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Die Aussicht auf reichen Lohn lockte ihn, doch bald hat er andere Gründe, warum er seinen Weg bis zum Ende gehen muss. England im Jahre 1093: Der verwaiste Gaukler Lucan träumt von einem besseren Leben für sich und seine Stieffamilie. Ein geheimer Auftrag, bei dem er gegen Bezahlung eine junge Frau finden soll, scheint genau das zu sein, was er zur Erfüllung seines Wunsches braucht. Wie kann er auch ahnen, dass seine Reise quer durch Nordengland ihn viel mehr kosten wird als nur einige Wochen seines Lebens?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Dieses Buch ist als E-Book, Taschenbuch und gebundene Ausgabe erhältlich.
© 2024 Birgit Constant
Birgit Constant, c/o Sissis Autorenlounge, Steig bei der Warte 15, 67595 Bechtheim, Deutschland
www.birgitconstant.de
Buchcoverdesign: Sarah Buhr / www.covermanufaktur.de unter Verwendung Stockgrafiken von javarman / Adobe Stock sowie martin791017 / Shutterstock
Lektorat: Anke Höhl-Kayser
Karten von John Wyatt Greenlee of Surprised Eel Maps
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
Nachwort
Personenverzeichnis
Ortsverzeichnis
Glossar
Zitierte Werke
Danksagung
Lust auf mehr?
Bücher von Birgit Constant
Über die Autorin
Ortsnamen und fremdsprachliche Ausdrücke können Sie im Anhang nachschlagen.
Ein Schlag in den Nacken ließ Lucan zusammenzucken.
»Hast nichts Besseres zu tun, als mit dem verlausten Köter zu spielen?«, tönte eine Frauenstimme.
Lucan schlang die Arme um das winselnde Hündchen auf seinem Schoß und duckte sich zur Seite.
Wieder fuhr die Hand auf seinen Kopf nieder. »Faulenzn, das kannste!« Seine Stiefmutter stopfte ein paar Strähnen aus ihrem hochroten Gesicht unter die Spitzenränder ihrer bestickten Haube. »Warum bist nicht bei den anderen, dich auf den Auftritt vorbereiten?«
Genau das könnte ich Euch auch fragen. Lucan drückte das zitternde Fellbündel an sich.
»Na, wird’s bald?« Matild holte erneut aus, doch er entwischte ihrer Hand mit einem Sprung. Sie verkniff den Mund und betrachtete ihren Stiefsohn abschätzig. »Hätt Onfroi doch gewusst, auf wasser sich einlässt, damals! Wat man nich alles verspricht, wenn einer aufm Sterbebett liegt! Kümmern würde er sich um euch zwei, hat er euerm Vater gesagt. Ha! Er und kümmern! Wer tutn das die ganze Zeit? Wer kochtn für euch? Wer wäscht und näht eure Kleider? Na, wer?«
Matilds Kinn zuckte, als wollte sie eine Antwort aus Lucan herauszerren, aber er schwieg. Egal, was er sagte, sie würde ihn ohnehin nur wieder einen Lügner und Dummkopf nennen.
»Bei uns arbeitste fürs Essen. Wie wir anderen auch.« Matild hob drohend die Hand. »Na los. Zurück anne Arbeit!«
»Komm, Garulf!« Lucan drückte das Hündchen an sich und eilte von dannen, hinaus aus dem Innenhof mit der großen Halle, den Wohngebäuden und der Kapelle, und quer durch den östlichen Vorhof, vorbei an Handwerkerhütten, dem Brunnen und den Ställen für Pferde und Hunde. »Verhungern lassen würde sie dich! Als wenn Sire Robert de Monbrai es merkt, dass ein Stück altes Brot fehlt! Wer in einer Burg mit drei Höfen wohnt, muss auf wichtigere Dinge achten.« Er kraulte Garulf am Kinn und ließ sich bereitwillig von der kleinen rosa Zunge die Hand ablecken. »Wie ist Onfroi bloß an diese Frau gekommen, hm, Garulf? Bestimmt hat er einen guten Grund dafür gehabt. Nur dass ich ihn immer noch nicht entdeckt habe.«
Seufzend trat er neben der Schmiede in den westlichen, äußeren Burgvorhof ein, der mit seiner niedrigen Mauer und seinem Gefälle geradewegs ins Meer abzutauchen schien. »Aber wie sollte ich auch? Ich bin nicht nur ungeschickt, ich bin auch dumm.«
Eine herbe Brise wehte in die Burg herein und trug das Rauschen der Wellen vom nahegelegenen Strand bis hier oben hin. Mit einer Hand zog Lucan sein Tuch enger um den Hals und blickte hinaus auf das endlose Dunkelblau, das in weiter Ferne mit dem Hellblau des Himmels zusammenstieß. Er atmete tief ein. Die Luft schmeckte befreiend, auch wenn Lucan als Jugleur den Wind mit Vorsicht genießen musste. Sein Vater hatte immer gesagt, dass für einen Menestral und auch einen Jugleur die Stimme ein kostbares Gut war, das es unter allen Umständen zu schützen galt. Seine Mutter hatte ihm eigens dafür das Tuch gearbeitet, das er seit ihrem Tod nicht nur bei kaltem Wetter und starkem Wind, sondern zu jeder Jahreszeit um den Hals trug – auch als Erinnerung an das, was einmal gewesen war und von dem ihm nur das Tuch, sein Bruder und Garulf blieben.
»Lucan!« Baldwin landete nach mehreren Rädern und einem Überschlag rückwärts nur wenige Schritte vor ihm. »Wir haben uns schon gefragt, wo du bleibst.« Er strich Garulf über das Köpfchen.
»Ich habe etwas Brot für Garulf besorgt. Eine Magd hat es mir heimlich zugesteckt.«
Baldwin grinste breit. »Konnte meinem großen Bruder nicht widerstehen, hm?«
»Ihm konnte sie nicht widerstehen.« Er drehte Garulf zu sich. »Wer könnte jemandem mit solch einem Blick etwas verwehren?«
»Ach, der Hund ist doch nur ein Vorwand. Hast du mal drauf geachtet, wie die Frauen dich mit den Augen auffressen, wenn du ihnen Münzen aus den Haaren zauberst, hm?«
»Hör auf, Baldwin! Du weißt, dass das nicht stimmt. Matild sagt auch, dass ich nicht gut genug bin. Nie werfe ich die Kegel ausreichend hoch in die Luft, meine Zaubereien findet sie albern und leicht zu durchschauen, und ich rede viel zu viel mit einzelnen Zuschauern.«
»Hör nicht auf sie! Du bist der beste Jugleur, den ich kenne.«
»Danke, Baldwin, aber du kennst ja nicht viele, mit denen du mich vergleichen kannst. Ich muss einfach einsehen, dass Matild recht hat.«
»Was weiß Matild denn schon! Denk doch nur daran, wie sie auf dich schimpft, wenn die Leute bei ihrem Gesang loslachen. Sie meint, das liegt daran, weil du dich auf der Fiedel verspielst, dabei kommt es davon, dass sie selbst kaum einen Ton trifft.«
Lucan lächelte wenig überzeugt und setzte Garulf neben der großen hölzernen Truhe ab, die an der hohen Nordmauer stand. Er nahm sich drei etwa faustgroße Bälle aus der Truhe und seufzte erneut.
»Aluns!« Baldwin klopfte ihm auf die Schulter, dass Lucan fast einen Ball zu weit zur Seite geworfen hätte. »Du liebst es doch, Jugleur zu sein. Wenn du mit Fiedel, Liedern, Kunststücken und Zaubereien die Menschen unterhalten kannst und sie dich mit großen Augen beobachten. Vor allem die Frauen.« Er hockte sich hin, machte eine Rolle rückwärts und drückte sich hoch in einen Handstand.
Lucan nahm einen vierten Ball in den Wurfreigen auf. »Schon, aber es ist nicht die Liebe zu meinem Beruf, die mich durch das Land treibt. Seit Vaters Tod haben wir keine andere Wahl. Hätten die Escoz nicht vor zwei Jahren die Burg überfallen, wäre er immer noch Menestral dort.«
»Immerhin sind wir mit dem Leben davongekommen.« Baldwin sprang zurück auf seine Füße und richtete sich auf. »Als einzige.«
»Ich weiß, ich sollte Gott dafür danken.« Die Bälle schwirrten über Lucans Kopf. »Aber wir müssen ständig von einem Ort zum nächsten ziehen auf der Suche nach Zuschauern, Essen und einem Dach über dem Kopf. Wie gerne würde ich all dem entfliehen, vor allem meiner tyrannischen Stiefmutter.«
Vom anderen Ende des Platzes schallten Töne herüber, die nicht immer, aber immer wieder an einen brunftigen Hirsch, ein aufgeschrecktes Wildschwein oder ein vorsichtiges Rotkehlchen erinnerten. Matild gab sich offensichtlich ihren Stimmübungen hin.
»Lass dich doch nicht von einem Drachen unterkriegen!« Baldwin machte eine Luftrolle rückwärts. »Gerade du solltest wissen, dass echte Helden Unholde und wilde Bestien bekämpfen. Wo willst du auch hin und wer kümmert sich dann um mich und Garulf?«
Der fünfte Ball flog nach oben. »Garulf würde sie als Erstes beseitigen; den würde ich mitnehmen.«
»Und was ist mit mir?«
»Dich kann sie genauso wenig leiden wie mich. Vier eigene Kinder sind Matild genug. Sie will nicht auch noch zwei fremde am Rockzipfel hängen haben.«
Mittlerweile wirbelte Lucan sechs Bälle in verschiedenen Richtungen durch die Luft, unter seinem Bein durch und hinter seinem Rücken her, und je mehr Garulf bellte, umso tollkühner wurden die Sprünge und Drehungen, die Lucan zwischen dem Auffangen vollführte. Sein Hund verstand es wirklich, ihn zu Höchstleistungen anzufeuern!
»Halt’s Maul, Töle!«, keifte Matild von der anderen Seite.
Für einen Moment schaute Lucan zu ihr hinüber und achtete zu spät wieder auf die Bälle in der Luft. Zwei fing er gerade noch, aber die anderen polterten auf ihn nieder wie der Unrat, den die Städter aus den Fenstern zu schleudern pflegten. Lucan senkte den Kopf und wartete, bis der Bälleregen aufgehört hatte.
»Kannstnich aufpassen?« Matild stampfte auf ihn zu. Garulf bellte kurz, brachte sich aber dann hinter Lucans Beinen in Sicherheit.
Der kleine William kam angerannt und reichte Lucan einen Ball, der bis zu ihm hinuntergerollt war. »Das war lustig, Lucan! Kannst du das bitte noch mal machen? Si te plest!«
Lucan verbeugte sich tief und nahm lächelnd den Ball von dem Knirps in bunter Verkleidung entgegen. »Jo vus en mercie bonement, munsire.«
Kichernd schaute William in von unten an. »Naaain. Ich bin doch kein Munsire, Lucan.«
Lucan traf ein Schlag auf dem Hinterkopf. Er stolperte nach vorn.
»Stehtda nich bloß rum, ihr Faulpelze, sonst könn wir gleich morgen wieder weiter.« Matild schubste Baldwin zur Seite und verpasste seinem Bruder noch eine Ohrfeige. »Macht, dass ihr anne Arbeit kommt!«
William zupfte an der Tunika seiner Mutter. »Si vus plest, duce mere –«
»Nich jetzt, petit.« Matild tätschelte ihrem Jüngsten die Wange. »Geh fein üben.« Sie schaute Lucan grollend an. »Wennich früher gewusst hätt, wie unnütz ihr zwei seid, hätt ich euch aufm Markt angeboten. Hätt ich gutes Geld für bekomm. Zwei junge, kräftige Sklaven. Ach!« Mit einer wegwerfenden Handbewegung drehte sie sich um und stampfte zu Fulcred und Emma, die ihre Instrumente abgesetzt hatten und mit verkniffenem Mund dastanden.
»Glaubst du, sie hätte das getan?«, fragte Baldwin.
»Zuzutrauen wäre es ihr«, antwortete Lucan. »Aber Onfroi hätte es wohl kaum zugelassen.«
»Hagurnele«, knurrte Baldwin.
»Teis toi!«, gellte Matilds Schrei herüber. »Oder ich prügel dich, bis du’s Maul hältst.«
Lucan und Baldwin grinsten sich verstohlen an, kehrten dann aber mit so ernsten Gesichtern wie möglich zu ihren Übungen zurück, bevor Matild vor Zorn platzte.
Nach dem Gottesdienst sammelte Onfroi auf dem Platz vor der Kapelle seine Familie um sich, um ein letztes Mal den Ablauf des Abends durchzugehen.
Garulf stürmte schwanzwedelnd auf Lucan zu, der ihm befahl, sich brav neben ihn zu setzen. Der Hund tat, wie ihm geheißen, und schaute gespannt und mit heraushängender Zunge hoch zu Onfroi.
Matild rollte mit den Augen.
»Kinder«, begann Onfroi und ließ seinen Blick durch die Runde schweifen, »ihr wisst, wie wichtig dieser Tag für uns alle ist. Der Comte de Northumberland ist ein einflussreicher Baron, und seine Gäste wichtige Adlige aus ganz Nordengland. Wenn ihnen heute Abend unsere Kurzweil gefällt, werden sie uns mit Freuden an ihre Höfe einladen. Vielleicht nur für einen Abend, vielleicht – und ich bete zu Gott, dass es so sein möge – für länger. Einige Tage, Wochen, Monate?«
»Können wir jetzt gehen?« William trat von einem Beinchen aufs andere und schaute sehnsüchtig zur großen Halle hin.
Emma beugte sich zu ihrem kleinen Bruder hinunter und legte den Finger auf die Lippen. »Chut! Oz, petit!«
»Ich weiß, ihr bemüht euch bei jeder Vorstellung, aber dieses Mal müsst ihr wirklich euer Bestes geben. Nur so können wir darauf hoffen, dass wir auf längere Zeit versorgt sind und nicht mehr herumreisen müssen.«
Nicht mehr herumreisen. Lucans Herz machte einen Luftsprung. Das war genau das, wovon er seit zwei Jahren träumte! Nicht ständig alles zusammenpacken und weiterziehen zu müssen und dabei niemals zu wissen, wann und wo es sich wieder lohnte, die Menschen mit Singen, Musik, Kunststücken und Zauberei zu unterhalten. Immer auf der Suche nach Essen und einem sicheren, sauberen und warmen Schlafplatz. Wie er sein jetziges Leben hasste! Er wusste ja aus eigener Erfahrung, dass es auch anders sein konnte.
»Können wir jetzt gehen?« William schaute seinen Vater mit großen Augen an.
Onfroi lächelte und tätschelte seinem Nesthäkchen die Eselsmütze. »Aluns!«
Als müsse er die Aufforderung unterstreichen, bellte Garulf, sprang auf und setzte sich für die wenigen Schritte vom Platz vor der Kapelle bis zur großen Halle an die Spitze der Gruppe. Dort fanden heute Abend die Feiern zu Ehren der Auferstehung des Herrn Jesu Christi statt, und schon seit Tagen trudelten Reiche, Ritter und Adlige auf der Burg ein, um den Festivitäten beizuwohnen – und natürlich, um sich die erlesenen Speisen und Getränke schmecken zu lassen, die der Burgherr seinen Gästen zu einer ähnlich reichhaltigen Unterhaltung anbieten würde.
Je näher sie dem Gebäude kamen, umso mehr breitete sich ein Kribbeln in Lucans Magengegend aus. Es ist wichtig, dass alles so gelingt, wie wir es geprobt haben. Ich muss wirklich gut sein. Sein Blick wanderte ängstlich zu Matild, die mit großen Schritten und stolz erhobenem Haupt in das Gebäude eintrat. Hoffentlich stelle ich mich bloß nicht wieder so ungeschickt an!
Die hohen Herren und Damen saßen bereits an den festlich geschmückten Tischen und ließen sich die Krüge füllen, während sie auf die herrlich duftenden Speisen warteten, die eine nach dem anderen aus der Küche auf die Tische wanderten.
Garulf bellte, als wollte er das Ankommen der Spielleute ankündigen, aber in dem Stimmengewirr ging das Geräusch unter. Als einer der großen Jagdhunde des Gastgebers neugierig den kleinen Hund beschnüffelte, verstummte Garulf vollständig und tippelte schnell zu Lucan zurück. Der nahm seinen kleinen Freund auf den Arm und betrachtete die Menschen, vor denen er gleich seine Künste zur Schau stellen würde.
»Solche Mengen!« Lucan wischte sich über den Mund und überlegte für einen Moment, ob er damit die Anzahl der Leute oder die der aufgetragenen Gerichte meinte. Er leckte sich die Lippen, während er nach der appetitlichsten Speise Ausschau hielt und sein Blick dabei an der jungen Dienerin hängenblieb, die gerade eine gut gefüllte Platte auf einem der Tische abstellte. Sie richtete sich auf und lächelte ihn an. Lucan lächelte zurück, und sie senkte den Blick.
Garulf bellte und schaute Lucan neugierig – oder war es vorwurfsvoll? – an.
Lucan schluckte und blickte sich hektisch um. Niemand schien bemerkt zu haben, wie er die junge Frau angestarrt hatte. Sie zwinkerte ihm zu und eilte zurück in Richtung Küche. Er sah zu Boden, durfte sich doch jetzt nicht ablenken lassen. Seine Stieffamilie brauchte ihn, den Jugleur, den Zauberer, der das Publikum hautnah in die Vorstellungen einbeziehen konnte. Er warf einen letzten Blick auf den Ausgang, der zur Küche führen musste, doch die schöne Dienerin blieb verschwunden. Seufzend setzte er Garulf ab und folgte Baldwin und Fulcred durch die Menschenmenge.
Ein Mann in einer fein gewebten, tannengrünen Wolltunika wies ihnen Plätze an einem Tisch etwas abseits der anderen Gäste zu, und Lucan stellte mit großer Freude fest, dass man ihnen bereits Schüsseln mit Suppe und Brot sowie volle Krüge hingestellt hatte. Selbst wenn keiner der Anwesenden sie an diesem Abend für eine Vorführung an den eigenen Hof einladen sollte, so konnten sie sich zumindest heute satt essen und mit vollem Magen schlafen legen.
Sie hatten bereits Platz genommen, als Custance, die älteste Tochter von Onfroi und Matild, zu ihnen stieß. »Ich dachte schon, ich komme zu spät.« Sie drückte sich auf die Bank neben Lucan und Baldwin. Zwei der Männer am Nebentisch verfolgten jede ihrer Bewegungen, doch sie schien davon nichts mitzubekommen. Sie warf die langen Haare über die Schulter und plauderte fröhlich weiter. »Die Heilerin hier ist eine sehr gelehrte Frau. Sie hat mir einige ihrer Kräuter und Heiltränke zur Behandlung seltener Krankheiten gezeigt. Das letzte Mädchen, das ihr zur Hand ging, hat vor einigen Monaten geheiratet. Seitdem macht sie ihre Arbeit alleine. Sie hätte gerne wieder eine tüchtige Helferin.« Sie brach sich ein Stück Brot ab und schaute ihre Eltern abwartend an.
»Das kann deine Mutter auch, Custance.« Onfroi lächelte gequält und nahm einen Löffel Suppe.
»Wir könnten das Geld gut brauchen.« Seine Tochter stippte das Brot in die Suppe. »Ich kenne viele heilsame Kräuter und Pflanzen, kann daraus Tränke und Salben für allerlei Leiden herstellen. Auch Wunden und Verletzungen habe ich schon erfolgreich behandelt. Ich könnte einen guten Lohn fordern für meine Arbeit.«
»Ich weiß, Custance.« Onfroi führte erneut den Löffel zum Mund. »Aber deine Mutter braucht dich, und wir können nur schwer auf deine Heilkünste verzichten, wenn wir im Land herumziehen.«
»Aber Vater –«
»Ich binnich mehr so jung wie früher.« Matild schaute so mitleiderregend drein wie möglich. »Du kannst mich doch nicht alles alleine machen lassen: die ganze Wäsche waschn, Essen kochn, abwaschn, nähn. Als Älteste musste mir zur Hand gehn, bis wirn Mann für dich finden.« Sie setzte den Löffel an die Lippen und schlürfte die Suppe herunter.
Lucan rührte nachdenklich in seiner Schüssel herum. Er wusste, wie sehr Custance an ihrer Arbeit hing. Viele, denen sie geholfen hatte, lobten ihr Wissen und ihre Heilkünste. Als Helferin einer weisen Frau auf der Burg hätte sie es gewiss besser als bei ihnen auf dem klapprigen Wagen, aber wer würde sich dann um die Krankheiten und Wunden kümmern, wenn nicht sie? Emma kannte sich damit genauso wenig aus wie ihre Mutter, und die Jungen sorgten eher dafür, dass es Custance nie an Arbeit mangelte. Insbesondere Baldwin und William, die als Saillurs die halsbrecherischsten Kunststücke zeigten, waren ständig bei Custance in Behandlung, manchmal auch Emma, wenn sie heimlich bei irgendwelchen Turnereien mitmachte, obwohl sie als Musikerin auf ihre Finger und Hände natürlich besonders achten musste. Wenn es nach ihr gegangen wäre, würde sie längst als Sailleresse auftreten, aber Matild hatte sie stattdessen gezwungen, Flöte, Dudelsack, Harfe, Crwth und eine ganze Reihe anderer Instrumente zu lernen.
Während Lucan die Suppenreste auskratzte, schaute er sich die Menschen an den anderen Tischen an; jene, die am Ende des Mahls sein Publikum sein würden. Da gab es den dunkelhaarigen Bären von Gastgeber, Comte Robert de Monbrai, dessen donnerndes Lachen man selbst bis hier hinten hören konnte, wenn nicht gerade alle auf einmal redeten. Außerdem die vielen Edelleute, in feine, leuchtende Seidenstoffe gekleidet, die sich gegenseitig zuprosteten und sich angeregt unterhielten. Über was wohl? Was redet man als Angehöriger einer Schicht, die so sorgenfrei in den Tag hineinleben kann wie die normannischen Barone und ihre Familien?
Über eine Antwort grübelnd, ließ er den Blick weiterschweifen, über Frauen mit weißen Schleiern und ebenso weißer Haut, die wie Perlmutt schimmerte – neben all den Juwelen und Goldringen, die Finger, Arme und den Hals schmückten. Was für ein Unterschied zu ihm und seinen Geschwistern! Genau wie seine eigene hatte deren Haut auch im Winter immer die Farbe eines aufgeschnittenen Baumstamms. Im Winter war sie heller, im Sommer dunkler, weil dann viele ihrer Auftritte draußen unter freiem Himmel, auf Kirchplätzen und Märkten, bei Hochzeitsfeiern, Erntedankfesten und dergleichen, stattfanden.
Zwei Männer grinsten ihn an. Ihre Lippen bewegten sich, dann lachten sie und drehten sich weg.
Lucan runzelte die Stirn und sah an sich hinab. Hatte er zu eifrig den Löffel geschwungen und sich seine knielange Tunika besudelt? Er konnte keinen Fleck auf dem blauroten Stoff entdecken und wusste auch sonst keinen Grund, warum die beiden ihn ganz offensichtlich auslachten. Was gibt es da zu lachen, ihr Narren? Er musterte die beiden. Doch so sehr er auch nach irgendeinem Mangel an ihrer Kleidung oder ihrer Haltung suchte, fand er nichts, an dem er hätte Anstoß nehmen können.
Sie lachen über mich, weil sie Barone sind. Weil sie die Vorzüge des Adels genießen, aus goldenen Kelchen trinken und von silbernen Tellern essen. Ich bin nur ein Jugleur, ein Nichts in ihren Augen. Ich diene ihrer Unterhaltung, aber ansonsten bin ich zu nichts zu gebrauchen. Ich bin kein Ritter wie sie und kann nicht für den König kämpfen. Ich bin kein frommer Kirchenmann wie die Mönche, die Gott mit ihren Gebeten dienen. Ich bin kein Bauer, der sich um ihr Getreide, ihr Vieh und ihr Land kümmert. Meiner Hände und Gedanken Arbeit ist nutzlos für sie, außer dass es sie nach dem Essen bei Laune hält, bis sie ihre vollen Bäuche in ihre weichen Federbetten zurückschleppen und dort süß und selig in den zarten Armen ihrer Liebsten einschlafen.
Lucan verpasste der Schüssel einen Schlag, dass diese auf dem Tisch hin und her wackelte.
William lachte los und zeigte auf das Gefäß, das langsam wieder auf seinem Boden zur Ruhe kam. »Regardez! Lucan und sein tanzender Teller! Haha!«
Lucan warf ihm einen bösen Blick zu, aber der Kleine trug natürlich keine Schuld daran, dass die Barone sich lustig machten. Etwas dagegen tun konnte Lucan ohnehin nicht. Sie waren auf das Wohlwollen der Adligen angewiesen, wenn sie für ihre Auftritte mehr als nur wie üblich ein paar Äpfel, ein Stückchen Wurst und ab und zu ein paar Kupfermünzen bekommen wollten. Seufzend zog er die Schüssel wieder zu sich, als er merkte, dass ihn jemand beobachtete.
Auf einer der Treppen, die aus der großen Halle in die Schlafgemächer der Herrschaften führten, saß jemand. Ein Kerlchen, nicht viel größer als der kleine William, mit zweifarbiger Tunika, die unten in spitzen Zungen endete. Auf dem Kopf trug er eine passende Haube mit drei ohrenähnlichen Zipfeln. In der Hand hielt er etwas, das aussah wie ein Stöckchen, auf dem das Oberteil einer Puppe steckte, die ebenfalls bunt kostümiert war und eine dreizipfelige Haube trug.
Der kleine Mann lächelte. Es war kein freundliches Lächeln, aber auch kein feindliches. Eher … geheimnisvoll, als wüsste er etwas, das Lucan nicht wusste. Vielleicht lag auch ein wenig Überheblichkeit darin, denn das Männchen hatte eine seiner dunklen Augenbrauen hochgezogen. Es sah aus, als krabbelte ihm eine dicke Raupe auf der Stirn herum.
»Das muss der Hofnarr sein«, raunte Baldwin.
Das Lächeln des Narren war wie eingefroren. Er saß da und betrachtete die beiden Jungen.
»Bist du sicher, dass er nicht ausgestopft ist?«, fragte Lucan. »Er bewegt sich überhaupt nicht, und doch beobachtet er uns.«
Baldwin lachte auf. »Hast du etwa Angst vor dem Pimpf? Der reicht dir ja nicht mal bis an die Schulter!«
»Mag sein, aber sein Blick beunruhigt mich irgendwie. Als wenn er etwas vorhätte. Mit uns, mit mir. Vielleicht will er unsere Vorstellung sabotieren, weil er Angst um seine Stellung hier am Hof hat.«
»Warum sollte er Angst haben? Er ist ein Narr. Er ist lustig, er hält den Baron bei Laune. Aber was kann er schon sonst? Kann er singen, die Fiedel spielen, Gegenstände in die Luft werfen und wieder auffangen, sich in der Luft überschlagen –«
»Schon gut, schon gut! Du hast ja recht.«
Lucans Blick ging erneut zur Treppe. Der Narr war verschwunden. Viel Zeit darüber nachzugrübeln, wo das Männlein sich versteckt hatte, blieb Lucan jedoch nicht.
Unter dem erneuten Klang von Flöten, Pfeifen und Trommeln einer Musikergruppe fand der nächste Gang seinen Weg zu ihrem Tisch, und der köstliche Duft von gebratenem und mit Honig glasiertem Lammfleisch und deftigem Kohlgemüse brachte Lucan schnell auf andere Gedanken.
Als zum Nachtisch Schalen mit süßem Obstkompott und Getreidepudding aufgetischt wurden, gab ein Diener Onfroi Bescheid, dass er sich bereithalten sollte, um seinen Teil zur abendlichen Unterhaltung beizutragen.
Baldwin strich sich zufrieden über den reich gefüllten Bauch: »Kopfstände und Überschläge muss ich wohl dieses Mal rauslassen, sonst kommt mir das Essen hoch.«
»Bloß nicht!« Lucan tätschelte Garulf, der zwischen seinen Füßen lag und zufrieden an einem Knochen nagte. »Wer weiß, wann wir wieder so herrlich essen?«
Onfroi erhob sich endlich, begrüßte die Zuschauer und bedankte sich für das festliche Mahl und die freundliche Aufnahme durch Sire Robert de Monbrai, den trefflichen Ritter seiner Majestät des Königs William le Rous. Anschließend ließ er die ersten Töne auf seiner Flöte erklingen, um auch die Aufmerksamkeit und das Gehör des Letzten in der großen Halle zu bekommen. Die Vorstellung hatte begonnen. Jetzt zählte es.
Lucan verdrängte die Müdigkeit, die sich nach dem reichhaltigen Mahl über ihn legte, und lauschte dem Flötenspiel seines Stiefvaters, bis jener ihn zu sich auf den Platz vor den wichtigsten Herren rief. Mit einem Schlag war Lucan hellwach.
Unter höflichem Tischeklopfen der Zuschauer trat Lucan mit seiner Fiedel vor und bahnte sich den Weg zu Onfroi. Einige Barone zogen hämisch den Mundwinkel hoch, als bezweifelten sie, dass dieser junge Kerl da vor ihnen auch nur irgendeine Fähigkeit hatte, die sie beeindrucken könnte. Andere, vor allem die Frauen, insbesondere die jüngeren, musterten ihn von oben bis unten.
Lucan richtete seinen Blick auf Sire Robert und die Männer, die mit ihm am erhabenen Ende der Tischreihen saßen. Kampferprobte Krieger, die alle alt genug wären, um mein Vater zu sein. »Messires?« Er machte eine tiefe Verbeugung. »Ich schätze mich glücklich, Euch an diesem Abend mit meinen Künsten unterhalten zu dürfen.«
Sire Robert nickte und bedeutete ihm anzufangen.
Lucan verbeugte sich vor den restlichen Zuschauern, blickte zu Onfroi und begann auf dessen Zeichen hin, auf der Fiedel zu spielen, während sein Stiefvater die tragische Geschichte über Carles de France und seinen Neffen Rollant anstimmte. Am Ende des Liedes übergab Lucan dem abtretenden Onfroi die Fiedel und holte seine Bälle aus der bereitgestellten Truhe.
Der Mann mit den hellen Augen, ganz außen am Tisch, beobachtete ihn aufmerksam, als er wieder seinen Platz einnahm und den Zuschauern die Bälle zeigte. Doch Lucan durfte sich nicht ablenken lassen, nicht jetzt, und sobald die Bälle in der Luft kreisten, vergaß er alles um sich herum.
Er jonglierte nicht bloß mit Bällen und Kegeln, sondern bat die Zuschauer auch, ihm Gegenstände zu reichen, die er in der Luft zu halten versuchen würde. So flogen schon bald Löffel, dann Schuhe und schließlich sogar Eier Richtung Decke und wieder zurück in Lucans flinke Hände, die sie unmittelbar und rasend schnell wieder nach oben beförderten.
Noch bevor er all seine außergewöhnlichen Wurfgeschosse wieder eingefangen hatte, klatschten die Ersten auf die Tischplatten und schon bald rollte der Beifall wie eine Welle durch die große Halle. Er atmete auf, verneigte sich tief und legte schließlich die Eier wieder heil und sicher zu den anderen in den Korb, den ein Küchenmädchen ihm sichtlich erleichtert hinhielt und dann eiligst fortschaffte.
Lucan griff in die Truhe und ging auf einen freundlich dreinblickenden Herrn zu, der vor ihm saß. »Wie ist Euer werter Name, Munsire?«
Der Mann sah sich verlegen um. »Mein … Nun, man nennt mich Ascelin Fitz William.«
Lucan beugte sich zu ihm hinunter und betrachtete ihn stirnrunzelnd von der Seite. »Sagt, Munsire, was habt Ihr da an Eurem Ohr?«, fragte er so laut, dass alle es hören konnten.
Sire Ascelin griff mit fragendem Blick an sein Ohr. »Warum? Was sollte an meinem Ohr sein?«
Einige Männer, die weiter weg saßen, standen auf und reckten die Hälse.
Lucan stemmte die Hände in die Hüften und sah sich stirnrunzelnd um. »Ja, kann denn nur ich sehen, was da in Eurem Ohr steckt? Haltet still! Ich werde versuchen, Euch davon zu befreien.« Er legte eine Hand um Sire Ascelins Ohr und griff mit den Fingern der anderen Hand hinein. »Ihr habt doch keine Angst, oder?«
Sire Ascelin schüttelte eiligst den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Macht schon!«
Mit einem diebischen Grinsen zog Lucan betont langsam einen kleinen weißen Zipfel zwischen den Fingern hervor.
Ein Staunen ging durch die Zuschauer.
»Hat das wehgetan?«, fragte Lucan.
Sire Ascelin blickte verwundert hoch. »Nein, aber sagt mir, was habt Ihr da?«
Lucan zog weiter, bis etwa eine Handbreit Stoff aus Sire Ascelins Ohr heraushing.
»Das ist ein Tuch!«, rief einer der Tischnachbarn ungläubig. »Er hat ein Tuch im Ohr!«
Lucan ruckte an dem Zipfel. Das Tuch glitt heraus, er schwenkte es wie eine Trophäe in der Luft herum. »Das Tuch ist draußen! endlich kann Sire Ascelin wieder richtig hören.«
Einige Lacher ertönten, die meisten Zuschauer schlugen mit der flachen Hand auf die Tische.
Lucan verneigte sich vor dem Baron. »Es war mir eine Ehre, Euch von diesem Störenfried zu befreien.«
»Das kann doch nicht sein!« Der Baron betastete sein Ohr und blickte ungläubig auf das Tuch. »Wie habt Ihr das gemacht?«
Mit dem Arm machte Lucan eine ausladende Bewegung hin zum Baron. »Vielen Dank an Sire Ascelin, Messires et Mesdames!«
Während die Zuschauer Sire Ascelin bejubelten, hielt Lucan Ausschau nach einer Frau. An der Wand der großen Halle standen einige Diener, die von dort das Schauspiel verfolgten. Auch das schöne Mädchen, das er beim Hereinkommen gesehen hatte, war unter ihnen. Für einen Augenblick war er versucht, sie für sein nächstes Kunststück auszuwählen, aber er besann sich rechtzeitig. Wie sah es aus, wenn er eine Dienerin den hohen Damen, die anwesend waren, vorzog? Das stellte eine infame Beleidigung dar. Onfroi könnte ihm das nie verzeihen, und von Matild hätte er eine ordentliche Tracht Prügel zu erwarten.
Er lächelte schuldbewusst und wählte dann eine rundliche Dame mit einem pelzbesetzten Kragen, aus dem er ein Ei hervorholte. »Seid froh, dass wir es rechtzeitig erwischt haben«, rief er, während er es in die Luft hielt. »Stellt Euch vor, es wäre geschlüpft!«
Die Zuschauer lachten. Die Dame winkte glucksend mit den beringten Fingern ab.
Als Letztes zauberte Lucan einem adligen Mädchen eine Blume aus den offenen Haaren. Während ein Donnern erneut auf die Tischplatten niederging, konnte Lucan es sich nicht verkneifen, der schönen Dienerin ein Lächeln zuzuwerfen, als er die Blume hochhielt. Sie lächelte verschämt zurück und nickte. Vielleicht hatte sie ihn verstanden. Zumindest hoffte er das.
Er verbeugte sich nach allen Richtungen, zuletzt und besonders tief vor Sire Robert und den anderen mächtigen Baronen.
Die hohen Herren nickten gemächlich, aber anerkennend. Auch der Mann mit den hellen Augen ganz außen.
Sire Robert musterte Lucan. »Ihr seid sehr geschickt mit Euren Händen, Jugleur.«
»Danke, Sire.«
Sire Robert hob den Krug und schaute in die Runde. »Besonders bei den Damen.«
Viele Barone brachen in Gelächter aus, während den Damen die Schamröte ins Gesicht stieg.
Lucans Wangen glühten. Hatte er etwa versagt? Ausgerechnet heute? »Was meint Ihr damit, Sire? Konnte ich Euch und die edlen Herren nicht mit meinen Künsten erfreuen?« Das Herz pochte ihm bis in die Schläfen.
Sire Robert sah über die Schulter nach hinten. »Was meinst du dazu, Grimkel?«
Wie aus dem Nichts erschien an seiner Seite die Zipfelmütze des Narren, der selbst stehend noch kleiner als sein Herr im Sitzen war. »Er ist ein begabter Junge, Sire. Ich denke, er wird es noch weit bringen.«
Grimkels Worte klangen warm und voll, ganz anders als der quäkende Tonfall, den Lucan sich vorgestellt hatte. Aber was wusste er schon über Zwergenstimmen? Er hatte bisher noch keinen so kleinen Mann getroffen, geschweige denn gehört.
»Wo habt Ihr Euer Handwerk gelernt?«, fragte Sire Robert.
»Ich? … Mein Handwerk, also, ich …« Hilfesuchend sah er sich zu Onfroi und den anderen um. »Mein … Vater war Menestral bei –«
»Wir haben den Jungen als Waise aufgenommen, Sire«, rief Matild von hinten, »und ihm alles beigebracht, was Ihr und Eure Gäste heute Abend bewundern konntet, Sire.«
Lucan fuhr herum. »Was?«
Matild packte ihn am Arm und schob ihn zum Tisch zurück. »Euer Lob ehrt uns, Sire, aber ich denke, der Junge ist nun erschöpft und muss sich ausruhen.«
»Aber –« Lucan versuchte, sich aus dem Griff zu winden, doch Matild schloss die Hand so fest um seinen Arm, dass es schmerzte.
»Teis toi!«, presste sie zwischen den Zähnen hindurch und drückte Lucan auf die Bank. Dann gab sie Emma und Fulcred einen Fingerzeig aufzustehen, wandte sich mit einem zuckersüßen Lächeln um und stolzierte zu Sire Robert und den Baronen zurück. »Selbstverständlich haben wir noch mehr Musik und Unterhaltung vorbereitet, um Euch und Eure Gäste zu erfreuen, Sire. Nach so viel Schabernack«, sie bedachte Lucan mit einem abschätzigen Blick, »möchtet Ihr sicher etwas Anspruchsvolleres hören. Ich werde Euch einen alten Lai vortragen, der mehr nach Eurem Geschmack sein wird, Sire.«
»Etwas Anspruchsvolleres!«, grummelte Lucan zu Baldwin. »Das sagt ausgerechnet diejenige von uns, die am wenigsten singen kann.«
Er erntete ein Lächeln von Custance, die sanft nickte. »Aber was wissen wir schon von anspruchsvoller Arbeit.«
Lucan lauschte grollend, was Matild den Ohren der verwöhnten Zuhörer antat.
Fulcred und Emma begleiteten sie fehlerlos auf ihren Instrumenten. Matilds Singen dagegen klang nach dem Abendkonzert einer erkälteten Krähe. Dass sie das Lied durch ständiges Räuspern unterbrach, trug ein Übriges zum allgemeinen Missklang des Vortrags bei, auch wenn sie die Unterbrechungen immerhin passend zum Takt zwischen den Versen verteilte.
Da hat wohl jemand heute Nachmittag zu viel in der frischen Luft geschrien. Lucan schmunzelte und strich zufrieden über sein Halstuch.
Nachdem auch Baldwin und William die Zuschauer mit ihrer Geschicklichkeit und Kraft begeistert hatten, rief Onfroi alle Familienmitglieder in der Mitte der großen Halle zu sich und lobte erneut die Vorzüge jedes einzelnen. Unter Jubelrufen der Anwesenden verbeugten Lucan und die anderen sich mehrfach, und Garulf machte auf ein Zeichen Lucans ebenfalls eine kleine Verbeugung, indem er ein Vorderbein abknickte und das Köpfchen zum Boden neigte, bis seine Schnauze den Boden berührte. Den Entzückungslauten nach flogen ihm spätestens jetzt die letzten Herzen zu. Ob es wohl einen edlen Herrn unter den Zuschauern gibt, der gerade nach einem Menestral sucht? Wie schön es wäre, endlich wieder einen festen Platz zum Leben zu haben!
Sechzehn Jahre hatte er in ein und derselben Burg gelebt und war über Nacht ein Angehöriger des fahrenden Volkes geworden. Wie lange noch sollte er seine Gabe auf Märkten und Festen feilbieten, wo vor allem arme Leute zu den Zuschauern gehörten? Natürlich liebten sie es, der Musik und den Geschichten zu lauschen und die neuesten Nachrichten aus den umliegenden Dörfern oder gar vom König zu erfahren. Nur den Geldbeutel dafür aufmachen wollte keiner. Zumindest sorgte das Gebot der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft dafür, dass die Familie an den meisten Abenden ein Dach über dem Kopf und ein wenig Brot hatte, aber Lucan erinnerte sich an so manchen Tag, an dem er mit leerem Magen eingeschlafen war. Das wenige Essen teilte er gern mit seinen Geschwistern, aber es versetzte ihm immer einen Stich ins Herz, wenn sie wieder einmal nur so gerade eben mit dem auskamen, was sie besaßen.
Möge Gott in seiner Gnade geben, dass sich heute Abend wenigstens einer der edlen Herren dafür entscheidet, uns in seine Dienste zu stellen!
Langsam neigte sich das Festmahl dem Ende zu. Während die Adligen sich in die Privaträume im ersten Stock zurückzogen, schleppten in der großen Halle viele Hände das benutzte Geschirr in die Küche, fegten Essensreste von den Tischen, kehrten den Unrat am Boden zusammen, wischten die Tischplatten, Bänke und Stühle feucht ab und rückten saubere Möbel zur Seite.
Auf der freien Fläche bereitete sich das niedere Volk – junge Ritter, Untergebene und natürlich auch Lucan und seine Stieffamilie – die Lager für die Nacht vor.
Lucan breitete seine wollene Decke neben Baldwin aus und zog seine zweifarbige Tunika aus. Garulf trippelte auf die Decke, drehte sich einige Male im Kreis und rollte sich anschließend zusammen.
»Wenigstens bleibt uns für die nächsten Tage das Herumreisen erspart.« Lucan wandte sich zu seinem Bruder, der schon auf einer Decke lag und die Hände hinter dem Kopf verschränkt hatte.
»Ja, schon seltsam, dass wir morgen nicht wieder alles zusammenpacken und weiterziehen müssen, oder?«
Lucan ließ sich neben Garulf plumpsen und kraulte ihn unter dem Kinn. »Um das Essen müssen wir uns auch nicht kümmern. Wäre es nicht schön, wenn es so bliebe? So wie früher, als Vater und Mutter noch lebten?«
Sein Bruder seufzte. »Das wäre sicher schön. Aber wir können froh sein, dass wir damals mit dem Leben davongekommen sind.«
»Können wir das wirklich, Baldwin?«
»Das darfst du nicht sagen, Lucan! Der Herr wird schon wissen, warum er uns damals verschont hat.«
»Aber nicht unsere Geschwister, unsere Mutter und auch nicht unseren Vater. Er lebte gerade lange genug, um uns an Onfroi zu übergeben.«
Baldwin rollte sich auf die Seite. »Er hat durchgehalten, weil er uns in sicheren Händen wissen wollte.«
»Ich weiß. Aber sind wir das denn? Unser Leben ist nicht sicherer als vorher. Wir leben wie Bettler, herumziehende Vagabunden und Nichtstuer. Nach dem Auferstehungsfest wird es für uns genauso weitergehen wie bis zu dem Tag, an dem wir Bebbanburh erreichten. Wenn ich nur wüsste, wie wir mehr Geld verdienen könnten!«
»Was willst du machen? Große Höfe gibt es nun mal nicht viele, und alle haben längst einen eigenen Menestral oder Hofnarren.«
»Es wäre viel leichter, wenn ich nicht ständig Fehler bei der Aufführung machen würde.«
»Du? Die Leute lieben dich! Ist dir nicht aufgefallen, wie einige Frauen dich angesehen haben, als du für deine Zaubereien um die Tische gegangen bist? Gewiss hat jede einzelne zu Gott gebetet, dass du bei ihr stehenbleibst und sie auswählst.«
»Mach dich nicht über mich lustig, Baldwin! Matild wiederholt doch oft genug, was ich alles falsch mache und dass ich nie gut genug sein werde.«
»Du glaubst doch nicht, was diese Hagurnele sagt!«
Garulf schmiegte sich eng an Lucan und blickte ihn treuherzig an. Wie viel Vertrauen in diesen dunkelbraunen Hundeaugen lag!
Baldwin schnalzte mit der Zunge. »Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass du dir selbst im Weg stehst. Ich bin nicht der Erste, der dir sagt, dass du eine große Gabe besitzt. Das haben schon viele getan. Wenn dich deswegen noch kein Baron in seine Dienste aufgenommen hat, nun, dann ist es der Wille des Herrn, aber nicht deine Schuld. Du hast längst die Anerkennung, die du von anderen haben willst, aber du glaubst den bösen Stimmen mehr als dir selbst, und du machst dich schlechter, als du bist.«
»Schau dir doch unsere Lage an! Ohne einen adligen Fürsprecher kommen wir nicht weiter. Wir müssen genau so jemanden finden, wenn wir dem Leben als fahrende Spielleute entkommen wollen. Oder möchtest du etwa für den Rest deines Lebens in der Welt umherziehen?«
Baldwin zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Man trifft die unterschiedlichsten Leute unterwegs.«
»Und man weiß heute nicht, ob man morgen genug zu essen haben wird.« Lucan legte sich hin und deckte Garulf und sich selbst zu. »Wenn wir doch nur jemanden unter den Baronen finden könnten, der ein gutes Wort für uns einlegt. Was würde ich nicht alles tun für solch eine Empfehlung!«
Sein Bruder gähnte herzhaft und schloss die Augen. »Morgen werden wir schon sehen, welchen Eindruck unsere Vorstellung bei Sire Robert und den anderen hinterlassen hat. Bis dahin wollen wir zu Gott beten, dass auch er für uns ein gutes Wort einlegt.«
Am Vormittag des nächsten Tages begab sich Lucan hinter die Schmiede, die sich in der südöstlichen Ecke des äußeren Burgvorhofs befand. Versteckt hinter dem großen Holzbau, aus dem ein ständiges Hämmern, Zischen und Scheppern dröhnte, und nach Süden und Osten durch die Mauern der Vorhöfe vor neugierigen Blicken geschützt, wollte er hier weiter an dem Kunststück arbeiten, das er seit einigen Tagen heimlich übte. Wenn er es gut genug beherrschte, würde er damit demnächst die Zuschauer überraschen, vielleicht schon bei ihrer letzten Vorstellung auf der Burg.
Garulf rannte bellend voraus und in einer Schleife zurück um Lucans Beine, nur um dann wieder vorwärtszupreschen.
»Ruhig, mein Kleiner!« Lucan hockte sich hin und streckte die Arme aus. »Na, komm her! Ven, Garulf!«
Sein vierbeiniger Freund kam angeschossen und landete mit einem Sprung an Lucans Brust.
Er drückte das Hündchen an sich. »Ach, Garulf. Wie sollte ich es mit dieser schrecklichen Matild nur ohne dich aushalten?«
Garulf bellte entrüstet.
Lucan ließ ihn zurück auf den Boden und hob mahnend den Finger. »Nun sei schön still, Garulf! Du darfst mich nicht stören, nicht bellen und nicht herumlaufen, hast du verstanden?«
Der Hund bellte, setzte sich aufrecht hin und sah ihn mit großen dunklen Hundeaugen an.
»Ço est chenet sage.« Lucan strich ihm über das Fell und stand auf. »Und jetzt aufgepasst! Es geht los.«
Mit seinem Essmesser ritzte er einen Kreis von ungefähr einer Spanne Durchmesser in eine der breiten Holzlatten in der Rückwand der Schmiede. Dann ging er zwölf Schritte von der Wand weg und öffnete den Lederbeutel an seinem Gürtel. Vorsichtig fasste er mit Daumen und Mittelfinger hinein und zog nacheinander drei etwa handtellergroße, sternförmige Metallscheiben heraus. Der Messerschmied in der alten Burg hatte sie ihm schon vor vielen Jahren gefertigt, aber anfangs waren Lucans Finger noch zu kurz und zu ungeschickt gewesen, um sich nicht ständig an den messerscharfen Rändern zu schneiden. Nach dem Überfall hatte er sie lange nicht angerührt, aber seit einigen Monaten übte er, die Metallplatten wie andere Gegenstände geschickt in der Luft zu halten. Er müsste nur stets darauf achten, sie in der Mitte zu fangen, wo sich auf beiden Seiten eine kleine Mulde, gerade groß genug für eine Fingerkuppe, befand, sonst …
Lucan warf eine der Platten waagerecht in die Luft und fing sie in der Mulde mit der Spitze des Zeigefingers auf. Nachdenklich betrachtete er, wie die Scheibe sich nach einem kleinen Schlenker am Anfang ruhig im Kreis drehte. Er warf die zweite Platte hoch, dann die dritte. Kaum hatte er die zweite ebenfalls mit dem Finger aufgefangen, warf er die erste wieder hoch, um die dritte aufzufangen. Dann segelte die zweite erneut in die Luft, dann noch einmal die dritte.
So ging es eine Weile, bis zwei der Scheiben hintereinander gut zwei Mann hoch über dem Boden flogen. Die erste Platte landete auf Lucans Fingerkuppen. Er fing ihren Fall weich ab, packte sie an der Mulde und zielte auf die Schmiede. Im nächsten Moment folgten die zweite und die dritte Platte.
Lucan schlenderte auf das Gebäude zu, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete zufrieden sein Werk. Alle Wurfscheiben steckten innerhalb des Kreises in der knorrigen Holzlatte fest. »Na, was sagst du, Garulf?«
Der Hund spitzte die Ohren und machte einen zögerlichen Schritt vorwärts.
Lucan winkte ihn zu sich. »Jetzt darfst du.«
Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da rannte Garulf schon herbei, setzte sich zu Lucans Füßen hin und schaute geradezu ehrfürchtig hoch zu dem Kreis mit den Scheiben darin.
»Gut?«
Das Hündchen bestätigte mit einem Bellen.
»Wenn du zufrieden bist, bin ich es auch.« Lucan zückte einen länglichen, leicht gebogenen Metallstab aus dem Lederbeutel. Dieser Stab diente ihm nicht nur zum Schärfen der Kanten an den Wurfscheiben und seinem Messer, sondern eignete sich auch hervorragend dazu, um die Wurfscheiben wieder aus dem Holz herauszuhebeln – mit der nötigen Vorsicht natürlich. Ein falscher Griff, und seine Finger machten Bekanntschaft mit einer der sechs messerscharfen Schneiden. Mit Fiedelspielen und Jonglieren wäre es dann erst einmal vorbei, und ein Besuch bei Custance unausweichlich.
»Hier steckt ihr zwei!« Baldwin kam an der Mauer entlanggestiefelt. »Man sucht nach dir.«
»Wer denn?« Lucan verstaute die Wurfscheiben und den Metallstab im Lederbeutel und ging seinem Bruder entgegen. »Doch hoffentlich nicht Matild!«
Baldwin zuckte mit den Schultern. »Einer der Herren hat ein Auge auf dich geworfen. So hat es mir jedenfalls der Zwerg erzählt.«
»Einer der …« Einen Moment lang raste Lucans Herz, dann lächelte er. »Baldwin! Der Narr hat sich ein Späßchen mit dir erlaubt, und du bist drauf reingefallen!«
Sein Bruder kniete sich hin und strich Garulf über den Kopf. »Das denke ich nicht, denn der Zwerg will auch mit dir reden.«
»Warum mit mir? Wenn einem der Barone unsere Vorstellung gefallen hat, sollten sie mit Onfroi reden.« Lucan blickte hinaus auf das schäumende Meer. »Ich bin nicht einmal sein echter Sohn, sondern nur ein Waisenkind, das er und seine Frau aufgenommen haben.«
»Es war klug von dir, dich nicht mit Matild darüber zu streiten – vor all den Leuten.«
Lucan winkte ab. »Schlimm genug, dass sie mich wie einen dummen Jungen zur Bank gezogen hat.«
»Also was ist jetzt? Kommst du?«
Baldwins Frage riss Lucan aus seinen Gedanken. »Ja, sicher. Wo finde ich den Zwerg?«
»Er sagt, er trifft dich im Hühnerstall.«
»Bitte wo?«
Baldwin steckte die Hände unter die Achselhöhlen und flatterte mit den Ellenbogen. »Na, da wo die Viecher leben, die die Eier legen, du weißt schon, mit Federn und –«
Lucan legte die Hand auf Baldwins Gesicht und schob ihn weg. »Ich weiß, was Hühner sind!«
»Ach?«
»Im Hühnerstall also. Das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Treffpunkt.«
»Wenigstens ist er dort der Größte.«
»Du bist gemein, Baldwin! Er kann doch nichts dafür, dass er … nicht so groß ist wie wir.«
Eine warme Stimme ließ sie stehenbleiben. »Nicht in jedem großen Körper steckt auch ein großer Geist.« Hinter einem Schuppen trat Grimkel gewichtig hervor.
Die beiden Brüder schauten sich betreten an, als hätte Matild sie beim Stehlen erwischt. Zumindest hatten sie von Grimkel keine Schläge zu befürchten. Oder zumindest hoffte Lucan das.
»So still plötzlich, Messires?« Gemächlich umrundete Grimkel die beiden. »Hat es Euch etwa die Sprache verschlagen?« Er baute sich breitbeinig vor den beiden auf. »Oder habt Ihr vielleicht … Angst vor mir?« Wie gestern Abend bewegten sich bei diesem Satz die dicken Raupen in seinem Gesicht.
»Nicht … wirklich«, sagte Lucan. »Wir waren nur überrascht, Euch hier anzutreffen, wo Ihr doch …« Er brachte das Wort ›Hühnerstall‹ nicht über die Lippen. Baldwins Satz geisterte ihm durch den Kopf.
»Einen ungewöhnlichen Treffpunkt zum Sprechen ausgewählt habt – das wolltet Ihr doch sagen, oder?«
Lucan nickte.
Grimkel schürzte die Lippen. »Hühner gackern, aber sie reden nicht über Dinge, die andere nicht hören sollen. Kommt!« Er drehte sich um und stapfte zum Hühnerstall. Die beiden Jungs wollten ihm folgen, aber Grimkel rief über die Schulter nach hinten: »Nur Ihr, Lucan! Die anderen zwei bleiben hier!«
Baldwin senkte den Blick zu Boden und kniete sich neben Garulf, der sich winselnd hinsetzte. »Schon gut. Ich pass auf Garulf auf. Geh nur!«
Lucan drückte ihm die Schulter und folgte dann dem Narren, der mit großen Schritten vorausging.
Im Hühnerstall angekommen, nahm sich Grimkel einen der Körbe, die am Eingang aufgestapelt standen, und suchte das erste Nest nach Eiern ab.
Lucan wartete vergeblich auf weitere Erklärungen und warf schließlich einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass niemand lauschte. Der Narr hatte ziemlich geheimnisvoll getan. Ein weiterer Blick. Außer ihnen war niemand zu sehen, warum rückte der Zwerg also nicht mit der Sprache raus? Lucan rieb die Handflächen über die Tunika. »Ihr wolltet mir etwas sagen?«
Grimkel griff beherzt unter ein Huhn und zog ein Ei hervor, das er fasziniert betrachtete. »Welch ein Wunder Eier doch sind«, murmelte er gedankenverloren. »Man weiß nie, was mal aus ihnen wird.«
Lucan zog die Nase kraus. Der Zwerg hatte ihn hoffentlich nicht in den Hühnerstall gebeten, um über Eier nachzudenken! Er folgte Grimkel, der das Ei in den Korb legte und weiter die Reihen von Nestern abschritt. »Was wolltet Ihr mir denn sagen?«
Grimkel sah über die Schulter zu Lucan hoch. »Ivarr hat etwas mit Euch vor.«
»Wer ist Ivarr?«
Der Narr sammelte ein weiteres Ei ein. »Wer weiß das schon?« Fast klang es, als sänge er die Frage.
Lucan stellte sich vor den kleinen Mann. »Ihr spuckt jetzt aus, was Ihr mir zu sagen habt, oder ich gehe. Ich lasse mich doch von Euch nicht zum …«
Grimkel ließ die Raupen laufen und grinste ihn breit von unten an. »Zum Narren halten?«
»Nun sagt schon! Wer ist dieser Ivarr und was will er von mir?«
Der Narr blickte sich um, bevor er leise antwortete. »Er ist ein Wikinger und ehemaliger Söldner.«
»Und? Was hat das mit mir zu tun?«
»Er will Euch einen Auftrag geben.«
»Was denn für einen Auftrag?«
Grimkel zuckte mit den Schultern, dass die Zipfel an der Tunika wackelten, und wandte sich erneut den Nestern zu. »Das wird er Euch schon noch sagen.«
Lucan versuchte irgendeinen Sinn in dem Gerede des Zwerges zu entdecken, aber er verstand rein gar nichts. »Und wo finde ich diesen Ivarr?«
»Gar nicht.«
»Was soll das heißen, gar nicht? Er will mir einen Auftrag geben, aber ich weiß nicht, wo ich ihn finden kann?«
Grimkel hob eine kleine klobige Hand. »Seid unbesorgt. Er wird Euch finden.«
Lucan stöhnte und ließ die Schultern hängen. »Er wird mich also finden. Und wie erkenne ich ihn? Oder schickt er mir vielleicht einen Engel, der mir die frohe Botschaft verkündet?«
Der Narr schürzte die Lippen. »Einen Engel, in der Tat. Einen großen, blonden Engel aus dem kalten Norden, der Bebbanburh mit seinem Glanz erhellt – dem Glanz des Goldes, das er von Sire Robert für seine Dienste bekommt. Oder von Ivarr, wenn der nicht nur zu Festtagen seine Burg nahe der Grenze verlässt und zu seinem Herrn nach Bebbanburh reitet. Wie prächtig sich die beiden Wikinger doch verstehen, als wären sie durch ein unsichtbares Band der Hölle aneinander gekettet.«
Langsam begann Lucan am Verstand des Zwerges zu zweifeln. Was er ihm da erzählte, ergab überhaupt keinen Sinn. Warum würde jemand ausgerechnet ihn für einen Auftrag auswählen? Und wer war dieser Ivarr? Wenn er in Bebbanburh war, dann hätte er ihn doch gestern bei dem Festmahl sehen müssen. »Wie sieht er denn aus, dieser Ivarr?«
Grimkel lächelte verträumt. »Wie ein Engel, Lucan.« Dann verzog er das Gesicht zu einer diabolischen Fratze. »Ein böser Engel, ein gefallener Engel. Er sieht aus wie eine Lichtgestalt, aber in seinen Augen liegt ein Schimmer, vor dem Ihr Euch in Acht nehmen müsst.«
Einen Moment lang starrte Lucan Grimkel an. Es war Zeit, den Hühnerstall zu verlassen. Dieser Zwerg war ganz offensichtlich nicht bei Verstand. »Ich danke Euch für diese Nachricht.« Er räusperte sich und wandte sich zur Tür.
»Er bezahlt gut«, sagte Grimkel.
Lucan hielt inne und drehte sich um. Der kleine Mann kehrte ihm den Rücken zu und legte unbekümmert ein weiteres Ei in den Korb. »Heißt das, er will mich für den Auftrag bezahlen? Mit Geld?«
»Warum fragt Ihr ihn das nicht selbst?«
Lucan musste lächeln. »Danke, Grimkel!«, sagte er und rannte hinaus.
Der Wind peitschte die Wellen zum Strand, als wollte er sie die steile Böschung bis zu den Zinnen der dicken Nordmauer hinaufjagen und jedem das Wasser ins Gesicht sprühen, der sich bei diesem Sturm auf den Wehrgang wagte.
Lucan lehnte an einer der Zinnen und blickte aufs Meer hinaus. Vor den fernen Umrissen der heiligen Insel tanzten weiße Schaumkronen auf den Wellen, bevor sie mit einem gewaltigen Gurgeln in den tosenden Wassermassen untergingen. Er zog sein Tuch enger um den Hals und vergrub die Finger in dem Stoff, der mit den Jahren weich und anschmiegsam geworden war. Für Außenstehende sah es nur wie ein unscheinbares, bleichgelbes Stück Stoff aus, wie man es als Bauernkleidung überall fand. Doch für Lucan war es mehr als das, und jedesmal, wenn er mit den Fingern das Tuch fühlte, sah er seine Mutter vor sich, wie sie an dem kleinen Webstuhl saß und das Schiffchen hin und her sausen ließ. Jeden Tag wuchs das Tuch ein Stückchen mehr, bis seine Mutter sich eines Tages zu ihm hinunterbeugte und ihm das Tuch um den Hals wickelte. Fast konnte er ihre Berührung spüren. Eine Hand, die über seine Schulter fuhr. Eine weibliche Stimme, die seinen Namen sagte.
»Lucan?«
Er blinzelte. Hatte er mit offenen Augen geträumt?
Custance sah ihn fragend an, während sie die Hand von seiner Schulter gleiten ließ. »An was denkst du?« Einige Haarsträhnen wirbelten um ihr Gesicht herum, als könnten sie die Antwort kaum noch abwarten.
»Nichts. Was ist mit der Heilerin?«
Custance zuckte mit den Schultern. »Was soll schon sein? Ich würde gerne bei ihr bleiben, aber Mutter erlaubt es nicht.«
Lucan zeigte auf die Möwen, die über ihnen im Wind schaukelten. »Wünschst du dir nicht auch manchmal, so zu sein wie die da oben, einfach dahinzusegeln, wo einen der Wind hintreibt, frei und ungebunden?«
Sie seufzte. »Wenn wir nur reich genug wären …«
»Sag mal, weißt du, wo ich Ivarr finden kann?«
»Den Wikinger? Was willst du denn von dem?«
Er zögerte. Sollte er Custance einweihen? Er wusste doch nicht einmal, ob es wirklich stimmte, was der Zwerg ihm erzählt hatte. Bis jetzt hatten weder Ivarr noch der andere Söldner nach ihm gesucht oder gefragt. Vielleicht hatte Grimkel ihn angelogen und alles erfunden, um sich einen Spaß mit ihm zu erlauben. Er schüttelte den Kopf. »Einfach so. Ich habe gehört, er sieht aus wie ein Engel.«
»Ivarr?« Custance lachte. »Er mag blond und von hellem Angesicht sein, aber Flügel hat er sicher nicht.«
»Er scheint ein merkwürdiger Mann zu sein.«
»Er ist bösartig.« Custance schaute sich um. »Erst gestern kam eine Dienerin mit ganz blauen, geschwollenen Wangen zu Purnelle. Er hatte dem Mädchen befohlen, ihm einen Becher mit Wein in seine Hütte zu bringen. Als sie den Becher auf den Tisch stellte, hat sie ihn aus Versehen umgestoßen. Der Wein ist über die ganzen Schriftstücke gelaufen, die dort lagen.« Sie beugte sich noch näher zu Lucan. »Angeblich war er lange Zeit Söldner. Du weißt ja, was man über Söldner erzählt. Solange man ihnen genug dafür bezahlt, schneiden sie sogar ihrer eigenen Mutter die Kehle durch.«
»Custance!« Lucan schreckte hoch.
Sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich muss wieder zurück – und du gehst besser zu den anderen, um für heute Abend zu üben.« Sie zwinkerte ihm zu. »Deine Vorstellung gestern hat vielen gefallen.«
»Ach, das war doch nichts Besonderes.«
Custance blickte ihm direkt in die Augen. »Du bist ein guter Jugleur, Lucan. Ich bin froh, dass wir dich bei uns haben.« Sie lächelte noch einmal, wandte sich ab und eilte die Treppe hinunter.
Garulf, der die ganze Zeit still neben Lucan gelegen hatte, setzte sich auf und bellte Custance hinterher.
»Danke«, murmelte Lucan und stieg ebenfalls hinab. Als er auf der letzten Stufe ankam, ließ ihn ein Bellen zusammenfahren. Von der Seite näherte sich ein Hund, so groß wie ein Kalb, der vor einem breitschultrigen Mann mit blonden, zurückgekämmten Haaren und einem auffallend gepflegten Kinn- und Schnauzbart her trabte.
Lucan schnappte den winselnden Garulf und blieb stocksteif stehen, während das furchteinflößende Gespann sich auf sie zubewegte. Atemlos wartete er, dass die beiden vorbeigingen, doch zu seinem Entsetzen blieben sie vor ihnen stehen. Der massige Hund sah aus, als würde er abwägen, welchen von ihnen er zuerst verschlingen sollte.
»Ivarr wünscht Euch zu sprechen«, hallte eine Stimme in Lucans Ohren.
Es dauerte einen Augenblick, bis ihm klar wurde, dass der Mann neben dem Hund mit ihm redete. Hatte Grimkel nicht einen großen, blonden Mann erwähnt, den Ivarr schicken würde? Einen weiteren Wikinger und Söldner? Die Härchen auf Lucans Unterarmen stellten sich auf. »Dann seid Ihr …?«
Der Hüne fletschte die Zähne zu einem Grinsen, das wahrscheinlich das Letzte war, was seine Gegner sahen, bevor er ihnen die Kehle durchschnitt und das Blut …
Lucan schluckte und drückte Garulf an sich.
»Ich bin Randúlfr. Euer Smarakki gefällt mir.« Zärtlich strich er dem Monster an seiner Seite über den Kopf. »Für meine Zwecke brauche ich sie allerdings ein wenig größer. Kommt! Ivarr erwartet Euch.« Er gab dem Hund wohl einen Befehl in seiner Sprache, denn das Tier drehte sich mit ihm um und talpte friedlich wie ein Lamm an der Seite des großen Nordmannes entlang.
Mit einem deutlichen Sicherheitsabstand eilte Lucan den beiden hinterher.
An der Hütte am westlichen Eingangstor der Burg angelangt, öffnete Randúlfr die Tür. »Der Jugleur, Ivarr.« Mit der Hand bedeutete er Lucan einzutreten.
Mit Garulf fest im Arm und hoffentlich außer Reichweite, sollte das Untier vor ihnen plötzlich Hunger verspüren, presste sich Lucan durch den Türrahmen und sprang ins Zimmer hinein. Hinter ihm schloss sich die Tür, und obwohl der Nordmann und sein Hund draußen blieben, lief Lucan ein kalter Schauer über den Rücken. Denn hinter einem Tisch saß der blonde Engel, den Grimkel und Custance erwähnt hatten. Der Mann von gestern, der mich die ganze Zeit beobachtet hat.
Ivarr mochte vielleicht die blonden Haare und die helle Hautfarbe eines Engels haben, aber er besaß weder den gütigen Blick noch die Erhabenheit der Himmelsboten, die Lucan aus Kirchen und der Bibel kannte. Lucan konnte den Wikinger förmlich vor sich sehen, wie er eine Hand auf den Drachenkopf seines Schiffes gelegt hatte und über den Bug hinausschaute auf die Küste, die Orte, die er als Nächstes mit seinen Mannen plündern, brandschatzen und verwüsten würde.
Das Bild verschwamm, und Ivarrs Gestalt hinter dem Tisch nahm wieder klare Formen an. »Ich habe einen Auftrag für Euch, Jugleur.« Ivarrs Stimme passte zu einem Mann aus dem kalten Norden.
»So sagte man mir.«
»Seid Ihr sicher, dass Ihr gut genug dafür seid?«
»Wie kann ich Euch das sagen, wenn ich nicht einmal weiß, was ich von mir verlangt?«
»Ihr sollt eine junge Frau ausfindig machen.«
Lucan stutzte. Das war alles?
»Nun?« Ivarr starrte ihn an.
»Ich weiß nicht. Wieso braucht Ihr mich dafür? Kann das nicht Euer Diener Ran–«
»Er ist nicht mein Diener, und nein, kann er nicht. Ich brauche ihn hier.«
»Heißt das, diejenige, die Ihr sucht, befindet sich gar nicht in Bebbanburh?«
»Dummkopf! Natürlich nicht!«
»Wieso glaubt Ihr, dass ausgerechnet ich Euch helfen kann?«
»Ihr werdet nach Süden reiten, in die Nähe von Everwic. Sie lebte dort, bis man sie weggebracht hat.«
»Sie wurde entführt?«
»Ihr werdet herausfinden, wo sie sich aufhält und mir davon berichten. Niemand darf davon wissen.«
Lucan nickte. Wenn es weiter nichts war. Allerdings würde Matild es ihm bestimmt verbieten, so wie sie auch Custance nicht aus ihren Diensten entlassen wollte. Und was war mit Onfroi und den anderen? Er konnte sie doch nicht einfach so im Stich lassen! »Was ist, wenn mein Stiefvater mich nicht gehen lassen will?«
»Ich werde Euch gut belohnen, wenn Ihr meinen Auftrag erfüllt, Jugleur.«
»Was zahlt Ihr?« Die Frage rutschte Lucan heraus. Er schämte sich für seine Frechheit.
»Ich könnte Euch in Gold bezahlen. Oder Euch eine Empfehlung schreiben für einen der Barone.«
Lucans Ohren klingelten. Gold wäre schön, doch wie viel mehr wert wäre die Empfehlung eines Mannes am Hof von Bebbanburh! Wenn ein Adliger ihn fest in seine Dienste aufnahm, wie viel mehr Gold würde ihm das dauerhaft einbringen! Endlich hätten sie genug Geld und müssten nicht mehr die meiste Zeit des Jahres von einem Hof zum nächsten ziehen.
»Also?«
»Einverstanden. Wann soll ich aufbrechen?«
»So bald wie möglich. Randúlfr wird Euch ein Pferd für die Reise geben.«
»Habt Dank, Munsire! Sagt mir noch, wie heißt die junge Frau, nach der ich suchen soll, und woran erkenne ich sie?«
»Ihr Name ist Isabel. Sucht nach der schönsten Frau am Hof von Wilburgfos. Ihr werdet es wissen, wenn Ihr sie gefunden habt.«
Eine wunderschöne Frau suchen und dafür Geld erhalten? Heute ist mein Glückstag! Mit einem zufriedenen Grinsen wandte Lucan sich zum Gehen und streckte die Hand nach der Tür aus.
»Passt auf, dass Eurem Hund auf der Reise nichts zustößt.«
Lucan erstarrte und sah über die Schulter zurück.
Ivarr blätterte in den Schriftstücken auf dem Tisch und beachtete ihn nicht länger.
»Wenn es nichts weiter zu besprechen gibt«, sagte Lucan zögerlich, »gehe ich jetzt.« Es war mehr eine Frage als eine Aussage, aber da eine Antwort ausblieb, öffnete er die Tür und schlich hinaus, immer die Ohren gespitzt, falls noch eine Nachbemerkung kommen sollte.
Draußen sah er sich nach allen Seiten um, bevor er Garulf auf dem Boden absetzte. Dann lief er zum Ausgang in den östlichen Vorhof. »Wir haben einen Auftrag, Garulf! Und als Belohnung erhalten wir einen Haufen Gold oder gar einen Platz am Hof eines reichen Barons. Dann müssen wir nie wieder herumziehen und uns von Tag zu Tag hinüberretten. Custance kann bei der Heilerin bleiben, Emma muss nicht mehr Instrumente spielen, sondern kann springen und tanzen wie Baldwin, und Onfroi braucht sich keine Sorgen mehr um das Wohl seiner Liebsten zu machen.« Er verlangsamte seine Schritte. Wenn sie eine Empfehlung bekamen, für wen von ihnen wäre die dann? Für ihn selbst? Schließlich war er derjenige, der den Auftrag erledigte. Oder für Onfroi als Vater und Anführer der Truppe?
Ein Anflug von Neid quoll in Lucan hoch, doch er verwarf die Gedanken so schnell, wie sie gekommen waren. Onfroi hatte für ihn und Baldwin gesorgt wie für seine eigenen Kinder. Er verdiente eine solche Stellung am Hof eines Barons. Lucan würde noch genügend Zeit und Möglichkeiten haben, einen eigenen Herrn zu finden. Dann wären er und Garulf die Könige der Unterhaltung.
Lucan runzelte die Stirn. Wenn ihm nichts zustößt.
Lucan streichelte Garulf den Kopf. »Keine Angst! Ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht. Jetzt komm! Das müssen wir Baldwin erzählen.«
Als er das Tor durchquerte, tauchte Randúlfr mit seinem Hund im Hof auf. Lucan erschrak derart, dass er stolperte. Garulf lief winselnd hinter ihn, während Randúlfrs Hund mit gesenktem Kopf auf Lucan zutrabte, den Blick fest auf dessen Beine gerichtet – oder das, was sich dahinter befand.
Der Nordmann grinste, und irgendwie ähnelte sein Gebiss stark dem seines vierbeinigen Gefährten. »Wohin so eilig, Jugleur? Wolltet Ihr zu mir?«
Lucan wich vor dem geifernden Hundemaul zurück. »Ich, äh, ich … Nein, eigentlich nicht. Ich wollte zu meinem Bruder.«
Randúlfr nickte langsam. »Ihr wisst, dass Ihr mit niemandem über den Auftrag sprechen dürft?«
»Ivarr sagte nur, dass ich niemandem berichten solle, wo diese Isabel sich aufhält.«
»Das gilt für den ganzen Auftrag. Niemand darf wissen, wohin Ihr reitet.«
»Warum?«
»Das ist nicht wichtig. Aber wo Ihr schon hier seid, werde ich Euch Euer Pferd zeigen.«