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Inzwischen ist auch der restliche Wurmausschuss überraschend verschwunden, spurlos und restlos, ist tatsächlich unerwartet wie vom Erdboden verschluckt, in Bruchteilen eines Zwinkerns nur.
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Seitenzahl: 73
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ständig wendet sich die Meise im Gehen unwirsch um, hält manchmal kurz und ungehalten inne und blickt verärgert zurück. Man sieht ihr die tiefe Beunruhigung und Besorgnis deutlich an, denn die Würmer folgen ihr betont gemächlich und demonstrativ gelassen. Sie halten dabei immer fein säuberlich diese obligaten zehn Meter Abstand zu ihr ein, in einem lockeren Gewürmknäuel halb auf dem Gehsteig, halb auf der Straße dahinschlurfend, also vermeintlich acht- und sorglos und für Außenstehende wie absichtslos und, vor allem, scheinbar inoffensiv. In Wahrheit aber handelt es sich hierbei um einen sehr bedrohlichen Pulk, um ein überaus angriffiges Rudel, um eine besonders für Unbeteiligte und Unbedachte ausnehmend feindselige Horde. Man merkt deshalb sofort, dass es der Meise alles andere als wohl ist, denn sie sieht aus, als befände sie sich auf dem Weg zu ihrer eigenen Hinrichtung, und ein aufmerksamer, vielleicht sogar eingeweihter Beobachter erkennt auf den ersten Blick, dass der überaus zänkische Wurmausschuss und die bestimmt friedfertige Meise zwei geradezu entgegengesetzte Elemente ein- und derselben hoffnungslosen Unternehmung sind, zwei unvereinbare Gegensätze, die gerade deshalb nichts miteinander zu tun haben wollen, vor allem aber überhaupt nicht zusammenpassen und schon gar nicht miteinander übereinstimmen können.
Das ist völlig richtig beurteilt, denn sie haben tatsächlich nichts miteinander gemein, die Meise und die Würmer; man versteht sofort, dass das deutlich ameisoide Gewürm gar nicht zu dieser hoffnungslosen Unternehmung passt, noch jemals dazugehören möchte, obwohl es sehr wohl dazugehört; das ist überhaupt erst die Ausgangslage dieses wahrhaft dramatischen Dilemmas, von dem wir jetzt in aller Ausführlichkeit erfahren werden. Doch wo sollte ein solch widerlicher Wurmausschuss überhaupt jemals hinzugehören können, ausgerechnet er, der in seiner kümmerlichen Wurmhaftigkeit aus Prinzip alles ablehnt, was wie eine An- und Zugehörigkeit ausschaut oder auch nur von weitem nach einer bindenden Mitgliedschaft riecht, und wo sollte er, der Widerwärtige, der Überflüssige, der Unerwünschte, der Ungebetene und allseits Abgelehnte, überhaupt jemals Anschluss oder gar Anerkennung finden können, wenn nicht an dieser unverbindlichen Stelle?
Könnte es sein, so fragt sich die Meise zögerlich, dass das dreckige Pack, das ihr doch eher unverpflichtet, also völlig unverbindlich und somit gänzlich zwangslos folgt, als dass sie es jemals dazu nötigen könnte, ihr zu folgen und das sie längst nur noch als einen ungebetenen, ungezügelten und restlos unerwünschten Wurmhaufen, bestenfalls als einen sehr lockeren Wurmschwarm, meist aber als eine dunkle, amorphe Wurmmasse, also als ein widerliches, klebriges, oft bedrohlich nach Haschisch, Bier und ordinären Schnaps stinkendes Konglomerat oder, noch trefflicher, noch bezeichnender, als rundweg überflüssigen Wurmfortsatz wahrnimmt, der auch während dieser doch eher spontanen, also unnötigen und somit völlig nutzlosen Unternehmung ständig neue Handelspartner, frische Handelsware, neue Warentransaktionen und somit lukrative Geschäftsbeziehungen sucht, seine einzige, seine wahre Berufung übrigens, seine leidenschaftlich ausgeübte und scheinbar angeborene Beschäftigung genau wie zu Hause, und dass er bei dieser offiziellen meisischen Unternehmung nur deshalb überhaupt erst mit dabei ist?
Die verschworene und absurderweise gleichzeitig ständig in sich zerstrittene Wurmbüchse ist ja immer und pausenlos auf der Suche nach dem dringend benötigten Wurmstoff, eine emsig betriebene Tätigkeit, die ihr längst zur nüchternen Gewohnheit und somit zur leidenschaftslosen Routine geworden ist, und wenn nicht direkt nach Betäubungsmitteln aller Art gesucht wird, dann zumindest nach potentieller Käuferschaft und kaufkräftiger Kundschaft für selbige, also nach lokalen Drogenkonsumenten und solchen, die es noch werden sollen, werden wollen oder werden müssen, in bedachtsamer Umgehung der örtlichen Drogenclans, die ihre einträglichen Reviere auch hier mit Argusaugen überwachen und hüten, oder aber mit Blick auf besonders schnelles Geld, wenn möglich gleich bei labilen Päderasten, devoten Pädophilen und allerlei mehr als subtilen Wurmliebhabern der widerlichen Sorte, wie die Würmer sie unweigerlich in fast allen abgelegenen Parks und öffentlichen Toilettenanlagen antreffen und sofort hemmungslos ausnehmen, vielleicht sogar bei pathologischen Wurmfressern oder aber, bei besonders dringendem Bedarf, bloß aus allerhand Handschuhfächern, versteckten Garderoben, sträflich offengelassenen Kassen, leicht zu knackenden Getränke- und Billettautomaten, lockeren Brieftaschen, unbeaufsichtigten Damenhandtaschen, leichtfertig stehen gelassenen Einkaufstaschen oder notfalls auch nach anderswie Verwertbarem – eigentlich und prinzipiell nach rundweg allem, was einen gewissen Wiederverkaufs- oder Eintauschwert haben könnte, was sich also unauffällig entwenden und somit schnell und anonym verscherbeln ließe und auch nur entfernt nach Barem röche.
Die Meise hat es nämlich – wir merken es gleich – mit schon recht früh verpfuschten Wurmleben zu tun, unablässig und deutlich unstet in Bewegung wie gefangene Raubtiere, auf der ständigen und ruhelosen Suche nach irgendwas Verwertbarem: So sieht das Leben eines ganz gewöhnlichen Wurmausschusses und beliebigen Wurmfortsatzes heute aus, und nur deswegen ist er derart rastlos unterwegs, der Verdorbene, der Ausfällige, der Hemmungslose, der Unbeherrschte, pausenlos umhergetrieben, unruhig, fahrig, aufgeregt bis hektisch, gleichzeitig auch noch ständig von dritter Seite herumgeschoben und herumgestoßen und deshalb kaum jemals in einem halbwegs erträglichen, normalen Ruhezustand, also kaum jemals in mittlerweile unerträglich gewordener Regungslosigkeit, das heißt, kaum jemals in absolut wirkungsloser Tatenlosigkeit und somit in extrem unprofitabler, also nutzloser und unnötiger Untätigkeit. Wie auch? Tag und Nacht äußerlich geistig abwesend jeden erreichbaren Müll in sich hineinstopfend, als würde ihn unausgesetzt ein aufgeregter, innerer Hunger beharrlich und zwingend vorantreiben, eine allerdings nur für ungeübte Außenstehende undurchschaubare Dringlichkeit, doch gleichzeitig eine unübersehbare Eile, eine stete Anspannung und eine zerstörerische Unrast: So sieht ein ganz gewöhnlicher Wurmhaufen heute aus.
Die Katzen streiten diese Tatsachen zwar vehement ab und glauben ernsthaft, es handle sich auch hier nur um ganz gewöhnliche Würmer, denen massiv Unrecht getan würde, nur kennt kaum jemand diese Tatsachen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und weil man das gar nicht sehen will, noch wissen soll und deshalb alles tut, um das nicht sehen und somit eingestehen zu müssen. Wir haben hier eine Wirklichkeitsverweigerung größten Ausmaßes vor Augen, auf die wir bestimmt noch einige Male stoßen werden. Ein würmischer Ausschuss kann eben nicht stille sein, ebenso wenig, wie er sich jemals auch nur für kurze Zeit ruhig verhalten möchte, geschweige denn, dass er für einmal aufmerksam zuhörte oder gar ungewohnt konzentriert wäre. Vergessen Sie das, vergessen Sie das gleich! Das kann er sich gar nicht mehr leisten, denn das Gift macht ihn gezwungenermaßen absolut unberechenbar, macht ihn immerfort flatterig, macht ihn überaus unruhig, ungesund angespannt und ausgesprochen fahrig, kurz, es macht ihn unbrauchbar für sich selber, und für alle anderen völlig unnütz und zudem wertlos, überflüssig halt, wie schon erwähnt. Ausschuss. Abfall. Dreck und Müll, denn kaum hat er endlich etwas gefunden, was er verwerten kann, ist er bereits wieder auf der Suche nach dem Nächsten, immerfort das folgende geschäftliche oder toxische Ereignis vor Augen, den kommenden Handelsabschluss, den baldigen Konsum, den schnellen Verkauf, die zwingende Vorsichtsmaßnahme, die unabwendbare Umsicht, das überaus sorgsam geplante Ausweichmanöver, die geschikkte Täuschung, die unumgänglich kecke Verleugnung, die weitsichtig vorsorgliche Vertuschung, die überraschend kreative Umgehung und die krasseste Verschleierung vor Augen, die man sich vorstellen kann, immer in fiebriger Erwartung des zukünftigen Geschehens und seiner durchaus absehbaren Folgen oder auch seiner unabsehbaren Konsequenzen. Hinzu kommt, dass es gar keinen Sinn hat, sich bei ihm zu erkundigen, ihn höflich danach zu fragen, ihn darum zu bitten oder ihn gar umständlich auszufragen, denn natürlich lügt der würmische Ausschuss, jederzeit und überall und immerdar, direkt und indirekt; das Gewürm täuscht nämlich laufend, umgeht bedachtsam, lenkt geschickt ab, erfindet sauber durchdacht und verwischt stets zweckgerichtet und schnell alle verräterischen Spuren und lenkt bewusst davon ab, völlig selbstverständlich, automatisch und ausnehmend geübr und somit gekonnt.
Er hat das drauf, und er kann gar nicht anders, weil dies ein wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Teil seines Geschäfts ist. Für Würmer sind nüchternes Lügen und kalkuliertes Täuschen zwei ganz normale, praxisbezogene Ablenkungs- und somit Verteidigungsvorgänge, ebenso wie Stehlen und Hehlen, sind zwei gewöhnliche Werkzeuge in seiner Hand, sind ganz alltägliche Mittel zum Zweck, die von zehnmal mindestens neunmal vorzüglich klappen, und sie sind allein deshalb ein durchaus übliches Verhalten mit bewusst akzeptierter Schadensbegrenzung, alles in allem nichts anderes als eine kaltblütig und beherrscht angewandte Wahrscheinlichkeitsrechnung der Ober- und Sonderklasse. Ununterbrochen lügen und betrügen muss ja heute jeder gewöhnliche Ausschuss, er muss diese praktischen Werkzeuge zudem blindlings beherrschen, naturgemäß, folgerichtig und