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Um den Kopf frei zu bekommen, miete ich ein kleines Häuschen im Wald eines abgelegenen Dorfes. Die Entfernung zu meinem Zuhause und die Abgeschiedenheit sollen dafür sorgen, dass ich Zeit für mich und die nötige Ruhe habe, um an meinem nächsten Buch zu arbeiten. Doch stattdessen sorgt mein einziger Nachbar für ständige Ablenkung und Unruhe. Er ist rau, verschlossen und ungehobelt, und von Geheimnissen umwoben, die mich magnetisch anziehen. Vermutlich sollte ich mich vor ihm fürchten, da er fragwürdige Angewohnheiten hat, wie nachts in mein Haus einzubrechen – vielmehr aber genieße ich, was er danach mit mir tut ...
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Copyright: Alle Rechte sind der Autorin vorbehalten. Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Eine Verbreitung des Textes oder Ausschnitten des Textes ist ohne die schriftliche Genehmigung der Autorin untersagt.
© S. H. Roxx, 1. Auflage 2021, Österreich
Cover: Nina Hirschlehner, https://nh-buchdesign.com/
Korrektorat: S. Hußmann
Sämtliche Personen und Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit real existierenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Ereignissen ist rein zufällig.
Kontakt: www.shroxx.com; [email protected]
Impressum siehe Buchende
Über das Buch
Liebe Leser
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Danksagung
Um den Kopf frei zu bekommen, miete ich ein kleines Häuschen im Wald eines abgelegenen Dorfes. Die Entfernung zu meinem Zuhause und die Abgeschiedenheit sollen dafür sorgen, dass ich Zeit für mich und die nötige Ruhe habe, um an meinem nächsten Buch zu arbeiten. Doch stattdessen sorgt mein einziger Nachbar für ständige Ablenkung und Unruhe.
Er ist rau, verschlossen und ungehobelt, und von Geheimnissen umwoben, die mich magnetisch anziehen. Vermutlich sollte ich mich vor ihm fürchten, da er fragwürdige Angewohnheiten hat, wie nachts in mein Haus einzubrechen – vielmehr aber genieße ich, was er danach mit mir tut ...
Lange ist es her, seit ich meinen ersten und einzigen Kurzroman geschrieben und veröffentlicht habe. Damals habe ich euch gefragt, ob ihr gerne mehr Kurzromane von mir lesen möchtet, und eure Antwort darauf war ein klares Ja. Leider habe ich, wie ihr wisst, ein klitzekleines Problem damit, mich kurzzufassen, und so fällt auch diese Geschichte eher lang als kurz aus. Für gewöhnlich umfassen meine Bücher 100k Wörter und mehr, und hier liegen wir bei gut der Hälfte. Zählt trotzdem, oder?
Ich wollte mich unbedingt an mein Mantra ›kurz, knackig & kinky‹ halten. Nennen wir das hier einfach einen Quickie á la Roxxi ; )
Ich kann weder dafür garantieren, dass ihr euch nicht mindestens einmal während des Lesens fragt, was zur Hölle eigentlich in meinem Kopf vor sich geht, noch dafür, dass ihr dieselbe Frage an euch selbst richtet, weil euch gefällt, was in meinem Köpfchen vor sich geht.
*Warnung: Dort spielen sich ein paar wirklich fragwürdige Dinge ab, die mir nicht peinlich sind, mit euch zu teilen. Also lest das Buch nicht, wenn ihr eine Triggerwarnung benötigt oder liebevoll ›Moralapostel‹ genannt werdet.
Viel Spaß!
XOXO,
Roxxi
Mit einem besorgten Stirnrunzeln verfolge ich durch die Heckscheibe meines Wagens den klappernden VW Käfer der Maklerin. Zu meiner Überraschung hält er bis zum Ende des Schotterwegs durch und kommt unmittelbar vor meinem neuen Zuhause auf Zeit zum Stillstand.
Während ich den Motor meines eigenen Wagens auslaufen lasse – was nach der siebenstündigen Fahrt dringend nötig ist –, steigt die Maklerin aus ihrem rostigen Oldie und grinst mich durch die Fensterscheibe an.
»Wie lange ist der Schotterweg, der zum Haus führt?«, frage ich, nachdem ich den Motor ausgeschaltet habe und meine Wagentür öffne.
Im Internet stand etwas von zwei Meilen, es kam mir jedoch um ganze Kontinente länger vor. Auch die Bilder aus der Annonce täuschen ein wenig über die Realität hinweg. Während man auf den Fotos vermuten mochte, das kleine Häuschen sei von einem ebenso kleinen Wäldchen umgeben, wirkt es nun, als befänden wir uns hier im tiefsten Urwald – abgegrenzt von jeglicher Zivilisation, obwohl die Fahrt aus diesem Dschungel in den einzigen Supermarkt des Dorfes angeblich nur zwanzig Minuten dauert.
»Nicht einmal zwei Meilen«, antwortet die Frau mittleren Alters und mustert, wie auch schon bei meiner Ankunft heute Mittag in ihrem renovierungsbedürftigen Büro, mein Outfit. Ihr Blick bleibt an dem Streifen Haut haften, der meinen gebräunten Bauch enthüllt.
Als sie wieder in mein Gesicht aufsieht, lächelt sie neugierig. »Sie kommen also aus Denver?«
Ich nicke, schnappe mir meine Reisekoffer aus dem Kofferraum und verriegele den Wagen. »Genau. Deswegen finde ich es hier so aufregend.«
Sie kichert hinter vorgehaltener Hand. »In unserem Dorf gibt es doch gar nichts zu entdecken – nicht für ein Großstadtmädchen wie Sie.«
»Genau darum geht es.« Ich nehme einen tiefen Atemzug, genieße, wie frisch und erdig die Luft duftet, und beäuge zufrieden das Haus, das im Internet als Naturhäuschen beworben wurde.
Durch sein rustikales Äußeres mit dunkelbrauner Fassade und weinroten, teilweise bröckelnden Ziegelsteinen auf dem Dach wirkt es eher wie eine Hütte, aber Naturhäuschen trifft es auch. Es ist perfekt. Winzig und abgelegen in ruhiger Umgebung. Solange es mit Strom versorgt ist, gibt es für mich nichts zu beanstanden. Nicht einmal die verstopfte Regenrinne oder all das Laub auf den verwitterten Stufen zur Veranda, die schon in die Jahre gekommen ist.
»Gott, diese Stille hier … Einfach unglaublich«, schwärme ich vor mich hin. Ich sauge ein weiteres Mal die frische Luft in mich auf und lächele. »Und der Geruch von Natur. Himmlisch.«
»Ruhig ist es hier auf jeden Fall. Fast schon totenstill.« Mrs Paul macht eine ausschweifende Handbewegung in Richtung des Waldes, der uns umgibt.
Ich betrachte fasziniert all die hoch gewachsenen Bäume und ihre massiven Stämme. Hier sieht man nichts außer der Farbe Grün und Braun; für jemanden wie mich, der sonst überwiegend die Farbe Grau zu Gesicht bekommt, ist dies wahnsinnig erfrischend. Es fühlt sich an, als würde man direkt eins mit der Natur werden, weil man hier so sehr mit ihr verbunden ist. Absolut kein Vergleich zu meiner Heimatstadt.
»Wie sind Sie denn auf unser Kaff gekommen, wenn ich fragen darf? Die meisten Einwohner Colorados kennen Maragoo nicht einmal vom Hören«, möchte die Maklerin wissen und steigt die Stufen zur Veranda hinauf, die definitiv schon bessere Tage gesehen haben. Sie knarren beunruhigend laut unter ihren Schritten. »Die Leute kennen nicht einmal unsere Nachbarstadt Mancos.«
»Ich habe es durch ein bisschen Stöbern im Internet entdeckt«, erzähle ich ihr und folge ihr mit meinem Gepäck zum Hauseingang. Ein mittelalterlicher Türklopfer aus Messing befindet sich auf Augenhöhe. »Ich habe nach einem abgelegenen Ort gesucht, um mich zurückzuziehen und den Kopf frei zu bekommen. Irgendwo im Grünen, wo einem nicht an jeder Ecke eine Horde Menschen über den Weg laufen. So bin ich auf Mancos Campingplätze gestoßen, dadurch auf das Nachbardorf und schließlich auf Ihr Inserat. Als ich gesehen habe, dass Maragoo nur knapp achthundert Einwohner hat und dies das einzige Waldhäuschen zur Miete ist, war ich sofort hellauf begeistert und habe Sie kontaktiert. Genau danach habe ich gesucht.«
Mrs Paul schließt die Haustür auf und reicht mir mit einem Lächeln den Schlüsselbund. »Um sich zurückzuziehen, ist es perfekt. Hier fährt niemand hinaus, da es nur dieses Häuschen und ein weiteres gibt, das jedoch nicht vermietet wird. Der Besitzer lebt ebenfalls sehr zurückgezogen. Er wird Sie bestimmt nicht stören.«
»Wie weit liegt sein Haus denn von hier entfernt?«, will ich wissen, während ich mir den spartanisch eingerichteten Wohnraum ansehe.
Da die Fläche des Hauses an sich schon klein ist – nur etwas über achtzig Quadratmeter auf zwei Stockwerke verteilt –, habe ich damit gerechnet, dass die Küche im Wohnzimmer integriert ist. Hier befindet sich nur das nötigste Mobiliar: eine braune Couch rechts in der Ecke, ein hölzerner Couch- und Esstisch davor; links im Raum eine schmale, cremefarbene Küchenzeile mit Herdplatte, Ofen und Mikrowelle; direkt daneben ein niedriger Kühlschrank und oberhalb ein Fenster, von dem aus man direkt ins Nichts blicken kann. Ein leeres Wandregal gibt es noch, auf dem ein Blumentopf steht, der eine Pflanze vermisst.
»Das Haus Ihres einzigen Nachbarn befindet sich bloß fünf Gehminuten durch den Wald entfernt«, eröffnet sie mir.
Verdutzt betrachte ich sie. Eigentlich dachte ich, es gäbe nur dieses Häuschen in der Umgebung. So stand es zumindest in der Annonce. Noch so ein kleiner Schwindel.
»Keine Sorge, Sie sind hier trotzdem ganz für sich. Es kann vorkommen, dass Sie den Mann mit seinem Wagen vorbeifahren sehen, da nur der Schotterweg, den wir benutzt haben, aus dem Wald heraus und herein führt, aber viel öfter werden Sie ihn sicherlich nicht zu Gesicht bekommen. Mr Carter ist sehr … introvertiert.«
Ich hebe eine Augenbraue. »Warum die Pause?«
Die Maklerin lächelt kryptisch und durchquert den Raum zur hölzernen Wendeltreppe. »Mr Carter spricht nicht viel und lässt sich auch nicht oft im Zentrum blicken. So gesehen kennen wir ihn alle nicht sehr gut. Er macht bloß seine Erledigungen und fährt wieder nach Hause. So war es immer schon. Wir anderen wissen kaum etwas von ihm, obwohl wir in unserem Dorf so etwas wie eine große Familie sind. Er ist der Einzige, von dem ich behaupten würde, er gehöre nicht dazu. Aber nur, weil er es nicht will.«
»Aha«, mache ich beklommen, weil sich das für mich ganz nach dem klischeehaften Serienmörder anhört. Ich folge ihr die knarrenden Stufen nach oben. Beunruhigt werfe ich einen Blick auf meine Füße. »Die Treppe wird mir aber nicht zum Verhängnis werden, oder?«
Mrs Paul kichert. Offenbar findet sie mich sehr amüsant, obwohl die Frage todernst gemeint war. »Keine Sorge. Bei Ihrem Fliegengewicht auf keinen Fall.«
Kurz überlege ich, ob das wohl ein Kompliment sein soll; dann beschließe ich zu meinen Gunsten, dass es eines ist.
Ich öffne die Tür rechts im Flur, die ein kleines Badezimmer mit Eck-Dusche und Toilette verbirgt, das zu meiner Freude recht sauber erscheint, und werfe anschließend einen prüfenden Blick in das Zimmer links davon – das Schlafzimmer. Auch hier scheint alles in Ordnung zu sein. Es wirkt gepflegt.
»Perfekt«, sage ich, während ich das Doppelbett mit blumiger Bettwäsche betrachte. Darüber befindet sich ein breites Fenster mit kitschigen Vorhängen, daneben ein hölzerner Nachttisch und an der Wand gegenüber ein hölzerner Kleiderschrank. Ansonsten ist der Raum leer.
»Dass sich jemand wie Sie für ein Haus wie dieses begeistern kann …« Die Maklerin sieht mich auf eine Erklärung wartend an. Ich lächele nur. »Ich glaube, ich habe gar nicht gefragt, warum Sie sich gerne zurückziehen und den Kopf frei bekommen möchten?«
Na bitte, endlich fragt sie. Dass die Leute hier sehr neugierig sind, ist mir bereits aufgefallen, als ich mit meinem Wagen in die Ortschaft eingetrudelt bin und mich alle angeglotzt haben, als wäre ich gerade mit einem Ufo vor ihrer Nase gelandet.
Als ich zu Mrs Pauls Büro spaziert bin, wurde ich von drei Einwohnern angesprochen, die sichtlich interessiert an mir und den Gründen für meinen Besuch in Maragoo waren. Bei der geringen Einwohnerzahl kennt sich hier bestimmt jeder, und so fällt ein neues Gesicht prompt auf.
Ich werde mich schon noch daran gewöhnen, schätze ich. Außerdem werde ich die meiste Zeit hier im Häuschen verbringen, also kann es mir egal sein, ob die Leute über mich tratschen.
Was sie zweifellos tun. Mein bauchfreies Shirt hat so viele Blicke auf sich gezogen, dass ich mir selbst schon skandalös vorkam. Bestimmt gibt es morgen einen Artikel darüber in der Dorfzeitung mit der Überschrift: ›Wir haben Besuch von einer Prostituierten!‹
»Ich möchte ein Buch schreiben«, liefere ich ihr also einen der Gründe für meinen Besuch, woraufhin sie große Augen macht.
Ich verkneife mir ein Seufzen, weil ich genau weiß, was sie denkt. Dieses junge, blonde Püppchen soll eine Schriftstellerin sein? Ha ha!
»Außerdem wollte ich etwas Abstand zu meinem Umfeld bekommen. Ich möchte mich selbst finden und mir über ein paar Dinge klar werden«, fahre ich unbeirrt fort.
»Ein Selbstfindungstrip also … Interessant«, murmelt sie gedankenverloren, als würde sie die Info in ihrem Hirn abspeichern, um sie an die anderen neugierigen Einwohner weiterzugeben. Wieder mustert sie mich dabei äußerst detailliert.
Ich überlege, es ihr leichter zu machen, indem ich eine kleine Drehung vollführe, lasse es dann aber bleiben, weil ich mir nicht sicher bin, ob die Leute hier diese Art von Humor verstehen. Am Ende nimmt sie es mir noch krumm.
»Wie ich schon in meiner E-Mail erwähnt habe, steht das Haus schon eine lange Zeit leer. Die Möglichkeit, den Mietvertrag zu verlängern, besteht also«, eröffnet sie mir schließlich freundlich.
Ich nicke. »Mal sehen, ob es mir hier auch tatsächlich so gut gefällt, wie ich es mir vorstelle. Gut möglich, dass ich doch länger bleiben möchte, wenn es mit dem Schreiben vorangeht.«
Ihre braunen Augen blitzen auf. »Sehr schön. Sagen Sie einfach rechtzeitig Bescheid.«
»Werde ich«, verspreche ich. »Wem gehört dieses Haus eigentlich? Und warum steht es schon so lang leer?«
»Einer Frau, die es von ihren Eltern geerbt hat. Wie so viele andere auch, hat es sie nach ihrem Abschluss in eine Großstadt verschlagen, und seither war sie nicht mehr hier. Ich habe einen Dauerauftrag, das Haus zu vermieten, aber die Nachfrage ist nicht sehr groß. Die meisten Leute wollen an belebten Orten mit vielen Sehenswürdigkeiten und Ausgehmöglichkeiten Urlaub machen, wissen Sie.«
»Natürlich«, murmele ich und betätige zur Überprüfung rasch alle Lichtschalter. Zwar hat sie mir erklärt, wie die Magie des Stromes in dieses Häuschen fließt, zugehört habe ich allerdings nicht wirklich.
Da überall Licht aufflackert, lächele ich zufrieden. »Und warum verkauft die Besitzerin nicht? Das wäre doch lukrativer, nehme ich an. Oder hat es einen emotionalen Wert für die Frau?«
Mrs Paul winkt augenrollend ab. »Ach, bitte. Die Frau konnte es gar nicht erwarten, von hier wegzukommen. Sie würde es gerne verkaufen, aber es gab in all den Jahren keinen einzigen Interessenten. Nach Maragoo zieht niemand ohne triftigen Grund.«
»Ich muss zugeben, dass ich mir auch nicht vorstellen könnte, für immer hier zu leben«, gestehe ich ihr. »Für jemanden wie mich, der sich für ein paar wenige Wochen komplett abschotten möchte, ist es natürlich ideal, aber auf Dauer betrachtet …« Ich verziehe den Mund, und sie lächelt wissend. »Ich komme eben aus einer Großstadt, an der es an jeder Ecke einen Imbiss und drei Bars gibt. Ich kenne nicht einmal die Namen meiner Nachbarn, obwohl ich seit über fünf Jahren in dem Hochhaus lebe.«
»So sind Großstädte eben«, meint sie in einem abwertenden Tonfall, den sie rasch überlächelt. »Genau deswegen lebe ich so gern hier. Man kennt sich untereinander, und die Leute sind freundlich und hilfsbereit. Außerdem findet man hier alles, was man braucht. Und meiner Meinung nach braucht man nicht an jeder Ecke drei Bars. Vermutlich gibt es deswegen so viele Alkoholiker … Überall Versuchungen.« Sie schüttelt betroffen den Kopf, und ich muss mir ein Lachen verkneifen. Mit der Hand deutet sie auf die Treppe. »Wollen wir wieder nach unten gehen?«
»Gern.« Ich folge ihr ins Erdgeschoss und schiebe mein Gepäck beiseite, damit sie die Eingangstür öffnen kann. »Dann bedanke ich mich recht herzlich. Ich darf mich an Sie wenden, wenn ich etwas brauche?«
Ihre braunen Augen blitzen auf, als würde sie sich darüber freuen, dass ich sie womöglich noch einmal vor meiner Abfahrt kontaktieren werde. »Aber natürlich! Sie können sich hier an jeden wenden. Die Leute würden sich freuen.« Zwinkernd öffnet sie die Haustür. »Wo Sie unser Zentrum finden, haben Sie sich gemerkt, ja?«
Fast muss ich hysterisch lachen. Dieser Ort ist so winzig, dass man gar nichts nicht finden kann. Wie sollte man sich hier auch verirren? Man geht dreimal im Kreis und hat jeden Winkel des Dorfes gesehen.
»Das habe ich. Außerdem gibt es ja die vielen Schilder, die einem dem Weg weisen«, erinnere ich sie amüsiert, als mir das Schild mit der Aufschrift ›Hundepark 100m – Menschenpark 200m‹ wieder einfällt.
Das war das Highlight meines Tages. In dieser Ortschaft gibt es sogar Straßenschilder, die den Weg zur einzigen Schneiderin und dem Blumenladen anzeigen. Da es hier quasi nichts gibt – gerade das Nötigste zum Überleben – ergibt das fast schon wieder Sinn.
»Genau.« Mrs Paul präsentiert ihre weißen Beißerchen. »Rufen Sie mich jederzeit an. Der Empfang im Haus ist nicht der Beste, aber Sie wissen ja, wo Sie mich finden.«
»Wohnen Sie in Ihrem Büro?«, will ich perplex wissen.
Sie marschiert aus der Tür. »Darüber. Die meisten Laden- oder Bürobesitzer wohnen im selben Gebäude, meistens im Stockwerk oberhalb. Wie Ihnen sicher bei der Durchfahrt schon aufgefallen ist, gibt es nur wenige Gebäude in Maragoo.«
Grundsätzlich gibt es hier von allem wenig, was ich jedoch für mich behalte, da ich befürchte, sie könnte es als Beleidigung auffassen. Entdeckt habe ich exakt einen großen Supermarkt, eine Tankstelle an der Grenze zu Mancos, einen Blumenladen, zwei Klamottenläden, einen Elektronikladen, einen winzigen Friseursalon, eine Zoohandlung, ein scheinbar gut besuchtes Diner – da es weit und breit das einzige ist –, eine Apotheke, und einen altmodischen Buchladen, sofern ich mich nicht ganz täusche. Bestimmt habe ich zwei oder drei Läden übersehen, aber im Großen und Ganzen ist das alles, was Maragoo neben der Praxis eines Allgemeinarztes zu bieten hat.
Und natürlich ein paar Wohnhäuser, in denen die lächerlich wenigen Einwohner hausen.
Eine Auszeit in dem fremden Dorf wird mir hoffentlich dabei helfen, ein bisschen zur Ruhe zu kommen und abzuschalten. Ich bin tatsächlich hier, um endlich wieder das Schreiben aufzunehmen und hoffentlich auch zu Ende zu bringen, und auch, um Abstand von allem, was mich aus Denver vertrieben hat, zu bekommen. Ich wollte weg von all dem Stress, dem hektischen Alltag, und den unzähligen Menschen, denen man dort tagtäglich begegnet. Primär von Pete, meinem On-Off-Freund, der wenig begeistert davon war, dass ich mich für die nächsten fünf Wochen in einem Kaff einigeln möchte.
Als ich ihm das Häuschen gezeigt habe, hat er mich angesehen, als würde er ernsthaft an meinem Geisteszustand zweifeln. Niemand, der aus einer so lebendigen Großstadt wie Denver stammt, würde je freiwillig in eine Hütte im Wald ziehen, waren seine Worte, worüber ich nur müde gelächelt habe.
Niemand außer mir, wie es scheint.
»Ich wünsche Ihnen einen angenehmen ersten Abend«, verabschiedet sich die Maklerin freundlich und marschiert zu ihrem reparaturbedürftigen Kleinwagen.
Ich winke und schließe die Tür, als sie mit ihrer Klapperkiste davonfährt.
Endlich allein.
Die erste Nacht im Haus war … ruhig. Totenstill trifft es eher.
Als ich im Stockfinsteren im Bett lag, an die Decke starrte und die neue Umgebung in mich aufsog, war ich seltsam im Einklang mit mir, was schon lange nicht mehr der Fall war. Mein Kopf war wie leergefegt – ein unglaublich befreiendes Gefühl. Ich musste mir keine Gedanken über irgendetwas machen, konnte einfach meinem Atem lauschen und meine Einsamkeit genießen.
Dementsprechend erholt und ausgeglichen bin ich heute Morgen aufgewacht. Ich nahm eine lange Dusche, trank einen schwarzen Kaffee und stand für gefühlt eine halbe Stunde einfach vor der Haustür und starrte in den unendlichen Wald, der bloß unendlich erscheint. Hier fühle ich mich wie in einen Kokon gehüllt – beschützt und sicher. Als könnte niemand zu mir durchdringen.
Nun ist es an der Zeit, einkaufen zu fahren, da im Kühlschrank gähnende Leere herrscht. Weil ich damit schon gerechnet habe, habe ich wenigstens Kaffeepulver mitgebracht, da ich ohne Koffein nicht überleben kann. Fließt nicht genügend davon durch meine Adern, bin ich nicht funktionstüchtig. Erst recht nicht morgens.
Ich hänge mir meine Tasche über die Schulter und verlasse das Haus. Obwohl ich eine Hand dafür ins Feuer legen würde, dass niemals jemand versuchen würde, hier einzubrechen, schließe ich sicherheitshalber ab und steige dann in meinen Wagen, der hier mehr als fehl am Platz wirkt.
Was nicht nur am blitzblauen Lack liegt, der auch überall sonst Blicke auf sich zieht.
Ich werfe die Tasche auf den Beifahrersitz, starte den Motor und fahre, ohne zu zögern, alle Fenster herunter, um die stickige Luft aus dem Wagen zu vertreiben. An der hohen Luftfeuchtigkeit spürt man, dass die Temperaturen im oberen Bereich liegen. Der Bordcomputer zeigt mir eine Außentemperatur von fünfundzwanzig Grad an, und es ist gerade einmal elf Uhr vormittags.
Ich fahre den gerade verlaufenden Schotterweg bis zur Hauptstraße entlang und wundere mich darüber, dass er mir heute viel kürzer vorkommt als gestern. Danach biege ich links ab und fahre wieder zehn Minuten nur geradeaus, bis sich die ersten Geschäfte neben mir erstrecken. Der Supermarkt liegt sehr zentral. Man muss lediglich einmal rechts abbiegen – direkt nach dem neongelben Schild, das ihn ankündigt.
Als ich auf dem dazugehörigen Parkplatz halte, fühle ich mich augenblicklich beobachtet.
Mit einem selbstsicheren Lächeln auf den Lippen schnappe ich mir meine Tasche und schwinge mich aus dem Sitz. Es macht mir nichts aus, dass sich die Leute nach meinem Wagen und mir umdrehen und tuscheln, und auch nicht, dass manche von ihnen extra langsam ihre Einkäufe in ihren Kofferräumen verstauen, um mich einer ausführlichen Musterung zu unterziehen. Darauf war ich bereits vorbereitet.
Mit gestrafften Schultern und immer noch bester Laune mache ich mich auf den Weg zum Eingang und werde kurz davor von einem Mann mittleren Alters abgepasst. Er hüpft wie ein Kaninchen vor mich und zieht seinen imaginären Hut, was mich zum Kichern bringt.
»Das Denver-Girl«, stößt er mit einem breiten Lächeln hervor, welches die Fältchen um seine Augen betont. Er hat einen gezwirbelten Schnauzbart, der ihm wenig Seriosität verleiht. »Hab schon viel von Ihnen gehört, Lady.«
»Das ging aber schnell«, meine ich amüsiert und schnappe mir einen der Einkaufswagen.
Schnauzbart folgt mir in den Supermarkt. Ich werfe ihm einen kurzen Seitenblick zu und ertappe ihn dabei, wie er meine nackten Beine beäugt.
»Und Sie sind …?«, frage ich, um seine Aufmerksamkeit wieder auf mein Gesicht zu lenken, woraufhin er blinzelt und ein dämliches Grinsen aufsetzt.
»Mir gehört der Elektronikladen die Straße weiter runter«, eröffnet er mir stolz. Ich forme die Lippen zu einem erstaunten O und schiebe den Wagen vorwärts. »Falls Sie also mal etwas brauchen, kommen Sie ruhig vorbei. Hier beißt niemand.«
»Ich werde es mir merken«, erwidere ich freundlich und schnappe mir eine Packung Äpfel. »Haben Sie einen Namen?«
»Oh, entschuldigen Sie. Ich bin es nur nicht gewohnt, mich vorstellen zu müssen«, lacht er und wischt sich seine Hand an der ausgewaschenen Jeans ab, bevor er sie mir entgegenstreckt. »Simon Spare.«
Ich ergreife seine Hand und ekele mich kurz, weil seine Handfläche immer noch unangenehm feucht ist. »Freut mich. Mein Name ist -«
»Sara Shepard, ich weiß«, beendet er meinen Satz mit funkelnden Augen. Wieder fällt sein Blick auf meine Beine. »Ich hätte Sie mir ganz anders vorgestellt, aber ich vermute, so sehen Großstadtmädchen nun mal aus.«
Stirnrunzelnd folge ich seinem Blick zu meinem Outfit. Ich trage helle Jeanshotpants, darüber ein rot kariertes Flanellhemd, das ich am Bauch verknotet habe, ein weißes Top darunter und meine ledernen Sommerboots an den Füßen, die mir bis zu den Knöcheln reichen. Vermutlich laufen die Frauen in Maragoo nicht so freizügig oder hip gekleidet herum – die, die ich bisher zu Gesicht bekommen habe, waren eher eintönig, zugeknöpft und prüde gekleidet.
»Das war ein Kompliment«, erklärt er rasch, als er meinen unsicheren Blick bemerkt. Ich bedanke mich mit einem Lächeln dafür und schiebe den Wagen zu den Bananen. »Es spricht sich schon herum, dass wir nun ein Topmodel unter uns haben …« Er gluckst.
Ich pruste. »Sie nutzen hier wohl keine sozialen Medien.«
Der Mann scheint nicht zu verstehen, worauf ich hinaus will. Ich erspare mir die Erklärung. Unbewusst streiche ich mir das blonde Haar hinter die Ohren und frage mich gedanklich, ob ich vielleicht ungeschminkt außer Haus gehen hätte sollen. Roter Lippenstift scheint hier etwas zu sein, das nur Topmodels tragen.
In Denver wäre ich in meinem heutigen Aufzug unter hunderten von anderen gestylten Frauen nur so untergegangen. Diese Art von Aufmerksamkeit ist eigentlich nicht das, was ich wollte. Ich wollte mit meinem vorübergehenden Umzug genau das Gegenteil bezwecken.
»Na gut, dann halte ich Sie nicht weiter auf, Ms Shepard.«
»Sara, bitte.« Ich ergreife die Visitenkarte, die er mir reicht. Die Nummer und Adresse seines Ladens sind darauf vermerkt.