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Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr. Vielleicht kann Perry Rhodan, der als erster Mensch auf Außerirdische gestoßen ist, endlich sein großes Ziel erreichen: Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien. Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit. Doch ES weilt nicht mehr in der Milchstraße – das Geisteswesen ist in Fragmente zersplittert worden, die sich an verschiedenen Stellen im Kosmos befinden. Eines dieser Refugien wurde bereits von dem Raumschiff TEZEMDIA und seiner Besatzung entführt. Während Perry Rhodan sich an die Verfolgung macht, hat Gucky in der Galaxis Wolf-Lundmark-Melotte ein anderes Fragment gefunden – und Shinae, Reginald Bulls Tochter, die das gesuchte Fragment in ihrem Bewusstsein aufnimmt. In der Milchstraße trifft derweil die Blaugoldflotte mit dem ersten gefundenen ES-Fragment ein. Aber auch die Kosmokarawane von NADALEE erscheint, und damit kommt zunächst eine ZEIT DER DIPLOMATEN ...
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Nr. 3289
Zeit der Diplomaten
Die Kosmokarawane fordert Gehorsam – die Ferronen stellen sich
Robert Corvus
Cover
Vorspann
Die Hauptpersonen des Romans
1. Im Roten Palast
2. Forderungen
3. Flottenrendezvous
4. Diplomatie
5. Gegenzug
6. Sturmfackel
7. Ankunft
Fanszene
Leserkontaktseite
Impressum
Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr.
Vielleicht kann Perry Rhodan, der als erster Mensch auf Außerirdische gestoßen ist, endlich sein großes Ziel erreichen: Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien.
Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit.
Doch ES weilt nicht mehr in der Milchstraße – das Geisteswesen ist in Fragmente zersplittert worden, die sich an verschiedenen Stellen im Kosmos befinden. Eines dieser Refugien wurde bereits von dem Raumschiff TEZEMDIA und seiner Besatzung entführt.
Während Perry Rhodan sich an die Verfolgung macht, hat Gucky in der Galaxis Wolf-Lundmark-Melotte ein anderes Fragment gefunden – und Shinae, Reginald Bulls Tochter, die das gesuchte Fragment in ihrem Bewusstsein aufnimmt. In der Milchstraße trifft derweil die Blaugoldflotte mit dem ersten gefundenen ES-Fragment ein. Aber auch die Kosmokarawane von NADALEE erscheint, und damit kommt zunächst eine ZEIT DER DIPLOMATEN ...
Axelle Tschubai – Die neue Botschafterin des Solsystems will eine diplomatische Lösung.
Hroch-Tar Kroko – Der Veteran will ein gutes Beispiel geben.
Brandon Estellor – Der Raumlandesoldat will verstehen, wofür er kämpft.
Praut Thongusik – Der Thort will das Wegasystem für die Ferronen bewahren.
Zamunat Pettpér
1.
Im Roten Palast
Oberst Hroch-Tar Krokos Vorfahren hätten wohl mit einer Mischung aus Verwunderung und Stolz darauf reagiert, dass er als einziger Topsider im Stoßtrupp Tod dem Thort ins Herz der früheren Feinde, den Roten Palast der Ferronen, eindrang.
Er war sich der historischen Bedeutung bewusst, die diesen Ort nicht nur für die blauhäutigen Humanoiden, denen das System des weißen Riesensterns Heimat war, tränkte. In den Katakomben unter seinen bekrallten Füßen hatte das kosmische Rätsel seinen Anfang genommen, die Jagd nach der Unsterblichkeit, die die Superintelligenz ES initiiert hatte. Zu jener Zeit hatten sich die Ferronen und Hroch-Tars Volk, die Topsider, feindlich gegenübergestanden.
Der große Sieg war jedoch keiner dieser Parteien zugefallen, sondern den Terranern, die damals als Schlüpflinge auf die galaktische Bühne gekrochen waren, sozusagen mit feuchtweichen Schuppen und nur mühsam geöffneten Augen. Dass sie unter Perry Rhodans Führung die Welt des ewigen Lebens gefunden und viele aus ihren Reihen die relative Unsterblichkeit erhalten hatten, war ein wesentlicher Grund für ihren Aufstieg zur galaktischen Großmacht.
Der Rote Palast von Ferrol stand ebenfalls für Unsterblichkeit, wenn auch anderer Art. Nicht einem Individuum verhieß er Ewigkeit, sondern der Zivilisation der Ferronen, jener im Vergleich zu Terranern kleinen Humanoiden, die das Bauwerk nach jeder Zerstörung wieder von Neuem errichteten. Vor etwa vierzig Jahren hatten die Maccani die oberirdischen Anlagen zertrümmert und Flächen aus glasierter Schlacke hinterlassen. Doch nach einem Dutzend Bauphasen war der Tag der Neueröffnung gekommen.
Hroch-Tar Kroko und seine vier Begleiter nutzten die Gelegenheit, sich interessiert umzusehen. Das diente ihrer Tarnung unter den Zehntausenden Besuchern, die den 100 Quadratkilometer bedeckenden Komplex – besser vergleichbar mit einer Stadt als mit einem Gebäude – besichtigten. Als Baumaterial dominierte roter, geäderter Stein, dessen Erscheinung sich auch Elemente aus Plast oder Metall anglichen. Sogar zahlreiche Scheiben waren rot getönt.
Das architektonische Konzept stellte eine Synthese aus der verspielten, hoffnungsfrohen Gestaltung vor dem Angriff der Maccani und der traditionellen, wuchtigen Ausführung dar, die davor dominiert hatte.
Eine 100 Meter hohe, nach außen abgeschrägte Festungsmauer umlief die 40 Kilometer lange Begrenzungslinie des Areals. Wie Türme ragten darauf Planet-Orbit-Geschütze auf. Kroko kannte die Leistungskennzahlen aus den Missionsdaten: Kraftwerke unter der Oberfläche speisten eine Feuerkapazität, die jener eines Ultraschlachtschiffs gleichkam.
Noch größerer Wert lag auf den Paratron-Projektoren. Sie standen für ein ausgeklügeltes System aus Schutzschirmen, in dem sich nicht nur der Gesamtkomplex, sondern auch selektierte Areale, Gebäude und Zufluchten schützen ließen, wobei sich die Ableitungsvektoren geschickt ergänzten. Auftreffende Energie wurde sogar zu einem beachtlichen Teil in unterirdische Speichereinheiten abgeleitet, sodass sie für die weitere Verteidigung zur Verfügung stünde. Theoretisch zumindest; diese Innovation wurde im gesamten Galaktikum beobachtet.
Der Grundriss offenbarte die kluge Positionierung von Mannschaftsunterkünften, sodass Infanterieeinheiten über Laufwege und Antigravstrecken binnen Sekunden an jeder Mauersektion in Stellung gehen konnten. Waffenkammern, Sanitätsbereiche und Kommandoposten waren ebenso kompetent untergebracht wie Robotmagazine und Reparaturbuchten.
Doch dieses waffenstarrende Zeugnis entschlossener Wehrhaftigkeit hatte der Stoßtrupp schon lange hinter sich. Seit geraumer Zeit wanderten die fünf Soldaten von Tod dem Thort durch den Innenbereich, den Bauten filigraner Schönheit prägten. In Wasserspielen brach sich das grelle Tageslicht. Erker und Türmchen bildeten Formen, die an Schwingen und feines Gewebe erinnerten. Wandelbrücken in leuchtenden Farben – von Rosa bis Violett – verbanden die oberen Stockwerke der Cafés, Bibliotheken, Museen, Büroräume, Konzertsäle, Wohnhäuser, Theater und Sportstätten. Im Innern des Roten Palastes sollte blühen, was sein Äußeres schützte.
Zweifellos gab es innerhalb der Umfassungsmauer Sicherungssysteme, aber das Eröffnungsfest machte den Einsatz von Bewegungskontrollen und Autorisationsprüfern weitgehend unmöglich. Zwischen den Ferronen tummelten sich weißhaarige Arkoniden, Menschen von Terra und Tefroder, die von diesen kaum zu unterscheiden waren, positronisch-biologische Roboter aller Bautypen von spinnenartigen Konstruktionen bis zu fliegenden oder mit Raupenketten versehenen Modellen, rotbärtige Mehandor und auch gar nicht so wenige Topsider.
In dieser Vielfalt war der Stoßtrupp, dem außer Hroch-Tar drei Terranerinnen und ein Oxtorner angehörten, unauffällig. Zumal sie wallende Zivilkleidung, im Falle des Topsiders ein floral bedrucktes Hemd, über den Kampfanzügen trugen. Wegen des grellen Tageslichts waren getönte Brillen üblich. Beim Einsatzteam waren militärische Sensoren integriert, ebenso wie die Gravopaks zu mehr imstande waren, als die planetare Schwerkraft von 1,4 Gravos herunterzuregeln. Nur der Oxtorner, Sergeant Janou LeCount, verzichtete darauf. Sein Körper war auf mehr als das Dreifache von Ferrols Anziehungskraft angepasst.
LeCount prüfte den Plan der Anlage, wie es auch viele Besucher ständig taten, die die Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen wollten. Der Sergeant führte sie jedoch zu einem Gebäude, dessen Front auf den ersten Blick wie ein Schaumbad gestaltet war. Bei genauerem Hinsehen wurde klar, dass die roten Sphären die 42 Planeten des Wegasystems und sämtliche ihrer Monde darstellten. Die Umrisse von Kontinenten waren eingeritzte Linien. Diese Kugeln drehten sich gemächlich, sodass die Nachbildungen der Himmelskörper immer andere Teile ihrer Oberfläche präsentierten.
Dafür hatte der Stoßtrupp nur einen flüchtigen Blick. Während der Oxtorner, Hroch-Tar und zwei der Terranerinnen so taten, als diskutierten sie miteinander über das nächste Ziel, und somit einen Sichtschutz bildeten, setzte die Positronikerin einen Codebrecher auf das Eingabefeld neben einer Tür. Zehn Sekunden später waren sie drin.
»Emissionen minimieren!«, befahl LeCount.
Wie die anderen desaktivierte auch Hroch-Tar den Gravopak. Unmittelbar erhöhte sich das Gewicht von Körper und Ausrüstung um 40 Prozent, aber niemand beklagte sich. Stattdessen bildete das Team eine Erkundungsformation, bei der sie sich gegenseitig Feuerschutz geben konnten, auch wenn die Strahler vorerst unter der Kleidung verborgen blieben.
Sie befanden sich in einem technischen Gebäude, wozu die karge Einrichtung passte. Der Stein der Außenwand war im Inneren glatt und unverziert, und der Plast von Boden, Decke und anderen Wänden war schmucklos grau. Hroch-Tar empfand das als Erholung vom ständigen Rot.
Sie folgten einem Gang, passierten vier Türen, nahmen die fünfte, durchquerten eine Halle mit summenden Aggregaten, erreichten einen Antigravschacht und ließen sich in die Generatorebene hinab. Dort gewannen die Ferronen Energie aus der Hitze des Planetenkerns.
Selbst für diesen Bereich waren die Grundrisse aus den Missionsunterlagen exakt. Dennoch verlor das Team im Durcheinander aus aufragenden und verschlungenen Aggregatblöcken die Orientierung, musste umkehren und neu ansetzen.
Der zweite Versuch brachte sie zum gesuchten Wartungsschacht für Energieleitungen, die ins Zentrum des Roten Palastes führten. Obwohl er beim Hauseingang gute Dienste geleistet hatte, versagte der Codebrecher bei der Einstiegsluke.
»Vorschläge?«, fragte LeCount.
Hroch-Tar hielt sich zurück.
»Desintegrator«, flüsterte eine Soldatin. »Energiespitze, aber keine Hitzeabstrahlung und keine materiellen Spuren.«
»Bis auf das geschossene Loch«, wandte eine andere ein. Die beiden standen in ständiger Konkurrenz, als Gefreite waren sie gleichrangig und scharf auf die Beförderung.
LeCount betastete das Schott. Vermutlich überlegte er, ob seine oxtornische Körperkraft eine mechanische Lösung ermöglichte, fand jedoch keinen festen Griff für seine Finger.
Er trat zurück. »Desintegrator.«
Ein grüner Fächerstrahl löste das Gitter in weißen Nebel auf.
Die erste Soldatin stieg ein.
»Annäherung«, zischte die Positronikerin.
Hroch-Tar wechselte auf die Umfeldortung. Ein einzelner Bewegungsimpuls wurde auf seine im Gebäudeinnern enttönte Brille projiziert, gemeinsam mit einer Kartenskizze.
Ein Ferrone bog um ein Aggregat und blieb offensichtlich verdutzt stehen. Er hatte orangerotes Haar, war 1,60 Meter groß und wirkte etwas untersetzt – ein typischer Vertreter seines Volkes. Seine Kleidung war wohl eher ein Arbeitsanzug als eine Uniform, mit vielen Taschen und Schlaufen, und die daran befestigten Instrumente sahen nach Werkzeug, nicht nach Waffen aus.
»Habt ihr euch verlaufen?«, fragte er. »Dieser Bereich ist nicht für Gäste vorgesehen.«
»Und du musst arbeiten?« Eine der Soldatinnen näherte sich ihm. »Während alle anderen feiern?«
»Damit die anderen feiern können, muss jemand nach dem Rechten sehen. Die Anlagen sind noch neu und ich habe gerade eine Energiespitze ...«
Die Soldatin setzte die spezielle Nahkampfeinweisung, die sie alle für den Einsatz erhalten hatten, perfekt um. In den Raumlandetruppen lernte jeder, Handkanten, Fingerspitzen, Fäuste, Knie, Ellbogen, Füße und – in Hroch-Tars Fall – Gebiss und Stützschwanz als Waffen einzusetzen. Eine Hypnoschulung hatte sie mit den empfindlichen Punkten am Körper eines Ferronen vertraut gemacht, und vielleicht hatte diese Soldatin an einer entsprechend modellierten Puppe geübt. Ihr Daumen traf jedenfalls präzise eine Stelle unter dem linken Schlüsselbein.
Sie fing den zusammensackenden Mann auf und legte ihn ab.
*
Der Spaziergang durch den Zentralbereich des Roten Palastes war ein Spiel, bei dem es um die Nähe zum Thort ging, begriff Axelle Tschubai. Allzu forsch durfte man sich nicht an das Staatsoberhaupt der Ferronen herandrängen, sonst wurden zu viele Höflinge und Diplomaten eifersüchtig und quetschten sich dazwischen. Aber man sollte auch nicht zu beiläufig mit der Meute schlendern. In diesem Fall wurde man schnell in belanglose Gespräche mit gescheiterten Hinterbänklern verwickelt.
Immerhin stellte niemand infrage, dass Axelle als frisch akkreditierter Botschafterin des Solsystems prinzipiell ein Platz in der Nähe des Thort zustand. Das war nicht selbstverständlich, die Entourage setzte sich aus etwa 150 Personen zusammen, die Hälfte davon Ferronen. Wie von einem Ringsystem war sie von mehreren Kreisen aus Aspiranten umgeben, die in den Gezeiten der ferronischen Politik und Hofetikette Stellungen erobert oder verloren hatten, die mehr oder minder nah an dieses Zentrum von Macht und Prestige heranreichten. Axelle war sicher, dass durch die Gespräche während der Besichtigung des neuen Roten Palastes Bündnisse, aber auch Fehden ihren Beginn nahmen.
Illustration: Swen Papenbrock
Dieses Geschehen wurde von Hunderten Aufnahmesonden beobachtet, die Nachrichten- und Klatschkanäle nicht nur im Wegasystem, sondern weit darüber hinaus entsandt hatten. Eine Station hatte sogar zwei Swoon geschickt, die in einer 40 Zentimeter durchmessenden, fliegenden Schüssel live vor Ort berichteten – unter einem einseitig wirksamen Dämpfungsfeld, sodass die Gäste ihre Kommentare nicht hörten.
Thort Praut Thongusik trug einen prächtigen, wenn auch antiquiert wirkenden Ornat. Aus seinen Schultern ragten meterlange, rote Federn, die etwas von einem Glorienschein hatten und ihn schon aus der Ferne sofort kenntlich machten. Die linke Hand steckte in einem weißen Handschuh, während die rechte unbekleidet war. Eine Brosche projizierte ein Holo von einem majestätisch fliegenden Raubvogel.
Der Herrscher führte sein Gefolge zu einem anderen, ungleich größeren Holo: Auf einem Sockel im Zentrum eines weiten Hofs bewegte sich das Lichtbild von Hekéner Sharoun. Dieser ferronische Staatsmann hatte seiner Heimat Ehre gemacht, indem er zum ersten Residenten der Liga Freier Galaktiker aufgestiegen war. Sein Holo wechselte zwischen einem Dutzend Gesten, die allesamt zugewandt und einladend wirkten. Vor dem Sockel blühten Blumen in einem 100 Quadratmeter großen Beet, durch das einige Wege führten – was die engen Begleiter des Thort zu der Entscheidung zwang, wer wem den Vortritt ließ, denn schließlich wollte niemand die Pflanzen zertrampeln.
Axelle beschloss, auf keinen Fall ihre Ellbogen einzusetzen, wie einige andere es taten. Stattdessen aktivierte sie die Flugfunktion ihres Gravopaks und schwebte über die Beete hinweg. Mit einiger Befriedigung beobachtete sie, dass andere ihrem Beispiel folgten, und wenn sie sich nicht täuschte, bedachte der Thort sie mit einem kurzen, anerkennenden Lächeln – eine Mimik, die bei Ferronen und Terranern dieselbe Bedeutung hatte.
Aus ihrer erhöhten Position sah Axelle, dass der Hof im Rücken des Standbilds anders gestaltet war als vor ihm. Dort hatte man die Schäden durch den vernichtenden Angriff der Maccani konserviert; ovale Bereiche aus verglastem Plast glänzten im Licht des weißen Sterns, das ein Filterfeld vor Axelles Augen dämpfte.
Die letzten Schritte ging der Thort allein, wie in stummer Absprache blieben auch seine engsten Begleiter zurück. Er drückte seine blauhäutige Rechte auf den roten Stein des Sockels, als hielte er Zwiesprache mit dem Geist seines ruhmreichen Vorgängers.
Axelle spürte, wie in der Stille die Spannung stieg. Niemand schien etwas sagen oder ein Geräusch machen zu wollen, noch nicht einmal in den Ringen der peripheren Bedeutung, die vor den Beeten zurückgeblieben waren. Dass die Kommentatoren der Boulevardkanäle einander in Spekulationen überboten, durfte man wohl mit Sicherheit annehmen.
Nach einer knappen Minute wandte sich der Thort seinem Gefolge zu. »Oberst Grecoa – darf ich dich um ein paar Worte bitten?«
Die terranische Flottenoffizierin schritt nach vorn. Eilig machte man ihr Platz. Ihr blondes Haar hatte sie uniformstreng zu einem Dutt gebunden.
Ihre kurze Rede hatte Tevvka Grecoa mit Axelle durchgesprochen. Das hatte zu den ersten Aufgaben der neuen Botschafterin gezählt. Schließlich wollte Grecoa als Befehlshaberin der 25 PATOMAN-Ultraschlachtschiffe, die Terra als Unterstützung für die Ferronen in das Wegasystem abkommandiert hatte, nichts sagen, was anstehenden diplomatischen Initiativen des Solsystems zuwiderlaufen könnte.
Ein insektengroßer Körper flog vor Grecoas Mund. Sicher eine Mikrofonsonde, die dafür sorgen würde, dass ihre Ansprache für alle verständlich wäre. Sie gönnte sich einige Sekunden Stille, in der sie das prächtige Bild wirken ließ, das sie in der blauen Paradeuniform mit den Orden an der Brust abgab.
»Es erfüllt mich mit Stolz, dass mein Flaggschiff den Namen HEKÉNER SHAROUN trägt.« Sie drehte sich halb um, damit sie auf das Holo des gleichnamigen Staatsmanns zeigen konnte. »Sein hingebungsvoller und ebenso kluger Dienst ist nicht nur für die Ferronen Inspiration, sondern für alle Galaktiker, die erkannt ...«
Plötzlich leuchteten grüne Schutzschirme in der Menge auf. Auch Axelles Sicherheitssystem sprang an. Der Gravopak riss sie nach hinten und aufwärts. Ihr Hochenergie-Überladungsschirm aktivierte sich. Schreie erklangen. Lichtblitze gewitterten durch den Hof.
Axelle wehrte sich nicht gegen die Aufregung, die sie ergriff. Sie wusste, dass Adrenalin nützlich war: Es erlaubte schnelle Reaktionen und fokussierte Kräfte für Flucht und Verteidigung. Aber zugleich zwang sie ihren trainierten Verstand zu einer strukturierten Lageanalyse.
Sie trug keinen SERUN. Ihr standen nur die grundlegenden Defensivkapazitäten und keine offensiven Mittel zur Verfügung – keine Gefechtspositronik, keine Strahler. Damit hatte sie keine Möglichkeit, in einen Kampf einzugreifen. Ihre Priorität musste auf dem Eigenschutz liegen.
Dafür musste sie herausfinden, woher der Angriff kam.
Die Lichtblitze erloschen.
In der Menge herrschte Unruhe.
Einige vorgebliche Kamerasonden waren offensichtlich Sicherungseinheiten, die inzwischen glockenförmige Schirme über ungeschützten Personen projizierten. Gegenfeuer gaben sie jedoch ebenso wenig wie die Bewaffneten, die ihre Strahler gezogen hatten. Zu diesen zählte Grecoa, die ihre Waffe am gestreckten Arm im Anschlag hielt und sich langsam im Kreis drehte. Doch auch sie fand kein Ziel.
Die Flugscheibe der Swoon flitzte über der Menge umher, wurde dann aber wohl von einem Fesselfeld eingefangen. Die sichelförmigen Insassen gestikulierten aufgeregt mit ihren jeweils vier Armen.
Axelles Sicherungssystem reduzierte die Alarmstufe.
Von wo war der Angriff erfolgt?
Sie suchte nach Gefechtsschäden: Kuhlen, wo Materie desintegriert worden war, oder infolge von Thermostrahlbeschuss glühende Flächen. Sie fand jedoch nichts davon, und auch Verletzte sah sie zu ihrer Erleichterung nicht. Also falscher Alarm? Ein Missverständnis?
Eine Gruppe ferronischer Soldaten bildete einen Kreis schräg hinter dem Denkmal und zielte auf den Boden. Wollten sie einen Zugang zu einem unterirdischen Raum schmelzen? Kampfroboter verstärkten den Trupp.
Wo war der Thort?
Trotz seines auffälligen Ornats konnte Axelle ihn nicht finden, auch nicht mithilfe der persönlichen Positronik, die auf die Unterstützung ihrer Diplomatentätigkeit ausgelegt war. Der Rechner identifizierte Gesprächspartner anhand biometrischer Merkmale und verwaltete einen riesigen Datenbestand dazu, wo welcher Politiker in welcher Sachfrage stand und wie er sich in der Vergangenheit geäußert oder votiert hatte. Sie konnte auch Dialogpartner identifizieren, die Axelle in einer Debatte heranziehen könnte, um eine beliebige Position zu stärken oder zu schwächen. Dazu gehörte, den aktuellen Standort einer solchen Person herauszufinden. Den Thort im Blick zu behalten, war vor diesem Hintergrund eine Selbstverständlichkeit.
Aber laut Positronik hielt er sich nicht mehr im Hof auf.
Es war auch nicht zu benennen, auf welchem Weg er sich entfernt hatte. Er war einfach verschwunden, in dem Moment, in dem sich die Schirme aktiviert hatten. Ein Ferrone in einem grauen Anzug war dabei in seiner unmittelbaren Nähe gewesen. Auch dieser war fort.
Ein Prioritätsfunkspruch erreichte Axelles Kommunikator gleichzeitig mit einer Durchsage aus Akustikfeldern, die einige Sonden projizierten: »Bitte bewahrt die Ruhe. Dies ist eine Übung. Nicht schießen. Keine Panik. Dies ist eine Übung.«
Grecoa hob ihr Handgelenk an die Lippen. Axelle hörte die Stimme der Offizierin über einen terranischen Kanal: »Einsatzteam zur Nachbesprechung. Botschafterin, der Thort hat darum gebeten, dich nicht vorab zu informieren, würde sich aber freuen, wenn du dich zur Auswertung anschließen würdest.«
*
Hroch-Tar Kroko empfand die ungewöhnliche Kälte im Kommandoraum als unangenehm. Ob die anwesenden Säuger das ebenso wahrnahmen?
