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Rule Breaker bricht keine Regeln. Für nichts und niemanden. Außer für sie ...
Obwohl sich alles in ihm nach ihr verzehrt, ist sich der Löwe-Breed Rule Breaker sicher: Gypsy, die junge Frau, die neun Jahre zuvor von den Breeds gerettet wurde, kann niemals seine Seelengefährtin sein. Doch als es gilt, gemeinsam einen Verräter ausfindig zu machen, kommen sie sich so nah wie noch nie zuvor und die zwischen ihnen brennende Anziehungskraft lässt sich schon bald kaum noch aufhalten ...
»Eine unvergessliche Story, die dich in eine Welt voller Abenteuer und Sinnlichkeit entführt!« ADDICTEDTOROMANCE
Teil 1 von Band 20 der erfolgreichen BREEDS-Serie von NEW-YORK-TIMES-Bestseller-Autorin Lora Leigh
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2023
Titel
Zu diesem Buch
Leser:innenhinweis
Prolog
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Die Autorin
Die Romane von Lora Leigh bei LYX
Impressum
LORA LEIGH
Breeds
RULES REGELN
TEIL 1
Roman
Ins Deutsche übertragen von Ana Lindner
Obwohl sich alles in ihm nach ihr verzehrt, ist sich der Löwe-Breed Rule Breaker sicher: Gypsy, die junge Frau, die neun Jahre zuvor von den Breeds gerettet wurde, kann niemals seine Seelengefährtin sein. Doch als es gilt, gemeinsam einen Verräter ausfindig zu machen, kommen sie sich so nah wie noch nie zuvor und die zwischen ihnen brennende Anziehungskraft lässt sich schon bald kaum noch aufhalten …
Liebe Leser:innen,
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Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!
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Euer LYX-Verlag
Gypsy Rum McQuade
Alter: Fünfzehn Jahre
Gypsy starrte auf die Akte, die die Kojoten-Breeds, ihre Entführer, besessen hatten. Darauf waren schmierige Fingerabdrücke, die Ecken hatten Eselsohren und Fotos ragten halb daraus hervor. Die Akte lag auf der Holzkiste vor der ungemütlichen Pritsche mit den Schlafsäcken, auf der Gypsy saß. Schon die Existenz dieser Akte war Zeugnis genug, dass das, was passiert war, kein Versehen gewesen war.
Das oberste besagter Fotos war das abscheulichste von allen. Das schwache Glied hatten sie sie genannt. Ihr Kontakt hatte ihnen versichert, dass sie etwas Dummes tun würde, das zu ihrer Gefangennahme führen würde.
Es war eine Aufnahme von ihr.
Eine von ihr und dann noch eine von ihrem Bruder Mark.
Darauf lachte er und blickte mit seinen dunkelgrünen Augen und dem hellbraunen Haar fröhlich in die Kamera.
Das Foto befand sich unter dem von ihr, zusammen mit weiteren von ihrer Schwester Kandy Sweet und ihren Eltern Hansel und Greta McQuade. Zum Glück waren sie zurzeit nicht in der Stadt und somit außer Reichweite … und somit außer Gefahr. Nun wünschte sie sich, sie wäre mit ihnen gegangen, hätte ihre Eltern angefleht sie mitzunehmen, anstatt hierzubleiben, um auf diese verdammte Party zu gehen.
Grody, ihr Entführer, hatte gelacht und ihr erzählt, dass sie die einzige bekannte Schwäche ihres Bruders war. »Armer Mark«, hatte er mit einem Seufzen gesagt. So eine Bürde mit sich herumzuschleppen müsse ein entsetzlicher Fluch sein.
Sie wäre nicht so eine Bürde gewesen, wenn sie einfach mit ihren Eltern gegangen wäre, wie sie es gewollt hatten.
»Gypsy?«, sagte ein Breed, der größer war als die anderen, die nun die Höhle betraten.
Jonas.
Es handelte sich um Jonas Wyatt.
Den Direktor des Büros für Breed-Angelegenheiten.
Er und seine Breeds hatten sie gerettet.
Nur Sekunden bevor die Kojoten sie vergewaltigt hätten, hatte sie gesehen, wie der Breed in die Höhle eingedrungen war und Grody mit einem Schuss getötet hatte, während der Rest seines Teams das Feuer auf Grodys Leute eröffnet hatte.
Doch für Mark war jede Hilfe zu spät gekommen.
Nun starrte Gypsy zu Jonas hinauf, ihre Augen waren geschwollen und ihre Kehle wund vom Schreien.
Ihr Gesicht schmerzte an der Stelle, die der Kojote mit der Faust getroffen hatte, und der Rest ihres Körpers war geschunden und pochte entsetzlich, doch nichts davon war annähernd so schlimm wie der Schmerz in ihrem Herzen. Nichts kam an die Qual heran, die Gypsy Rum McQuade empfand, weil sie den einzigen Menschen auf dieser Welt verloren hatte, der sie allein dafür geliebt hatte, dass sie Gypsy Rum McQuade war.
Sie wusste, dass sie Jonas und seinen Breeds dafür danken sollte, dass sie zu ihrer Rettung gekommen waren, doch in diesem Moment wollte sie ihn einfach nur dafür hassen, dass er nicht früher aufgetaucht war.
Das konnte sie jedoch nicht.
Sie hatte den Kummer in seinen Augen gesehen, den Schmerz, als er und die anderen Breeds die toten Kojoten von dort weggeschleppt hatten, wo sie um Gypsy herum zu Boden gefallen waren.
Wenigstens war sie mittlerweile nicht mehr nackt.
Der Breed, der den Kojoten erschossen hatte, der sie hatte vergewaltigen wollen, war da gewesen, als der Tote von ihr heruntergezogen worden war. Ganz offensichtlich hatte er sich hastig das T-Shirt ausgezogen. Unter seiner Einsatzweste war sein nackter Oberkörper zu sehen gewesen und er hatte das schwarze Shirt, das normalerweise zur Missionsuniform gehörte, in der Hand gehalten. Er hatte es einer weiblichen Breed in die Hände gedrückt und sie angewiesen, es Gypsy überzuziehen, während sein hypnotisierender Blick auf ihren getroffen war und das Blau sich für einen kurzen Augenblick ausgeweitet und sogar das Weiß ausgefüllt hatte, bevor seine Augen wieder normal geworden waren.
Möglicherweise hatte sie sich das Ganze auch nur eingebildet. Sie wünschte jedenfalls, sie hätte sich den Rest der Nacht nur eingebildet.
Das Shirt war ihr viel zu groß, aber so war sie wenigstens nicht mehr nackt. Und es war warm, so warm, dass ihre Zähne nicht mehr klapperten. Der darin verweilende Duft umschloss sie nicht nur, er tröstete sie. Sie hätte nicht gedacht, dass irgendetwas sie in dem Moment trösten könnte, ganz sicher kein langes schwarzes T-Shirt mit dem Abzeichen des Büros für Breed-Angelegenheiten auf der linken Brust, das ein wenig nach Schokolade und Pfefferminz roch.
Es war, als würden sie unsichtbare Arme umschlingen, und sie dachte sich, dass allein diese Tatsache sie davon abhielt, einfach fortzutreiben und nicht länger zu existieren.
Die Wärme des Shirts, sein weicher Stoff schlossen sie ein. Wie eine Mauer. Ein Schutzschild, das die Welt da draußen abhielt.
Zumindest für den Moment.
Vielleicht, dachte sie, würde sie innerhalb dieses Schilds eine Möglichkeit finden, wieder zurück in die Zeit zu gelangen, in der die Albträume nicht existiert hatten.
»Ich möchte nach Hause gehen.« Sie hatte die Worte nicht aussprechen wollen. Sie erschienen ihr wie eine Farce. Doch möglicherweise würde sie dort einen Weg finden, alles wiedergutzumachen.
Gypsy wollte einen Weg finden, wie sie diese Nacht auslöschen und das Lachen ihres Bruders wieder zurückbringen konnte.
Sie wollte einfach einschlafen und nie wieder aufwachen müssen. Vielleicht würde sie dann in Ruhe träumen können. Von einer Welt, in der das Leben wieder war wie früher, bevor sie sich aus dem Haus geschlichen hatte, um auf eine Party zu gehen, die völlig unbedeutend gewesen war.
Entfernt, irgendwo in dem unbewussten Teil ihres Verstands, fragte sie sich, ob sich so die Breeds während ihrer Gefangenschaft gefühlt hatten. Während ihrer Folter.
»Bald kannst du nach Hause, Gypsy. Ein Helijet holt gerade deine Eltern ab«, versicherte ihr Jonas.
Diese Neuigkeit riss sie kurz aus ihrer Benommenheit. Angesichts der Qual, die ihre Seele durchbohrte, zuckte sie zusammen.
Oh Gott, wie sollte sie ihren Eltern gegenübertreten?
Dass sie auf dem Weg hierher waren, tröstete sie kein bisschen. Sie würden kommen, um sie zu holen.
Sie würden Marks Leiche außerhalb der Höhle im Dreck liegen sehen.
Sie würden das Blut sehen, das den Boden tränkte und an den Händen des riesigen Kojoten-Breeds klebte, der ihn getötet hatte.
Das Blut, das auf ihr Gesicht und ihre Brüste geschmiert worden war, als das Lachen des Kojoten ihre Seele zerfetzt hatte.
Diese Kojoten sind nun alle tot, rief sie sich erneut verzweifelt in Erinnerung. Sie würden nicht zurückkehren. Sie konnten ihr nicht länger wehtun.
Dies war allerdings bei Weitem nicht genug, um den Verlust ihres Bruders aufzuwiegen.
Gypsy würde nichts tun können, um den Fehler, den sie begangen hatte, je wiedergutzumachen.
Sie hörte Jonas’ schweres Seufzen, wenige Sekunden bevor er die Akte aufnahm, auf die sie so fokussiert gewesen war. Dann setzte er sich auf die Kiste und starrte zu Gypsy – dorthin, wo der Kojote getötet worden war.
Sie wandte den Blick von ihm ab und versuchte ihn zu ignorieren.
Sie versuchte es, versuchte so sehr, einfach alles wegzuwünschen.
Die Arme fest um ihre Knie geschlungen, rückte sie näher an die Wand und wünschte sich, einfach weinen zu können.
Möglicherweise würde der Schmerz in ihrer Brust nachlassen, wenn sie nur weinen könnte.
Mark hatte ihr immer gesagt, dass es Momente gab, in denen nur Tränen Herz und Seele heilen konnten. Er hatte sie stets ermutigt zu weinen, wenn es ihr ein Bedürfnis war, denn so würde sie immer süß und unschuldig bleiben, und er würde immer versuchen, ihre Tränen versiegen zu lassen.
Wenn sie zu schreien und zu weinen anfinge, wenn sie Gott nur verzweifelt genug, laut genug anflehte, vielleicht würde sich dann alles nur als ein schrecklicher Albtraum herausstellen.
Oh Gott, es sollte doch nur aufhören wehzutun. Es fühlte sich an, als würde sich ein eisernes Band um ihr Herz und ihre Rippen legen, das ihr das Atmen schwer machte, sodass ihr Herz nur noch unter großer Mühe schlagen konnte.
Möglicherweise würde ihr Herz einfach aufhören zu schlagen. Kurz keimte Hoffnung in ihr auf.
Möglicherweise würde ihr jemand die Gnade erweisen und sie ebenfalls töten.
Sie bemühte sich so sehr, tapfer zu sein, wie Mark es ihr aufgetragen hatte, obwohl er ihr all die Jahre zuvor gesagt hatte, dass es sein Job war, tapfer zu sein und ihr Job, zu weinen und süß zu sein.
Doch nun wollte er, dass sie tapfer war. Er hatte ihr aufgetragen nicht zu weinen.
Das war das Letzte, um das er sie gebeten hatte.
»Gypsy, ich muss dir einige Fragen stellen«, begann Jonas nun sanft, während er sie mit so viel Mitgefühl musterte, dass ihr beinah schlecht wurde.
Sie hatte sein Mitgefühl nicht verdient.
Auch Vergebung hatte sie nicht verdient, von niemandem.
Am allerwenigsten von diesem Breed.
Oder ihren Eltern.
Nicht einmal von Mark.
»Es war meine Schuld«, gestand sie Jonas und starrte dabei in die Schatten der Höhle. Ihr Blick war leer und ihr Wunsch, zu fliehen, drohte sie zu überwältigen. »Es war alles meine Schuld.«
»Nein, Süße, das war es nicht.« Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie er sich mit der Hand über den Kopf strich, sein kurzes schwarzes Haar glänzte in dem gedämpften Licht der Höhle. »Nichts von alldem ist deine Schuld.«
Oh, wie unrecht er doch hatte. Es war absolut ihre Schuld.
Sie war kindisch und ihr Temperament hatte ihr diesmal weit mehr als nur Ärger eingebracht. Diesmal hatte es die Person zerstört, die sie mehr als alles andere geliebt hatte.
»Ich wollte zu der Party«, versuchte sie zu erklären, doch die Ausrede klang selbst in ihren eigenen Ohren dumm. Unreif.
Warum nur war ihr diese Party so wichtig gewesen?
»Gypsy, was hier passiert ist, war nicht deine Schuld.« Seine tiefe Stimme klang rau und sie würde wetten, dass er eine Menge Leute dazu bringen konnte, alle möglichen Lügen zu glauben.
Aber sie würde er nicht von dieser Lüge überzeugen können.
»Ich habe mich aus dem Haus geschlichen. Meine Freundin Khileen hat mich abgeholt. Sie lebt in der Wüste.« Khileen Langer war aus England.
Sie und ihre Familie wohnten den Sommer über in New Mexico auf dem Wüstenanwesen ihres Stiefvaters. Gypsy mochte Khileen. Sie mochte, dass das andere Mädchen immer lachte und sie anstachelte Spaß zu haben. Nicht immer so ernst zu sein.
Dazu würde sie nie wieder jemand bringen können.
»Da war diese Party«, fuhr Gypsy nun fort, wobei sie sich zum Sprechen zwingen musste. »Mit einer Band und allem Drum und Dran. Ein paar Typen vom College haben sie in der Wüste ausgerichtet. Ich wollte nur meine Freunde sehen, und die Band.«
Und vielleicht ein wenig trinken.
Eventuell mit einigen Jungs aus der Schule flirten.
»Also hast du dich für die Party rausgeschlichen?«, fragte er.
Ihr Atem stockte und sie erschauderte.
Es war, als würde ihre Seele weinen, obwohl sie selbst nicht weinen konnte, weil Mark sie darum gebeten hatte.
»Aus irgendeinem Grund war er sauer auf mich.« Ihre Finger krallten sich in dem Stoff des T-Shirts fest, während ihre Lippen bebten und sie die Knie fester an ihre Brust zog. »Wir hatten einen Deal.« Sie wiegte sich vor und zurück, um gegen die brennende Qual in ihrem Inneren anzukämpfen. »Ich sollte ihm immer erzählen, wenn ich zu irgendeiner Party ging, damit er auch dort sein könnte, um sicherzustellen …« Das Wimmern, das ihr entfuhr, überraschte sie. »Um sicherzustellen, dass ich keinen Ärger bekomme oder verletzt werde.«
»Aber dieses Mal hast du ihm nicht davon erzählt?«, fragte Jonas dann.
Gypsy runzelte die Stirn. »Doch. Ich habe es versucht, aber er hat mich angebrüllt.« Warum hatte er das noch mal getan? »Er sagte, ich solle einfach weggehen, weil ich ihm auf die Nerven ginge.« Sie starrte angestrengt in die Dunkelheit. Warum hatte Mark ihr nicht früher gesagt, dass sie ihm auf die Nerven gegangen war? Dann hätte sie versucht damit aufzuhören. Das hätte sie wirklich. »Mark hat mich vorher noch nie angebrüllt.«
Er hatte sie immer geliebt, war immer geduldig mit ihr gewesen.
»Wusstest du, dass dein Bruder Ärger bekommen hatte?«, fragte Jonas sie. »Hat er dir erzählt, dass Kojoten hinter ihm her waren? Dass das Genetics Council ihn aufgespürt und ein Team auf ihn angesetzt hat, das dafür sorgen sollte, dass er die Informationen, in die er sich gehackt hatte, nicht mehr stehlen konnte? Dass sie heute Nacht nach ihm gesucht haben?«
Langsam wandte sie sich ihm zu und blinzelte ihn verwirrt an. »Davon wusste ich nichts, das schwöre ich. Mark hat sich nur so seltsam verhalten. Er wollte, dass ich in meinem Zimmer bleibe und er hat nicht mit mir geredet. Er war aufgebracht und wollte nicht, dass ich ihn störe. Und er hat mir nicht zugehört, als ich ihm von der Party erzählen wollte. Er hat mich gar nicht richtig zu Wort kommen lassen.«
Sie war kurz davor, sich zu übergeben. Sie wollte sich nicht mehr bewegen. Sie wollte keinen Ort suchen müssen, an dem sie sich ungestört übergeben könnte. Mark hatte sich nicht verängstigt oder besorgt verhalten. Jedoch war er sehr, sehr wütend gewesen und hatte sie jedes Mal angeschnauzt, wenn er sie außerhalb ihre Zimmers vorgefunden hatte, bevor er sie wieder hineingeschickt hatte.
Er hatte ihre Gefühle verletzt und sie gleichzeitig schrecklich wütend gemacht. Da hatte sie beschlossen einfach zu gehen, ohne ihm davon zu erzählen. Er hatte nicht mit ihr gesprochen, warum hätte sie dann mit ihm sprechen sollen?
»Woher hättest du dann wissen sollen, was passieren würde?«, wollte Jonas wissen und seine Frage klang logisch, doch sie wusste, dass es keine Rolle spielte.
Verwirrt schüttelte sie erneut den Kopf, bevor sie ihn an der rauen Steinwand neben ihr ruhen ließ. Mark hatte zweifellos versucht sie zu retten, als die Kojoten ihn ergriffen hatten.
Er musste geradewegs in die Wüste gekommen sein, obwohl er gewusst hatte, dass er sterben würde. Er musste gewusst haben, dass er weder sie noch sich selbst retten konnte.
Er hätte sich lieber selbst retten sollen.
»Geht es Khileen gut?«, fragte Gypsy nun den Breed, der sie immer noch bedächtig ansah. »Sie hatte solche Angst. Aber sie konnte entkommen. Nachdem die Kojoten uns zum Anhalten gezwungen hatten, hatte sie gerade versucht den Gang wieder einzulegen, als einer von ihnen mich aus dem Auto gezogen hatte. Gangschaltung ist sie nicht gewohnt.«
Ihre Freundin hatte sich selbst retten können, allerdings erst nachdem der Kojote Gypsy aus dem kleinen Sportflitzer gezerrt hatte, in dem Khileen sie abgeholt hatte.
Sie machte ihrer Freundin deshalb keinen Vorwurf.
Stattdessen war sie dankbar, dass sie entkommen konnte. Es war schon schlimm genug, dass Gypsy für den Tod ihres eigenen Bruders verantwortlich war. Wenn sie nun auch noch den Tod von Lobo Reevers Stieftochter zu verantworten hätte, dann würde Jessica Reever das Gypsys Mutter niemals verzeihen, denn die beiden waren beste Freundinnen.
Und ihre Mutter würde ihre beste Freundin brauchen, wenn sie erst einmal erfuhr, was Gypsy getan hatte.
»Khi geht es gut«, versprach Jonas. »Ohne sie hätten wir gar nicht gewusst, wo wir nach dir suchen sollten. Wir waren gerade auf der Ranch ihres Stiefvaters und haben versucht, deinen Bruder ausfindig zu machen, als sie angerufen hat.«
Jetzt erinnerte Gypsy sich daran, dass ihre Freundin ihr erzählt hatte, ihre Mutter und ihr Stiefvater hätten irgendeine Art Breed-Firma. Eine Abordnung der Gemeinschaft der Breeds oder so.
Oh Gott, was sollte sie nur tun? Ihre Eltern waren auf dem Weg hierher und sie duldeten sie ohnehin schon kaum. Wie oft hatte ihre Mutter lachend zu Mark gesagt, wie leicht es wäre, einfach einen Babysitter zu engagieren, als sie noch klein gewesen war? Oder dass sie ab ihrem dreizehnten Geburtstag auch einfach allein hätte bleiben können?
Sie hatten gewollt, dass Mark etwas mit ihnen unternahm. Dinge, mit denen Gypsy ihrer Meinung nach nicht gut zurechtgekommen wäre. Sie fragte sich, wieso ihre Schwester dazu in der Lage war, wenn sie selbst es anscheinend nicht war?
Dies hier war genau der Grund, rief sie sich unbarmherzig in Erinnerung. Weil sie dumm war und schreckliche Dinge tat.
Wie sollte sie ihren Eltern diesmal erzählen, was sie angerichtet hatte? Wie würde sie Kandy je erklären können, wie egoistisch sie gewesen war?
Dass sie sich zu einer Party hinausgeschlichen hatte, wo Mark sich doch in solcher Gefahr befunden hatte?
Ihre Eltern würden sie hassen.
Mark war ihr einziger Sohn, und obwohl sie häufig behaupteten, sie würden alle ihre Kinder lieben, war Mark ihnen doch am liebsten. Er war derjenige, auf den sie so unglaublich stolz waren.
Denn er war stark und klug, und er log niemals oder stahl sich aus dem Haus. Doch immer wenn Gypsy genau das tat, war er da, bewachte und beschützte sie.
Nun würde er nicht länger da sein.
Die einzige Sicherheit, die sie je gekannt hatte, war nun fort.
»Ich möchte sterben.« Sie wollte ihre Augen schließen und sich einfach auflösen. »Ich wünschte, sie hätten mich zuerst getötet.«
Wenn sie sie getötet hätten, dann müsste sie sich dem, was sie angerichtet hatte, nicht stellen. Und sie würde ihr Leben nicht ohne Mark weiterführen müssen.
»Sieh mich an, Gypsy.« Dem Befehlston in Jonas’ Stimme konnte sie sich unmöglich widersetzen, allerdings war sie so müde, dass es anscheinend eine Ewigkeit dauerte, bis sie ihm endlich das Gesicht zugewandt hatte.
Die Sanftheit in seinem Ausdruck, das Mitgefühl und die Reue in seinen silbernen Augen drängten sie dazu, ihm zu glauben, geboten ihr, ihm zu gehorchen.
»Du darfst nicht sterben, Gypsy. Denn die Zukunft, die vor dir liegt, ist dafür viel zu interessant«, sagte er und für einen kurzen Moment schweifte sein Blick seitlich von ihr ab, bevor er sich wieder auf sie konzentrierte.
Eine interessante Zukunft? Nein, es gab keine interessante Zukunft für sie. Schließlich würde die Erinnerung an ihren entsetzlichen Fehler sie stets begleiten.
»Ich möchte keine interessante Zukunft«, antwortete sie mechanisch und begab sich dabei nur zu gern in die seltsame gefühllose Hülle, die sie um sich herum spürte. »Ich möchte einfach nur, dass Mark zurückkommt.«
Ja, Gypsy öffnete sich der Schwere, ermutigte sie dazu, sie schnell einzuschließen, um die Qual, die in ihrer Seele widerhallte, nur ein wenig zu dämpfen.
Jonas verzog das Gesicht und rieb sich in einer hilflosen Geste, die einer so starken Person zweifelsohne vollkommen fremd sein musste, den Hals.
»Dein Bruder war einer unserer besten Informanten«, teilte er ihr schließlich mit, und obwohl sie nichts davon gewusst hatte, war sie dennoch nicht überrascht. Mark hatte die Breeds und alles, was sie tun mussten, um ihr Überleben zu gewährleisten, immer so bewundert. »Er war ein sehr versierter Hacker, der einen Weg gefunden hatte, sich in die Computer des Councils zu hacken und uns somit Informationen über ihre verborgenen Labore und die Identitäten ihrer Wissenschaftler zukommen zu lassen. Außerdem hat er Dutzende ihrer streng geheimen Akten gestohlen«, fuhr er fort, während sie ihn beobachtete. »Er hat unseren Schutz verweigert. Wir durften nicht einmal wissen, wer er war. Wir waren nur hier, weil wir ihn endlich tracken konnten, allerdings haben wir nicht gewusst, dass das Council ihn ebenfalls so schnell aufgespürt hatte. Sie hätten ihn auch gefunden, wenn du dich nicht rausgeschlichen hättest. Nur weil du das getan hast und mit Khi zusammen gewesen bist, konnten wir dich retten, Schätzchen. Aber niemand hätte deinen Bruder retten können.«
Er irrte sich.
Mark war schlau.
Ohne ihre Dummheit hätte er einen Weg gefunden, sich selbst zu retten.
Sie schüttelte den Kopf. »Er wollte abhauen. Als ich das letzte Mal versuchen wollte, mit ihm zu reden, habe ich gehört, wie er mit jemandem telefoniert hat. Er hat dieser Person gesagt, dass er sie in ein paar Stunden treffen würde. Er musste nur noch etwas zu Ende bringen.« Wenn sie das Haus nicht verlassen hätte …
Wenn ihr die Party nicht so wichtig erschienen wäre, dann würde ihr Bruder noch leben.
Nur vage nahm sie wahr, dass Jonas sich erhob und sich von ihr entfernte. Wenige Sekunden später hörte sie, wie er mit jemandem sprach.
Sie zitterte, während sie versuchte, gegen die Erinnerung an den Tod ihres Bruders anzukämpfen. Wie er sie angestarrt hatte, seine dunklen Augen trüb und voller Hoffnungslosigkeit. Und Hilflosigkeit. Während er ihr sagte, wie leid es ihm tat.
Es tat ihm leid? Was tat ihm denn leid? Es war doch ihre Schuld.
Der Kojote hatte ihn ausgelacht. Er hatte hinter ihrem Bruder gestanden, ein großes Messer an Marks Kehle gehalten und gelacht, bevor er ihm mitgeteilt hatte, was sie mit Gypsy tun würden, wenn er erst einmal tot war.
Gypsy hatte sie angefleht, Mark nicht zu verletzen. Es war ihr egal, ob sie getötet werden würde. Es war egal, solange sie ihn am Leben ließen.
»Weine nicht, Gypsy«, hatte er ihr gesagt, während Grody ihn ausgelacht hatte. »Weine nicht und sei tapfer, Krümel. Hörst du? Weine nicht. Sei tapfer, Krümel.«
Sie hatte ihn gehört und doch hatte sie dabei zugesehen, wie das Messer ihn bluten ließ, und sie hatte geschrien. Geschrien und gefleht: »Bitte, tut ihm nicht weh.«
Das Messer hatte sich in Marks Kehle gegraben und Blut war an der Seite seines Halses ausgetreten, bevor ein langes, dünnes Rinnsal aus dunklem Scharlachrot in übelerregender Geschwindigkeit hinabgeflossen war, und der Kojote seinen Körper freigegeben hatte. Mark war wie in Zeitlupe zu Boden gefallen, haltlos, sein Blick war mit ihrem verankert gewesen und stetig trüber geworden, bis ihr Bruder ihr letztendlich mit leerem Gesichtsausdruck entgegengestarrt hatte.
Gypsy zuckte zusammen und riss die Augen auf, als sie bemerkte, dass sie ihr zugefallen waren.
Sie wollte einfach nur schlafen.
Und das für eine sehr, sehr lange Zeit. So lange, bis ihre Eltern ihr möglicherweise vergeben würden. Vielleicht würde ihre kleine Schwester, die Mark genauso sehr geliebt hatte wie Gypsy, sie nicht für immer hassen.
Doch immer, wenn sie die Augen schloss, sah sie den Moment, in dem Mark gestorben war. Die Sekunde, in der sein Blut an seinem weißen Shirt hinuntergelaufen war.
»Deine Eltern werden bald hier sein«, sagte Jonas, der nun wieder neben ihr stand. »Mein Team hat sie gerade in den Helijet geladen.«
Sie würden bald hier sein.
Sie würden so wütend auf sie sein.
Oh Gott, was, wenn sie Gypsy nicht mehr nach Hause kommen ließen? Wenn sie sie gar nicht mehr wollten?
»Sie werden mich hassen. Momma und Daddy werden mir das nie verzeihen«, sagte sie zu sich selbst, ohne sich bewusst zu sein, dass sie die Worte laut aussprach, dass sie das Herz des neuen Direktors des Büros für Breed-Angelegenheiten brachen. »Sie werden mich sicher nicht mal mit nach Hause nehmen wollen. Wie sollen sie nach dem, was passiert ist, noch mit mir zusammenleben?«
Wo sollte sie hin?
Sie war erst fünfzehn, und niemand würde das Mädchen aufnehmen wollen, das den Kojoten geholfen hatte, ihren eigenen Bruder umzubringen. Denn alle liebten Mark.
Er war jedermanns bester Freund.
Wie sollte irgendjemand die schreckliche Person lieben können, die es diesen dreckigen Tieren ermöglicht hatte, ihn umzubringen?
»Wieso sollten sie mich noch zu Hause haben wollen?«, flüsterte sie noch einmal, bevor sie den Kopf wieder an die Wand legte und erneut in die Dunkelheit starrte.
Wenn sie ganz stillhielt, wenn sie sich nur genug Mühe gab, würde sie vielleicht einfach in dieser Dunkelheit verschwinden und nicht länger existieren müssen.
»Ich verspreche dir, Gypsy, deine Eltern werden dir keine Schuld geben«, log er sie erneut an. »Aber sollte das doch passieren, dann werde ich dafür sorgen, dass sich jemand um dich kümmert, das schwöre ich. Hörst du mich, Süße? Du musst dich nur bei mir melden, ich werde dich nicht im Stich lassen.«
Sie hörte die Worte und er meinte sie vermutlich auch ernst. Er war so tapfer und stark – genau wie der Breed mit den leuchtend blauen Augen, der Grody erschossen hatte – und vermutlich war er auch in der Lage, jeden auf der Welt zu beschützen.
Sogar dumme, schwache kleine Mädchen, die nicht wussten, wann sie besser zu Hause blieben, um ihre geliebten Menschen nicht in Gefahr zu bringen.
Doch sie hatte seinen Schutz nicht verdient.
Sie hatte überhaupt keinen Schutz verdient.
Jonas setzte sich wieder auf seinen Platz auf der Kiste und musterte Gypsy traurig.
»Sie lieben Mark so sehr, genau wie ich. Und ich habe für seinen Tod gesorgt. Es war meine Schuld, dass dieser Breed das Messer benutzt hat, um …«
Sie brach ab und zitterte so stark, dass er sich fragte, wie sie noch an der Stelle verweilen konnte.
Erneut erhob Jonas sich und entfernte sich weit genug von ihr, um die Berichte zu erhalten, die zweifellos eintreffen würden.
Er fragte sich, ob der Schock sich in diesem Kind so weit aufbauen würde, bis es seinen Wunsch erfüllt bekam und für immer einschlief.
Zur Hölle, er würde selbst trauern, wenn dieses gebrochene kleine Mädchen aufhören würde zu existieren.
Und sollte dies passieren, dann würde sicherlich mindestens ein Breed darunter leiden.
Wenn sein Gefühl ihn nicht täuschte, dann würde dieses Mädchen weitaus mehr für die Gemeinschaft der Breeds bedeuten, als selbst sie sich vorstellen konnte.
Jonas drehte sich um und traf auf einen der unabhängigen Kämpfer, die oft mit den Breeds zusammenarbeiteten, um seinen Bericht entgegenzunehmen.
»Mercury hat gerade vom Haus der McQuades angerufen«, informierte Simon Quatres ihn. »Abtrünnige Breeds haben zum selben Zeitpunkt dort zugeschlagen wie die Gruppe, die Khileens Wagen von der Straße gedrängt hat. Mercury und seine Männer haben Video- und Audioaufnahmegeräte in Marks Zimmer und an seinem Arbeitsplatz im Wohnzimmer gefunden. Grody und seine Leute haben gewusst, hinter wem sie her waren und wo er sich befand. Nichts hätte das Geschehene verhindern können. Und wäre sie im Haus gewesen, hätten wir sie nie rechtzeitig erreicht.«
Ein tiefes, beinahe lautloses Wimmern drang an sein scharfes Gehör. Ein Laut, den das Mädchen sicherlich unbewusst ausgestoßen hatte.
»Wo ist dieser verdammte Arzt?«, fragte er Lawe, als der Enforcer sich zügig auf ihn zubewegte. »Die Kleine stirbt noch an ihrer Trauer, wenn ihr nicht bald geholfen wird.«
»Es gibt jetzt schon Medikamente, die Trauer heilen können, Boss?«, fragte Simon mit gedämpfter Stimme, in der dieselbe Reue widerhallte, die sie alle angesichts von Gypsys Schmerz fühlten. »Kann ich auch welche davon haben?«
»Lobo lässt den Arzt gerade einfliegen«, versicherte ihm Lawe Justice. »Er sollte in den nächsten fünfzehn Minuten eintreffen. Rule weist draußen unsere Leute an und kümmert sich um ihren Bruder. Reevers Männer sorgen für die Beseitigung der abtrünnigen Council-Breeds. Einer von ihnen lebt allerdings noch«, sagte er mit gesenkter Stimme. »Hat den Höhleneingang bewacht. Er schwört, dass er derjenige war, der uns kontaktiert hat, nachdem die anderen das McQuade-Mädchen entführt haben.«
Jonas verengte seinen Blick. »Wie hat er überlebt?« Er wusste ganz genau, dass dieser verdammte Kojote einen Laserschuss in die Brust abgekommen hatte.
»Verstärktes Laser-beständiges Kevlar«, antwortete Lawe. »Wenn ich mich recht erinnere, meinte er, er hätte heute Nacht keine Lust auf Selbstmord gehabt. Er schwört, dass er einen Videobeweis hat und dass er versucht hat, McQuades Tod hinauszuzögern. Außerdem behauptet er, du würdest ihn kennen. Seiner Aussage nach war Grody nicht nur wegen des Councils hier. Ein Mensch soll ihn dafür bezahlt haben, dass er heute noch für den Tod von McQuade und auch den seiner Schwester sorgt.«
»Und er hat einen Videobeweis?«, fragte Jonas nachdenklich.
Lawe nickte kurz und bestimmt.
»Wie heißt er?«
»Nennt sich Loki«, antwortete Lawe. »Aber sein Bruder – leiblicher Bruder – Farce gehört zu den besten Trackern und Assassinen des Councils.«
Bei dem Namen verzog Jonas verärgert den Mund. »Er ist nicht der Beste, er hat nur am meisten Glück.« Dann seufzte er. »Verdammt, ich wusste allerdings nicht, das Loki in der Gegend ist.«
»Du kennst ihn tatsächlich?«, fragte Lawe mit schmalen Augen.
Oh ja, dachte Jonas seufzend, und er hätte mit ihm rechnen sollen.
»Er gehört zu uns«, bestätigte Jonas. »So verdammt starrköpfig und eigensinnig er auch ist, er gehört zu uns.«
Da weiteten sich Lawes Augen. »Dann prügelt Rule gerade einen unserer Leute windelweich …«
Er wandte sich um und eilte aus der Höhle, wobei er noch einige der Enforcer am Höhleneingang zu sich winkte, um den jungen Loki, der Ärger magisch anzog, aus Rule Breakers Klauen zu befreien.
Als sich der Breed mit den anderen entfernt hatte, sah Jonas eine junge Frau auf sich zukommen. Mit ihrem kurzen schwarzen Haar und den smaragdgrünen Augen war ihr irisches Blut unverkennbar. Genau wie ihre Breed-Gene.
»Mr McQuade verlangt umgehend mit Ihnen zu sprechen. Er und seine Frau sind unterwegs und sollten in einer Stunde ankommen, Sir.« Moira O’Malley, eine junge Breed, die gerade erst aus einem Labor befreit worden war, überbrachte ihm diese Informationen völlig gelassen.
Jonas schüttelte den Kopf. »Kontaktiere Rudelführer Lyons und lass ihn den McQuades ausrichten, dass ich ihnen alle Fragen bei ihrer Ankunft hier beantworte.«
Sobald der Helijet gelandet war, würde noch genug Zeit zum Beantworten von Fragen sein. Nun, da er wusste, dass Gypsy McQuades Schicksal mit dem der Breeds verwoben war, hatte er Dinge, um die er sich zuerst kümmern musste.
Als er nun zu ihr zurückkehrte, sah er, wie sich eine geisterhafte Gestalt, die er zuvor am Höhleneingang gesehen hatte, auf sie zubewegte.
Argwöhnisch, skeptisch beobachtete sie Jonas warnend, während sie wild die Zähne fletschte.
Er hätte es nie erwartet, doch die nebelige Gestalt eines Löwen streifte langsam und vorsichtig auf das Mädchen zu, bevor sich die riesige Bestie schützend an ihrer Seite niederließ und ihren großen Kopf an ihrem viel kleineren rieb.
Eine übersinnliche Verbindung, dachte er erstaunt, eine Personifikation der Fähigkeit der Kreatur, durch die sie viel mehr wahrnehmen konnte als der Mann, der sie in sich trug.
Sie sah Jonas blinzelnd entgegen, ihr Blick verankerte sich mit seinem, und er wusste es. In diesem Moment, in dem er in die Augen der Bestie starrte, wusste er ganz genau, zu wem diese übersinnliche Kreatur gehörte, und er spürte einen warnenden Schauer über seinen Rücken wandern.
Der Löwe knurrte ihn lautlos an, warnte ihn davor, seine Gedanken zu äußern.
Jonas war neugierig darauf, wie stark das Tier in diesem Breed nun war. Und wenn Gypsy erst einmal erwachsen war, wie lange würde der Mann warten, bevor er sich gezwungen sah, sich dem zu stellen, was Gypsy für ihn bedeutete?
Allerdings würde Jonas seine zukünftigen Entscheidungen nicht von dieser Neugier beeinflussen lassen. Wenn sie dazu bestimmt war, irgendwann die Gefährtin zu sein, von der dieser Breed behauptete, dass er sie nie haben würde, dann würde es auch genauso passieren. Und wenn nicht, dann würde es nur ihr Schicksal durcheinanderbringen, wenn Jonas den Mann dazu zwingen würde, anzuerkennen, wer sie war.
So oder so war Jonas zu diesem Zeitpunkt dafür verantwortlich, ihr Überleben zu gewährleisten. Nicht mehr und nicht weniger. Dies bedeutete jedoch nicht, dass er nicht alles in seiner Macht Stehende tun würde, um ihr dabei zu helfen, diese Tragödie so gut es ging zu überstehen.
Und Gott stehe ihm bei, wie sehr er doch dafür sorgen wollte, dass weder sie noch ein anderes Kind je wieder die Verderbtheit des Councils erdulden musste.
Er schüttelte den Kopf und ging einer weiteren Breed entgegen, die mit schweren Decken in den Armen auf ihn zueilte, nachdem sie aus dem Helijet gestiegen war, mit dem sie die Gegend abflogen. Der Heli war gerade erst von einem Trip zum Reever-Anwesen zurückgekehrt.
»Enforcer Breaker lässt Ihnen ausrichten, dass er die toten Kojoten zum Anwesen der Reevers fliegen lässt, bis sie untersucht werden können und entschieden wird, was mit ihnen passieren soll. Enforcer Justice hat Ihre Kontaktperson draußen sichergestellt und wartet auf Ihre Anweisungen, Sir«, berichtete die Jaguar-Enforcerin, während sie auf Gypsy zuging.
Es überraschte ihn nicht, dass Rule das Kommando übernommen hatte, während Jonas bei dem Mädchen gewesen war und versucht hatte herauszufinden, was an diesem trostlosen Ort passiert war.
Was ihn jedoch überraschte, war, dass Rule gegen das Protokoll verstoßen hatte und den einzigen überlebenden Kojoten beinahe krankenhausreif geprügelt hatte, anstatt ihn für eine Befragung zu verschonen.
Trotz der amüsanten Wahl seines Namens und dieses einmaligen, nachvollziehbaren Fehlers in Bezug auf Loki entwickelte sich Rule Breaker zu einem seiner besten Anführer. Sein Bruder Lawe Justice allerdings wurde allmählich zu seiner rechten Hand.
Der weibliche Enforcer ging vor Gypsy in die Hocke und legte die Decken um das Mädchen, das auf dem notdürftigen Bett kauerte. Gypsy hatte die Arme um ihre zerschrammten, geschundenen Beine geschlungen und den Kopf auf den Knien abgelegt. Sie zitterte so stark, dass es Jonas wunderte, dass ihre Zähne nicht klapperten.
Er spürte die Tränen und die Schreie, die in ihrem Inneren gefangen waren. Spürte die Qual, die brannte wie ein Feuerball aus Schmerz, der sich in dem Moment in ihr Herz gegraben hatte, in dem sie dabei zusehen musste, wie der Kojote ihrem Bruder die Kehle aufschlitzte.
Was die Gemeinschaft der Breeds Mark schuldete, war so immens, dass sowohl das Büro als auch die Breeds selbst seiner Schwester jederzeit beistehen würden, sollte sie sie jemals brauchen.
Fürs Erste konnte er jedoch nicht mehr tun, als es ihr so warm und bequem wie möglich zu machen und darauf zu warten, dass ihre Familie eintraf. Ihre liebende Familie, wie er hoffte. Eltern, die versuchen würden, die Wunden zu heilen, die diese Nacht auf ihrem sanften Herzen hinterlassen hatten.
Als er sie allerdings so betrachtete – und den geisterhaften Löwen an ihrer Seite –, überkam ihn das Gefühl, dass nichts Gypsys Wunden würde heilen können. Und er fürchtete sich vor dem, was die Ankunft ihrer Eltern mit sich bringen würde, davor, ob sie ihr das nötige Verständnis entgegenbringen würden.
Verdammt noch mal, Jonas wünschte, er wäre früher da gewesen.
Wünschte, er hätte Mark McQuades Aufenthaltsort vor den Kojoten herausgefunden, die ihn getötet hatten.
Während er Gypsy McQuade ansah, dämmerte ihm, wie schwer die Reue darüber, dass er nicht schnell genug gewesen war, auf ihm lastete.
Der Wunsch war vergeblich, denn er konnte das Geschehene nicht rückgängig machen. Und Jonas verharrte nicht bei Dingen, die er nicht ändern konnte.
Stattdessen ging er zu den Dingen über, die er ändern konnte.
Und obwohl es das Schwerste war, was er je in seinem Leben getan hatte, kehrte er Gypsy den Rücken zu, nachdem er dem weiblichen Enforcer den stillen Befehl gegeben hatte, bei ihr zu bleiben.
Diese Nacht war vorüber.
Er war nicht schnell genug gewesen, hatte McQuade nicht rechtzeitig aufgespürt. Sobald er wieder im Hauptquartier war, würde er dafür sorgen, dass die gesamte Ausrüstung auf den neuesten Stand gebracht wurde und somit die beste war, die die Regierung und die Konzerne, die dazu verpflichtet waren, für die Breeds zu sorgen, mit Geld kaufen konnten.
Beim nächsten Mal würde er den Schoßhunden des Genetics Councils einen Schritt voraus sein.
Beim nächsten Mal würde er sich nicht der Tatsache stellen müssen, dass er in den Augen eines gebrochenen Mädchens versagt hatte, das nie vergessen würde, wie es dem Tod des eigenen Bruders beiwohnen musste und anschließend nur knapp einer Vergewaltigung entgangen war.
Beim nächsten Mal …
Jonas verließ seufzend die Höhle. Gott steh ihm bei, er wollte nicht, dass es ein nächstes Mal gab.
Neun Jahre später
Sie war seine Droge und Rule hatte viele Monate ohne sie ausgehalten.
Zu viele.
Dieses Mal würde sie jedoch wissen, dass er da war. Er hatte gewartet. Sechs Jahre lang hatte er gewartet – seit dem Abend ihres achtzehnten Geburtstags, bei dem sie in Leder gekleidet getanzt hatte wie eine Verführerin.
Seitdem ihr Bruder vor neun Jahren gestorben war, war er jedes Jahr an ihrem Geburtstag da gewesen. Eigentlich war er sogar alle paar Monate da, um nach ihr zu sehen, doch er ging immer sicher, dass er am Abend ihres Geburtstags definitiv da war. Nicht um ihr ein Geschenk zu bringen; das tat er nie. Nur um sich zu vergewissern, dass sie in Sicherheit war, dass sich jemand um sie kümmerte und sie nicht auf der Straße lebte. Denn Berichten zufolge drohte ihre Mutter ihr häufig damit.
Die albtraumhafte Nacht, die mehr als neun Jahre zurücklag, verfolgte sie immer noch.
Zur Hölle, sie verfolgte alle, die dort gewesen waren. Doch Gypsy hatte einen größeren Preis gezahlt als alle anderen. Und sie zahlte immer noch.
Sein Blick durchstreifte die Bar, fand ihr Gesicht und zog die zarten Konturen ihres Gesichts nach. Er wünschte sich, sie würde seine Liebkosung spüren. Seine Anwesenheit. Den Hunger, der seit der Nacht ihres achtzehnten Geburtstags immer größer wurde. Seit der Nacht, in der sie sich der Musik hingegeben und ihn dabei mit ihrer Anmut und dem erotischen Versprechen in ihrem verführerischen Blick in ihren Bann gezogen hatte.
Sie stand auf der anderen Seite des großen Raumes, zwischen ihnen rekelten sich tanzende Körper, und sie drehte langsam den Kopf, um denjenigen ausfindig zu machen, dessen Blick sie auf sich spürte. Als ihrer dann auf seinen traf, konnte er genau sehen, wie sie sich veränderte.
Ihre grünen Augen wurden dunkel, die Pupillen weiteten sich. Erregung rötete ihr sonnengeküsstes Gesicht, als ein plötzlicher, überwältigender Schmerz sich auf ihr Gesicht legte. Schnell war er wieder fort und wurde von einem Hauch Unsicherheit, von Verlangen und Hunger ersetzt, von denen sie sicherlich glaubte, sie niemals stillen zu können. Nicht wenn sie vorhatte, den schattigen Pfad weiterhin zu verfolgen, den sie vor neun Jahren eingeschlagen hatte – in der Nacht, in der sie die eine Person verloren hatte, für die sie stets an erster Stelle gestanden hatte.
Die meisten jungen Frauen wuchsen mit dem Wissen auf, dass ihre Mütter oder Väter – oft auch beide – da waren, um sie zu beschützen. Dass sich jemand um sie kümmerte. Für Gypsy war diese eine Person, die sie über alles geliebt hatte, ihr älterer Bruder gewesen. Der Bruder, der in der Wüste gestorben war, angezogen von den Kojoten, die seine Schwester entführt und gedroht hatten, sie auf eine Art und Weise zu zerstören, die Mark McQuade sich nur hätte vorstellen können, wenn er selbst ihren Platz eingenommen hätte.
Sicherlich hatte er gewusst, dass sie beide nicht entkommen könnten? Was hatte ihn dazu getrieben, mit dem Glauben in die Wüste zu eilen, dass seine Schwester unbeschadet davonkommen würde?
Was auch immer sein Grund gewesen sein mochte, Mark war gestorben und Gypsy hatte die letzten neun Jahre damit zugebracht, für einen Tod zu büßen, den sie nicht zu verschulden hatte. Für den sie aber dennoch wiederholt verantwortlich gemacht wurde.
Rule beschloss nun, dass die Zeit vorbei war, in der Gypsy für Sünden geradestehen musste, die nicht ihre waren. Genauso war es an der Zeit, sich von der Vergangenheit frei zu machen, das Leben eines zerbrechlichen Kindes zu retten und den Albtraum zu beenden, den ein Freund und seine Gefährtin durchlebten.
In diesem Moment, als ihr Blick auf seinen traf, als er die Hitze und den Hunger in ihr aufsteigen sah, gab er ihr stillschweigend ein Versprechen.
Bald schon, sehr bald, würden die Spielchen der vergangenen neun Jahre ein Ende nehmen und er würde dafür sorgen, dass die Schatten, die sie umgaben, ins Licht traten. Und wenn er schon dabei war, würde er einen Hunger stillen, von dem er sich sicher war, dass er kein Paarungsrausch war, keiner sein konnte.
Denn einen Paarungsrausch konnte er nicht zulassen.
Rule Breaker, Investigative Commander des Büros für Breed-Angelegenheiten, verwehrte sich selbst eine Gefährtin.
Er weigerte sich, eine Frau der Gefahr auszusetzen, unter dem kalten, gnadenlosen Skalpell von Wissenschaftlern zu landen, die dazu entschlossen waren, die Geheimnisse hinter der Paarung aufzudecken, mit der die Natur immer noch spielte …
Er schüttelte den Gedanken ab. Bevor er jedoch den Schritt gehen würde, um sich das zu nehmen, worauf er seit sechs Jahren wartete, musste er noch einige Geheimnisse lüften, ein Spiel zu Ende bringen und einen Tiger-Breed in den Schoß des Büros locken. Jahre der Suche nach dem Breed namens Gideon und endlich war er an dem Ort, an dem Rule ihn haben wollte.
Die Gefahr, der Jonas’ Tochter ausgesetzt war, und der Albtraum eines vergangenen Wissenschaftsprojekts würden bald vorbei sein. Entweder würde er die brutale Wahrheit aufdecken, die sich hinter vier Opfern dieses grausamen Projekts verbarg, oder Zeuge des Todes eines unschuldigen Kindes und der Zerstörung eines Mannes werden, den er, abgesehen von seinem Bruder, mehr respektierte als irgendjemanden sonst.
Es würde endlich ein Ende nehmen, schwor er sich.
Doch was würde mit ihm passieren, gegen wen oder was müsste er kämpfen, sobald es vorüber war …
Zwei Monate später
Jonas starrte auf seine schlafende Tochter hinunter, die Finger hatte er ineinander verschränkt und die Handgelenke auf dem Rand ihres Kinderbettes abgelegt. Für einen Moment konnte er sich beinahe davon überzeugen, dass sie wieder gesund werden würde.
Beinahe.
Zorn schwelte in ihm. Seine Tochter starb vor seinen Augen und egal wie sehr er es versuchte, er konnte das Serum, das ihr sieben Monate zuvor verabreicht worden war, nicht daran hindern, zu tun, was die Wissenschaftler prophezeit hatten: Es würde sie töten.
Genau wie es seinen Schöpfer Phillip Brandenmore getötet hatte, nur Wochen nachdem er es Amber injiziert hatte.
Gott steh ihm bei, das konnte Jonas nicht zulassen. Es würde Ambers Mutter, seine Gefährtin, zerstören.
Es würde ihn zerstören.
Er entfernte sich von dem Bett, seine Arme hingen seitlich hinab, und er ließ den Blick durch das Zimmer schweifen, nicht das erste Mal auf der Suche nach einem Schatten, einem Geist, irgendetwas, dem Zeichen einer Präsenz, die die Antworten auf seine Fragen hatte.
Feen hatte Cassie Sinclair sie genannt. Jonas wusste allerdings, dass es Geister waren, übersinnliche Überbleibsel oder zerbrochene Träume.
Und keiner dieser Geister, ob nun übersinnlich oder nicht, wandelte auf dem Pfad seiner Tochter.
Noch nicht.
Das bedeutete jedoch nicht, dass es keinen für sie gab.
Es bedeutete nicht, dass sie keine Zukunft hatte.
Es bedeutete lediglich, dass sie noch zu jung war, um einen anzuziehen.
So oder so bedeutete es nicht, dass er den Kampf um ihr Leben aufgeben würde.
Die Antworten befanden sich hier in Window Rock, Arizona, und warteten darauf enthüllt zu werden, während andere Geheimnisse auf den Tag warteten, an dem sie begraben werden konnten.
Er konnte nicht dieselben Dinge wahrnehmen wie Cassie und sah diese vagen Gestalten wesentlich seltener. Doch er wusste genug, um sicher zu sein, dass das uralte Navajo-Ritual, das sich vor neun Jahren in dieser Wüste abgespielt hatte – drei Jahre nach der Flucht von vier unglaublich begabten Geschöpfen –, das Geheimnis offenbaren würde, das nötig war, um Amber zu retten.
Die Frage war nur: Würde er die Wahrheit rechtzeitig enthüllen?
Jonas hatte an jedem Ort gesucht, der ihm in den Sinn gekommen war. Er war jede Erinnerung, egal wie unklar oder verschwommen, durchgegangen, die Liza Johnson von ihrem früheren Leben als Honor Roberts hatte. Dabei hatte er sich vor allem auf die undeutlichen, bruchstückhaften Erinnerungen an das Ritual selbst konzentriert. Das uralte Ritual, das das Bewusstsein von zwei sterbenden Mädchen in Honor Roberts’ und Fawn Corrigans Körper übertragen hatte, war nicht so leicht zu dechiffrieren, wie er gehofft hatte, selbst mit der Hilfe der Wesen, die ihn manchmal führten.
Die Geister von Honor und Fawn waren in Schlaf versetzt worden, bis der Zeitpunkt des sogenannten Erwachens gekommen war. Cassie hatte Jonas versichert, dass sie mittlerweile sehr wach waren und gut mit den Geistern von Claire und Liza zusammengearbeitet hatten, als sie Claire dafür getadelt hatten, dass sie sich einzumischen versucht hatte.
Ein kürzlicher Angriff auf Liza hatte die Bruchstücke der Erinnerungen ans Licht gebracht, die es Jonas erlaubt hatten, einige der fehlenden Hinweise zusammenzusetzen, um den Code zu knacken, der die Informationen zu dem Serum in Ambers Körper enthielt.
Doch waren es nur einige der Puzzlestücke. Die Formel und die verschiedenen Aufzeichnungen über die Jahre, in denen das Serum Honor und Fawn verabreicht worden waren, mussten noch entziffert werden.
Claire Martinez, die junge Frau, die Fawn Corrigans Körper besaß, hatte sich mit der Tatsache abgefunden, dass sie nicht die war, für die sie sich gehalten hatte. Allerdings waren Abfinden und Erwachen zwei unterschiedliche Dinge. Und die Geheimnisse, die das Mädchen verbarg, störten ihn allmählich. Doch wie sollte er danebenstehen und zulassen, dass sie weiterhin nach einem Weg für einen ehrenhaften Selbstmord suchte?
Verdammt noch mal, warum konnte er sich nicht einfach von den Problemen anderer Leute fernhalten und sich auf seine eigenen konzentrieren. Auf seine Tochter. Auf seine Gefährtin.
Weil es alles miteinander verbunden war, gestand er sich ein.
So eng miteinander verknüpft, dass er auch das Kind im Stich lassen würde, das er als seines angenommen hatte, wenn er sich von den anderen abwandte. Und das bedeutete, dass er alles in seiner Macht Stehende tun musste, um Fawn Corrigan – oder Claire Martinez, wie sie nun hieß – auf den Pfad zu leiten, der sie zu dem Breed bringen würde, den sie zu töten geschworen hatten.
Claire hatte auch einige Albträume und bruchstückhafte Erinnerungen von Fawns Jahren im Labor offenbart. Doch es fehlten noch zu viele Teile und sie hatten nicht mehr viel Zeit.
Bevor er den Tiger Judd und den tollwütigen Tiger Gideon würde anlocken können, müssten die Mädchen in sich selbst hineinblicken und die Geister finden, die in ihnen schliefen. Liza und Claire würden hinnehmen müssen, dass die Galgenfrist, die ihnen gewährt worden war, zu Ende ging, und die Teile von Honor und Fawn, die noch in ihnen ruhten, würden akzeptieren müssen, dass es an der Zeit war, sich erneut dem Leben zu stellen und wahrhaft zu erwachen.
Es musste zu Ende gebracht werden.
Nachdem Jonas Ambers Schlafzimmer verlassen und den Hauptraum der Hotelsuite betreten hatte, schritt er auf den Schreibtisch an der Wand zu und setzte sich. Er aktivierte das Holoboard auf seinem Computer und legte seine Hand auf den biometrischen Scanner auf dem Tisch, bevor er darauf wartete, dass der Bildschirm sich aufbaute.
Als das holografische Bedienfeld erschien, rief er mehrere Ordner auf und blickte auf die Uhr.
Er hatte noch fünf Minuten bis zu dem Meeting, das er mit dem frisch ernannten Investigative Commander Rule Breaker anberaumt hatte.
Die investigative Abteilung des Büros für Breed-Angelegenheiten wuchs schnell an und erforderte, dass Jonas die entscheidenden Positionen umgehend mit seinen besten Enforcern füllte.
Und sie auf die Ermittlung von Verbrechen gegen Breeds und dem Breed-Law ansetzte.
Allerdings vermutete Jonas, dass Rule bald in die neuen Büros in New Mexico versetzt werden würde, wo er Bezirksleiter wäre, anstatt nach dem Abschluss seines momentanen Auftrags einen weiteren anzunehmen.
Dieses Wissen ließ ihn an das stillschweigende Versprechen denken, das er sich beim Verlassen der Gegend vor neun Jahren selbst gegeben hatte – genau wie dem gebrochenen Kind, das der Obhut seiner Familie überlassen worden war. Einer Familie, die von dem Tod des jungen Mannes, den sie alle so geliebt hatten, schwer getroffen war.
Jonas hatte Rule geschworen, dass er sich niemals in sein Leben einmischen würde.
Verdammt, er hatte bei dem Versprechen sogar die Finger gekreuzt, nur um sicherzugehen.
Seth Lawrence und Dane Vanderale, zwei der größten Wohltäter der Breeds, dazu zu bekommen, die Drecksarbeit für ihn zu erledigen, hatte schon etwas mehr Feingefühl erfordert. Wenn sie auch nur den geringsten Zweifel an seinen Taten gehabt hätten, hätten sie einen Breed zu einem Stadtschreier ernannt, damit dieser jedem einzelnen Breed davon würde berichten können.
Vor allem Rule.
Spitzel.
Das waren sie.
Der altmodische Begriff huschte durch seine Gedanken.
Sie waren nichts als verdammte Spitzel, alle beide. Wenn sie nicht überaus vorsichtig waren, dann würde Jonas ihnen sehr deutlich machen, warum sie richtig daran taten, wachsam zu sein. Denn er wusste Dinge über ihre Zukunft, die sich keiner von ihnen auch nur vorstellen konnte.
Noch blieb er freundlich.
Doch der Tag, an dem die Freundlichkeit für einen von ihnen vorbei war, rückte unaufhörlich näher.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er ein Heilmittel für seine Tochter fand. Und anschließend würde er sich auf die Umstrukturierung des Büros für Breed-Angelegenheiten konzentrieren. Wenn das geschehen war, würden Jonas, Callan und Wolfe beruhigt sein können, da ihre Vision für die Zukunft der Breeds weitergeführt werden würde, auch in dem Fall, dass einem oder allen von ihnen etwas zustieß.
Dann würde Jonas seinem Halbbruder Dane Vanderale demonstrieren, warum Breeds und auch Menschen ihn so sehr fürchteten.
Er fügte gerade noch die letzten Ergänzungen zu den Ordnern hinzu, die er angelegt hatte, als die Tür der Suite geöffnet wurde und der diensthabende Löwen-Breed Flint McCain eintrat.
»Commander Breaker ist da, Sir«, kündigte er an.
Jonas nickte ihm fest zu. »Lass ihn reinkommen.«
Flint trat beiseite und nickte Rule zu, als dieser selbstsicher die Suite betrat. Seine leuchtend blauen Augen funkelten Flint belustigt an, woraufhin dieser dezent die Zähne fletschte.
Rule hatte in den letzten zehn Jahren selbst genug Zeit damit zugebracht, vor Jonas’ Tür Wache zu stehen. Daher ließ er ihm den kurzen Spaß, Flint zu triezen.
»Jonas.« Rule trat an den Schreibtisch heran, da die jahrelange Zusammenarbeit der beiden Männer so ziemlich jegliches Protokoll überflüssig machte. »Wie geht es Amber heute Morgen?«
Es war kein Geheimnis, dass sich ihr Zustand seit dem Angriff auf Liza vor einigen Wochen rapide verschlechterte. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte das Hormon, das Brandenmore ihr injiziert hatte, in ihrem kleinen Körper plötzlich stark zugenommen, nachdem es mehrere Wochen lang stabil geblieben war.
Eine Zeit lang hatten sie gehofft, dass sie gegen die Wirkung ankämpfte, doch dann verfiel sie wieder in den Zustand des Schmerzes und der Verwirrung.
»Sie ruht sich heute aus«, antwortete Jonas. »Setz dich doch, Rule. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.«
Rule ließ sich auf einen der bequemen Stühle sinken, die auf den Tisch ausgerichtet waren, den Rücken hielt er gerade und die Füße fest auf dem Boden verankert. Gekleidet in die schwarze Missionsuniform der Organisation – mit dem Abzeichen seiner Breed-Zugehörigkeit, einem knurrenden Löwen, auf der einen Schulter und den Streifen seines Rangs als Commander auf der anderen – sah er aus wie die hervorragend geschulte Killermaschine, als die er erschaffen worden war.
Schulterlanges schwarzes Haar, das im Nacken zusammengebunden war, die leuchtend blauen Augen, umgeben von dichten schwarzen Wimpern, und seine scharf geschnittenen Gesichtszüge machten ihn bei dem weiblichen Geschlecht überaus beliebt, während die geballte Kraft seines Körpers und seine ausgezeichnete Beherrschung ihn zu einem exzellenten Commander unter seinesgleichen machten.
Jonas drückte eine Taste, um die Dateien an Rules E-Pad zu senden, bevor er den Computer abschaltete, sich in seinem Stuhl zurücklehnte und den Breed einige lange Augenblicke schweigend betrachtete.
Rule warf nicht einmal einen Blick auf das elektronische Gerät, das er in einem Holster an seinem Oberschenkel trug. Er wartete einfach, vielleicht nicht gerade geduldig, aber doch wortlos.
»Hast du bis jetzt irgendetwas über die Unknown rausfinden können?«, fragte Jonas ihn dann und musterte den Breed aufmerksam, der nur verneinend den Kopf schüttelte.
»Nicht mehr als das Volksmärchen«, antwortete er dann endlich. »In jeder Generation werden sechs Krieger auserwählt, um das Herz der Navajo zu beschützen. Nur weiß niemand, was das Herz ist. Sie besitzen uralte Kräfte und geheimes Wissen, die ihnen dabei helfen, das zu schützen und verborgen zu halten, was ihren Leuten am wichtigsten ist. Das war’s. Was ist mit deinen Kontakten? Haben die schon was Brauchbares gefunden?«