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Ein entspannter Sonntag im Karlsruher Zoo wird hektisch, als die Schimpansen Couscous, Fufu und Chickpea ausbrechen. Besonders Couscous, der älteste und rebellischste Schimpanse des Zoos, sorgt für Aufruhr. Im nahegelegenen Hauptbahnhof schnappt er sich in einem Imbiss ein Döner-Messer. Kurze Zeit später wird ein Tabakhändler mit dem Messer im Rücken tot aufgefunden. Ein Fall für Kommissar Jens Schiemann und Kira Mauerfuchs, die sich auf eine chaotische Verfolgungsjagd begeben - denn in Karlsruhe ist der Affe los, und offenbar hat er Mord im Sinn!
Über die Serie:
Kommissar Schiemanns Leben steht Kopf: Der gemütliche Genießer und Gartenfreund blickt auf eine jahrzehntelange, makellose Karriere bei der Karlsruher Kriminalpolizei zurück - bis Kira Mauerfuchs in sein Leben tritt. Diese junge Frau hat zwei besondere Eigenschaften: Erstens versteht sie sich sehr gut mit Tieren. Zweitens überhaupt nicht mit Menschen. Aber als sie im Alleingang - und mit einem Hund als Zeugen - einen Fall löst, wird klar: Kira Mauerfuchs ist ein Naturtalent! Und so nimmt das ungewöhnliche Ermittlerteam seine Arbeit auf ...
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ein entspannter Sonntag im Karlsruher Zoo wird hektisch, als die Schimpansen Couscous, Fufu und Chickpea ausbrechen. Besonders Couscous, der älteste und rebellischste Schimpanse des Zoos, sorgt für Aufruhr. Im nahegelegenen Hauptbahnhof schnappt er sich in einem Imbiss ein Döner-Messer. Kurze Zeit später wird ein Tabakhändler mit dem Messer im Rücken tot aufgefunden. Ein Fall für Kommissar Jens Schiemann und Kira Mauerfuchs, die sich auf eine chaotische Verfolgungsjagd begeben – denn in Karlsruhe ist der Affe los, und offenbar hat er Mord im Sinn!
Kommissar Schiemanns Leben steht Kopf: Der gemütliche Genießer und Gartenfreund blickt auf eine jahrzehntelange, makellose Karriere bei der Karlsruher Kriminalpolizei zurück – bis Kira Mauerfuchs in sein Leben tritt. Diese junge Frau hat zwei besondere Eigenschaften: Erstens versteht sie sich sehr gut mit Tieren. Zweitens überhaupt nicht mit Menschen. Aber als sie im Alleingang – und mit einem Hund als Zeugen – einen Fall löst, wird klar: Kira Mauerfuchs ist ein Naturtalent! Und so nimmt das ungewöhnliche Ermittlerteam seine Arbeit auf …
Martin Heimberger
Alibi für einen Affen
Der Löwe warf den Kopf in den Nacken, riss das Maul auf und entblößte seine messerscharfen Zähne.
»Mami, Mami, der will mich fressen!« Das kleine Mädchen starrte mit großen Augen in Richtung Raubtiergehege und hüpfte nervös auf und ab. Zwei geflochtene Zöpfe wirbelten wild durch die Luft.
»Hab keine Angst, Hanni«, erwiderte ihre Mami. »Der Löwe gähnt doch nur. Dem ist sterbenslangweilig.« Sie konnte dies gut nachvollziehen, da sie sich seit einer halben Stunde in der endlos langen Schlange vor dem Waffelhäuschen die Füße in den Bauch stand und beinahe selbst eingeschlafen wäre. »Außerdem«, fügte sie hinzu, »werden die Löwen gefüttert. Der ist bestimmt pappsatt und will nur ein Mittagsschläfchen halten.«
Tierpfleger Rafael Pieper, der direkt vor der jungen Mutter in der Schlange stand, grinste amüsiert in sich hinein. Er wusste, dass kleine Mädchen nicht auf dem natürlichen Speiseplan von Wildkatzen standen, die hübsche Frau mit den blonden Locken und der sonnengebräunten Haut passte jedoch perfekt in sein eigenes Beuteschema. In den fünf Jahren, die er nun im Karlsruher Stadtgarten arbeitete, hatte er sich in den Pausen zwar schon oft auf die Jagd begeben, doch von dauerhaftem Erfolg waren seine Eroberungen nie gewesen. Vielleicht ein kurzes Techtelmechtel im Exotenhaus, manchmal eine Bootsfahrt über den Schwanensee, und gelegentlich ein One-Day-Stand im Streichelzoo. Aber nichts, was jemals über die Mauern des Tierparks hinaus gegangen war.
Der Fang, der ihm nun den Mund wässrig machte, sah jedoch vielversprechend aus. Sie trug keinen Ring am Finger, und ihre Tochter, er schätzte sie auf fünf Jahre, war in einem Alter, in dem Kinder einen neuen Daddy noch ohne viel Gejammer akzeptierten.
»Darf ich Sie vorlassen?«, fragte er die junge Frau kurz vor dem Ende der Schlange. Dann präsentierte er stolz das Stadtgarten-Logo seines dunkelblauen Arbeits-T-Shirts. »Ich arbeite hier im Zoo, gönne mir aber gerade eine kleine Mittagspause. Etwas länger zu warten, stört mich nicht.«
»Oh, vielen Dank. Sie kümmern sich also um die Tiere?«
Pieper gab sich gedanklich selbst ein High Five. Der Fisch hatte angebissen. »Ganz genau. Rafael, der Raubtier-Bändiger«, stellte er sich vor und schüttelte seiner gefühlt Zukünftigen die Hand. »Aber ich sorge mich nicht nur um das Wohlbefinden der Tiere, sondern auch der Gäste.«
Als die Hübsche ihn anlächelte, ging Pieper das Herz auf. »Das ist sehr nett«, säuselte sie und schob sich so eng an ihm vorbei, dass er deutlich spürte, wie sein Blutdruck stieg.
»Mami, Mami. Was, wenn der große Löwe nicht mehr in seinem Käfig bleiben will? Kommt er dann raus?« Wieder zeigte Hanni in Richtung Raubtiergehege, während sie aufgeregt an der verdammt kurzen Shorts ihrer Mutter zerrte.
Für Pieper war das die perfekte Gelegenheit, seinen Blick auf die langen schlanken Beine seines Flirts zu richten, ohne sich dafür schämen zu müssen. Er kniete sich zu Hanni hinunter und griff nach ihrem Händchen. Es gab nichts, was junge Mütter mehr beeindruckte als kinderliebe Verehrer. »Hab keine Angst, Hanni«, beruhigte er sie. »Unsere Tiere können nicht raus. Die Käfige sind ganz fest verschlossen. Darauf passen wir Zoo-Leute ganz doll auf und überprüfen alles doppelt und dreifach. Du bist hier völlig sicher. Ganz großes Ehrenwort.«
»Darf ich Ihnen gleich eine Waffel mitnehmen?«, fragte die junge Frau, als sie endlich an der Reihe war.
Jackpot, dachte Pieper. »Gern«, antwortete er. »Aber mit ganz viel Schokosoße bitte.«
»Schokosoße! Schokosoße!«, rief Hanni begeistert.
Nachdem alle drei ihre Waffel bestellt und kurz darauf mit wenigen Bissen verschlungen hatten, war es Zeit für den Frontalangriff. »Wer von euch will ein Meerschweinchen streicheln?«, fragte Pieper augenzwinkernd.
»Ich! Ich!«, brüllte Hanni.
Ihre Mutter war weniger begeistert. »Den Streichelzoo haben wir schon gesehen. Sonntagmittags ist wohl nicht der optimale Zeitpunkt. Dort ist es brechend voll.«
Pieper grinste. »Ihr vergesst, dass ich Rafael, der Herr der Kuscheltiere, bin«, verkündete er mit stolzgeschwellter Brust. »Ihr seid jetzt meine VIPs. Es gibt einen verschlossenen Bereich im Streichelzoo, den nur ich betreten darf. Aber für euch mache ich heute eine Ausnahme. Na, wer ist mit dabei?«
Während ihre Mutter den Braten langsam roch, war Hanni nicht mehr zu bremsen. »Ich! Ich!«, rief sie, woraufhin Rafael ihre Hand nahm, um sich schnurstracks auf den Weg zu machen.
Dann brach das Chaos los.
Das Echo Tausender schneller Schritte hallte durch den Stadtgarten. Die Schlange vor dem Waffelstand löste sich schlagartig auf. Kinder kreischten, die Erwachsenen brüllten sich gegenseitig Warnungen zu: »Dort drüben!«, »Nicht da lang!«, »Wir müssen hier sofort raus!«
Für einen Moment kam es Pieper so vor, als ob irgendwo ein Feuer ausgebrochen wäre, doch die Menschen rannten in verschiedene Richtungen, manche machten sogar auf dem Absatz kehrt und eilten wieder dorthin zurück, woher sie gekommen waren. Gestandene Väter hüpften wie aufgescheuchte Hühner über die Wiesen, Mütter sprinteten mit ihren Buggys durch die Anlagen, als ob sie ein Wagenrennen bestritten, nur um im nächsten Moment von einem Senior mit dem Rollator vom Weg gedrängt zu werden. Es gab jedoch auch einige unerschrockene Jugendliche, die nicht flüchteten, sondern das Geschehen mit gezückter Handykamera filmten.
Was zur Hölle war hier los?
Sicherheitshalber warf Pieper einen Blick auf das Raubtiergehege. Erleichtert atmete er auf.
Der Löwe saß immer noch hinter dem Gitter.
»Raffi!«, hörte er plötzlich jemanden rufen. Ein Mann und eine Frau kamen auf ihn zu gerannt. Sie trugen ein blaues T-Shirt mit Logo und eine dunkelgraue Hose. Genau wie er.
»Mario! Lucy!«, begrüßte er sie. »Was ist passiert?«
Mario schulterte einen prall gefüllten Stoffbeutel, Lucy hielt eine Waffe in der Hand, die Pieper noch von seiner Ausbildung her kannte, aber noch nie selbst eingesetzt hatte: ein Injektionsgewehr mit CO2-Kartusche zum Abfeuern von Spritzenpfeilen.
»Wir haben ein Problem mit Couscous, Fufu und Chickpea«, erklärte Lucy. »Will sagen: ein Riesenscheißproblem!«
Als Pieper das verwirrte Gesicht von Hannis Mutter bemerkte, erklärte er: »Ich weiß, das hört sich an wie das unverdauliche Mittagessen eines Veganers. Aber Couscous, Fufu und Chickpea sind unsere Schimpansen. Die müsst ihr unbedingt besuchen.«
»Das geht gerade nicht«, warf Mario ein. »Die sind nämlich alle drei ausgebüxt. Die Affen rasen durch den Zoo.«
Hanni kicherte. »Wer hat die Kokosnuss geklaut?«
Pieper klappte die Kinnlade hinunter. »Ausgebüxt? Ihr wollt mich verarschen! Ich war vor der Pause noch im Affenhaus und hab im Außenbereich Unkraut gezupft. Wie sollen die denn durch die Panorama-Scheibe kommen?«
»Nicht durch die Scheibe«, fuhr Lucy ihn an. »Du warst wohl zu blöd, um die Tür abzuschließen. Die steht nämlich jetzt offen, und unsere drei Chimps machen einen Sonntagsausflug.«
Hannis Mutter zog ihre Tochter fest an sich heran. »Sind die Affen gefährlich? Die tun doch nichts, oder?«
Für Pieper war das Gefährlichste momentan Lucy, die mit ihrem neongrün gefärbten Igelschnitt und dem Betäubungsgewehr im Anschlag ziemlich giftig wirkte, dann meinte er: »Fufu und Chickpea, die beiden Weibchen, sind umgänglich und verspielt. Sorgen macht mir eher Couscous, der ist schon seit Tagen ziemlich aufmüpfig. Schlägt auch immer gegen die Glaswand. Das sind wir von dem gar nicht gewohnt.«
Mario nickte. »Der wird langsam senil.«
»Was ist senil?«, fragte Hanni.
Pieper ging vor ihr in die Hocke. »Couscous ist schon sehr alt. Über fünfzig Jahre, um genau zu sein. Er ist sogar der älteste Zoobewohner überhaupt und somit etwas ganz Besonderes für uns. Er ist schon als Kind in den Stadtgarten gekommen.«
»Und wieso hat man ihn Kusskuss getauft? Küsst er so gern die beiden Affenmädchen?«
Pieper lachte. »Nein, Hannilein. Couscous nennt sich eine leckere Speise aus Afrika. Man hat den Affen so getauft, weil er dort geboren ist. Er stammt aus der Elfenbeinküste.«
»Aus einer Elfenbeinkiste? Ja! So eine will ich auch haben!«
Hannis Mutter streichelte ihrer Tochter über den Kopf. »Ist ja gut, Schätzchen. Jetzt lass den armen Mann mal seine Arbeit erledigen.« Mit besorgtem Gesicht wandte sie sich an Pieper. »Was raten Sie uns? Alle Leute rennen zum Ausgang. Sollen wir das auch machen?«
»Am besten ist es, wenn ihr bei mir bleibt«, empfahl Pieper. »Hier ist es am sichersten. Wir sind nämlich im Besitz einer Lucy.« Er deutete mit dem Daumen auf die Frau mit den grünen Haaren. »Und ein Betäubungsgewehr haben wir auch.« Verschmitzt zwinkerte er Hannis Mutter zu, dann fragte er seine Kollegen: »Wie ist die Lage? Hat man die Affen schon lokalisiert?«
»Zumindest die Mädels«, antwortete Mario. »Fufu sitzt auf einer Schaukel am Spielplatz Sallenwäldchen. Die Kinder hat das zuerst gar nicht gestört. Die dachten, das gehört zum Zooprogramm und haben einfach weitergespielt. Erst als es den Eltern aufgefallen war, ist das Geschrei losgegangen. Chickpea hat drüben am Ludwigsee Kraniche gejagt, ist danach auf einen Baum geklettert und ins Dickhäuter-Gehege gesprungen. Die Elefanten sind zwar angepisst, aber Fufu sitzt erst mal fest, weil sie nicht mehr über den Graben der Außenanlage kommt.«
»Und Couscous?«
»Der ist für die Massenpanik hier verantwortlich. Er streift die Wege entlang und randaliert. Wenn er nicht gerade Abfallkörbe durchwühlt, pöbelt er die Besucher an und entreißt ihnen Rucksäcke und Handtaschen.«
In diesem Moment piepte Marios Funkgerät. »An alle. Hier ist Ricky«, kam eine knisternde Stimme aus dem Lautsprecher. »Fufu ist eingetütet. Ich konnte sie mit etwas Obst vom Spielplatz zurück ins Affenhaus locken. War ein Kinderspiel.«
Mario atmete erleichtert auf. »Okay. Wenn das so einfach ist«, er wackelte mit dem Stoffbeutel an seiner Schulter, »dann schleiche mich zu den Elefanten und versuche Chickpea durch die Haupttür des Dickhäuter-Hauses zu locken.« Dann deutete er auf seine beiden Kollegen. »Ihr kümmert euch um Couscous.« Er zog zwei Bananen aus dem Beutel und reichte sie Pieper. »Versucht es damit. Aber zögert nicht, ihm einen Pfeil zu verpassen, falls er Rabatz macht. Ich trau dem Kerl nicht über den Weg.«
Lucy schlug die Hacken zusammen und salutierte. »Sir! Jawohl, Sir!«, während Hanni so lange bettelte, bis auch sie eine Banane überreicht bekam.
Nachdem Mario in Richtung Elefanten-Anlage verschwunden war, machten sich auch Pieper und Lucy auf die Jagd. Die junge Mutter und ihre Tochter zögerten zuerst, folgten ihnen dann aber dichtauf, was Pieper äußerst zufrieden stimmte. Wenn es ihm gelingen würde, den Affen vor den Augen seiner Flamme einzufangen, hätte er ihre volle Aufmerksamkeit. Nichts beeindruckte eine Frau mehr als ein Mann, der sich sogar mit wilden Tieren anlegte, um sie zu beschützen.
Immer noch rannten Dutzende Besucher kreuz und quer über das Gelände, während sie sich verunsichert umblickten. Als Pieper eine Gruppe Jugendlicher befragte, zeigte jeder aufgeregt in eine andere Himmelsrichtung. Erst eine verwackelte Handyaufnahme brachte den entscheidenden Hinweis. Das Video zeigte, wie Couscous auf dem zinnoberrot lackierten Querbalken einer Holzkonstruktion herumkletterte.
»Das ist das Eingangstor zum japanischen Garten«, wusste Lucy. »Wir haben ihn! Schnell! Da entlang!«
Erfreulicherweise war der Japangarten nicht weit entfernt. Der Pfad führte an der Frühlingsblumenwiese vorbei, überquerte den Verbindungskanal zwischen dem Schwanensee und dem Stadtgartensee und führte schließlich geradewegs zu der malerischen Parkanlage, die durch ihre rot blühenden Azaleen und Strauchpäonien dem Zoo ein asiatisches Flair verlieh.
»Dort ist er«, flüsterte Pieper. Mit einem Handzeichen gab er Hannis Mutter zu verstehen, besser auf Abstand zu bleiben.
Couscous war nun in Sichtweite. Mit ausgestreckten Armen hing er am Holzbalken des Tores und baumelte hin und her.
Lucy lud das Gewehr mit einem Spritzenpfeil, legte an und zielte. »Ich hol ihn runter.«
»Halt!«, erwiderte Pieper. »Wenn er stürzt, verletzt er sich. Versuchen wir’s zuerst auf die friedliche Tour.«
Als Couscous bemerkte, wie Pieper ihm eine leckere Banane entgegenstreckte, ließ er den Holzbalken los und plumpste mit allen vieren auf den asphaltierten Weg. Dort hockte er nun und glotzte neugierig die beiden Tierpfleger an, machte jedoch keine Anstalten, sich dem unverhofften Snack zu nähern.
Sein fortgeschrittenes Alter war dem Affen auch aus der Ferne deutlich anzusehen. Das braunschwarze, an vielen Stellen grau melierte Fell wirkte ungepflegt und struppig. Der lange, gescheitelte Haarschopf auf dem massiven und kantigen Schädel offenbarte eine kahle Stirn, seine einst rosigen Lippen erschienen blass. Die hervorstechendsten Merkmale seines fortgeschrittenen Jahrgangs waren jedoch der flauschige weiße Kinnbart und die markant rosafarbenen Pigmentflecke, die sich über sein runzliges Gesicht verteilten.
Couscous galt unter den Zoobewohnern als Methusalem, daher strotzte er nicht nur vor Lebensweisheit, sondern war auch, was den Altersstarrsinn anbelangte, ganz vorn mit dabei.
»Der Trick mit der Banane funktioniert nicht«, meinte Lucy. »Couscous ist cleverer als wir alle zusammen. Ich schieße.«
Im selben Augenblick riss sich die kleine Hanni von ihrer Mutter los. Mit vorgehaltener Banane stürmte sie auf den Schimpansen zu. »Kusskuss will meine Banane essen. Die schmeckt viel leckerer.«
»Hanni, nein!«, brüllten ihre Mutter und der Tierpfleger im Chor. Doch es war zu spät.
Couscous musterte das Mädchen aufmerksam. Als sie etwa zwei Meter vor ihm stehenblieb und ihm die Banane zeigte, kratzte er sich zuerst am Kopf, daraufhin an der Nase. Er blinzelte, bleckte die Zähne, dann stapfte er entschlossen auf Hanni zu.
»Oh Gott!«, schrie ihre Mutter.
»Lucy, schieß!«, rief Pieper.
»Ich kann nicht. Das Kind steht im Weg.«
Couscous streckte den Arm aus und schnappte sich die Banane. Er drehte sie vor seinen Augen umher, schnüffelte genüsslich an der Schale, doch er zog sie nicht ab, wie Affen es normalerweise machten, sondern schleuderte sie im hohen Bogen durch das Tor in den Japangarten. Dann ergriff er Hannis immer noch ausgestreckte Hand und zog das Kind zu sich heran.
Das Mädchen blickte ihm erschrocken ins Gesicht, doch schon einen Augenblick später frohlockte sie: »Hallo, Kusskuss. Ich bin die Hanni.«
»Nein!«, schrie ihre Mutter.
Pieper fixierte Lucy. »Warum schießt du denn nicht?«
»Bist du bekloppt?«, gab sie zurück. »Ich bin keine bekackte Sportschützin. Ich könnte die Göre treffen.«
Der Tierpfleger stieß die Luft aus. So viel zum Thema Sonntagsflirt. Alles lief aus dem Ruder, und das Rendezvous im Streichelzoo konnte er sich getrost aus dem Kopf schlagen.
Was sollte er tun? Hannis Mutter stand unter Schock. Seine Kollegin hatte eine große Klappe, fuchtelte wild mit dem Gewehr herum, blieb aber auf größtmöglichem Abstand. Auch er selbst hatte allerhöchsten Respekt vor Couscous. Der alte Affe war so launisch wie Lucy, daher legte Pieper großen Wert darauf, dass die Schimpansen immer in einen anderen Raum gesperrt wurden, während er das Gehege reinigte. Noch nie war er mit einem der Tiere in direkten Kontakt gekommen, ohne den Schutz von stabilen Gitterstäben oder einer dicken Glaswand.
Doch es half nichts. Als Pieper in die feuchten Augen der schluchzenden Mutter schaute, nahm er schließlich all seinen Mut zusammen. Mit kleinen Schritten tippelte er auf den Affen zu, dabei hielt er sich die Banane wie einen Schutzschild vor die Brust. »Couscous, lass das Kind los«, sprach er mit sanfter Stimme. »Du kennst mich doch, oder? Du weißt, wer ich bin?«
Vielleicht lag genau da das Problem, denn als Couscous Piepers Stimme hörte, bleckte er erneut die Zähne, während er sich demonstrativ vom Tierpfleger abwandte.
Dann zog er an Hannis Arm und rannte mit ihr davon.
Hand in Hand wie King Kong und die weiße Frau eilten der Affe und das Mädchen den Weg entlang, gefolgt von zwei Tierpflegern und einer verzweifelten Mutter, die kurz vor dem Herzkasper stand. Hanni kreischte wie am Spieß, doch Pieper war sich nicht ganz sicher, ob sie sich wirklich fürchtete, oder ob es sich nicht doch eher um Freudenschreie handelte.
»Couscous!«, rief er. »Komm her! Sei ein braver Junge!«
Der Affe stoppte, warf einen flüchtigen Blick über seine Schulter – ein untrüglicher Beweis, dass er noch nicht schwerhörig war –, ignorierte aber Piepers Aufforderung, indem er sofort wieder durchstartete.
Plötzlich blieb er abrupt stehen.
Wie aus heiterem Himmel ließ er Hannis Hand los und hob den Kopf. Seine Augen richteten sich auf das Geländer der Karl-Birkmann-Brücke, die sich unmittelbar vor ihm über den Zoo erstreckte. Diese Fußgängerbrücke war Teil des öffentlichen Tiergartenwegs, eine Verbindung zwischen der Bahnhofstraße im Westen und der Ettlinger Straße im Osten, die es Passanten ermöglichte, den Karlsruher Zoo zu überqueren und dabei von oben zu bewundern, auch ohne Eintritt bezahlen zu müssen.
Pieper ahnte bereits, was Couscous vorhatte.
»Lucy, jetzt!«, rief er.
Doch der Affe war schneller.
Couscous sprang zu der riesigen Eiche, die in unmittelbarer Nähe der Brücke in den Himmel ragte, und hangelte sich in Sekundenschnelle den Stamm hinauf. Es zischte, als der Pfeil aus dem Lauf des Injektionsgewehrs schoss, es knallte, als er in die harte Rinde des Baums einschlug.
»Nicht schießen!«, rief Hanni. »Kusskuss geht einkaufen!«
Während Lucy den nächsten Pfeil ins Gewehr lud, hangelte sich der Affe bis zum Ende eines dicken Asts und schaukelte hin und her, bis er genügend Schwung hatte. Dann ließ er los. Es schepperte, als er mit beiden Händen die Längsstreben des Geländers umschloss. Auf der Brücke schrien Menschen, ein Hund bellte. Couscous schaute ein letztes Mal hinunter zu Hanni, bevor er sich hochzog und über das Geländer kletterte.
Lucys Funkgerät piepte. »Leute, ich brauche eure Hilfe«, ertönte Marios Stimme. »Chickpea reitet auf einem Elefanten.«
Scheibenkleister, dachte Pieper und biss die Zähne zusammen, dann meinte er zu Lucy: »Kümmere du dich um die Affendame! Und ruf die Polizei, die Feuerwehr, das ganze Programm! Ich bin mal kurz außer Haus.«
Die berüchtigten Hallen des Karlsruher Hauptbahnhofs waren schon seit jeher ein beliebter Treffpunkt Furcht einflößender Gestalten. Drogendealer, Kleinkriminelle, randalierende Fußballfans, die zu einem Match im Wildparkstadion anreisten, und Horden von hochnäsigen BWL-Studenten – in der Hand eine Laptoptasche und auf dem Rücken ein Rucksack voller Unterhosen, die Mami am Wochenende frisch gewaschen hatte.
Einen struppigen Schimpansen mit weißem Rauschebart hatte hier jedoch noch nie jemand gesehen.
Rafael Pieper fiel es nicht besonders schwer, der Spur des flüchtenden Couscous zu folgen. Noch während er sich durch die aufgebrachten Besuchermassen am südlichen Haupteingang des Stadtgartens zwängte, bemerkte er einen Tumult auf dem Bahnhofsvorplatz, der dem Zoo genau gegenüberlag. Trotz der roten Fußgängerampel stürmte er über die Straße, zeigte einem hupenden Auto den Mittelfinger und stolperte kopfüber in eine aufgebrachte Menschenmenge. Eine verstörte Frau kniete auf den Gleisen und rieb sich den Ellbogen, direkt vor ihr stand eine Straßenbahn, die eine Vollbremsung hingelegt hatte.
»Was ist passiert?«, erkundigte sich Pieper.
»Ein Affe ist vorbeigerannt und hat die Dame geschubst«, antwortete jemand. »Die Bahn hätte sie um ein Haar erwischt.«
»Das war ein Taschendieb«, erklärte ein älterer Herr. Er beugte sich zu der Frau hinunter. »Haben Sie noch Ihren Geldbeutel? Die Armbanduhr? Diese Schweine richten Affen ab, um uns zu beklauen. So weit ist es schon gekommen.«
»Unsinn, das war ganz klar ein Klimaaktivist im Kostüm«, wusste es ein anderer besser. »Die protestieren schon wieder. Es geht bestimmt um die Affenhitze am Oberrhein.«
»Wo genau ist er hingelaufen?«, fragte Pieper.
Der Mann zeigte zum Eingang des Hauptbahnhofs. Leute rannten ins Freie. Durch die Glastür drangen Schreie.
Und tatsächlich. Als Pieper in die große Haupthalle trat, hatte Couscous bereits eine Schneise der Verwirrung durch die Masse der Bahnkunden geschlagen. Hunderte von Reisenden hetzten wild durch das Gebäude. Das konfuse Gemurmel und das Rattern der Rollkoffer erzeugten eine Geräuschkulisse, die einer Steinlawine gleichkam.
»Was ist passiert?«, fragte Pieper einen jungen Mann.
»Keine Ahnung. Wahrscheinlich wieder Bombenalarm.«
»Nein, da hinten läuft jemand Amok!«, wusste ein anderer und sprintete zur Tür hinaus.
Ein dritter kam hinzu. Er wirkte auffällig entspannt. »Ach, das ist hier normal«, meinte er. »Es gab wohl wieder einen spontanen Gleiswechsel genau eine Minute vor Abfahrt.«
Pieper griff zum Funkgerät. »Lucy, bitte kommen!«
»Scheiße, Raffi! Wo steckst du?«, meldete sie sich.
»Couscous ist am Hauptbahnhof. Kommt sofort alle hierher. Mit dem Betäubungsgewehr. Sind die Behörden informiert?«
»Aber sichi, Raffi«, bestätigte Lucy. »Wir sind gleich bei dir. Wir führen gerade den Elefanten, auf dem Chickpea sitzt, zum Affenhaus. Die bewegt sich keinen Millimeter von ihm runter. Du weißt ja: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, …«
»Schon klar. Ich versuche, Couscous solange aufzuhalten. Aber macht schnell! Over and out.«
Pieper beobachtete, wie plötzlich ein Polizist durch die Bahnhofshalle rannte. Dass die Polizei zur Abschreckung hier Streife lief, war nicht ungewöhnlich. Dass der Beamte entschlossen seine Dienstwaffe zog und mit beiden Händen auf einen Affen in der Menge richtete, dagegen schon.
»Halt! Stopp! Nicht schießen!«, schrie Pieper.
Der Polizist drehte nur für einen kurzen Moment den Kopf in Richtung des Tierpflegers, da sprang der Affe auf ihn zu, packte ihn am Arm und riss ihm die Pistole aus der Hand.
»Couscous, nein! Lass das fallen!«, brüllte Pieper. »Schau mal hier!« Er wedelte mit einer Banane. »Wollen wir tauschen?«
Couscous wollte nicht. Er blieb lieber stehen und hielt sich den Lauf der Pistole vor die Nasenlöcher. Neugierig drehte und wendete er die Waffe, wusste aber nichts mit ihr anzufangen. Schließlich schleuderte er sie im hohen Bogen davon.
»In Deckung!«, rief ein Passant, woraufhin sich jeder in der Halle mit dem Bauch auf den Boden warf.
Couscous machte sich aus dem Staub. Sein Weg führte ihn unmittelbar in die überfüllte Ladenpassage, eine Unterführung, wo sich nicht nur die Zugänge zu den insgesamt sechzehn Bahngleisen befanden, sondern sich auch noch ein Geschäft an das andere reihte. Hier schien bis jetzt alles ruhig zu sein. Den Tierpfleger wunderte das nicht. Obwohl der Tunnel recht breit war, schoben sich die Menschen so dicht aneinander vorbei, dass ein gewöhnlicher Großstadtaffe niemandem auffiel.
Pieper blickte sich hektisch um. Er fürchtete, dass sich Couscous auf einen der Bahnsteige schleichen und Wartende ins Gleisbett stoßen könnte.
Doch welche der sechzehn Treppen würde er nehmen?
Plötzlich hallten aufgebrachte Stimmen durch den Gang. Jemand schrie »Achtung!«, dann teilte sich die Menschenmenge.
Couscous saß am anderen Ende der Ladenpassage mitten auf einem Fahrkartenautomaten.
Er hielt etwas in der rechten Hand.
Es war lang und spitz. Und glänzte metallisch.
Pieper lief es eiskalt den Rücken herunter.
War das etwa ein Messer?
Bevor der Tierpfleger die Passage durchquert hatte, war der Affe auch schon wieder verschwunden. Stattdessen irrte ein Mann mit schwarzem Vollbart vor dem Fahrkartenautomaten herum. Er trug eine mit Fettflecken übersäte Küchenschürze und ein weißes Bäcker-Schiffchen, das wohl eine Kochmütze darstellen sollte.
»Affe weg«, jammerte er und drehte sich dabei im Kreis.
»Was hat er angestellt?«, wollte Pieper wissen. »Wissen Sie, in welche Richtung er gelaufen ist?«