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Die ganze Abteilung wartet sehnsüchtig auf den Moment, in dem die verhasste Chefin Muriel endlich den Laden verlässt. 14 Jahre lang hat Harald ihre Schikanen und Demütigungen stoisch ertragen - immer in dem Wissen, dass ihm bald die ersehnte Abteilungsleitung zufällt. Doch als Muriel auf ihrer Abschiedsfeier verkündet, wer ihr Nachfolger wird, trifft es Harald wie ein Schlag: Es ist nicht er! Was tut ein geduldiger, friedliebender Mensch, wenn ihm der Traum vom Chefstuhl vor der Nase weggeschnappt wird? Ein Amoklauf erscheint die einzig logische Reaktion. Also lässt Harald seiner Wut freien Lauf und rächt sich auf die perfideste Art und Weise, die er sich nur vorstellen kann. Was Blumenkohlsuppe damit zu tun hat und ob er durch seine Rache wirklich die erhoffte Befriedigung findet, erfährst du in diesem völlig verrückten, etwas schrägen Kurzroman!
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Seitenzahl: 58
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Harald atmete tief ein und strich sein Hemd glatt. Er hatte das gute Hemd gewählt für diesen Tag. Den Tag, an dem sich all die Strapazen und Entbehrungen endlich auszahlen würden. Vorbei waren die Schikanen, die Erniedrigungen und Gemeinheiten.
Muriel ging heute in Rente. Sie wurde mit einem kalten Buffet und Sekt verabschiedet, wie es bei Abteilungsleitern üblich war. Harald würde heute zum allerletzten Mal ein freundliches Lächeln aufsetzen, obwohl er Muriel am liebsten tagtäglich mit einer Bratpfanne geohrfeigt hätte. Seit 14 Jahren, drei Monaten und sieben Tagen ertrug er stoisch die schlimmste Chefin, die sich ein Angestellter vorstellen konnte. Das war eine lange Zeit, wenn man bedachte, dass Muriel ihn Heftklammern sortieren ließ, ihn vor versammelter Mannschaft Froschauge nannte, ihm geschickt ihre Fehler in die Schuhe schob und ihm absichtlich widersprüchliche Anweisungen gab, damit er wie der Depp vom Dienst dastand. Er hatte keinen Schlüssel zu seinem eigenen Büro, sondern musste am Morgen auf Muriel warten, damit sie ihm die Tür aufsperrte. Sie hatte ihm untersagt, in der Mittagspause Musik zu hören, obwohl sie seine leisen Opernklänge in ihrem Büro überhaupt nicht hören konnte. Sie hatte unzählige Tobsuchtsanfälle bekommen, nur weil es in Haralds Büro nach Essen gerochen hatte.
All das hatte nun ein Ende und Harald war am Ziel angekommen: die Beförderung war nur noch eine Frage von Tagen. Heute würde sie verkündet. Harald hatte keinen Zweifel daran. Es war immer so gewesen. Er hatte acht Leiter verschiedener Abteilungen in Rente gehen sehen und jedes einzelne Mal war deren Stellvertreter zum Nachfolger ernannt worden. Es war Firmenpolitik.
Er kontrollierte seine Manschettenknöpfe und stieß dann schwungvoll die Tür zum Pausenraum auf, in dem die Abschiedsfeier stattfinden sollte. Mehr als die Hälfte der Belegschaft war bereits anwesend. Seine Kollegen standen in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich. Auf einem Tisch standen Schnittchen und Kuchen. Jemand war damit beschäftigt, billigen Sekt in Plastikbecher zu gießen.
„Mahlzeit“, begrüßte ihn eine Kollegin. Annette war Muriels Assistentin, eine schüchterne, blasse Frau.
„Mahlzeit“, antwortete Harald. Natürlich fiel die Feierlichkeit auf die Mittagspause, denn Muriel wollte selbst an ihrem letzten Arbeitstag keinem ihrer Untergebenen erlauben, auch nur ein paar Minuten wertvolle Arbeitszeit zu vergeuden.
Der Sekt wurde verteilt. Der Direktor sprach einen wenig enthusiastischen Toast aus und beglückwünschte Muriel zum Renteneintritt.
„… auf eine erfüllte Karriere zurückblicken.“ Er leierte die Worte lustlos vor sich hin. „Auf besonderen Wunsch hat Muriel die Ehre, ihre Nachfolge zu verkünden, sozusagen als letzte Amtshandlung. Bitte, Muriel.“
Ein verhaltener Applaus erklang. Einige flüsterten hinter vorgehaltener Hand. „Hier wird bald ein anderer Wind wehen.“
Harald straffte sich und legte eine Miene auf, von der er hoffte, dass sie professionell und gleichzeitig gelassen wirkte. Er lächelte gekünstelt in die Runde. Jemand nickte ihm zu.
Muriel stand neben dem Direktor und schmachtete ihn regelrecht an. „Es war mir immer eine große Freude und Inspiration, für Sie zu arbeiten“, schleimte sie. Sie konnte es einfach nicht lassen, diese fette Henne. Mit ihrer fleischigen Hand drückte sie die des Direktors. Er verzog das Gesicht und scheiterte bei dem Versuch, seinen Schmerz zu verbergen.
Mit einer Plastikkuchengabel schlug Muriel gegen ihren Plastikbecher und lachte laut auf, als kaum ein Geräusch entstand. Was für ein gelungener Scherz, dachte Harald. Diese miese, fette Sadistin hat in 14 Jahren kein einziges Mal aufrichtig gelacht.
„Ich habe die große Ehre, meine Nachfolge heute offiziell bekannt zu geben. Wir haben auf Direktionsebene lange beraten und alle Bewerbungen sorgfältig geprüft. Ich weiß, dass es auch Firmentraditionen gibt und ich bin die Letzte, die solche Traditionen nicht ehren würde.“
Harald merkte, dass seine Hände zu schwitzen begannen. Das war sein großer Moment. Diese Schlange würde ihm widerwillig, aber mit einem breiten falschen Lächeln das Zepter übergeben. Er machte sich bereit, einen Schritt vorzutreten und seine neuen Untergebenen mit einem jovialen Lächeln zu begrüßen. Seine Antrittsrede kannte er schon seit Jahren auswendig.
„Dennoch sind wir der Meinung, dass unsere Entscheidung das Beste für die Firma ist.“ Muriels falsches Lächeln wurde noch breiter und sie schaute aufmerksamkeitsheischend in die Runde.
Dennoch? Harald stutzte.
„Annette, hierher“, sagte Muriel. Der Befehlston war ihr zu einer zweiten Natur geworden. „Bitte“, schob sie schnell hinterher. Annettes Wangen färbten sich rot und sie schaute sich hektisch um. Zögerlich trat sie vor.
„Annette Neumann wird mit sofortiger Wirkung die Abteilungsleitung übertragen.“ Muriel griff grob nach Annettes Hand und zerrte sie mit sich, so heftig, dass Annette stolperte.
Wie durch einen dichten Nebel beobachtete Harald, wie Annette zitternd vor der versammelten Belegschaft stand und wie Muriel eine Rede hielt, die sie auf blassgelben Karteikarten aufgeschrieben hatte. Seine Kollegen warfen ihm verstohlene Blicke zu.
Muriel verstummte und hob ihr Glas. „Herzlichen Glückwunsch, Annette!“
Annette hob den Blick. Sie lächelte schief, konnte aber nicht verbergen, dass sie mit der Situation überfordert war. Ein Kollege trat zu ihr und beglückwünschte sie zur neuen Stelle. Eine langjährige Kollegin stupste Harald mit dem Ellenbogen an, trank ihr Sektglas in einem Zug leer und schnaubte verächtlich. „Saftladen“, raunte sie ihm zu, bevor sie auf den Ausgang zusteuerte. Harald stand stocksteif. Seine Kollegen hielten sich verlegen an ihren Plastikbechern fest.
Die dümmliche Agathe schob jemanden zur Seite, um sich genau vor Harald hinzustellen. Kaugummi kauend schaute sie an ihm hoch. „Ich dachte, du wolltest Abteilungsleiter werden.“
Harald hustete. Jemand zog Agathe in Richtung des Kuchens.
Harald trank seinen Sekt aus und verließ den Raum. Wie durch Watte bewegte er sich langsam und mechanisch fort. Seine Schritte trugen ihn zu seinem Büro, wo er sich auf den Stuhl fallen ließ. Nur gedämpft drangen die Stimmen aus dem Pausenraum zu ihm herüber. Da streckte jemand den Kopf zur Bürotür hinein. Es war Chris aus der Marketingabteilung. „Tut mir echt leid, Mann.“ Er biss sich auf die Unterlippe. „Unglaublich, wie cool du reagiert hast. Ich an deiner Stelle würde Amok laufen.“ Chris klopfte dreimal mit der flachen Hand an die Tür und verschwand.
Harald schüttelte den Kopf in dem Bestreben, endlich einen klaren Gedanken zu fassen. Cool reagiert? Er hatte cool reagiert? Er hatte noch überhaupt nicht reagiert. Seine Reaktion stand noch aus. Und Harald bezweifelte, dass sie cool sein würde. Was war eine angemessene Reaktion? Harald schnappte sich seine Jacke und ging hinaus auf den Parkplatz. Noch nie in den vergangenen 14 Jahren, drei Monaten und sieben Tagen hatte er vorzeitig die Arbeit verlassen. Er war nicht krank gewesen und hatte sich nie einfach so freigenommen. Es war ein ungewohntes Gefühl, an einem Freitag hier draußen auf dem Asphalt zu stehen. Die Sonne schien. Es war ein ganz normaler Frühlingstag.