Winnetou und Old Surehand (Alle 7 Bücher) - Karl May - E-Book
SONDERANGEBOT

Winnetou und Old Surehand (Alle 7 Bücher) E-Book

Karl May

0,0
1,49 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 0,00 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In 'Winnetou und Old Surehand' präsentiert Karl May eine fesselnde Erzählung über die Abenteuer von Winnetou, dem edlen Indianerhäuptling, und Old Surehand, einem mutigen Trapper. Das Buch ist in sieben Teilen angelegt und entführt den Leser in den Wilden Westen des 19. Jahrhunderts. Mays literarischer Stil ist geprägt von lebendigen Beschreibungen der Natur, actiongeladenen Kampfszenen und tiefgreifenden Charakterentwicklungen. Die Geschichten von Winnetou und Old Surehand zeugen von Mays Faszination für den Wilden Westen und seine Bewohner. Der Autor schafft es, eine packende Handlung mit historischen und kulturellen Hintergründen zu verbinden, was das Werk zu einem einzigartigen Leseerlebnis macht. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Karl May

Winnetou und Old Surehand

(Alle 7 Bücher)

Bereicherte Ausgabe. Western-Klassiker
Einführung, Studien und Kommentare von Anna Pohl

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-2206-3

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Winnetou und Old Surehand (Alle 7 Bücher)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung vereint zentrale Erzählzyklen Karl Mays aus dem Wilden Westen in einer durchgängigen Lektüre. Sie führt die Bände Winnetou der Rote Gentleman, Winnetou I, Winnetou II, Winnetou III, Winnetou IV sowie die Old Surehand-Trilogie, bestehend aus Old Surehand I, Old Surehand II und Old Surehand III, zusammen. Ziel ist eine Ausgabe, die die großen Handlungsstränge in ihrer inneren Verknüpfung sichtbar macht und zugleich den eigenständigen Charakter der einzelnen Romane wahrt. Die Zusammenstellung richtet sich an Leserinnen und Leser, die sowohl erstmals eintauchen als auch die Entwicklung von Figuren, Motiven und Schauplätzen im größeren Zusammenhang nachvollziehen möchten.

Im Zentrum stehen Romane des Abenteuer- und Reisegenres, die aufeinander Bezug nehmen und ein zusammenhängendes Erzähluniversum bilden. Karl May gestaltet diese Welt mit Mitteln des Spannungsromans, der moralischen Fabel und der Bildungsreise. Die Texte sind durch epische Kontinuität verbunden, bleiben aber jeweils eigenständige, abgeschlossene Romane. Essays, Gedichte, Briefe oder Tagebücher gehören nicht zum Umfang dieser Sammlung; sie präsentiert ausschließlich erzählende Prosa. Der Fokus liegt auf großformatigen Erzählungen, die den Mythos des amerikanischen Westens literarisch verdichten und die Figuren Winnetou, Old Shatterhand und Old Surehand in unterschiedlichen Konstellationen auftreten lassen.

Die Auswahl verfolgt den Zweck, die Entwicklung jener Erzählfäden aufzuzeigen, die Karl May über mehrere Bände hinweg angelegt hat. Wiederkehrende Orte, Bekanntschaften und Konflikte bilden ein Netzwerk, das in der Gesamtschau an Profil gewinnt. Leserinnen und Leser können dadurch Übergänge, Spiegelungen und Variationen besser erkennen: wie Motive an Bedeutung gewinnen, Nebenfiguren zu Trägern eigener Episoden werden und Handlungsräume sich weiten. Zugleich bleibt jedes Buch als eigenständige Station erlebbar, mit eigener Dramaturgie, eigenem Beginn und Abschluss, sodass unterschiedliche Lesewege – linear oder thematisch – möglich sind, ohne auf Verständnis verzichten zu müssen.

Ein prägendes Leitmotiv ist die Freundschaft über kulturelle Grenzen hinweg. Vertrauen, Respekt und die Suche nach Verständigung strukturieren die Begegnungen zwischen Figuren, die unterschiedlichen Traditionen, Sprachen und Lebensweisen entstammen. In den Winnetou-Romanen ist dies besonders evident: Ehre, Worttreue und Gerechtigkeit werden zu verbindenden Werten. Auch die Old Surehand-Trilogie knüpft daran an und variiert das Thema in neuen Konstellationen. So entstehen erzählerische Räume, in denen persönliche Integrität, Selbstbeherrschung und wechselseitige Anerkennung als Grundlagen eines friedlichen Miteinanders erprobt werden – stets eingebettet in abenteuerliche Handlungsverläufe.

Die Hauptfiguren stehen für unterschiedliche Ausprägungen des Heldentums. Winnetou verkörpert Würde, Klugheit und eine vermittelnde Autorität, die dem Ideal des edlen Anführers verpflichtet ist. Old Shatterhand fungiert als Ich-Erzähler und Beobachter, dessen Lernweg moralische Perspektiven erklärt und vertieft. Old Surehand erweitert das Spektrum um eine Figur, deren Vergangenheit und Charakterfestigkeit das Motiv der Selbstprüfung betonen. Gemeinsam bilden diese Protagonisten einen Kanon von Tugenden – Gerechtigkeitssinn, Mut, Hilfsbereitschaft –, der nicht als starres Ideal, sondern als handlungsleitende Orientierung präsentiert wird und die Romane zu Studien gelebter Ethik macht.

Stilistisch verbinden die Erzählungen anschauliche Landschaftsschilderungen, dialogische Dynamik und eine sorgfältig geführte Spannungskurve. Karl May nutzt wiederkehrende Erzählmuster – etwa das verzögerte Aufdecken von Hintergründen oder das präzise Beschreiben von Fährten, Zeichen und Gegenständen –, um Neugier zu bündeln und Schlussfolgerungen zu motivieren. Die Sprache wechselt zwischen nüchterner Beobachtung und pathetischen Zuspitzungen, was der Handlung rhythmische Akzente verleiht. Charakteristisch ist zudem die klare moralische Markierung von Handlungen, die die Orientierung erleichtert und den Lesefluss trägt, ohne die Ambivalenzen menschlicher Entscheidungen vollständig aufzulösen.

Die Struktur der Zyklen entfaltet sich über Kapitelgrenzen und Bände hinweg. Vertraute Motive kehren wieder, werden variiert und in neue Konstellationen gestellt. So ergeben sich thematische Bögen, die von der Erprobung von Loyalität bis zur Verantwortung für Gemeinschaft reichen. Rätsel, Begegnungen und Prüfungen sind nicht isolierte Episoden, sondern Bausteine größerer Entwicklungen. Die Old Surehand-Trilogie nutzt diese Technik, um die Titelfigur schrittweise zu konturieren, während die Winnetou-Bände die Beziehung zwischen Freundschaftsideal und Handlungszwang in wechselnden Situationen ausloten, ohne den offenen Raum des Abenteuers zu verbauen.

Die Landschaft fungiert als eigenständiger Akteur. Prärien, Canyons, Flüsse und Wälder sind nicht bloße Kulisse, sondern Prüf- und Lernräume, in denen Orientierung, Improvisation und Zusammenarbeit gefordert sind. Das detaillierte Erfassen von Spuren und Naturzeichen verbindet erzählerische Spannung mit einer poetischen Sensibilität für Umgebung und Rhythmus der Natur. In dieser Verschränkung aus Raumwahrnehmung und Handlung liegt ein wesentliches Moment der Faszination: Die Figuren werden an Umwelten gemessen, die sie zugleich herausfordern, schützen und zur Konzentration auf das Wesentliche zwingen.

Zugleich sind die Texte Kinder ihrer Zeit. Sie spiegeln Sprachgewohnheiten und Sichtweisen, die heute kritisch gelesen werden. Die Sammlung lädt daher zu einer historisch wachen Lektüre ein, die zwischen humanistischer Intention und zeittypischer Perspektive unterscheiden kann. Karl May formuliert ein Ideal von Respekt und Verständigung, das sich in vielen Szenen deutlich abzeichnet; daneben treten Bilder und Rollen, die Konventionen ihrer Entstehungszeit folgen. Wer mit dieser Doppelperspektive liest, kann das ethische Anliegen würdigen und zugleich die kulturellen Spannungen des literarisch gestalteten Westens reflektieren.

Die anhaltende Bedeutung dieser Romane liegt in ihrer dichten Verbindung von Spannung, Charakterbildung und moralischem Ernst. Sie haben die deutschsprachige Populärkultur geprägt und über Generationen hinweg Lesewege in das Abenteuer- und Reisegenre eröffnet. Zahlreiche Bearbeitungen und Diskussionen belegen ihre Wirkungsgeschichte. Entscheidend bleibt jedoch die Erfahrung des Lesens selbst: das Mitdenken, Mitfühlen und Mitentscheiden in Situationen, die deutlich gezeichnet sind und dennoch Raum für Interpretation lassen. So behaupten die Geschichten ihre Gegenwart, indem sie Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung und Freundschaft lebendig halten.

Diese Ausgabe versteht sich als Einladung, die Romane im Zusammenhang zu entdecken oder neu zu beurteilen. Die Zusammenstellung ermöglicht unterschiedliche Zugänge: chronologisch entlang der hier gebotenen Reihenfolge, thematisch entlang von Leitmotiven oder fokussiert auf einzelne Figuren. Wer einen kontinuierlichen Spannungsbogen sucht, findet ihn ebenso wie Leserinnen und Leser, die die poetischen Details, Dialoge und Beobachtungen bevorzugen. Die Sammlung schafft dafür klare Wege, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Bücher zu nivellieren, und gibt dem vielgestaltigen Erzähluniversum Karl Mays eine gut handhabbare Form.

Schließlich verbindet die Edition Traditionsbewusstsein mit Offenheit für heutige Lektüren. Sie bewahrt die prägenden Gestalten Winnetou, Old Shatterhand und Old Surehand als kulturelle Bezugspunkte und öffnet zugleich den Blick auf ihre literarische Konstruktion. Wer in diese Welt eintritt, begegnet Abenteuern, die als Prüfsteine menschlicher Haltung lesbar sind. Die vorliegenden Romane laden dazu ein, Mut, Maß und Mitleid als Leitlinien zu erproben und in Erzählungen zu verfolgen, die ihre Wirkung aus Klarheit, Spannung und dem ernst gemeinten Vertrauen in Verständigung beziehen.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Karl May (1842–1912) war einer der meistgelesenen deutschsprachigen Erzähler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Er prägte mit seinen Abenteuerromanen das Bild des Wilden Westens und das Ideal des edlen, kulturenübergreifenden Miteinanders. Seine Prosa verbindet spannungsreiche Handlung mit moralischer Programmatik, getragen von wiederkehrenden Figuren und einer charakteristischen Ich-Erzählstimme. Obwohl er vor allem als Unterhaltungsschriftsteller galt, beeinflusste er Generationen von Leserinnen und Lesern und wirkte weit in populäre Kultur und Alltagsphantasie hinein. Seine Bücher erscheinen bis heute in zahlreichen Ausgaben und werden in wechselnden Konstellationen neu gelesen, kommentiert und in Sammlungen geordnet.

Aufgewachsen im Königreich Sachsen, erhielt May eine pädagogische Ausbildung und sammelte früh Erfahrung mit Sprache, Unterricht und populären Lesestoffen. Prägend wirkten neben Schulung in Grammatik und Rhetorik die Lektüre von Reiseberichten, geografischen Nachschlagewerken und Abenteuerliteratur, wie sie im 19. Jahrhundert massenhaft kursierte. Literarische Konventionen der Romantik und des Realismus flossen in sein Verfahren ein, ohne dessen eigenständigen, oft parabelhaften Ton zu verdecken. Er entwickelte ein Gespür für serielles Erzählen, episodische Dramaturgie und das Aufrufen ethnografischer Details aus zweiter Hand, die er zu einer suggestiven Weltkomposition verband und in verschiedenen Publikationsformaten erprobte.

Seine berufliche Entwicklung führte vom Feuilleton und Fortsetzungsdruck zu auflagenstarken Buchausgaben. May profilierte sich früh mit einem Ich-Erzähler, der als Old Shatterhand im Wilden Westen auftritt und moralische Standpunkte erzählerisch verkörpert. Die Mischung aus Erkundung, Konflikt und versöhnender Geste traf einen Nerv des Lesepublikums. Wiedererkennbare Topoi – Lagerfeuergespräche, weite Landschaften, kodifizierte Ehrbegriffe – stifteten Orientierung und Kontinuität. Die positive Resonanz stabilisierte seine Position als Autor von Volkslektüre, deren Figurenwelt zugleich Eskapismus bot und Tugendmodelle entwarf, die Leserinnen und Leser unterschiedlichster Herkunft ansprachen und zu Anschlusslektüren innerhalb zusammenhängender Zyklen einluden und konsequent weiterführten.

Exemplarisch bündelte die Winnetou-Reihe seine Stärken. In Winnetou I legte May die Grundlage für eine Partnerschaftserzählung, die Tapferkeit, Loyalität und interkulturellen Respekt verbindet. Winnetou II und Winnetou III erweitern das Panorama des Westens, vertiefen das Motiv des gegenseitigen Lernens und zeichnen eine Welt, in der Verständigung trotz Gewalt möglich erscheint. In Ausgaben wie Winnetou der Rote Gentleman wird die Figur als Ideal eines edelmütigen Vermittlers profiliert. Der erzählerische Fokus liegt weniger auf dokumentarischer Genauigkeit als auf einer ethischen Fabel, die Leserinnen und Leser an Werte wie Mut, Maß und Mitgefühl heranführt.

Parallel entwickelte May den Zyklus um Old Surehand. Die Old Surehand-Trilogie, bestehend aus Old Surehand I, Old Surehand II und Old Surehand III, nutzt die bewährte Ich-Perspektive und verknüpft Spurensuche, Identitätsfragen und Weggefährtenschaft. Die Geschichten verarbeiten Grenzerfahrungen des Westens in episodischen Knoten, die Spannung und moralische Konsequenz austarieren. Figuren treten wiederkehrend auf, Konflikte werden über Dialog, List und Mut gelöst; brutale Eskalation bleibt meist letzte Option. Die Trilogie zeigt, wie May sein Instrumentarium variierte, ohne den Grundgestus der Verständigung aufzugeben, und wie serielle Strukturen Leserbindung und thematische Weiterentwicklung zugleich ermöglichten.

Zentral für Mays Selbstverständnis war eine ethische Orientierung, die Gewalt begrenzen und Völkerverständigung propagieren wollte. Diese Tendenz tritt in späten Texten stärker hervor und rahmt die Lektüre früherer Abenteuer neu. Winnetou IV knüpft an die bekannte Figur an und unterstreicht eine versöhnende, beinahe testamentarische Botschaft, in der das Ideal des friedfertigen Handelns Gewicht erhält. Öffentliche Äußerungen und Vorreden betonen wiederholt Humanität, Verantwortung des Einzelnen und die Kraft der Einbildung zur Empathie. So erscheint das Abenteuer nicht als Selbstzweck, sondern als Medium moralischer Prüfung und der Suche nach innerer Reifung für viele.

In seinen späten Jahren unternahm May Reisen und reflektierte sein Schreiben zunehmend als Beitrag zu Verständigung und innerer Bildung. Er starb 1912, doch seine Wirkung setzte sich ungebrochen fort. Die Gestalten Winnetou und Old Surehand blieben Fixpunkte kollektiver Vorstellungswelten, ihre Geschichten werden fortlaufend neu ediert und kommentiert. Leserinnen und Leser schätzen die Verbindung aus Spannung, Moral und poetischer Verdichtung; zugleich regen die Texte zur Diskussion historischer Stereotype an. Mays Vermächtnis liegt in der Beharrlichkeit eines humanitären Erzählens, das, bei aller Fiktionalität, Vertrauen in das bessere Handeln des Menschen wachhalten möchte.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Karl May, geboren 1842 im Königreich Sachsen und gestorben 1912 in Radebeul, schrieb seine berühmten Wildwest-Erzählungen im letzten Drittel des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die in der Sammlung enthaltenen Werke, darunter Winnetou I–IV sowie die Old-Surehand-Trilogie, spielen überwiegend im nordamerikanischen Westen des 19. Jahrhunderts. Der zeitliche Abstand zwischen Entstehung und dargestellter Epoche prägte die Perspektive: Aus dem Deutschen Kaiserreich heraus blickte May auf die US-Frontier als moralische Bühne. Die Bezeichnung der Titelfigur als der rote Gentleman verweist auf eine idealisierende Ethik, die den historischen Hintergrund in erzählerische Werte übersetzt.

Die Entstehung der Texte fiel in eine Blütezeit der Familien- und Unterhaltungszeitschriften. Mays Reise- und Abenteuererzählungen erschienen zunächst in Fortsetzungen, bevor sie in Buchreihen zusammengefasst wurden, was ihre Verbreitung stark erweiterte. Verlage wie der in Freiburg ansässige Fehsenfeld setzten seit den 1890er Jahren auf serielle Ausgaben und einheitliche Ausstattung. Die technischen Möglichkeiten der industriellen Buchproduktion – schnellere Pressen, preisgünstigeres Papier, wachsende Bahnnetze – erleichterten die Reichweite. Diese Medienökologie formte auch die Leseerwartungen: moralische Hausliteratur, episodische Spannungsdramaturgie und wiedererkennbare Figuren verbanden sich zu marktgängigen Zyklen.

Im Deutschen Kaiserreich nach 1871 verbanden sich Nationalstaatsbildung, rasche Industrialisierung und Urbanisierung mit einer breiten Ausweitung von Schulbildung und Alphabetisierung. Eine wachsende bürgerliche Leserschaft suchte sowohl Belehrung als auch Eskapismus. Abenteuerliteratur wurde zum Ort, an dem gesellschaftliche Fragen – Ordnung, Recht, Religion, Gewalt – in exotischen Räumen verhandelt wurden. Parallel etablierten sich Vereine, Lesegesellschaften und Bibliotheken, die den Zugang zu Unterhaltungsliteratur verbreiteten. Vor diesem Hintergrund trat Mays Wildwest-Kosmos als populäre Projektionsfläche auf, die einerseits Zeitängste abdämpfte, andererseits Tugenden wie Selbstdisziplin, Treue und Verlässlichkeit in erzählerischer Form modellierte.

Die in den Erzählungen verhandelte Frontier berührt historische Prozesse der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert: territorialer Expansion nach Westen, Landvergabe an Siedler, Ausbau von Verkehrswegen und militärische Konflikte mit indigenen Nationen. Der Bau der transkontinentalen Eisenbahn, die Ausweitung des Telegrafennetzes und gesetzliche Maßnahmen zur Landverteilung prägten diese Umbrüche. Zugleich verschärften sich Verdrängung und Reservationisierung, bis hin zu Massakern am Jahrhundertende. In Europa kursierten Berichte darüber in Presse und Literatur. Mays Texte übersetzen dieses Panorama in moralisch gefärbte Abenteuer, die westliche Modernisierung gleichermaßen bewundern und kritisch befragen.

Ein weiterer historischer Resonanzraum war die deutsche Amerikaauswanderung des 19. Jahrhunderts. Millionen Menschen verließen die deutschsprachigen Länder, vor allem in der Mitte des Jahrhunderts und erneut in den 1880er Jahren. Zeitungen, Briefe und Reiseberichte verdichteten ein Bild von Chancen und Härten jenseits des Atlantiks. Für viele Leserinnen und Leser waren Mays Erzählungen ein imaginatives Pendant zu realen Migrationsgeschichten. Der Autor selbst bereiste den fernen Westen nicht; seine USA-Erfahrungen stammen aus einem kurzen Besuch in den 1900er Jahren. Die Distanz zum Schauplatz erhöhte die Bedeutung von Druckquellen, Karten und Berichten als Material seiner Konstruktionen.

Mays Wildwest entstammt einer langen europäischen Literatur- und Bildtradition. James Fenimore Coopers Lederstrumpf-Erzählungen hatten seit dem frühen 19. Jahrhundert das Bild vom edlen Waldläufer und vom heroisierten Indigenen geprägt. Wissenschaftliche Reisewerke, etwa die Expedition des Prinzen Maximilian zu Wied mit den Illustrationen Karl Bodmers, sowie George Catlins Gemälde verbreiteten alternative, teils ethnografische, teils romantisierende Sichtweisen. Auf diesen Fundus konnte May zurückgreifen. Seine Darstellung indigener Kulturen entstand weniger aus Feldforschung als aus Lektüren, die er in ein moralisches Erzählmodell über Freundschaft, Ehre und interkulturelles Verstehen verwandelte.

Zirkusse und Schauen verstärkten die populären Bilder vom Westen. Buffalo Bills Wild West tourte in den späten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durch europäische Städte und zeigte gerahmte Szenen mit Reitern, Schützen und indigenen Darstellergruppen. Solche Spektakel prägten Erwartungen an Authentizität, Tempo und Dramaturgie. Gleichzeitig führten Völkerschauen in zoologischen Gärten oder Weltausstellungen fremde Kulturen in kolonialem Blick vor. Mays Texte stehen im Spannungsfeld dieser Theatralik: Sie nutzen vertraute Motive des Spektakulären, suchen aber die moralische Aufwertung des scheinbar Fremden, indem sie ihm Sprache, Motive und Würde zugestehen, die dem Unterhaltungsformat Sinn verleihen.

Der moralische Ton seiner Erzählungen speist sich aus dem Umfeld der konfessionell geprägten Hausliteratur. In katholischen und protestantischen Familienzeitschriften wurde Unterhaltung mit Erziehung verbunden. Mays Figuren verkörpern Belastbarkeit, Selbstbeherrschung und Vergebung; Gewalt wird zwar dargestellt, doch letztlich an ethische Maßstäbe gebunden. In späteren Jahren akzentuierte May friedensethische Anliegen, was sich in öffentlichen Auftritten kurz vor 1912 verdichtete. Diese Tendenz prägt auch die Lektüre der Winnetou-Bände, in denen die Bezeichnung roter Gentleman ein Programm der Anerkennung und Zivilität benennt, das über schlichte Lagergegensätze hinausweisen soll.

Die erzählten Welten spiegeln technologische Umbrüche, die den Westen nachhaltig veränderten. Eisenbahnen verkürzten Distanzen, Telegrafen vernetzten Räume, Dampfschiffe und später schnellere Lokomotiven beschleunigten Taktungen. Repetiergewehre und Revolver veränderten die Logik von Jagd und Gefecht. Mays symbolkräftige Waffenbenennungen, etwa Henrystutzen oder Bärentöter, verweisen auf die Faszination für Technik als Erweiterung menschlicher Fähigkeiten – und auf die ethische Frage ihres Einsatzes. In den Old-Surehand-Bänden wird meisterhafte Schießkunst zur Metapher, deren Legitimation aus Selbstverteidigung und Schutz Schwächerer, nicht aus Willkür, abgeleitet sein soll.

Recht, Ordnung und Gewaltmonopol waren zentrale Diskurse des 19. Jahrhunderts. Auf der Frontier kollidierten private Vergeltung, improvisierte Gerichtsbarkeit und sich etablierende staatliche Institutionen. Deutsche Leser, die im Kaiserreich Debatten über Polizeireformen, Standesrecht und den modernen Rechtsstaat kannten, fanden darin vertraute Probleme gespiegelt. In der Old-Surehand-Trilogie bündeln sich diese Fragen um die Figur eines Könners, dessen Können rechtlich gebunden werden muss. Die Erzählungen verhandeln die Grenze zwischen persönlicher Ehre und normativer Ordnung – ein Thema, das über die Kulisse des Westens hinaus gesellschaftliche Relevanz besaß.

Die kolonialpolitischen Auseinandersetzungen der 1880er und 1890er Jahre in Deutschland bildeten einen Resonanzraum für Mays Rezeption. Der Erwerb von Schutzgebieten und die Debatten über Verwaltung, Mission und Gewalt schärften Sensibilitäten für indigene Rechte und koloniale Verbrechen. Zeitgleich wurden internationale Skandale, etwa um das Privatregime im Kongo, in europäischen Medien breit diskutiert; auch die Kriege im heutigen Namibia beschäftigten die Öffentlichkeit. Obwohl Mays Handlungsräume nordamerikanisch sind, konnten Leserinnen und Leser allgemeine Fragen zu Herrschaft, Rassismus und Verantwortung aus diesen Debatten in ihre Deutung seiner Texte einbringen.

Mays Autorenfigur zwischen Realität und Selbsterzählung gehörte zum Zeitphänomen. Er pflegte eine Persona, die Erfahrungen und Erfindung verknüpfte, und sah sich im frühen 20. Jahrhundert wachsender Presse- und Gerichtskontroverse ausgesetzt. Die Authentizitätsdebatten richteten den Blick auf Quellengebrauch, Faktentreue und die Grenzen fiktionaler Wahrheit. Ungeachtet dessen fanden seine Werke breite Zustimmung. Die Erzählungen boten ein kohärentes moralisches Koordinatensystem, das für viele Leser wichtiger war als dokumentarische Präzision – eine Gewichtung, die den langfristigen Erfolg von Serien wie Winnetou und Old Surehand mit ermöglichte.

Die Popularität der Bücher speiste sich auch aus ihrer Verankerung im Bildungs- und Vereinswesen. Leihbibliotheken, Lesezirkel und Jugendbibliotheken verbreiteten die Bände weit über die kaufkräftige Mittelschicht hinaus. Pädagogische Kontroversen begleiteten diese Verbreitung: Befürworter hoben das Ethos der Versöhnung und Pflicht hervor, Kritiker warnten vor Verflachung und Abenteuerlust. Dass die Texte trotz solcher Einwände zu einer kulturellen Chiffre wurden, belegt ihre Zitierfähigkeit im Alltagsdiskurs. Namen und Motive aus den Winnetou- und Old-Surehand-Erzählungen dienten fortan als gemeinsames Referenzrepertoire in der deutschsprachigen Populärkultur.

Nach 1945 boten die Geschichten Möglichkeiten der Weltflucht und der Sinnsuche in Zeiten des Wiederaufbaus. In der Bundesrepublik entstanden Freilichtfestspiele, insbesondere in Bad Segeberg seit den frühen 1950er Jahren, die den Stoff auf die Bühne trugen. In den 1960er Jahren folgten erfolgreiche Filmreihen mit Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand, die in Europa breite Wirkung entfalten. Drehorte in Südeuropa standen stellvertretend für den amerikanischen Westen. Diese Inszenierungen formten die visuelle Erinnerungslandschaft und beeinflussten nachhaltig die Lektüre der zugrundeliegenden Bücher.

In der DDR war Karl May offiziell lange umstritten, gleichwohl blieben seine Bücher im Umlauf und wurden privat eifrig gelesen. Parallel prägten ostdeutsche Filmproduktionen über indigene Protagonisten eigene Bildwelten, die kolonialkritische Akzente setzten. Unterschiedliche kulturpolitische Rahmenbedingungen führten zu getrennten Rezeptionspfaden, die sich nach 1990 wieder stärker überschnitten. Insgesamt wuchs in beiden deutschen Staaten das Bewusstsein für die historische Situation indigener Völker in Nordamerika, was die Aufmerksamkeit für Fragen der Darstellung, der Sprache und der Perspektiven in Abenteuerliteratur erhöhte.

Seit dem späten 20. Jahrhundert haben postkoloniale und kulturwissenschaftliche Ansätze die Diskussion über Stereotype, Exotisierung und die Figur des edlen Wilden intensiviert. Verlage legten kommentierte und quellenkritische Ausgaben vor; Forschungseinrichtungen wie die 1969 gegründete Karl-May-Gesellschaft förderten philologische Präzision und Kontextualisierung. Museen in Radebeul und an anderen Orten rahmen Mays Nachlass, Rezeption und Bildwelten historisch. Diese Institutionalisierung erlaubt, Entstehung, Textgeschichte und Wirkungsschichten – etwa Unterschiede zwischen Zeitschriftenfassungen und Buchfassungen – in Relation zu zeitgenössischen Diskursen über Gewalt, Recht und Kulturkontakt zu stellen.

Im Lichte aktueller Debatten wird auch die Sprache neu bewertet. Begriffe und Zuschreibungen, die im 19. Jahrhundert verbreitet waren, gelten heute teilweise als problematisch. Editionen, pädagogische Materialien und Bühnenbearbeitungen reagieren darauf mit Kontextualisierungen, Sensibilisierung und behutsamen Anpassungen, ohne den historischen Quellencharakter zu verschleiern. Gleichzeitig werden indigenen Stimmen und Forschungen stärker einbezogen, um die historischen Realitäten der Reservationen, der Assimilationspolitik und der kulturellen Resilienz im 19. und 20. Jahrhundert sichtbarer zu machen. Diese Entwicklung ergänzt die moralischen Intentionen der Texte um zusätzliche Perspektiven der Betroffenen selbst.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Winnetou der Rote Gentleman

Episoden aus dem Wilden Westen führen Old Shatterhand und den Apachenhäuptling Winnetou zusammen und setzen seinen Ehrenkodex als Maßstab. Überfälle, Verfolgungen und Verhandlungen mit Siedlern und Stämmen bilden den Rahmen, in dem Winnetous vermittelnde Rolle sichtbar wird. Der Ton ist idealisierend und völkerverbindend, mit Naturbildern und ruhigen Lehrpassagen zwischen spannenden Reiterszenen.

Winnetou I–III

Die drei Romane zeigen Old Shatterhands Entwicklung vom Greenhorn zum erfahrenen Westmann und die wachsende Freundschaft zu Winnetou, während beide in Grenzkonflikte, Schatz- und Rächerplots geraten. Wiederkehrend sind Fehlbegegnungen zwischen Kulturen, skrupellose Glücksritter und der Versuch, Recht vor Gewalt zu setzen. Der Ton wechselt zwischen rasanter Abenteuerfolge und nachdenklicher Moralparabel und steigert sich zu tragischen, doch versöhnlich gedeuteten Wendungen.

Winnetou IV

Der späte Band knüpft episodisch an frühere Erlebnisse an und blickt zugleich rückwärts: Der Erzähler ordnet Erfahrungen, prüft Gelübde und sucht Orte gemeinsamer Vergangenheit auf. Neue Begegnungen im Grenzland führen zu Versöhnungsversuchen und kleineren, eher kontemplativen Abenteuern. Der Ton ist reflektiver, mit stärkerer Gewichtung von Erinnerung, Ethos und der Idee eines friedlichen Miteinanders.

Old Surehand-Trilogie (Old Surehand I–III)

Im Mittelpunkt steht der geheimnisvolle Schütze Old Surehand, dessen verborgene Herkunft und offene Rechnungen eine lange Spur durch den Westen ziehen. Gemeinsam mit Winnetou und Old Shatterhand verknüpft die Trilogie Rätsel- und Detektivmotive mit Jagden, Belagerungen und zähen Grenzstreitigkeiten. Der Ton schwankt zwischen kernigem Western, humorigen Episoden und einer allmählichen, versöhnlichen Aufklärung des Lebensrätsels.

Übergreifende Themen und Stil

Wiederkehrend sind Freundschaft, Ehrenkodex und interkulturelle Verständigung, oft im Kontrast zu Gier, Vorurteil und Selbstjustiz. Typisch sind ein Ich-Erzähler, weite Landschaftsbilder, episodische Ketten von Verfolgungen und Rettungen sowie belehrende Gespräche, die die Action rahmen. Insgesamt verschiebt sich der Akzent vom reinen Abenteuer hin zu Erinnerung, Selbstprüfung und einem humanistischen Friedensideal.

Winnetou und Old Surehand (Alle 7 Bücher)

Hauptinhaltsverzeichnis
Winnetou der Rote Gentleman
Winnetou I
Winnetou II
Winnetou III
Winnetou IV
Old Surehand-Trilogie
Old Surehand I
Old Surehand II
Old Surehand III

Winnetou der Rote Gentleman

Inhaltsverzeichnis

Winnetou I

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Erstes Kapitel. Ein Greenhorn
Zweites Kapitel. Kleki-petra
Drittes Kapitel. Winnetou in Fesseln
Viertes Kapitel. Zweimal um das Leben gekämpft
Fünftes Kapitel. »Schöner Tag«
Sechstes Kapitel. Sams Befreiung

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein; dies hat, so sonderbar es erscheinen mag, doch seine Berechtigung. Mag es zwischen beiden noch so wenig Punkte des Vergleichs geben, sie sind einander ähnlich in dem einen, daß man mit ihnen, allerdings mit dem Einen weniger als mit dem Andern, abgeschlossen hat: Man spricht von dem Türken kaum anders als von dem “kranken Mann”, während Jeder, der die Verhältnisse kennt, den Indianer als den “sterbenden Mann” bezeichnen muß.

Ja, die rote Nation liegt im Sterben! Vom Feuerlande bis weit über die nordamerikanischen Seen hinauf liegt der riesige Patient ausgestreckt, niedergeworfen von einem unerbittlichen Schicksale, welches kein Erbarmen kennt. Er hat sich mit allen Kräften gegen dasselbe gesträubt, doch vergeblich; seine Kräfte sind mehr und mehr geschwunden; er hat nur noch wenige Atemzüge zu tun, und die Zuckungen, die von Zeit zu Zeit seinen nackten Körper bewegen, sind die Konvulsionen, welche die Nähe des Todes verkündigen.

Ist er schuld an diesem seinem frühen Ende? Hat er es verdient?

Wenn es richtig ist, daß alles, was lebt, zum Leben berechtigt ist, und dies sich ebenso auf die Gesamtheit wie auf das Einzelwesen bezieht, so besitzt der Rote das Recht zu existieren, nicht weniger als der Weiße und darf wohl Anspruch erheben auf die Befugnis, sich in sozialer, in staatlicher Beziehung nach seiner Individualität zu entwickeln. Da behauptet man nun freilich, der Indianer besitze nicht die notwendigen staatenbildenden Eigenschaften. Ist das wahr? Ich sage: nein! will aber keine Behauptungen aufstellen, da es nicht meine Absicht ist, eine hierauf bezügliche gelehrte Abhandlung zu schreiben. Der Weiße fand Zeit, sich naturgemäß zu entwickeln; er hat sich nach und nach vom Jäger zum Hirten, von da zum Ackerbauer und Industriellen entwickelt; darüber sind viele Jahrhunderte vergangen; der Rote aber hat diese Zeit nicht gefunden, denn sie wurde ihm nicht gewährt. Er soll von der ersten und untersten Stufe, also als Jäger, einen Riesensprung nach der obersten machen, und man hat, als man dieses Verlangen an ihn stellte, nicht bedacht, daß er da zum Falle kommen und sich lebensgefährlich verletzen muß.

Es ist ein grausames Gesetz, daß der Schwächere dem Stärkeren weichen muß; aber da es durch die ganze Schöpfung geht und in der ganzen irdischen Natur Geltung hat, so müssen wir wohl annehmen, daß diese Grausamkeit entweder eine nur scheinbare oder einer christlichen Milderung fähig ist, weil die ewige Weisheit, welche dieses Gesetz gegeben hat, zugleich die ewige Liebe ist. Dürfen wir nun behaupten, daß in Beziehung auf die aussterbende indianische Rasse eine solche Milderung stattgefunden hat?

Es war nicht nur eine gastliche Aufnahme, sondern eine beinahe göttliche Verehrung, welche die ersten “Bleichgesichter” bei den Indsmen fanden. Welcher Lohn ist den Letzteren dafür geworden? Ganz unstreitig gehörte diesen das Land, welches sie bewohnten; es wurde ihnen genommen. Welche Ströme Blutes dabei geflossen und welche Grausamkeiten vorgekommen sind, das weiß ein Jeder, der die Geschichte der “berühmten” Conquistadores gelesen hat. Nach dem Vorbilde derselben ist dann später weiter verfahren worden. Der Weiße kam mit süßen Worten auf den Lippen, aber zugleich mit dem geschärften Messer im Gürtel und dem geladenen Gewehre in der Hand. Er versprach Liebe und Frieden und gab Haß und Blut. Der Rote mußte weichen, Schritt um Schritt, immer weiter zurück. Von Zeit zu Zeit gewährleistete man ihm “ewige” Rechte auf “sein” Territorium, jagte ihn aber schon nach kurzer Zeit wieder aus demselben hinaus, weiter, immer weiter. Man “kaufte” ihm das Land ab, bezahlte ihn aber entweder gar nicht oder mit wertlosen Tauschwaren, welche er nicht gebrauchen konnte. Aber das schleichende Gift des “Feuerwassers” brachte man ihm desto sorgfältiger bei, dazu die Blattern und andere, noch viel schlimmere und ekelhaftere Krankheiten, welche ganze Stämme lichteten und ganze Dörfer entvölkerten. Wollte der Rote sein gutes Recht geltend machen, so antwortete man ihm mit Pulver und Blei, und er mußte den überlegenen Waffen der Weißen wieder weichen. Darüber erbittert, rächte er sich nun an dem einzelnen Bleichgesichte, welches ihm begegnete, und die Folgen davon waren dann stets förmliche Massacres, welche unter den Roten angerichtet wurden. Dadurch ist er, ursprünglich ein stolzer, kühner, tapferer, wahrheitsliebender, aufrichtiger und seinen Freunden stets treuer Jägersmann, ein heimlich schleichender, mißtrauischer, lügnerischer Mensch geworden, ohne daß er dafür kann, denn nicht er, sondern der Weiße ist schuld daran.

Die wilden Mustangherden, aus deren Mitte er sich einst kühn sein Reitpferd holte, wo sind sie hingekommen? Wo sieht man die Büffel, welche ihn ernährten, als sie zu Millionen die Prairien bevölkerten? Wovon lebt er heut? Von dem Mehle und dem Fleische, welches man ihm liefert? Schau zu, wie viel Gips und andere schöne Dinge sich in diesem Mehl befinden; wer kann es genießen! Und werden einem Stamme einmal hundert “extra fette” Ochsen zugesprochen, so haben diese sich unterwegs in zwei oder drei alte, abgemagerte Kühe verwandelt, von welchen kaum ein Aasgeier einen Bissen herunterreißen kann. Oder soll der Rote vom Ackerbaue leben? Kann er auf seine Ernte rechnen, er, der Rechtslose, den man immer weiter verdrängt, dem man keine bleibende Stätte läßt?

Welch eine stolze, schöne Erscheinung war er früher, als er, von der Mähne seines Mustangs umweht, über die weite Savanne flog, und wie elend und verkommen sieht er jetzt aus in den Fetzen, welche nicht seine Blöße decken können! Er, der in überstrotzender Kraft einst dem schrecklichen grauen Bären mit den Fäusten zu Leibe ging, schleicht jetzt wie ein räudiger Hund in den Winkeln umher, um sich, hungrig, einen Fetzen Fleisch zu betteln oder zu stehlen!

Ja, er ist ein kranker Mann geworden, ein sterbender Mann, und wir stehen mitleidig an seinem elenden Lager, um ihm die Augen zuzudrücken. An einem Sterbebette zu stehen, ist eine ernste Sache, hundertfach ernst aber, wenn dieses Sterbebette dasjenige einer ganzen Rasse ist. Da steigen viele, viele Fragen auf, vor allem die: Was hätte diese Rasse leisten können, wenn man ihr Zeit und Raum gegönnt hätte, ihre inneren und äußeren Kräfte und Begabungen zu entwickeln? Welche eigenartige Kulturformen werden der Menschheit durch den Untergang dieser Nation verloren gehen? Dieser Sterbende ließ sich nicht assimilieren, weil er ein Charakter war; mußte er deshalb getötet, kann er nicht gerettet werden? Gestattet man dem Bison, damit er nicht aussterbe, ein Asyl da oben im Nationalpark von Montana und Wyoming, warum nicht auch dem einstigen, rechtmäßigen Herren des Landes einen Platz, an dem er sicher wohnen und geistig wachsen kann?

Aber was nützen solche Fragen angesichts des Todes, der nicht abzuwenden ist! Was können Vorwürfe helfen, wo überhaupt nicht mehr zu helfen ist! Ich kann nur klagen, aber nichts ändern; ich kann nur trauern, doch keinen Toten ins Leben zurückrufen. Ich? Ja, ich! Habe ich doch die Roten kennen gelernt während einer ganzen Reihe von vielen Jahren und unter ihnen einen, der hell, hoch und herrlich in meinem Herzen, in meinen Gedanken wohnt. Er, der beste, treueste und opferwilligste aller meiner Freunde, war ein echter Typus der Rasse, welcher er entstammte, und ganz so, wie sie untergeht, ist auch er untergegangen, ausgelöscht aus dem Leben durch die mörderische Kugel eines Feindes. Ich habe ihn geliebt wie keinen zweiten Menschen und liebe noch heut die hinsterbende Nation, deren edelster Sohn er gewesen ist. Ich hätte mein Leben dahingegeben, um ihm das seinige zu erhalten, so wie er dieses hundertmal für mich wagte. Dies war mir nicht vergönnt; er ist dahingegangen, indem er, wie immer, ein Retter seiner Freunde war; aber er soll nur körperlich gestorben sein und hier in diesen Blättern fortleben, wie er in meiner Seele lebt, er,Winnetou, der große Häuptling der Apachen. Ihm will ich hier das wohlverdiente Denkmal setzen, und wenn der Leser, welcher es mit seinem geistigen Auge schaut, dann ein gerechtes Urteil fällt über das Volk, dessen treues Einzelbild der Häuptling war, so bin ich reich belohnt.

Der Verfasser.

Erstes Kapitel.Ein Greenhorn

Inhaltsverzeichnis

Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.

Green heißt grün, und unter horn ist Fühlhorn gemeint. Ein Greenhorn ist demnach ein Mensch, welcher noch grün, also neu und unerfahren im Lande ist und seine Fühlhörner behutsam ausstrecken muß, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, ausgelacht zu werden.

Ein Greenhorn ist ein Mensch, welcher nicht von seinem Stuhle aufsteht, wenn eine Lady sich auf denselben setzen will; welcher den Herrn des Hauses grüßt, ehe er der Mistreß und Miß seine Verbeugungen gemacht hat; welcher beim Laden des Gewehres die Patrone verkehrt in den Lauf schiebt oder erst den Propfen, dann die Kugel und zuletzt das Pulver in den Vorderlader stößt. Ein Greenhorn spricht entweder gar kein oder ein sehr reines und geziertes Englisch; ihm ist das Yankee-Englisch oder gar das Hinterwälder-Idiom ein Greuel; es will ihm nicht in den Kopf und noch viel weniger über die Zunge. Ein Greenhorn hält ein Racoon für ein Opossum und eine leidlich hübsche Mulattin für eine Quadroone. Ein Greenhorn raucht Cigaretten und verabscheut den tabakssaftspeienden Sir. Ein Greenhorn läuft, wenn er von Paddy eine Ohrfeige erhalten hat, mit seiner Klage zum Friedensrichter, anstatt, wie ein richtiger Yankee tun soll, den Kerl einfach und auf der Stelle niederzuschießen. Ein Greenhorn hält die Stapfen eines Turkey für eine Bärenfährte und eine schlanke Sportjacht für einen Mississippisteamer. Ein Greenhorn geniert sich, seine schmutzigen Stiefel auf die Kniee seines Mitpassagiers zu legen und seine Suppe mit dem Schnaufen eines verendenden Büffels hinabzuschlürfen. Ein Greenhorn schleppt der Reinlichkeit wegen einen Waschschwamm von der Größe eines Riesenkürbis und zehn Pfund Seife mit in die Prairie und steckt sich dazu einen Kompaß bei, welcher schon am dritten oder vierten Tag nach allen möglichen andern Richtungen, aber nie mehr nach Norden zeigt. Ein Greenhorn notiert sich achthundert Indianerausdrücke, und wenn er dem ersten Roten begegnet, so bemerkt er, daß er diese Notizen im letzten Couvert nach Hause geschickt und dafür den Brief aufgehoben hat. Ein Greenhorn kauft Schießpulver, und wenn er den ersten Schuß tun will, erkennt er, daß man ihm gemahlene Holzkohle gegeben hat. Ein Greenhorn hat zehn Jahre lang Astronomie studiert, kann aber ebenso lang den gestirnten Himmel angucken, ohne zu wissen, wie viel Uhr es ist. Ein Greenhorn steckt das Bowiemesser so in den Gürtel, daß er, wenn er sich bückt, sich die Klinge in den Schenkel sticht. Ein Greenhorn macht im wilden Westen ein so starkes Lagerfeuer, daß es baumhoch emporlodert, und wundert sich dann, wenn er von den Indianern entdeckt und erschossen worden ist, darüber, daß sie ihn haben finden können. Ein Greenhorn ist eben ein Greenhorn und ein solches Greenhorn war damals auch ich.

Aber man denke ja nicht etwa, daß ich die Überzeugung oder auch nur die Ahnung gehabt hätte, daß diese kränkende Bezeichnung auf mich passe! O nein, denn es ist ja eben die hervorragendste Eigentümlichkeit jedes Greenhorns, eher alle andern Menschen, aber nur nicht sich selbst für “grün” zu halten.

Ich glaubte ganz im Gegenteile, ein außerordentlich kluger und erfahrener Mensch zu sein; hatte ich doch, so was man zu sagen pflegt, studiert und nie vor einem Examen Angst gehabt! Daß dann das Leben die eigentliche und richtige Hochschule ist, deren Schüler täglich und stündlich geprüft werden und vor der Vorsehung zu bestehen haben, daran wollte mein jugendlicher Sinn damals nicht denken. Unerquickliche Verhältnisse in der Heimat und ein, ich möchte sagen, angeborener Tatendrang hatten mich über den Ozean nach den Vereinigten Staaten getrieben, wo die Bedingungen für das Fortkommen eines strebsamen jungen Menschen damals weit bessere und günstigere waren als heutzutage. Ich hätte in den Oststaaten recht wohl ein gutes Unterkommen gefunden, aber es trieb mich nach dem Westen. Bald auf diese und bald auf jene Weise für kurze Zeit tätig, verdiente ich mir so viel, daß ich, äußerlich wohl ausgerüstet und innerlich von frohem Mute erfüllt, in St. Louis ankam. Dort führte mich das Glück in eine deutsche Familie, in welcher ich einen einstweiligen Unterschlupf als Hauslehrer fand. In dieser Familie verkehrte Mr. Henry, ein Original und Büchsenmacher, welcher sein Handwerk mit der Hingebung eines Künstlers betrieb und sich mit altväterischem Stolze Mr. Henry, the Gunsmith nannte.

Dieser Mann war ein außerordentlicher Menschenfreund, obgleich er das Gegenteil zu sein schien, da er außer der erwähnten Familie mit keinem Menschen verkehrte und selbst seine Kunden so kurz und schroff behandelte, daß sie nur der Güte seiner Ware wegen zu ihm kamen. Er hatte seine Frau und Kinder durch ein grausiges Ereignis verloren, über welches er nie sprach, doch vermutete ich infolge einiger seiner Äußerungen, daß sie bei einem Überfalle ermordet worden waren. Das hatte ihn äußerlich rauh gemacht; er wußte es vielleicht gar nicht, daß er eigentlich ein perfekter Grobian war; der Kern aber war mild und gut, und ich habe oft sein Auge feucht gesehen, wenn ich von der Heimat und den Meinen erzählte, an denen ich mit ganzem Herzen hing und auch heut noch hänge.

Warum er, der alte Mann, grad für mich, den jungen, fremden Menschen, eine solche Vorliebe zeigte, das wußte ich nicht, bis er es mir einmal sagte. Seit ich da war, kam er öfters als vorher, hörte dem Unterrichte zu, nahm mich, wenn dieser beendet war, für sich in Beschlag und lud mich schließlich sogar ein, ihn zu besuchen. Ein solcher Vorzug war noch keinem Andern zu teil geworden, und ich hütete mich daher, die mir gewordene Erlaubnis auszubeuten. Diese Zurückhaltung schien ihm aber keineswegs lieb zu sein; ich erinnere mich noch heut des zornigen Gesichtes, welches er mir eines Abends, als ich zu ihm kam, zeigte, und des Tones, in welchem er mich empfing, ohne auf mein “good evening” zu antworten:

»Wo habt Ihr denn gestern gesteckt, Sir?«

»Zu Hause.«

»Und vorgestern?«

»Auch zu Hause.«

»Macht mir doch nichts weis!«

»Es ist wahr, Mr. Henry.«

»Pshaw! Solche grüne Vögel, wie Ihr einer seid, bleiben nicht im Neste hocken; die stecken die Schnäbel überall hin, nur da nicht, wo sie hingehören!«

»Und wo gehöre ich hin, wenn es Euch beliebt, es mir zu sagen?«

»Hierher zu mir, verstanden! Habe Euch schon lange einmal nach etwas fragen wollen.«

»Warum habt Ihr es nicht getan?«

»Weil ich nicht wollte. Hört Ihr es?«

»Und wann wollt Ihr denn?«

»Heute vielleicht.«

»So fragt getrost nur zu,« forderte ich ihn auf, indem ich mich hoch auf die Schraubenbank setzte, an welcher er arbeitete.

Er sah mir ganz verwundert in das Gesicht, schüttelte mißbilligend den Kopf und rief aus:

»Getrost! Als ob ich so ein Greenhorn, wie Ihr seid, erst um Erlaubnis fragen müßte, wenn ich mit ihm reden will!«

»Greenhorn?« antwortete ich, die Stirn in Falten ziehend, denn ich fühlte mich bedeutend verletzt. »Ich will annehmen, Mr. Henry, daß dieses Wort Euch ohne Absicht und nur so herausgefahren ist!«

»Bildet Euch doch nichts ein, Sir! Ich habe mit vollem Bedacht gesprochen; Ihr seid ein Greenhorn, und was für eins! Den Inhalt Eurer Bücher habt Ihr gut im Kopfe, das ist wahr. Es ist ganz erstaunlich, was ihr Leute da drüben lernen müßt! Dieser junge Mensch weiß genau, wie weit die Sterne von hier entfernt sind, was der König Nebukadnezar auf Ziegelsteine geschrieben hat und wie schwer die Luft wiegt, die er doch nicht sehen kann! Und weil er dies weiß, bildet er sich ein, ein gescheiter Kerl zu sein! Aber steckt die Nase ins Leben, versteht Ihr mich, so ungefähr fünfzig Jahre ins Leben hinein; dann werdet Ihr, aber auch nur vielleicht, erfahren, worin die richtige Klugheit besteht! Was Ihr bis jetzt wißt, ist nichts ist gar nichts. Und was Ihr bis jetzt könnt, ist noch viel weniger. Ihr könnt ja nicht einmal schießen!«

Er sagte dies in einem außerordentlich verächtlichen Tone und mit einer solchen Bestimmtheit, als ob er seiner Sache förmlich sicher sei.

»Nicht schießen? Hm!« antwortete ich lächelnd. »Ist dies vielleicht die Frage, welche Ihr mir vorlegen wolltet?«

»Ja, die ist es. Nun antwortet doch einmal!«

»Gebt mir ein gutes Gewehr in die Hand, so will ich antworten, eher nicht.«

Da legte er den Büchsenlauf, an welchem er schraubte, weg, stand auf, trat nahe an mich heran, fixierte mich mit verwunderten Augen und rief aus:

»Ein Gewehr in die Hand, Sir? Wird mir nicht einfallen, ganz und gar nicht! Meine Gewehre kommen nur in solche Hände, in denen ich mit ihnen Ehre einlegen kann!«

»Solche hab ich,« nickte ich ihm zu.

Er sah mich noch einmal, und zwar von der Seite an, setzte sich wieder nieder, begann wieder an dem Laufe zu arbeiten und brummte vor sich hin:

»So ein Greenhorn! Könnte mich wirklich wild machen mit seiner Dreistigkeit!«

Ich ließ ihn gewähren, denn ich kannte ihn, zog eine Zigarre hervor und brannte sie an. Dann blieb es wohl eine Viertelstunde lang still zwischen uns. Länger aber konnte er es nicht aushalten; er hielt den Lauf gegen das Licht, sah hindurch und bemerkte dabei:

»Schießen ist nämlich schwerer als nach den Sternen gucken oder alte Ziegelsteine von Nebukadnezar lesen. Verstanden? Habt Ihr denn jemals ein Gewehr in der Hand gehabt?«

»Ich denke.«

»Wann?«

»Schon längst und oft.«

»Auch angelegt und abgedrückt?«

»Ja.«

»Und getroffen?«

»Natürlich!«

Da ließ er den Lauf, den er geprüft hatte, rasch sinken, sah mich wieder an und meinte:

»Ja, getroffen, natürlich, aber was?«

»Das Ziel, ganz selbstverständlich.«

»Was? Wollt Ihr mir das im Ernste aufbinden?«

»Behaupten, aber nicht aufbinden; es ist wahr.«

»Hol Euch der Teufel, Sir! Aus Euch wird man nicht klug. Ich bin überzeugt, daß Ihr an einer Mauer vorbeischießen würdet, und wenn sie zwanzig Ellen hoch und fünfzig Ellen lang wäre, und doch macht Ihr bei Eurer Behauptung ein so ernstes und zuversichtliches Gesicht, daß einem darüber die Galle überlaufen könnte. Ich bin kein Knabe, dem Ihr Stunde gebt, verstanden! So ein Greenhorn und Bücherwurm, wie Ihr seid, will schießen können! Hat sogar in türkischen, arabischen und andern dummen Scharteken herumgestöbert und will dabei Zeit zum Schießen gefunden haben! Nehmt doch einmal das alte Gun da hinten vom Nagel, und legt es an, als ob Ihr zielen wolltet! Es ist ein Bärentöter, der beste, den ich jemals in den Händen gehabt habe.«

Ich ging hin, langte die Büchse herab und legte sie an.

»Halloo!« rief er aus, indem er aufsprang. »Was ist denn das? Ihr geht ja mit diesem Gun wie mit einem leichten Spazierstocke um, und doch ist es das schwerste Gewehr, welches ich kenne! Besitzt Ihr denn eine solche Körperkraft?«

Anstatt der Antwort nahm ich ihn unten bei der zugeknöpften Jacke und bei dem Hosenbund und hob ihn mit dem rechten Arm empor.

»Thunder-storm!« schrie er auf. »Laßt mich los! Ihr seid ja noch weit kräftiger als mein Bill.«

»Euer Bill? Wer ist das?«

»Er war mein Sohn, der lassen wir das! Er ist tot, wie die Andern auch. Er versprach, ein tüchtiger Kerl zu werden, wurde aber während meiner Abwesenheit mit ihnen ausgelöscht. Ihr seid ihm ähnlich von Gestalt, habt beinahe dieselben Augen und auch denselben Zug um den Mund; darum bin ich Euch na, das geht Euch ja doch nichts an!«

Der Ausdruck tiefer Trauer hatte sich über sein Gesicht gebreitet; er fuhr mit der Hand über dasselbe und fuhr dann in munterem Tone fort:

»Aber, Sir, bei Eurer Muskelkraft ist es wirklich jammerschade, daß Ihr Euch so auf die Bücher geworfen habt. Hättet Euch körperlich üben sollen!«

»Habe ich auch.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Boxen?«

»Wird drüben bei uns nicht getrieben. Aber im Turnen und Ringen mache ich mit.«

»Reiten?«

»Ja.«

»Fechten?«

»Habe ich Unterricht erteilt.«

»Mann, schneidet nicht auf!«

»Wollt Ihr es versuchen?«

»Danke; habe genug von vorhin! Muß überhaupt arbeiten. Setzt Euch wieder nieder!«

Er kehrte zu seiner Schraubenbank zurück, und ich tat dasselbe. Die nun folgende Unterhaltung war eine höchst einsilbige; Henry schien sich in Gedanken mit irgend etwas Wichtigem zu beschäftigen. Plötzlich sah er von der Arbeit auf und fragte:

»Habt Ihr Mathematik getrieben?«

»War eine meiner Lieblingswissenschaften.«

»Arithmetik, Geometrie?«

»Natürlich.«

»Feldmesserei?«

»Sogar außerordentlich gern. Bin sehr oft, ohne daß ich es notwendig hatte, mit dem Theodolit draußen herumgelaufen.«

»Und könnt messen, wirklich messen?«

»Ja. Ich habe mich sowohl an Horizontal-, als auch an Höhenmessungen oft beteiligt, obgleich ich nicht behaupten will, daß ich mich als ausgelernten Geodäten betrachte.«

»Well sehr gut, sehr gut!«

»Warum fragt Ihr danach, Mr. Henry?«

»Weil ich eine Ursache dazu habe. Verstanden! Braucht es jetzt nicht zu wissen; werdet es schon noch erfahren. Muß vorher wissen hm, ja, muß vorher wissen, ob Ihr schießen könnt.«

»So stellt mich auf die Probe!«

»Werde es auch tun; ja, werde es tun; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Wann beginnt Ihr morgen früh den Unterricht?«

»Um acht Uhr.«

»So kommt um sechs zu mir. Wollen hinauf auf den Schießstand gehen, wo ich meine Gewehre einschieße.«

»Warum so früh?«

»Weil ich nicht länger warten will. Bin ganz begierig darauf, Euch zu zeigen, daß Ihr ein Greenhorn seid. Jetzt genug davon, habe Anderes zu tun, was weit, weit wichtiger ist.«

Er schien mit dem Gewehrlaufe fertig zu sein und nahm aus einem Kasten ein polygones Eisenstück, dessen Ecken er abzufeilen begann. Ich sah, daß jede Fläche desselben ein Loch hatte.

Er war mit solcher Aufmerksamkeit bei dieser Arbeit, daß er meine Gegenwart ganz vergessen zu haben schien. Seine Augen funkelten, und wenn er sein Werk von Zeit zu Zeit betrachtete, so sah ich, daß es, ich möchte beinahe sagen, mit einem Ausdrucke von Liebe geschah. Dieses Eisenstück mußte einen großen Wert für ihn haben. Ich war neugierig, zu erfahren, warum; darum fragte ich ihn:

»Soll das auch ein Gewehrteil werden, Mr. Henry?«

»Ja,« antwortete er, als ob er sich besinne, daß ich noch da sei.

»Aber ich kenne kein Gewehrsystem, das einen derartigen Teil besitzt.«

»Glaube es. Soll erst noch werden. Wird wohl System Henry werden.«

»Ah, eine neue Erfindung?«

»Yes.«

»Dann bitte ich um Entschuldigung, daß ich gefragt habe! Es ist natürlich Geheimnis.«

Er guckte eine längere Zeit in alle die Löcher hinein, drehte das Eisen nach verschiedenen Richtungen, hielt es einige Male an das hintere Ende des Laufes, den er vorhin fortgelegt hatte, und sagte endlich:

»Ja, es ist ein Geheimnis; aber ich traue Euch, denn ich weiß, daß Ihr Verschwiegenheit besitzt, obgleich Ihr ein ausgemachtes, richtiges Greenhorn seid; darum will ich Euch sagen, was es werden soll. Es wird ein Stutzen, ein Repetierstutzen mit fünfundzwanzig Schüssen.«

»Unmöglich!«

»Haltet Euren Schnabel! Ich bin nicht so dumm, mir etwas Unmögliches vorzunehmen.«

»Aber da müßtet Ihr doch Kammern zur Aufnahme der Munition für fünfundzwanzig Schüsse haben!«

»Habe ich auch!«

»Die würden aber so groß und unhandlich sein, daß sie genierten.«

»Nur eine Kammer; ist ganz handlich und geniert gar nicht. Dieses Eisen ist die Kammer.«

»Hm! Ich verstehe mich auf Euer Fach ja gar nicht; aber wie steht es mit der Hitze? Wird der Lauf zu heiß?«

»Fällt ihm nicht ein. Material und Behandlung des Laufes sind mein Geheimnis. Übrigens, ist es denn immer nötig, die fünfundzwanzig Schüsse alle gleich hintereinander abzugeben?«

»Schwerlich.«

»Also! Dieses Eisen wird eine Kugel, welche sich exzentrisch bewegt; fünfundzwanzig Löcher darin enthalten ebensoviele Patronen. Bei jedem Schusse rückt die Kugel weiter, die nächste Patrone an den Lauf. Habe mich lange Jahre mit dieser Idee getragen; wollte nicht gelingen; jetzt aber scheint es zu klappen. Habe schon jetzt als Gunsmith einen guten Namen, werde dann aber berühmt, sehr berühmt werden und viel, sehr viel Geld verdienen.«

»Und ein böses Gewissen dazu!«

Er sah mir eine Weile ganz erstaunt in das Gesicht und fragte dann:

»Ein böses Gewissen? Wie so?«

»Meint Ihr, daß ein Mörder kein böses Gewissen zu haben braucht?«

»Zounds! Wollt Ihr etwa sagen, daß ich ein Mörder bin?«

»Jetzt noch nicht.«

»Oder ein Mörder werde?«

»Ja, denn die Beihilfe zum Morde ist grad so schlimm wie der Mord selbst.«

»Hole Euch der Teufel! Ich werde mich hüten, Beihilfe zu einem Morde zu leisten.«

»Zu einem einzelnen freilich nicht, aber sogar zum Massenmorde.«

»Wie so? Ich verstehe Euch nicht.«

»Wenn Ihr ein Gewehr fertigt, welches fünfundzwanzigmal schießt, und es in die Hände jedes beliebigen Strolches gebt, so wird drüben auf den Prairien, in den Urwäldern und den Schluchten des Gebirges sich bald ein grausiges Morden erheben; man wird die armen Indianer niederschießen wie Cojoten, und in einigen Jahren wird es keinen Indsman mehr geben. Wollt Ihr das auf Euer Gewissen laden?«

Er starrte mich an und antwortete nicht.

»Und,« fuhr ich fort, »wenn jedermann dieses gefährliche Gewehr für Geld bekommen kann, so werdet Ihr allerdings in kurzer Zeit tausende absetzen, aber die Mustangs und die Büffel werden ausgerottet werden und mit ihnen jede Art von Wild, dessen Fleisch die Roten zum Leben brauchen. Es werden hundert und tausend Aasjäger sich mit Eurem Stutzen bewaffnen und nach dem Westen gehen. Das Blut von Menschen und Tieren wird in Strömen fließen, und sehr bald werden die Gegenden diesseits und jenseits der Felsenberge von jedem lebenden Wesen entvölkert sein.«

»‘sdeath!« rief er jetzt aus. »Seid Ihr wirklich erst vor kurzem aus Germany herübergekommen?«

»Ja.«

»Und vorher noch nie hier gewesen?«

»Nein.«

»Und im wilden Westen erst recht noch nicht?«

»Nein.«

»Also ein vollständiges Greenhorn. Und doch nimmt dieses Greenhorn den Mund so voll, als ob es der Urgroßvater aller Indianer wäre und schon seit tausend Jahren hier gelebt hätte und heute noch lebte! Männchen, bildet Euch ja nicht ein, mir warm zu machen! Und selbst wenn alles so wäre, wie Ihr sagt, so wird es mir niemals in den Sinn kommen, eine Gewehrfabrik anzulegen. Ich bin ein einsamer Mann und will einsam bleiben; ich habe keine Lust, mich mit hundert oder gar noch mehr Arbeitern herumzuärgern.«

»Aber Ihr könntet doch, um Geld zu verdienen, Patent auf Eure Erfindung nehmen und dies verkaufen?«

»Das wartet ruhig ab, Sir! Bis jetzt habe ich stets gehabt, was ich brauche, und ich denke, daß ich auch fernerhin und ohne Patent keine Not leiden werde. Und nun schert Euch für heut nach Hause! Ich habe keine Lust, einen Vogel piepen zu hören, der erst flügge werden muß, ehe er pfeifen oder singen kann.«

Es fiel mir gar nicht ein, ihm diese derben Ausdrücke übel zu nehmen; er war nun einmal so, und ich wußte recht gut, wie er es meinte. Er hatte mich liebgewonnen und war ganz gewiß gewillt, mir in jeder Beziehung, so weit er es vermochte, förderlich und dienlich zu sein. Ich gab ihm die Hand und ging, nachdem er mir dieselbe kräftig gedrückt und geschüttelt hatte.

Ich ahnte nicht, wie wichtig dieser Abend für mich werden sollte, und ebensowenig kam es mir in den Sinn, daß dieser schwere Bärentöter, den Henry ein altes Gun nannte, und der noch unfertige Henrystutzen in meinem späteren Leben eine so große Rolle spielen würden. Aber auf den nächsten Morgen freute ich mich, denn ich hatte wirklich schon viel und gut geschossen und war vollständig überzeugt, daß ich vor den Augen meines alten, sonderbaren Freundes gut bestehen würde.

Ich fand mich pünktlich morgens sechs Uhr bei ihm ein. Er wartete schon auf mich, gab mir die Hand und sagte, indem ein ironisches Lächeln über seine alten, guten, derben Züge glitt:

»Welkome [Welcome], Sir! Ihr macht doch ein recht siegesgewisses Gesicht? Meint Ihr, daß Ihr die Mauer, von der ich gestern abend sprach, treffen würdet?«

»Ich hoffe es.«

»Well, so wollen wir gleich sehen. Ich nehme ein leichteres Gewehr mit, und Ihr tragt den Bärentöter; ich mag mich mit so einer Last nicht schleppen.«

Er hing sich eine leichte, doppelläufige Rifle um, und ich nahm das “alte Gun”, welches er nicht tragen wollte. Auf seinem Schießstande angekommen, lud er beide Gewehre und tat zunächst aus der Rifle selbst zwei Schüsse. Dann kam ich an die Reihe mit dem Bärentöter. Ich kannte dieses Gewehr noch nicht und traf infolgedessen beim ersten Schusse nur grad den Rand des Schwarzen in der Scheibe; der zweite Schuß saß besser; der dritte nahm die genaue Mitte des Schwarzen, und die nächsten Kugeln gingen alle durch das Loch, welches die dritte durchgeschlagen hatte. Das Erstaunen Henrys wuchs von Schuß zu Schuß; ich mußte auch die Rifle probieren, und als dies ganz denselben Erfolg hatte, rief er schließlich aus:

»Entweder Ihr habt den Teufel, Sir, oder Ihr seid zum Westmann rein geboren. So habe ich noch kein Greenhorn schießen sehen!«

»Den Teufel habe ich nicht, Mr. Henry,« lachte ich. »Von einem solchen Bündnisse möchte ich nichts wissen.«

»So ist es Eure Aufgabe und sogar Eure Pflicht, Westmann zu werden. Habt Ihr keine Lust dazu?«

»Warum nicht!«

»Well, werden sehen, was sich aus dem Greenhorn machen läßt. Also reiten könnt Ihr auch?«

»Zur Not.«

»Zur Not? Hm! Also doch nicht so gut, wie Ihr schießt?«

»Pshaw! Was ist das Reiten weiter! Das Aufsteigen ist das Schwierigste. Wenn ich dann erst oben sitze, bringt mich wohl kein Pferd herunter.«

Er sah mich forschend an, ob ich im Ernste oder im Scherze gesprochen hatte; ich machte ein höchst unbefangenes Gesicht, und so meinte er:

»Denkt Ihr wirklich? Wollt Euch wohl an der Mähne anhalten? Da seid Ihr im Irrtum. Ihr habt ganz richtig gesagt: Das Hinaufkommen ist das Schwierigste, denn das muß man selber machen; das Herabkommen ist viel leichter: das besorgt der Gaul, und darum geht es viel, viel schneller.«

»Bei mir besorgt es der Gaul aber nicht!«

»So? Wollen sehen! Habt Ihr Lust, eine Probe zu zeigen?«

»Gern.«

»So kommt! Es ist erst sieben Uhr, und Ihr habt noch eine Stunde Zeit. Wir gehen zu Jim Korner, dem Pferdehändler; der hat einen Rotschimmel, der es Euch schon besorgen wird.«

Wir kehrten in die Stadt zurück und suchten den Pferdehändler auf, bei dem es einen weiten Reithof gab, welcher rings von Stallungen umgeben war. Korner kam selbst herbei und fragte nach unserm Begehr.

»Dieser junge Sir behauptet, daß ihn kein Pferd aus dem Sattel bringe,« antwortete Henry. »Was meint Ihr dazu, Mr. Korner? Wollt Ihr ihn einmal auf Euern Rotschimmel klettern lassen?«

Der Händler maß mich mit prüfendem Blicke, nickte dann befriedigt vor sich hin und antwortete:

»Das Knochengestell scheint gut und elastisch zu sein; übrigens brechen junge Menschen den Hals nicht so leicht wie ältere Leute. Wenn der Gentleman den Schimmel versuchen will, so habe ich nichts dagegen.«

Er gab den betreffenden Befehl, und nach einiger Zeit brachten zwei Knechte das gesattelte Pferd aus dem Stall geführt. Es war höchst unruhig und strebte, sich loszureißen. Meinem alten Mr. Henry wurde Angst um mich; er bat mich, von dem Versuche abzustehen; aber erstens war mir gar nicht bange, und zweitens betrachtete ich die Angelegenheit nun als Ehrensache. Ich ließ mir eine Peitsche geben und Sporen anschnallen; dann schwang ich mich, allerdings nach einigen vergeblichen Versuchen, gegen welche das Pferd sich wehrte, in den Sattel. Kaum saß ich oben, so sprangen die Knechte eilends fort, und der Schimmel tat einen Satz mit allen Vieren in die Luft und einen zweiten zur Seite. Ich behielt den Sattel, obgleich ich noch nicht in den Bügeln war, beeilte mich aber, hineinzukommen. Kaum war dies geschehen, so begann der Gaul, zu bocken; als dies nichts fruchtete, ging er zur Wand, um mich an derselben abzustreifen; die Peitsche aber brachte ihn rasch von derselben fort. Hierauf gab es einen bösen, beinahe für mich gefährlichen Kampf zwischen Reiter und Pferd. Ich bot alles auf, das wenige Geschick und die unzureichende Uebung, welche ich damals nur besaß, und die Kraft der Schenkel, die mich schließlich doch zum Sieger machte. Als ich abstieg, zitterten mir die Beine vor Anstrengung; aber das Pferd triefte vor Schweiß und schäumte große, schwere Flocken; es gehorchte nun jedem Drucke und Rucke.

Dem Händler war Angst um sein Pferd geworden; er ließ es in Decken wickeln und langsam hin und her führen; dann wendete er sich an mich:

»Das hätte ich nicht gedacht, junger Mann; ich glaubte, Ihr würdet schon beim ersten Sprunge unten liegen. Ihr habt natürlich nichts zu bezahlen, und wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt, so kommt wieder und bringt mir die Bestie vollends zu Verstand. Es soll mir auf zehn Dollars nicht ankommen, denn es ist kein billiges Pferd, und wenn es gehorchen lernt, so mache ich ein Geschäft.«

»Wenn es Euch recht ist, soll es mir ein Vergnügen sein,« antwortete ich.

Henry hatte, seit ich abgestiegen war, noch nichts gesagt, sondern mich nur immer kopfschüttelnd angesehen. Jetzt schlug er die Hände zusammen und rief aus:

»Dieses Greenhorn ist wirklich ein ganz außerordentliches oder vielmehr ungewöhnliches Greenhorn! Hat das Pferd halb tot gedrückt, anstatt sich in den Sand werfen zu lassen! Wer hat Euch das gelehrt, Sir?«

»Der Zufall, der mir einen halbwilden, ungarischen Pußtenhengst, der niemand aufsitzen lassen wollte, zwischen die Beine gab. Ich habe ihn nach und nach bezwungen, dabei aber fast das Leben riskiert.«

»Danke für solche Kreaturen! Da lobe ich mir meinen alten Polsterstuhl, der nichts dagegen hat, wenn ich mich auf ihn setze. Kommt, wir wollen gehen. Es ist mir ganz schwindelig geworden. Aber umsonst habe ich Euch nicht schießen und reiten sehen; darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

Wir gingen nach Hause, er zu sich und ich in meine Wohnung. Während dieses und der beiden nächsten Tage ließ er sich nicht sehen, und ich hatte auch keine Gelegenheit, ihn aufzusuchen; aber am darauffolgenden Tage kam er des Nachmittags zu mir; er wußte, daß ich da frei hatte.

»Habt Ihr Lust, einen Spaziergang mit mir zu machen?« fragte er.

»Wohin?«

»Zu einem Gentleman, der Euch gern kennen lernen will.«

»Warum mich?«

»Das könnt Ihr Euch doch denken: weil er noch kein Greenhorn gesehen hat.«

»So gehe ich mit; er soll uns kennen lernen.«

Henry machte heut so ein pfiffiges, unternehmendes Gesicht, und wie ich ihn kannte, hatte er irgend eine Überraschung vor. Wir schlenderten durch einige Straßen und dann führte er mich in ein Bureau, in welches von der Straße aus eine breite Glastür führte. Er nahm den Zutritt so schnell, daß ich die goldenen Lettern, welche auf den Glasscheiben standen, nicht mehr lesen konnte, doch glaubte ich, die beiden Worte Office und surveying gesehen zu haben. Bald stellte es sich heraus, daß ich mich nicht geirrt hatte.

Es saßen drei Herren da, welche ihn sehr freundlich und mich höflich und mit nicht zu verbergender Neugierde empfingen. Karten und Pläne lagen auf den Tischen; dazwischen gab es allerlei Meßinstrumente. Wir befanden uns in einem geodätischen Bureau.

Welchen Zweck mein Freund mit diesem Besuche verfolgte, war mir unklar; er hatte keine Bestellung, keine Erkundigung vorzubringen; er schien nur der freundschaftlichen Unterhaltung wegen gekommen zu sein. Diese kam allerdings sehr bald in einen lebhaften Gang, und es konnte nicht auffallen, daß sie sich schließlich auch auf die Gegenstände, welche sich hier befanden, erstreckte; dies war mir lieb, denn da konnte ich mich besser beteiligen, als wenn von amerikanischen Dingen oder Verhältnissen gesprochen worden wäre, die ich noch nicht kannte.

Henry schien sich heut außerordentlich für die Feldmeßkunst zu interessieren; er wollte alles wissen, und ich ließ mich gern so tief in das Gespräch ziehen, daß ich endlich immer nur Fragen zu beantworten, den Gebrauch der verschiedenen Instrumente zu erklären und das Zeichnen von Karten und Plänen zu beschreiben hatte. Ich war wirklich ein tüchtiges Greenhorn, denn ich merkte nicht die Absicht heraus. Erst als ich mich über das Wesen und die Unterschiede der Aufnahme durch Koordinaten, der Polar-und Diagonalmethode, der Perimetermessung, des Repetitionsverfahrens, der trigonometrischen Triangulation ausgesprochen hatte und die Bemerkung machte, daß die drei Herren dem Büchsenmacher heimlich zuwinkten, wurde mir die Sache auffällig, und ich stand von meinem Sitz auf, um Henry anzudeuten, daß ich zu gehen wünsche. Er weigerte sich nicht, und wir wurden jetzt auch ich noch freundlicher entlassen, als der Empfang gewesen war.

Als wir dann so weit gegangen waren, daß man uns von dem Bureau aus nicht mehr sehen konnte, blieb Henry stehen, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte, indem sein Gesicht in heller Genugtuung leuchtete:

»Sir, Mann, Mensch, Jüngling, Greenhorn, aber habt Ihr mir eine Freude gemacht! Ich bin ja förmlich stolz auf Euch!«

»Warum?«

»Weil Ihr meine Empfehlung und die Erwartung dieser Leute noch übertroffen habt!«

»Empfehlung? Erwartung? Ich verstehe Euch nicht.«

»Ist auch nicht nötig. Die Sache ist aber sehr einfach. Ihr behauptetet kürzlich, etwas von der Feldmesserei zu verstehen, und um zu erfahren, ob dies etwa nur Flunkerei gewesen sei, habe ich Euch zu diesen Gentlemen, die gute Bekannte von mir sind, geführt und Euch von ihnen auf den Zahn fühlen lassen. Es ist ein sehr gesunder Zahn, denn Ihr habt Euch höchst ehrenvoll herausgebissen.«

»Flunkerei? Mr. Henry, wenn Ihr mich solcher Dinge für fähig haltet, werde ich Euch nicht mehr besuchen!«

»Laßt Euch nicht auslachen! Ihr werdet mich alten Kerl doch nicht der Freude berauben, die mir Euer Anblick macht. Wißt schon, wegen der Ähnlichkeit mit meinem Sohne! Seid Ihr vielleicht einmal beim Pferdehändler gewesen?«

»Täglich des Morgens.«

»Und habt den Rotschimmel geritten?«

»Ja.«

»Wird etwas aus dem Pferde?«

»Will es meinen. Nur bezweifle ich, daß der, welcher es kauft, so gut mit ihm auskommen wird wie ich. Es hat sich nur an mich gewöhnt und wirft jeden Andern ab.«

»Freut mich, freut mich ungeheuer; es will also, wie es scheint, nur Greenhorns tragen. Kommt einmal mit durch diese Seitenstraße! Weiß da drüben ein famoses dining-house, in welchem man sehr gut speist und noch besser trinkt. Das Examen, welches Ihr heut so vortrefflich bestanden habt, muß gefeiert werden.«

Ich konnte Henry nicht begreifen; er war wie umgetauscht. Er, der einsame, zurückhaltende Mann, wollte in einem dining-house essen! Auch sein Gesicht war ein anderes als gewöhnlich, und seine Stimme klang heller und froher als sonst. Examen hatte er gesagt. Das Wort fiel mir auf, konnte hier aber ein ganz bedeutungsloser Ausdruck sein.

Von diesem Tage an besuchte er mich täglich und behandelte mich wie einen lieben Freund, den man bald zu verlieren befürchtet. Aber einen Stolz über diese Bevorzugung ließ er in mir nicht aufkommen; er hatte stets einen Dämpfer bereit, welcher in dem fatalen Wort Greenhorn bestand.

Sonderbarerweise hatte sich zu derselben Zeit auch das Verhalten der Familie, in der ich wirkte, verändert. Die Eltern hatten sichtlich mehr Aufmerksamkeit für mich, und die Kinder waren zärtlicher geworden. Ich überraschte sie bei heimlichen Blicken auf mich, die ich nicht verstehen konnte; ich hätte sie liebevoll und auch bedauernd nennen mögen.

Ungefähr drei Wochen nach unserm sonderbaren Besuche im Bureau bat mich die Lady, am Abend, der heut für mich ein freier war, nicht auszugehen, sondern das supper mit der Familie zu nehmen. Als Grund dieser Einladung gab sie an, daß Mr. Henry kommen werde, und außerdem habe sie zwei Gentlemen geladen, von denen der eine Sam Hawkens heiße und ein berühmter Westmann sei. Ich als Greenhorn hatte diesen Namen noch nicht gehört, freute mich aber doch darauf, den ersten wirklichen und sogar berühmten Westmann kennen zu lernen.