KREUZZUG: DER ANSCHLAG - Tom Abrahams - E-Book

KREUZZUG: DER ANSCHLAG E-Book

Tom Abrahams

0,0

Beschreibung

EIN TERRORANSCHLAG ZWINGT AMERIKA IN DIE KNIE. DER KAMPF UMS ÜBERLEBEN BEGINNT. John Beck mag nicht der Held sein, den wir uns wünschen - aber er ist der Held, den wir brauchen. Als ein überraschender EMP-Angriff das Energienetz Amerikas lahmlegt, fällt die einst mächtige Nation in sich zusammen. Aber für Raubein John Beck, der während des Anschlags auf einer Ölplattform arbeitet, wird dieses Ereignis zu einem Wendepunkt. Auf seinem Weg durch die nun gesetzlose Wildnis, angetrieben von dem Wunsch, zu seiner Familie zurückzufinden, wird er zu einem Retter für die Schwachen und Hilflosen, und zu einer Legende … ★★★★★ »Eine ausgezeichnete Lektüre! … Geradlinig, mit der richtigen Portion Gewalt, und vor allem realistisch! Keine Zombies, Drachen, Feen, Aliens oder dergleichen. Kaufen!.« - Amazon.com ★★★★★ »Voller Überraschungen, die man so nicht kommen sieht. Dieses Buch würde einen fantastischen Film abgeben. … Wirklich, geben Sie diesem Buch eine Chance … Sie werden nicht enttäuscht sein.« - Amazon.com ★★★★★ »Was dann folgt, ist eine epische Geschichte über das Überleben. Ein ausgezeichnetes Buch, habe es sehr genossen!!!« - Amazon.com

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 420

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.

Beliebtheit




Kreuzzug

Band 1 – Der Anschlag

Tom Abrahams

Für Courtney, Sam und Luke Die Lichter meines Lebens

Impressum

überarbeitete Ausgabe Originaltitel: CRUSADER Copyright Gesamtausgabe © 2024 LUZIFER Verlag Cyprus Ltd. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Sylvia Pranga Lektorat: Manfred Enderle

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2024) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-698-6

Folgen Sie dem LUZIFER Verlag auf Facebook

Sollte es trotz sorgfältiger Erstellung bei diesem E-Book ein technisches Problem auf Ihrem Lesegerät geben, so freuen wir uns, wenn Sie uns dies per Mail an [email protected] melden und das Problem kurz schildern. Wir kümmern uns selbstverständlich umgehend um Ihr Anliegen.

Der LUZIFER Verlag verzichtet auf hartes DRM. Wir arbeiten mit einer modernen Wasserzeichen-Markierung in unseren digitalen Produkten, welche Ihnen keine technischen Hürden aufbürdet und ein bestmögliches Leseerlebnis erlaubt. Das illegale Kopieren dieses E-Books ist nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen werden mithilfe der digitalen Signatur strafrechtlich verfolgt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

Kreuzzug
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Danksagungen
Über den Autor

Die Menschen schlafen nachts friedlich in ihren Betten, weil harte Männer bereitstehen, um für sie Gewalttaten zu begehen.

Kapitel 1

Tag der Detonation 90 Meilen vor der Küste von Alabama Golf von Mexiko

John Beck stand am Rand des Monsters und sah auf den aufgewühlten Golf hinaus. Der graue Himmel verschmolz mit dem kriegsschifffarbenen Ozean, sodass die Linie des Horizonts unmöglich zu erkennen war. Nicht weit von ihm ging ein Regenvorhang nieder. Es streckte sich weit aus und beeinträchtigte seinen Blick auf die Küste, die sich etwa neunzig Meilen entfernt in den Golf schob. Der Vorhang breitete sich aus, als er sich näherte, also ob unsichtbare Hände ihn auf beiden Seiten auseinanderziehen würden. Die Vorhersage stimmte. Dies war der Anfang eines üblen Wetterzyklus.

Und das war nicht das Schlimmste.

Wegen des Sturms wurde seine Heimreise wahrscheinlich abgesagt. Der Transporthubschrauber, der die Belegschaft von der Ölbohrinsel abholte und zurückbrachte, würde bei diesem Wetter nicht fliegen. Aus seinen drei Wochen vor der Küste würden mindestens drei Wochen und ein Tag werden. Oder auch zwei.

Was immer es auch sein würde, es war zu lang. Beck kniff die Augen gegen den Wind zusammen und leckte sich Salz von den Lippen. Er bemühte sich, in dem trüben Licht ihr Bild zu sehen. Millie. Sein Mädchen. Sie war fast sechzehn und Becks Ebenbild. Sie hatte Becks nachdenkliche Augen, sein feuriges Temperament und seinen Kampfgeist.

Er lächelte, als die ersten schweren Regentropfen auf seinen Helm trommelten, und er an sie dachte. Er sah sie, wie sie mit einer Steinschleuder auf eine Tanne schoss, oder, noch besser, einem Jungen, der zu frech wurde, gegen das Schienbein trat.

Millie war der Grund, warum er immer noch auf der Ölbohrinsel arbeitete. Sie wollte zum College gehen. Im Gegensatz zu ihm hatte sie das Potenzial für einen Bürojob, bei dem sie sich nicht die Hände schmutzig machen musste. Eines Tages würde sie gutes Geld verdienen. Das Mädchen war brillant. Und die Art, wie sie ihn ansah, wie sie ihn stolz machte, war besser als alles auf der Welt. Wirklich alles. Das war die Arbeit hier wert. Wenn nur ihre Mutter ihn immer noch so lieben würde, wie es Millie tat.

Beck war ganz in Gedanken versunken gewesen und hatte das beständige Rattern und Knarren der Tiefwasser-Bohrinsel so ausgeblendet, dass er zusammenzuckte, als sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte. Seine Muskeln spannten sich an. Aus einem Reflex ballte er die Hände zu Fäusten, drehte sich um und sah seinen Zimmergenossen, Gabe Vazquez.

»Himmel, Gabe. Willst du, dass ich einen Herzanfall bekomme?«

Gabe rückte seinen Schutzhelm zurecht. »Tut mir leid, Bruder. Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber ich wollte dich wissen lassen, dass der Hubschrauber heute nicht kommt. Das Wetter ist zu rau. Wir stecken hier für mindestens weitere vierundzwanzig Stunden fest.«

Beck runzelte die Stirn. Enttäuschung breitete sich in ihm aus. Er schüttelte den Kopf. »Das habe ich mir schon gedacht. Aber ich hatte noch Hoffnung. Es war ein langer Turnus.«

Gabe zeigte in die entgegengesetzte Richtung des Helikopterlandeplatzes, zu den Wohnquartieren. Er machte einen Schritt in diese Richtung. »Warum kommst du nicht rein, Bruder? Der Wind hier ist höllisch. Es wird Starkregen geben. Und da wir gerade von Herzanfällen reden, das Mittagessen ist fertig. Es gibt Käse-Makkaroni mit Maisbrot.«

Beck wandte sich wieder gen Norden. Ein heftiger Windstoß traf ihn. Er schmeckte Salzwasser auf seiner Zunge und wischte sich die Feuchtigkeit aus den Augen. Es war ein stechend kalter Wind. Ein Teil von ihm hoffte, den Hubschrauber hinter dem Regenvorhang auftauchen zu sehen, trotz aller Gegenbeweise. Als nichts passierte, drehte er sich wieder zu Gabe um.

»Käse-Makkaroni klingt gut«, sagte er. »Mir wäre Brunswick-Eintopf lieber, aber im Augenblick ist mir jegliche Hausmannskost recht.«

Gabe schob die Tür auf und hielt sie für Beck offen, bis er über die Schwelle getreten war. Die Tür schloss sich hinter ihnen, und das Rauschen des ständigen Golf-Windes wurde durch die allgegenwärtige Vibration der Bohrinsel ersetzt.

»Hey«, sagte Gabe. »Die gute Nachricht ist, dass uns Überstunden angerechnet werden. Die werde ich brauchen, wenn ich eine Frau finde, die mich ertragen kann.«

»Warte ab, bis du und diese tolerante Frau Kinder habt. Dann wird das Leben wirklich teuer. Dann brauchst du Überstunden, willst sie aber nicht machen. Dir ist die Zeit dann lieber als das Geld.«

»Da wir gerade von Kindern sprechen, wie geht es Millie? Bricht sie immer noch alle Herzen?«

»Jeden Tag. Ich soll nach Tuscaloosa fahren und sie bei ihrer Mutter abholen, wenn ich zurückkomme. Das muss ich wohl absagen. Oder zumindest verschieben. Ich rufe sie nach dem Mittagessen an.«

»Es ist eine Schande, dass Debbie sie nach Tuscaloosa mitgenommen hat. Das ist ein gutes Stück von Mobile entfernt. Hast du daran gedacht, umzuziehen?«

»Nein«, sagte Beck. »Ich bin lieber an der Küste, wenn die Firma mich braucht. Ich übernehme zusätzliche Arbeit, wenn ich kann. Wenn ich da oben wäre, würde es schwieriger sein.«

»Ergibt Sinn«, sagte Gabe. »Es ist aber trotzdem schade.«

Beck polterte die Metalltreppe hinunter, seine Stiefelsohlen fanden auf den erhöhten Profilen Halt. Ihre Stimmen hallten wider, als sie über Familie und Kosten sprachen. Drei Treppen später erreichten sie die Etage, auf der sich die Küche, der Fitnessraum und das Fernsehzimmer befanden.

Der Geruch nach zu lange gekochter Pasta erfüllte den Raum, genau wie Stimmengewirr, das von den festen Oberflächen widerhallte. Andere ertränkten ihre Sorgen bereits in der kohlenhydratreichen Mahlzeit, nach der man dringend ein Schläfchen brauchte.

Beck wartete, bis Gabe an ihm vorbeigegangen war, dann traten beide in die Kantine. Sie war wie eine Cafeteria eingerichtet, mit einem Tresen an einer Seite des großen Raumes. Den Rest des Platzes beanspruchten lange Tische mit Bänken davor.

Ein Mann mit dem Spitznamen Goose, den er wegen seines langen Halses bekommen hatte, setzte ein Glas mit süßem Tee ab und schob sein Kinn Richtung Beck vor. Er leckte sich über die Lippen, bevor er sprach. Nichtsdestotrotz trieften seine Worte vor Sarkasmus, was offensichtlich beabsichtigt war. »Hey, JB. Hast du das mit dem Hubschrauber gehört? Wir stecken hier fest, Mann. Heute kommen wir nirgendwo mehr hin. Da musst du die Verabredung mit deiner Tochter wohl absagen. Zu schade, Mann.«

Beck mochte es nicht, mit Mann angesprochen zu werden, und er mochte Goose nicht. Er war ein Unruhestifter. Vielleicht lag es an dem langen Hals, aber der Mann steckte seine Nase immer in Angelegenheiten, die ihn nichts angingen. Er betrog beim Kartenspielen und verriet immer das Ende von Filmen, die er bereits gesehen hatte. Goose hatte Spaß daran, andere unglücklich zu machen, und war schmieriger als das Produkt, das sie unter dem Ozeanboden hervorholten.

»Ich habe es schon gehört«, sagte Beck. »Eigentlich wollten sie dich zurückschwimmen lassen, aber du steckst so voller Scheiße, dass du auf den Grund des Golfes sinken würdest.« Er ging weiter, ohne auf eine Antwort zu warten.

Die Männer an Gooses Tisch lachten über seine verbale Spitze. Denn in Wahrheit mochten sie Goose auch nicht. Doch auf einer Tiefsee-Bohrinsel, wo die Quartiere eng und die Arbeitstage lang waren, sparten die meisten Männer ihre Kräfte.

»Du bist nicht so witzig, wie du denkst, JB«, rief Goose. »Und du bist genauso hässlich, wie deine Frau glaubt.«

Das Gelächter hörte auf. Im Raum wurde es totenstill. Beck stand am Ende der Schlange, die auf das Essen wartete, und schloss die Augen. Seine Kiefermuskeln spannten sich an, und er dachte über seine Möglichkeiten nach.

»Und deine Tochter«, sagte Goose und provozierte ihn weiter, »sie ist fast volljährig, oder? Nur noch ein oder zwei Jahre? Aber was sind schon ein paar Monate unter Freunden, was?«

Gabe Vazquez legte eine Hand auf Becks angespannten Bizeps. Er trat dicht an ihn heran und flüsterte: »Lass es sein, Bruder. Er ist es nicht wert.«

Beck drehte den Hals, bis es knackte. Er spannte die Finger um das leere Essenstablett in seinen Händen und verstärkte den Griff, bis seine Knöchel weiß hervortraten. Das Blut stieg ihm in den Kopf, und er kämpfte gegen die Wut, die in ihm aufwallte. Die Dämonen kamen an die Oberfläche und sagten ihm, dass er Gabe ignorieren und Goose in seine Schranken weisen sollte. Die Dämonen waren mächtig. Sie waren alte Freunde. Er ignorierte sie vorerst.

Er öffnete die Augen. Sein Zimmergenosse sah ihn mit einem bittenden Ausdruck auf seinem gebräunten Gesicht an. Beck atmete tief durch und ließ ein Lächeln aufblitzen. Er sprach laut genug, dass alle im Raum ihn hörten. »Du hast recht, Gabe«, sagte er. »Goose ist ein Gänschen, das den Job nur bekommen hat, weil sein Onkel Daddy dafür gesorgt hat. Ohne Schaubild kann er seinen eigenen Arsch nicht finden.«

Beck hielt das Tablett mit einer Hand, während er mit der anderen auf die Pfanne mit Käse-Makkaroni hinter der Scheibe zeigte. Er lächelte den Koch an und bat um eine Portion. »Nicht zu viel, bitte.«

Der Koch tauchte eine Kelle in die orange-gelbe Pasta und griff nach einer Plastikschüssel. Bevor er die Portion hineinfüllte, schoss sein Blick über Becks Schulter. Seine Augen weiteten sich und er trat zurück.

In der Reflexion der Scheibe nahm Beck hinter sich eine Bewegung wahr. Ohne sich umzuwenden, drehte er die Hüften in eine Richtung und schwang das Tablett in die andere. Das flache Ende traf auf Gooses Kehle.

Der dünne Mann griff sich an den Hals, hustete und keuchte. Seine Augen traten hervor und er schnappte nach Luft.

Beck trat einen Schritt auf Goose zu und schwang erneut das Tablett. Dieses Mal war es eine schnelle Aufwärtsbewegung, und die hintere Seite traf Goose am Arm und einer Seite seines Gesichts. Dadurch verlor er das Gleichgewicht und stolperte gegen einen der Tische. Beck zeigte kein Erbarmen, sondern ging wieder auf ihn los.

Er trat mit einem Stiefel auf die Stiefelspitze von Goose und hielt ihn so fest. Adrenalin schoss durch seinen Körper. Beck beugte sich ruhig vor und sprach seine Warnung mit tiefer, gelassener Stimme.

»Wenn du jemals wieder etwas über meine Familie sagst, ist es dein Ende. Hast du das verstanden? Ich werde dafür sorgen, dass du verschwindest.«

Goose wimmerte und beugte sich von Beck weg. Er keuchte etwas Unverständliches.

Beck verlagerte sein Gewicht auf den Fuß, mit dem er Goose festhielt und wiederholte: »Hast du das verstanden?«

Goose zuckte zusammen und grunzte: »Ja, ich habe es verstanden.«

Beck löste den Druck und trat zurück. Er drehte das Tablett in seinen Händen und ging zurück ans Ende der Warteschlange. Der Koch reichte ihm seine Schüssel Käse-Makkaroni, wobei ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel spielte.

»Danke«, sagte Beck zu dem Koch und ging zum vorderen Ende der Schlange weiter, wo ein weiterer Koch stand. »Maisbrot, bitte.«

Der Koch benutzte einen Pfannenwender, um ein Rechteck des süßen Brotes von der Platte hinter dem Tresen zu nehmen und es auf Becks Teller zu legen. Er zwinkerte Beck zu und flüsterte: »Das hat er verdient.«

Beck nickte kurz, dankte ihm für das Brot und nahm sich ein Glas Tee. Er pfiff ein Lied der Band The Heavy, das er durch Millie kannte, weil sie darauf bestanden hatte, ihre Musik in seinem Truck zu spielen. Er kannte den Titel des Songs nicht und erinnerte sich nicht richtig an den Text, aber er war in seinem Kopf hängengeblieben.

Aus dem Augenwinkel sah er, dass zwei von Gooses Kumpels sich um ihn kümmerten. Beck setzte sich zwischen Gabe und ein anderes Crewmitglied namens Radio. Keiner von beiden sah von seinem Essen hoch, als Beck sich auf der Bank niederließ.

Als er sein Besteck aus der Serviette rollte, bemerkte Beck, dass Goose sich ihm näherte. Er ignorierte den rotgesichtigen Aufwiegler so gut es ging und trank einen Schluck von seinem Tee. Er war zuckersüß und schmeckte herrlich.

Goose stützte die Hände gegenüber von Beck auf dem Tisch ab, er zitterte entweder vor Wut oder vor Verlegenheit, oder beidem, und presste eine vorhersehbare Warnung hervor. Beck krümelte das Maisbrot in die Käse-Makkaroni und verrührte die klebrige Mischung.

»Das erzähle ich meinem Cousin«, sagte Goose. »Und wenn er es hört, bist du weg, JB. Weg. Auf keinen Fall wirst du noch eine einzige Schicht auf dieser Bohrinsel bekommen. Oder auf irgendeiner anderen Bohrinsel vor der Küste Alabamas. Das verspreche ich dir.«

Beck füllte seine Gabel mit der Mischung und schaufelte sie sich in den Mund. Dann hob er den Kopf und sah Goose in die Augen. Er kaute langsam und wohlüberlegt, mit geschlossenem Mund und gleichmütigem Gesichtsausdruck.

»Hast du mich gehört, John Beck? Dieses Mal bist du zu weit gegangen. Ich habe von dir und deinem Temperament gehört. Die Leute reden über deine Dämonen. Die können dich jetzt ebenso gut in die Hölle zerren, Mann, denn für dich wird es keinen besseren Platz mehr geben, wenn mein Cousin mit dir fertig ist.«

Beck ließ mehrere Sekunden vergehen und wartete, bis Goose blinzelte, dann schluckte er seinen Bissen.

»Ist das alles?«

Goose riss den Kopf zurück, als hätte Beck zum Schlag gegen ihn ausgeholt. Dann lachte er nervös. Als niemand mit ihm lachte und keiner etwas sagte, schlug Goose mit den Fäusten auf den Tisch und stürmte aus der Kantine. Seine beiden Kumpane folgten ihm.

Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, atmeten alle im Raum gleichzeitig durch und die anderen nahmen ihre Gespräche wieder auf.

Gabe stupste Beck mit dem Ellbogen an. »Das war nicht klug, Bruder. Du hättest die Sache auf sich beruhen lassen sollen. Er hat Verwandte, die bei dem Unternehmen hohe Stellungen haben. Sie könnten dich entlassen.«

Beck tauchte die Gabel in seine Schüssel. »Das könnten sie, aber sie werden es nicht tun. Die Bohrinsel ist ein Elefant, aber sie ist alt. Ihr Betrieb ist speziell. Du weißt das, sie wissen es. Sie benötigen alle erfahrene Hilfe, die sie bekommen können.«

»Da hat Beck nicht unrecht«, sagte Radio. »Und mal ehrlich, wer gibt schon gerne zu, dass er mit einem Essenstablett verprügelt worden ist?«

Die drei lachten. Gabe trank seinen Tee aus und wischte sich den Mund mit der Serviette ab. Er gestikulierte mit seinem leeren Glas in Richtung der beiden anderen Männer. »Ihr habt beide gute Argumente, aber unterschätzt nie die Macht des Blutes. Ganz besonders im Süden.«

»Du rennst bei uns offene Türen ein, Gabe«, sagte Beck.

Radio nickte. »So ist es.«

Gabe schüttelte den Kopf und lächelte. »Weißt du was, Radio?«

»Was denn?«

»Beck könnte lügen, und du würdest es beschwören.«

Radio runzelte die Stirn. »Das stimmt nicht.«

Gabes Miene spannte sich an, die Belustigung verschwand. »Es stimmt doch. Und was auch stimmt, ist, dass Goose im Gefängnis gesessen hat. Er ist ein schlimmer Kerl.«

Beck hörte auf zu kauen. »Viele von uns waren schon im Gefängnis, Gabe. Was soll das heißen?«

Gabe schluckte. Er schüttelte den Kopf und gestikulierte, als ob er damit auslöschen könnte, was er gesagt hatte. »So habe ich das nicht gemeint, John. Was ich meinte, ist …«

»Ist auch egal«, sagte Beck. »Was passiert ist, ist passiert.«

Gabe beugte sich vor. »So sehe ich das auch. Aber er ist nicht mit dir fertig. Der Kerl ist nachtragend. Er wird es dir heimzahlen, auf die eine oder andere Art.«

Beck aß den Rest der Mischung aus Käse-Makkaroni und Maisbrot und räumte seinen Platz auf. Er nahm auch die Tabletts von Radio und Gabe mit. Sie fragten, ob er Kartenspielen und einen Film sehen wollte. Die beiden wollten immer Karten spielen und Filme schauen. Sie waren nach beidem süchtig. Er lehnte ab, wie er es normalerweise immer tat.

»Ich muss die Verabredung mit meiner Tochter absagen.«

Kapitel 2

Tag der Detonation 90 Meilen vor der Küste Alabamas Golf von Mexiko

Becks Schlafraum ähnelte eher einem Kleiderschrank als einem Zimmer, aber er genügte. In diesem Raum tat er nie mehr als schlafen, sich umziehen und den Laptop benutzen, den er sich mit Gabe Vazquez teilte.

Er lag auf seinem Zwillingsbett, ließ die Füße über den Rand der Matratze hängen und lehnte an der Wand. Die Verbindung war langsam, aber für einen Video-Chat passabel.

Der Avatar seiner Tochter lächelte ihn aus der Mitte des Displays an, während er darauf wartete, dass sie seinen Anruf annahm. Beck wollte gerade aufgeben, als sie sich meldete. Ihr Haar war nass, und sie hatte dunkle Halbkreise Mascara unter ihren dunklen Augen. Aber ihr Lächeln war so strahlend wie immer.

»Hey, Dad. Tut mir leid. Ich komme gerade aus der Dusche.«

»Kein Problem, Millie. Es ist schön, dich zu sehen. Aber du hast ein Paar blaue Augen. Hast du dich wieder geprügelt?«

Sie kicherte. Es war das Kichern eines kleinen Mädchens, das vor ungebremster Freude barst, und Beck lachte. So gut er seine Tochter auch kannte, sie war dennoch ein Rätsel. In einem Augenblick schien sie an der Schwelle zur Frau zu stehen, im nächsten überzeugte ihn ihr Benehmen oder Verhalten, dass sie noch eine Vorschülerin mit Zöpfen war.

Sie rieb sich mit einem Handtuch das Haar, fuhr sich mit den Fingern hindurch, und er bemerkte, dass ihre limettengrünen Fingernägel frisch lackiert werden mussten. Sie warf das Handtuch aus dem Aufnahmebereich und nahm das pinkfarbene, elektrische Klappmesser, das er ihr zum Valentinstag geschenkt hatte. Sie säuberte sich mit der Klinge die Fingernägel.

»Was ist so lustig, Dad?«

»Du.«

Millie drehte und wirbelte das Messer mit einem Geschick, von dem er nicht gewusst hatte, dass sie es besaß. Sie liebte dieses Messer.

»Warum ich?«, fragte sie.

Er tippte auf die Lautstärketaste auf der Tastatur. »Du bringst mich zum Lachen, Kleine. Das ist alles.«

Millies Blick schweifte vom Bildschirm ab, sie runzelte die Stirn. »Warum rufst du an? Solltest du nicht im Hubschrauber sitzen?«

Er seufzte, runzelte die Stirn und schaffte es nicht, seine Enttäuschung zu verbergen. »Ja, das sollte ich.«

»Aber du bist es nicht.« Es war gleichzeitig eine Frage und eine Feststellung. Sie klang wie ihre Mutter.

»Nein. Es zieht ein Unwetter auf, und der Helikopter kann nicht fliegen. Ich sitze hier fest.«

»Für wie lange?«

»Ein oder zwei Tage. Es hängt davon ab. Es tut mir leid, Kleine. Ich wollte diesen Film wirklich sehen.«

Sie schürzte die Lippen. »Oh, ich verstehe. Es geht um den Film und nicht darum, deinen Lieblingsmenschen auf der ganzen Welt zu sehen?«

Beck schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Ich …«

»Dad, das war ein Scherz. Ich …«

Millies Gesicht erstarrte in einer peinlichen Miene mitten im Satz. Aus den Lautsprechern kam Statik, die Farben des Bildes veränderten sich, und das Signal war unterbrochen. Der Bildschirm des Video-Chats wurde schwarz, in der Mitte erschien eine Nachricht:

Ihr Gespräch wurde beendet.

Wollen Sie noch einmal anrufen?

Beck strich mit dem Finger über das Touchpad am unteren Ende der Tastatur des Laptops und bewegte das Richtungssymbol über den Bildschirm zu dem Wort JA. Er drückte auf die Taste des Touchpads, und die Anwendung baute die Verbindung wieder auf. Es klingelte mehrere Male, bevor der Versuch abgebrochen wurde. Die App fragte ihn, ob er es noch einmal versuchen wollte. Er tat es, mit demselben Ergebnis.

Beck versuchte noch sechs weitere Male, anzurufen. Es kam keine Verbindung zustande. Frustriert öffnete er die E-Mail-Anwendung, und er gab Nutzernamen und Passwort ein. Sein Account öffnete sich und er schrieb eine neue Nachricht.

Hey Kleine, ich habe versucht, dich wieder anzurufen, nachdem die Verbindung unterbrochen wurde, aber ich kam nicht durch. Das tut mir leid, und mir tut es auch leid, dass ich unsere Verabredung heute Abend absagen musste. Zwei Filme, wenn ich zurückkomme? Ich rufe dich an, sobald ich gelandet bin. Ich hoffe, dass es morgen klappt. Halt die Ohren steif und grüß deine Mom von mir. Ich liebe dich, Millie, und kann es nicht abwarten, dich zu sehen. Dad

Er überprüfte zweimal die Rechtschreibung, machte zwei Korrekturen und schickte die E-Mail ab. Dann öffnete er eine neue Nachricht. Seine Finger schwebten über der Tastatur, als er überlegte, was er schreiben und was er nicht schreiben sollte. Letzteres war schwieriger als Ersteres. Diese Dämonen waren so schlecht darin, diskret zu sein und verführten Beck oft dazu, Dinge zu sagen, die er später bereute. Er löschte viermal die Nachricht und schrieb sie neu, bevor er damit zufrieden war.

Hi Debbie, ich wollte dich wissen lassen, dass ich auf der Bohrinsel festsitze. Schlechtes Wetter. Ich habe schon mit Millie gesprochen, doch die Verbindung wurde unterbrochen, und ich konnte das Gespräch nicht beenden. Es scheint okay für sie zu sein. Ich glaube, ich bin enttäuschter als sie. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie anrufe, wenn ich in Mobile lande. Das wird hoffentlich morgen der Fall sein, aber ich kann nicht sicher sein. Wenn ich die Möglichkeit habe, einen Video-Chat zu führen, bevor ich fliege, werde ich das tun. Wenn nicht, teile ihr bitte meine Pläne mit. Ich habe ihr eine E-Mail geschickt, aber du neigst dazu, deine Nachrichten häufiger zu checken als sie, außer sie sind auf Snapchat. Eine Antwort ist nicht nötig. Ich wollte nur sicherstellen, dass ich an alles gedacht habe. Bis bald, John

Beck überprüfte erneut die Rechtschreibung, nahm vier Korrekturen vor und verschickte die E-Mail. Erst dann atmete er durch. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er die Luft angehalten hatte. Das machte Debbie mit ihm. So war es schon immer gewesen. Sie raubte ihm in guten wie in schlechten Zeiten den Atem.

Er checkte seinen E-Mail-Account auf ungelesene Nachrichten, fand keine, die ihn interessierte, und schloss den Laptop. In dem Augenblick, als er ihn zuklappte, sah er Gabe im Türrahmen ihres Zimmers stehen. Seine Wangen waren gerötet, Schweißtropfen glitzerten auf seiner hohen Stirn, und sein Haar klebte ihm an den Schläfen. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und redete, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen.

»Hey, Bruder«, sagte er. »Das musst du sehen. Es ist absolut seltsam. Es ist wie etwas aus einem meiner Bücher.«

»Was für Bücher?«

»Die über Post-Apokalypsen. Du weißt schon, die, die ich auf meinem Tablet lese.«

»Was ist es denn?«

»Die Telekommunikation. Radio sagt, dass es so etwas noch nie gegeben hat.«

Beck stand auf und warf den Laptop auf das Fußende der Matratze. »Ich dachte, du würdest Filme schauen und Karten spielen«, sagte er und folgte Gabe in den schmalen Flur. »Warum ist er in der Kommunikationszentrale?«

Gabe stützte sich an der Wand ab, um das Gleichgewicht zu halten, als sie sich durch den Irrgarten der Flure wanden, die sie hinauf auf die Plattform führten und zum Kommunikationszentrum im Kontrollturm auf der gegenüberliegenden Seite der Bohrinsel. Schweiß lief ihm die Wangen herunter und durchtränkte sein Shirt.

»Er hat einen Alarm bekommen. Eher einen Befehl, Bericht über die Telekommunikation zu erstatten. Ich habe ihn begleitet, weil ich nichts Besseres zu tun hatte. Als wir dorthin kamen, war alles …«

Beck sah Gabe über die Schulter an, während sie eine Treppe hochgingen. »Es war was?«

Gabe schüttelte den Kopf und stieß erschöpft den Atem aus. »Du musst es sehen. Es ist schwierig zu erklären, Bruder.«

»Jetzt mache ich mir Sorgen«, sagte Gabe, und Beck öffnete die Tür zum Deck.

Kalter Wind schlug ihm ins Gesicht, als er nach draußen trat. Die Temperatur war um zehn Grad gefallen, seit er zum Mittagessen hineingegangen war. Starker Regen strömte in einem scharfen Winkel herunter, vom Wind in die Diagonale geblasen, und stach wie winzige Nadeln in sein Gesicht. Es erinnerte ihn an einen Hurrikan, der auf die Küste zukam. Und dann begriff er, dass Gabe nicht schwitzte, sondern vom Regen klatschnass war.

Beck stemmte sich gegen den Wind und hob einen Arm über den Kopf, um seine Augen vor dem stechenden Regen zu schützen. Seine Stiefel hafteten an der rutschigen Oberfläche des nassen Decks, als er auf die nächste Tür zueilte. Gabe schob sich hinter ihm herein und zog die Tür zu.

»Mann«, sagte Gabe. »Das war schlimmer als beim ersten Mal.«

Sie gingen Seite an Seite den Flur hinunter, der zum Aufzug führte. Beck fuhr sich mit den Händen durchs Haar und schüttelte den Regen von seinen Fingern. »Ich muss zugeben, an deiner Stelle wäre ich nicht gekommen, um mich zu holen. Ich würde bei diesem Wetter nicht rausgehen, wenn es nicht unbedingt sein muss.«

Gabe sah ihn verwirrt an. »Ich weiß nicht genau, was du mir damit sagen willst, Bruder, aber gern geschehen.«

Beck drückte auf den Knopf des Aufzugs. Die Türen öffneten sich, und sie traten hinein.

»Danke«, sagte Beck. »Ich weiß es zu schätzen. Ich denke, ich will damit sagen, dass du ein besserer Mensch bist als ich, Gabe.«

Gabe lächelte. »So weit würde ich nicht gehen. Ich glaube, du würdest dasselbe für mich tun.«

Beck lachte, als sich die Türen öffneten. »Ich habe dir gerade gesagt, dass ich nicht dasselbe für dich tun würde, Bruder.«

Gabe zuckte mit den Schultern und ging mit ihm die kurze Entfernung zu einer Tür, auf der KOMMUNIKATION stand. Es handelte sich um einen modernen Raum, ganz im Gegensatz zu der alternden industriellen Umgebung im größten Teil der Charybdis. Hochauflösende Flachbildmonitore bildeten eine Videowand an einem Ende des Raums. Sie hingen über einem geschwungenen Schreibtisch, der an die Kommandozentrale eines Raumschiffes erinnerte. Zwei Stühle mit hohen Lehnen, wie sie PC-Spieler benutzten, standen vor den Monitoren. Plaketten auf den Displays zeigten Verbindungen vor der Küste und an Land an. Die küstennahen Verbindungen waren zwischen Oberflächen- und unterseeischen Bildern aufgeteilt.

Beck war erst einen Augenblick im Raum, als er das Problem erkannte. »Was zur …«

Einer der Spieler-Stühle drehte sich herum und zeigte Radio. Die Stirn hatte er in tiefe Falten gelegt. »Beck«, sagte er. »Was machst du hier?«

Beck tauschte einen Blick mit Gabe. Radios besorgter Blick wanderte zwischen ihnen hin und her.

»Ich habe ihn hergebracht«, sagte Gabe. »Wir stehen nicht im Weg rum.«

Radio verengte die Augen und drehte sich wieder zur Monitorwand um. Es war offensichtlich, dass es nicht viel für ihn zu tun gab.

Die Anzeigen vor der Küste schienen in Ordnung zu sein. Aufnahmen von Kameras, die an mechanischen Schlüsselpunkten der Bohrinseln installiert waren, waren kristallklar. Verschwommenere, aber erkennbare Videos vom Grund des Ozeans und darunter gaben dem Betreiber einen Echtzeitblick auf die Verschalung, den Meeresboden und das Dichtungsstück. Neben den Bildern waren farbige Statusangaben zu sehen.

Die andere Hälfte der Anzeigen war schwarz. Die Bildschirme waren eingeschaltet, zeigten aber nichts an. Doch das ausgehende Kommunikationssignal war stark.

»Was geht hier vor?«, flüsterte Beck Gabe zu.

»Alles an der Küste ist tot«, flüsterte Gabe zurück. »Nichts funktioniert. Keine Kommunikation, kein Signal. Es ist, als hätte irgendetwas die Kommunikation auf einen Schlag unterbrochen.«

Auf seinem Platz bemühte Radio sich, das Problem zu finden. »Wir fliegen hier blind. So etwas habe ich noch nie erlebt. Hast du irgendetwas, Ed?«

Ed war der andere Kommunikationsspezialist. Er schüttelte den Kopf und gestikulierte beim Reden wild mit den Händen. »Nichts. Ich habe gar nichts. Verdammt noch mal. Ich war hier. Die Kommunikation funktionierte normal. Ich habe sogar mit Nancy an der Kontrolle über das Wetter gescherzt. Sie beschwerte sich über die Überstunden der Crewmitglieder, die auf der Bohrinsel festhängen. Dann bricht sie mitten im Satz ab, und ich höre nur noch Statik. Und dann ist Nancy weg. Ich sehe hoch, und alles ist weg. Ich …«

Die Tür hinter Beck schwang auf. »In Ordnung«, sagte Hugh Castor, der Geschäftsführer der Bohrinsel, dröhnend. »Alles unnötige Personal raus hier. Sofort. Das gilt für euch, Beck und Vazquez.«

»Okay, Boss«, sagte Gabe. »Wir haben uns gefragt, was hier vor sich geht. Wir alle …«

Castor hob eine fleischige Hand. Der Mann war über eins-neunzig groß, hatte wie Leder gebräunte Haut und war so kahl wie eine Billardkugel. Ein dichter, drahtiger Schnurrbart wucherte unter seiner breiten Nase und verbarg seine Oberlippe. »Ich bin mir des Problems absolut bewusst, Vazquez. Was ich will, sind Antworten. Und ich will, dass du und dein Zimmergenosse verschwinden. Ich bin sicher, dass ihr anderswo etwas zu tun habt.«

Beck ging zur Tür, und Vazquez begleitete ihn zum Aufzug. Sie schwiegen beide, während die Kabine nach unten fuhr. Becks Gedanken rasten, sie drehten sich um Millie. Wenn alle Kommunikationssysteme an der Küste ausgefallen waren, was bedeutete das? Ging es ihr gut?

Als die Türen des Aufzugs auseinander glitten, marschierten die beiden den kurzen Flur entlang und wieder hinaus in die Kälte. Der Regen rauschte wie ein dichter Vorhang herunter. Die kalten, schweren Tropfen klatschten Beck ins Gesicht. Sie waren jetzt größer als die stechenden Kügelchen vor ein paar Minuten.

Er war auf halbem Weg zu den Wohnquartieren, als ein Dröhnen das Trommeln des Regens durchschnitt. Beck schirmte die Augen mit einer Hand ab und blinzelte zum Himmel hoch. Drei Militärjets tauchten aus den dunkelgrauen Wolken auf, schossen über den Himmel und drehten Richtung Küste. Einen Moment später folgte ein weiteres Trio demselben Muster.

Das Militär hatte in Alabama sechs Einrichtungen. Die Air Force hatte in Montgomery eine Basis. Die Army hatte Posten in Dale, Bynum, Anniston und Madison. In Madison befand sich das Redstone Arsenal, und die Küstenwache hatte ein Flugtrainingszentrum in der Nähe von Mobile. Alle Einrichtungen führten das ganze Jahr Übungen durch, aber Beck konnte sich nicht erinnern, in der Umgebung von Charybdis solche Arten von Flugformationen gesehen zu haben.

Geblendet vom Regen wischte er sich das Wasser aus den Augen, als eine dritte Formation über seinen Kopf hinweg donnerte. Diese nahm eine andere Richtung. Sie flogen weiter auf den Golf hinaus, bevor sie sich nach Osten wandten. Beck war sicher, gesehen zu haben, dass zwei von ihnen Raketen abschossen. Die Kondensstreifen sahen aus wie Raketenabgase. Er blinzelte gegen den Regen an und glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können.

Als sie in ihrem Quartier waren, blieben beide Männer stehen und starrten einander an. Beck fragte sich, ob er dieselbe verwirrte Miene hatte wie Gabe.

»Du hast das auch gesehen, oder?«, fragte Gabe. »Ich habe mir diese Jets nicht eingebildet, oder?«

»Nein. Ich habe sie auch gesehen.«

»Hör mal, ich bin kein Experte, okay? Aber mein Bruder ist bei der Air Force. Er ist Tonassistent. Weißt du, er tankt Flugzeuge in der Luft auf. Und ich glaube, die ersten beiden Gruppen waren unsere. Sie sahen wie F-35 Lightnings aus. Er hat mir Bilder von denen im Flug geschickt. Also bin ich mir ziemlich sicher.«

»Die dritte Gruppe war anders«, sagte Beck. »Sie sahen nicht wie unsere aus.«

Gabe schluckte. Er fuhr sich mit der Hand durch sein klatschnasses Haar. Keiner von ihnen hatte bei ihrem unklugen Gang zum Kommunikationszentrum seinen Helm getragen.

»Das waren Chinesen. Oder Koreaner. Ich glaube, die fliegen beide Chengdu J-20-er. Diese Dinger sind schnell. Sie sind größer und haben eine weitere Flügelspanne als die ersten beiden.«

»Ich habe gesehen, dass sie etwas abgeschossen haben«, sagte Beck. »Zwei von ihnen haben Raketen abgeschossen. Hast du es auch gesehen?«

Gabe zögerte. Er sah auf seine Stiefel hinunter, hob dann wieder den Kopf und nickte. »Ich habe es gesehen. Ich hatte gehofft, dass du nichts bemerkt hast und ich es mir nur eingebildet habe.«

»Mir ging es genauso«, sagte Beck.

»Was machen wir jetzt?«

Beck wusste nicht, was er darauf antworten sollte. »Gute Frage. Ich denke nicht, dass wir im Moment viel tun können. Ich schätze, dass der Boss bald eine Besprechung mit allen einberufen wird und …«

Der Deckenlautsprecher unterbrach ihn mit einem Signal. Wie aufs Stichwort schallte Hugh Castors Stimme wie ein tiefes Blechblasinstrument durch den schmalen Flur.

»Ich will, dass alle in die Kantine kommen. In fünf Minuten. Das ist ein Sammelruf für jegliches Personal, das außer Dienst ist. Das ist ein Sammelruf. Kantine. In fünf Minuten.«

Das Signal erklang erneut. Die Nachricht war beendet.

»Ich denke, das hat diese Frage beantwortet«, sagte Gabe.

Beck öffnete die Tür, um zur Kantine zu gehen. »Ich glaube nicht, dass er zum jetzigen Zeitpunkt mehr weiß als wir.«

»Stimmt, aber er wird uns eine Richtung weisen. Das ist besser, als untätig herumzustehen …«

»Hey, Leute. Wartet auf mich.«

Radio, vom Regen durchnässt, mit im Gesicht hängenden Haaren, beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen. Er nahm seine beschlagene Brille ab und blinzelte. »Könnt ihr das glauben? So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich meine, wir hatten schon vor diesem Kommunikationsproblem Ausfälle. Aber alles an der Küste? Gleichzeitig? Das ist absolut seltsam.«

»Warum bist du nicht mehr da oben?«, fragte Gabe. »Brauchen sie dich nicht?«

Radios Stiefel quietschten beim Gehen. Er zog an dem Stoff über seinem Schritt und zupfte seinen durchnässten Baumwolloverall zurecht.

»Nein. Ich bin außer Dienst, genau wie du, weißt du noch? Himmel, diese neuen Shorts ziehen sich verdammt noch mal hoch. Ich werde mich schlimm wundscheuern.«

»Hast du irgendetwas herausgefunden?«, fragte Beck. »Wer ist dafür verantwortlich? Vielleicht die Chinesen?«

Gabe warf ihm mit zusammengezogenen Brauen einen Blick zu.

Radios Stimme wurde eine Oktave höher. »Chinesen? Warum denn die Chinesen? Niemand hat irgendetwas über die Chinesen gesagt. Die da oben haben mich gerufen, weil sie dachten, sie würden etwas falsch machen. Ich habe alles überprüft. Man kann nichts machen. Die Kommunikation an Land ist verbrutzelt. Nicht an unserem Ende, an ihrem. Castor hat mir gesagt, dass ich in die Kantine gehen soll. Dann hat er den Sammelruf gemacht. Was ist denn mit den Chinesen?«

»Gabe und ich haben ein paar Kampfjets über uns hinweg fliegen sehen. Wir glauben, dass mindestens drei von ihnen chinesisch waren.«

Radio lachte. Es war ein nervöses Gackern. »Was meint ihr mit Kampfjets?«

Sie erreichten die Kantine, bevor einer von ihnen Radios Frage beantworten konnte. Sie hörten den Tumult, bevor sie die gedrängt volle Kantine sahen. Die Hälfte der hundertsechsundzwanzig Leute an Bord der Bohrinsel hatte sich in den Raum gezwängt. Die Männer drängten sich auf den Bänken, einige saßen auf den langen Tischen, andere lehnten an den Wänden. Alle waren in Gespräche vertieft. Außer Goose und seinen beiden Schlägern sah niemand auf, als Beck eintrat. Beck lächelte und winkte Goose zu, der ihn mit ausdrucksloser Miene ansah, bevor er sich abwandte und seinen Gefolgsleuten etwas zumurmelte.

Radio zupfte an der Schulter von Becks Overall. »Hey, was hast du mit Kampfjets gemeint? Das macht mir Sorgen. Ich habe nichts von Kampfjets gehört. Oder von den Chinesen.«

Das Trio fand einen freien Platz in einer Ecke in der Nähe des Kantinentresens. Beck lehnte sich an die Wand, verschränkte die Arme vor der Brust, überkreuzte die Fußknöchel und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er war ganz in Blau getaucht, die Farbe der feuerfesten Uniformen, die die Arbeiter während ihrer Schichten trugen. Das Licht der Deckenbeleuchtung fing sich in den Reflexstreifen auf ihren Armen, Schultern und Fußknöcheln. Eine einfarbige Version des modernen Unternehmenslogos erstreckte sich auf dem Rücken, ein dazu passender Aufnäher befand sich auf der Brust gegenüber dem Namensschild.

Wenn die Arbeiter sich in Massen versammelten, waren sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Doch Beck erkannte sie alle und kannte ihre Namen, abgesehen von zwei der Neulinge. Er dachte daran, dass sie alle an der Küste sein oder sich auf das Ende ihrer Schicht vorbereiten sollten. Stattdessen saßen sie wegen des Wetters hier fest und konnten nichts an dem ändern, was auch immer an der Küste passierte.

Seine Gedanken wanderten wieder zu Millie. Er stellte sie sich ohne ein funktionierendes Telefon vor. Er war nicht sicher, ob die Handys außer Betrieb waren. Nur weil die Videokommunikation nicht mehr funktionierte, musste das nicht heißen, dass alles durchgebrannt war. Doch wenn ihr Handy nicht mehr nutzbar war, musste sie durchdrehen. Kinder in ihrem Alter waren mit diesen Geräten verwachsen. Sie waren wie eine Rettungsleine, im übertragenen Sinn und buchstäblich. Sein Magen zog sich bei dem Gedanken zusammen, sie nicht kontaktieren zu können.

»Was hast du damit gemeint, Beck?«, hakte Radio nach und unterbrach damit seine Gedanken.

Beck atmete durch. »Was habe ich womit gemeint?«

Radio schnaufte entnervt. Seine Brille ließ seine Augen größer erscheinen, fast kindlich. »Die Kampfjets«, sagte er. »Du hast erzählt, dass da Kampfjets waren.«

»Ich habe nichts damit gemeint. Wir haben Jets gesehen. Sie …«

»Ihr habt sie auch gesehen?«, unterbrach ein Bodenarbeiter namens Rigby. »Diese Dinger sind gerast. Und sie waren laut.«

Rigby war jung, wahrscheinlich noch nicht einmal einundzwanzig. Er war ein Rotschopf mit vielen Sommersprossen, die ihn wie einen Mittelschüler aussehen ließen. Er war klein und dünn und hatte ein paar spärliche, erdbeerblonde Haare auf dem Kinn. Als Bodenarbeiter war es seine Aufgabe, den Bodenbohrer und die Geräte auf der Arbeitsbühne zu betreiben.

Mit großen Augen starrte Radio Rigby an. »Du hast sie auch gesehen?«

Rigby nickte. »Ich habe sie gesehen. Es waren einige. Sie waren laut. Ich bin überrascht, dass du sie nicht gehört hast. Sie waren kaum zu überhören.«

Radios Miene spannte sich an. Er ließ den Blick durch den Raum wandern, aber seine Gedanken waren mit etwas anderem beschäftigt, er suchte nach Antworten. Beck wusste nicht, ob er besorgt wegen der Bedeutung der Jets war, oder darüber, dass Radio sie nicht bemerkt hatte.

Die Lautstärke der unzähligen Gespräche wurde leiser, und Becks Aufmerksamkeit richtete sich auf eine Bewegung an der Tür der Kantine. Der riesige Hugh Castor stand im Türrahmen und füllte ihn fast ganz aus. Sein Schutzhelm schien zu klein für seinen Kopf zu sein. Sein kantiger Kiefer sah aus wie aus Stahl gegossen, und der eisige Blick des Mannes war Grund genug, seiner Führung zu folgen. Der Rest lag an seiner Vereisung.

»In Ordnung«, sagte er. »Beruhigt euch. Ich will, dass alle mich ansehen. Ich bin hier.«

Castor bildete mit Zeige- und Mittelfinger ein V. Er zeigte damit auf die versammelten Männer und dann auf seine eigenen Augen. Er wiederholte die Bewegung dreimal, bevor er einen Schritt in den Raum trat. Die Ärmel seines Overalls waren bis zu den Ellbogen hochgerollt und entblößten verblasste, farbige Tätowierungen auf seinen Unterarmen, die wahrscheinlich einen ähnlichen Umfang hatten wie Radios Hals.

»Ihr kennt mich«, sagte Castor. »Ich sage es, wie es ist. Wir haben eine Regel. Wir tragen keinen Mist rein oder raus. Habe ich recht?«

Zustimmendes Gemurmel schwoll an und erstarb wieder. Castor leckte sich über die Zähne. Er nahm seinen Helm ab und legte ihn auf einen Tisch in der Nähe. Die Männer teilten sich wie das Rote Meer, um ihm Platz zu machen.

Er rieb sich über den kahlen Schädel und schien gründlich über seine nächsten Worte nachzudenken. Seine Brust hob sich, als er einatmete.

»In Ordnung«, sagte er. »Ich werde es euch erzählen. Ihr werdet zweifellos Fragen haben. Aber es ist, wie es ist.«

Castor versuchte, Zeit zu schinden. Das sah ihm nicht ähnlich. Was immer er zu sagen hatte, ließ ihn zögern. Beck sah, dass die Muskeln um seine Augen herum zuckten. Die großen Falten in den Winkeln vertieften sich, genau wie die Linien, die zwischen seiner Nase und seinen geröteten Wangen verliefen. Er sah zu Boden, als er wieder sprach.

»Wir leben in einer Welt des Schmerzes, meine Herren. So einfach ist das, und auch so kompliziert. Eine Welt des Schmerzes.« Er sah auf und ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten. »Wir haben keine Verbindung mit dem Hauptquartier. Überhaupt keine. Es ist, als wären sie alle verschwunden. Selbst die Datenspeicherung funktioniert nicht. Wir haben es sogar mit einem Notrufsignal auf dem Amateurfunk probiert. Nichts als Statik.«

Castor atmete noch einmal tief durch. Im Raum war es still, die Aufmerksamkeit aller Männer war auf den Boss gerichtet.

Beck hatte das Gefühl, dass ihnen die schlimmste Nachricht noch bevorstand. Er hatte recht.

»Wir haben allerdings Gesprächsbruchstücke gehört«, sagte Castor. »Wir wissen nicht, wer es war, weil wir erst mittendrin mithören konnten. Aber soweit wir verstanden haben, sind wir angegriffen worden.«

Radio platzte mit einer Frage heraus. »Wir, also wir hier auf der Bohrinsel?«

Unter normalen Umständen hätte Castor Radio dafür getadelt, dass er außer der Reihe eine Frage stellte. Er hatte Radio an das Protokoll und die Manieren erinnert und ihn wahrscheinlich während seiner Freizeit zum Küchendienst verdonnert. Aber nicht jetzt. Stattdessen schluckte er schwer, und seine Miene verhärtete sich.

»Mit wir sind die USA gemeint.«

Im Raum überschrien sich die Männer gegenseitig mit Fragen und Ausrufen. Manche schlugen mit den Fäusten auf Tische. Andere vergruben den Kopf in den Händen. Beck beobachtete alles, ohne eine sichtbare Reaktion, aber sein Magen zog sich zusammen. Eine Welle von Übelkeit überkam ihn, und seine Knie wurden weich. Was immer es auch für ein Angriff war, Millie steckte mittendrin. Anders konnte es nicht sein. Sonst wäre der Video-Chat nicht auf diese Weise unterbrochen worden. Adrenalin überflutete seinen Körper, gemischt mit Übelkeit, und Galle stieg seine Kehle hoch. Er unterdrückte sie und schluckte, zuckte zusammen, als die Säure seinen Magen erreichte.

Er hörte den anderen, die über die Bedeutung der Eröffnung des Bosses diskutierten, nur mit halbem Ohr zu. Seine Gedanken waren bei seiner Tochter und wie er zu ihr zurückkommen könnte, koste es, was es wolle. Er stellte sie sich vor, wie sie Angst hatte, weil die Welt um sie herum brannte. Wohin würde sie gehen? Was würde sie tun, um sich in Sicherheit zu bringen? Würde sie die Dinge tun, die er ihr beigebracht hatte, oder würden diese Fähigkeiten sich im Äther des plötzlichen Traumas auflösen?

Castors dröhnende Stimme brachte ihn in die Gegenwart zurück. Der Boss brauchte drei Versuche, bis im Raum Ruhe einkehrte. Mit erhobenen Armen, gerötetem Gesicht und hervortretenden Adern bellte er, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Es reicht! Lasst mich ausreden!«

Im Raum wurde es wieder ruhig. Unbehagen hing in der Luft. Es drückte Beck nieder, als müsste er die Bürde allein tragen.

»Man sagt, dass sie unser Stromnetz getroffen haben«, sagte Castor. »Uns wurde gesagt, dass es nirgendwo mehr Energie gibt, von der Ost- bis zur Westküste.«

»Wer ist man?«, fragte Rigby.

»Das weiß niemand so genau.«

Jemand anderes hob die Hand und stellte eine Frage. »Was für eine Art von Angriff war es?«

Castor zuckte mit den breiten Schultern. »Die Art, die überall die Stromversorgung lahmgelegt hat.«

»Sogar in Texas?«, fragte ein Mann. »Texas hat nämlich ein eigenes Stromnetz.«

Castor strich sich über den Schnurrbart. »Sogar in Texas. Die Leute, die wir reden hörten, waren in Texas. Sie berichteten von einem totalen Stromausfall in Houston, und die Leute, mit denen sie sprachen, waren in Baton Rouge.«

»Das ist nicht überall«, sagte ein weiterer Mann. »Das ist nicht von Osten bis Westen. Wir können nicht wissen, wie es in Kalifornien, Florida oder New York ist.«

Andere murmelten zustimmend. Es wurde immer lauter, bis Castor sie wieder zur Ruhe brachte.

»Glaubt es oder nicht«, sagte er, »mich interessiert die Wahrheit über die Probleme an Land kein bisschen. Es ist egal. Was für mich wichtig ist, ist, dafür zu sorgen, dass alle hier auf der Bohrinsel in Sicherheit sind, bis wir evakuiert werden.«

Castor hob in vorsorglichem Bemühen die Hände, die unausweichliche Diskussion über diese neueste Eröffnung im Keim zu ersticken. »Unsere Vorräte reichen für zweiundsiebzig Stunden. Doch wenn die Probleme so schlimm sind, wie wir vermuten, wird die morgige Lieferung nicht eintreffen. Und dann haben wir achtundvierzig Stunden, alles herunterzufahren und zu verschwinden.«

Kapitel 3

Tag der Detonation 90 Meilen vor der Küste Alabamas Golf von Mexiko

Radio justierte die Frequenz auf dem Yaesu-Handgerät Dual-Band-Empfänger. Er tippte eine Reihe von Zahlen ein. Er trug einen Ohrstöpsel, der mit dem Gerät verbunden war, sodass die anderen nicht hören konnten, ob er fündig wurde.

Beck, Rigby und Gabe saßen auf Radios Bett, während er am einzigen Fenster des Zimmers stand. Es war ein kleiner, rechteckiger Raum mit blickdichtem Glas, das dazu diente, an sonnigen Tagen dämmriges Licht hereinzulassen, und bei schlechtem Wetter schummrig-graues.

Beck bemerkte, dass das Licht trüb und grau war. Regentropfen prallten auf das Glas und rollten daran herab. Das Wetter hatte sich nicht verbessert. Er fragte sich, was passieren würde, wenn es weitere zweiundsiebzig Stunden so blieb. Würden sie bei rauer See evakuieren? Er würde es tun. Ohne zu zögern.

»Kannst du sie hören?«, fragte Gabe. »Was sagen sie?«

Sich in Radios Zimmer zu versammeln, war seine Idee gewesen, nachdem er sie alle daran erinnert hatte, dass Radio in seinem Gepäck einen Handempfänger hatte. Er war für Notfälle gedacht, und er hatte vergessen, dass er ihn dabeihatte, bis Castor erwähnte, dass sie an Informationen gelangt waren, indem sie Übertragungen an Land abhörten. Er hatte nicht genug Informationen gehabt, um Becks Neugier zu befriedigen, und Beck hoffte, dass Radio es vielleicht schaffte, die Lücken zu füllen.

»Ich habe eine Zusatzfunktion«, sagte Radio. »Das heißt, dass ich auf allen Kanälen senden und empfangen kann. Ed, der Kommunikationstechniker im Dienst, hat nur die allgemeinen Funktionen. Er kann auf sehr vielen Kanälen senden und empfangen, aber nicht auf allen. Wir könnten Gespräche abhören, die er nicht empfangen konnte. Das ist es, was ich zu finden versuche.«

Er drückte eine weitere Reihe von Tasten. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und er zog den Ohrstöpsel heraus. Sie stiegen mitten in das Gespräch von mindestens zwei Teilnehmern ein, die sich über ihren Amateur-Funk identifizierten. Sie benutzten für einen Teil ihrer Dialoge Codes, die Beck nicht kannte, aber er verstand genug von dem Gespräch, um das Wesentliche mitzubekommen.

Die erste Stimme knisterte vor Statik. »Atombomben? Haben sie Atombomben abgeworfen? Müssen wir uns Sorgen wegen radioaktiven Fallouts machen?«

»Es gibt keine Berichte über Pilzwolken oder große Explosionen«, kam die Antwort. »Kein Fallout. Nur die Raketen, und dann sind die Transformatoren in die Luft geflogen.«

Gabe rutschte auf dem Bett herum. »Kannst du eine Frage stellen? Ich meine, kannst du an dem Gespräch teilnehmen?«

Radio nickte. »Ich muss auf eine Pause warten, mich identifizieren, aber dann ja. Wie lautet deine Frage?«

»Ich habe tausende, aber wenn ich mit einer anfangen muss: Wer hat uns angegriffen, und wie?«

»Wir wissen, wie«, sagte Beck. »Mit diesen Jets.«

Gabe runzelte die Stirn. »Vielleicht möchte ich es verleugnen, aber wir können nicht sicher sein, dass diese Jets irgendetwas gemacht haben. Es könnte sein, dass wir nicht gesehen haben, was wir glaubten zu sehen.«

»Ich nehme mir das Recht, anderer Meinung zu sein.« Beck sah die anderen an. »Wir haben es alle gesehen. Chinesische Jets haben Raketen abgeworfen.«

»Welche Fragen sollen wir also stellen?«, fragte Radio.

Beck wies mit dem Kinn auf Gabe. »Frag, wer uns angegriffen hat, und wie. Auch wenn wir glauben, die Antwort zu wissen, weitere Informationen sind besser als gar keine. Wenn irgendjemand überhaupt eine Antwort darauf hat.«

»Okay«, sagte Radio. »Ich steige in das Gespräch ein, sobald es eine Lücke gibt. Ihr haltet den Mund, okay? Eine Minute lang kein Reden.«

Sie nickten zustimmend. Radio wartete auf eine Pause, drückte dann den Taster an der Seite des Empfängers und übertrug sein Rufzeichen.

»Kilo Alpha Four Victor X-Ray Zulu.«

Nach einer kurzen Pause antwortete eine der Stimmen. »Wir haben eine Brechanlage. Hallo, Kilo Alpha Four Victor X-Ray Zulu. Sprechen Sie. Wo sind Sie?«

»Kilo Alpha Four Victor X-Ray Zulu schließt sich an. Danke. Ich bin vor der Küste. Können Sie uns irgendwelche Informationen über den Angriff geben? War es überhaupt ein Angriff? Und wenn ja, wer war es?«

Radio ließ die Taste los. Die Antwort kam sofort.

»Wir können Angriffe bestätigen.«

Als keine weiteren Informationen kamen, versuchte Radio es erneut. »Wo hat es die Angriffe gegeben? Und wer hat es getan?«

Die andere Stimme antwortete. »Wir haben Berichte aus Kalifornien, Nevada, Texas, Florida, Georgia, Michigan, Illinois, Washington, DC und Pennsylvania.«

»Wer war es?«, hakte Radio nach.

Eine dritte Stimme gesellte sich dem Gespräch hinzu und antwortete: »Entweder die Chinesen oder Nordkorea. Vielleicht die Russen in chinesischen Jets. Das waren die Tarnkappenbomber. Sie haben mit EMP geladene Raketen abgeworfen.«

»EMP?«, wiederholte Rigby.

Radio hielt einen mahnenden Finger hoch und drückte auf das Mikro. »Danke. Wie übertragen Sie?«

»Gute Frage«, sagte einer von ihnen. »Mein Auto ist tot, mein Computer funktioniert nicht mehr, aber dieser Amateurfunk geht noch. Daraus soll man schlau werden.«

»Ich bin in einem Bunker«, sagte ein anderer. »Ein unterirdisch gebauter Faraday’scher Käfig.«

Die erste Stimme meldete sich wieder. »Sie sagten, dass Sie vor der Küste sind, Kilo Alpha Four Victor X-Ray Zulu? Wo vor der Küste?«

»Auf einer Bohrinsel im Golf.«

»Eine Bohrinsel? Flachwasser oder Tiefenwasser?«

»Tiefenwasser«, antwortete Radio. »Ich bin an Bord der Charybdis. Sie ist von Interllayar Energy gepachtet.«

»Und Sie haben Energie?«

»Ja«, sagte Radio. »Bisher keine Probleme.«

»Da haben Sie Glück, Kilo Alpha Four Victor X-Ray Zulu«, sagte ein anderer Gesprächsteilnehmer.

Radio sah vom Empfänger hoch und blickte die anderen im Raum an. Er runzelte besorgt die Stirn, und er straffte die Schultern, bevor er das Mikrofon aktivierte. »Warum?«

»Wir haben gehört, dass viel von der Infrastruktur getroffen wurde. Raffinerien in Port Arthur, Texas. Speicher im Landesinneren. Die Steuerungen von Pipelines. Wir haben sogar von einem Kerl in Pennsylvania gehört, dass Hydrofracturing-Einrichtungen dort getroffen wurden. Sie wollen uns lahmlegen. Sie haben Glück, wenn es Sie nicht erwischt hat.«

»Danke für die Informationen«, sagte Radio. »Ich bleibe auf diesem Kanal und warte auf Neuigkeiten.«

Die anderen verabschiedeten sich auf angemessene Amateurfunker-Weise von Radio. Er legte den Empfänger auf seinen Schreibtisch und sah die anderen an. »Glaubt ihr, dass sie fertig sind?«