9,00 €
Der Autor schreibt über drei ausgedehnte Rundreisen durch Spanien und Portugal, die er mit seiner Frau und einem Hund in einem VW-Bus unternommen hat, wobei er sehr viele Campingplätze, großartige Städte, einsame Orte und traumhafte Landschaften gesehen hat. Sehr beeindruckt war er von der Vielzahl der UNESCO-Weltkulturerbestätten in den beiden Ländern. Auf seinen Reisen ist er vielen Menschen begegnet, hat meist positive Erfahrungen gemacht und einige kleingruppendynamische Entwicklungen durchgestanden, über die er mit großem Humor berichtet. Seinen Reisebericht hat er mit großem Hintergrundwissen, nützlichen Reisetipps und repräsentativen Farbfotos angereichert.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2019
FÜR BARBARA UND MONTI
Peter Alles
Peters Reisebericht Nr. 8
Im Kleinbus durch Spanien und Portugal –Großartige Erlebnisse, Erfahrungenund Entdeckungen auf dreiausgedehnten Campingreisen
© 2019 Peter Alles
Autor: Peter Alles
Umschlaggestaltung, Illustration: Peter Alles
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN:
978-3-7482-8265-5 (Paperback)
978-3-7482-8266-2 (Hardcover)
978-3-7482-8267-9 (e-Book)
Printed in Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Tour 1
Los geht’s mit Frankreichs Heilbad Nr. 1
Côte Vermeille
Zwergstaat
Gastgeberstadt der EXPO 2008
Costa Blanca
Costa de Almería
Costa de la Luz
Die Stadt auf der Klippe
Andalusiens Bratpfanne
Europas Kulturhauptstadt 2002
Durch Kastilien-Leóns Nordosten
Gipuzkoa
Zu Füßen des Aneto
Adiós España
Tour 2
An Frankreichs Goldküste, auf Vincents Spuren und bei den Zwergen
Über Montblanc nach Peñíscola
Bezaubernde Stätten und eine verzauberte Stadt
Am kleineren Meer
Zu den Höhlen
In der Hauptstadt der Nasriden
Einschub: Vino tinto
Spontane Zwischenziele
Und noch ein paar Pueblos Blancos und Ciudades Blancas
Auf nach Algarbien
Im Marmorland
Metropolregion Lissabon
Weiter nach Norden
Rückreise
Tour 3
Durchs Burgund ins Départment Hérault
Endlich wieder in Spanien
Auf Umwegen nach Peñíscola
Valencia
Kastilien-La Mancha
Im Zentrum der Extremadura
Serra da Arrábida
Portugals Zentrum
Portugals Studentenhochburg
Flucht nach Süden
Porto und Guimarães
Zweite Flucht nach Süden
An der Südostküste entlang
Noch einmal ins Landesinnere
Wieder an der Costa Brava
In Okzitanien
Resttour
Quellen
Tour 1
2. April bis 23. Mai 2016
Ziele
Frankreich:Vichy, Argelès-sur-Mer, Collioure, Carcassonne, Souillac
Andorra:Andorra la Vella
Spanien:Zaragoza, Dénia, Cap de la Nau, Moraira, Calp, Altea, Benidorm, La Vila Joiosa (Villajoyosa), Xàbia (Jávea), Roquetas de Mar, Tabernas, Cabo de Gata, Almería, Torremolinos, Tarifa, Algeciras, Cádiz, Costa de la Luz, Gibraltar, Ronda, Sevilla, Écija, Córdoba, Extremadura, Salamanca, Ciudad Rodrigo, Ávila, Segovia, Aranda de Duero, Lerma, Miranda de Ebro, Gipuzkoa, Zarautz, Donostia-San Sebastián, Gernika, Bilbao, Jaca, Graus, Campo, Benasque, Barbastro
Los geht’s mit Frankreichs Heilbad Nr. 1
Da alle Campingplätze spätestens Anfang April geöffnet hatten und wir zur Erhaltung unserer Spontaneität nichts vorreservieren wollten, starteten wir am ersten Aprilwochenende. Trotzdem hatten wir die gesamte Tour grob vorgeplant und einige Campingplätze per Katalog oder Internet vor-ausgewählt. Unser Ziel war es, in den ersten Tagen möglichst schnell und weit nach Süden zu kommen, d.h. mit unserem VW-Bus eine lange Fahrtstrecke zu bewältigen, um bald in den Genuss von warmem Wetter zu kommen. Zwischen den Etappen wollten wir immer einen „Ruhetag“ einlegen, den wir zur Besichtigung der Gegend oder des nächsten Ortes nutzten.
Meine Frau Barbara, unser Schmusekampfdackelmischling Monti und ich starteten kurz nach neun und kamen bei Mulhouse erst einmal in einen Schengen-inkompatiblen Grenzkontrollstau aufgrund einspurigen Slalomverlaufs der Autobahn. Nach neun Stunden und 730 km kamen wir in Vichy an. Das Wetter war kühl und bis auf die letzten 50 km trocken gewesen, nun hatte es zu nieseln begonnen. Am Abend wurde der Regen deutlich stärker und hielt lange an.
Normalerweise verlasse ich mich am liebsten auf Landkarten, Stadtpläne und Straßenkarten, am zweitliebsten auf mein Gefühl und nur, wenn es unbedingt sein muss, auf ein Navigationsgerät. Zu letzterem habe ich ein gespanntes Verhältnis, weil ich grundsätzlich technischen Geräten misstraue, diese meist nicht richtig bedienen kann und keinen Bock habe, mich durch aus dem Chinesischen oder Koreanischen per Computerprogramm übersetzte deutsche Bedienungsanleitungen zu quälen, die sich so anhören, als hätte ich sie selbst ohne entsprechende Sprachkenntnisse sowohl der Quell- als auch der Zielsprache übersetzt. Ich finde es anstrengend, so etwas zu lesen, auch wenn es vielleicht lustig sein und über den Kauf des Schrotts hinwegtrösten soll. Eine Bedienungsanleitung darf mich nicht anstrengen, verärgern oder belustigen, sondern sollte mich zielorientiert unterstützen. Wenn ich rätseln will, nehme ich Kreuzworträtsel oder Sudokus zu Hilfe.
Zurück zur Campingplatz-Anreise: Wir näherten uns dem Ort Bellerive-sur-Allier und sahen kurz vor unserem Ziel an einer Kurve, an der die Hauptstraße nach links abbog, einen Wegweiser zum Campingplatz. Mein Navi aber sagte mir, dass ich der abzweigenden Nebenstraße folgen solle. Obwohl mir dies eine männliche, vertrauenserweckende Stimme mitteilte, war ich gefühlsmäßig eher geneigt, dem Verlauf der abknickenden Hauptstraße und der Campingplatz-Ausschilderung zu folgen. Auch meine Frau war der Meinung, dass links abbiegen richtig sei. Nun saß ich richtig in der Bredouille, denn wenn aus dem Navi eine Frau oder meine eigene live zu mir spricht, mache ich gerne das Gegenteil. Ich bin da eher ein Anhänger der Fraktion „Frauen haben keine Ahnung von Landkarten“ und wäre eigentlich gerne der Anweisung des maskulinen Navis gefolgt. Also was jetzt, den fremden Mann oder lieber meine eigene Frau und damit mein eigenes Gefühl ernstnehmen?
Friedliebend fügte ich mich den Anweisungen meiner Gattin, wir bogen links ab und erreichten nach 500 m den ausgeschilderten Campingplatz „Les Acacias“. Der hatte zwar geöffnet und sah sehr voll, aber trotzdem irgendwie verlassen aus. Da Vichy in Fußentfernung war und wir nur zwei Tage bleiben wollten, schreckte uns der Anblick nicht ab, so dass wir mutig eincheckten und uns auf dem zugewiesenen Platz heimisch einrichteten. Danach begannen wir unseren Abendspaziergang mit der Suche nach dem Campingplatz-Restaurant, das es aber nicht gab, obwohl ich im Internet etwas Entsprechendes gelesen hatte. Auch die sog. Snack-Bar war jahreszeitbedingt noch geschlossen. Die meisten Wohnwägen auf dem Platz waren fest installiert, gehörten also Dauercampern und waren gerade nicht bewohnt. Hier war eindeutig „tote Hose“.
Wir setzten unseren Abendspaziergang fort, folgten der Sackgasse, an der unser Campingplatz lag, und fanden einen weiteren. Es stellte sich heraus, dass es derjenige war, den ich bei der Reisevorbereitung ausgesucht hatte („Camping Beau Rivage“), denn jetzt erinnerte ich mich wieder an den vielversprechenden Namen und wir sahen das erhoffte Restaurant, das geöffnet und gut besucht war. Von diesem hatte man außerdem einen netten Blick auf den Allier und das gegenüberliegende Vichy. Und auf dem Platz war Leben, um nicht zu sagen, der Bär am Steppen.
Wir hätten also meinem Navigator doch folgen sollen. Dachte ich. Wir spazierten weiter, bis die Straße zu Ende war. Dort gingen nur noch Fußwege ab. Dann war es wohl doch richtig gewesen, dass wir dem Navi nicht gefolgt waren. Allerdings hätten wir nicht gleich in den erstbesten Campingplatz einbiegen, sondern erst einmal die Straße erkunden sollen.
In das Restaurant kehrten wir trotzdem nicht ein, erstens aus Solidarität zum eigenen Platz und zweitens weil kein Tisch mehr frei war. Aber in der Gasse gab es noch einen französischen Italiener, bei dem zwar gähnende Leere herrschte, dessen Chefkellner aber sofort auf uns losstürzte, als er unser Interesse bemerkte. Wir ließen uns von ihm überzeugen, dass man bei ihm gut, wenn auch überteuert, essen konnte und verbrachten einen kulinarisch gelungenen Abend, bevor wir im Regen zum Platz zurückkehrten.
Der nächste Tag war trocken und sonnig bzw. leicht bewölkt und wir machten uns auf zur Besichtigungstour durch Vichy, Frankreichs bedeutendstem Heilbad, dessen vom Vulkangestein gefiltertes Mineralwasser berühmt ist. Es liegt in den nordöstlichen Ausläufern des Zentralmassivs und ist Partnerstadt von Bad Tölz.
Vom Campingplatz aus erreichten wir bald die Brücke über den Allier und wurden mit einem Schild „Ville Fleurie“ begrüßt. Damit werden in Frankreich Städte mit besonderer Lebensqualität für Einwohner und Touristen ausgezeichnet. Vichy trägt mit 4 Blumen die höchste Auszeichnung dieses seit 1959 bestehenden Wettbewerbs.
Den Prachtstraßen, repräsentativen Häusern und alten Gärten der Innenstadt sieht man an, dass die Blütezeit Vichys längst vorbei ist. Diese lag in der Belle Époque, also um die Wende vom 19. zum 20. Jh., bis schließlich mit 100.000 Kurgästen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg der Höhepunkt erreicht war. Auch in den 1930er Jahren hatte der Kurort mit seinen 300 Hotels eine weitere Blütezeit erlebt und war daher während des Zweiten Weltkrieges attraktiv als Sitz des französischen Vichy-Regimes unter Henri Philippe Pétain geworden, das die von den Deutschen nicht besetzten Landesteile Südfrankreichs verwaltete. Nach dem Krieg war der Kurbetrieb wieder aufgenommen worden und Vichy hatte erneut den Titel Reine des Villes d'Eaux („Königin der Kurbäder“) erworben. Erst in den 1970er Jahren hatte sie ihre Bedeutung als Kurstadt verloren, als bei Prominenten plötzlich andere Badeorte „in“ wurden.
Unseren Rundgang begannen wir mit dem Parc Napoléon III. am Allier, der 2014 durch eine neue Uferpromenade mit Bänken, Spielplätzen, zwei Minigolfanlagen und Kiosken für Fußgänger und Radfahrer attraktiv gemacht worden war. An diesem späten Sonntagvormittag war trotz des guten Wetters, abgesehen von einigen Joggern, wenig los. Am Ende des Parks bogen wir in östlicher Richtung zur Innenstadt ab, wo wir durch die Avenue du Général Dwight Eisenhower zum großen Quellenpark gelangten. Auch Präsident Woodrow Wilson ist mit eigener Rue vertreten, wahrscheinlich wegen seiner Verdienste um die Beendigung des Ersten Weltkriegs und die Gründung des Völkerbunds, weswegen ihm 1919 der Friedensnobelpreis verliehen worden war.
Vom Kurpark aus stiegen wir in die Gassen der Innenstadt ein und mäanderten durchs Zentrum. Sehenswert ist die neuromanische, neugotische Église Saint-Louis, deren Bau Napoleon III. während seines Kuraufenthalts angewiesen hatte und die 1865 fertiggestellt wurde. Am Südrand des Quellenparks stößt man auf das Casino, das man in einer anständigen Kurstadt für den Kurzweil illustrer und zahlungskräftiger Gäste benötigt, und auf den Kongresspalast mit der Oper, primär für den gleichen Kundenkreis. Sie war 1903 eröffnet worden, der Saal im Stil des Art Nouveau bietet Platz für knapp 1.500 Personen. Das Gebäude war 1991 teilweise bzw. 1996 vollständig als Monument historique anerkannt worden. Mit einer solchen Einstufung werden in Frankreich geschichtlich oder architektonisch bemerkenswerte Bauwerke als Denkmal geschützt, um so öffentliches Interesse aufgrund der damit verbundenen Vergangenheit oder Kunst anzuerkennen. 1901-1964 war Vichy als Hauptstadt der Sommermusik („capitale d'été de la musique“) bekannt.
300 m südlich der Oper stößt man auf die schlanke, hohe Église St-Blaise aus dem Ende des 17. Jh. Sie war 1931-36 im Stil des Art Déco vergrößert und umgestaltet worden und gehört mit ihren Buntglasfenstern und Fresken zu den berühmtesten Kirchen Frankreichs. Art Déco ist eine Stilbezeichnung für Kunsthandwerk und Malerei in Frankreich zwischen 1920 und 1940 mit Ursprüngen im Art Nouveau und Einflüssen aus Kubismus und Futurismus. Als wir ankamen, war der Gottesdienst gerade beendet und ich konnte „gegen den Strom“ in die Kirche schwimmen zum Fotografieren. Das bunt und vollständig bemalte Deckengewölbe ruht auf blauen, schlanken Pfeilern, die die Holzempore im Apsis-nahen Teil der Kirche tragen.
Weiter durch Vichy stießen wir im Süden auf den Parc des Célestins und den Parc Kennedy am Allier. Hier ließen wir uns im Bistro Tahiti Plage zum Essen und Sonnengenuss nieder und konnten direkt gegenüber der Flussseite auf unseren Campingplatz blicken. Nach unserer Rast spazierten wir nach Norden durch die flussnahen Parks und Promenaden bis zur Brücke, wo wir den Rückweg zum Campingplatz einschlugen. Dort verbrachten wir einen gemütlichen Restnachmittag und Abend.
Abb. 1: Innenraum der Église St-Blaise in Vichy
Abb. 2: Collioure
Côte Vermeille
Am Folgetag starteten wir bei trüben Wetter und fuhren vorbei an Clermont-Ferrand zur A75, der wenig frequentierten Autobahn durch das landschaftlich äußerst attraktive Massif Central, insbesondere durch die wild-romantischen Cevennen mit ihren engen, steilen Schluchten und Kalk-Hochebenen („Causses“). Die Fahrt verlief über meine Lieblingsbrücke bei Millau, das den westlichen Rand desjenigen Teils der Cevennen markiert, das die UNESCO 2011 zum Welterbe der Menschheit erklärt hat. Das Viaduc de Millau ist mit 2.460 m eine der längsten Schrägseilbrücken und höchsten Autobahnbrücken der Welt. Ihr Anblick, insbesondere von unten, ist überwältigend.
Die Brücke war von Sir Norman Foster entworfen worden, der beispielsweise auch die gläserne Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin und den Commerzbank Tower in Frankfurt geplant hat. Sie überspannt in bis zu 270 m Höhe den Fluss Tarn. Ihr größter Pylon, der auch gleichzeitig der höchste der Welt ist, hat eine Höhe von 343 Metern und ist damit 19 Meter höher als der Eiffelturm. Die Brückenpfeiler bestehen vom Fundament bis zur Unterkante des Überbaus aus Spannbeton und haben eine anspruchsvolle Gestaltung. Vom Fundament ausgehend verjüngen sie sich nach oben hin, bis sie sich ca. 90 Meter unterhalb des Überbaus wie eine Stimmgabel teilen. Oberhalb der Fahrbahn setzen sich die Pfeiler als 89 m hohe Pylone fort, an denen die Schrägseile befestigt sind. Der Bau der Brücke war durch eine eigens gegründete Gesellschaft vorfinanziert worden, die Kosten betrugen über 400 Millionen €. Die Brückenmaut von 6,80 € (PKW, 2016, Nebensaison) mutet daher sehr moderat an.
Bei Béziers ging die Fahrt weiter über die A9, die wir kurz hinter Perpignan verließen. Dann hatten wir noch 20 km Landstraße bis zum Campingplatz „Les Criques de Porteils“ südöstlich des Roussillon-Städtchens Argelès-sur-Mer, den wir nach 540 km Tagesetappe gegen 19 Uhr erreichten.
Der Campingplatz war schön, stark terrassiert, mit vielen Bäumen und Büschen bewachsen und direkt an einer Meeresklippe gelegen. Die Sanitäranlagen waren großzügig und sauber und unser Stellplatz für 25 € pro Tag vernünftig. Wir suchten uns einen schönen Platz ohne Bäume direkt an der Klippe aus, von dem man einen phantastischen Blick aufs Mittelmeer hatte und die Sonne würde optimal genießen können. Im Nordwesten konnte man vom Platz aus den 4 km entfernten Hafen von Argelès-sur-Mer sehen. Merkwürdigerweise waren viele solcher Plätze mit Meeresblick noch frei, während die zurückgesetzten und meist sehr schattigen fast alle belegt waren.
In der Nacht begann um 3:00 ein Starkregen, der bis 14:00 anhielt. Im Laufe des Morgens überbrückten wir die Regenphase im Gewerbegebiet von Argelès und komplettierten unsere Campingausstattung mit zwei Leselampen, einer Rolle Abdeckfolie und einem Klapptisch. Danach fuhren wir nach Collioure, einem kleinen Küstenort der Côte Vermeille 3 km südöstlich unseres Campingplatzes, und ließen uns zu einem kurzen Regenspaziergang hinreißen. Die „Zinnoberrote Küste“ geht auf der spanischen Seite in die Costa Brava, „Wilde Küste“, über.
Der Anblick des Ortes heiterte unsere Stimmung etwas auf und beruhigte geringfügig unsere Nerven, die den ganzen Morgen aufgrund des Starkregens blank gelegen hatten. Wir fassten den Vorsatz bzw. hofften, dass das Wetter bald wieder besser werden würde, um einen erneuten Spaziergang, dann mit Foto bewaffnet, durch Collioure wagen zu können. Denn der Ort schien uns einen ausführlichen Besuch wert.
Glücklicherweise sollte dies am nächsten Tag der Fall sein, so dass wir unsere erste Planabweichung von der initialen Tourplanung in Kauf nahmen, nämlich einen Tag länger auf dem Campingplatz, um Zeit zur Besichtigung von Collioure zu haben. Leider hatte Barbara, obwohl an diesem Tag ein Wochenmarkt war und viele Klamotten- und Schmuckstände aufgebaut waren, nur wenig Spaß am Stadtrundgang, da sie starke Schmerzen an der linken Ferse hatte – einige Tage vor unsere Abfahrt war ein Fersensporn detektiert worden und sie hatte drei Stoßwellenbehandlungen „genießen“ dürfen.
Als wir am späten Nachmittag zu unserem Stellplatz zurückkehrten, war der Grasplatz durch den sintflutartigen Niederschlag so tief aufgeweicht, dass beim Einparken und Rangieren bereits nach einmaligem Vor- und Zurücksetzen des Fahrzeugs die Räder durchdrehten und sich tief eingruben, so dass keine Änderung der Parkposition mehr möglich war. Notgedrungen blieben wir schräg auf unserem Platz stehen und hofften, dass der Boden durch den heftigen Wind, der nun einsetzte und die restlichen zwei Tage unseres Aufenthaltes anhielt, genügend abtrocknen würde, damit wir unsere Parkposition wieder verlassen könnten. Die Hoffnung war berechtigt, am nächsten Morgen konnten wir den Platz verlassen und starteten zu unserer Fototour durch Collioure.
Allerdings zerrte nun der Starkwind, ablandiger Tramuntana von den Pyrenäen, anstatt des Starkregens heftig an unseren Nerven, so dass wir abends unseren Frust ersaufen mussten. Denn ein Aufenthalt außerhalb des Autos war nicht möglich, wenn wir nicht über die Klippen ins Meer geweht werden wollten, und innerhalb des Autos war es zu beengt, um ein Gefühl von Wellness aufkommen zu lassen. Ein VW-Bus ist als wendiges Wohnmobil zur Fahrt durch verwinkelte Innenstädte ideal, auch wenn man sogar damit an Grenzen kommen kann, aber als Daueraufenthalts-Wohnmobil ist er nicht geeignet, sondern eher ein handliches Schönwetter-Wohnmobil, vor dem man gemütlich sitzen kann.
Barbara machte deutlich, dass sie nirgends mehr hinwollte, wo es stürmen könnte – dass dies in Spanien schwierig werden würde, wollte ich ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht prophezeien. Außerdem nahmen wir uns vor, bei weiteren Campingplätzen mit Platzwahlmöglichkeit darauf zu achten, dass der Stellplatz bei Starkregen nicht aufgeweicht werden kann und möglichst windgeschützt ist. Auf dem aktuellen Campingplatz gab es solche Plätze, die fast ausnahmslos von Dauercampern belegt waren. Nun verstanden wir, warum so viele Stellplätze mit gutem Blick aufs Meer frei waren. Die waren einfach zu sehr den Auswirkungen von Wind und Regen ausgesetzt, was beides wohl häufiger vorkommt. Und die Altcamper im Gegensatz zu uns Late-Age-Campern wussten das; wir hatten erst seit einem Jahr etwas Campingerfahrung.
Am Abend vor der Weiterfahrt mussten wir sogar unseren Gummiteppich, den wir vor dem Bus ausgebreitet hatten, vom Schlamm befreien. Mit Abkehren oder Ausschütteln war das nicht möglich, da der Schmodder zu dick in den Maschen festsaß und feucht verkrustet war. Ich hatte die geniale Idee, den gefühlt 50 kg schweren Teppich mit in die Dusche zu schleppen. Dies war mein erstes gemeinsames Duscherlebnis mit einem 12 m2 großen Gummiteppich in einer 1 m2 großen Duschwanne. Dadurch dauerte die Reinigung des Teppichs ziemlich lange und war viel zeitaufwändiger als meine eigene. Und auch die anschließende Reinigung der Duschkabine, an deren Wänden überall bis Kniehöhe der Schlamm klebte, nahm eine gewisse Zeit in Anspruch und war technisch nicht einfach, da die Dusche nur über eine fest montierte Deckenbrause verfügte und ich ohne meine Sehprothese halbblind war.
Nach Verlassen des Nasszellengebäudes entdeckte ich an der Außenwand einen Schlauch, der zum Abspritzen sperriger Gegenstände wie Wohnwagen und vermutlich auch Gummiteppiche gedacht war. Aber auf meine Art war ich um eine Erfahrung reicher geworden. Mit einem Schlauch rumspritzen kann schließlich jeder.
Collioure (katalanisch: Cotlliure), 20 km nördlich der spanischen Grenze, aber schon im katalanischen Sprachraum, war tatsächlich einen Ausflug wert. Das alte Fischerdorf ist der kleinste und malerischste Badeort an der Côte Vermeille. Dort schaukeln Boote vor den pastellfarbenen Häusern im Wasser. Berühmt wurde der einstige Hafen vom 30 km entfernten Perpignan Anfang des 20. Jh., als er die fauvistischen Künstler Henri Matisse und André Derain, später auch Pablo Picasso und Georges Braque durch seine besonderen Farben und das Licht bezauberte. Im Sommer brechen wahre Heerscharen von Touristen über den 3.000-Einwohnerort herein, angezogen von seinem Ruf als Künstlerdorf, seinem Wein, der zum Anbaugebiet des Süßweins Banyuls gehört, und den berühmten Collioure-Anchovis.
Der Ort liegt an einer großen Bucht, die im Norden durch eine weit ins Meer vorgeschobene malerische Wehrkirche markiert ist, deren Turm früher ein Leuchtturm war. Am Westrand der Bucht liegt das Château Royal, das durch mehrmalige Umbau- und Erweiterungsbauten aus der ursprünglichen Burg von 673 hervorgegangen ist. Es verfügt über unterirdische Gänge, Wehrgänge, einen Exerzierplatz, ein Gefängnis aus dem 16. Jh., eine Kapelle aus dem 13. Jh. und ein Schlafzimmer für die Königin. Neben der malerischen Altstadt mit den vielen Kunstläden ist die Burg am Hafen die Hauptattraktion, wie wir an den vielen Touristen ersehen konnten.
Die Gegend von Collioure war schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt gewesen; nachgewiesen ist, dass der Ort bereits im 6. Jh. v.Chr. existierte. Die ursprüngliche Burg stammt aus dem 7. Jh., als der Ort Castrum Caucoliberi hieß. Sein Name bzw. seine Schreibweise änderte sich in der Folge mehrmals, bis sich die heutige französische Schreibweise im 19. Jh. etablierte.
Wir genossen die Sonne und schlenderten durch den farbenprächtigen Ort mit seinen engen Gassen, roten Ziegeldächern, blauen Fensterläden und zartrosa Hausfassaden. Auf einem Rundgang, dem Chemin du Fauvisme, kann man die 20 Plätze besuchen, an denen Matisse, Derain und andere einst ihre Staffeleien aufgestellt hatten. Dort finden sich erläuternde Tafeln mit Reproduktionen der Kunstwerke, die hier entstanden sind und nun als Originale im New Yorker Museum of Modern Art, in der Eremitage Sankt Petersburg und im Museum Folkwang in Essen zu bewundern sind.
Nach Collioure besuchten wir Argelès Plage. Dies ist ein Ortsteil von Argelès-sur-Mer, direkt am Mittelmeer gelegen, mit einem langen Sandstrand und vielen Ferienhäusern und Hotels. Zu dieser Jahreszeit war in diesem Ferienort wenig los, die meisten Restaurants und Verkaufsbuden waren geschlossen. Anschließend kehrten wir zum Campingplatz zurück und vollführten die schon beschriebenen Reinigungsarbeiten.
Zwergstaat
Beim letzten Spanienaufenthalt drei Jahre zuvor, als wir uns vor allem am Cap de Creus im Nordosten Kataloniens aufgehalten hatten, hatten wir es nicht geschafft, einen Abstecher nach Andorra einzulegen, da dies als Tagesausflug zu strapaziös geworden wäre. Diesmal hatte ich Andorra zwar nicht eingeplant, aber als Wohnmobilisten waren wir jetzt deutlich flexibler als damals mit Ferienwohnung in Roses und hatten als nächstes Ziel sowieso Zaragoza vorgesehen, so dass Andorra fast auf der Luftlinie zwischen Argelèssur-Mer und Zaragoza lag. Ursprünglich wollte ich eigentlich erst durch die Pyrenäen nach Spanien hineinfahren und dann nach Westen bis Zaragoza. Aber meine Frau überzeugte mich Nichtraucher, dass man im Pyrenäen-Ländle preisgünstig Rauch- und Trinkwaren ergattern kann, wozu ein Zwischenstopp auf dem Hauptstadt-Campingplatz empfehlenswert war. Da der Weg bis dorthin nicht sehr weit war, entschied ich zu meiner eigenen Motivation einen kleinen Umweg über Carcassonne im Départment Aude im Languedoc einzulegen, das ich schon seit längerer Zeit einmal sehen wollte.
Carcassonne war im 1. Jh. v.Chr. von den Römern gegründet worden und liegt strategisch günstig direkt an einer Handelsstraße zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer ca. 70 km nordwestlich der Stadt Perpignan. Später war Carcassonne von den Westgoten, Sarazenen und schließlich von den Franken erobert worden. Im Mittelalter lebten 3.000-4.000 Menschen in Carcassonne, das Anfang des 13. Jh. zu den Hauptstützpunkten der Katharer gehörte. 1209 war es Ziel des von Papst Innozenz III. initiierten Albigenserkreuzzugs gegen die von der katholischen Kirche als ketzerisch betrachtete Glaubensgemeinschaft der Katharer in Okzitanien. Während der zweiwöchigen Belagerung konnten viele Einwohner durch unterirdische Gänge in die naheliegenden Wälder fliehen, aber von den 500 zurückgebliebenen Greisen, Kranken und Kindern wurden 400 verbrannt oder gehängt. Als Folge kam das zu Aragón gehörende Carcassonne wieder unter französische Herrschaft.
Das weltberühmte Wahrzeichen der Stadt, das seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, ist die mittelalterliche, auf einem Hügel der Altstadt gelegene, als Cité bezeichnete Festung. Carcassonne hat zwar 46.700 Einwohner, aber in der Cité leben nur 230 Menschen, die restlichen „Bewohner“ des Touristenörtchens sind nur zu touristischen Zwecken in der Stadt. Die Cité ist mit 4 Millionen Gästen pro Jahr eines der am häufigsten besuchten Reiseziele Frankreichs. Entsprechend abschreckend fand ich die starke Kommerzialisierung, der man in der Cité unentrinnbar ausgesetzt ist. Verwunderlich ist das wohl nicht angesichts der gewaltigen Zahl an Besuchern, die sich durch die Gassen schieben, wobei wir mit unserem Besuch zur frühen Jahreszeit Glück hatten. Einen Eindruck vom Sommertrubel konnte man angesichts der vielen Restaurants und Nippesläden allerdings schon bekommen, obwohl fast überall gähnende Leere herrschte.
Die Festungsanlage ist von ihrer Größe und ihrem Erhaltungszustand her einzigartig in Europa. Sie ist in konzentrischen „Kreisen“ angelegt; die doppelte Wehrmauer und die 52 Wehrtürme hatten allen Belagerungsattacken standgehalten. Am Haupteingang Porte Narbonnaise ist noch die Brücke zu sehen, die in Krisenzeiten hochgezogen wurde. Der einen Kilometer lange Wehrgang zwischen den Mauern ist ideal, um den Touristenmassen zu entkommen und die beeindruckende Wehranlage in aller Ruhe zu studieren.
Wir trieben uns zwei Stunden in der Altstadt herum, schlenderten durch die verschlungenen Gässchen an vielen kitschigen Andenkenläden und asiatischen Touristen vorbei und kamen u.a. auch zur romanisch-gotischen Basilique Saint-Nazaire, deren gotisches Querschiff und die Fensterrosen Beachtung verdienen. Die ehemalige Kathedrale und heutige Basilika St-Nazaire und St-Celse gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten im Süden Frankreichs und steht am höchsten Punkt und damit gleichzeitig im Zentrum der Cité.
Unterhalb der Zitadelle liegt am linken Aude-Ufer um die Bastide St-Louis die Unterstadt. Sie besteht aus überwiegend modernen Gebäuden, in deren Zentrum jedoch ein mittelalterliches Herz schlägt. Wir quälten uns durch die engen Gassen hindurch, was mit einem ausgewachsenen Wohnmobil nicht möglich gewesen wäre, da in jeder Gasse die eine Seite vollständig zugeparkt war. Auch wir kamen an unsere Grenze und die des Busses, als wir plötzlich eine Vollsperrung vor uns hatten und zum Abbiegen in eine enge Quergasse gezwungen waren. Dabei blieb ich an einem der Poller hängen, mit denen die Gassen zum Schutz der Fußgänger ausgestattet waren. Mit etwas Rangieren, was mich dank der langen Autoschlange hinter uns etwas unter Erfolgsdruck brachte, gelang es mir schließlich, die Kurve zu kriegen, wobei nicht mal eine Zeitung zwischen unseren Bus und die geparkten Fahrzeuge gepasst hätte. Den Kratzer am Kotflügel haben wir uns bis heute als Andenken bewahrt.
Schließlich setzten wir unseren Weg nach Andorra fort. Über die A66 und die N22, deren Böschungen kilometerlang mit blühendem Ginster bewachsen waren, kamen wir an der in dichtem Nebel liegenden Grenze durch den knapp 3 km langen Tùnel d'Envalira in 2.000 m Höhe und weiter auf der CG-2 bis zur Hauptstadt. Nach dem Tunnel, der nach Planungsbeginn schon Ende der 1950er Jahre erst im Jahr 2002 eröffnet worden war, kamen wir in herrliches Sonnenwetter, allerdings bei einer Temperatur von knapp über 0° C. Die Berge an der Grenze von Frankreich zu Andorra sind fast 3.000 m hoch und waren daher noch alle schneebedeckt. Der Schnee reichte bis an die Hauptstraße herunter, die geräumt war. Dass hier noch Schnee liegen würde, war nicht überraschend, denn wir hatten bereits vom letzten Campingplatz sehen können, dass die höheren Pyrenäengipfel verschneit waren.
Das Wetter in Andorra la Vella war sehr gut, zunächst sonnig bei 20° C mit leichtem Wind, der aber zu einer schnellen und starken Abkühlung bis knapp über 0° C im Laufe des Abends in der 1.000 m hoch gelegenen Stadt führte. Trotz Schlafsack, Decke und doppeltem Schlafanzug mit Mütze fror ich am frühen Morgen. Die Nachtruhe war um 8 Uhr vorbei, als ein Hubschrauber direkt über dem Campingplatz „Valira“ eine Stunde lang unerfindliche Kreise drehte, als wenn es in der engen Hauptdurchgangsstraße nach Frankreich, die mit bis zu 10 Stockwerken hohen Häusern zugekloppt war, nicht schon laut genug gewesen wäre. Zu allem Überfluss fiel morgens der Strom am Stellplatz aus, so dass wir unser Kaffeewasser in der Küche erwärmen mussten. Zum Glück kam wenigstens gegen 9 Uhr die Sonne über die Berge gekrochen, so dass wir gut eingemummelt draußen frühstücken konnten.
In Andorra hätte man gut wandern können und in dem kleinen Land gibt es sogar einige ausgeschilderte Möglichkeiten dafür. Aber wir waren ja primär zum Shoppen da und außerdem gegenüber der ursprünglichen Zeitplanung nach 6 Tagen schon 2 Tage im Verzug. Daher stürzten wir uns nach dem Frühstück ins Shoppingparadies, erstanden fünf Stangen Zigaretten und vier Flaschen Schnaps und starteten bei leichtem Schneegestöber, aber nüchtern in Richtung Zaragoza.
Das seit 1278 unabhängige Fürstentum Andorra ist der größte unter den sechs europäischen Zwergstaaten (der Größe nach geordnet: Vatikanstaat, Monaco, San Marino, Liechtenstein, Malta, Andorra) und das einzige Land der Welt, in dem eine Doppelherrschaft durch zwei ausländische Amtsträger besteht: der Bischof von Urgell und der Präsident von Frankreich. Die Amtssprache ist Katalanisch, das zusammen mit Spanisch (Kastilisch) 95% der Alltagssprache der gut 70.000 Einwohner ausmacht. Dies entspricht aber nur 74% ihrer Muttersprache, dazu kommen u.a. 15% portugiesische und 5% französische Muttersprachler.
Der wichtigste Wirtschaftsbereich ist der Tourismus, vor allem der Wintersport. Bekannt ist Andorra insbesondere als Steueroase und für billige Alkoholika und Tabakwaren, weswegen es von einer beachtlichen Anzahl von suchtgefährdeten Tagesbesuchern heimgesucht wird.
Gastgeberstadt der EXPO 2008
Nach Passieren der Grenze zu Spanien durchquerten wir bei gutem Wetter die herrliche Landschaft der Pyrenäenausläufer mit eindrucksvollen Canyons und schroffen, rot-braun-grauen Hängen nach Süden durchs Valira- und Segretal. Bei Coll de Nargó legten wir einen kurzen Foto- und Erholungsstopp am Ende des Oliana-Stausees ein, der den Segre aufstaut. Der Segre ist mit 265 km der längste Nebenfluss des Ebros. Er entspringt an der Nord-Flanke des Puigmal de Segre (2843 m), fließt durch die spanische Exklave Llívia und dann in südwestlicher Richtung nach Spanien
In den flacher werdenden Ausläufer der Pyrenäen sahen wir liebliche Hügel und saftig grüne Wiesen, die, je weiter wir uns von den Bergen entfernten, durch kargere Regionen mit ausgedehnten Olivenbaumhainen abgelöst wurden. Immer wieder passierten wir kleine Orte, die auf Hügel- und Bergkuppen gelegen waren. Kurz hinter der Provinzhauptstadt Lleida wurde das Land ziemlich trocken, wüstenartig und kaum bewohnt. Hier war nicht zu erkennen, dass die wasserreichen Flüsse Segre, Cinca und Ebro in der Nähe sind.
Auf den letzten 30 km der Annäherung an Zaragoza begleitete uns nördlich der Autobahn die kahle, felsige Sierra de Alcubierre, die die Comarca (Landkreis, Gemarkung) von Nordwesten nach Südosten durchzieht. Ihre höchste Erhebung ist der Monte Oscuro mit 822 m. Das Klima ist in dieser Gegend semiarid, was dürr bzw. halbtrocken bedeutet, mit geringen Niederschlägen und hohen Temperaturen im Sommer. Der subjektive Höhepunkt an Ödnis war unmittelbar vor Zaragoza erreicht, wo die kahle Wüste bis an die Hochhäuser der Großstadt heranreichte. Ein wahrlich grauslicher Anblick!
Auch der „Camping Ciudad De Zaragoza“ war nicht einer der schönsten Plätze, zumal jahreszeitbedingt noch äüßerst kahl. Aber die wenigen Bäume würden in der Sommerhitze nicht für Abkühlung sorgen können. Immerhin waren die Sanitäranlagen akzeptabel, sogar mit Musikbeschallung, damit allzu persönliche Geräusche übertönt werden konnten. Leider fehlte Rosenduftbestäubung gegen allzu persönliche Gerüche. Nachts kühlte es auf diesem Platz in dieser Jahreszeit noch sehr stark ab.
Da der Campingplatz für einen Spaziergang, vor allem für die fußgeschädigten Exkursionsteilnehmer dieser Reise, von der Innenstadt zu weit entfernt war, fuhren wir am ersten Morgen mit dem Auto hinein und parkten nördlich des Ebros auf einem zentrumsnahen Parkplatz an der Avenida los Pirineos. Dorthin bewegten wir uns allerdings nicht auf direktem Weg, sondern mein Navi schickte mich erstmal gründlich in die Wüste, von der es um Zaragoza herum ja nicht mangelt. Bei dem Straßengewirr um die Großstadt dauerte es einige Zeit, bis ich misstrauisch wurde und das Navi mit einer neuen Herausforderung konfrontierte, nämlich einem in der Nähe der Altstadt gelegenem Alternativziel. Die Aufgabe meisterte es vorbildlich.
Zaragoza (dt.: Saragossa) ist die Hauptstadt von Aragonien bzw. Aragón und mit 665.000 Einwohnern Spaniens fünftgrößte Stadt, obwohl Aragón selbst zu den am dünnsten besiedelten Regionen Spaniens gehört. Zaragoza war von den Römern während der Herrschaft des ersten römischen Kaisers Augustus unter dem Namen Colonia Caesaraugusta gegründet worden. Man nennt sie auch „die Stadt aus fünf Kulturen“, da sie in sich die Spuren historischkultureller Erbschaft der Römer, Iberer, Juden, Moslems und Christen trägt.
Beim Gang über den Puente de Santiago fällt sofort die mächtige, 130 m lange Basílica de Nuestra Señora del Pilar ins Auge, Spaniens größtes barockes Bauwerk. Sie besitzt elf, mit bunten Ziegeln besetzte Kuppeln und ihre vier Ecktürme überragen alle anderen Gebäude der Altstadt. Dieser Juwel der Barockkunst am Plaza del Pilar, während des 17. und 18. Jh. errichtet, war während des spanischen Unabhängigkeitskrieges gegen Frankreich am Anfang des 19. Jh. kaum in Mitleidenschaft gezogen worden, als Zaragoza weitgehend zerstört wurde. Interessant sind der in Alabaster gearbeitete Hauptaltar, der Renaissance-Chor und die von Goya gemalten Fresken im kleinen Chor und in der Kuppel „Regina Martyrum“. Die Basilika ist Zaragozas Wahrzeichen und zusammen mit der Kathedrale von Santiago de Compostela eines der bedeutendsten religiösen Zentren Spaniens. Entsprechend viele Touristen hielten sich in dem Gebäude auf und knipsten „auf Teufel komm raus“, wie auch ich, obwohl das untersagt ist, da man an einem solchen Ort den Leibhaftigen ja nicht heraufbeschwören will.
Zur guten spanischen Mittagszeit um 14:30 befiel uns Hunger und wir hielten nach einem Lokal mit Tagesgerichten Ausschau. In einer Seitengasse unweit der grandiosen Basilika nahmen wir je ein dreigängiges Menü mit einer Flasche Wein, Wasser und Brot für 24,80 zu uns. Da konnte man nicht meckern. Und gut geschmeckt hat es auch.
Abb. 3: Die Doppelmauer der Cité von Carcassonne
Costa Blanca
Nach Verlassen von Zaragoza durchquerten wir auf einer fast ausgestorbenen Autobahn bis Teruel eine öde, kaum bewohnte Wüsten- und Mittelgebirgsgegend, vorbei an staubigen Hügeln und vereinzelten Olivenhainen. Das Wetter war heiter und das Farbenspiel zwischen grell roter Erde („Terra Rossa“), saftig grünem Bewuchs und strahlend blauem Himmel war betörend. Die Luft war klar, so dass wir die Gebirgsketten der Sierra de Algairén, Sierra de Santa Cruz, Sierra de Albarracín usw. gut erkennen konnten.
Je weiter wir nach Süden kamen, umso fruchtbarer wurde die Gegend, wir sahen grüne Wiesen und Felder, aber die rote Erde stach immer noch hervor. Terra Rossa oder auch Kalksteinrotlehm ist im Mittelmeerraum ein häufig anzutreffender Boden, dessen Farbe durch den erhöhten Eisenanteil oder den roten mineralischen Staub aus der Sahara- und Sahel-Region bedingt ist. Er trocknet im Sommer an der Oberfläche sehr stark aus, reicht aber mit über einem Meter genügend tief, um bei Dürre Wasser speichern zu können. Somit ist er wegen seiner erdigen Lehmstruktur gut für die Landwirtschaft geeignet.
Kurz vor Teruel passierten wir einen Flughafen, der als Abstellfläche für vorübergehend stillgelegte oder ausrangierte Passagierflugzeuge dient. Davon waren einige Dutzend zu sehen. Während des Spanischen Bürgerkrieges war er militärisch genutzt worden, u.a. auch von der Legion Condor.
Nach Teruel, das auf 915 m Höhe liegt, durchquerten wir auf 1.200 m Höhe die Sierra de Camarena und hatten sogar westlich der Autobahn einen guten Blick auf die schneebedeckten, bis 2.020 m hohen Gipfel der Sierra del Javalambre. Die Temperaturen waren von 20° C in Zaragoza auf 11° gefallen, stiegen anschließend bis Sagunto am Mittelmeer wieder auf 24° an. Dort legten wir einen längeren Zwischenstopp zwecks Nahrungsaufnahme ein, obwohl die restliche Etappe nur noch 140 km betrug.
Sagunt, wie es auf Katalanisch bzw. Valencianisch heißt, hat keltisch-iberischen Ursprung und existiert seit über 3.000 Jahren. Es ist bereits vor Christus eine bedeutende Handelsstadt gewesen, die eigene Münzen prägte. Heute kann man in der Stadt, in der 65.000 Menschen leben, noch viele römische, maurische und mittelalterliche Ruinen finden. Katalanisch wird nicht nur in Katalonien gesprochen, sondern der Sprachbereich zieht sich in der Region am Mittelmeer bis nach Alicante (Alacant) bzw. Elche (Elx) und erstreckt sich auch auf die Balearen. Und im östlichen Landesstreifen von Aragón, der Franja de Aragón, wird ebenfalls Katalanisch gesprochen.
Wir kamen gegen Abend auf dem Campingplatz „Camping los Pinos“ („Camping bei den Kiefern/Pinien“) an, der von vielen Pinien und sehr hohen Palmen bewachsen war. Wir erhielten einen schönen, etwas engen Stellplatz, in dem ich trotz der handlichen Größe unseres Campermobils erst nach etwas Rangiererei die optimale Stellposition fand. Während der folgenden Tage waren wir ein paar Mal Zeuge von deutlich anstrengenderen Rangiertätigkeiten bei Inhabern „richtiger“ Wohnmobile. Für solche Geschosse war der Platz eigentlich nicht geeignet. Sein Vorteil war aber die windgeschützte Nähe zum Meer sowie eine fußläufige Erreichbarkeit des Zentrums von Dénia.
Die Toiletten ließen allerdings etwas zu wünschen übrig, denn wir fanden kein Klopapier und nachts rannten die Schaben durch die Kabinen. Die Klopapiersituation entspannte sich am Abend vor unserer Abreise, als wir es doch noch entdeckten: die Rollen waren in Kopfhöhe (stehend!) angebracht, daher hatten wir sie lange übersehen. Immer noch besser als wir es manchmal erlebt haben, wenn die Papierrolle außerhalb der Kabinen angebracht ist. Dort musste man sich also vorher überlegen, wie viel man brauchen wird, was einem einen gewissen Erfolgsdruck auferlegte, wenn man nicht verschwenderisch sein wollte.
Nach Dénia spazierten wir am Folgetag entlang der Fels- und Steinküste des Stadtteils Las Rotas und der Bucht von Dénia vorbei an wunderschönen Villen mit gepflegten Gärten, in denen riesige Palmen und Kakteen wachsen. Die Stadt kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Einst als griechische Siedlung gegründet – ihr Name kommt von der römischen Göttin Diana –, war sie ab dem 1. Jh. vor Christus aufgrund ihres Naturhafens ein wichtiger römischer Flottenstützpunkt gewesen und nach der relativ kurzen Herrschaft der Westgoten im 6. und 7. Jh. von den Mauren erobert worden. Nach dem Zerfall des Kalifats von Córdoba war Dénia Hauptstadt des Taifa-Königreiches von Daniya, bis sie 1244 von den Spaniern zurückerobert wurde. Als Taifa-Reiche wurden die muslimischen Kleinkönigreiche und -fürstentümer von Al-Andalus bezeichnet, die in den ersten Jahrzehnten des 11. Jh. entstanden und teilweise bis ins 15. Jh. überdauerten.
Heute hat Dénia 41.500 Einwohnern und ist ein beliebtes Urlaubsziel, wie man schon an der Zahl von 300 Restaurants ersehen kann. Sie zählt zu den Städten mit den meisten Fiestas in Europa, einschließlich des fragwürdigen Stierkampf-Spektakels „Bous a la Mar“, bei dem Stiere von Hobby-Toreros in Badeshorts ins Meer getrieben werden. Zu Ibiza liegt Dénia am nächsten, daher kann man vom Hafen mit der Schnellfähre in zwei Stunden auf der Partyinsel sein.
Nach dem Mittagessen, Safran-Muschelsuppe und Paella, auf der Explanada de Cervantes schlenderten wir durch die Altstadtgassen mit ihren kleinen, zweistöckigen Häuschen am Burgberg hinauf zum Castell, von wo man einen hervorragenden Blick auf die Bucht und die Häuser von Dénia, den 753 m hohen Hausberg Montgó und das Cap de Sant Antoni hat. Man konnte gut erkennen, dass Dénia stark von der Wirtschaft: Anbau von Zitrusfrüchten, Tourismus, Verwaltungseinrichtungen und Feriensiedlungen geprägt, aber städtebaulich wenig attraktiv ist. Mit am interessantesten dürfte noch die Burg sein, die im 11. und 12. Jh. von den Mauren über einer früheren römischen Anlage erbaut und in den folgenden Jahrhunderten beständig aus- und umgebaut worden war. Heute beherbergt sie das Archäologische Museum Dénias.
Der Montgó ist das eigentliche Wahrzeichen von Dénia, da er sich mit seiner charakteristischen Form und monolithischen Platzierung weit sichtbar aus der Umgebung heraushebt. Einige Hänge weisen eine Steigung von bis 100% auf und gehen stellenweise sogar in senkrechte Felswände über.
Das Cap de San Antoni (kastilisch: Cabo de San Antonio) nahe der Stadt Xàbia ist ebenfalls eine markante Landmarke mit einem auffälligen Leuchtturm. Vom 162 m hohen Kap fallen steile, zum Teil senkrechte Felsen aus Kalkstein zum Meer ab. Es gibt zwar Wanderwege auf dem Kap und hinunter nach Xàbia (spanisch: Jávea), aber zu Fuß kann man es an der Küstenflanke nicht umrunden. Den besten Blick auf den zerklüfteten Kalksteinfelsen und seine Höhlen am Meer hat man bei einer Schiffstour von Dénia nach Xàbia, die wir am letzten Tag unseres Aufenthalts in dieser Gegend unternahmen.
Am folgenden Tag besuchten wir das Cap de la Nau („Kap des Schiffes“). Von der Felsspitze hat man einen tollen Blick auf die Bucht vor Xàbia mit dem Cap de San Martín und der davor liegenden kleinen Illa del Portitxol (spanisch: Isla de Portichol). Es trennt die Buchten von Alicante und Valencia. Wir konnten uns an dem tiefen Blau des Meeres kaum satt sehen.
Das kleine Fischerdorf Moraira, 10 km südwestlich des Cap de la Nau, ist zwar stark vom Tourismus geprägt, aber noch viel ursprünglicher und gemütlicher ohne Hochhäuser als die benachbarten Städte Calp und Benidorm an der Costa Blanca. In der kleinen Altstadt sind im Laufe der Zeit aus den ehemaligen Fischerhütten nun schmucke Wohnhäuser entstanden. Vom Hafen aus konnte man den monolithischen Felsen Penyal d’Ifac (spanisch: Peñón de Ifach) bei Calp sehen, der unser nächstes Ziel war.
Er erhebt sich 332 m hoch aus dem Meer, ist 1 km lang und besteht aus kalkhaltigem Gestein. Durch einen schmalen Isthmus ist er mit dem Festland verbunden. Im größeren geologischen Zusammenhang ist der Penyal d’Ifac Teil der Betischen Kordillere (auch: Andalusisches Faltengebirge), die sich von der Bucht von Cádiz bis Valencia und in maritimer Verlängerung bis zu den Balearen erstreckt. Als weithin sichtbare Landmarke und spektakuläre Sehenswürdigkeit war der Fels seit jeher ein wichtiger Orientierungspunkt für Reisende zu Wasser und zu Lande. Am Fuße des Felsens siedelten die Iberer, die Phönizier, die Römer, die Byzantiner und weitere Völker in Calp (span.: Calpe). Auf dem Felsen gedeihen 300 teilweise seltene Wildpflanzenarten. Zugvögeln dient er ebenfalls als Orientierungspunkt, die Salzflächen zu seinen Füßen – z.B. auch die Lagune mitten in Calp – dienen als Habitate.
Calp ist nicht nur ein beliebtes Touristenziel, sondern viele Deutsche, Briten, Schweizer und andere Ausländer verbringen dort ihren Lebensabend. In der Nähe des Strandes und des markanten Felsens sind riesige Hochhäuser errichtet worden, um die 200.000 Touristen, was dem Zehnfachen der Einwohnerzahl entspricht, im Juli und August aufzunehmen. Wir fanden den schrecklich-schönen Anblick der 20- bis 30-stöckigen Touristenghettos vor dem natürlichen Wahrzeichen des Penyal d’Ifac so entsetzlich, dass wir bald wieder die Flucht ergriffen. Als Entschädigung nahmen wir einen Rückweg durch die Berge über Benissa, Teulada und Xàbia nach Dénia, wo man keine Touristenghettos findet. Vor allem die letzte Etappe östlich des Montgó verlief über eine enge Bergstraße mit spektakulären Serpentinen.
Abb. 7: Montgó mit Xàbia
Abb. 8: Penyal d’Ifac und Calp
Abb. 9: Altea
Als weiteres Ziel für eine Besichtigung hatte ich La Vila Joiosa (kastilisch: Villajoyosa) vorgesehen, über das ich in meinem Spanisch-Intensivkurs mehrfach gestolpert war. Zum einen wurde die Schokoladenfabrik Valor mit der zugehörigen Familiengeschichte behandelt, zum anderen der Ort als pittoreskes Fischerdorf mit vielen bunten Häusern beschrieben.
Da wir nach der nächtlichen Erholung feststellten, dass wir noch mehr touristische Alpträume vertragen konnten, legten wir auf der Fahrt nach La Vila Joiosa einen Zwischenstopp in Benidorm ein. Zuvor besuchten wir aber das wirklich hübsche Küsten-, Touristen- und Fischerstädtchen Altea.
Altea mit etwas über 22.000 Einwohner liegt an einer Bucht direkt vor dem Gebirgszug Sierra de Bernia, so dass das Stadtgebiet vom Meer langsam in Richtung des Hinterlands ansteigt. Daher hat man von den engen, steil abfallenden Altstadtgassen mit seinen weißen Häusern berauschend schöne Blicke auf das tiefblaue Meer. Altea ist eine Stadt der Künstler, in der sich viele Maler, Musiker und Schriftsteller niedergelassen haben. Sie beherbergt mit der Villa Gadea auch eine Kulturinstitution, die von der UNESCO als internationale Musikschulstätte anerkannt wurde.
Außerdem ist Altea Gründungsmitglied der Städtevereinigung Douzelage, einer Vereinigung von jeweils einer Kommune eines jeden Landes der Europäischen Union; deutsches Gründungsmitglied ist Kötzting im Bayerischen Wald. Der Name Douzelage setzt sich aus douze, französisch zwölf, für die Anzahl der Gründungsmitglieder im Jahr 1989, und jumelage zusammen, französisch für Städtepartnerschaft. Die Ziele der Vereinigung liegen im schulischen, sportlichen und kulturellen Austausch sowie in der Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Städten und Gemeinden.
Im Zentrum der Altstadt steht die Kirche La Mare de Déu del Consol bzw. Nuestra Señora del Consuelo mit ihren Kuppeln aus blauen und weißen Kacheln. Auf dem Platz vor der Kirche finden sich mehrere Restaurants, so dass wir die Qual der Wahl hatten, wo wir unser Mittagsmenü einnehmen wollten. Wir wählten eines davon aus und bereuten diese Entscheidung nicht.
In Benidorm hielten wir uns nur eine Viertelstunde auf. Dies reichte zur nachhaltigen Abschreckung. Die 5.000 Jahre alte Stadt hat offiziell 70.000 Einwohner, inoffiziell wohl mehr als 100.000, da sich hier viele nicht gemeldete ausländische Dauerbewohner aufhalten. Benidorm beherbergt in der Urlaubszeit über eineinhalb Millionen Menschen und besitzt in Relation zur Einwohnerzahl die weltweit größte Hochhausdichte mit 345 Gebäuden mit mehr als zwölf Etagen. 2014 wurde Europas höchstes Wohngebäude, der Wohnturm Intempo, mit 47 Etagen und 200 m Höhe fertiggestellt.
Nur ein paar Kilometer weiter an der Küste in südwestlicher Richtung gelangten wir schließlich nach La Vila Joiosa. Der Touristenort verfügt über einen relativ gut erhaltenen, historischen Ortskern. Berühmt sind die bunt angemalten Häuser auf einem Felsplateau über dem Meer, die sich als Stadtportrait auf fast allen Postkarten wiederfinden. Man sagt, dass die Häuser deswegen so leuchtend bunt seien, damit die Fischer auch vom Meer aus ihr Haus erkennen können.
Wir fanden einen Parkplatz in der Nähe eines kleinen Parks westlich des ausgetrockneten Rio Amadorio, einem kleinen Fluss, der in der Sierra de Aitana entspringt, und machten uns auf den Weg in die bunte und verwinkelte Altstadt, die östlich des Rio liegt. In der Stadt ging es recht gemütlich zu, auf der Straße spielten Kinder, auf Bänken und mancherorts mitten in einer Gasse stehenden Stühle saßen alte Leute und unterhielten sich oder dösten und genossen einfach nur die Ruhe und ein kühles Windchen im Schatten. Wenn es nicht in der Urlaubszeit genauso trubelig einhergehen würde, wie in den anderen Touristenstädten der Costa Brava, könnte La Vila Joiosa ein Mitgliedskandidat von Cittàslow werden. Der Begriff bezeichnet eine Stadt, in der man die Zeit wiederfinden kann.
Auf dem Rückweg zum Campingplatz konnten wir sehen, dass das Hinterland bis Xàbia fast überall mit riesigen Wohnblocks zugepflastert ist, wenn keine Landwirtschaft betrieben wird (Anbau von Oliven, Mandeln, Datteln und Weintrauben). Es gibt kaum einen Berghang, der nicht wenigstens eine große Ferienanlage mit eng aneinander geklebten Bungalowreihen vorzuweisen hat. Die Bauwut hat in dieser Region bisher nur vor den Hängen des Montgó haltgemacht, der zusammen mit seiner Umgebung seit 1987 ein Naturschutzgebiet ist, der Parque natural del Macizo del Montgó, dem seit 1993 auch das Cap de San Antoni angehört.
Nach einer Statistik von Frontur liegt die Comunidad Valenciana zwischen Januar und September 2015 mit über 5,2 Mio Urlaubern auf dem dritten Platz der spanischen Festland-Regionen nach Katalonien (13,9 Mio) und Andalusien (7,4 Mio). Die Comunidad bzw. Autonome Region von Valencia umfasst die Provinzen Alicante, Castellón und Valencia, hat 5 Mio. Einwohner und reicht von Vinaròs 30 km südlich des Ebro-Deltas in der Comarca Baix Maestrat bis kurz vor Murcia in der Comarca Baix Segura.
Wie verschiedene Medien berichteten, nahm der Tourismus 2016 aufgrund der politischen und sozialen Instabilität in anderen beliebten Reiseländern wie Griechenland, Türkei, Tunesien und Ägypten deutlich zu. Der günstige Eurokurs lockte viele Asiaten, Afrikaner sowie US- und Lateinamerikaner an. Der Tourismus ist mit rund 12 Prozent am Bruttoinlandsprodukt einer der wichtigsten Sektoren der spanischen Wirtschaft. 2017 kamen 82 Mio. ausländische Touristen ins Land. Wenn es der Wirtschaft dient, kann man schon mal über die Verschandelung der Landschaft mit Ferienghettos hinwegsehen, vor allem als Tourist. Dauerhaft leben möchte man dort eigentlich nicht, obwohl es, wie bereits erwähnt, viele ausländische Dauerbewohner in die Küstenstädte der Provinz Valencia verschlagen hat und das Immobilienkaufangebot überwältigend ist.
Auch an diesem Spätnachmittag entwickelte sich wie an den Tagen zuvor ein mittelstarker, kühler, auflandiger Wind, der erst am späten Abend wieder vollständig abflaute und bis zum Nachmittag des Folgetags ausblieb. Daher musste man abends, wenn man nicht windgeschützt sitzen konnte, eine Jacke überziehen. An diesem Abend hielten wir uns nicht direkt vor unserem Bus auf, sondern suchten den Campingplatz-Imbiss zum Dämmerschoppen auf, um unsere Tageseindrücke zu verarbeiten. Dabei lernten wir einen Engländer kennen, der mit seiner achtjährigen Hündin alleine monatelang durch Spanien reiste und sich nur alle paar Monate mit seiner Frau traf. Laut der erwähnten Frontur-Statistik stellen die Briten mit Abstand die stärkste Touristengruppe in Spanien dar, danach folgen die Franzosen und die Deutschen.
Auf unserer Rundreise kamen wir vor allem mit deutschen und britischen Campern in Kontakt. Einige der Briten beichteten uns, dass sie die Franzosen nicht leiden können. Auf unsere verwunderte Frage, ob sie die Reise durch Frankreich dann nicht als Qual empfinden, meinten sie, dass sie mit der Fähre von Plymouth oder Portsmouth aus direkt nach Santander kommen, was sie in weniger als 24 Stunden schaffen. Durch Frankreich hindurch ist auch nicht viel schneller und hat den Nachteil der direkten Kontaktmöglichkeit mit Franzosen. An Spanien schätzen die Briten vor allem die günstigen Preise, die Freundlichkeit der Bewohner und die Abwesenheit der Franzosen. Das alles vermissen sie in Frankreich.
Am Tag vor unserer Weiterfahrt unternahmen wir eine einstündige Bootstour von Dénia nach Xàbia, die uns an der Küste von Las Rotas entlang und am Cabo de San Antonio vorbeiführte. Vom Schiff aus konnte man sehr gut den zerklüfteten, an seiner südöstlichsten Stelle senkrecht abfallenden Kalksteinfelsen bestaunen. Etwas südlich der letzten Häuser von Las Rotas endet der Fußweg an der Cova Tallada, wobei die folgenden hundert Meter eine Klettertour auf Meereshöhe ist. Die Höhle mit drei großen Kammern soll absolut sehenswert sein, obwohl deutliche Spuren von Römern und Mauren davon zeugen, dass die Höhle einst für Baumaterial ausgeschlachtet wurde. In südlicher Richtung folgen auf Meeresniveau noch weitere, weniger spektakuläre Höhlen sowie gewaltige Risse und Spalten im Felsen.
In Xàbia angekommen erkundeten wir vor allem die ausgedehnte Strandpromenade und die benachbarten Gassen. In der Avenida Jaume war eine große Fiesta mit Nippesständen, ohrenbetäubender Musik und ausgelassenen, teils alkoholisierten Partygästen im Gange. Wir flüchteten und ließen uns an einem Strandrestaurant zum Mittagsmahl nieder. Dabei wurden wir Zeuge einer merkwürdigen Begebenheit.
Im fast leeren Lokal fanden sich vier neue Gäste ein, denen die Kellnerin mit einer weit ausholenden Armbewegung signalisierte, dass alles frei sei und sie sich einen Platz aussuchen könnten. Man beratschlagte sich ausgiebig, war aber aufgrund der Fülle des Platzangebots total überfordert, eine Entscheidung zu treffen. Schließlich wandten sie sich nach einigen Minuten erneut an die Kellnerin, die ihnen dann einen Platz vorschlug, der sofort ihr Wohlgefallen fand. Das ist vermutlich so wie bei Gästen, die fragen, was der Ober empfehlen kann, weil die Auswahl in der Speisekarte zu groß ist: „Tut mir leid, ich kann davon nichts empfehlen. Aber nehmen Sie doch das Jägerschnitzel, die Pilze sind von gestern übrig und müssen weg.“
Da wir nur drei Stunden Aufenthalt bis zur Rückfahrt hatten, blieb uns anschließend keine Zeit mehr, die schöne, einen Kilometer landeinwärts liegende Altstadt von Xàbia mit ihren engen Gassen und kleinen Häuschen zu besichtigen. Xàbia hat 27.000 Einwohner und ist mit 740 Jahren im Gegensatz zu den meisten anderen Hafen- und Fischerstädten der Region noch recht jung. Besondere wirtschaftliche Bedeutung bekam die Stadt erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jh., als die Produktion und Ausfuhr von Rosinen genauso wie im benachbarten Dénia ein Bürgertum wohlhabender Kaufleute hervorbrachte. Wussten Sie übrigens, dass Rosinen für Hunde und Katzen giftig sind? Heute spielen der Anbau von Oliven, Johannisbrot, Weintrauben, Weizen, Mandeln und Orangen sowie der Fischfang eine große Rolle. Und der Tourismus ist natürlich auch ein bedeutender Wirtschaftssektor.
Nach der Rückkehr unternahmen wir einen letzten Strandspaziergang bei Las Rotas und genossen den klaren Spätnachmittagshimmel und die übliche leichte bis mittlere Brise, die wir zum Tagesabschluss mit einem Dämmerschoppen auf dem Klippenbalkon eines kleinen Restaurants krönten. Damit war unser Aufenthalt in Dénia, der einen Tag länger als geplant ausgefallen war, beendet, so dass wir die Abreise schon mal vorbereiteten.
Costa de Almería
Wir fuhren in südwestlicher Richtung auf der schwach befahrenen Via Mediterráneo, die ab Alicante vorbei an Elche, Murcia und Lorca in gehöriger Entfernung zum Mittelmeer verläuft. Auch diese Strecke führte durch meist wüstenhafte, schroffe Mittelgebirgslandschaften mit tiefen Einschnitten (barrancas, cañadas) und grünpickliges Gelände mit rötlich-gelblichem Gestein, das aufgrund des hohen Kalkanteils an manchen Hängen betonartig wirkte. Wir überquerten mehrere Dutzend ausgetrocknete Flussbetten (ramblas).
In der Provinz Almería verdrängten die vielen Quadratkilometer großen Plastikgewächshäuser optisch alle anderen Eindrücke: „mar del plástico“. Es handelt sich dabei um die weltgrößte Konzentration von Intensivkultur. Die riesigen Pflanzfabriken, die entlang der Küste bis viele Kilometer ins Hinterland jede halbwegs ebene Fläche einnehmen, sind der wichtigste wirtschaftliche Faktor in der Provinz Almería und erwirtschaften 80% der spanischen Gemüseexporte. Jedes Jahr werden Millionen von Tonnen an Gemüse und Obst nicht nur innerhalb Europas, sondern auch weltweit exportiert. Die Arbeit in den stark mit Pestiziden belasteten Anlagen wird vor allem von nordafrikanischen Migranten geleistet, die aufgrund ihrer unsicheren Rechtslage meist illegal, unter unmenschlichen Wohnbedingungen und zu Dumpinglöhnen beschäftigt werden. Durch die Billiglöhne und die hohen EU-Subventionen im Rahmen der europäischen Transitförderung kann Gemüse aus Almería selbst in Afrika die dortige Produktion preislich unterbieten.
Das Wetter in der Provinz ist wüstenähnliche, mediterran, warm und trocken; der Himmel ist meist wolkenlos und sehr hell, die Sommer sind warm und die Winter mild. Die Niederschlagsmenge ist gering, Cabo de Gata 20 km östlich der Stadt Almería ist die Gegend, in der es in Spanien am wenigsten regnet.
Um 16 Uhr erreichten wir unseren Campingplatz zwischen Roquetas de Mar und Aguadulce, 300 m vom Meer entfernt. Der schräge, leicht terrassierte Platz bot nur wenig Schutz vor Wind, der an den folgenden Tagen heftig und nervig wurde. Daher improvisierten wir aus einer größeren Plane einen wirkungslosen Windschutz, den wir am Terrassengitter unseres Stellplatzes befestigten – was wir uns hätten schenken können, aber uns vermutlich zum Gespött der Profi-Camper machte. An der Südküste weht meistens ein starker Westwind, der manchmal von einem kräftigen Ostwind abgelöst wird, der vom Mittelmeer erhöhte Temperaturen mitbringt.
Dank der milden Temperaturen auch im Winter ist dieser Platz eine präferierte Überwinterungsadresse für Langzeitcamper aus dem Norden, die vor dem mitteleuropäischen Winterschmuddelwetter fliehen. Als wir eintrafen, waren viele deutsche Überwinterer – übrigens mit professionellem Windschutz – anwesend, während die frühsommerlichen Urlaubscamper noch auf sich warten ließen. Wir wurden gleich von braun gebrannten Deutschen angesprochen, die seit September des Vorjahres dauerhaft auf dem Platz waren und erst im Mai für wenige Monate zurückfahren wollten. Sie schwärmten uns vor, wie toll der Platz sei und dass man da gut ein halbes Jahr oder länger überwintern könne. Und wir lernten weitere Deutsche, Barbara und Horst mit Hund Emma, kennen. Sie waren bereits seit Monaten unterwegs, fuhren ähnlich wie wir von Campingplatz zu Campingplatz und blieben dort jeweils einige Tage oder wenige Wochen. Mit ihnen trafen wir uns in ihrem Wohnmobil, das deutlich großzügiger eingerichtet war und mehr Platz hatte als unser Bus, zum spanischen Abendschoppen am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes, was zum mittelprächtigen Saufgelage ausartete.
Direkt nach unserer Ankunft trafen wir auch ein paar Engländer an. Ein übernettes Pärchen in unserem Alter winkte uns von weitem zu. Wir nahmen an, dass wir uns zuvor schon mal getroffen haben mussten, erkannten sie aber beim besten Willen nicht wieder. Die Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten: „Hi guys, nice to see you!“ „Did we meet before? Where?“ „No.“ „But it seems that you know us.“ „No, we are just very friendly!“ Gut, dass wir keine Franzosen waren. Die beiden waren mit ihrem Wohnmobil schon seit neun Monaten in fast ganz Europa unterwegs gewesen, auch in Frankreich, sie schreckten anscheinend sehr unbritisch vor nichts zurück.
Der Campingplatz war von der Rezeption bis zum Restaurant beinahe fest in deutscher Hand, zumindest sprachlich. Der Deutschenüberschuss zeigte sich aber auch im kleinen Supermarkt, in dem es Vollkorn- und Körnerbrötchen zu kaufen gab. Glücklicherweise wurden im Restaurant weder Schweinshaxen noch Rippchen, auch kein Porridge, Yorkshire-Pudding oder Minzsauce angeboten, wohl aber Pizza, Pasta und Schnitzel.
Am nächsten Morgen wollten wir die nähere Gegend per Pedes erkunden. Wir liefen über einen strandnahen Spazierweg ins 4 km entfernte Roquetas. Da wir in der Campingplatz-Rezeption leider keine befriedigenden Informationen zu den touristischen Highlights der Gegend bekommen hatten, wollte ich in Roquetas erst einmal die Touristeninfo aufsuchen. Ich nahm an, dass die irgendwo in der Innenstadt oder am Hafen in der Nähe des Castillo de Santa Ana sein würde, wohin wir uns gegen den langsam stärker werdenden Wind schleppten. Dort war aber weit und breit keine Touri-Info zu sehen, so dass wir unseren mittlerweile schon 6 km langen Fußweg tapfer fortsetzten, nachdem uns ein Straßenkehrer mit dem zuversichtlichen Hinweis Mut gemacht hatte, dass wir nur noch 10 Minuten in südlicher Richtung auf der Hauptstraße weiterlaufen müssten, um unser Ziel zu erreichen.
Barbara streikte dann nach weiteren zwei Kilometern, ließ sich vor einem Lokal nieder und ich ging alleine los, nachdem mir wieder ein freundlicher Spanier die Hoffnung auf nur noch 10 Minuten Fußweg gegeben hatte. Nach nochmal zwei Kilometern fand ich endlich das Büro, wo mir ein perfekt deutschsprechender Spanier alle gewünschten Information gab. Den Rückweg von zehn Kilometern unterbrachen wir nach der Hälfte zum Mittagessen und nach weiteren zwei Kilometern in einem Shoppingcenter, wo ich mich auf einer Bank niederließ und unter Einwirkung des Mittagsweines fest eingeschlafen war, als Barbara nach 20 Minuten beutelos zurückkam. Der restliche Rückweg war kein Vergnügen, da nun alle Expeditionsteilnehmer deutlich ihre Füße spürten und der Wind sich zu einem kleinen Orkan weiterentwickelt hatte, gegen den wir ankämpfen mussten.
Wir hatten die Größe der 90.000-Einwohnerstadt Roquetas de Mar etwas unterschätzt, zumal sich der Ort weit ausgedehnt an der Küste entlangstreckt. Die Stadt hat maurische, phönizische und römische Wurzeln und ist heute ein sehr angesagter Ferienort an der Costa de Almería. Die Touristeninfo befindet sich leider nicht im Stadtzentrum, sondern in der einige Kilometer südwestlich gelegenen Urbanización Roquetas de Mar. Dieser Stadtteil ist erst in den letzten Jahrzehnten entstanden und besitzt vor allem eine touristisch geprägte Infrastruktur mit vielfältigen Freizeitangeboten. Neben dem Tourismus ist der Obst- und Gemüseanbau der wichtigste Wirtschaftszweig, was sich an den riesigen Gewächshäusern zeigt, mit denen die ganze Umgebung von Roquetas zugepflastert ist. Und wo keine Gemüseghettos wuchern, z.B. an Berghängen, waren mehrstöckige Touristenghettos hingeklatscht worden. In dieser Jahreszeit waren die aber kaum bewohnt und wirkten etwas trostlos.
Den nächsten Tag widmeten wir primär der Regeneration unserer Füße. Dabei kam uns das Wetter gelegen, denn bis zum frühen Nachmittag hatten wir Nieselregen. Danach riss der Himmel auf, es wurde ziemlich warm und der Wind blies heftig. Daher stand die automäßige Erkundung der Umgebung auf dem Programm, nämlich eine Fahrt in Kontinentaleuropas einzige Wüste, der Desierto de Tabernas. Sie liegt zwischen der Sierra de los Filabres, der Sierra Alhamilla und der Sierra Nevada und bietet eine reichhaltige Vegetation mit geeignetem Lebensraum für zahlreiche Vögel. Bereits einige Kilometer nördlich von Almeria geht der intensiv genutzte Küstenstreifen in die absolute Einsamkeit dieser Wüste über.
Aufgrund der einzigartigen Naturbeschaffenheit fanden dort in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren einige Dreharbeiten zu 500 Western-Filmen und anderen Streifen statt, wie z.B. „Vier Fäuste für ein Halleluja“, „Winnetous Rückkehr“, „Der Schuh des Manitu“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“. Man kann die Filmstudios und die Westernkulissen des „Fort Bravo“ besichtigen und einigen Vorführungen wie Schießereien und Schlägereien beiwohnen, wenn man bereit ist, 20 € Eintritt zu zahlen. Das waren wir nicht, daher beschränkten wir uns auf Fotoaufnahmen der näheren Umgebung und des „europäischen Hollywoods“ von außen, was der Wachmann am Eingang gar nicht gut fand: „Don’t take photos, this is private.“ Ob wir überhaupt mit 20 € den Privatstatus des Geländes hätten aufheben können, war fraglich.
Wir fuhren weiter über Rioja, Gádor und Alhama de Almería zum terrassenförmig angelegten weißen Gebirgsdorf Enix mit seinen 500 Einwohnern, das wegen seiner weißen, am Berg gelegenen Häuser in steilen Gässchen aus der ockerfarbenen und semiariden Umgebung hervorsticht und einen Besuch wert sein soll. Es soll von germanischen Völkern gegründet worden sein, denn das germanische Wort Nix bezieht sich auf Brunnen und Quellen.
Da die Wolken sehr tief hingen und es nieselte, fuhren wir ohne auszusteigen weiter, denn wir sahen eh nix. In dem „weißen“ Nachbardorf Felix hatten wir etwas mehr Glück und konnten die netten weißen Häuschen in verwinkelten Berggassen bewundern. Den Rest des Tages hingen wir bei gutem Wetter und immer stärker werdendem Wind auf dem Campingplatz ab.
Der Folgetag war der Erkundung des UNESCO-Biosphärenreservats Parque Natural de Cabo de Gata-Níjar gewidmet. An Almería, seinem Flughafen und der Retortenstadt Retamar vorbei führte uns der Weg nach Almadraba de Monteleva, einem kleinen Fischerort zwischen einer großen Lagune und dem offenen Meer. Schon von weitem fällt die etwas außerhalb des Ortes stehende Kirche auf, die sich wie ein Menhir aus der flachen Umgebung erhebt. In der Lagune und der Umgebung rasten Tausende von Vögeln auf ihrem Weg von und nach Afrika. Wir konnten viele Flamingos beim Fischen beobachten, die hier auch nisteten.
Der weitere Weg führte uns zur Südwestspitze des Cabo de Gata mit seinem vielfotografierten Leuchtturm. Von einer kleinen Aussichtsplattform hat man einen phantastischen Blick auf das südöstlich liegende Felsenriff „Las Sirenas“, das durch vulkanische Tätigkeit des höchsten Berges und erloschenen Vulkans Pico de los Frailes entstanden ist.
Danach kehrten wir zurück zum kleinen Touristen- und Fischerort San Miguel de Cabo de Gata, durch den wir bereits auf der Herfahrt durchgekommen waren und der am Nordrand der Lagune liegt. Hier kehrten wir nach einem kleinen Strandspaziergang im Strandcafé und Restaurant „Chiri-Bus“ ein und ließen uns auf dem Sandstrand einen kleinen Tisch mit großer Fischplatte bereiten. Die frischen Fische schmeckten lecker, der kühle Weißwein konvenierte dazu hervorragend, die Sonne brannte, es wehte nur eine leichte Brise und der Ausblick aufs blaue Meer und den hellen Sandstrand war unübertrefflich. Das wusste offenbar auch der Wirt, als er uns die Rechnung servierte. Eine Speisekarte und Preisauszeichnungen hatte es nicht gegeben, was häufiger in rustikalen Gaststätten und Restaurants Spaniens der Fall ist. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und verliert – Erfahrung und Geld.
Auf dem Weg zur Südküste kamen wir durch eine kahle Halbwüste. Der Bewuchs ist recht spärlich und wenig abwechslungsreich: Zwergpalmen, Agaven und Feigenkakteen. In der Gegend soll es sogar ein paar Pflanzen geben, die weltweit sonst nirgendwo gedeihen. Die einsame wüstenartige Gegend ist ebenfalls häufig Kulisse für Filme wie „Lawrence von Arabien“, „Indiana Jones“ und „Zwei glorreiche Halunken“ gewesen.
Abb. 10: La Vila Joiosa
Abb. 11: Felsenriff Las Sirenas am Cabo de Gata
Die Küste bei Los Escullos und Isleta de Moro mit ihren bizarren, aus Lava entstandenen Felsskulpturen und kleinen schwarzsandigen Buchten sowie dem 170-Einwohnerörtchen vor der kleinen Insel mit seinen weißen Häusern in winkligen Gassen ist absolut sehenswert. Vom Aussichtspunkt La Amatista auf einer felsigen Steilküste hat man einen tollen Blick auf die wild-romantische Felsenküste.