4 Das teuflische Dreieck - Alex Gfeller - E-Book

4 Das teuflische Dreieck E-Book

Alex Gfeller

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Beschreibung

Lachse flachsen, Möwen schwirren, Hirsche kreischen, Dachse springen und Kolibris röhren, und über allem hängt der Segen, nämlich der Haussegen, uneinheitlich schief natürlich.

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Seitenzahl: 73

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Es ist das gleiche Haus, dessen ist sie sich ganz sicher, denn die äußere Form der hellen Fassade und die Anzahl der vielen kleinen Fenster sind präzise dieselben, die Dachform passt auch, und somit ist die stattliche Erscheinung identisch mit dem Bild, das sich ihr auf unverständlich trügerische Weise schon von Weitem ergeben hat. Es muss sich um besagtes Haus handeln, um den angedeuteten Adlerhorst also; etwas anderes kann es gar nicht sein, daran besteht kein Zweifel. Die Meise atmet endlich erleichtert auf.

Hier oben liegt noch überraschend viel Schnee; es ist derselbe alte, morsche Harsch, derselbe Bruchschnee, derselbe Fim, den sie bereits am Mittag auf der Nordseite des flachen Sattels angetroffen hat, und die leuchtenden Schneefelder ziehen sich unberührt bis zu den weiten, wilden Geröllhalden hinauf, die sich steil an die Bergflanken bis in die halbe Höhe der mausgrauen Felswände des langgezogenen Gebirgszuges ausdehnen. Das eindrückliche Haus ist höchstens noch fünfzig Meter von ihr entfernt, doch bereits von hier aus ist deutlich zu erkennen, dass es leer, zerstört und verlassen ist. Es fehlen all die Fenster, die Fensterrahmen, die Türrahmen und auch die Türen, und das Dach ist, aus der Nähe betrachtet, auch sehr schadhaft und völlig unbrauchbar geworden, kurz, das alte und extrem solide gebaute Haus ist vollständig ausgehöhlt, schon halb zerfallen und somit unbewohnbar und unbrauchbar. Es muss schon seit langem in diesem beklagenswerten Zustand sein, denn es sieht bestimmt nicht danach aus, als wäre es noch bis vor kurzem bewohnt gewesen.

Man blickt von hier aus direkt ins leere Innere des alten Gebäudes, und dort drinnen ist wirklich nichts mehr zu finden: Die Riemenböden, die Kassettendecken und die teuren Täfelungen sind herausgerissen worden, wie auch die Öfen, die Kamine und die Herde, und nichts ist von alledem übrig geblieben, was das Haus einst bewohnbar oder gar wohnlich gemacht hat, absolut nichts.

Die Meise ist nach der schier übermeisischen Anstrengung, die sie unerwartet unbeschadet hinter sich gebracht hat, verständlicherweise sehr enttäuscht, schockiert gar; sie setzt sich erst mal erschöpft in den Schnee und starrt entsetzt vor sich hin. Diese fatale Wendung hat sie nicht erwartet, noch ist es ihr gelungen, die Entwicklung, den Verlauf und die Bedeutung des ganzen Geschehens richtig zu erfassen und konkret abzuschätzen. Sie ist zwar in den letzten Stunden eindeutig über sich hinaus gewachsen, zweifellos, hat soeben eine Leistung erbracht, die sie sich selber niemals zugetraut hätte, doch gewiss nicht zu ihrem eigenen Vorteil, noch zum Vorteil des saumseligen Wurmausschusses, der gerade wer-weiß-wo stecken mag – hoffentlich nicht in dieser tödlichen Wand, wünscht die Meise insgeheim, warum auch immer.

Sie jedenfalls darf jetzt gar nicht daran denken, denn all die unerwarteten Ereignisse und die unvorhergesehenen Umstände überfordern verständlicherweise sowohl der Meise Denkvolumen, als auch ihr ganzes Vorstellungsvermögen. Doch wer wäre in dieser verzweifelten Lage nicht erschüttert, entsetzt und bestürzt? Wer hätte, an diesem unheilvollen Punkt angekommen, nicht genug? Wer würde in diesem Moment nicht einfach aufgeben, den Bettel hinwerfen und entsetzt das Weite suchen?

Lange betrachtet die Meise die traurige Ruine, und je länger sie das ausgeweidete, alte Bergkonstrukt anschaut, desto stärker hat sie das Gefühl, dieses Haus schon einmal gesehen zu haben, und zwar genau dieses Haus an genau dieser exponierten Stelle. Aber wann? Und bei welcher Gelegenheit? Sie zerbricht sich vergeblich den Kopf, immer noch im Schnee sitzend, immer noch auf die Ruine starrend. Sie weiß noch genau, wie damals die Vögel ausgesehen haben, die darin gewohnt haben, und sie müsste eigentlich auch noch wissen, wie sie geheißen haben, auch das müsste ihr wieder einfallen.

Sie kann sich noch recht gut an sie erinnern: Es lebten daselbst zwei große, komplette Greifvogelgroßfamilien mit vielen stolzen Söhnen und ausnehmend schönen Töchtern, und die Meise erinnert sich zudem, dass sie diese beiden so eindrücklichen und einprägsamen Vogelfamilien damals als eine richtige Vogelfamilienidylle angesehen hat, als eine Vorbildfunktionsvogelfamiliengemeinschaft, als zwei Mustervogelfamilien schlechthin, stellvertretend für die gesamte Landesornithologie und die komplette Nationalvervö-gelung gewissermaßen, als typisches Vogelsinnbild für eine gesunde, wehrhafte Vogelnation voller Vogelzuversicht und zudem als geeignetes Vogelvorbild für alle anderen Vogelfamilien.

Waren sie nicht auf einer postalischen Sonderbriefmarke verewigt, als vögelnde Bartgeier oder fickende Steinadler, welche die Meise schon als Kind stolz in ihrer sorgfältig gepflegten und recht umfangreichen Briefmarkensammlung gehütet hat? Pro Patria? Oder Pro Juventute? Pro Infirmis? Pro Senectute? Pro Dignitas? Pro Inferi? So pathetisch hat sie diese völkischen Erscheinungen damals in ihrer jugendlichen Ahnungslosigkeit gesehen, genau so pathetisch, wie sie im Kino und im Radio geklungen haben, erinnert sie sich jetzt, auch wenn sie heute auf Grund all ihrer bitteren Erfahrungen solche mehr als zweifelhaften Elemente und Aspekte ganz anders beurteilen möchte. Doch damals war sie fest davon überzeugt, in ausgerechnet diesem einsamen Vogelhaus den Quell, das Zentrum, den Nukleus und den Anfang allen gesunden Zusammenseins, Zusammenlebens und Zusammenhaltes, aber auch den Kern des Vogellebens selber überhaupt erst gefunden zu haben, zudem allen anderen Vögeln zum leuchtenden Vorbild gereicht, zum klassischen Beispiel und somit zur Nachahmung empfohlen.

Doch wann war das? Und wie ist sie davon wieder weg- und abgekommen? Was hat sie dazu gebracht, ihre ganzen Vorstellungen zu verwerfen? Im Verlaufe der Zeit muss sie von dieser eindrücklichen Ansicht ja wieder weggedriftet sein, das ist eindeutig und unabweisbar. Zum Glück, muss man sofort erleichtert anfügen, zum Glück. Doch was hat sie damals dazu gebracht? Wie ist sie damals überhaupt dazu gekommen, als Außenstehende, als Außenseiterin und als Fremde voller aufrechter Bewunderung vor genau diesem ehemals so stolzen Horst zu stehen?

Sie kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern; das muss schon sehr lange her sein, nimmt sie unsicher an. Vielleicht in ihrer Kindheit? Doch wenn sie sich umblickt, wenn sie den Blick lange über die weitläufigen, schneebedeckten Alpweiden schweifen lässt und bis zu den hohen Bergen hinaufschaut, bis zu den eisgrauen Felswänden und den schwarzen Schründen und Abgründen bis hin zu den immensen Geröllhalden und Felstrümmerfeldern, bis zu den kahlen, grauen Steilwänden, den blau schimmernden Gletscherfetzen und den weiß glänzenden Jochs, also bis hoch zu den verlockend glitzernden Bergspitzen und den blendend weiß wehenden Wolkenfahnen hinauf, welche die Bergriesen umwehen, dann weiß sie mit endgültiger Sicherheit, dass sie dies alles schon einmal gesehen hat, und zwar genau dies hier und nichts anderes, genau diese überaus eindrückliche Gebirgslandschaft, genau dieses beeindruckende Alpenszenario, genau dieses opulente Bergpanorama!

Sie kann somit voller Überraschung davon ausgehen, dass sie hier schon einmal gewesen sein muss und dass sie sich hier schon einmal für längere Zeit aufgehalten hat, vielleicht in ihrer Jugend, vielleicht sogar in ihrer frühen Kindheit, wer weiß? Sie müsste sogar wissen, wie die gefiederten Bewohner hier geheißen haben, fällt ihr wiederum ein, und sie überlegt noch einmal ausführlich: Die beiden Vogelfamilien, die diesen stolzen Berghorst seit Generationen bewohnt und genutzt haben, die Familien Adler und Geier (jetzt fallen ihr die Familiennamen plötzlich wieder ein), müssen ihn irgendwann mal abrupt verlassen haben und dürften aus Gründen, die der Meise wohl für immer verborgen bleiben werden, anderswo hingegangen sein, fluchtartig vielleicht, ins Flachland hinunter, wo sowieso die meisten Vögel leben, vielleicht sogar als von weither importierte Exoten in großen Voli-èren der diversen Zoos, zum Gefallen eines nur mäßig interessierten Wurmfanatikums, eines urbanen, gelangweilten Banalpublikums der Bananenklasse, eines ständig Kaugummi kauenden, feixenden und schubsenden Trivialauditoriums, unter professioneller Observation und zuverlässiger Fütterung durch ein fachkundiges Personal.

Die Meise vermag sich beim Anblick dieses verlassenen Hauses sogar an ihre ausdrucksvollen Gesichter zu entsinnen, an ihre scharf geschnittenen Schnäbel, an ihre langen Krallen, an ihre eindrücklichen Augenformen und Augenfarben und an ihr markantes, kräftiges Gefieder, und sie müsste sich eigentlich auch an die Vornamen der einzelnen Mitglieder der beiden Familien erinnern können, besonders an die Vornamen der Kinder und auch der Haustiere, mit denen sie damals gespielt hat; genau das sollte ihr jetzt endlich einfallen, findet sie auf einmal aufgeregt.

Doch nichts davon findet statt; ihr Erinnerungsvermögen lässt sie schmählich im Stich, und ihre blässlichen Betrachtungen voller Lücken und Fehler sind längst viel zu ungenau geworden, obschon sie eigentlich vom Bild her, sowie auch von der Vorstellung her, ganz präzise sind und geradezu erstaunlich viele Einzelheiten preisgeben, z.B. die typischen, rot und weiß gewürfelten Vorhänge, Kopfkissen und Deckbetten, sowie kräftigende Gerstensuppen in tiefen, rustikalen Tellern, kleine Ölmalereien an dunkel