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Hier gibt es nichts. Gar nichts. Man ist diesem schlechten Wetter schutzlos ausgesetzt und ausgeliefert, und man kann nur hoffen, dass der heftige Regen bald aufhören werde, eine gewagte Hoffnung angesichts der kompakten, schweren, schwarzen Regenwolkendecke, die nur knapp über den ersten, flachen Erhebungen in Sichtweite und nahezu in Griffweite über der eintönigen Landschaft hängt.
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Seitenzahl: 80
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Graudichte, fetzenartige Regenschleier hängen schwer und nass aus einem schwarzen Gewölk herab, und hinzu kommen die rasch wandernden, wabernden Nebelschwaden in hellem, fast grellem Weiß und tiefem Dunkelgrau. Zuweilen sind kleine, putzige Dörfer mit strohgedeckten Hütten zu sehen, dazu vereinzelte, traurige Kühe und einige unelegant dicke, eierlos depressive Ochsen, die wie in Trance bis zum Bauch im Wasser stehen und sich allmählich fragen müssen, was das Ganze überhaupt soll.
Auf den letzten flachen Erhebungen zwischen den vielen Feldern finden sich einige ebenfalls ratlose Schweine und deutlich unschlüssiges Hühnervolk ein, an sich nützliche Nutztiere, denen man deutlich ansehen kann, dass sie längst nicht mehr wissen, was sie jetzt machen sollen. Wie auch? Es gibt ja nichts mehr zu tun. Die Landschaft wirkt verlassen und vergessen, zumal auch keine Enten und Gänse mehr zu sehen sind, gerade da, wo doch eigentlich wahre Massen von einfachen, grau gefleckten Landenten und ganze Herden von schneeweißen Gänsen emsig herumwuseln und herumwatscheln sollten, Enten zu Fuß und auf Fahrrädern, Gänse am Rande der Äcker stehend und in den normalerweise nur knöcheltief oder höchstens knietief überfluteten Reisfelder watend, brave, einfache Landenten mitten in den Gemüsebeeten kauernd oder im knöcheltiefen, grauen Schlick der frisch gepflügten Reisfelder stapfend, dazu selbstbewusst und stolz schnarrende Gänse mit den Früchten von Acker, Feld und Wasser schwer bepackt, oder aber mit Werkzeugen und allerlei Gerätschaften aller Art zur Land- und Wasserbearbeitung, oder aber mit Reusen und Netzen für die Teiche schwer beladen, kleinwüchsige Landenten in bunten Röcken, Schürzen und Turbanen, sowohl die Enteriche, als auch die Entinnen selber, also die Erpel und die Knorpel, die Ferkel und die Forken, oder aber die Gänseriche und Gänsinnen, also die Goosen und die Gaasen, von Kopf bis Fuß ganz in Weiß gehüllt, alle zudem barfuß, dazu überall unübersehbar viele lebhafte Entenküken und wuschelige Gänseküken in großer Zahl, die piepsend und fiepsend in kleinen Pfützen planschen, über schmale Pfade und durch kleine Rinnsale springen oder auf leichten Karren oder breiten Rücken träger Wasserbüffel sitzen. Doch nein, nichts von alledem: Die Gegend sieht aus, als hätte die ganze Enten- und Gänsepopulation das Land soeben in Erwartung einer umfassenden Katastrophe fluchtartig verlassen, was wohl tatsächlich zutrifft, eine überstürzte Massenflucht also, ohne dass man bereits wissen kann, was für eine Katastrophe bald eintreten wird, und je länger die Meise das stille, neblige Flachland sehr verwundert durchquert, desto klarer wird ihr, dass hier etwas vor sich geht, was überhaupt nicht vorgesehen ist, was nicht üblich und auch nicht normal ist, was gewiss nicht erwünscht ist und eigentlich auch nicht geschehen sollte.
Bald einmal ist ihr verständlich, warum das so ist, denn kurz darauf gelangt sie in eine endlos weite Zone, die bereits vollständig überschwemmt und überflutet ist, darunter offenbar ein alter Flugplatz mit einigen schütteren, fleckigen Propellermaschinen aus längst vergangenen Zeiten, klapprige, landwirtschaftliche Doppeldecker zum großflächigen Besprühen von Wäldern, Wiesen, Feldern, Äckern und Teichen mit Giften aller Art. All diese antiquierten Flugapparate stehen mit ihren knickeligen Fahrwerken kreuz und quer und bis zum Rumpf im ruhigen Schmutzwasser, und je weiter die Meise vorankommt, desto mehr Land steht unter Wasser, oder anders gesagt: Das Wasser steigt unmerklich, doch unaufhaltsam und erschreckend unablässig, ohne dass dies auf den ersten Blick erkennbar wäre, während die Meise stetig und immer stärker verwundert auf schmalen, künstlich aufgeschütteten Dämmen dahinwatet.
Eine Überschwemmung riesigen Ausmaßes steht offensichtlich kurz bevor, weitläufiger als das Auge überhaupt zu blicken vermag; Hunderte, wenn nicht gar Tausende von topfebenen, äußerst fruchtbaren, dicht besiedelten Quadratkilometern stehen bereits unter Wasser oder werden bald endgültig überflutet sein. Die Enten und die Gänse, also die emsigen Bewohner all der kleinen Dörfer, sind längst geflüchtet, haben offensichtlich nicht einmal die Zeit, noch die Möglichkeit gefunden, all ihre Nutztiere mitzunehmen, und eine riesige Katastrophe bahnt sich nun endgültig an, zumal sich die unangekündigte Überschwemmung längst bis zum Horizont erstreckt und kein Ende mehr abzusehen ist, denn kein ferner Bergzug begrenzt das unheilvolle Geschehen, keine Küste und auch keine rettende Hügellandschaft. Soweit das Auge blicken kann, sieht man jetzt nur noch eine stehende, stille, braune Wasserfläche sich ausdehnen, wo eigentlich Tausende grüner und gelber Reisfelder und buschiger Wälder, Hunderte belebter Dörfer und sorgfältig errichteter, begrünter Dämme und Kanäle, schmaler Sträßchen, gepflegter Fischteiche und unzähliger Feldwege zu sehen sein sollten, dazu viele krumme und schiefe, etwas bucklige Landsträßchen, die über schiefe Brücken führen, vielleicht auch mal eine alte, ausgeleierte Bahnlinie oder, wie vorhin eben, sogar ein kleiner Flugplatz.
Nichts von alledem ist mehr zu sehen; die Nebelschwaden werden immer dichter und bedecken bedrohlich massig die erschreckend stille, wie ausgestorbene Welt mit einem unwirklich dunklen Schleier aus ätherischer Glaswatte. Sie hüllen das gesamte Bild ein und vermitteln den Eindruck, als sei die übrige Welt bereits unwiederbringlich verschwunden, verloren und vergessen, also sprichwörtlich untergegangen, und als sei von der ehemaligen Welt nur noch das übrig geblieben, was die Meise hier dicht vor sich sieht: eine restlos überschwemmte Weite ohne jegliches Leben. Nichts regt sich mehr, und kein Ton ist mehr zu hören; es ist, als sei die ganze Kultur zusammen mit der riesigen Landmasse des ehemaligen Kontinents rettungslos untergegangen und somit die ganze Zivilisation einfach rückgängig gemacht worden, und zwar für immer.
Mit einem einzigen Federstrich hat ein verärgerter Gott das offenbar misslungene Projekt begraben, als habe er den optimistischen Plan endgültig aufgegeben und unwiderruflich vom Erdenrund gestrichen, ohne auf die Bewohner dieser Landschaft Rücksicht zu nehmen, ohne auch nur eine Sekunde lang an ihre Bedürfnisse zu denken.
Die Meise watet jetzt durch knie- bis hüfttiefes Brackwasser und erinnert sich der Berichte über Soldaten, die unter Dauerbeschuss wochenlang in den Schützengräben im Dreckwasser gestanden haben und deren Füße trotz aller Vorkehrungen langsam abgefault sind; sie fragt sich, wie lange es noch dauern wird, bis dies auch ihr zustoßen würde, denn es sieht nicht danach aus, als ob sie jemals wieder trockenen Boden betreten würde. Bereits versucht sie, ihre Zehen, ihre Fußsohlen und ihre Fersen durch bewegen zu erfühlen und zu beleben, nur um sich zu versichern, dass sie noch durchblutet und somit intakt sind. Ihre Schuhe und Socken sind längst durchnässt, wie auch ihr ganzes Beinkleid; man wird ihr deutlich ansehen können, dass sie stundenlang durch schmutziges Wasser gewatet ist. Doch wo wird das dereinst sein? Und wann? Bis jetzt sieht sie noch kein Ende und auch kein Ziel, und sie kann froh sein, dass der Pfad, auf dem sie sich befindet – wohl ein schmaler Weg auf einem niedrigen Damm zwischen den überfluteten Reisfeldern – zuweilen nur wenig überschwemmt ist, so dass sie immer wieder zu seichten Stellen gelangt, wo das Gehen weniger beschwerlich ist, auch wenn sich ihre Füße immer noch im knietiefen Wasser befinden.
Aber sie bleibt nass, was immer sie unternimmt oder unternehmen möchte, und trockene Stellen sind längst nicht mehr zu sehen, ebenso wenig wie Schlauchboote, Schiffe, Kähne, Einbäume, Flöße oder Ähnliches, was ihr jetzt zu Hilfe kommen und somit durchaus dienlich sein könnte. Hühner und Schweine haben hier bereits keine Chance mehr gehabt; man sieht ihre toten Körper zu Hunderten im Wasser dümpeln. Nur die schütteren Bäume und einige wenige hohe Buschgruppen ragen noch aus dem stillen Wasserspiegel, der jetzt die Farbe von Milchkaffee hat, sowie einige billige Dächer flüchtig zusammengebretterter Scheunen und Ställe. Die Meise überlegt sich bereits, ob denn eine Überschwemmung diesen Ausmaßes nicht auch ihr Gutes habe: Alles eklige Ungeziefer und alle landwirtschaftlichen Schädlinge müssten doch längst ertrunken sein? Mäuse, Ameisen, Ratten, Schlangen, Mücken, Würmer, Käfer, Insekten, Raupen, Maden und Larven aller Art? Könnte es sein, so fragt sie sich ob allen Watens allen Ernstes, dass das flache, offenbar äußerst fruchtbare Land, nachdem das viele Wasser endlich wieder abgelaufen oder verdunstet sein wird, ohne all die üblichen Schädlinge in neuer Pracht erblühen und die ganze Landentenbevölkerung (Anatinae) und Gänsepopulation (Anserinae) im Nu wieder ausreichend ernähren wird? Die Meise ist nicht sicher, ob das wirklich so einfach funktioniert, zumal zumindest die diesjährige Ernte bestimmt vernichtet ist. Geht das auch mit dem Reis so, oder bleibt der Reis auch unter Wasser intakt?
Die Felder stehen jetzt alle hüfttief bis brusttief unter Wasser, und da wächst für einige Zeit nichts mehr, wenn man mal vom Reis, einer typischen Sumpfpflanze, oryza sativa und oryza glaberrima, die das Wasser dringend brauchen, absieht. Oder doch nicht? Täuscht sich die Meise? Wächst der Reis auch bei einer Überschwemmung ungehindert weiter? Die Reispflanze an sich steht doch normalerweise im Wasser, zumindest zu Beginn ihrer Entwicklung? Die muss doch bereits ganz am Anfang ihres Wachstums zwangsläufig im Wasser stehen? Oder nicht? Wächst sie gar unter Wasser weiter, oder wird die kostbare Reisernte, was wahrscheinlicher ist, ebenfalls zur Gänze vernichtet sein?
Die Meise kennt sich im Reisanbau zu wenig aus, um diese an sich wichtige Frage richtig beantworten zu können, doch sie wünscht an dieser Stelle der geplagten Landbevölkerung von ganzem Herzen, dass wenigstens die Reisernte gerettet werden könne. Vermutlich sind aber Überschwemmungskatastrophen solchen Ausmaßes stets derart verheerend, umfassend und vernichtend, also derart entsetzlich zerstörerisch und mörderisch demoralisierend, dass am Schluss wirklich nichts mehr übrigbleibt, muss sie leider befürchten, denn wenn etwas schief laufen kann, dann läuft es irgendwann mal tatsächlich schief; das ist der Meise deutlichste und nachvollziehbare Erkenntnis.
Endlich gelangt sie zu einem vereinzelten Haus, das an einer rettenden, weil leicht