassen zumindest teilweise durch ökologische Probleme ausgelöst wurde: Die Menschen hatten in ihrer Umwelt unabsichtlich die Ressourcen zerstört, auf die ihre Gesellschaft angewiesen war. Bestätigt wurde dieser Verdacht des unbeabsichtigten ökologischen Selbstmordes – des Ökozids – in den letzten Jahrzehnten durch die Entdeckungen von Archäologen, Klimaforschern, Historikern, Paläontologen und Palynologen (Pollenforschern). Die Vorgänge, mit denen die früheren Gesellschaften sich selbst durch Schädigung der Umwelt die Grundlage entzogen, lassen sich in acht Kategorien einteilen, die im Einzelfall jeweils von unterschiedlich großer Bedeutung waren: Entwaldung und Lebensraumzerstörung, Probleme mit dem Boden (Erosion, Versalzung, nachlassende Fruchtbarkeit), Probleme mit der Wasserbewirtschaftung, übermäßige Jagd, Überfischung, Auswirkungen eingeschleppter Tiere und Pflanzen auf einheimische Arten, Bevölkerungswachstum und steigender Pro-Kopf-Effekt der Menschen.
Solche Zusammenbrüche liefen in früheren Zeiten vielfach ähnlich ab und stellen gewissermaßen Variationen des gleichen Themas dar. Das Bevölkerungswachstum zwang die Menschen zur Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion (Bewässerung, doppelte Ernte, Anlage von Terrassen) und zur Ausweitung der Produktionsflächen: Statt gut geeigneter Flächen musste man nun auch weniger gute bewirtschaften, um immer mehr hungrige Münder zu füttern. Nicht nachhaltige Methoden führten zu den zuvor aufgeführten Umweltschäden, mit der Folge, dass man weniger geeignete landwirtschaftliche Flächen wieder aufgab. Daraus erwuchsen für die Gesellschaft zahlreiche Folgen: Nahrungsknappheit, Hungersnöte, Krieg um knapp bemessene Ressourcen, und die Absetzung der herrschenden Eliten durch enttäuschte Untertanen. Schließlich ging die Bevölkerungszahl durch Hunger, Krieg oder Krankheiten zurück, und die Gesellschaft verlor einen Teil der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Komplexität, die sie in ihrer Blütezeit besessen hatte. Als Autor ist man leicht versucht, Parallelen zwischen solchen Entwicklungen menschlicher Gesellschaften und dem Lebensweg einzelner Menschen zu ziehen – man spricht von Geburt, Wachstum, besten Jahren, Alter und Tod einer Gesellschaft – und dabei zu unterstellen, dass die lange Phase der Alterung, die wir zwischen unseren besten Jahren und dem Tod in der Regel durchmachen, sich auch in der Gesellschaft wiederholt. Aber für viele frühere Gesellschaften (und in der Neuzeit für die Sowjetunion) hat sich die Metapher als falsch erwiesen: Ihr Niedergang vollzog sich nach dem Höhepunkt von Größe und Macht sehr schnell, sodass er für die Bürger eine ziemliche Überraschung und ein Schock gewesen sein muss. Im schlimmsten Fall, nach dem vollständigen Zusammenbruch, mussten alle Mitglieder einer Gesellschaft auswandern oder sterben. Natürlich sind nicht alle früheren Gesellschaften diesen bitteren Weg bis zum Ende gegangen: Die einzelnen Gesellschaften brachen in unterschiedlichem Ausmaß und auf etwas unterschiedliche Weise zusammen, und in vielen Fällen geschah es überhaupt nicht.
Heute bereitet die Gefahr solcher Zusammenbrüche zunehmend Sorgen; in Somalia, Ruanda und einigen anderen Staaten der Dritten Welt sind sie bereits eingetreten. Viele Menschen fürchten, dass der Ökozid für die globale Zivilisation bereits eine größere Bedrohung darstellt als Atomkrieg und Krankheiten. Wir haben es heute mit den gleichen Umweltproblemen zu tun, die auch frühere Gesellschaften zu Fall brachten, und zusätzlich kommen vier neue hinzu: von Menschen verursachter Klimawandel, Anhäufung von Umweltgiften, Energieknappheit und die vollständige Nutzung der weltweiten Photosynthesekapazität durch den Menschen. Die meisten dieser zwölf Gefahren werden den Voraussagen zufolge in den kommenden Jahrzehnten eine kritische Phase erreichen: Entweder haben wir die Probleme bis dahin gelöst, oder die Probleme werden nicht nur Somalia zugrunde richten, sondern auch die Gesellschaft in den Industriestaaten. Wahrscheinlicher als ein Weltuntergangsszenario, in dem die Menschen aussterben oder die industrielle Zivilisation einen apokalyptischen Zusammenbruch erlebt, ist eine Zukunft mit »nur« erheblich geringerem Lebensstandard, einer größeren ständigen Gefährdung und dem Verfall dessen, was wir heute für unsere zentralen Werte halten. Ein solcher Zusammenbruch kann sich in verschiedenen Formen ereignen, beispielsweise durch die weltweite Verbreitung von Krankheiten oder aber durch Kriege, die ihre Ursache letztlich in der Knappheit der Umweltressourcen haben. Wenn diese Überlegung richtig ist, bestimmen wir mit unseren heutigen Bemühungen über den Zustand der Welt, in der die Generation der derzeitigen Kinder und jungen Erwachsenen in ihren mittleren und späteren Jahren leben wird.
Wie schwer die gegenwärtigen Umweltprobleme sind, wird heftig diskutiert. Werden die Gefahren übertrieben, oder werden sie im Gegenteil unterschätzt? Ist es ein vernünftiger Gedanke, dass die heutige Weltbevölkerung von fast sieben Milliarden Menschen mit unserer machtvollen modernen Technologie die Umwelt weltweit viel schneller zugrunde richtet als ein paar Millionen Menschen mit Stein- und Holzwerkzeugen, die in der Vergangenheit lokal bereits ebenfalls starke Schäden anrichteten? Wird die moderne Technologie die Probleme lösen, oder schafft sie mehr neue Probleme, als dass sie alte beseitigt? Können wir uns darauf verlassen, dass wir erschöpfte Ressourcen (zum Beispiel Wälder, Erdöl oder Meeresfische) immer durch neue (zum Beispiel Kunststoff, Wind- und Sonnenenergie, Fischfarmen) ersetzen können? Nimmt das Tempo des Bevölkerungswachstums nicht ab, sind wir also nicht schon fast so weit, dass die Weltbevölkerung sich bei einer noch vertretbaren Zahl einpendelt?
Alle diese Fragen machen deutlich, warum die berühmten Zusammenbrüche der Vergangenheit heute eine Bedeutung angenommen haben, die weit über die eines romantischen Rätsels hinausgeht. Vielleicht können wir daraus praktische Lehren ziehen. Wir wissen, dass manche Gesellschaften früherer Zeiten zusammengebrochen sind, andere aber nicht: Warum waren einige von ihnen besonders anfällig? Wie sahen die Vorgänge, durch die Gesellschaften früherer Zeiten Ökozid begingen, im Einzelnen aus? Warum erkannten manche Gesellschaften nicht, in welchen Schlamassel sie gerieten, obwohl dies (so hat es zumindest im Rückblick den Anschein) offenkundig gewesen sein muss? Mit welchen Lösungen hatten die Menschen zu früheren Zeiten Erfolg? Wenn wir Antworten auf solche Fragen hätten, könnten wir auch feststellen, welche Gesellschaften heute am stärksten gefährdet sind und mit welchen Maßnahmen man ihnen am besten helfen könnte, ohne dass wir auf weitere Zusammenbrüche nach der Art von Somalia warten müssten.
Aber zwischen der modernen Welt mit ihren Problemen und solchen Gesellschaften der Vergangenheit bestehen auch Unterschiede. Wir sollten nicht so naiv sein und glauben, die Beschäftigung mit der Vergangenheit werde einfache Lösungen liefern, die sich unmittelbar auf unsere heutigen Verhältnisse übertragen lassen. Zwischen uns und früheren Gesellschaften bestehen einige Unterschiede, durch die wir einer geringeren Gefahr ausgesetzt sind; in diesem Zusammenhang wird häufig unsere hoch entwickelte Technik (das heißt ihre positiven Auswirkungen) genannt, aber auch die Globalisierung, die moderne Medizin sowie größere Kenntnisse über Gesellschaften früherer Zeiten und heutige Gesellschaften in fernen Gegenden. Manche Unterschiede zu früheren Gesellschaften haben aber auch zur Folge, dass wir heute stärker gefährdet sind: Auch hier wäre unsere machtvolle Technologie (mit ihren unbeabsichtigten Zerstörungswirkungen) zu nennen, aber auch die Globalisierung (sodass ein Zusammenbruch im weit entfernten Somalia sich heute auch auf die USA und Europa auswirkt), die Abhängigkeit vieler Millionen (und bald Milliarden) Menschen von der modernen Medizin und die wesentlich größere Weltbevölkerung. Vielleicht können wir dennoch aus der Vergangenheit etwas lernen, aber dazu müssen wir über diese Schlussfolgerungen sehr genau nachdenken.
Bei allen Bemühungen, Zusammenbrüche früherer Zeiten zu verstehen, muss man sich mit einer großen Kontroverse und vier Komplikationen auseinander setzen. Die Kontroverse erwächst aus der Ablehnung der Idee, frühere Völker (von denen manche die Vorfahren heute lebender, beredter Gruppen sind) könnten etwas getan haben, das zu ihrem eigenen Untergang beitrug. Wir sind uns heute der Umweltschäden viel stärker bewusst als noch vor wenigen Jahrzehnten. Selbst Schilder in Hotelzimmern berufen sich mittlerweile auf die Umwelt und vermitteln uns ein schlechtes Gewissen, wenn wir frische Handtücher wünschen oder das Wasser laufen lassen. Die Umwelt zu schädigen gilt heute moralisch als wesentlich sträflicher.
Erwartungsgemäß haben die Ureinwohner Hawaiis und die Maori nicht gerade viel für Paläontologen übrig, die ihnen erzählen, ihre Vorfahren hätten die Hälfte aller Vogelarten ausgerottet, deren Evolution in Hawaii oder Neuseeland stattgefunden hat. Und ebenso wenig Sympathie hegen die amerikanischen Ureinwohner für Archäologen, die ihnen sagen, dass die Anasazi im Südwesten der USA weite Flächen abgeholzt haben. Die angeblichen Entdeckungen der Paläontologen und Archäologen hören sich in manchen Ohren einfach nach einer weiteren Spielart rassistischer Äußerungen an, mit denen die Weißen indigene Völker enteignen wollen. Es ist, als wollten die Wissenschaftler sagen: »Eure Vorfahren haben das Land schlecht verwaltet, und deshalb geschieht es euch recht, wenn ihr vertrieben werdet.« Einige Weiße in Amerika und Australien, die etwas gegen staatliche Zahlungen und Landrückgabe an amerikanische Ureinwohner und australische Aborigines haben, vertreten heute tatsächlich unter Verweis auf die Entdeckungen eine solche Argumentation. Aber nicht nur die indigenen Völker, sondern auch mehrere Anthropologen und Archäologen, die sich mit ihnen beschäftigen und identifizieren, halten die angeblichen Entdeckungen aus jüngerer Zeit für rassistische Lügen.
Manche indigenen Völker und die Anthropologen, die sich mit ihnen identifizieren, verfallen ins andere Extrem. Sie behaupten steif und fest, indigene Völker seien früher und heute stets sanfte, ökologisch kluge Verwalter ihrer Umwelt gewesen, hätten die Natur genau gekannt und respektiert, seien unschuldige Bewohner eines Paradieses gewesen und hätten niemals etwas Schlechtes tun können. In Neuguinea sagte mir einmal ein Jäger: »Wenn es mir an einem Tag gelingt, in einer Richtung von unserem Dorf aus eine große Taube zu schießen, warte ich eine Woche, bevor ich wieder auf die Taubenjagd gehe, und dann wandere ich in die andere Richtung.« Nur die bösen Bewohner der Ersten Welt stehen demnach der Natur als Ignoranten gegenüber und zerstören die Umwelt, anstatt sie zu respektieren.
In dieser Kontroverse begehen die Vertreter beider Extrempositionen – die Rassisten und die Anhänger der Idee vom Garten Eden – den gleichen Fehler: Sie nehmen an, die indigenen Völker der Vergangenheit hätten sich grundlegend von den heutigen Bewohnern der Industrieländer unterschieden und seien ihnen entweder unter- oder überlegen gewesen. Die nachhaltige Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen war immer schwierig, seit sich beim Homo sapiens vor rund 50000 Jahren Erfindungsreichtum, Effizienz und die Fähigkeit zur Jagd entwickelten. Seit die Menschen vor etwa 46000 Jahren zum ersten Mal den australischen Kontinent besiedelten – woraufhin dort sehr schnell die meisten Riesenbeuteltiere und andere große Tiere ausstarben –, folgte auf die Besiedelung jener zuvor menschenleeren Landmasse – Australien, Nord- und Südamerika, Madagaskar, die Mittelmeerinseln, Hawaii, Neuseeland und Dutzende anderer Pazifikinseln – immer eine Welle des Aussterbens großer Tiere, die sich dort ungestört entwickelt hatten und nun eine leichte Beute waren oder den vom Menschen verursachten Lebensraumveränderungen, eingeschleppten Schädlingen und Krankheiten zum Opfer fielen. Jede Bevölkerung kann in die Falle tappen und die natürlichen Ressourcen übermäßig ausbeuten; das liegt an den allgegenwärtigen Problemen, die wir im weiteren Verlauf dieses Buches genauer betrachten werden: Die Ressourcen scheinen anfangs unerschöpflich zu sein, erste Anzeichen ihrer Erschöpfung bleiben wegen der normalen, jahre- oder jahrzehntelangen Schwankungen zunächst unbemerkt, den Menschen fällt es schwer, sich auf Einschränkungen bei der Nutzung gemeinsamer Ressourcen zu einigen (die so genannte »Tragödie der Gemeingüter« oder »Tragik der Allmende«, die in späteren Kapiteln genauer erörtert wird), und die Ökosysteme sind so komplex, dass es selbst einem professionellen Ökologen praktisch unmöglich ist, die Folgen menschlicher Eingriffe vorauszusagen. Umweltprobleme, die sich heute nur schwer beherrschen lassen, waren in der Vergangenheit sicher noch schwieriger zu handhaben. Insbesondere für Völker früherer Zeiten, die Analphabeten waren und keine Fallberichte über Gesellschaftszusammenbrüche lesen konnten, stellten Umweltschäden eine tragische, unvorhergesehene, ungewollte Folge ihrer besten Absichten dar und hatten nichts mit einem moralisch verwerflichen, blinden oder bewussten Egoismus zu tun. Die Gesellschaften, die am Ende zusammenbrachen, waren nicht dumm oder primitiv, sondern sie gehörten (wie beispielsweise die Maya) zu den kreativsten und (eine Zeit lang) am höchsten entwickelten und erfolgreichsten ihrer Epoche.
Die Völker früherer Zeiten waren weder unkundige, schlechte Verwalter, die es verdient hatten, dass sie am Ende ausgelöscht oder vertrieben wurden, noch die allwissenden, verantwortungsvollen Umweltschützer, die im Gegensatz zu uns alle Probleme lösen konnten. Sie waren Menschen wie wir und standen in einem weit gefassten Sinn vor ganz ähnlichen Problemen. Sie waren entweder zum Erfolg oder zum Scheitern verdammt, und die Umstände, die dazu führten, lassen in ganz ähnlicher Form heute auch uns Erfolg haben oder scheitern. Zwischen der Lage früherer Völker und unserer heutigen Situation bestehen natürlich auch Unterschiede, aber die Übereinstimmungen sind so groß, dass wir aus der Vergangenheit etwas lernen können.
Vor allem erscheint es mir aberwitzig und gefährlich, wenn man historische Annahmen über den Umgang einheimischer Völker mit der Umwelt dazu benutzt, eine faire Behandlung dieser Menschen zu rechtfertigen. In vielen, vielleicht sogar den meisten Fällen haben Historiker und Archäologen stichhaltige Belege gefunden, dass diese Annahme (eines paradiesischen Umweltbewusstseins) falsch ist. Zieht man sie heran, um faires Verhalten gegenüber indigenen Völkern zu rechtfertigen, sagt man damit implizit auch, dass eine schlechte Behandlung vertretbar ist, wenn man die Annahme widerlegen kann. In Wirklichkeit speist sich die Begründung, die gegen eine schlechte Behandlung spricht, nicht aus historischen Vermutungen über ihren Umgang mit der Umwelt, sondern auf einen ethischen Grundsatz: Es ist moralisch falsch, wenn ein Volk ein anderes enteignet, unterdrückt oder ausrottet.
Das ist die Kontroverse im Zusammenhang mit den ökologischen Zusammenbrüchen der Vergangenheit. Was die Komplikationen angeht, so stimmt es natürlich nicht, dass alle Gesellschaften zum Zusammenbruch durch Umweltschäden verdammt waren: Früher haben manche Gesellschaften ein solches Schicksal erlitten, andere aber nicht; die eigentliche Frage lautet: Warum haben sich nur manche Gesellschaften als labil erwiesen, und was unterscheidet jene von den anderen, die erhalten blieben? Einige Gesellschaften, die ich im Folgenden genauer betrachten werde, beispielsweise die auf Island und Tikopia, wurden mit äußerst schwierigen Umweltproblemen fertig, konnten deshalb über sehr lange Zeit bestehen bleiben und gedeihen heute noch. Als norwegische Siedler in Island zum ersten Mal einer Umwelt gegenüber standen, die auf den ersten Blick jener in Norwegen zu ähneln schien, in Wirklichkeit aber ganz anders war, zerstörten sie unabsichtlich große Teile des isländischen Mutterbodens und fast sämtliche Wälder. Später war Island lange Zeit das ärmste und ökologisch am stärksten verwüstete Land Europas. Aber die Isländer lernten aus ihren Erfahrungen, ergriffen strenge Umweltschutzmaßnahmen und erfreuen sich heute eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen auf der ganzen Welt. Die Bürger von Tikopia bewohnen eine winzige Insel und sind von sämtlichen Nachbarn so weit entfernt, dass sie in fast allem zu Selbstversorgern werden mussten, aber sie bewirtschafteten ihre Ressourcen im Kleinen so gut und hielten ihre Bevölkerungszahl so streng unter Kontrolle, dass ihre Insel auch heute, nach 3000 Jahren der menschlichen Besiedelung, noch produktiv ist. Dieses Buch ist also keine ununterbrochene Folge deprimierender Berichte über das Versagen, sondern es enthält auch Erfolgsgeschichten, die zur Nachahmung anregen und Optimismus verbreiten können.
Außerdem kenne ich keinen einzigen Fall, in dem man den Zusammenbruch einer Gesellschaft ausschließlich auf Umweltschäden zurückführen könnte; immer tragen auch andere Faktoren dazu bei. Als ich mit den Planungen für dieses Buch begann, konnte ich derartige Komplikationen noch nicht richtig einschätzen, und ich hatte die naive Vorstellung, es würde ausschließlich von der Schädigung der Umwelt handeln. Schließlich gelangte ich zu einem fünfteiligen Schema für die Faktoren, die an solchen Ereignissen mitwirken, und in diesem Rahmen versuche ich jetzt, mutmaßliche umweltbedingte Zusammenbrüche zu verstehen. Vier meiner Faktoren – Umweltschäden, Klimaveränderungen, feindliche Nachbarn und freundliche Handelspartner – können sich in einer bestimmten Gesellschaft als bedeutsam erweisen oder auch nicht. Der Fünfte, die Reaktion einer Gesellschaft auf ihre Umweltprobleme, ist immer von Bedeutung. Wir wollen diese fünf Faktoren nacheinander betrachten; die Reihenfolge stellt dabei keine Rangfolge dar, sondern orientiert sich nur an der bequemsten Art der Darstellung.
Der erste Faktor sind die bereits erwähnten Schäden, die eine Bevölkerungsgruppe ihrer Umwelt unabsichtlich zufügt. Wie groß diese Schäden sind und wie weit sie sich rückgängig machen lassen, hängt einerseits vom Verhalten der Menschen ab (beispielsweise davon, wie viele Bäume je Hektar sie in einem Jahr abholzen), andererseits aber auch von den Eigenschaften der Umwelt (beispielsweise davon, wie viele Keimlinge je Hektar und Jahr neu anwachsen und wie schnell sie größer werden). Solche Umwelteigenschaften bezeichnet man als Empfindlichkeit (Anfälligkeit für Schäden) oder Widerstandskraft (Erholungspotenzial nach Schädigungen); dabei kann man getrennt die Empfindlichkeit oder Widerstandsfähigkeit der Wälder, Böden, Fischbestände und anderer Aspekte einer Region betrachten. Dass nur bestimmte Gesellschaften einen Umweltzusammenbruch erlebten, kann also im Prinzip an mangelnder Klugheit der Menschen und/oder an einer besonderen Empfindlichkeit mancher Teile der Umwelt liegen.
Die nächste Überlegung in meinem fünfteiligen Schema betrifft Klimaveränderungen. Mit diesem Begriff bezeichnen wir heute vor allem die von Menschen verursachte globale Erwärmung. Dass das Klima wärmer oder kälter, feuchter oder trockener und von Monat zu Monat oder auch von Jahr zu Jahr schwankender wird, kann aber auch an Naturkräften liegen, die nichts mit dem Menschen zu tun haben. Solche Kräfte sind beispielsweise die von der Sonne abgestrahlte Wärme, Vulkanausbrüche, die Staub in die Atmosphäre entlassen, Veränderungen in der Orientierung der Erdachse relativ zur Erdumlaufbahn und Veränderungen in der Verteilung von Land und Wasser auf der Erdoberfläche. Häufig diskutierte natürliche Klimaveränderungen sind zum Beispiel die vordringenden und zurückweichenden Eiskappen während der Eiszeiten, die vor über zwei Millionen Jahren begannen, die so genannte kleine Eiszeit zwischen 1400 und 1800, und die globale Abkühlung nach dem gewaltigen Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora am 5. April 1815. Bei dieser Eruption gelangte so viel Staub in die oberen Atmosphärenschichten, dass weniger Sonnenlicht die Erde erreichte, bis der Staub sich gesetzt hatte. Dies führte wegen der kühleren Temperaturen in Nordamerika und Europa zu großen Hungersnöten, und 1816 (dem »Jahr ohne Sommer«) ging der Getreideertrag stark zurück.
Für die Gesellschaften früherer Zeiten, in denen die Menschen kürzer lebten und nicht schreiben konnten, waren Klimaveränderungen ein noch größeres Problem: In vielen Regionen der Erde schwankt das Klima nämlich nicht nur von Jahr zu Jahr, sondern auch in Zeiträumen von mehreren Jahrzehnten; manchmal folgt beispielsweise auf mehrere feuchte Jahrzehnte ein trockenes halbes Jahrhundert. In vielen prähistorischen Gesellschaften betrug die Generationszeit der Menschen – das heißt die durchschnittliche Zahl der Jahre zwischen der Geburt von Eltern und Kindern – nur wenige Jahrzehnte. Wenn eine Phase mit mehreren feuchten Jahrzehnten zu Ende ging, hatten die meisten Menschen also keine eigene Erinnerung mehr an das vorangegangene trockenere Klima. Selbst heute neigen die Menschen dazu, in guten Jahrzehnten Produktion und Bevölkerungszahl zu steigern, und dabei vergessen sie (oder wussten es früher überhaupt nicht), dass solche Jahrzehnte wahrscheinlich kein Dauerzustand sind. Wenn die gute Phase dann zu Ende geht, ist die Bevölkerung so groß, dass nicht mehr alle versorgt werden können, oder es haben sich Gewohnheiten breit gemacht, die sich nicht für die neuen Klimaverhältnisse eignen. (Man denke nur heute an den trockenen Westen der USA, wo in Städten und auf dem Land Wasser im Übermaß verbraucht wird; häufig stammt diese Gewohnheit aus feuchteren Jahrzehnten, wobei man stillschweigend annahm, sie seien typisch.) Verschärft wurden solche durch Klimawandel verursachten Probleme, weil viele Gesellschaften früherer Zeiten nicht über »Katastrophenhilfemechanismen« verfügten, die einen Import von Nahrungsüberschüssen aus Regionen mit besserem Klima in die Not leidenden Gebiete erlaubt hätten. Alle diese Aspekte trugen dazu bei, dass Klimaveränderungen für frühere Gesellschaften eine beträchtliche Gefahr bedeuteten.
Natürliche Klimaveränderungen können für eine Gesellschaft bessere oder schlechtere Bedingungen schaffen, und manchmal profitiert eine Gesellschaft davon, während eine andere darunter leidet. (Wie wir beispielsweise noch genauer erfahren werden, war die kleine Eiszeit für die Norweger in Grönland schlecht, für die Inuit in Grönland aber gut.) In vielen historischen Fällen konnte eine Gesellschaft den selbst verschuldeten Ressourcenverlust verkraften, solange ein freundliches Klima herrschte; wenn es dann aber trockener, kälter, heißer, feuchter oder unbeständiger wurde, geriet sie an den Rand des Zusammenbruchs. Soll man den Zusammenbruch in einem solchen Fall auf die Umweltschädigung durch die Menschen oder auf den Klimawandel zurückführen? Hier stimmt keine der beiden einfachen Alternativen. Hätte die Gesellschaft ihre Ressourcen nicht bereits teilweise erschöpft, hätte sie den durch den Klimawandel verursachten Verlust wahrscheinlich überstanden. Umgekehrt hätte sie aber auch den selbst verschuldeten Ressourcenmangel verkraftet, wenn die Ressourcen nicht durch die Klimaveränderung noch weiter geschrumpft wären. Keiner der beiden Faktoren war die alleinige Ursache, sondern als tödlich erwies sich die Kombination aus Umweltschädigung und Klimawandel.
Ein dritter Faktor sind feindliche Nachbarn. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, siedelten Gesellschaften in historischer Zeit immer so eng, dass zwischen ihnen zumindest in einem gewissen Umfang Kontakte bestanden. Die Beziehungen zwischen Nachbargesellschaften können vorübergehend oder auf Dauer feindseliger Natur sein. Solange eine Gesellschaft stark ist, hält sie ihre Feinde unter Umständen auf Distanz, aber wenn sie aus irgendeinem Grund – beispielsweise durch eine Umweltschädigung – geschwächt wird, unterliegt sie. Der unmittelbare Anlass des Zusammenbruchs ist dann die militärische Eroberung, aber der eigentliche Grund – der Einfluss, dessen Veränderung zum Zusammenbruch führte – ist derjenige, der die Schwächung herbeigeführt hat. Deshalb verstecken sich Zusammenbrüche aus ökologischen oder anderen Gründen häufig hinter militärischen Niederlagen.
Die bekannteste Diskussion um eine solche Verschleierung betrifft den Untergang des weströmischen Reiches. Rom war zunehmend den Invasionen fremder Völker ausgesetzt, und als Datum für den Sturz des Reiches wird üblicherweise ein wenig willkürlich das Jahr 476 n.Chr. genannt, als der letzte weströmische Kaiser abgesetzt wurde. Aber schon vor dem Aufstieg des römischen Reiches hatte es »Barbarenstämme« gegeben, die in Nordeuropa und Zentralasien jenseits der Grenzen des »zivilisierten« Mittelmeerraumes lebten und diesen zivilisierten Teil Europas (wie auch die zivilisierten Regionen Chinas und Indiens) immer wieder angriffen. Mehr als tausend Jahre lang konnte Rom die Barbaren fern halten, so beispielsweise im Jahr 101 v.Chr., als eine große Invasionsarmee aus Kimbern und Teutonen auf den Campi Raudii abgeschlachtet und an der Eroberung Norditaliens gehindert wurde.
Am Ende jedoch blieben nicht die Römer, sondern die Barbaren Sieger. Was war die eigentliche Ursache dieses Schicksalsumschwunges? Lag es daran, dass die Barbaren selbst sich verändert hatten und beispielsweise zahlreicher oder besser organisiert waren, bessere Waffen oder mehr Pferde besaßen oder von dem Klimawandel in den Steppen Zentralasiens profitierten? Wenn es so war, müssen wir in den Barbaren wirklich die grundlegende Ursache für den Fall Roms sehen. Oder waren es die alten, unveränderten Barbaren, die schon seit eh und je an den Grenzen des Römischen Reiches warteten und erst dann die Oberhand gewinnen konnten, als Rom durch eine Mischung aus wirtschaftlichen, politischen, ökologischen und anderen Problemen geschwächt war? Dann müsste man den Zusammenbruch auf Roms eigene Probleme zurückführen, und die Barbaren versetzten ihm nur den Gnadenstoß. Diese Frage ist bis heute umstritten. Die gleiche Diskussion gibt es auch im Zusammenhang mit dem Fall des Khmer-Reiches von Angkor Wat durch die Invasion der Nachbarn aus Thailand, mit dem Niedergang der Kultur von Harappan im Industal und der Invasion der Arier, sowie mit dem Zusammenbruch des Reiches von Mykene und anderer bronzezeitlicher Gesellschaften am Mittelmeer nach der Invasion von Seefahrern.
Der vierte Faktor ist das Gegenteil des dritten: abnehmende Unterstützung durch freundliche Nachbarn statt zunehmender Angriffe durch Feinde. Im Allgemeinen hatten die Gesellschaften in der Geschichte nicht nur feindliche Nachbarn, sondern auch freundlich gesonnene Handelspartner. Oft handelte es sich bei Partnern und Feinden um die gleichen Nachbarn, die sich abwechselnd freundlich und feindselig verhielten. Die meisten Gesellschaften sind bis zu einem gewissen Grad auf freundliche Nachbarn angewiesen, entweder weil sie lebenswichtige Handelsgüter importieren müssen (man denke nur heute an die Ölimporte der USA oder den Import von Öl, Holz und Meeresfrüchten nach Japan), oder aber weil kulturelle Bindungen die Gesellschaft zusammenhalten (wie in Australien, dessen kulturelle Identität bis vor kurzer Zeit aus Großbritannien importiert wurde). Daraus ergibt sich eine Gefahr: Wird der Handelspartner aus irgendeinem Grund (beispielsweise durch Umweltschäden) geschwächt, sodass er die unentbehrlichen Importe oder kulturelle Bindungen nicht mehr bereitstellen kann, führt dies auch zu einer Schwächung der eigenen Gesellschaft. Dieses Problem ist uns heute sehr vertraut, denn die Industrieländer sind auf das Öl aus ökologisch empfindlichen und politisch unruhigen Drittweltländern angewiesen, die 1973 ein Ölembargo verhängten. Ähnliche Schwierigkeiten hatten in der Vergangenheit auch das norwegische Grönland, die Pitcairn-Inseln und andere Gesellschaften.
Der letzte meiner fünf Faktoren hat mit der allgegenwärtigen Frage zu tun, wie eine Gesellschaft auf ihre – ökologischen oder sonstigen – Probleme reagiert. Verschiedene Gesellschaften reagieren unterschiedlich auf ähnliche Herausforderungen. In der Vergangenheit hatten beispielsweise viele Gesellschaften große Schwierigkeiten mit der Waldzerstörung; im Hochland von Neuguinea sowie in Japan, auf Tikopia und den Tonga-Inseln entwickelte man daraufhin eine erfolgreiche Forstwirtschaft, und es ging den Ländern weiterhin gut, auf der Osterinsel, Mangareva und Normannisch-Grönland dagegen gelang eine Bewirtschaftung der Wälder nicht, und es kam zum Zusammenbruch. Wie sind solche unterschiedlichen Ergebnisse zu verstehen? Die Reaktionen einer Gesellschaft erwachsen aus ihren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen sowie aus ihren kulturellen Werten. Diese Institutionen und Werte haben Einfluss darauf, ob die Gesellschaft ihre Probleme lösen kann (oder überhaupt zu lösen versucht). Im weiteren Verlauf des vorliegenden Buches werden wir im Zusammenhang mit jeder Gesellschaft, deren Zusammenbruch oder Überleben wir betrachten, dieses fünfteilige Schema anwenden.
Eines sollte ich natürlich hinzufügen: Genau wie Klimawandel, feindliche Nachbarn und freundliche Handelspartner, so tragen auch Umweltschäden in manchen Fällen zum Zusammenbruch einer Gesellschaft bei, in anderen jedoch nicht. Die Behauptung, Umweltschäden seien eine entscheidende Ursache aller Zusammenbrüche gewesen, ist absurd: Ein Gegenbeispiel aus jüngerer Zeit ist der Zusammenbruch der Sowjetunion, aus der Antike kann man die Zerstörung Karthagos durch die Römer im Jahr 146 v.Chr. anführen. Es liegt auf der Hand, dass manchmal auch militärische oder wirtschaftliche Faktoren allein ausreichen. Der vollständige Titel dieses Buches müsste also eigentlich lauten: »Gesellschaftszusammenbrüche mit ökologischer Komponente, in manchen Fällen auch unter Beteiligung von Klimawandel, feindseligen Nachbarn, freundlichen Handelspartnern und Fragen der gesellschaftlichen Reaktion«. Aber auch mit dieser Einschränkung bleibt aus Geschichte und Gegenwart noch eine Menge Material, dessen Betrachtung sich lohnt.
Einerseits bin ich seit meinem sechsten Lebensjahr begeisterter Vogelliebhaber. Ich habe Biologie studiert und erforsche seit vierzig Jahren die Vögel im Regenwald von Neuguinea. Ich liebe Vögel, es macht mir Spaß, sie zu beobachten, und ich halte mich gern im Regenwald auf. Ebenso liebe ich andere Pflanzen, Tiere und Lebensräume, und ich schätze sie um ihrer selbst willen. Ich habe mich an vielen Projekten beteiligt, mit denen Arten und natürliche Lebensräume in Neuguinea und anderswo geschützt werden sollten. Während der letzten zwölf Jahre war ich Direktor beim US-amerikanischen Zweig des World Wildlife Fund, einer der größten internationalen Umweltschutzorganisationen, die auch wie kaum eine andere weltweit ausgerichtet ist. Das alles hat mir viel Kritik von Nichtumweltschützern eingetragen: Sie belegen mich mit Formulierungen wie »Angstmacher«, »Diamond predigt Dunkelheit und Untergang«, »er übertreibt die Risiken« oder »ihm ist das gefährdete Sumpfläusekraut wichtiger als die Bedürfnisse der Menschen«. Aber auch wenn ich die Vögel Neuguineas liebe, liebe ich doch meine Söhne, meine Frau, meine Freunde, die Menschen Neuguineas und andere noch viel mehr. Für Umweltfragen interessiere ich mich vor allem wegen ihrer Auswirkungen auf die Menschen und nicht wegen ihrer Folgen für die Vögel.
Andererseits verbinden mich viele Erfahrungen, Interessen und laufende Projekte mit Großunternehmen und anderen gesellschaftlichen Kräften, die ökologische Ressourcen ausbeuten und häufig als Umweltfeinde gelten. Als Jugendlicher habe ich in Montana auf großen Rinderfarmen gearbeitet, und heute, als erwachsener Mann und Vater, fahre ich mit meiner Frau und meinen Söhnen regelmäßig in den Sommerferien dorthin. Einen Sommer lang hatte ich einen Job in einem Kupferbergwerk in Montana. Ich liebe diesen Staat und meine Freunde unter den dortigen Bauern, ich verstehe und bewundere ihre landwirtschaftlichen Betriebe und ihre Lebensweise, und ich habe ihnen dieses Buch gewidmet. Ich den letzten Jahren hatte ich auch häufig die Gelegenheit, die großen, Ressourcen verbrauchenden Bergbau-, Holz-, Fischerei-, Öl- und Erdgasunternehmen zu beobachten und mich mit ihnen vertraut zu machen. In den letzten sieben Jahren habe ich die ökologischen Auswirkungen des größten Öl- und Erdgasfeldes in Papua-Neuguinea überwacht, wo die Ölkonzerne den World Wildlife Fund beauftragt hatten, die Umweltsituation unabhängig zu beurteilen. Ich habe lange Gespräche mit ihren Managern und Angestellten geführt, sodass ich mittlerweile auch ihre Sichtweisen und Probleme verstehe.
Durch solche Kontakte zu Großunternehmen konnte ich aus nächster Nähe beobachten, welche verheerenden Umweltschäden sie in vielen Fällen verursachen, aber ebenso habe ich aus nächster Nähe miterlebt, wie Großunternehmen in manchen Fällen aus eigenem Interesse strengere und wirksamere Umweltschutzmaßnahmen ergriffen haben als so mancher Nationalpark. Mich interessiert, welche Motive hinter diesen unterschiedlichen Einstellungen einzelner Firmen gegenüber der Umwelt stehen. Insbesondere meine Kontakte zu den Ölkonzernen hat mir von manchen Umweltschützern vernichtende Urteile eingebracht; von ihnen höre ich Formulierungen wie »Diamond hat sich an die Konzerne verkauft«, »er liegt mit der Großindustrie im Bett« oder »er prostituiert sich für die Ölfirmen«.
In Wirklichkeit stehe ich bei keinem Großunternehmen auf der Gehaltsliste, und ich beschreibe selbst dann, wenn ich bei ihnen zu Gast war, ganz offen die Vorgänge in ihrem Einflussbereich. In manchen Gebieten habe ich miterlebt, wie Öl- und Holzkonzerne große Zerstörungen angerichtet haben, und das habe ich dann auch deutlich gesagt; anderswo habe ich gesehen, dass sie vorsichtig waren, und dann habe ich auch das gesagt. Nach meiner Ansicht werden die Umweltprobleme der Welt nicht zu lösen sein, wenn die Umweltschützer nicht bereit sind, sich mit den Großkonzernen einzulassen, denn die gehören zu den mächtigsten Institutionen überhaupt. Deshalb schreibe ich dieses Buch aus der Sicht eines mittleren Standpunktes, vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit Umweltproblemen wie auch mit der wirtschaftlichen Realität.
Wie kann man den Zusammenbruch von Gesellschaften »wissenschaftlich« untersuchen? Wissenschaft ist einer verbreiteten falschen Darstellung zufolge »das Wissen, das durch wiederholbare, kontrollierte Laborexperimente gewonnen wurde«. In Wirklichkeit ist sie etwas viel Umfassenderes: der Erwerb zuverlässiger Kenntnisse über die Welt. Auf manchen Gebieten, beispielsweise in der Chemie oder Molekularbiologie, sind wiederholbare, kontrollierte Laborexperimente möglich und das bei weitem zuverlässigste Mittel, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Meine offizielle Ausbildung spielte sich auf zwei solchen Teilgebieten der »Laborbiologie« ab: Mein erstes Examen machte ich in Biochemie, meinen Doktor dann in Physiologie. Von 1955 bis 2002 betrieb ich experimentelle physiologische Forschung im Labor, zunächst an der Harvard University und später an der University of California in Los Angeles.
Als ich 1964 anfing, im Regenwald von Neuguinea die Vögel zu beobachten, stand ich sofort vor einem Problem: Wie sollte ich zuverlässige Erkenntnisse gewinnen, ohne dass ich auf wiederholbare, kontrollierte Labor- oder Freilandexperimente zurückgreifen konnte? In der Regel ist es weder praktikabel noch juristisch oder ethisch vertretbar, Kenntnisse über Vögel zu gewinnen, indem man ihre Bestände an einer Stelle ausrottet oder beeinträchtigt, während man sie an einem anderen Ort zur Kontrolle unbehelligt lässt. Ich musste anders vorgehen. Ähnliche methodische Probleme ergeben sich in anderen Bereichen der Populationsbiologie, aber auch in der Astronomie, Epidemiologie, Geologie und Paläontologie.
Häufig kann man die Schwierigkeiten umgehen, indem man »vergleichende Untersuchungen« anstellt oder »natürliche Experimente« beobachtet, das heißt, man vergleicht natürliche Situationen, die sich im Hinblick auf die untersuchte Variable unterscheiden. Wenn ich mich als Ornithologe beispielsweise für die Frage interessiere, wie der Rostohr-Honigfresser der Gattung Melidectes sich in Neuguinea auf die Bestände anderer Honigfresserarten auswirkt, vergleiche ich die Vogelpopulationen auf Bergen, die sich möglichst ähnlich sind, wobei der eine einer Melidectes-Population eine Lebensgrundlage bietet, der andere jedoch nicht. Etwas ganz Ähnliches tue ich auch in meinen Büchern Der dritte Schimpanse – Evolution und Zukunft des Menschen und Warum macht Sex Spaß? – Die Evolution der menschlichen Sexualität: Ich vergleiche verschiedene Tierarten – insbesondere Primaten – und versuche auf diese Weise herauszufinden, warum Frauen (im Gegensatz zu den Weibchen der meisten anderen Tierarten) in die Wechseljahre kommen und den Zeitpunkt des Eisprunges nicht deutlich erkennen lassen, warum Männer nach den Maßstäben des Tierreiches einen relativ großen Penis haben und warum Sex bei Menschen in der Regel im Privatbereich stattfindet, während fast alle anderen Tierarten ihn ganz offen praktizieren. Eine umfangreiche Literatur berichtet über die offenkundigen Fallstricke dieser vergleichenden Methode und die Wege, auf denen man sie am besten vermeiden kann. Insbesondere in den historischen Wissenschaften wie Evolutionsbiologie und historischer Geologie, wo man die Vergangenheit ja nicht experimentell beeinflussen kann, muss man notgedrungen auf Laborversuche als Ersatz für natürliche Experimente zurückgreifen.
In diesem Buch wende ich die vergleichende Methode an, um Gesellschaftszusammenbrüche zu verstehen, zu denen Umweltprobleme beigetragen haben. In meinem vorherigen Buch Arm und reich – Die Schicksale menschlicher Gesellschaften habe ich nach dem gleichen Verfahren die umgekehrte Frage untersucht: warum Gesellschaften während der letzten 13000 Jahre auf den einzelnen Kontinenten so unterschiedlich schnell aufgestiegen sind. In dem vorliegenden Buch konzentriere ich mich nicht auf den Aufschwung, sondern auf den Zusammenbruch; ich vergleiche viele Gesellschaften aus Vergangenheit und Gegenwart im Hinblick auf die Unterschiede bei ökologischer Empfindlichkeit, Beziehungen zu Nachbarn, politischen Institutionen und anderen »Ausgangsvariablen«, die sich der Theorie zufolge auf ihre Stabilität auswirken. Die »Ergebnisvariablen«, die ich untersuche, sind Zusammenbruch oder Überleben, sowie die Form des Zusammenbruches, falls ein solcher stattfindet. Indem ich einen Zusammenhang zwischen Ergebnisvariablen und Ausgangsvariablen herstelle, möchte ich den Einfluss potenzieller Ausgangsvariablen auf den Zusammenbruch dingfest machen.
Eine strenge, umfassende und quantitative Anwendung dieser Methode war im Zusammenhang mit den Zusammenbrüchen auf Pazifikinseln möglich, die durch das Abholzen der Wälder verursacht wurden. Die prähistorischen Völker im Pazifikraum rodeten die Wälder auf ihren Inseln in unterschiedlichem Umfang; manche taten kaum etwas, andere vernichteten die Wälder völlig, und die Folgen reichten von langfristigem Erhalt bis zum völligen Zusammenbruch, bei dem alle Menschen ums Leben kamen. Zusammen mit meinem Kollegen Barry Rolett erfasste ich auf 81 Pazifikinseln den Grad des Waldverlustes auf einer Zahlenskala, und ebenso vermaßen wir neun Ausgangsvariablen (beispielsweise Niederschlagsmenge, Isolation und Wiederherstellung der Fruchtbarkeit des Bodens), die sich unserem Postulat zufolge auf die Entwaldung auswirken sollten. Durch statistische Analysen konnten wir berechnen, wie stark die einzelnen Ausgangsvariablen die Entwaldung begünstigten. Ein weiteres vergleichendes Experiment war im Nordatlantikraum möglich: Hier besiedelten Wikinger aus Norwegen im Mittelalter sechs Inseln und Landmassen, die sich unterschiedlich gut für Landwirtschaft eigneten, den Handel mit Norwegen einfacher oder schwieriger machten und sich auch in anderen Ausgangsvariablen unterschieden; auch hier waren die Ergebnisvariablen sehr verschieden, vom schnellen Verlassen der Siedlung über den Tod aller Bewohner nach 500 Jahren bis hin zu Gesellschaften, die nach 1200 Jahren noch intakt waren. Darüber hinaus sind auch Vergleiche zwischen Gesellschaften aus verschiedenen Regionen der Erde möglich.
Grundlage für alle derartigen Vergleiche sind genaue Kenntnisse über einzelne Gesellschaften, wie sie von Archäologen, Historikern und anderen Forschern in geduldiger Kleinarbeit zusammengetragen werden. Am Ende des Buches nenne ich viele hervorragende Bücher und Aufsätze über die alten Maya und Anasazi, die heutigen Ruander und Chinesen sowie andere Gesellschaften aus Vergangenheit und Gegenwart, die ich vergleiche. Diese Einzelstudien bilden die unentbehrliche Datenbasis für mein Buch. Aber darüber hinaus kann man aus solchen Vergleichen zwischen vielen Gesellschaften noch andere Schlüsse ziehen, die sich aus einer noch so detaillierten Analyse einer einzigen Gesellschaft nicht ableiten lassen. Um beispielsweise den berühmten Zusammenbruch der Maya-Gesellschaft zu verstehen, muss man nicht nur genau über die Geschichte und Umwelt der Maya Bescheid wissen; viel mehr Erkenntnisse kann man gewinnen, wenn man dieses Volk in einem größeren Zusammenhang betrachtet und mit anderen zusammengebrochenen oder nicht zusammengebrochenen Gesellschaften vergleicht, die den Maya in manchen Aspekten ähnelten und sich in anderen von ihnen unterschieden. Diese zusätzlichen Erkenntnisse sind nur mit der vergleichenden Methode möglich.
Ich habe die Notwendigkeit guter Einzeluntersuchungen und guter Vergleiche so stark betont, weil Wissenschaftler, die das eine Verfahren praktizieren, den Beitrag des anderen häufig zu gering einschätzen. Spezialisten für die Geschichte einer Gesellschaft tun Vergleiche häufig als oberflächlich ab, und wer häufig vergleicht, findet die Untersuchung einer einzelnen Gesellschaft vielfach hoffnungslos engstirnig und misst ihr für das Verstehen anderer Gesellschaften nur einen begrenzten Wert bei. Aber wenn wir zuverlässige Kenntnisse gewinnen wollen, brauchen wir Forschungsarbeiten beider Typen. Besonders gefährlich wäre es, wenn man von einer Gesellschaft ausgehen und dann verallgemeinern würde, oder wenn man sich mit der Interpretation eines einzelnen Zusammenbruchs zu sicher wäre. Nur mit Befunden aus einer vergleichenden Untersuchung verschiedener Gesellschaften mit unterschiedlichem Schicksal kann man darauf hoffen, dass man zu einigermaßen überzeugenden Schlussfolgerungen gelangt.
Um im Voraus deutlich zu machen, in welche Richtung dieses Buch zielt, möchte ich den Aufbau kurz skizzieren. Das Ganze ähnelt einer Boa constrictor, die zwei große Schafe verschluckt hat. Oder anders ausgedrückt: Meine Erörterung der heutigen Welt und der Vergangenheit enthält jeweils einen unverhältnismäßig langen Bericht über eine Gesellschaft sowie kürzere Beschreibungen über einige weitere.
Fangen wir mit dem ersten großen Schaf an. Teil 1 besteht aus einem einzigen langen Kapitel (Kapitel 1) und handelt von den Umweltproblemen im Südwesten des US-Bundesstaates Montana, wo außer der Huls Farm auch die Bauernhöfe meiner Freunde liegen, der Familie Hirschy (der dieses Buch gewidmet ist). Montana hat den Vorteil, dass es sich hier um eine moderne Industriegesellschaft handelt, die echte, aber im Vergleich zu den meisten anderen Industrieländern relativ geringfügige Umwelt- und Bevölkerungsprobleme hat. Vor allem aber bin ich mit vielen Bewohnern dieses Staates gut bekannt, sodass ich zwischen der Handlungsweise seiner Gesellschaft und den vielfach widersprüchlichen Motiven einzelner Menschen einen Zusammenhang herstellen kann. Wenn wir von diesem vertrauten Blick auf Montana ausgehen, können wir uns leichter die Vorgänge in abgelegenen Gesellschaften der Vergangenheit ausmalen, die uns anfangs sehr fremdartig erscheinen und bei denen wir über die Beweggründe einzelner Menschen nur Vermutungen anstellen können.
Teil 2 beginnt mit vier kürzeren Kapiteln über historische Gesellschaften, die zusammengebrochen sind; ich beschreibe sie in einer Reihenfolge der zunehmenden Komplexität vor dem Hintergrund meines Fünf-Punkte-Schemas. Die meisten Gesellschaften früherer Zeiten, die ich hier beschreibe, waren klein und lagen in irgendeiner Form am Rand – weil sie geographisch begrenzt waren, in sozialer Isolation lebten oder sich in einer labilen Umwelt befanden. Damit daraus nicht der Schluss gezogen wird, sie seien ein schlechtes Modell für die allgemein bekannten großen Gesellschaften der Neuzeit, muss ich erklären, dass ich sie genau aus dem umgekehrten Grund ausgewählt habe: In solchen kleinen Gesellschaften laufen die Prozesse schneller ab und haben extremere Folgen, sodass sie meine Aussagen besonders gut deutlich machen. Dass große, zentrale Gesellschaften, die mit ihren Nachbarn Handel trieben und sich in einem robusten ökologischen Umfeld befanden, in der Vergangenheit nicht zusammengebrochen sind und heute nicht zusammenbrechen können, stimmt nicht. Die historische Gesellschaft der Maya, die ich im Einzelnen beschreiben werde, umfasste viele Millionen Menschen, lag in einer der beiden kulturell am weitesten entwickelten Regionen des präkolumbianischen Amerika (nämlich in Mittelamerika), trieb Handel mit anderen hoch entwickelten Gesellschaften des gleichen Gebietes und wurde von diesen entscheidend beeinflusst. Im Literaturverzeichnis zu Kapitel 9 gebe ich einen kurzen Überblick über andere berühmte Gesellschaften der Vergangenheit – im Fruchtbaren Halbmond, in Angkor Wat, in Harappa im Industal und andere; sie alle ähnelten in den genannten Eigenschaften der Maya-Gesellschaft, und zu ihrem Niedergang trugen Umweltfaktoren entscheidend bei.
Unsere erste Fallstudie aus der Vergangenheit, die Geschichte der Osterinsel (Kapitel 2), kommt der Vorstellung von einem »rein« ökologisch bedingten Zusammenbruch am nächsten; die Ursachen waren die völlige Entwaldung mit der Folge, dass es zum Krieg kam; die herrschende Elite und die berühmten Steinstatuen wurden gestürzt, und ein großer Teil der Bevölkerung kam ums Leben. Soweit wir wissen, war die Gesellschaft der Osterinsel nach ihrer Gründung immer isoliert, das heißt, ihre Entwicklung wurde weder durch Feinde noch durch Freunde beeinflusst. Es gibt auch keine Anhaltspunkte, dass Klimaveränderungen dort eine Rolle spielten, aber das könnte sich bei zukünftigen Untersuchungen noch herausstellen. Mit der vergleichenden Analyse von Barry Rolett und mir können wir besser verstehen, warum unter allen Eilanden im Pazifik ausgerechnet die Osterinsel einen derart gravierenden Zusammenbruch erlebte.
Ein gutes Beispiel dafür, wie der vierte meiner fünf Punkte – Verlust der Unterstützung durch freundliche Nachbargesellschaften – sich auswirken kann, sind Pitcairn Island und Henderson Island (Kapitel 3), zwei Inseln, die ebenfalls von Polynesiern besiedelt waren. Auf beiden kam es lokal zu Umweltschäden, aber den Todesstoß versetzte ihnen der ökologisch bedingte Zusammenbruch bei einem wichtigen Handelspartner. Nach heutiger Kenntnis gab es weder feindselige Nachbarn noch Klimaveränderungen, die dazu beigetragen und die Sache komplizierter gemacht hätten.
An der Gesellschaft der amerikanischen Ureinwohner vom Stamm der Anasazi (Kapitel 4) kann man aufgrund detaillierter, aus Baumringen rekonstruierter Klimadaten besonders gut deutlich machen, wie im Südwesten der USA Umweltschäden und Bevölkerungswachstum mit Klimaveränderungen (in diesem Fall Trockenheit) zusammenspielten. Beim Zusammenbruch der Anasazi-Gesellschaft spielten anscheinend weder freundliche noch feindliche Nachbarn und auch kein Krieg (außer ganz am Ende) eine nennenswerte Rolle.
Ein Buch über den Zusammenbruch von Gesellschaften wäre nicht vollständig ohne einen Bericht über die Maya (Kapitel 5), die am höchsten entwickelte Gesellschaft amerikanischer Ureinwohner und der Inbegriff des romantischen, vom Dschungel überwucherten Geheimnisses. Wie bei den Anasazi, so zeigt sich auch bei den Maya sehr deutlich der kombinierte Effekt von Umweltschäden, Bevölkerungswachstum und Klimaveränderung, ohne dass freundliche Nachbarn eine wesentliche Rolle gespielt hätten. Anders als beim Zusammenbruch der Anasazi-Gesellschaft jedoch stellten feindliche Nachbarn für die Mayastädte schon in ihrer Frühzeit eine Bedrohung dar. Von den in Kapitel 2 bis 5 beschriebenen Gesellschaften bietet uns nur die der Maya den Vorteil schriftlicher Aufzeichnungen.
Der komplizierteste Fall eines historischen Zusammenbruchs ist Normannisch-Grönland (Kapitel 6 bis 8); hier verfügen wir auch über die genauesten Kenntnisse (weil es sich um eine gut untersuchte europäische Gesellschaft mit einer Schriftsprache handelte), und sie ermöglicht eine ausführliche Erörterung. Damit wird sie zum zweiten Schaf unserer Boa constrictor. Hier sind alle fünf Punkte aus meinem Schema gut belegt: Umweltschäden, Klimaveränderung, Verlust freundschaftlicher Kontakte zu Norwegen, Verstärkung des feindseligen Verhältnisses zu den Inuit sowie das politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Umfeld von Normannisch-Grönland. Mit Grönland kommen wir einem kontrollierten experimentellen Zusammenbruch so nahe wie möglich: Zwei Gesellschaften (Norweger und Inuit) teilten sich dieselbe Insel, hatten aber eine ganz unterschiedliche Kultur, sodass die eine Gesellschaft überleben konnte, während die andere zugrunde ging. Aus der Geschichte Grönlands kann man also lernen, dass der Zusammenbruch auch unter widrigen Umweltverhältnissen nicht zwangsläufig eintritt, sondern immer von den Entscheidungen einer Gesellschaft abhängt. Man kann Normannisch-Grönland auch mit fünf anderen Gesellschaften vergleichen, die ebenfalls im Nordatlantikraum von norwegischen Siedlern gegründet wurden; dann verstehen wir, warum es den Norwegern auf den Orkney-Inseln gut ging, während ihre Vettern in Grönland zu leiden hatten. Eine dieser fünf norwegischen Gesellschaften, Island, ist eine herausragende Erfolgsgeschichte; sie zeigt, wie man auch in einer empfindlichen Umwelt ein hohes Maß an modernem Wohlstand erreichen kann.
Am Ende des Teils II (Kapitel 9) stelle ich drei weitere Gesellschaften vor, die wie Island Erfolg hatten und deshalb einen guten Kontrast zu den gescheiterten Gesellschaften bilden. In allen drei Fällen waren die Umweltprobleme zwar weniger schwer wiegend als in Island oder in den meisten zusammengebrochenen Gesellschaften, aber wir werden sehen, dass es zwei Wege zum Erfolg gibt: Für den einen, der von unten nach oben führt, sind Tikopia und das Hochland Neuguineas gute Beispiele, den anderen, von oben nach unten, verdeutliche ich am Japan der Tokugawazeit.
Im Teil 3 kehren wir dann in die moderne Welt zurück. Nachdem wir uns in Kapitel 1 bereits mit dem heutigen Montana beschäftigt haben, betrachten wir jetzt vier ganz unterschiedliche Länder unserer Zeit, zunächst zwei kleine und dann zwei, die man groß oder sogar riesig nennen kann: eine Drittweltkatastrophe (Ruanda), eine Drittweltgesellschaft, die bisher überlebt hat (die Dominikanische Republik), einen Riesen der Dritten Welt, der alles daransetzt, zu den Industrieländern aufzuschließen (China) und ein modernes Industrieland (Australien). In Ruanda (Kapitel 10) hat sich vor unseren Augen eine malthusianische Katastrophe abgespielt: Das übervölkerte Land ist mit einem gewaltigen Blutvergießen zusammengebrochen wie in früheren Zeiten die Mayakultur. Ruanda und das benachbarte Burundi sind wegen der ethnischen Gewalt zwischen Hutu und Tutsi berüchtigt, aber wie wir noch genauer erfahren werden, bildeten Umweltschäden und Klimaveränderung den Sprengstoff, der durch die ethnische Gewalt gezündet wurde.
Die Dominikanische Republik und Haiti (Kapitel 11) teilen sich die Insel Hispaniola und bieten einen ganz ähnlichen grausigen Kontrast wie Norweger und Inuit in Grönland. Haiti wurde durch Jahrzehnte wechselnder, aber gleichermaßen bösartiger Diktaturen zum traurigsten Pflegefall der Neuen Welt, in der Dominikanischen Republik dagegen gibt es Anlass zur Hoffnung. Damit nicht der Eindruck entsteht, ich würde in diesem Buch einen Umweltdeterminismus predigen, möchte ich am Beispiel der Dominikanischen Republik deutlich machen, wie wichtig manchmal eine einzige Person ist, insbesondere wenn es sich dabei um den Regierungschef eines Staates handelt.
China (Kapitel 12) leidet in starkem Maße an allen zwölf Arten heutiger Umweltprobleme. Da Wirtschaft, Bevölkerung und Fläche dieses Landes so riesig sind, sind die ökologischen und ökonomischen Auswirkungen seiner Probleme nicht nur für die eigene Bevölkerung von Bedeutung, sondern für die ganze Welt.
Australien (Kapitel 13) ist im Vergleich zu Montana das andere Extrem: Eine Industriegesellschaft besetzt eine empfindliche Umwelt und erlebt schwerste ökologische Probleme. Deshalb gehört Australien auch zu den Ländern, die am radikalsten über einen Umbau der Gesellschaft nachdenken, um diese Probleme zu lösen.
Der abschließende Teil des Buches (Teil 4) zieht praktische Lehren für unsere Gegenwart. In Kapitel 14 stelle ich die quälende Frage, die sich in der Vergangenheit jeder Gesellschaft vor der endgültigen Selbstzerstörung stellte und die auch zukünftige Erdenbewohner quälen wird, wenn wir uns am Ende ebenfalls selbst zerstören: Wie kommt es, dass eine Gesellschaft die Gefahren nicht sieht, die uns im Rückblick so auf der Hand zu liegen scheinen? Können wir behaupten, die Menschen seien selbst an diesem Ergebnis schuld gewesen, oder waren sie die tragischen Opfer unlösbarer Probleme? Inwieweit waren die Umweltschäden unbeabsichtigt und unmerklich, und in welchem Umfang wurden sie auf perverse Weise von Menschen herbeigeführt, die sich der Folgen in vollem Umfang bewusst waren? Was sagten beispielsweise die Bewohner der Osterinsel, als sie den letzten Baum auf ihrem Eiland fällten? Wie sich herausstellt, können die Entscheidungsprozesse in Gruppen durch eine ganze Reihe von Faktoren ausgehebelt werden; das beginnt damit, dass ein Problem nicht vorausgesehen oder wahrgenommen wird, und setzt sich mit Interessenkonflikten fort, bei denen manche Angehörigen der Gruppe ihre eigenen Ziele verfolgen, obwohl diese für den Rest der Gruppe einen Nachteil bedeuten.
Kapitel 15 beleuchtet die Rolle der modernen Großunternehmen, von denen manche zu den größten ökologischen Zerstörungskräften unserer Zeit gehören, während andere für einige der wirksamsten Umweltschutzmaßnahmen verantwortlich sind. Wir werden untersuchen, warum manche (aber nur manche) Konzerne selbst ein Interesse am Umweltschutz haben, und wir werden der Frage nachgehen, welche Veränderungen eintreten müssen, damit andere Unternehmen es sich zum Ziel machen, es diesen gleichzutun.
Im Kapitel 16 schließlich stelle ich zusammenfassend dar, welche ökologischen Gefahren der modernen Welt drohen, welche Einwände am häufigsten gegen die Ernsthaftigkeit solcher Befürchtungen erhoben werden, und welche Unterschiede zwischen den ökologischen Gefahren für frühere und heutige Gesellschaften bestehen. Einer der wichtigsten Unterschiede hängt mit der Globalisierung zusammen und ist im Kern einer der Hauptgründe für Pessimismus und Optimismus im Hinblick auf unsere Fähigkeit, unsere derzeitigen Umweltprobleme in den Griff zu bekommen. Wegen der Globalisierung ist es heute nicht mehr möglich, dass eine Gesellschaft in völliger Isolation zusammenbricht, wie es früher auf der Osterinsel und in Normannisch-Grönland geschah. Wenn eine Gesellschaft sich heute im Umbruch befindet, kann sie noch so abgelegen sein – man denke nur an Afghanistan oder Somalia –, sie wird immer auch in den wohlhabenden Gesellschaften anderer Kontinente Probleme verursachen und unterliegt deren (nützlichen oder destabilisierenden) Einflüssen. Zum ersten Mal in der Geschichte droht die Gefahr eines weltweiten Niederganges. Zum ersten Mal haben wir aber auch die Gelegenheit, schnell aus Entwicklungen zu lernen, die sich irgendwo auf der Welt in anderen Gesellschaften abspielen, aber auch aus dem, was sich dort irgendwann in der Vergangenheit ereignet hat. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben.
Die Geschichte von Stan Falkow • Montana und ich • Warum zum Anfang ausgerechnet Montana? • Die Wirtschaftsgeschichte von Montana • Bergbau • Forstwirtschaft • Boden • Wasser • Einheimische und eingeschleppte Arten • Verschiedene Visionen • Einstellungen gegenüber Vorschriften • Die Geschichte von Rick Laible • Die Geschichte von Chip Pigman • Die Geschichte von Tim Huls • Die Geschichte von John Cook • Montana, eine Welt im Kleinformat
Mein Freund Stan Falkow ist 70 Jahre alt und Professor für Mikrobiologie an der Stanford University nicht weit von San Francisco. Als ich ihn fragte, warum er sich im Bitterroot Valley in Montana ein Ferienhaus gekauft hätte, erzählte er mir, wieso diese Entscheidung zu seiner gesamten Lebensgeschichte passte:
»Ich bin im Bundesstaat New York geboren und dann nach Rhode Island gezogen. Das heißt, als Kind hatte ich keine Ahnung von Bergen. Als ich Anfang zwanzig war und gerade das College abgeschlossen hatte, klinkte ich mich für ein paar Jahre aus der Berufsausbildung aus und arbeitete in der Nachtschicht im Obduktionslabor eines Krankenhauses. Für einen jungen Menschen wie mich, der noch keine Erfahrungen mit dem Tod hatte, war es sehr anstrengend. Ein Bekannter der gerade aus dem Koreakrieg zurückgekehrt war, sah mich an und sagte: ›Stan, du siehst nervös aus; du musst dein Stressniveau vermindern. Versuch es mal mit der Fliegenfischerei!‹
Also fing ich an, mit Fliegen zu angeln und Barsche zu fangen. Ich lernte, wie man selbst Fliegen zusammenbindet, vertiefte mich richtig hinein und ging jeden Tag nach der Arbeit zum Angeln. Mein Freund hatte Recht: Es half tatsächlich gegen den Stress. Aber dann wollte ich in Rhode Island promovieren, und damit war ich wiederum in einer anstrengenden Arbeitssituation. Ein Mitdoktorand erzählte mir, man könne mit Fliegen nicht nur Barsche fangen: Im benachbarten Massachusetts angelten sie damit auch Forellen. Also fing ich mit dem Forellenangeln an. Mein Doktorvater aß sehr gerne Fisch und ermutigte mich zu meinen Angelausflügen: Nur bei diesen Gelegenheiten runzelte er nicht die Stirn, wenn ich mir im Labor einige Zeit frei nahm.
Als ich ungefähr fünfzig war, trat in meinem Leben wiederum eine Stresssituation ein, dieses Mal wegen einer schwierigen Scheidung und anderer Dinge. Damals nahm ich mir nur noch drei Mal im Jahr die Zeit für die Fliegenfischerei. Viele Menschen überlegen anlässlich ihres fünfzigsten Geburtstages, was sie mit dem Teil ihres Lebens, der noch vor ihnen liegt, anfangen wollen. Ich dachte über das Leben meines Vaters nach, und dabei fiel mir ein, dass er mit 58 Jahren gestorben war. In einer Schrecksekunde wurde es mir klar: Wenn ich so lange leben würde wie er, blieben mir bis zu meinem Tod nur noch 24 Angelausflüge – sehr wenig für eine Tätigkeit, die ich so liebte. Nach dieser Erkenntnis dachte ich darüber nach, wie ich in den verbleibenden Jahren einen größeren Teil meiner Zeit den Dingen widmen konnte, die ich wirklich gern tat. Und eines davon war die Fliegenfischerei.