Vom Müssen zum Wollen - Inke Hummel - E-Book
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Vom Müssen zum Wollen E-Book

Inke Hummel

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Beschreibung

• 5 Prinzipien fürs Elternsein: für mehr Selbstbestimmung und Selbstfürsorge, gegen Frust, Kraftlosigkeit und negative Erwartungen • Coaching für zuhause: mit den 82 besten Übungen aus Familienberatungen Die 5 Prinzipien für dein gutes Eltern-Gefühl Leidest du darunter, dass du mit der Geburt deines Kindes ein ganzes Stück Selbstbestimmung und Kompetenzgefühl abgegeben hast und im Alltag manchmal einfach nur noch funktionierst? Anders fühlen, neu denken, besser handeln, regulierter und selbstbestimmter werden – all das ist möglich. Inke Hummel zeigt dir einen sicheren Weg in einen leichteren Familienalltag, in dem du dich selbst neben deinem Kind gut im Blick behältst sowie Frust und eine negative Erwartungshaltung abbaust. Das ist Selbstfürsorge, während du den Alltag mit deinem Kind lebst. „Mir ist das alles zu viel!“, „Das soll aufhören!“, „Ich will hier weg!“ Wenn dir solche Sätze im Familienalltag immer wieder mal in den Kopf schießen, ist das kein Grund für Schamgefühle oder aber um tatsächlich wegzurennen. Denn du kannst diesen Gedanken etwas entgegensetzen und zumindest teilweise raus aus dem Gefühl der totalen Fremdbestimmung kommen. Inke Hummel nimmt dich in ihrem Buch als Profi an die Hand mit den 82 besten Übungen aus ihren Familienberatungen. Mit ihrer Unterstützung nimmst du fehlende Selbstbestimmung und -fürsorge, mangelnde Kraft, ständigen Frust und wenig hilfreiche Erwartungshaltungen in Angriff. Vom Müssen zum Wollen – dein Weg in einen leichteren Familienalltag, der Spaß macht und nicht nur aus bloßem Funktionieren besteht!

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALT

Der Alltag, den du kennst

Vom Müssen zum Wollen

Habe Mut, denn du bist nicht allein!

Habe Mut, denn deine Gefühle spinnen nicht!

Habe Mut, denn du bist Teil der Lösung!

Habe Mut, denn du musst nur 5 Prinzipien kennen!

Die 5 Prinzipien, die du brauchst

1 „Ich will mich anders fühlen.“ – Elternschaft ist kein Knast

Zuversicht statt Angst

Sicherheit statt Zweifel

Wohlgefühl statt Schuldgefühle

Verbundenheit statt Distanz

Miteinander statt Einsamkeit

Bestätigung statt Frust

Stärke statt Schwäche

Zuhause-Flair statt Kriegsgebiet

2 „Ich will anders handeln.“ – Zweifel sind für andere

Kontrolle statt Machtkämpfe

Zuverlässigkeit statt Willkür

Selbstfürsorge statt Selbstaufgabe

Selbstliebe statt Selbstzweifel

Fehlerkultur statt Strafen

Streiten statt Schweigen

Spaß statt Selbstmitleid

3 „Ich will dich anders sehen.“ – Niemand hat sich sein Kind selbst gebacken

Kennen statt Vermuten

Loyalität statt Scham

Du, mein Kind, statt ihr, Geschwister

4 „Ich will dich anders behandeln.“ – Wir sind nicht miteinander im Krieg

Mitgefühl statt Fremdheit

Verantwortung statt Freundschaft

Vertrauen statt Misstrauen

Kinderwille statt Dominanz

Leichtigkeit statt Schwere

Miteinander statt Gegeneinander

5 „Ich will unseren Alltag anders gestalten.“ – Ein echtes Zuhause braucht keine Regenbogentorten

Gemeinsamkeit statt Nebeneinander

Leben statt Perfektionismus

Zufriedenheit statt Enttäuschung

Dankbarkeit statt Widerwille

Gewollt ist halb geschafft

Literaturtipps

DerAlltag,den du

VOM MÜSSEN ZUM WOLLEN

Familienleben hast du dir vielleicht früher auch so vorgestellt wie auf einem Plakat, das für Fruchtjoghurt wirbt: Alle lachen gemeinsam, es ist ordentlich, alle fühlen sich wohl, Eltern und Kinder sind innig verbunden und der Alltag macht Freude. Doch als du selbst Elternteil geworden bist, hast du sicher rasch gemerkt, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Deine Liebe für dein Kind ist bestimmt groß. Mit ihm entdeckst du die Welt noch mal neu. Aber du hast am Geburtsbett als Mutter oder Vater auch ein ganzes Stück Selbstbestimmung, Selbstfürsorge und Kompetenzgefühl abgegeben. Und das ist manchmal einfach nur zermürbend!

„Mir ist das alles zu viel!“, „Das soll aufhören!“, „Ich will hier weg!“ Wenn dir solche Sätze im Familienalltag immer wieder mal in den Kopf schießen, ist das kein Grund für Schamgefühle oder aber um tatsächlich wegzurennen. Solche Gedanken kennen mehr Eltern, als du denkst, auch wenn viele vielleicht nicht darüber sprechen. Wichtig ist, auf diese inneren Stimmen zu hören, und zwar möglichst früh. Denn du kannst diesen Gedanken etwas entgegensetzen und zumindest teilweise raus aus dem Gefühl der totalen Fremdbestimmung kommen. Für dich, damit es dir besser geht. Und für euch als Familie, damit das Leben leichter wird.

Eine Veränderung an der eigenen Denkweise, dem eigenen Stresssystem, dem eigenen Blickwinkel und den eigenen Gefühlen ändert nicht viel an den äußeren Umständen, denn die liegen oft nicht in deinen Händen.

• Aber inneres Verändern formt deine Erwartungshaltung neu, damit du nicht täglich Enttäuschung spürst.

• Und es verändert dein Gefühl der Stärke und Selbstbestimmung. Damit hilft die Wandlung dir und deiner ganzen Familie.

• Das ist Selbstfürsorge, die nichts damit zu tun hat, kurzfristig gute Gefühle zu haben durch ein Urlaubswochenende oder einen Abend mit Freundinnen und Freunden. Nein, diese Art von Selbstfürsorge kann täglich präsent sein, während du mit deinen Kindern zusammen bist.

Früher richtete sich die Kindererziehung vor allem danach, was die Gesellschaft der Erwachsenen benötigte. Dann kam zum Glück besonders durch die Beziehungsorientierung der Blick auf die Kinder dazu. Aber auch der Blick auf die Eltern gehört unbedingt zur Beziehungsorientierung, denn Eltern-Kind-Beziehung hat zwei gleichrangige Seiten.

Den Druck, der aus elterlicher Unzufriedenheit entsteht, bekommen meist die Kinder ab. Das ist in allen Familien so, denn sie sind die schwächste Stelle im System. Dann brüllen und schimpfen und strafen Eltern, obwohl sie ihre Kinder natürlich lieben. Das belastet die Eltern-Kind-Beziehung und im Nachgang entstehen bei den Großen oft Schuldgefühle. Das Gefühl, die Familie manchmal eigentlich lieber verlassen zu wollen und als Elternteil überfordert zu sein, muss wie gesagt kein Dauerzustand bleiben. Es ist jedoch wichtig, zu formulieren und zuzugeben, wenn sich dein Familienleben nur noch nach Funktionieren und nicht nach Wollen anfühlt. Mache das ruhig und schäme dich nicht. Erst wenn du dazu stehst, kannst du schauen, was sich ändern lässt.

Ich arbeite als Familienberaterin, und während der Beratungsstunden sagen viele Mütter und Väter zu mir, sie hätten gern im Alltag eine kleine Inke Hummel auf der Schulter sitzen, die ihnen zuflüstert, was jetzt gerade zu tun wäre, oder aber sie davon abhält, zu schimpfen und die Kontrolle zu verlieren. Doch auf sich zu achten und sich neben dem Kind nicht zu vergessen, kann jeder Elternteil sich in weiten Stücken ganz allein erarbeiten. Wie das geht, trainiere ich täglich mit Eltern im persönlichen, pädagogischen Coaching. In diesem Buch zeige ich dir, wie auch du das schaffen kannst.

Dabei geht es nicht darum, was Eltern bitte noch alles tun sollen, sondern vor allem darum, was Eltern brauchen, um ihren Job zu Hause erledigen zu können und zu mögen. Es ist wichtig, dass wir heutzutage im Familienalltag endlich darauf gucken, was Kinder brauchen, aber dabei darf es nicht bleiben. Ohne einigermaßen zufriedene, zuversichtliche Eltern geht es nicht.

Habe Mut, denn du bist nicht allein!

Als Erstes will ich dir für diesen Weg Mut machen. Deine Familie sollte das Zuhause sein, wo du gern bist und oft lachst. Du solltest dort zumindest ab und an Erholung finden, auch mit Kindern, trotz deiner anstrengenden Aufgabe, sie beim Großwerden und Reifen zu begleiten. Das hast du dir verdient, zusammen mit vielen anderen Eltern.

Ich spreche in meinen Beratungen pro Jahr im Schnitt mit 400 Familien. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen zu mir und haben Kinder mit verschiedenen Wesensarten. Manche Kinder sind sehr schüchtern, andere besonders wild. Einige Kinder schlafen schlecht, viele kämpfen mit ihrer Wut oder leiden unter Angst. Etliche haben auch eine Diagnose wie eine Wahrnehmungsstörung oder AD(H)S. Die Geschichten und die Menschen sind alle sehr verschieden. Doch viele von ihnen eint, dass die Eltern eine starke Belastung formulieren, manchmal sehr deutlich:

„Und dann würde ich manchmal am liebsten die Kinder in der Wohnung lassen und die Tür von außen zumachen.“

Die Gefühle von Überforderung, Unwillen und Fremdbestimmung sind da. Sie scheinen zum Elternsein dazuzugehören. Wenn das auch bei dir der Fall ist, bist du kein „Loser“ oder ein schlechter Elternteil, sondern Teil einer Gruppe von Menschen, die Ähnliches erleben und emotional ähnlich reagieren.

Eltern stehen unter Druck. Und der Umgang damit ist nicht einfach, besonders wenn du dich bislang noch nicht bewusst damit beschäftigt hast. Da sind viel Hilflosigkeit, Überforderung und Erschöpfung im Spiel, aber teilweise auch Aggression. Mütter und Väter denken dann nur noch: „Ich muss ja funktionieren.“ Du hangelst dich von Stressmoment zu Stressmoment. Im Alltag scheint kein Platz zu sein für ein bewusstes Verändern unguter Muster. Du kennst keine Möglichkeiten, dich selbst zu beruhigen. Selbstbestimmung fehlt dir genauso wie der Eindruck von Selbstfürsorge – wann und wie sollst du dich denn noch um dich kümmern?!

Und damit fühlen sich am Ende weder die Großen noch die Kleinen wohl, denn die Kinder spüren deine Last. Elternschaft fühlt sich dann nach Müssen an und nicht nach einem schönen Leben. Da ist weder viel Freude noch die Aussicht darauf, den Alltag zu schaffen, denn alles ist zu viel. In so einer Situation schwindet schnell die Lust auf Erziehung, auf Kinder und die Elternrolle.

Wer in dieser Wahrnehmung steckenbleibt, bleibt aber auch in den bisherigen Mustern stecken und wird sich immer wieder ähnlich fühlen und verhalten, solange er oder sie das nicht bewusst verändern möchte. Auch du wirst steckenbleiben, wenn du nicht mehr machst, als dein Leid zu sehen und zu fühlen. Nimm das Leidensgefühl stattdessen an als etwas Positives: Es zeigt dir, dass es so nicht weitergehen kann. Es zeigt dir, dass du am Zug bist, etwas zu verändern. Im Verändern und Lernen sind wir Menschen zum Glück meisterhaft, wenn wir erst mal losgelegt haben.

Vielleicht denkst du, dass du schon einiges versucht hast, oder du hast die Erfahrung gemacht, dass dir Veränderung im Leben bisher schwerfiel. Aber ich glaube an dich, denn du hältst immerhin schon mal dieses Buch in der Hand. Und wenn dir dieser Motivationssatz jetzt zu sehr nach seltsamem Guru klingt, will ich das gleich wieder erden: Ich bin ganz sicher niemand, der dir verspricht, dass auf jeden Fall alles easy und rosarot wird, wenn du nur an dich glaubst. Ich habe keine Religion gegründet. Aber ich weiß, dass Gedanken einen großen Einfluss haben. Das sagen uns die Neurowissenschaften.

Also wenn du nur ein wenig sehen kannst, dass du gerade eine Veränderung gestartet hast, und wenn du nur ein bisschen daran glauben kannst, dass du selbst wichtig dafür bist, dass es dir bald besser geht, dann ist das ein sehr fruchtbarer Boden dafür, dass du tatsächlich Schritte nach vorne schaffst. Für Zuversicht kannst du dich bewusst entscheiden. Sie steckt voller Optimismus, aber beinhaltet auch mehr als bloße Hoffnung. Sie ist realistisch und aktiv: Erwarte, dass es herausfordernd wird, aber sei dir sicher, dass es am Ende besser wird, weil du dich darum bemühst – um dich bemühst.

So wie du dir dich in der Zukunft ausmalst, kannst du auch werden, wenn vor allem drei Faktoren zusammenkommen:

•Leidensdruck (den du offenbar hast),

•Motivation (die du auch schon hast, aber ich gebe dir gleich noch mehr mit)

• und Ausdauer (die du bestimmt bekommst, wenn du motiviert genug bist, dieses Buch durchzuarbeiten).

Diese positive Einstellung gepaart mit dem Wissen, dass es vielen Eltern wie dir geht, ist ein guter Start und Mutmacher. Du bist nicht seltsam, schwach oder falsch, weil du dich so fühlst. Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum viele Eltern gerade heute so empfinden, obwohl Menschen schon immer Kinder hatten – die zeige ich dir im nächsten Kapitel → „Habe Mut, denn deine Gefühle spinnen nicht!“ Wenn es dir so geht, bist du damit wirklich nicht allein.

Solche negativen Gefühle werden in diesem Buch offen thematisiert, denn hier ist der Raum dafür. Manche Aussagen klingen hart und sollten nicht auf Kinderohren treffen, denn Kinder können noch nicht begreifen, dass sie daran nicht schuld sind. Aber hier beim Lesen darfst du denken und sagen:

„Eigentlich mag ich nicht mehr!“

So geht es phasenweise vielen Eltern. Das allein zu wissen, verschafft Müttern und Vätern in meinen Beratungen oft schon eine erste Erleichterung – aber ich glaube, das allein ist nicht nachhaltig. Es braucht noch mehr für eine echte Erleichterung:

• anders fühlen,

• neu denken,

• besser handeln,

• stärker und selbstbestimmter werden, ohne dass dein Kind mehr Druck oder weniger Beziehung bekommt.

Das schaffen wir zusammen. Ich nehme dich dafür als Profi an die Hand mit den 82 besten Übungen aus meinen Familienberatungen. Damit nehmen wir fehlende Selbstbestimmung und -fürsorge, mangelnde Kraft, ständigen Frust und wenig hilfreiche Erwartungshaltungen in Angriff. Vom Müssen zum Wollen – dein Weg in einen leichteren Familienalltag, der Spaß macht und nicht nur aus bloßem Funktionieren besteht!

Wenn du dichmachtlos fühlst,solltest duzurück in einStärkegefühlkommen.Auf gute Art.

Habe Mut, denn deine Gefühle spinnen nicht!

„Ja“, denkst du dir vielleicht, „Menschen sind schon immer Eltern geworden. Und das hat schon immer bedeutet, dass kindliche auf erwachsene Bedürfnisse prallen und Selbstbestimmung eine Zeit lang verlorengeht. Warum fühle ich mich heute so überfordert? Stelle ich mich nicht doch an?“

Sobald Eltern über Überforderungsgefühle sprechen, gibt es Stimmen, die das kleinreden wollen. Eltern werden damit oft nicht ernst genommen. Die Dringlichkeit und die Not ihrer Gefühle werden angezweifelt. Sie passen nicht ins Bild: „Du wolltest Kinder?! Also freu dich gefälligst.“

Kein Wunder, wenn auch du dich hinterfragst und unsicher bist, ob deine Gefühle eigentlich Berechtigung haben. Der Vorwurf, dass die heutige Elterngeneration, zu der auch du gehörst, sich einfach nur anstelle und nicht mehr so belastbar sei, kommt gern von Älteren oder findet sich auch immer wieder in der Presse oder in politischen Aussagen:

•„Wir haben das auch geschafft und mussten zeitgleich sogar noch XY leisten!“ (Äpfel werden mit Birnen verglichen.)

•„Das liegt alles nur daran, dass die Mütter heute alle arbeiten wollen!“ (Also es anders machen als damals.)

•„Heutige Eltern sind zu nett zu ihren Kindern. Und zu träge oder aber zu ehrgeizig.“ (Egal wie: Es ist falsch.)

•„Kommt uns nicht mit Mental Load und Care-Krise!“ (Und fordert bloß nicht mehr Geld oder veränderte Strukturen.)

Stellst du dich an? Stellen wir uns an? Darüber denken etliche Eltern nach. Sie spüren ihre Überforderung und ihren „Fluchtreflex“ zu Hause, aber hadern oft auch damit, ob das überhaupt okay ist und sie nicht nur zu zimperlich sind. Wer will das aber festlegen?

Das Gefühl, den Familienalltag nicht mehr gut schaffen zu können und unglaublich anstrengend zu finden – also Eltern sein zu müssen statt es zu wollen –, entsteht, wenn die empfundene Belastung so extrem ist, dass dir deine Kräfte zur Bewältigung dem gegenüber zu klein erscheinen.

Zwei Dinge sind sicher:

1.Die Ressourcen, die jeder im Umgang mit den Belastungen hat, sind individuell verschieden. Wie wir mit Stress umgehen können, hängt davon ab, was wir genetisch mitbringen, was wir von Kindesbeinen an dazu gelernt haben und auch, wie gut wir uns selbst steuern und verändern können.

„Du stellst dich an!“ ist also eine unfaire Aussage, wenn deine Gefühle dir doch sagen, dass es zu viel ist. Es kann sein, dass du Belastungen schlechter verträgst als andere Menschen, denn Stressvorerfahrungen sind unterschiedlich und machen Menschen verschieden schnell reizbar. Oder es kann sein, dass du mehr Belastungen als andere aushalten musst. Beides sind dann bloße Tatsachen, nach denen dich keiner bewerten sollte.

Noch ein Gedanke dazu: In der modernen Pädagogik wird Wert darauf gelegt, den Kindern keine Gefühle abzusprechen. Sie dürfen Angst haben (auch wenn es „nur“ um einen Schatten geht), sie dürfen wütend sein (auch wenn es „nur“ um eine Becherfarbe geht). Das gleiche Recht gilt auch für dich! Deine Gefühle sind real. Du darfst dich überlastet fühlen. Du solltest nur nicht in dem Leidensgefühl steckenbleiben.

2.Die Belastungen heutzutage sind enorm und nehmen dir Selbstbestimmung. Eine ganze Reihe von Aspekten machen den Eltern-Weg schwierig und spielen vermutlich auch in deinem Familienleben eine Rolle. Sie zu kennen, ist ein erster Schritt dahin, etwas zu verändern, weil du dich selbst weniger infrage stellen musst.

Die folgenden fünf Aspekte fordern sicher auch dich:

1. Vermehrte Individualisierung fordert dich

Gesellschaftlich liegt der Fokus stark auf Individualisierung, sowohl in Bezug auf Erwachsene als auch auf Kinder. Das siehst du an verschiedenen Stellen: Bildungswege können immer unterschiedlicher verlaufen, Popmusiktexte werden beständig ich-bezogener. Die Pädagogik und auch Eltern wie du blicken im Alltag heute mehr auf jeden Einzelnen, sein Wesen, seine Bedürfnisse, seine Herausforderungen. Das ist gut und schlecht zugleich.

Das ist gut. Ich selbst arbeite schon eine lange Zeit daran, dass Kinder und Eltern individueller in ihren Bedürfnissen gesehen werden, und glaube nach wie vor, dass das wichtig ist. Eine Forelle kann nicht gut auf einen Berg steigen. Ein sehr sensibler Mensch benötigt etwas anderes als ein unempfindlicher, ein mathematisch begabter etwas anderes als ein künstlerischer. Und ein schüchternes Kind kann nicht die gleichen Anforderungen erfüllen wie ein offenes, mutiges. Also dürfen vor allem in Bildungseinrichtungen wie Kitas und Schulen nicht die gleichen Erwartungen an alle Kinder gestellt werden, und Eltern sollten auch im heimischen Alltag darüber Bescheid wissen.

Das ist schlecht. Aber nicht nur innerhalb einer Schulklasse kann diese Weitung des Blicks überfordern. Auch innerhalb einer Familie, wo sie zu einer „intensiven Elternschaft“ führt, sorgt die Individualisierung möglicherweise für einen komplizierteren Alltag:

• Zum Beispiel wenn du zwei Kinder mit sehr unterschiedlichem Wesen hast: Das schüchterne Kind braucht Reiz-Pausen, das reizsuchende, wilde Kind braucht Input – schon das kann alles schwierig machen.

• Oder wenn Kind und Elternteil sehr verschiedene Wesensarten und Bedürfnisse haben: Dann dreht sich schnell alles um das hochsensible Kind, das vermeidet, das Haus zu verlassen, während die stark bewegungsbedürftige Mutter sich vergisst.

Diese pädagogische Entwicklung wirft Fragen auf, die noch nicht alle beantwortet sind:

• Wie weit treibt man diese Bedürfnisorientierung?

• Was ist wichtig im Miteinander?

• Was wäre zu wenig oder zu viel an Bedürfnisbeachtung?

Zu viel ist es ganz sicher, wenn Bedürfnisorientierung zum Kollaps von Familien führt. Und das passiert. Vielleicht auch bei dir. Denn noch gibt es zu wenig Erfahrungen und Vorbilder im sinnvollen Austarieren der verschiedenen Bedürfnisse. Leicht landen Eltern, die bedürfnis- und beziehungsorientiert leben wollen, in einer Überfürsorglichkeit und eben auch in einer Überforderung.

Du bist damit belasteter als frühere Elterngenerationen.

2. Freiere Kinder fordern dich

Die Beziehungs- oder Bedürfnisorientierung, die in aller Munde ist, ist kein neumodischer Kram, den sich irgendwelche Tragetuch nutzende Mütter ausgedacht haben. Auch wenn das gern suggeriert wird. Nein, sie spiegelt den aktuellen pädagogischen Forschungsstand wider: Feinfühlige Begleitung in Beziehung birgt die höchste Wahrscheinlichkeit, dass Kinder gesund groß werden können.

Das ist gut. Es ist großartig, dass dieses Wissen immer mehr Einzug hält in Familien und Institutionen. Kinder werden gesehen in ihrem Wesen, ihren Entwicklungsaufgaben und -phasen und ihren Bedürfnissen. Sie werden begleitet mit dem Gedanken: „Ich helfe dir dabei, das Leben nach und nach immer selbstständiger bewältigen zu können.“ Dadurch können Kinder freier und glücklicher groß werden, auch deines – ein Segen.

Das ist schlecht. Aber gerade in den ersten Lebensjahren eines Kindes ist dieser Weg oft herausfordernder, als einen anderen Erziehungsstil zu wählen. Du brauchst viel Wissen, viel Einfühlungsvermögen, viel Kraft, um dich mit dir selbst auseinanderzusetzen, und viel Vertrauen, viele Ressourcen für dein Kind. Es wird wahrscheinlich in etlichen Situationen fordernder sein als ein Kind von sehr autoritären Eltern, das sich nicht traut, sich zu zeigen, für seine Bedürfnisse einzustehen und dich zu fordern.

Diese kindliche Freiheit ist ein wunderbares Gut, doch sie macht den Eltern-Weg anfangs schwieriger. Eine tragfähige Beziehung zu gestalten und zu erhalten, benötigt viel Investition, von der eine Familie und jedes einzelne Mitglied profitieren wird – in vielem aber erst mit deutlicher zeitlicher Verzögerung.

Hier brauchst du selbst die von den Kindern so häufig geforderte Frustrationstoleranz: Bemühung um etwas, für das du erst später die Entlohnung spüren wirst. Du musst dranbleiben trotz Rückschlägen und Anstrengung. Die späteren Jahre werden dadurch in der Regel leichter, sogar die Pubertät, denn Beziehung ist solch eine wichtige Grundlage. Du wirst sehr wahrscheinlich ernten, was du gesät hast. Darum ist der beziehungsorientierte Weg richtig und wichtig – aber eben auch fordernd, fremdbestimmend und manchmal zermürbend.

Du bist auch hier belasteter als frühere Elterngenerationen.

3. Missverständliche Beziehungsorientierung fordert dich

Das ist schlecht. Um die Beziehungsorientierung ranken sich leider nach wie vor viele Missverständnisse, die zum Teil ihre Wurzel darin haben, dass selbsterklärte Expertinnen oder Experten im Internet persönliche Erfahrungen und Meinungen als Wissen und Fakten verpackt kundtun.

•Beziehungsorientierung meint: nur Kinder?! Oft werden wie schon beschrieben nur die Kinder in den Blick genommen und die Bedürfnisse der Großen vergessen. Statt Beziehungsorientierung wird Kindzentrierung gelebt.

•Beziehungsorientierung meint: nur Bindung?! Teilweise werden die Bedürfnisse dabei aber gar nicht richtig verstanden: Kinder benötigen nicht nur Bindung und emotionale Sicherheit, sondern brauchen auch, dass wir sie loslassen, sie die Welt erkunden und Fehler machen dürfen, damit sie Kompetenz und Bewältigungskraft erwerben.

•Beziehungsorientierung meint: nur Harmonie?! Aus Unsicherheit werden außerdem Konflikte vermieden und Kindern Momente, in denen sie eigentlich innerlich wachsen könnten, nicht zugemutet. Leicht passiert es, dass vielleicht auch du deinem Kind zu viel abnimmst.

Solch eine Überfürsorglichkeit macht die „Beziehungsorientierung“, die dann eigentlich keine ist, noch anstrengender und sorgt bei Eltern für zusätzlichen Frust. Diese Eltern landen oft in meiner Beratung, und zwar meist dann, wenn ihr erstes Kind drei oder vier Jahre alt ist. Dann haben sie sich jahrelang vergessen und merken schließlich, dass es so nicht weitergehen kann. Sie zweifeln das Konzept der Beziehungsorientierung dann an, dabei haben sie es im Grunde gar nicht gelebt.

Das ist auch schlecht. Gesellschaftlich wird diese falsch verstandene Beziehungsorientierung auch immer wieder als „die Beziehungsorientierung“ deklariert und dann kritisiert. In der Presse finden laute Stimmen Gehör, die extreme Überfürsorglichkeit als „Beziehungsorientierung“ abstempeln und die damit eine Kehrtwendung zu alter Autorität legitimieren. Gern werden Fragen formuliert wie: „Wenn Kinder mitentscheiden dürfen, was zum Essen auf den Tisch kommt, wie sollen sie da ein sozial verträgliches Mitglied der Gesellschaft werden, das mit dreißig Jahren aushalten kann, wenn es in der Büro-Kantine kein Schnitzel im Angebot gibt?“

Solche Überspitzungen erschweren es Institutionen, den Wert von Beziehung und Feinfühligkeit endlich mehr zu leben, denn gesellschaftlich kommt immer wieder Gegenwind gegen einen gleichwertigen Umgang mit Kindern auf. In Kitas und Schulen wird so leichter an einem herrischen, kontrollierenden Umgang mit Kindern festgehalten. Wenn ein Kind mitentscheiden darf, ob es beim morgendlichen Abschied noch am Fenster winkt, lassen die Eltern sich doch eindeutig auf der Nase herumtanzen?!

Diese veralteten Konzepte torpedieren leicht Vertrauen und Beziehung und machen es auch Familien wie deiner schwieriger, weil Kinder so verschiedene Lebenswirklichkeiten erleben. In diesem Kontext wirklich beziehungsorientiert weiterzumachen, ist anstrengend und belastet dich zusätzlich.

4. Unbequeme Umstände fordern dich

Das ist schlecht. Es gibt in der heutigen Zeit noch einiges mehr, was den Eltern-Weg verkompliziert hat. Das Arbeitsleben fordert vielen Eltern beispielsweise mehr ab als früher. In der Regel nicht körperlich, denn wir haben immer mehr Maschinen, die uns unterstützen. Aber doch in Sachen Ressourcen:

•„Wie lang bleibt der Arbeitsvertrag bestehen, muss ich um meinen Job bangen?“

•„Wann kann ich mal richtig abschalten, wenn ich dank Handy doch eigentlich immer verfügbar bin?“

•„Reicht unser Geld noch, wenn die Preise weiter ansteigen?“

• Und wenn beide Elternteile arbeiten, stellt sich im Hinblick auf die Kinderbetreuung oft die Frage: „Wessen Termin ist wichtiger: meiner oder deiner?“ Ein familiäres Helfernetz aus Großeltern und Co. ist oft nicht mehr in der Nähe.

Das stresst.

Das ist auch schlecht. Institutionalisierte Betreuung startet früh und macht manches leichter. Doch das kann auch zum Hindernis werden:

• Was machst du, wenn dein Kind mit einem Jahr noch nicht so weit ist, sich auf Außer-Haus-Betreuung einzulassen, dein Arbeitgeber das aber erwartet?

• Was machst du, wenn der Dienstleister (zum Beispiel wegen Personalmangel) unerwartete Schließzeiten hat und es im Gegensatz zu Früher kein familiäres Netz gibt, das dies auffangen kann?

• Wie gehst du damit um, dass der Personalschlüssel und die Ausbildung der Fachkräfte teilweise zu wünschen übriglassen?

Auch das erhöht den Stresspegel bei dir.

Und das ist schlecht. Es ist außerdem unklar, was alles zu den eigenen Aufgaben gehört, da Elternteile heute mehr Rollen innehaben als früher:

• Beide sind Eltern.

• Beide wollen dem Nachwuchs schulische, emotionale und zeitliche Unterstützung geben.

• Beide nehmen Freizeit- und Fördertermine wahr.

• Häufig arbeiten beide.

• Und teilweise müssen Eltern auch noch in ihrer Rolle als Kinder den eigenen Eltern Hilfe zukommen lassen.

Das ist viel, wahrscheinlich auch in deinem Leben. All diese und weitere Herausforderungen geschehen gleichzeitig. Rollen müssen gleichzeitig erfüllt werden.

Dazu kommt ein ständiger Stresspegel allein durch die Lautstärke und Reizdichte unserer Welt, der jeder hilflos ausgeliefert ist. Oder durch die allgemeine Beschleunigung im Alltag: Informationen, Wege, Entscheidungen – alles ist verdichtet und drängt. Und Krisen in der Welt, die uns alle erschüttern, kommen noch on top. Diese Hektik macht kaum Pausen – und wenn, dann sind die meist nicht selbstbestimmt, sondern vom Können der Kinder abhängig (einschlafen können, allein spielen können, andere Bezugspersonen annehmen können).

Da lastet viel mehr auf deinen Schultern, als du selbst am Anfang vermutet hast. Du bist auch hier belasteter als frühere Elterngenerationen.

5. Ungute Lösungswege fordern dich

Es ist also überhaupt nicht verwunderlich, dass Eltern sich heute stark unter Druck fühlen. Auch dir kann das niemand vorwerfen. Deine Gefühle spinnen nicht. Die Belastung hat Gründe! Ich finde es wichtig, über diese Schmerzpunkte zu reden und sie zu teilen, aber dann eben auch ins Verändern zu kommen. Ohne eigene Veränderung ändert sich nichts.

Verharren ist schlecht. Bleibt dein Fokus nämlich beim Problem und wechselt nicht dahin, dass du etwas veränderst („Das Kind ist halt hochsensibel. Das ist aber anstrengend!“), fehlt dir der nächste Schritt hin zur Lösung („Das muss ich/müssen wir deshalb tun.“). Auszusprechen, was dir problematisch erscheint, ist wichtig. Selbstmitleid darf auch sein. Darin zu verharren, ist verlockend und passiert leicht, gerade wenn es viele Belastungen gibt. Aber es macht dich mittelfristig bestimmt unzufrieden und verändert deinen Stress kein bisschen.

Hier gibt es Parallelen zu Menschen, die man gemeinhin als politikverdrossen beschreibt: Sie meckern über „die da oben“ oder bestimmte Zustände und beschweren sich, aber das war es dann auch. Es kommen keine eigenen Ideen und es fehlt eigenes Engagement, um etwas anders zu gestalten. Im Familienleben ist das ebenso ein falscher Weg.

Stattdessen kannst du damit beginnen, deine negativen Muster zu verstehen und nach und nach bewusst aus Gedankenspiralen (wie „Das Wochenende wird wieder schlimm werden. Und ich werde wieder brüllen. Und wir werden wieder zusammen weinen und mit einem Kloß im Hals ins Bett gehen.“) aussteigen. Es braucht leider eine Kraftanstrengung, um das Lösen zu starten. Aber in diesem Buch lernst du Wege dorthin kennen und sie umzusetzen!

Social Media ist manchmal schlecht. Wenn du doch aktiv wirst, lauern da allerdings eine ganze Reihe von unguten Lösungswegen, die dir nur kurz das Gefühl geben, dass du etwas Sinnvolles tust. Schlechte Lösungswege sind in der Regel die, die simpel wirken und schnell Erleichterung versprechen. Dass Eltern solche Wege suchen, weil ihre Ressourcen endlich sind, ist total verständlich. Doch mit einem Fingerschnippen lässt sich etwas so Komplexes wie Familie nicht verändern.

Beispielsweise findet der wichtige Austausch über Belastungen häufig nicht mehr im realen Miteinander statt, sondern über Social Media: Der Instagram-Beitrag ist schnell gepostet, auch um 22:45 Uhr noch, wenn die Kinder endlich schlafen und weder du noch deine Freundin oder dein Kumpel die Kraft habt, euch live zu treffen. Dann ist es gut, dass du dich mitteilst, aber die Gefahr ist groß, mit dem Fokus beim Problem zu bleiben: schimpfen, meckern, sich auskotzen. Per Handy wird in einer App wenig wertschätzend über die „nervigen Stresszwerge“ hergezogen (in der Hoffnung auf Zustimmung und Likes).

Vielleicht bekommst du sogar Impulse im Netz, um etwas zu verändern, oder suchst gezielt danach. Doch es bleiben Schwierigkeiten:

1. Viele Inhalte sind nur Erfahrungsberichte und meinungsbasiert, also nicht gesichert und verallgemeinerbar. Manchmal machen sie sogar noch mehr Druck.

2. Viele – vielleicht auch du – nutzen die Infos oft nicht sinnvoll, sondern lesen beispielsweise nur verunsichernde Überschriften und irreführende, womöglich Angst auslösende und damit belastende Teaser.

3. Schließlich sitzt du immer noch am Endgerät und hast nichts getan. Du hast nicht mal eine echte Umarmung bekommen.

Das kann auf Dauer noch frustrierter und einsam machen. Onlinekontakte sind eine wichtige Ergänzung, aber haben nicht den Wert von echten Beziehungsmomenten. Sie sind nur unbedenklich, wenn du dir selbst viel geben kannst und nicht zu labil bist. Sonst ist die Gefahr groß, dass du verunsichert andere, ungeprüfte Meinungen übernimmst oder im Netz die Zustimmung anderer suchst, die deine innere Unsicherheit auffangen soll. Du lernst in diesem Buch, wie du stabiler werden kannst! Dann kann auch das Internet ein guter Ort sein.

Oberflächlichkeit ist schlecht. Eltern untereinander oder auch im Netz suchen außerdem teilweise witzelnd Hilfe. Manchmal geht es um typische Suchtmittel: „Wie schaffst du das ohne einen Eimer Kaffee?“ oder „Und abends, wenn alle im Bett sind, brauche ich erst mal ein Glas Wein. Oder zwei.“ Dahinter steckt ein Risiko, denn auch das sind schnelle, vermeintlich simple Wege, um sich wieder besser zu fühlen. Das ist aus psychologischer Sicht nicht verwunderlich. Aber weder Koffein noch Alkohol verändern wirklich etwas. Stattdessen bergen diese Wege ebenso wie das vorher beschriebene Frustablassen im Netz die Gefahr der Sucht oder zumindest eines nicht sinnvollen Umgangs mit einem Problem.

Das klingt übertrieben? Ich schreibe in diesem Buch davon, weil ich es im (Beratungs-)Alltag übermäßig oft erlebe und dich davor warnen und schützen möchte.

Du nutzt eines der Mittel häufig und in dir sträubt sich bei meinen Worten alles, hier weiterzulesen? Niemand außer dir weiß gerade von diesen Gefühlen. Du sitzt hier allein mit diesem Buch. Lass sie zu und schaue sie dir genauer an. Vielleicht ist es an der Zeit, wirklich so einiges zu verändern?

Blinder Freispruch ist schlecht. Sich nur Absolutionen hinzugeben, ist auch nicht die Rettung. Wenn du irgendwo liest, du würdest deine Elternrolle ausreichend gut ausfüllen, auch wenn es bei euch viele Videospiele, häufig ungeputzte Zähne und täglich Fast Food gibt, kann das sehr wohl richtig und für dich wichtig sein. Denn würdest du versuchen, überall perfekt sein zu wollen, verursacht das unnötigen Zusatzstress. Wenn du dein eigenes Tun als legitim empfindest, sorgt das bei dir für mehr Wohlbefinden.

Doch dieses Lossprechen von „Schuld“ ist nicht immer nachhaltig, auch nicht, wenn viele sagen, das sei so okay. Es ist nur wie ein Augenzuhalten, wenn deine eigenen Gefühle dir nicht wirklich das Gleiche sagen! Die Unzufriedenheit in dir kann rasch wieder durchkommen. Außerdem: Es ist auch fraglich, ob die Absolution gerechtfertigt ist oder Vernachlässigung bedeutet.

Elternsind nichtweniger belastbarals früher.Kindersind nichtanstrengenderals „damals“.

Habe Mut, denn du bist Teil der Lösung!

Auf den geschilderten Wegen hast du keine gesunde Strategie im Gepäck, die dich im Sturm auch innerlich gerade und mit Wohlgefühl dastehen lässt. Wenn alle Abstriche gemacht sind, um den Tag irgendwie zu schaffen, bleibst immer noch du mit zufriedenen oder aber unzufriedenen Gefühlen zurück. Denn nicht alles lässt sich ändern und erleichtern. Selbst wenn der Haushalt minimalistisch geführt wird, ihr eine Paartherapie gemacht habt oder du für dein Kind die längste Betreuungszeit in der Schule buchen konntest, bleiben Herausforderungen wie dein endliches Nervenkostüm oder die fordernde Wesensart deines Kindes.

Die verbliebene Unzufriedenheit damit lässt sich nicht von außen und nicht ruckzuck ändern. Du kannst aber einen besseren Lösungsweg kennenlernen, der aufs Innere und deine Gefühlswelt achtet und bei dem du gut für dich und dadurch letzten Endes auch gut für deine Familie sorgst! Ich nehme dich mit auf diesen Weg. Es geht um Selbstfürsorge und Selbstbestimmung in Stressmomenten.

Du musst nur wollen. Blöder Satz? Ja, oftmals ist er fies. Eine Migräne oder eine Essstörung bekommst du damit nicht in den Griff, aber besonders an deiner Erwartungshaltung, die der Störfaktor bei vielem ist, musst du wirklich nur arbeiten wollen.

Und du solltest annehmen, dass die Veränderung Zeit und Wiederholungen braucht sowie, dass „zwei Schritte vor, einer zurück“ das normale Tempo ist. Allein, dass du bis hierhin gelesen hast und den Ausblick auf Veränderung mitnimmst, hat sehr wahrscheinlich deine Motivation bereits vergrößert.

Fakt ist: Nicht die Umstände allein bestimmen, wie unser Leben ist, sondern auch, wie wir sie wahrnehmen und wie wir auf sie reagieren. Der Begriff „Mindset“ ist nicht einfach nur etwas für die Wirtschaft und Managementcoachings. Mit den richtigen Gedanken kannst du deine Einstellung und deine Gefühle tatsächlich verwandeln – und das hat einen direkten Einfluss auf dein Wohlbefinden. Du bist der Part, der sich verändern kann.

Die folgenden drei Missverständnisse möchte ich für dich aufklären:

1. Missverständnis: Nur positiver denken?

„Das heißt dann also doch, ich soll mich einfach nur nicht so anstellen und positiver denken?“

Nein, natürlich nicht. Einfach nur ein fröhliches Liedchen zu pfeifen, reicht selbstverständlich nicht aus. Es geht um mehr:

1.Das Gute sehen.Statt nur zu schauen, was schlecht ist und stresst, solltest du den Fokus darauf legen, was gut ist und welche Stärken und Möglichkeiten du hast! Denn du hast welche, und sie geben dir die Möglichkeit, aus dem absoluten Gefühl der Fremdbestimmung auszusteigen. Ich werde dir mit intensiven Coachingübungen dabei helfen, deinen Blick(winkel) zu ändern. Doch Optimismus und Dankbarkeit sind noch eine zu passive Positivität. Es braucht mehr. Man kann „der Gesellschaft“ und „der Politik“ vorwerfen, dass sie Eltern vergisst oder überfordert, und es ist großartig, dass viele für Equal-Care, Familienrechte, Finanzhilfen und mehr kämpfen. Aber du kannst nicht warten, bis die Welt zu deiner Situation passt. In der Zeit müsst du und deine Familie ja leben.

2.Das Gute tun. Statt nur mit den Umständen zu hadern oder zu warten, dass sich oder jemand etwas ändert, solltest du ins Handeln kommen: Was kannst du für dich tun? Wo kannst du wieder bestimmen? Wie kannst du dein Fühlen, Denken und Handeln verändern? Wie kannst du bewusst anders agieren als bisher, wo es dir ja oft nicht gut ging?

Das bedeutet nicht immer, dass ein Problem aus der Welt geschafft werden kann, aber dein Gefühl der Fremdbestimmtheit kannst du verändern. Du übernimmst Verantwortung und hast ein Ziel, das du erreichen willst. Das ist aktive Positivität.

Es geht also um eine Grundhaltung zum Leben und zu dir. Auch das beziehungs- und bedürfnisorientierte Begleiten unserer Kinder ist ja eine Grundhaltung, in die sich viele Neu-Eltern erst eingrooven müssen. Und dieser Part sollte dazugehören:

„Ich kann etwas für meine Gefühle tun! Ich bin der Fremdbestimmung nicht einfach ausgeliefert!“

Das ändert von außen betrachtet nicht viel an der Situation, aber im Grunde eben doch eine Menge am großen Ganzen. Du fängst an, dich selbst wichtig zu nehmen und um dich zu kümmern. Nicht als „Opfer“ – „Ich muss ja, sonst tut es keiner.“ –, sondern als Macher oder Macherin: „Ab jetzt kümmere ich mich um mich. Auf mich selbst kann ich mich verlassen. Ich kann lernen und etwas verändern.“

Du bist das Unterstützungssystem für dich selbst, das dich nicht verlassen wird. Bei anderen weißt du das nie. Darum ist das ein Schritt in eine emotionale Unabhängigkeit, die stark macht. Dennoch wirst du dich oft genug in Beziehungen fallenlassen können. Beides gehört zum Leben dazu.

2. Missverständnis: Nur ich bin das Problem?

Einen besseren Lösungsweg zu finden, liegt in deiner Verantwortung. An diesem Punkt entgegnen mir Mütter oder Väter rasch:

„Also bin ich wieder das Problem?“

Nein, das bist du nicht. Aber du bist ein großer Teil der Lösung, wenn äußere Umstände unveränderbar sind oder ihre Veränderung ziemlich lange braucht. Du hast eine Wahl, du kannst bewusster und neu handeln und in kleinen Schritten etwas verändern, wenn doch alle anderen Beteiligten da nicht so richtig mitziehen: Dein Kind braucht Unmengen an Zeit, um zu reifen, und manche Eigenheiten bleiben immer. „Die Gesellschaft“ und ihre Institutionen brauchen noch viel länger für Veränderungen. Du kannst die Dynamik und Anstrengungsbereitschaft mitbringen, die dort fehlen. Weil Flucht oder Aushalten keinen guten Optionen sind.

„Ich soll mich noch mehr anstrengen? Ich bin doch schon am Limit.“