Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Streifzüge Im Zug des Lebens auf Entdeckungsreise gehen was gibt es noch fragen genauer betrachten was lange her etwas streifen was vielleicht sonst nicht aufgefallen wär eine Taschenlampe reicht wie als Kind mit dem Buch unter der Bettdecke nah und fern erkunden und sich selbst
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Eike:
Streifzüge
Wenn du einen Stein
ins Wasser wirfst
wird er Kreise ziehen
die weiten sich aus
die können
ins Unendliche gehen
Streifzüge
das heißt
sich auszuweiten
den Horizont zu überschreiten
meinen eigenen
den Größeren auch
auch deinen
in meinen Augen
zu finden
gemeinsam
einen weiteren Schritt zu wagen
es könnte
der Entscheidende sein
wir werden sehen
wir werden gehen
wir werden sehen
Lisi:
Streifzüge
Im Zug des Lebens
auf Entdeckungsreise gehen
was gibt es noch
fragen
genauer betrachten
was lange her
etwas streifen
was vielleicht
sonst nicht
aufgefallen wär
eine Taschenlampe reicht
wie als Kind mit dem Buch
unter der Bettdecke
nah und fern
erkunden
und sich selbst
Eike:
Der Welt Fragen stellen.
Es ist früher Morgen. Ich trete aus dem Haus.
Ob es wohl regnen wird?
Ob ich den Bus noch erreiche?
Ich habe mich verspätet. Weil die
Kaffeemaschine rumgesponnen hat.
Aber nein. Das war ich.
Ich habe vergessen sie einzuschalten.
Weil mir zehn Dinge auf einmal durch den
Kopf geschossen sind.
Wie schön der Hahnenfuß blüht.
Was macht eigentlich die Amsel da in der
Regenrinne?
Ach ja, natürlich, Regenwürmer suchen.
Nun wird es aber höchste Zeit.
Sonst fällt mir am Ende gar ein roter Schuh
auf den Kopf.
Und was dann?
Lisi:
Der Welt Fragen stellen.
Tausend Fragen mindestens.
Ob dieses oder jenes richtig ist.
Aus der Politik. Ohne Politik. Lobbys.
Grenzen. Flüchtlinge. Brexit. Trump.
Parteien. EU. Erdteile. Blaue Plakette.
Feinstaub. Monarchie.
Nein. Nichts von alledem.
Ich möchte nur eins wissen.
Descartes, den ich anspreche, kann mir nicht
mehr antworten.
Er jedenfalls hat den berühmten Satz
gesprochen.
Cogito, ergo sum / Ich denke, also bin ich.
Da er nicht mehr lebt, stelle ich die Frage an
den, der sie hören möchte.
Wenn ich nicht denke, bin ich dann auch?
Eike:
Ich kenne mich nicht aus.
Hat Wittgenstein gesagt.
Ich kenne mich manchmal auch nicht aus.
In meinem Stadtteil, meine ich, kenne ich
mich ganz gut aus.
Doch dann hat mich jemand angesprochen
und nach einer bestimmten Straße gefragt.
Und mir war die Straße entfallen. Ihr Name.
Und wo sie lag.
Dabei steht dort ein Ahornbaum.
Und warum man einen Daiquiri aus solch
einem Glas trinkt, und die Bloody Mary aus
jenem, ist mir auch nicht geläufig.
Darüber könnte ich mir Gedanken machen.
Sollte ich vielleicht unbedingt.
Selbstverständlich auch über den roten Schuh.
Denn irgendetwas stimmt daran nicht.
Hatte es sich nicht vielmehr um einen
silbernen Schuh gehandelt?
Und ist nicht alles ganz anders gewesen?
Und wieso stelle ich überhaupt solche
Überlegungen an? Was treibt mich dazu?
Lisi:
Was mache ich eigentlich, wenn ich nicht
denke?
Wahrscheinlich schlafe ich. Oder schaue
jemandem zu.
Ob ich beim Kartoffelschälen auch denke?
Ich bin mir sicher. Ja.
Meine Mutter musste nicht denken beim
Kartoffelschälen. Sie hat das täglich gemacht.
Und automatisch richtig.
Ich mache es ganz selten. Und denke jedesmal
dabei.
Weil ich mir immer sagen muss: schäl nicht so
dick. Es bleibt sonst nichts übrig von der
Kartoffel.
Aber meine Mutter hat nicht gedacht dabei.
Sie war aber doch da.
Aha. Descartes widerlegt.
Nein. Irrtum meinerseits.
Descartes hat ja nur gesagt: Ich denke, also
bin ich.
Er schließt ja damit nichts aus.
Ich hab also etwas untersuchen wollen, was
Descartes nie in Zweifel gezogen hat.
Ich hab mich richtig verdacht.
Ich denke, also bin ich.
Ich denke nicht, also bin ich.
Ich existiere, also denke ich oder nicht.
Oder existiere ich gar nicht?
Woher weiß ich, dass ich existiere?
Nicht, dass ich es mir nur einrede...
Ach was. Ich weiß es genau. Ich existiere.
Ohne zu existieren, könnte ich nicht denken.
Ich könnte es mir nichtmal einreden.
Denn um mir etwas einzureden, muss ich da
sein. Also, ich bin erleichtert.
Es gibt mich. Obwohl, da tut sich ja neues
Unheil auf.
Es gibt mich, klar. Aber wer bin ich genau?
Wer denkt da? Wer ist das denkende ich?
Bin ich es ganz? Ist es ein Teil von mir?
Und du, dein roter Schuh, der vielleicht
silbern war.
Was ist, wenn der blau ist, wenn ich ihn sehe?
Eike:
Dann ist er eben blau. Vorstellen kann man
sich vieles.
Und ausdenken.
Ich denke mir den Kugelschreiber.
Und der sagt: 'Ich denke nicht. Also bin ich ein
Kugelschreiber.'
Ganz schön raffiniert.
Weil, indem der Kugelschreiber das
ausspricht, hat er gedacht.
Und ist nicht nur ein denkender
Kugelschreiber, er ist ein Kugelschreiber, der
rückwärts denken kann.
Oder wie war das jetzt?
Egal.
Ich bin. Also denke ich.
Die Katze, der Maulwurf, die Kellerassel.
Sie sind. Und sie denken.
So wie ich.
Und es ist mir egal, ob ich bloß von jemandem
geträumt oder in der Retorte geschwenkt
werde.
Ich bin. Das ist eine unumstößliche Tatsache.
Lisi:
Kann man nur das denken, was man sich
vorstellen kann?
Und wenn es so ist. Wie schade ist das dann.
Man muss also möglichst viel wissen, um sich
viel vorstellen zu können.
Aber dann ist man eigentlich denkverdorben.
Es bleibt immer in den gewussten Bahnen.
Viel schöner wäre es, wenn man wenig weiß.
Aber dafür einen ungeheuren Einfallsreichtum
besitzt.
Ich kenne mich nicht aus. Weiß aber aus der
Not eine Tugend zu machen.
Denn ich besitze Phantasie.
Weiß ich eine Lösung nicht. Ärgere ich mich
nicht. Sondern bezeichne die Aufgabe als
unlösbar.
Und schon bin ich raus aus der Bredouille.
Wenn andere die Aufgabe lösen, ist das prima.
Sie hatten das Vermögen dazu.
Ich hätte sie gar nicht lösen können. Also, kein
Grund zur Aufregung.
Und der Kugelschreiber ist richtig klug. Denn
würde er sich als denkend bezeichnen, hätte er
ein Problem. Denn nur weil er denkt, muss er
ja kein Kugelschreiber sein.
Eike:
Ich denke in Worten.
Meine Worte wissen etwas zu sagen.
Denken ist Lernen.
Ich habe mir die Sprache angeeignet.
Ich habe Wissen erworben.
Denken ist ein beständiges Lernen.
Ich denke weiter.
Ich denke nach.
Lisi:
Für Plato ist Denken das Gespräch der Seele
mit sich selbst. Ich schließe mich Locke und
Hume an. Für sie ist der Stoff des Denkens die
sinnliche Wahrnehmung. Das Denken selbst
ordnet alles ein.
So seh ich es auch. Unsere ganzen
Wahrnehmungen müssen verarbeitet werden.
Das geschieht durch unser Denken.
Das Denken kann auch fehlerbehaftet sein.
Das ist nur natürlich. Man kann sich irren
beim Sortieren.
Das wird auch Wissenden passieren.
Denn niemand ist allwissend.
Außer einem. Der sagt es von sich.
Er ist allmächtig und allwissend.
Nur passt das leider nicht zusammen.
Gott hat sich selbst ins Fettnäpfchen gesetzt.
Wenn er allwissend ist, weiß er bereits wie er
sich entscheidet, und kann deswegen seine
angebliche Allmacht nicht mehr einsetzen.
Jetzt hat mich das Denken also zu Gott
geführt. Und mein Denken hat ihn sofort in
Frage gestellt.
Welchen Denkfehler hab ich begangen?
Eike:
Also, mich darfst du das nicht fragen.
Ich bin da ganz bei den Katzen, Maulwürfen
und Kellerasseln. Obwohl die Kellerasseln
vielleicht den Durchblick haben.
Über Gott denke ich niemals nach. Es sei
denn, was sehr selten geschieht, dass mich
jemand fragt, ob ich an ihn glaube. Dann sage
ich: 'Nein, aber ...', und deute an den Himmel
oder an die Zimmerdecke, als ob sich dort eine
Antwort finden ließe.
Dass das Denken unsere Wahrnehmungen
verarbeitet ist eine Selbstverständlichkeit.
Viel interessanter erscheint mir die Frage,
inwiefern sich das Denken seine eigene
Wahrnehmung schafft, und ob das Denken
nicht überhaupt erst aus der Wahrnehmung
entstanden ist als ein Mechanismus, der von
außen eindringende Reize verarbeitet.
Und im Laufe der Evolution hat es sich zu dem
entwickelt, was es heute für uns Menschen ist.
Und wenn wir weit in die Zukunft
vorausblicken, und sofern wir als Gattung
lange genug durchhalten, werden wir uns zu
wahren Denkmaschinen umgestaltet haben.
Lisi:
Gibt es ein gerechtes Urteil?
Eike:
Ein Urteil.
Au weia!
Ich denke daran ein Urteil zu fällen.
Und fühle mich unbehaglich.
Und dann soll es auch noch ein gerechtes
Urteil sein.
Eine Unmöglichkeit.
Wie auch immer.
Nimm die Justiz.
Dort wird bekanntlich Recht gesprochen.
Mit Gerechtigkeit hat sie nichts am Hut.
Wir sind keinen Deut besser.
Wir alle nicht.
Und doch urteilen wir jeden Tag.
Dutzendfach.
Wir sind wandelnde Urteilsfabrikanten.
Urteilen hier. Urteilen da.
Die Wurst taugt nichts.
Der Lehrer taugt erst recht nichts.
Wir sind mit unseren Urteilen schnell bei der
Hand.
Unbedacht, unreflektiert.
Und dabei soll dann auch noch Gerechtigkeit
walten?
Ein Unding.
Das gerechte Urteil ist ebensowenig unsere
Sache wie die Gerechtigkeit.
Obwohl wir letztere so gerne beschwören.
Die Gerechtigkeit ist eine Utopie.
Lisi:
Ein Urteil zu fällen ist die schwierigste Sache
überhaupt.
Ich verstehe nicht, warum man oft so
oberflächlich damit umgeht. Ein gerechtes
Urteil kann es meiner Meinung nach nicht
geben. Dazu fehlt das Hintergrundwissen.
Und selbst wenn man behauptet genügend
davon zu haben, ist es subjektiv eingefärbt.
Weil schon Objektivität eine Utopie ist. Und
die Gerechtigkeit, da schließe ich mich dir an,
ist eine weitere Utopie.
Ein Urteil muss gültig sein. Es muss alle
weiteren Möglichkeiten ausschließen.
Allerdings möchte ich einen Unterschied
machen.
Wenn es darum geht, Dinge zu beurteilen,
wird oft ein gerechtes Urteil möglich sein.
Wenn Fachwissen vorhanden ist, sollte es
funktionieren.
Aber selbst dann, wird es Urteile geben, die
falsch sind. Weil jeder auf etwas anderes Wert
legt, und dadurch sein Urteil doch wieder
subjektiv wird.
Ich kann mir nicht vorstellen Richter zu sein.
Weil man Menschen verurteilen muss.
Obwohl auch der Richter weiß, dass er
daneben liegen kann. Ich könnte nicht damit
leben, einen Menschen zu verurteilen, wenn
ich genau weiß, dass ich mich irren kann.
Andererseits, wie oft beurteile ich, und nehme
es ohne nachzudenken auf mich, voll daneben
zu liegen.
Ich kann den anderen zwar nicht zu
Gefängnisstrafen verurteilen, aber ich kann
ihm sehr wehe tun.
Deswegen habe ich mich verändert im Laufe
der Zeit.
Zögerlich bin ich. Entscheidungsschwach, sagt
ein anderer vielleicht dazu.
Ich selber nenne es nachdenklich. Abwägend.
Langsamer zu einem Schluss zu kommen. Zu
einem Entschluss. Weil ich so viel bedenken
muss, wird es immer schwieriger.
Und oft laufe ich Gefahr, über zu viel
Verständnis für den Täter, das Opfer zu
vergessen.
Eike:
Wir haben es mit zwei Begriffen zu tun, die
wir sorgsam auseinander halten sollten.
So sehe ich das.
Die Gerechtigkeit ist eine
menschengeschaffene Vorstellung.
Darum haben wir sie wohl beide gleich als
utopisches Gebilde ausgemacht.
Das war eine erste spontane Einschätzung.
Ein Unbehagen hat sich eingeschlichen.
Zurecht, wie ich finde.
Denn was bedeutet Gerechtigkeit?
Einen Zustand zu erreichen, der allen gerecht
wird.
Nein, wie soll das denn gehen?
Einer träumt von der gerechten Welt.
Ein anderer davon, dass ihm endlich
Gerechtigkeit widerfährt.
Und jeder wird es mit guten Argumenten zu
begründen wissen.
Und sofort wird jedem der beiden ein
Gegenspieler aus dem Boden wachsen.
Der ganz anderer Meinung ist.
Mit ebensoguten Gründen.
Und schon hat es sich erledigt.
Es gibt die persönliche Vorstellung von dem,
was Gerechtigkeit ist.
Eine für alle gültige Gerechtigkeit gibt es nicht
und wird es niemals geben.
Lisi:
Wenn wir etwas behaupten, urteilen wir auch.
Vielleicht habe ich immer nur grünes Gras
gesehen. Also ist für mich klar, das Gras ist
immer grün. Ein anderer kennt auch
verwelktes Gras. Er hat also schon mindestens
zwei Farben im Kopf.
Das Urteil hängt also vom Wissen ab. Je mehr
ich weiß, umso besser kann ich urteilen.
Es hängt aber auch von der Art zu denken ab.
Bin ich tolerant, akzeptiere ich den
tätowierten Menschen. Ein anderer sieht in
ihm ein asoziales Wesen, das sich mit
heruntergekommenen Personen einlässt, die
so sind wie der Tätowierte.
Die Beurteilung fällt also sehr unterschiedlich
aus. Und jeder findet eine Begründung, die
ihm zu Hilfe kommt.
Gäbe es nur Menschen, die zögerten mit ihrer
Beurteilung, wäre das auch nicht
erstrebenswert.
Es kann ja nur dann ein Ergebnis geben, wenn
etwas zur Debatte steht.
Dann können sich die Geister scheiden. Dann
wird etwas mehr Licht ins Dunkel gebracht.
Obwohl, das Letzte ist so nicht richtig. Man
muss ja nicht sofort urteilen.
Man kann auch etwas 'zu bedenken' geben. Es
zur Diskussion stellen, und sich abschließend
ein Urteil bilden.
Eike:
Sich ein Urteil bilden.
Eine Meinung vertreten.
Die Meinung des anderen akzeptieren.
Einen offenen Austausch führen.
Eine Idealvorstellung.
Die schwer zu erreichen ist.
Denn irgendwo wird man immer beharren.
Auf seiner Meinung, seiner Wahrheit
bestehen.
Die schließlich hart erkämpft ist.
Nicht wahr?
Davon werde ich doch nicht abweichen!
'Objektiv betrachtet ...'
Erst kürzlich hat mir jemand erzählt, dass er
den Zauberberg unerträglich findet.
Wegen dem ganzen vielen Gesabbel.
Ich war nicht nur empört, ich war schwer
beleidigt.
Weil ich den Zauberberg über alles liebe.
Nicht zuletzt wegen des Gesabbels, ich würde
es geistreiche Plauderei nennen.
So kann es gehen.
Und bitteschön, jeder bildet sich sein eigenes
Urteil.
Aber akzeptieren tu ich das doch nicht.
Nie im Leben :-)
Lisi:
Zu einer geistreichen Plauderei gehören
mindestens zwei.
Und was nützt es, wenn der eine von ihnen
geistreiche Höhenflüge unternimmt, denen
der andere nicht folgen kann.
Also, selbst der Geist ist nicht unabhängig,
wenn er wahrgenommen werden möchte.
Und man kann durchaus bei seiner Meinung
bleiben. Selbst wenn sie falsch ist. Immer
schön mit dem Kopf durch die Wand. Na und,
muss dich ja nicht stören, ist ja mein Kopf ...
Wenn ich überzeugt bin, dass die Meinung des
anderen falsch ist, obwohl 'ich ihn mit der
meinen erleuchtet habe', hat mich das früher
echauffiert. Heute gehe ich meistens mit
einem Lächeln darüber hinweg.
Wohlwissend, dass der andere sich darüber
wiederum aufregt.
Aber, doch, es ist schon so, dass ich meine