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Er wollte die Achtung seines Vaters, doch schon bald ist der Kampf um sein Erbe seine geringste Sorge. England 1086. Nach dem Tod seines älteren Bruders wäre der sechzehnjährige Roger eigentlich der rechtmäßige Erbe, doch sein Vater hält ihn für unfähig. In seiner Verzweiflung versucht Roger das Vertrauen der jungen Gwennaol zu gewinnen, die ein Geheimnis über seinen Vater zu hüten scheint. Zu spät merkt Roger, dass er ein tödliches Spiel in Gang gesetzt hat – und sein unsichtbarer Gegner ist nicht der Einzige, der das Leben am Gutshof bedroht.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Dieses Buch ist als E-Book, Taschenbuch und gebundene Ausgabe erhältlich.
© 2024 Birgit Constant
Birgit Constant, c/o Sissis Autorenlounge, Steig bei der Warte 15, 67595 Bechtheim, Deutschland
www.birgitconstant.de
Buchcoverdesign: Sarah Buhr / www.covermanufaktur.de unter Verwendung von Stockfotografien von Rawpixel / Depositphotos sowie javarman; eBsimplicity / Adobe Stock
Lektorat: Florian Führen
Karten von John Wyatt Greenlee of Surprised Eel Maps
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
Nachwort
Personenverzeichnis
Ortsverzeichnis
Glossar
Danksagung
Lust auf mehr?
Bücher von Birgit Constant
Über die Autorin
Ortsnamen und fremdsprachliche Ausdrücke können Sie im Anhang nachschlagen.
Rogers Hände und Zehen drückten sich in den aufgeweichten Boden, als ein anderer Knappe ihm einen gefüllten Eimer auf den Rücken stellte. Aus der schlammigen Erde kroch die Herbstkälte durch seine Finger, die gerade noch Emmas zarte, warme Haut gestreichelt hatten. Mit einem Seufzer winkelte er die Arme an und senkte seinen ausgestreckten Körper nach unten, bis seine Nasenspitze die schmutzigen Grashalme berührte.
»Ein Engleis, der im Dreck zu meinen Füßen kriecht – was für ein schöner Anblick!«
Gerne hätte Roger seinem älteren Halbbruder William für diese Bemerkung eine Ladung Schlamm entgegengeschleudert. Stattdessen schaute er eisern nach unten, achtete darauf, dass der Eimer nicht wackelte, und zählte hörbar jede Absenkung.
»Ich würde dir gerne dabei zusehen, wie du vor Erschöpfung zusammenbrichst, aber ich muss meinen Kampf fortsetzen.«
Aus den Augenwinkeln sah Roger, wie William zurück auf den Platz ging, um den Übungskampf fortzusetzen. Ðunres hamer on þe heafod! Sollte doch der Donnergott seinem Bruder eine Lektion erteilen, wenn es schon sein Gegner nicht täte.
»Gib das sofort her!«, donnerte ein Mann nicht weit enfernt.
Roger blickte auf. Der Gutsverwalter Hugues de Borre riss einem kleinen Jungen etwas aus der Hand und wedelte damit drohend vor dem Gesicht einer Frau herum. »Wolltest du etwa deinen Lehnsherrn bestehlen?«
»Seht Euch den Apfel doch an«, sagte die Frau und nahm das weinende Kind in den Arm. »Er ist nur ganz klein und verschrumpelt, und wurmstichig noch dazu. Wir würden ihn ohnehin in der Küche nicht verwenden.«
»Das entscheidest nicht du!« Hugues de Borre warf den Apfel in den Korb und deutete zur großen Halle. »Mach, dass du die Äpfel in die Küche bringst! Sollte ich dich erneut beim Stehlen ertappen, wirst du deiner gerechten Strafe nicht entgehen.«
Roger richtete den Blick wieder auf die sich nähernden Grashalme. Auf dem Kampfplatz neben ihm tänzelten und sprangen die beiden Gegner keuchend hin und her, bis einer von ihnen einen dumpfen Schrei ausstieß.
»Na, wer ist wieder einmal der Bessere von uns beiden?«, fragte William derart laut, dass es auch wirklich niemand überhören konnte.
»Heute hast du Glück gehabt«, antwortete sein Gegner und schnaufte durch. »Aber das nächste Mal verlierst du.«
»Du weißt genauso gut wie ich, mon cher Walter, dass dieser Fall wohl kaum eintreten wird. Wer könnte es schon mit mir aufnehmen?«
»Jemand, der genauso ein großes Maul hat wie du«, sagte Roger zwischen den Zähnen hindurch, während er sich mit zitternden Armen erneut hochdrückte.
Zwei Lederstiefel stellten sich neben ihn. »Dich strengt diese Übung wohl nicht genug an. Warum versuchst du sie nicht einhändig?«
Ein Fußtritt riss Roger den Arm weg. Er klatschte mit dem Gesicht in den Schlamm, der Eimer kippte und das eisige Wasser ergoss sich über seinen Kopf und die Schultern. Spuckend und hustend setzte er sich auf und wischte sich den Dreck aus dem Gesicht.
Er wollte gerade aufstehen, um sich auf seinen Bruder zu stürzen, da trat der Waffenmeister Oswulf zwischen die beiden. »Du kämpfst sehr gut, William. Vielleicht bist du bereit für deine Schwertleite, was meinst du? Willst du es herausfinden?«
»Nur zu! Wer soll mein Gegner sein?«
Oswulf gab einem Knappen einen Wink, dass er ihm ein hölzernes Übungsschwert und einen Schild bringen sollte. »Ich werde mich persönlich von deinen Kampfkünsten überzeugen.«
William zog eine Augenbraue hoch. »Meinst du nicht, dass ein Jüngerer das für dich übernehmen sollte?«
»Hast du nicht gerade gesagt, dass keiner der anderen dich schlagen könnte?«
»Schon, aber –«
»Dann schauen wir doch einfach, wie lange ich mit dir mithalten kann«, sagte Oswulf und nahm die Ausrüstung auf.
Roger erhob sich und streifte den Matsch von seiner Tunika. Seine langen Haare waren klatschnass, aber zum Glück war ein Großteil des Wassers von dem Wollstoff seiner Tunika abgeperlt. Wie hätte er es bedauert, diesen Kampf zu verpassen, um sich etwas Trockenes anzuziehen!
Lange Zeit griff William wiederholt an, doch Oswulf wehrte seinen Gegner immer wieder erfolgreich ab.
»Für dein Alter bist du noch ziemlich rüstig«, sagte William in einer Kampfpause.
»Man tut, was man kann.«
War das ein Blitzen, das Roger in den Augen des Waffenmeisters sah? Viel Zeit, darüber nachzudenken, blieb ihm jedenfalls nicht, denn auf einmal war es Oswulf, der angriff und William bedrängte. Dieser wich zusehends zurück und versuchte fast hilflos, den Attacken auszuweichen oder sie abzuwehren. Bei dem Schlag auf das Bein verzog William nur das Gesicht. Der Stoß in den Bauch ließ ihn zurückspringen. Als Oswulf ihm in diesem Moment den Schild mit seinem ganzen Gewicht dahinter gegen die Brust rammte, entglitt William dann doch ein Laut, der irgendwo zwischen Überraschung, Wut und einer unschönen Bezeichnung für den englischen Waffenmeister lag. Unter den entsetzten Blicken der anderen und zu Rogers Entzücken platschte William in voller Länge mit dem Rücken auf den matschigen Boden.
Oswulf stellte das Holzschwert neben sich auf und strich sich über den stattlichen Schnurrbart. »Sieht aus, als bleibst du uns noch eine Weile als Knappe erhalten, was meinst du?«
William warf die Übungswaffen von sich und stand mit zusammengekniffenen Lippen auf. »Dann sehen wir uns in der nächsten Übungsstunde«, presste er zwischen den Zähnen hervor.
Roger sah ihm grinsend hinterher, als er von dannen stampfte.
Eine Dienerin, die mit einem Korb und einer Schale in den Händen zur großen Halle ging, stieß er mit einem Schubs beiseite. Die Frau stolperte, ließ vor Schreck die Schale fallen und fing sich gerade noch mit den Händen ab. Sie rief William etwas hinterher, doch der ging weiter geradeaus, als wäre nichts geschehen. Mit einem verzweifelten Gesicht drehte die Frau die Schale um. Was immer sie darin getragen hatte, es war wohl nicht mehr zu gebrauchen, denn sie schüttelte nur den Kopf, stellte die Schale ab und begann, mit spitzen Fingern das aufzusammeln, was offensichtlich beim Aufprall aus dem Korb herausgepurzelt war.
Von der Seite eilte Hugues de Borre herbei.
Roger wandte sich ab. Williams Tritt hatte ihn davor bewahrt, seine Strafe bis zum Ende ableisten zu müssen, aber Oswulf würde ihm gewiss das Doppelte aufbrummen, wenn er sich nicht endlich den Waffenübungen widmete. Als sie schließlich die Ausrüstung in die Waffenkammer zurückräumten, sagte ein Diener Roger, dass sein Vater ihn umgehend sprechen wollte.
In der großen Halle strahlte die Herbstsonne durch die schmalen Öffnungen unter dem Dach und erleuchtete die dunklen Holzbalken mit einem schwachen Schimmer. William, ihrer beider Vater, Sire Geoffrey, sowie Hugues de Borre standen neben dem Feuer in der Mitte der Halle und betrachteten Roger abschätzig, als dieser auf sie zuging.
»Du hast dich bei den Waffenübungen verspätet«, sagte Sire Geoffrey, »und einer Dienerin hast du aus Wut über deine Strafe die Körbe aus der Hand geschlagen.«
»Eine ganze Schale Eier und zwei Handvoll Birnen«, ergänzte der Gutsverwalter.
»Hab ich nicht! Wer sagt das?«
»William kann es bezeugen«, sagte der Lehnsherr.
»Was? Aber er hat die Frau zur Seite gestoßen.«
»Das ist nicht, was William sagt.«
»Dann lügt er. Ich habe die Frau nicht angerührt. Fragt sie doch selbst!«
»Du bezichtigst mich der Lüge?«, fragte William.
»Allerdings. Ich stand nämlich zu dem Zeitpunkt auf dem Kampfplatz. Das können Oswulf und die anderen bestätigen.«
Hugues de Borre lachte auf. »Überraschen würde es mich nicht, wenn Ihr es gewesen wärt.«
»Und mich überrascht es nicht, dass Ihr so denkt.« Roger ballte die Fäuste. »Aber ist es nicht Eure Aufgabe, Beweise zu sammeln, anstatt voreilige Schlüsse zu ziehen? Habt Ihr vielleicht die Dienerin gar nicht befragt?«
»Ich weiß sehr wohl, was meine Aufgabe ist.« Hugues’ wilde Haare schienen sich aufzustellen wie das Fell auf dem Rücken einer Katze, wenn sie in Verteidigungsstellung geht. »Selbstverständlich habe ich sie befragt.«
»Und? Welche Antwort habt Ihr erhalten?« Roger entspannte sich. Jetzt könnte William nicht mehr seine Tat leugnen.
»Was geben wir auf das Geschwätz einer Dienerin?«, fragte William. »Es wäre doch nicht das erste Mal, dass du deinen Ärger über eine Strafe woanders auslässt, mon cher Roger.«
»Du bist ein elender Lügner, William! Ich war es nicht! Warum gibst du nicht zu, dass du schuld bist?«
»Genug!«, sagte Sire Geoffrey. »Jeder kennt deine Wutausbrüche und ihre Folgen. Wie du später einmal einen Hof führen willst, weiß ich nicht, aber zum Glück wird es nicht meiner sein.« Er warf William einen Blick zu, und dessen hämisches Grinsen wurde noch breiter. »Damit du lernst, wie man richtig mit Vorräten umgeht, insbesondere vor dem Winter, wirst du eine Woche lang als Page bei den Mahlzeiten arbeiten.«
»Das könnt Ihr nicht ernst meinen! Ich bin doch kein Kind mehr!«
»Du verhältst dich wie eines«, sagte der Lehnsherr und wandte sich zum Gehen. »Cenhelm wird dich einweisen.«
Während Roger den drei Männern fassungslos hinterherschaute, spürte er eine Berührung an der Schulter. Er drehte sich um und blickte in das freundliche Gesicht seiner Mutter.
»Cum, min sunu«, sagte Dame Edeva und winkte ihn hinter sich her zum Schlafgemach im ersten Stock. Sie schloss die Tür hinter ihnen, nahm einen kleinen Lederbeutel aus einer Truhe und zog daraus einen Goldring, den sie Roger hinhielt. »Schau, ob er dir passt.«
»Ein Ring? Für mich?« Roger nahm das glänzende Schmuckstück und betrachtete es von allen Seiten. Wie in feinem Stoff verliefen zahlreiche Fäden über den gesamten Reifen zum kreisförmigen Ringkopf hin. Von ovalen Kettengliedern eingerahmt kreuzten sich dort auf dem strukturierten Untergrund der Stamm eines Baumes, eine Axt und ein Langschwert – ein Siegel, das Roger noch nie vorher gesehen hatte.
»Es ist Kjetils Ring. Er gehört dem rechtmäßigen Nachfolger von Wilburgfos, der sich um die Menschen kümmert – nicht um das, was sein Lieblingssohn behauptet. Ich wollte dir den Ring schon vor zwei Jahren mit Kjetils Scramasax geben, aber er wäre dir vom Finger gerutscht.« Sie lächelte gequält. »Es ist das Letzte, was mir von ihm geblieben ist.«
»Wollt Ihr ihn nicht be–«
»Nein, Hroðgar, das will ich nicht. Ein Ring sollte getragen werden, nicht an einem dunklen Ort nutzlos herumliegen. Streif ihn dir über!«
»Seid Ihr sicher?«
»Ich möchte, dass du ihn trägst. Kjetil hätte es auch gewollt.« Sie presste die Lippen zusammen.
Roger schob den Goldring über den kleinen Finger seiner linken Hand. ›Er gehört dem rechtmäßigen Nachfolger von Wilburgfos.‹ Der Ring passte, als wäre er eigens für ihn angefertigt worden. »Was bedeuten die Symbole?«, fragte er, während er den Ringkopf musterte.
»Der Baum ist der Stamm von Yggdrasil, der Weltesche, die die ewige Verbundenheit aller Dinge symbolisiert. Das Schwert steht für Schutz, Gerechtigkeit und Reichtum; die Axt für Stärke, Mut und Macht.«
Roger nickte. Er kannte Kjetil nur aus den Erzählungen seiner Mutter, war weder verwandt mit ihm, noch hatte er ihn je persönlich getroffen. Trotzdem empfand er eine ungewöhnliche Vertrautheit mit diesem Mann. Das Kurzschwert hatte er bereits geerbt, und nun erhielt er auch noch dessen Siegelring. Seine Mutter hatte Kjetil geliebt, und wenn sie Roger solch wertvolle Erinnerungsstücke anvertraute, dann musste sie Roger mindestens genauso lieben – auch wenn er der Ehe mit Kjetils Mörder entsprang. »Ich danke Euch, Mutter. Ihr erweist mir eine große Ehre mit diesem Geschenk.« Roger erhob sich und ließ die Hand mit einem Blick auf den Ring sinken. »Ich werde Kjetils Ring mit Stolz tragen und mich seiner würdig erweisen.«
Dame Edeva lächelte. »Das wirst du, wenn du ein wenig älter bist.« Sie legte den Lederbeutel zurück in die Truhe und raffte beim Aufstehen ihre bodenlange blaue Tunika zusammen.
Während Roger seiner Mutter die Treppe hinunter in die große Halle folgte, ließ er den Blick schweifen. Die Bediensteten stellten Tische für die bevorstehende erste Mahlzeit des Tages auf und brachten Tonbecher und Krüge mit Wein, die sie auf den Tischen verteilten. Etwas abseits von dem Trubel saßen sein Vater und William in ein Brettspiel vertieft.
Aus dem Nichts erschien Hugues de Borre an der Seite der Treppe. »Gab es etwas Wichtiges zu besprechen?«
»Ich denke nicht, dass Ihr wissen wollt, was eine Mutter mit ihrem Sohn bespricht, Munsire«, antwortete Dame Edeva.
»Das kommt ganz darauf an, um wen es sich dabei handelt, Dame.«
»Nun, wenn es Euch beruhigt, so will ich Euch sagen, dass ich meinem Sohn erste Anweisungen gegeben habe für seine Strafe als Page.«
»Dann verwundert es mich, dass Ihr Euch dafür in Euer Schlafgemach zurückziehen musstet. Waren die Anweisungen so geheim?«
»Wenn Ihr mir etwas unterstellen wollt, Hugues, dann sprecht es offen aus. Wenn nicht, dann entfernt Euch. Ich möchte gerne etwas essen.«
»Ganz wie Ihr wünscht, Dame.« Der Gutsverwalter deutete eine Verbeugung an, allerdings nicht, ohne Roger noch einen Blick aus zusammengekniffenen Schweinsäuglein zuzuwerfen.
Ein unflätiges Lachen schallte durch die Halle, durch deren Tür ein Halbstarker mit wilden weißblonden Haaren hereinpolterte. Roger rollte mit den Augen, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. Sein Freund Brandolf war selten zu überhören.
Der junge Däne bahnte sich einen Weg zur Küche und klapste im Vorübergehen einer der Mägde auf den Po. Diese schrie auf und drehte sich schimpfend nach ihm um.
Roger beobachtete die Szene kopfschüttelnd.
»Ach, hier bist du!«, sagte eine junge Stimme neben ihm, und zwei große blaue Kinderaugen strahlten ihn an.
»Richard, mon ami. Habe ich dir gefehlt?« Roger klopfte ihm auf die Schulter. Er mochte den kleinen Rotschopf – ebenso wie er selbst der Sohn eines Normannen und einer Engländerin, vor allem aber wie ein kleiner Bruder für ihn, der schon ungeduldig dem nächsten Jahr entgegenfieberte, wenn er sich endlich als Knappe bei den Waffenübungen mit Roger messen könnte.
»Ja, nein, ich meine, eigentlich waren wir nur auf der Suche nach dir, weil du plötzlich verschwunden bist und wir nicht wussten, wo du warst.«
Roger wuschelte ihm durch die Haare. »Eure Sorge um mich ehrt euch, aber es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Sieh mal hier, was meine Mutter mir gegeben hat.« Nicht ohne Stolz zeigte er den Ring an der linken Hand. »Er stammt vom ersten Mann meiner Mutter. Sie wollte, dass ich den Ring trage.«
»Der sieht anders aus als die, die ich kenne, so ganz ohne Löwen oder Initialen.« Richard grinste spitzbübisch. »Ein besonderer Ring für meinen besonderen Freund.«
Roger lächelte. War er tatsächlich etwas Besonderes? Das klang fast anmaßend, aber dass er in mancherlei Hinsicht anders war, wusste er. Wenn nur sein älterer Bruder dies nicht ständig zu seinen eigenen Gunsten ausnutzen würde, so wie heute!
»Wenn du einen Bart hättest, würde ich ihn dir jetzt abscheren!« Mit einem Schrei warf sich der weißblonde Däne nach vorne. Sein Schwert krachte auf den Rundschild, den Roger gerade noch rechtzeitig über die Schulter hob.
»Wenigstens würdest du meinen Bart finden.« Roger schwang den Schild mit voller Kraft zur Seite, riss Arm und Schwert seines Gegners mit. »Deinen sieht man nicht einmal, du Milchgesicht.« Ein schneller Schritt, ein Hieb in die offene Flanke. Der Blonde schrie auf. Mit einem Sprung stand Roger hinter ihm und bohrte ihm die stumpfe Schwertspitze in den Rücken. »Siehst du die Tore von Valhǫll, Wikinger? Rein mit dir!« Er hob das Knie und versetzte dem Dänen einen kräftigen Tritt in den Hintern.
Unter dem Gelächter der Umstehenden polterte sein Gegner der Länge nach auf den Boden. Ein unüberhörbarer Schwall altnordischer Flüche folgte seiner Landung. Roger reckte Schild und Schwert in die Luft und ließ sich von den anderen bejubeln.
Der Däne rappelte sich vom Boden auf, warf das hölzerne Schwert und den Holzschild neben sich und rieb sich die Seite. »Verfluchter Linkshänder!«
Roger grinste und wischte sich mit dem Ärmel seines Leinenhemds den Schweiß von der Stirn. »Auch wenn Vater Leofric es als Fluch sieht, hat es durchaus Vorteile, mein lieber Brandolf. Außerdem müsstest du langsam wissen, dass Wikinger stets gegen Engländer und Normannen verlieren.«
»Gar nicht!«, rief Brandolfs kleiner Bruder Bjarni mit dem Gerechtigkeitssinn eines Achtjährigen. »Du lügst!« Trotzig schob er die Unterlippe vor und stach mit einem der beiden kleinen Messer, die er immer am Gürtel trug, in die Rinde des nächstbesten Baumes.
Brandolf schlenderte auf Roger zu und wischte sich den Dreck von der schiefen Nase. »Du bist genauso widerlich stolz wie dein Vater.«
»Ich bin überhaupt nicht wie mein Vater!« Roger ließ sich ins Gras fallen und legte die Arme um die angezogenen Beine. »Das ist Williams Privileg.«
Brandolf griff nach dem Wasserschlauch, den Drogo ihm reichte, und schaute auf Roger herab. Er nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab und hielt Roger grinsend den Wasserschlauch hin. »Wenigstens hast du den besseren Haarschnitt.«
Roger verbiss sich ein Lächeln und nahm den Schlauch. Mit den langen Haaren ähnelte er tatsächlich eher den beiden Dänen Brandolf und Bjarni. Zumindest in dieser Hinsicht hatte Rogers Mutter sich gegen seinen Vater durchgesetzt. Der hätte die Haare seines zweitältesten Sohnes nämlich lieber als kurzen Pagenkopf, wie ihn die Normannen trugen, gesehen.
»Roger hat Grund genug, stolz zu sein«, sagte Richard. »Er ist höflich, gebildet und immer bereit, sein Bestes zu geben.« Er nahm Schild und Schwert auf. »Ich wäre froh, wenn ich so kämpfen könnte wie du, Roger.«
Eine Stimme mit stark normannischem Akzent ließ die Jungen aufschauen. »Ich glaube nicht, dass dein Vater das gern hören würde, mon cher Richard.«
Zwei Reiter näherten sich auf dem Pfad, der vom Gutshaus von Wilburgfos durch den kleinen Wald zur Lichtung führte. Wäre sein Halbbruder alleine gekommen, Roger wäre sitzen geblieben. Weil ihn aber sein Freund Walter Fossard, der Sohn eines mächtigen Vasallen, begleitete, sah er sich gezwungen aufzustehen.
William hielt an und warf einen Seitenblick auf Roger. »Mein Halbbruder ist noch ein wenig … unbeherrscht im Umgang mit Waffen. Zu viel wildes Blut.«
»Was willst du, William?«, fragte Joscelin, der älteste Knappe, der die Aufsicht über die Gruppe hatte.
William schürzte die Lippen. »Walter und ich haben euch eine Weile zugeschaut. Wir dachten, wir könnten vielleicht noch etwas lernen. Wie ich sehe, spielt ihr mit Hölzchen.«
»Wir spielen nicht«, sagte Richard, »wir üben.«
William nickte. »Richtig. Ihr übt mit Hölzchen.«
Roger knurrte. »Du weißt, dass wir beim Üben hier draußen keine scharfen Waffen benutzen dürfen.«
»Ço est seure chose«, sagte William. »So sollte es auch sein, wenn einer wie du dabei ist.«
»Was soll das heißen?«
»Aluns, mon cher Roger, wir alle wissen doch, dass du immer noch nicht gelernt hast, deine Wut zu beherrschen.«
»Nicht jeder kann so vollkommen sein wie du.«
»Natürlich nicht. Vater und ich würden es allerdings sehr schätzen, wenn du deine Launen nicht ständig an unserem Eigentum auslassen würdest. Schließlich will ich nicht alles wieder neu aufbauen und kaufen, wenn ich Wilburgfos irgendwann übernehme.«
»Wilburgfos ist nicht Sire Geoffreys Eigentum«, sagte Richard und ließ die Waffen sinken, so als wolle er seinen Widerspruch nicht auch noch durch eine offensive Geste unterstützen. »Er hat es als Lehen von meinem Vater erhalten, aber es gehört ihm nicht.«
»Wie dem auch sei«, sagte William, »jedenfalls werde ich den Hof eines Tages übernehmen. Du solltest also zügig lernen, dich nicht mehr wie ein Wilder zu benehmen, so wie deine dänischen Freunde da.«
»Wir sind die Wilden?«, fragte Brandolf. »Wer hat denn die ganzen Menschen hier im Norden getötet, weil er das Land haben wollte?«
William lachte auf. »Das fragst ausgerechnet du mich? Deine Landsmänner können doch auch heute noch nichts anderes als morden und brandschatzen.«
Brandolfs weißblonde Haare schienen aufzuleuchten, als ihm die Zornesröte ins Gesicht schoss. »Wenigstens rotten wir nicht ganze Landstriche aus, so wie ihr Normannen es gemacht habt! Meine ganze Familie habt ihr abgeschlachtet.«
Roger packte seinen Freund am Arm und zog ihn aus Williams Reichweite. »Warum verschwindest du nicht, anstatt unsere Übungen weiter zu stören?«
»Mein pflichtbewusster kleiner Halbbruder! Wenn er doch nur in allem so vortrefflich sprechen und handeln würde! Nur müsste dazu jemand auch seinen Freunden bessere Manieren beibringen. Wie schade, dass du das nicht kannst, mon cher.«
»Ach, und du könntest es?«, fragte Roger.
»Wie wäre es, wenn du absteigst?«, fragte Brandolf und versuchte, sich an Roger vorbeizuschieben. Selbst als dieser sich mit ausgestrecktem Arm vor ihn stellte, drängte der junge Däne einfach weiter. Er war kleiner als Roger, aber die Kraft in seinem Oberkörper ließ keinen Zweifel daran, dass die schwere beidhändige Streitaxt seine bevorzugte Waffe war. »Dann werden wir sehen, wer hier wem Manieren beibringt!« Brandolf warf sich hin und her, um Rogers Griff abzuschütteln.
William überlegte kurz, reichte dann Walter die Zügel und schwang sich aus dem Sattel. Er rückte das Schwert an seinem Waffengürtel zurecht und nahm seinen rautenförmigen Schild auf.
Walter sah ihn verwirrt an. »Dafür haben wir keine Zeit, William. Die anderen warten auf uns.«
William winkte ab. »Es wird nicht lange dauern, Walter. Warum reitest du nicht schon voraus?« Ohne Walters Antwort abzuwarten, schritt William zur gegenüberliegenden Seite des Kampfplatzes, drehte sich um und zog das Schwert.
»Was soll das, William?«, fragte Joscelin. »Du weißt selbst, dass dein Vater den Kampf mit scharfen Waffen hier draußen verboten hat. Willst du gegen dieses Verbot verstoßen?«
»Wer beweisen will, dass er ein Mann ist, soll auch kämpfen wie ein Mann.« William betrachtete die Spiegelung der Sonnenstrahlen auf der blanken Schneide des Schwertes. »Aber vielleicht hast du Angst vor den Normannen, so wie dein lächerlicher König Svend Estridsen?«
Bjarni, der bis jetzt hinter einem Baum gestanden hatte, steckte zaghaft seinen Kopf hervor. »Los, Brandolf! Zeig’s ihm!«
Alle Blicke richteten sich auf den schnaubenden Dänen, der sich aus Rogers Griff befreite und zu den Waffen stampfte.
»Das kannst du nicht machen, Brandolf!« Unfähig, sich zu bewegen, sah Roger ihm mit einem flauen Gefühl im Magen hinterher. »Was ist, wenn Oswulf das herausbekommt? Außerdem ist das viel zu gefährlich!«
Joscelin legte die Hand auf Brandolfs Schulter, als dieser zur Waffe griff. »Sei vernünftig, Brandolf.«
Brandolf warf die weißblonden Locken nach hinten und schüttelte Joscelins Hand ab. »Lass mich!« Er hievte seine Streitaxt hoch und stellte sich William gegenüber auf die andere Seite des Platzes.
Die beiden Kontrahenten musterten sich, schlichen zur Seite und vor. William stach zu. Brandolf sprang nach hinten. Er schwang die Streitaxt über den Kopf. William wich dem anschließenden gewaltigen Hieb leichtfüßig aus.
So ging es eine Weile, ohne dass einer der beiden einen entscheidenden Vorteil erringen konnte. Doch Brandolfs Bewegungen verlangsamten sich zusehends, und er schien Mühe zu haben, die Axt genauso kraftvoll wie zu Beginn des Kampfes in eine Angriffsstellung zu heben. William dagegen bewegte sich geschmeidig um seinen Gegner und dessen mächtige Waffe herum.
Rogers Blick schwenkte immer wieder vom Kampfplatz zu Bjarni, der Nägel kauend vor dem Baum herumtippelte und dessen Zurufe immer leiser wurden, bis sie ganz verstummten. Es musste schrecklich für ihn sein, hilflos dabeizustehen, während William, scharf bewaffnet, mit Brandolf geradezu spielte.
»Aaaah!« Brandolfs Schrei ließ Zuschauer und Pferde aufschrecken. Auf Brandolfs linkem Oberschenkel bahnte sich eine rote Spur den Weg durch die hellen Beinkleider hin zum Knie.
William stand mit dem Rücken zu Bjarni, keine sechs Schritte entfernt. Aus dem Augenwinkel sah Roger, wie Bjarni ein Messer zückte und vorwärtsstürmte. »Bjarni, nein!« Er rannte los und schnappte Bjarnis Arm, doch der schwang sein zweites Messer um sich. Ein jäher Schmerz schnitt Roger den Schrei in der Kehle ab. Er kniff die Augen zu und zischte. Unwillkürlich fuhr seine Hand nach oben an die brennende Wange – und Bjarni war frei.
Als Roger die Augen wieder öffnete, setzte Brandolf gerade zu einem erneuten Schwung seiner Streitaxt an. William achtete nur auf Brandolf. Er sah nicht den Jungen hinter sich, der ihm jetzt das Messer in den ungeschützten Rücken rammte. William krümmte sich und ließ seine Deckung für einen Moment sinken.
»William!« Blutüberströmt machte Roger einen letzten Schritt in Richtung Kampfplatz, wo Brandolfs Axt auf William niederging und seinen linken Arm und den halben Brustkorb durchtrennte.
In Rogers Ohren hallten die Kampfgeräusche wie ein Echo nach: Brandolfs Stöhnen, als die Axt durch die Luft schoss; Williams Schrei und das Knirschen, als die tödliche Waffe seine Knochen spaltete; der lange, dumpfe Aufprall, mit dem der Körper seines Bruders nach einem letzten Erbeben in eine ewige Starre fiel. Und dann: Stille. Nichts und niemand bewegte sich. Kein Laut war zu hören. Selbst das Gezwitscher der Vögel war verstummt.
Roger fiel neben William auf die Knie. Seine Wange brannte. Eala, Willelm!
Eine rote Masse quoll über die Klinge der festsitzenden Axt und ließ Williams Haut fast durchsichtig erscheinen. Roger streckte die Hand nach dem Bruder aus, doch bevor er ihn berührte, ließ er sie sinken.
»Par la mort de Deu!«, krächzte Walter schließlich.
Roger schluckte, während er sich den zusammengefalteten Stoff des ohnehin schon tiefroten Hemdsärmels auf die rechte Wange drückte. Nur verschwommen nahm er Brandolfs Umrisse wahr, als er zu dem Dänen hochschaute. »Du hast meinen Bruder getötet«, flüsterte er.
Bjarni umklammerte Brandolfs Unterarm und sagte mit einer Stimme, die mehr ungläubig als stolz klang: »Du hast gewonnen.«
»Du hast einen Normannen getötet!«, rief Walter.
»Er hat uns beleidigt!«, fauchte Bjarni und drückte sich noch enger an seinen Bruder.
»Teis toi!«, sagte Walter. »Ohne deinen feigen Angriff von hinten läge dein eigener Bruder jetzt dort.«
»Wir müssen ihn nach Hause bringen«, murmelte Roger, benebelt vom doppelten Schmerz über Williams Tod und Brandolfs Tat. Zitternd drehte er sich zu Walter um und streckte die verschmierte Hand zu ihm aus. »Gib mir das Pferd. Ich bringe William zurück.«
Walter betrachtete Roger eingehend und nickte dann. »A tun acort.«
Während Richard Roger auf die Beine half, nahm Joscelin die Zügel des Apfelschimmels entgegen.
»Ihr werdet eure gerechte Strafe bekommen«, sagte Walter. »Dafür werde ich sorgen.« Mit einem abschätzigen Blick auf Brandolf wendete er sein Pferd und trabte in Richtung Wilburgfos davon.
Als Roger glaubte, dass Walter außer Hörweite war, drehte er sich zu Brandolf. »Ðu eart unwita! Was hast du dir dabei gedacht?«
»Dein Bruder hat doch angefangen! Was hätte ich denn machen sollen?«
»Du konntest nicht schnell genug deine Axt holen. Übungswaffen reichen dir nicht.«
»Hätte ich vielleicht mit diesem verdammten Holzstock gegen deinen Bruder kämpfen sollen?«
»Vielleicht«, presste Roger hervor. Die Vorstellung, seinem Vater das nächste Mal unter die Augen zu treten, jagte ihm ein Zittern durch die Eingeweide. »Dann läge er jetzt nicht aufgeschlitzt im Gras und ich müsste nicht meinem Vater sagen, dass sein geliebter Sohn tot ist.«
Joscelin hatte ein paar Wegerichblätter gesammelt, die er nun auf Rogers Wange legte und mit einem Stück Wadenwickelband befestigte. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf eine Reihe hochgewachsener Bäume, die nicht weit von der Lichtung standen. »Da drüben holen wir uns ein paar starke Äste und Haselnussruten. Damit können wir eine Trage bauen, mit der wir William nach Hause bringen. Drogo und Brandolf, ihr kommt mit und helft mir. Ihr anderen bereitet William für den Weg vor.« Er nahm sein Schwert und machte eine Kopfbewegung in Richtung William. »Vergiss deine Axt nicht, Brandolf! Wir werden sie brauchen.«
Brandolf stellte sich breitbeinig neben William, umfasste den Griff der Streitaxt und zog mit aller Kraft. Einige Fliegen, die sich auf der klaffenden Wunde niedergelassen hatten, flogen brummend auf. Nach einigem Ruckeln löste sich die Axt schmatzend aus dem riesigen Spalt, der sofort durch nachdrängende Eingeweide gefüllt wurde. Bjarni schlug sich die Hand vor den Mund und erreichte gerade noch rechtzeitig den großen Stein, bevor den Würgegeräuschen ein schubweises Plätschern folgte.
Während die anderen zwischen den Baumreihen verschwanden, wandten Roger und Richard sich dem Toten zu, an dessen offener Wunde die Fliegen sich gierig ihre Plätze zurückerobert hatten. Richard rümpfte die Nase und sah aus, als würde er gleich für eine zweite Pfütze hinter dem großen Stein sorgen. Er band das Pferd an einem Baum fest und betrachtete Roger.
»Du siehst schrecklich aus.«
Roger sah an sich hinunter. Das Leinenhemd klebte an seinem Oberkörper, als wäre es mit einer breiten, tiefroten Bandage festgebunden, deren Farbe mühelos mit Richards Rotschopf mithalten konnte. Roger fuhr mit den Fingern vorsichtig der tiefroten Spur entlang nach oben. Sein Hals war von Schweiß und Blut schmierig und verkrustet zugleich. Von seiner hellen Haut und seinen feinen Gesichtszügen, die seine Mutter so liebte, dürfte im Moment nicht mehr viel zu erkennen sein. Auf der rechten Wange fühlte Roger den Behelfsverband, aus dem die Blätterspitzen am Jochbein und am Kieferknochen hinausragten.
»Wenigstens lebst du noch«, fügte Richard leise hinzu. »Zum Glück.«
»Umgekehrt wäre es meinem Vater sicher lieber.«
»Das darfst du nicht sagen!« Richard reichte Roger den leichten Wollumhang, den er heute Morgen getragen hatte, als sie zur Lichtung aufgebrochen waren. »Da, nimm. Damit kannst du ihn zusammenbinden.« Er legte Williams Schwert beiseite und streifte den Schild von Williams linkem Arm ab.
»Hilf mir mal, Richard!« Roger breitete den Umhang oberhalb von William aus und zeigte seinem Freund, wo er anpacken sollte. Als sie William auf den Umhang gehoben hatten, knotete Roger das Tuch so um dessen Oberkörper und Arm, dass es aussah, als hätte William einen kurzen Mantel über die linke Schulter geworfen. Dann half er, soweit es seine Kräfte zuließen, den anderen Knappen dabei, die Trage fertigzustellen, während Richard die Übungswaffen in zwei Wollsäcken einsammelte. Schließlich hoben sie William vorsichtig zu viert auf die Trage. Joscelin befestigte sie an Williams Pferd und legte Schwert und Schild dazu. Brandolf nahm seine geschwärzte Streitaxt und hob sie auf die Schulter.
»Was machst du jetzt, Brandolf?«, fragte Joscelin.
Brandolf blies sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Warum? Was soll ich machen?«
Drogo fuchtelte wild in der Luft herum. »William ist tot, Mann! Wie willst du Sire Geoffrey das erklären?«
Joscelin nickte. »Du weißt, was die Gesetze für die Ermordung eines Normannen vorsehen, oder?«
»Es war ein Unfall.« Brandolf hob entschuldigend die Hände. »Ich habe mich nur verteidigt.«
Roger setzte sich erschöpft auf den Felsen, schnaufte durch. Seine rechte Wange brannte vor Schmerzen, und in Gedanken fühlte er immer noch, wie Bjarnis Messer durch das Fleisch glitt. »Das wird dir mein Vater nicht glauben.«
Der junge Däne rollte mit den Augen. »Aber ihr wart doch alle dabei. Ihr könnt es bezeugen.«
Roger, Joscelin und Richard schauten sich an. Joscelin verschränkte die Arme vor der Brust. »Schon, aber da wäre noch die Frage, wie es hier draußen dazu kommen konnte – schließlich dürfen wir außerhalb des Gutshofs nur mit Übungswaffen kämpfen.«
»Da … da kommen Reiter.« Drogo erstarrte.
»Schon wieder?« Joscelin runzelte die Stirn.
»Fünf Normannen«, stellte Richard fest.
»Ic hine wergðo on mine sette!«, knurrte Roger. »Das muss Walter gewesen sein.«
»Fiz a putein!« Drogos Blick wechselte hin und her zwischen den Reitern und Roger. »Was machen wir denn jetzt?«
Rogers Herz pochte bis in den Hals. Er musste etwas tun, doch er war von Taubheit und Schmerz wie gelähmt. Er konnte schon den Hufschlag der Pferde hören.
Sein sonst so forscher und waghalsiger Waffenbruder stand wie versteinert da. Die Reiterschar würde bald den Wald um die Lichtung erreichen. Bjarni klammerte sich ängstlich an seinen großen Bruder und vergrub das Gesicht zwischen dessen Arm und Rumpf.
»Brandolf, du musst weg!«, sagte Roger, doch der Däne rührte sich nicht.
Er schien nicht einmal zu bemerken, wie sein kleiner Bruder an seinem Ärmel zerrte und auf ihn einredete.
Die Blätter an den Büschen rauschten, als die fünf Pferde über den schmalen Pfad auf die Lichtung galoppierten und um die Jugendlichen herum schnaubend zum Stehen kamen. Der Anführer der Reiter, Hugues de Borre, trieb seinen Hengst auf die Umzingelten zu und zeigte ohne ein Wort der Begrüßung auf Brandolf und Bjarni. »Seisisets tut deus!«
Vier Speere und sämtliche Blicke richteten sich von allen Seiten auf das Brüderpaar.
»Lass deine Axt fallen, Däne!«, befahl Hugues.
Brandolf zögerte einen Moment, dann legte er langsam die Waffe auf den Boden.
»Wartet!«, sagte Roger. »Ich kann das erklären.«
»Das könnt Ihr tun, wenn sie dem Gericht vorgeführt werden.« Hugues drehte nicht einmal den Kopf in seine Richtung, um ihm zu antworten. »Aluns!« Er gab ein Handzeichen und lenkte sein Pferd zurück zum Pfad.
Roger und die anderen mussten hilflos mitansehen, wie die Männer die beiden Gefangenen mit den Speerspitzen ihrem Schicksal entgegentrieben.
Sie verließen den Wald und folgten dem schmalen Pfad entlang des Fors Bekkr, der mit unheimlichem Zischen, Spritzen und Gurgeln den Totenzug der Jugendlichen begleitete.
Obwohl die Schneeschmelze schon einige Wochen her war, tanzten auf den tosenden Wassermassen die Schaumkronen. Vor vielen Jahren hatten seine Freunde Roger nur knapp aus dem reißenden Fluss herausziehen und größeres Unheil abwenden können. Damals gab es keinen Toten. Heute war das anders.
Der Wasserlauf zog sich wie ein schmutziges Band durch die flache grüne Landschaft, bis er nach Südwesten abknickte und hinter dem schweren Holzzaun des Gutshofs von Wilburgfos verschwand.
Mit klopfendem Herzen betrachtete Roger das Dach der großen Halle, die hinter dem Zaun auf ihre Ankunft lauerte. Etwa einen Speerwurf flussabwärts vom Gutshof erhob sich der stattliche Holzbau des benediktinischen Priorats von Wilburgfos, dessen Kirchturm weit über die bescheidenen Bauernhütten ragte. Roger schluckte. Was würde seine Halbschwester Adelais sagen, wenn er ihr die Nachricht über den Tod ihres Bruders überbrachte?
Einige Kinder reckten die Hälse, als die Jugendlichen an den morschen kleinen Hütten der Siedlung vorbeizogen und schließlich durch das Tor auf den Platz vor der großen Halle gelangten. Die Sonne stand hoch am Himmel. Für gewöhnlich waren die Arbeiten des Vormittags um diese Zeit abgeschlossen und die Vorbereitungen für das Disner mit ihrem regen Treiben begannen. Dann füllten allerlei Geräusche den Gutshof: das Gemurmel und Geschmatze an den langen Tischen in der Halle, das Zischen und Scheppern aus der angrenzenden Küche, das Schnattern der Dienstmägde auf dem Weg zwischen Küche und Vorratskammern, die leisen Töne seiner Mutter und der dröhnende Befehlston seines Vaters.
Doch heute war kein gewöhnlicher Tag. Roger kam es vor, als hätte er den Kopf in ein Daunenkissen gesteckt. Die Kapelle stand einsam und verlassen neben der großen Halle. In den Pferdeställen hörte er kein Wiehern und kein Gerede über Pferde, Ausrüstung oder Kriegsstrategien. Die Tür der Waffenkammer, durch die sonst junge Burschen hinein- und hinauspolterten, schmollte geschlossen vor sich hin. Die restlichen Hütten kauerten sich ängstlich an den Holzzaun. Menschen mit unruhigen Mienen eilten von dannen, sobald Roger sie ansah. Andere steckten die Köpfe zusammen, wendeten sich mit der Hand über den Augen ab oder bekreuzigten sich mit gesenktem Haupt. Hie und da drang hastiges Getuschel an Rogers Ohr, auch wenn er nicht ausmachen konnte, was die Leute sich hinter vorgehaltener Hand erzählten. Anklagende Zeigefinger deuteten mal in Williams, mal in Rogers Richtung. Nur Drogo beschwerte sich im Hintergrund lautstark über die aufdringlichen Fliegen, die wohl um den Schimmel und um Williams Leiche herumsurrten und Drogo dabei zu nahe kamen.
Kaum hatte Roger den Apfelschimmel vor der großen Halle zum Stehen gebracht, stürzte sein Bruder Tankred heraus. Er war knapp ein Jahr jünger als Richard und sah mit seinen hellblauen Augen und den topfrund geschnittenen rotblonden Haaren aus wie ein kleines Abbild seines älteren Halbbruders. »William? William!« Tankred warf sich aus vollem Lauf halb auf, halb vor die Trage, krallte die Finger in den Wollumhang und zerrte daran, als wollte er William wieder ins Leben zurückschütteln. »Was haben diese Piraten mit dir gemacht? Warum haben sie das getan? William! Steh auf! Du darfst nicht sterben. Du darfst mich nicht alleine lassen!« Sein Wutausbruch löste sich in ein heftiges Schluchzen auf.
»Walter hat ganze Arbeit geleistet«, raunte Joscelin Roger zu.
Drogo legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. »Beruhige dich, Tankred.«
Der Junge fuhr hoch und schlug Drogos Hand von der Schulter. »Fass mich nicht an!« Mit wutverzerrtem Gesicht sah er die anderen an. »Warum habt ihr ihm nicht geholfen? Habt ihr auch nur dagestanden und geglotzt, so wie ihr das jetzt tut? Ihr seid schuld an seinem Tod! Ohne euch wäre er noch am Leben. Ihr seid schuld! Ich hasse euch!«
»Ich habe versucht –«, sagte Roger.
»Ach, du!« Tankred keuchte. »Du konntest William doch noch nie leiden! Weil er alles so viel besser als konnte als du. Weil ich ihn dafür bewundert habe. Weil du nie mein großes Vorbild warst und auch nie sein wirst.«
»Ich wollte ihn retten, a–«
»Du wolltest ihn retten? Dass ich nicht lache!« Tankred wischte sich mit dem Ärmel die Nase ab. »Du hast doch nur darauf gewartet, dass William stirbt und du endlich der älteste Sohn bist. Ich hasse dich!«
Roger biss die Zähne zusammen. Ausgerechnet ihm musste Tankred vorwerfen, dass er William nicht geholfen hatte? Natürlich hatte er ihn retten wollen, und wenn Bjarnis Messer nicht gewesen wäre, dann hätte er es gewiss auch geschafft. Aber William war tot, und er selbst schwer verletzt – die unvermeidliche Narbe würde ihn und alle anderen auf ewig an diesen Tag erinnern.
Mit einem Mal schwenkte die Aufmerksamkeit der meisten von den drei Brüdern hin zum Eingang des Gutshauses, durch den gerade Rogers jüngere Schwester Isabel in den Hof eilte. Ihre glatten, rotblonden Haare flogen wie ein Schleier hinter ihr her und gaben den Blick frei auf ihre schmal geschnittene, moosgrüne Tunika, die sich eng an die weiblichen Rundungen schmiegte. Als sie die Trage mit William sah, blieb sie stehen und schlug die Hände vor Mund und Nase. »Par Deu«, hauchte sie, schloss kurz die Augen und bekreuzigte sich, während ihr eine Träne die Wange hinunterlief. Sie nahm den Stoff ihrer Tunika auf, schwankte auf Williams Leichnam zu und kniete sich unbeholfen neben Tankred.
»Kommt!« Roger winkte den anderen, die mit offenen Mündern jede Bewegung Isabels verfolgten. »Bringen wir ihn in die große Halle.«
Isabel strich weinend über die Haare ihres toten Bruders. Joscelin und Richard lösten die Trage vom Pferd und legten sie auf dem Boden ab. Tankred stand wortlos daneben und schmollte, während Drogo Isabel beim Aufstehen half.
Erst jetzt, wo die Trage flach auf dem Boden lag und Richard den Apfelschimmel in den Stall führte, erblickte Isabel ihren zweitältesten Bruder und riss die Augen auf. »Roger! Du bist ja über und über mit Blut beschmiert. Du hast doch nicht etwa –«
»Bjarni hat mich mit dem Messer erwischt. Er wollte seinem Bruder helfen. Und ich meinem.«
Sie folgten den anderen in die große Halle und betraten einen weitläufigen Raum aus massiven dunklen Holzbalken. Je näher sie der Feuerstelle in der Mitte des Raumes kamen, umso mehr mischte sich in die abgestandene Luft der Geruch von brennendem Holz. Die zarten Rauchschleier zwirbelten sich in luftige Höhen, wo sie durch ein großes Loch im Dach nach draußen abziehen konnten. Durch diese Öffnung und durch die kleinen seitlichen Schlitze unter dem Dach drang Licht herein, und doch erschien Roger die Halle heute bedrückend. Sonst aßen und feierten die Bewohner hier, der Gutsherr erledigte seine gerichtlichen und andere Verwaltungsangelegenheiten, und nachts schliefen hier die Bediensteten und Untergebenen – es war der zentrale Ort des Lebens am Gutshof. Doch von Leben fehlte heute jede Spur. Stattdessen herrschte ein Gefühl von Tod und Abschied.
Auf einem eigens aufgestellten Tisch an der Seite der Halle stand die Trage mit William. Sire Geoffrey betrachtete seinen toten Sohn mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er gerade einen ganzen Krug Bitterwurztee in einem Zug geleert. Mit seinen dicken Fingern hob er den Schild hoch, lockerte den Wollumhang und hob ihn an, um einen Blick darunter zu werfen. Kein Wort, keine Träne, kein anklagender Blick an jene, die den Unfall miterlebt hatten. Für den flüchtigen Betrachter deutete nichts darauf hin, was der Vater in diesem Moment fühlte. Doch Rogers Augen entging nicht das kaum erkennbare, wiederholte Anspannen der Kiefermuskeln. Ohne Zweifel braute sich in seinem Vater ein Unwetter zusammen, das sich irgendwann über irgendjemandem entladen würde.
Roger schluckte.
Hugues de Borre stand an der Seite des Lehnsherrn, doch er betrachtete nicht den Toten, sondern vielmehr die Lebenden, die in ehrfurchtsvollem Abstand zu ihnen standen.
In einer dunklen Ecke stand Oswulf.
Dame Edeva schwebte in einem bodenlangen grünen Kleid zu ihrem Mann und Hugues de Borre an den Tisch und betrachtete ihren Stiefsohn. Sie bekreuzigte sich, kniete nieder und faltete die Hände. Nach einiger Zeit in stummer Trauer erhob sie sich und sah sich unter den Versammelten um. Als sie Roger erblickte, raffte sie ihr Kleid zusammen und eilte zu ihm. »Eala, Hroðgar! Was ist mit deiner Wange? Warum hat mir niemand Bescheid gesagt? Komm! Ich muss mir deine Wunde ansehen.« Sie deutete zur Treppe hoch zum Schlafgemach. »Schaffst du die Stufen?«
Roger nickte und atmete tief ein. Richard half ihm die Treppe hoch und stützte ihn vor dem Bett, während Dame Edeva ihm die verschmierte Kleidung vom Leib zog. Sie befahl einer Dienerin, kochend heißes Wasser und frische Leinentücher zu bringen, und holte dann ihr Medizinkästchen aus der schweren Truhe neben dem Bett. Richard deckte Roger zu und verließ mit sorgenvollem Blick das Zimmer.
Dame Edeva nahm den blutgetränkten Verband und die Blätter ab und begann, die Wunde mit einem Tuch zu reinigen, während die Dienerin das Feuer unter dem herbeigeholten Topf Wasser schürte.
»Wie geht es Euch, Mutter?«, fragte Roger.
»Das sollte ich dich fragen. Außerdem sollst du nicht reden, während ich die Wunde säubere.«
Roger verzog das Gesicht vor Schmerz und zischte.
Dame Edeva schüttelte den Kopf, so dass ihr Schleiertuch hin und her schwang. »Dein Vater war immer fest davon überzeugt, dass William eines Tages den Hof übernimmt. Jeder Mann will, dass sein ältester Sohn in seine Fußstapfen tritt. Dabei übersehen die Väter oft, dass ihre Söhne dieselben Fehler machen wie sie selbst.«
Sie wickelte einen Verband über Rogers Schädeldecke und um sein Kinn herum. Anschließend drückte sie das Wasser aus der gekochten Schafgarbe, legte die Kräuter auf den Verband über der Wunde und band sie fest. »So, mein Junge. Das wird verhindern, dass die Wunde eitert. Jetzt solltest du ein wenig schlafen.«
Roger blickte in ihre hellgrünen Augen, in denen er schon so oft Trost gefunden hatte, wenn er mutlos war. »Ich habe versucht, ihm zu helfen, Mutter, aber ich habe versagt.«
Dame Edeva strich ihm zärtlich über die blonden Haare. »Du bist ein guter Junge, Hroðgar. Ich bin mir sicher, dass du alles versucht hast, um William zu retten. Deine Wunde ist Beweis genug dafür.« Sie beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn auf die Stirn. »Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Du hast nicht versagt.«
Als Roger am nächsten Morgen die große Halle betrat, saß sein Vater am fernem Ende auf einem schweren Holzstuhl und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Neben ihm standen seine engsten Vertrauten, darunter Hugues de Borre, dessen Stachelbeeraugen die Ankunft des verhassten Sohnes genau beobachteten.
Roger blieb einige Schritte vor seinem Vater stehen, reckte das Kinn nach oben und wartete. Die beiden musterten sich wortlos. In Sire Geoffreys hellem, bartlosem Gesicht lauerten zwei eisblaue Augen, deren Blick allein einen Gegner durchbohren konnte. Roger suchte auch dieses Mal vergeblich nach einer menschlichen Regung im Gesicht seines Vaters, doch heute lag mehr als nur Kälte in dessen Blick. War es einen Versuch wert, seinem Vater die Lage zu erklären? Würde jener auch nur das mindeste Verständnis oder gar Erbarmen für Brandolf aufbringen? Aufbringen können?
»William ist tot«, sagte Sire Geoffrey schließlich.
»Ich weiß, Vater.« Das ist alles, was dich interessiert. »Es tut mir leid.«
»Das macht ihn nicht wieder lebendig.«
»Nein.«
Sire Geoffrey legte die Fingerkuppen aufeinander und bewegte die Hände wie einen Blasebalg auf und zu. »Wie man mir berichtet, habt ihr mein Verbot missachtet und mit scharfen Waffen gekämpft.«
»Wir hatten Übungswaffen, bis –«
»Ein Normanne stirbt nicht vom Schlag einer Übungswaffe.«
»William hat sein Schwert gezogen.«
»Einer von euch ist ihm in den Rücken gefallen.«
»Aber er hat zuerst –«
»Während der Zweite ihn von vorne erschlagen hat.«
»William hat ihn herausgefordert.« Roger erschrak über die Lautstärke seiner Antwort.
»Du verteidigst die Schlächter deines Bruders?«
Roger kaute auf der Unterlippe. Wie er Unterredungen mit seinem Vater hasste! Sie glichen dem Schwimmen in einem reißenden Strudel, in den jemand ein Rettungsseil wirft, das er an einem morschen Ast gebunden hat. Der Strudel würde einen weiter in die Tiefe ziehen, egal wie gut man schwimmen konnte. Und wenn man begann, sich an dem Rettungsseil hinauszuziehen, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Ast brechen würde. »Nein. Was sie getan haben, war nicht in Ordnung, aber –«
»Gut. Deshalb werden sie auch verurteilt werden.«
»Was wird mit ihnen geschehen?«
Sire Geoffrey stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch, erhob sich und ließ den Blick in der großen Halle schweifen. Mit lauter Stimme verkündete er: »Für die Ermordung eines Normannen kennen die Gesetze König Williams nur eine gerechte Strafe. Wir werden das Urteil bei der nächsten Gerichtsversammlung in zwei Wochen fällen.« Er wandte sich ab und machte einen Schritt zur Seite.
Roger ließ den Kopf hängen. Hätte er Bjarni doch nur nicht losgelassen! »Es tut mir leid, dass ich ihm nicht helfen konnte.«
»Du hast versagt.«
»Ich habe mein Bestes versucht, um ihn zu retten.«
»Das war nicht gut genug.«
»Nicht gut genug? Bjarni hat mir die ganze Wange aufgeschlitzt. Ich bin blutüberströmt weitergerannt, aber es war zu spät. Was hätte ich denn noch tun sollen?«
»William hätte keinen Moment gezögert, um dich zu retten.«
»Ich habe nicht gezögert! Seht mich doch an! Würde ich so aussehen, wenn ich gezögert hätte?«
Sein Vater betrachtete ihn eine Weile. »Ich sehe einen Sohn, der meine Anordnungen missachtet und auf den ich mich nicht verlassen kann.«
»Ich habe versucht, William zu retten!«, brüllte Roger. »Mein Gesicht ist deswegen für immer entstellt. Mein ganzes Leben lang wird mich die Narbe an diesen Tag erinnern. Und Ihr tut, als hätte ich bloß dagestanden? Als wäre nichts gewesen?«
Sire Geoffreys Gesicht blieb regungslos. »Du lebst. William ist tot.«
Die Unterredung war beendet. Sire Geoffrey drehte sich weg und marschierte zum Ausgang.
»Ihr seid eine Schande für Euren Vater.« Hugues de Borre ging an Roger vorbei, um dem Gutsherrn zu folgen. »Hätte er doch bloß wieder eine Normannin geheiratet!«
Die anderen Gefolgsleute schlossen sich wortlos an.
Roger stand schwer atmend und mit halb geöffnetem Mund da und sah dem Zug nach. »Wordwringa!« Mit voller Wucht schlug er mit den Fäusten auf den Tisch, als könnte es helfen, die Tränen des Zorns zu unterdrücken, die ihm in die Augen stiegen.
Eine dunkle Stimme ließ ihn herumfahren. »Es ist nicht deine Schuld.« Der Waffenmeister machte eine Kopfbewegung zum Ausgang hin. »Komm!«
Roger ließ sich auf den Boden plumpsen und nahm eine der beiden Stoffrollen zur Hand. Die hellen Beinkleider spannten über den muskulösen Oberschenkeln, während er mit geübten Fingern die braunen Bänder um die Waden wickelte und die Enden festknotete. Die Gedanken surrten in seinem Kopf wie Mücken an einem Teich in der Abendsonne. Immer wieder durchlebte er die Ereignisse draußen auf der Lichtung, hörte die Schreie, sah das Blut, blickte auf den reglosen Körper seines Bruders.
Er stand auf und griff nach seiner dunkelblauen Tunika. Die Wunde im Gesicht juckte wie verrückt. Seine Mutter sagte, das sei ein gutes Zeichen dafür, dass das Fleisch an dieser Stelle noch lebte und dass die Heilung gut voranschritt. Noch mindestens eine Woche würde sie ihm täglich den Verband wechseln und frische Kräuter auflegen, bis alles geheilt war. Dann würde die fingerlange Narbe zum Vorschein kommen und Roger als lebendes Mahnmal seines Bruders auf ewig kennzeichnen. Mit einem Kopfschütteln versuchte er, die Erinnerungen zu vertreiben, und lenkte seine Gedanken auf die bevorstehenden Kampfübungen. Zwar hatte seine Mutter ihm vorerst verboten, an den Waffenübungen teilzunehmen, aber Oswulf bestand darauf, dass er trotzdem anwesend war, wenn auch nur als Zuschauer.
Nach den ausgiebigen Lanzenstunden der letzten Male hatte der Waffenmeister für heute wieder Schwertkampf angekündigt. Natürlich waren die endlosen Übungsstunden notwendig, um Techniken für Angriff und Verteidigung zu verinnerlichen und im Kampf anwenden zu können, das wusste Roger. Aber nicht nur als Zuschauer langweilten ihn die ständigen Wiederholungen der immer gleichen Bewegungen. Das machte den Kampf gegen die Bilder in seinem Kopf nicht einfacher.
Der geschlitzte Kragen der Tunika glitt mühelos über seinen Kopf, doch danach fühlte Roger sich wie ein vom Speer durchbohrter Fisch im Todeskampf. Als er mit vierzehn Jahren die Tunika das erste Mal anzog, musste er sie zweimal in der Hüfte umschlagen, damit er nicht aussah, als trüge er eines der langen Kleider seiner Schwestern. Jetzt, fast drei Jahre und hunderte von Übungsstunden später, fiel das Kleidungsstück nur noch bis auf eine Handbreit über dem Knie und schmiegte sich bei jedem Atemzug eng an den breiten Brustkorb.
Roger strich den rauen Stoff der Tunika um die schmalen Hüften glatt und legte im Gehen den Waffengürtel aus weichem Schweinsleder an. An der linken Seite hing Kjetils Kurzschwert – ein englisches Scramasax in einer kunstvoll verzierten Lederscheide, das so manche Normannenkehle aufgeschlitzt hatte, bevor sein Besitzer von den Schwertern der Eroberer niedergemetzelt wurde.
Eine eisige Hand kroch ihm über den Rücken. Er zog die Schultern hoch. Was würde mit Brandolf und dessen Bruder geschehen? Bjarni war noch ein Kind; viel jünger als Tankred, der sich trotz seines Alters manchmal aufführte, als hätte er die Obhut seiner Mutter gerade erst verlassen.
Roger betrachtete seine linke Hand. Den Ring des ehemaligen Herrn von Wilburgfos trug er bereits. Würde er ihn wider Erwarten doch noch irgendwann gegen den Ring des jetzigen Besitzers von Wilburgfos austauschen?
Ein Zupfen am Ärmel riss ihn aus seinen Überlegungen. »Ich habe dich schon zweimal gerufen«, sagte Richard, »aber du hörst nicht.«
Roger holte tief Luft. »Es hat sich vieles geändert in den letzten Tagen. Und auch wieder nicht.«
»Was meinst du?«
»Auch wenn es Vater nicht gefällt, bin ich jetzt der älteste Sohn und nach normannischem Recht derjenige, der den Gutshof übernehmen wird. Eigentlich sollte er mich in dessen Leitung einweisen, aber für ihn dreht sich immer noch alles nur um William. Als wenn er ihn dadurch wieder ins Leben zurückbringen könnte!«
»Du bist ungeduldig, Roger. Dein Vater hat erst vor einigen Tagen seinen ältesten Sohn verloren. Er zeigt es vielleicht nicht, aber gewiss ist sein ganzes Denken von Trauer und dem Verlust seiner ganzen Hoffnungen getrübt. Irgendwann wird er sich damit abfinden, dass nun du an Williams Stelle trittst. Dafür braucht er Zeit. Und du auch.«
»Du müsstest eigentlich einen langen weißen Bart haben, so wie du manchmal redest.«
Richard grinste. »Der wird uns nicht helfen, wenn wir nicht bald auf den Kampfplatz erscheinen.«
Die beiden hasteten zum hinteren Teil des Gutshofes, wo sich bereits die anderen Knappen und Pagen versammelt hatten. Der englische Waffenmeister zog wie üblich mit gesenktem Haupt und den Händen auf dem Rücken seine Kreise auf der anderen Seite des Kampfplatzes, während seine Schüler eintrafen. Schließlich schlenderte Oswulf einige Schritte auf Roger zu und blieb in der Mitte des Platzes stehen. Schweigend und ohne jede Hast musterte er sein junges Gegenüber. Obwohl die Sonne noch tief stand und die Morgenluft frisch und kühl war, begann Roger zu schwitzen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit löste Oswulf die Spannung, sprach mit gewohnt ruhiger und sonorer Stimme in die Runde. »Wir sind alle entsetzt über das, was William zugestoßen ist. Aber für Trauer ist auf dem Schlachtfeld kein Platz. Hier müsst ihr mit euren Gedanken voll und ganz beim Kampf sein, wenn ihr nicht der Nächste sein wollt.« Er kam noch ein paar Schritte näher und schaute Roger auf gleicher Höhe in die Augen. »Es war ein Unfall, Roger. Ich weiß, dass ich euch vertrauen kann, wenn ihr zu euren Übungskämpfen auf der Lichtung geht. Dein Vater hat dieses Vertrauen nicht. Er sieht nur, dass sein Nachfolger tot ist, und das macht ihn blind für alles andere. Du musst jetzt deinen Weg gehen und ihm zeigen, was in dir steckt.« Er holte zwei Holzschwerter und warf Roger eines davon zu. »Fangen wir gleich an!«
Roger konnte es gerade noch fangen und stolperte damit auf den Kampfplatz, wo Oswulf langsam und mit leicht erhobenem Schwert um ihn herum schritt. So sehr sich Roger auch bemühte – seine Fähigkeit zu kämpfen sträubte sich heute wie ein sturer Esel. Ein falscher Schritt hier, ein wenig außer Gleichgewicht da, eine zu späte Parade dort – jede noch so kleine Unaufmerksamkeit bestrafte der Waffenmeister blitzschnell und gnadenlos. Bald klebte jede Menge Sand an Rogers verschwitzter Kleidung, und die Schmerzen an Schulter, Bein und Arm ließen erahnen, dass sein Körper bald mit blauen Flecken übersät sein würde. Den letzten Schlag in die offene Flanke nahm Roger mit einem Grunzen hin. Dann entließ Oswulf ihn aus dem Kampf. Roger stützte sich schwer atmend auf die Übungswaffe.
Oswulfs Schnauzbart wackelte mürrisch. »Du bist unaufmerksam, Roger. Hat William deinen Kampfgeist und deinen Ehrgeiz mit ins Grab genommen? Dann übernimmst du ab heute für drei Tage das Waffenputzen, um nachzudenken. Geh!«
Waffenputzen! Für Roger gehörte diese Strafe zu den Übungsstunden dazu wie Schwert und Schild, denn damit bezahlte er regelmäßig für seine Wut, die er an Holzwaffen oder Gegenständen in Reichweite seiner Fäuste und Füße ausließ. Normalerweise hatte die Ankündigung der Strafe einen weiteren Wutausbruch zur Folge. Heute nahm Roger diese Verkürzung seiner Übungszeit dankbar an. Er zog das Holzschwert durch den Sand hinter sich her, übergab es Oswulf und machte sich auf den Weg zur Waffenkammer.
Das Scheppern von Metall hinter seinem Rücken schreckte Roger auf, als er gerade gedankenverloren ein Schwert einfettete. Walter drehte sich mit einem verächtlichen Blick und einem grimmigen Schnauben um und stampfte aus der Kammer. Wahrscheinlich hätte er ihm am liebsten noch viel mehr zum Putzen hingeworfen, um seinen Groll über Williams Tod loszuwerden. Warum allerdings gerade er das Ziel von Walters Zorn war, wusste Roger nicht. Immerhin war Walter bei dem tödlichen Kampf dabei gewesen. Roger seufzte und wandte sich wieder dem Schwert zu.
Joscelin trug seine Ausrüstung herein und legte sie auf den Stapel neben Roger. »Oswulf hat recht. Du musst vergessen, was geschehen ist, und auf das schauen, was kommt, vor allem, wer dir jetzt helfen kann. Du weißt selbst, dass gewisse Männer dir hier nicht wohlgesonnen sind und lieber William als Nachfolger gesehen hätten.«
Roger hielt mit dem Einreiben des Schwertes inne. »Du meinst Männer wie Hugues de Borre? Was könnte er schon noch ausrichten? Mein Vater hält mich ohnehin für unfähig, einen Hof zu leiten.«
»Aber Hugues ist derjenige, der ihm die Beweise dafür bringt«, sagte Joscelin.
Roger nickte. »Ja, und er hasst Engleis.«
Vom Eingang ertönte ein dunkles Räuspern. Die Jungen schreckten hoch. In der Tür stand der Waffenmeister. »Vorsicht mit dem, was ihr sagt. Es gibt an diesem Gutshof viele Ohren.«
Die Jugendlichen verließen einer nach dem anderen die Kammer, bis nur noch Roger zurückblieb.
Oswulf schloss die Tür und setzte sich zu ihm auf die Bank. »Möchtest du mir etwas sagen?«
Roger lehnte das Schwert an die Bank und legte den Lappen beiseite, während er versuchte, seine Gedanken zu sortieren. »Ich war abgelenkt, Oswulf. Ich habe schlecht gekämpft, aber –«
»Das habe ich gesehen.« Oswulf klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust, dort wo das Herz schlägt. »Wie sieht es hier aus?«
Roger zuckte mit den Schultern. »William und ich haben uns nie besonders gut verstanden, aber mich verfolgen immer noch die Erinnerungen, wie er gestorben ist. Die Schreie, das Blut, …« Er senkte den Blick und rang die Hände. »Jetzt bin ich der älteste Sohn, und es ist meine Aufgabe, all das zu beherrschen, wofür eigentlich William bestimmt war.«
»Hast du Angst?«
»Ich hatte mich damit abgefunden, dass William Wilburgfos übernimmt und ich anderswo um ein Lehen kämpfen muss. So wie viele andere.«
»Du trittst ein schweres Erbe an. Dein Vater wird es dir nicht leichtmachen.«
»Ebenso wenig wie Tankred, aber meine Mutter und Isabel stehen hinter mir. Adelais werde ich morgen die Nachricht überbringen, dass ihr Bruder tot ist.«
»Adelais lebt im Kloster, oder?«
»Ja, obwohl das eigentlich der falsche Ort für sie ist.«
Oswulf stand auf und öffnete die Tür. »Manchmal sind wir am falschen Platz und erkennen es erst, wenn es zu spät ist. Beo gesund, Hroðgar.«
Jedes Mal, wenn vor ihm der bemooste braune Glockenturm des Klosters in der grünen Landschaft auftauchte, musste Roger an jenen Morgen vor sechs Jahren denken, als er mit seinem Vater Adelais hier hingebracht hatte. Von allen Geschwistern stand sie ihm am nächsten, denn beide litten unter dem »Fluch ihrer Geburt«, wie Adelais es nannte. Beide hatten das Pech, unter Umständen geboren zu sein, die ihnen ohne eigene Schuld die Abneigung des Vaters einbrachten. Adelais schien fast erleichtert, den Gang ins Kloster anzutreten und der Bevormundung durch ihren Vater zu entfliehen. Roger dagegen verlor an jenem Tag seine Seelenschwester, die er fortan nur noch wenige Male im Jahr besuchte. Umso mehr freute er sich heute, sie wiederzusehen, auch wenn er eine traurige Botschaft zu überbringen hatte.
Vor dem Kloster band er seinen Fuchshengst Modig Wiht an einem Baum fest, ging zum Portal und klopfte. Eine Ordensschwester öffnete. Ihr Blick glitt von seinen Augen zu seiner Wange, die immer noch großflächig von einem Verband bedeckt war.
»Ein Unfall«, sagte Roger. »Ich komme mit einer wichtigen Nachricht für Adelais.«
Die Nonne nahm seinen Waffengürtel entgegen und verschwand im Säulengang. Roger schlenderte währenddessen im Hof an den Vorratskammern, der Küche und weiteren Räumen entlang. Sein Blick fiel auf die letzte Tür links, und plötzlich hörte er die geisterhafte Stimme seines Vaters.
›William hätte ihr schon gezeigt, wie man sich einem Normannen gegenüber verhält.‹
Ein Schmerz zuckte durch seine Zehen, als er der Tür einen Tritt verpasste und zu seinem Vater schlurfte. Natürlich hätte William das. Er macht immer alles richtig, und ich mache alles falsch. Und so lange er lebt, wird sich daran nichts ändern. So lange er lebt.
Eine helle Stimme riss ihn aus seiner Erinnerung. »Roger! Was hast du wieder angestellt?« Von der Seite näherte sich eine junge Frau im Ordensgewand – ein langer schwarzer Habit mit weißem Kopfgebinde und schwarzem Schleier, der die blonden Haare verdeckte. Nur das Gesicht lag frei.
Roger lächelte. »Adelais! Schön, dich zu sehen.«
Adelais betrachtete stirnrunzelnd den Verband in seinem Gesicht. »Du hast dich doch nicht etwa mit William geprügelt?«
Roger musste an den Blick seiner Mutter denken, wenn er als Kind dreckverschmiert und blutig nach Hause kam, obwohl an dem Tag keine Waffenübungen angestanden hatten. »Habe ich nicht, nein.« Und mit ernstem Blick fügte er hinzu: »William ist tot.«
»Par Deu!« Adelais bekreuzigte sich hastig. »Was ist geschehen?«
»Brandolf hat ihn im Kampf erschlagen.«
»Aber sagtest du nicht einmal, dass William ein ausgezeichneter Kämpfer sei?«
»Das ist er auch, … ich meine, das war er auch. Es war ein Unfall. William war abgelenkt, und genau in dem Moment …« Er verstummte und versuchte, die Erinnerung hinunterzuschlucken.
Adelais schüttelte den Kopf, faltete die Hände und blickte nach unten. »Ich wusste, dass es früher oder später so kommen würde mit William. Gott sei seiner Seele gnädig. … Auch wenn er eigentlich verdient hätte, an einem anderen Ort zu schmoren.«
Roger hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen.
Adelais sah ihn an. »Wie geht es dir, Roger?«
»Du bist die Erste, die mich das fragt, große Schwester. Sei unbesorgt. Ich bin bei Mutter in guten Händen. Sie ist eine wahre Kräuterhexe. Oh, Entschuldigung.«
Adelais kicherte. »Schon gut. Deine Mutter liebt dich. Sie wird alles tun, damit es dir bald wieder besser geht.«
In ihr Lächeln mischte sich ein bitterer Ausdruck. Roger wusste genau, woran sie jetzt dachte. Er presste die Lippen zusammen und nickte.
Sie bedeutete ihm, ein Stück zu gehen. »Erzähl mir genauer, wie es zu diesem Unfall kam.«