12,99 €
Allons enfants! Wenn autokratische Kräfte nach der Macht greifen und demokratische Institutionen immer schwächer werden, ist Revolte die einzige Hoffnung: das Aufbegehren für Freiheit und Teilhabe im Zeichen der gegenseitigen Hilfe. Wie aber kann solidarische Revolte gelingen, wenn zugleich die Autoritären das Vokabular der Rebellion kapern und sich als Kämpfer im Aufstand »gegen das System« inszenieren? Dieser Frage gehen Michael Ebmeyer und Roland Schappert in ihrem mitreißenden, hoch aktuellen Essay nach. Im Anschluss an Klassiker wie Albert Camus analysieren sie, wo Revolte heute zur Farce wird und wie Befreiungsbewegungen dennoch auch im TikTok- und MAGA-Zeitalter eine Ordnung ohne Herrschaft anstreben können. Eine Besonderheit ist der kreative, subversive Dialog von Text und Bildern in diesem Buch: Er verbleibt nicht auf der Ebene der Illustration, sondern schafft künstlerische Reibungsmomente, die geeignet sind, die Idee Revolte neu verständlich und attraktiv zu machen. Der Autor: Michael Ebmeyer hat einiges an Belletristik veröffentlicht, aber auch Sachbücher und Essays, zuletzt: Nonbinär ist die Rettung. Ein Plädoyer für subversives Denken. Außerdem übersetzt er aus dem Englischen, Spanischen und Katalanischen. Der Illustrator: Roland Schappert, Dr.; arbeitet als Bildender Künstler, Musiker und Autor. Er entwickelt eine spezifische Bildwerdung der Schrift mit Leinwandbildern, Zeichnungen, Wandmalereien, digitalen und analogen Drucktechniken.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2025
Carl-Auer
Michael Ebmeyer | Roland Schappert
Zur Aktualität einer Idee
2025
Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Dresden)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer † (Heidelberg)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Karsten Trebesch (Dallgow-Döberitz)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Tom Levold (Köln)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Burkhard Peter (München)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Reihe »update gesellschaft« hrsg. von Matthias Eckoldt
Umschlagentwurf: B. Charlotte Ulrich
Redaktion: Celine Eßlinger
Layout und Satz: Melanie Szeifert
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2025
ISBN 978-3-8497-0583-1 (Printversion)
ISBN 978-3-8497-8526-0 (ePub)
© 2025 Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
Alle Rechte vorbehalten
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autoren und zum Verlag finden Sie unter: https://www.carl-auer.de/.
Dort können Sie auch unseren Newsletter abonnieren.
Carl-Auer Verlag GmbH
Vangerowstraße 14 · 69115 Heidelberg
Tel. +49 6221 6438-0 · Fax +49 6221 6438-22
Stoff der Revolte
Wir-Verwirrung
Die Polarisierung und das Lachen
Revolte als Farce: Aufstand der Ultrabinären
Kunst und Revolte
In Bewegung
Bildverzeichnis
Dieses Buch ist keine Anleitung zum Aufstand, sondern es versucht, Hintergründe auszuleuchten. Es ist ein Essay über Revolte als Haltung und Chance in einer Zeit, in der es uns bitter nötig scheint, über Revolte nachzudenken. Revolte als Ausweg und Abweg, Revolte als gute Idee und als Farce. Dieses Buch ist ein Essay in Gestalt eines Dialogs zwischen Worten und Bildern. Zwischen einem Autor und einem Künstler. Zwischen politischer Dringlichkeit und ästhetischer Skepsis. Es befasst sich mit Revolte als einem kollektiven und praktischen Impuls, nicht als einer bloß individuellen oder metaphysischen Regung. Die Art von »révolté«, für die in ihrer einsamen Verweigerung die »Systemsprenger« stehen und vielleicht auch der stille Bartleby in Herman Melvilles berühmter Erzählung, der am Ende zur ganzen Welt »I would prefer not to« sagt, ist nicht unser Thema. Dieses Buch befasst sich mit Revolte als massenhaftem Aufbegehren, mit Bewegungen, die einen gesellschaftlichen Umbruch oder das Ende einer Herrschaft anstreben. Es geht um aktivistische und solidarische Wir-Gefühle – und um die Frage, wie sich verhindern lässt, dass solche Gefühle für autokratische Projekte missbraucht werden.
Dieses Buch widersetzt sich den Kräften, die heute einen Habitus der Revolte pflegen, um einen Abbau demokratischer Freiheiten zu betreiben. Auch will es Misstrauen säen gegen die Strategien der Polarisierung, wie sie die gängigen Protest-Ratgeber der letzten Jahrzehnte vorschlagen. Eine Lanze will es für das Lachen der Revolte brechen, in der Hinsicht ist es ein ansatzweise utopisches Buch. Wer ist schon zum Lachen der Revolte bereit? Denn dabei handelt es sich nicht um ein Lachen über Schwächere, es dient nicht zur Bestärkung von Machtverhältnissen. Es dient gar nicht. Das Lachen der Revolte ist ein Lachen über die Mächtigen und über die Macht, und wenn es sich ganz entfaltet, ein Lachen über das Prinzip Herrschaft. Somit ist es auch ein Lachen über sich selbst, über die eigenen autoritären Anwandlungen. Bisher kommt es in der Praxis der Revolte selten vor (auf einzelne Beispiele werden wir im Lauf des Essays stoßen), doch immerhin in der Kulturtechnik der Social-Media-Memes und ihrer Rezeption findet es inzwischen weite Verbreitung. Vielleicht in einem nächsten Schritt auch offline?
Einen Anflug von Hoffnung ähnlich subversiver Art verbinden wir mit dem Dialog zwischen Text und Bildern in unserem Buch. Zehn von Roland Schapperts Schrift-Bildern sind Teil des Essays. Nicht als Illustrationen oder Ornamente, sondern als eigene Stimme, die den fließenden Text inspiriert und kommentiert, hinterfragt und erweitert.
Vielleicht gelingt es uns auf diese Weise, einen Impuls der Revolte in die offene Form des Essays einzuspeisen.
Ein gekaperter Begriff?
Als wir uns im Sommer 2023 ein gemeinsames Buch über Revolte vornahmen, fanden wir, das Thema liege in der Luft, und wir wunderten uns, dass das Wort Revolte noch nicht von rechts außen gekapert zu sein schien. Zur Strategie der »neuen Rechten« zählt es ja, sich Vokabeln und Methoden aus linker Theorie und Praxis anzueignen, sie umzuwidmen. Etwa Widerstand oder Friedensbewegung – oder das von dem kommunistischen Philosophen Antonio Gramsci entwickelte Konzept der kulturellen Hegemonie. Kulturelle Hegemonie wird erreicht, indem eine Gruppe (Gramsci sagt: eine Klasse) die eigenen politischen Begriffe so hartnäckig in den öffentlichen Sprachgebrauch presst, dass sie sich dort festsetzen und ein verändertes, der Ideologie der Gruppe/Klasse angepasstes Bewusstsein schaffen. Ein berüchtigtes aktuelles Beispiel sind die Flutmetaphern, mit denen seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 systematisch hantiert wird, um Geflüchtete zu entmenschlichen und ihren »Zustrom« mit einer Naturkatastrophe gleichzusetzen.
Angesichts des alarmistischen Grundtons der »neuen Rechten« und ihrer Attitüde von Wir müssen uns wehren läge es nahe, dass sie auch den Begriff Revolte übernehmen würde. Und tatsächlich: Als im Frühjahr 2024 in Dresden mehrere Personen beim Anbringen von Wahlplakaten für SPD und Grüne attackiert und der Europaabgeordnete Matthias Ecke schwer verletzt wurde, kamen Verbindungen der Schläger zu einer neu gegründeten rechtsextremen Gruppe namens »Elblandrevolte« ans Licht. Doch das sind nach wie vor Einzelfälle – leider nicht die Gewalttaten, wohl aber das Auftauchen des Wortes Revolte rechts außen.
Vielleicht ist die Scheu vor dem Begriff zumindest teilweise dem Historiker Volker Weiß zu verdanken. Er veröffentlichte 2017 eins der bis heute einflussreichsten Bücher zur Analyse der »neuen Rechten« und nannte es Die autoritäre Revolte. Gut möglich, dass er mit dieser Parodie des im AfD-Umfeld so beliebten Schlagworts der »konservativen Revolution« beizeiten den Begriff Revolte der Vereinnahmung von rechts entzog. Zumal die Kombination von Revolte mit dem Attribut autoritär erstens deutlich macht, dass es sich um die Übernahme eines »linken« Begriffs handeln würde (denn Revolte richtet sich sonst gegen Autoritäres). Und sie zweitens daran erinnert, dass Revolte als Begriff nicht nur »links« konnotiert, sondern auch ein bisschen anrüchig ist. Dazu etwas weiter unten mehr.
Warum ordnen wir Revolte als, zumindest in Anführungszeichen, »linken« Begriff ein? Weil damit jahrhundertelang Aufstände von Unterdrückten gegen Herrschende bezeichnet wurden. Gegen Adel und Obrigkeit, gegen ausbeuterische Fabrikbesitzer, gegen repressive Staatsmacht. Eine Art Urbild von Revolte ist die Vorstellung von Sklaven, die in einer antiken Gesellschaft den Gehorsam verweigern.
Dass die extreme Rechte in Deutschland sich einen Gestus der Revolte zu eigen machte (und sich, mit Volker Weiß formuliert, als »antigubernamentale Strömung« inszenierte), geschah erstmals in ihrem Kampf gegen die demokratische Ordnung der Weimarer Republik. Lange brauchte sie ihr Revoltetheater nicht zu spielen, wenige Jahre später gelangten die Nazis an die Macht. Wie schon zuvor in Italien die Faschisten und kurz darauf in Spanien die Falangisten. Auch bei ihrem zweiten historischen Auftritt, also heute, bringen die Kräfte der »autoritären Revolte« in vielen Teilen der Welt zügig die autokratischen Strukturen hervor, um die es ihnen unter dem »antigubernamentalen« Deckmantel geht. Der Umbau der USA nach dem Trump-Comeback dürfte dafür in den nächsten Jahren das folgenschwerste Beispiel bieten.
Zumal sich mit dem Aufschwung des MAGA-Kults, wir werden darauf zurückkommen, im großen Stil ein Todestrieb als politische Leitlinie etabliert: Lieber soll die Welt zugrunde gehen, als dass wir unsere Lebensweise ändern.
Umso dringlicher ist es, ein Denken und soziales Handeln der Revolte für das Leben, für die Freiheit, für das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und für das Lachen über die Macht zu stärken. Der Begriff Revolte steht für diese emanzipatorischen und solidarischen Ansätze noch zur Verfügung. Machen wir etwas daraus.
Umfeld
Der Frage, wie sich aus einem kollektiven Unmut ein Funke der Revolte zünden, wie sich gemeinsam empfundene Zumutung in produktive Wut umwandeln und in Bewegung setzen lässt, sind viele Texte nachgegangen. In den letzten Jahren ist daraus fast ein eigenes Sachbuch-Genre geworden. Titel wie Yasmine M’Bareks Protest. Über Wirksamkeit und Risiken des zivilen Ungehorsams, Friedemann Karigs Was ihr wollt. Wie Protest wirklich wirkt oder Victoria Müllers Be a Rebel. Ermutigung zum Ungehorsam bieten mehr oder weniger hemdsärmelige Handreichungen und lösen ein gewisses Medienecho aus. Unser Essay steht am Rand dieses Genres, in der Haltung eines kritischen Beobachters, der durch die Revoltebrille um sich blickt. Er bietet, wie gesagt, keine konkrete Anleitung zum Aufstand. Wohl aber beschäftigt er sich mit verschiedenen, teils grotesken, teils hoffnungsvollen Gestalten, die Revolte heute annimmt.
Die Menge der aktivistischen Veröffentlichungen aus den letzten Jahren kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in weiten Teilen der Welt um die Kräfte, denen Revolte nicht als Einkleidung autokratischer Projekte dient, sondern die zur Freiheit und Solidarität streben, still geworden ist. An ihnen nagt der Selbstzweifel, während sich die extreme Rechte zwar nicht den Begriff, aber das Rüstzeug der Revolte überstreift wie einen Superheldenanzug aus Wegwerfmode. Eine Leitfrage dieses Essays lautet: Wie kann es gelingen, einen robusteren Stoff der Revolte zu weben – im Verzicht auf den Drang, ein zu überwindendes Modell von Herrschaft und Unterordnung durch ein anderes Modell von Herrschaft und Unterordnung zu ersetzen? Eine Antwort auf diese Frage könnte den der solidarischen Revolte innewohnenden Selbstzweifel in eine Stärke umwandeln.
Camus
»