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Dieser Sammelband enthält alle drei Romane sowie die Vorgeschichte der frühmittelalterlichen Northumbria-Trilogie: „Der Krieger des Königs“, „Der zweite Sohn des Normannen“, „Der Gesang des Gauklers“ und „Der Weg des Schwertes“ Nordengland im 11. Jahrhundert: Die normannische Eroberung des Landes ist in vollem Gange. In den ersten dreißig Jahren dieser größten Umwälzung in der englischen Geschichte wachsen drei Jugendliche heran, die das Schicksal für besondere Aufgaben ausgewählt hat. In Band 1: „Der Krieger des Königs“ (1066-1071) ringt Oswulf um eine Entscheidung, wem er mehr vertrauen muss, um seine wahren Ziele zu erreichen: Freund oder Feind? In Band 2: „Der zweite Sohn des Normannen“ (1086-1088) muss Roger ein tödliches Rätsel lösen, das nicht nur sein Erbe bedroht, sondern alles, was er liebt. In Band 3: „Der Gesang des Gauklers“ (1093) entwickelt sich Lucans Auftrag zu einem Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt – die Frage ist nur: für wen? Bonusbuch in diesem Sammelband: In der Vorgeschichte: „Der Weg des Schwertes“ (1070) benötigt Loïc für seinen wichtigsten Kampf mehr als nur ein Schwert.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß §44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
© 2024 Dr. Birgit Constant (tinctaculum)
Birgit Constant, c/o Literatur- und Kulturlounge, Mainzer Str. 6, 55276 Oppenheim
www.birgitconstant.de
ISBN: 9783754659236
Coverdesign: Birgit Constant unter Verwendung der Originalcover von Sarah Buhr / www.covermanufaktur.de unter Verwendung von Stockgrafiken von Nastasic / iStock sowie Tatyana Sidyukova / Adobe Stock
Karten von John Wyatt Greenlee of Surprised Eel Maps
Mehr Lesematerial
England und das Marschland um Ely im Jahre 1070
York und Umgebung im Jahre 1070
Der Krieger des Königs
Band 1 der Northumbria-Trilogie
Der zweite Sohn des Normannen
Band 2 der Northumbria-Trilogie
Der Gesang des Gauklers
Band 3 der Northumbria-Trilogie
Der Weg des Schwertes
Die Vorgeschichte zur Northumbria-Trilogie
Mehr Lesematerial
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Es sind zu viele. Ihren blutverschmierten Lanzen werden wir ebenso wenig entkommen wie den gefräßigen Feuern, mit denen sie unsere Häuser und Dörfer niederbrennen. Mag sein, dass sich in diesem Moment die Tore der Hölle für mich öffnen, aber mein Scramasax wird dafür sorgen, dass ich nicht alleine gehe.
Mein Blick wandert über die zerstückelten Leiber, die den Boden bedecken. Das wird ein Fest für die Wölfe werden, wenn sie sich über die Leichen hermachen. Zu wenige sind von uns übrig, um den Gefallenen ein anständiges Begräbnis zu bereiten. Wen sie noch nicht erwischt haben, der wartet nicht den nächsten Angriff ab, sondern rennt um sein Leben. Denn dass sie wiederkommen, ist gewiss. Sie ziehen sich zurück, nur um am nächsten Tag erneut anzugreifen. Ihre schwer bewaffneten Reiter verschonen auch Frauen und Kinder nicht. Sie verbreiten Angst und Schrecken, wo immer sie auftauchen. Von Eoforwic aus wälzt sich eine Feuersbrunst, ein Morden und Zerstören durch ganz Norþhymbre. Sie werden erst Halt machen, wenn sie unseren Willen gebrochen haben und wir uns ihrer Herrschaft unterwerfen – oder wenn sie uns alle ausgerottet haben.
Meine Zunge klebt am Gaumen. Eine gefühlte Ewigkeit haben wir gegen ihre Horden gekämpft und versucht, die wilden Reiterscharen von unserem Leib und Leben, unserem Hab und Gut abzuhalten. Sie sind unerbittlich. Jeden, der sich ihnen in den Weg stellt, durchbohren sie aus vollem Galopp mit ihren Lanzen oder strecken ihn mit einem gezielten Schlag ihres Schwertes nieder.
Wir stehen hier wie einst Byrhtnoð und seine Mannen, als sie im Jahre 991 unseres Herrn bei Melduna die herannahenden Wikinger zu sich hinüberwaten sahen. Wodon þa wælwulfas, for wætere ne murnon ... Aber unser Gegner fürchtet weder Wasser noch Feuer – und Gott und den Teufel wahrscheinlich ebenso wenig. Unsere Waffen vermögen nichts auszurichten gegen ihren unbarmherzigen Blutdurst, den sie hier im Norden jeden Tag an Tausenden unserer Landsleute gierig stillen.
Ich habe bis zuletzt gekämpft, aber jetzt verlässt mich die Hoffnung. Ich kann nicht mehr. Von unseren Waffen tropft das Blut vieler ihrer Reiter und Pferde, aber wir können die Schlacht nicht gewinnen. Ich habe alles verloren. Meine Heimat brennt lichterloh, meinen Vater haben sie grausam hingerichtet, meine Mutter und zwei meiner Schwestern geschändet und erstochen, andere Bewohner zusammengetrieben wie Vieh und niedergemacht, meine drei jüngeren Geschwister sind in den Wald geflohen und leben, aber wie lange noch?
Ich hole tief Luft und stelle den Eimer ab, dessen Feuer nur noch aus wenigen Flämmchen besteht. Mein Blick schweift über die Reiter. Ein weiterer gesellt sich dazu und treibt sein Pferd an, bis es sich in die vorderste Reihe geschoben hat. Auf dem Spann seines Fußes prangt ein großer dunkler Fleck. Der Normanne, mit dem ich in unserer Küche gekämpft habe.
Ich suche das Gesicht unter dem Nasenhelm nach einem Ausdruck der Vergeltung ab, doch er schaut fast gütig zu mir herunter.
Wahrscheinlich genießt er die Vorfreude darauf, dass mich gleich all seine Waffenbrüder vor seinen Augen mit den Speeren durchbohren werden, als Rache für die Wunde, die ich ihm zugefügt habe.
Ein weiterer Reiter gibt einen scharfen Befehl, woraufhin die Versammelten die Pferde zur Seite treiben, um Platz für den Anführer zu machen. Wie ein König sitzt er auf seinem mächtigen Schlachtross und reitet mit hoch erhobenem Kinn vorwärts, bis er unmittelbar vor uns steht. Sein Befehlsschreier stellt sich neben ihn. Beide mustern uns von oben bis unten.
Der Anführer betrachtet mich abschätzig, richtet sich im Sattel auf und spricht zu mir, aber ich verstehe kein Wort. Der Reiter neben ihm fragt in einem fremdländischen Tonfall: »Hwæt is þin nama?«
Sie haben einen Wealhstod, der meine Sprache spricht? Ich mustere den Anführer, ohne den Schild zu senken und das Seil des noch schwach vor sich hin flackernden Eimers loszulassen. Dann recke ich mein Kinn in die Höhe. »Ic hatte Oswulf.«
Der Anführer murmelt etwas.
»Hu eald eart ðu?«, fragt der Reiter.
Mein Blick wandert vom Sprachmittler zum Anführer der Normannen. In seinen Augen sehe ich Mordlust und die Gier nach Blut. Englischem Blut.
»Ic eom nigontinewintre.«
Ich schaue zu Ulfgar, der mit zusammengekniffenen Augen auf die beiden Sprecher vor uns starrt. Auch er hat Speer und Schild noch erhoben, als würde er jederzeit mit einem Angriff rechnen.
Mein Gegner aus der Küche bahnt sich mit dem Pferd einen Weg an den anderen Reitern vorbei hin zum Anführer. Sie wechseln einige Worte. Der Anführer nickt. Mein Gegner deutet auf seinen Fuß und sieht mich vorwurfsvoll an. Dann wendet er sich an den Sprachmittler. Während er mit ihm redet, geht sein Blick immer wieder zu mir. Nur flüchtig sieht er zu Ulfgar.
Der Sprachmittler stellt meinen Gegner als den normannischen Waffenmeister vor. Er habe mich beobachtet, seit wir in Ledlinghe den Kampf gegen die Männer seines Lehnsherrn aufgenommen haben, und mitangesehen, wie wir zu zweit einige sehr gut ausgebildete Reiter besiegten.
Ulfgar und ich sehen uns verwundert an.
»Ihr seid ein würdiger Kämpfer, junger Engleis«, sagt der Wealhstod. »Thibault würde Euch gerne auf unserer Seite kämpfen sehen.«
Thibault? Wer ist Thibault? Ich blicke zum Waffenmeister, der fast unmerklich nickt, ohne die Miene zu verziehen. Ein Normanne will, dass ich für ihn kämpfe? Nachdem er und seine Truppen meine Landsleute niedergemetzelt und mein Heimatland verwüstet haben?
Vor Zorn zittern mir die Hände. Ich presse die Finger um den Griff des Schildes und ziehe das Seil mit dem Eimer stramm. »Næfre ic sceal wigan for wuldre Angla banan.«
Der Wealhstod hebt die Augenbrauen. Wie viel er von meinen Worten weitergibt, vermag ich nicht zu sagen. Der Anführer mit Augen wie Eiszapfen rührt sich nicht, und auch in seinem Gesicht ist nicht die kleinste Regung zu sehen. Der Waffenmeister murmelt dem Sprachmittler etwas zu.
»Hwær sind þine ældran, Oswulf?«
»Wo meine Eltern sind? Warum fragt Ihr nicht Eure Speere und Schwerter, mit denen Ihr sie abgeschlachtet habt?« Wenn sie nicht auf ihren Pferden säßen, würde ich ihnen ins Gesicht spucken. Stattdessen hebe ich den Eimer an und schwinge ihn in immer größer werdenden Kreisen über dem Kopf. »Min fædre wæs Osfrið, Morkere eorles and Haroldes cyninges ðegn, þe ge acwealdon. Sie sind beide tot. Aber ich lebe noch.«
Ein paar Pferde springen mit einem schrillen Wiehern vor dem fliegenden Etwas vor ihren Nasen zurück, doch die Reiter bringen sie schnell wieder in ihre Gewalt. Der Speerkreis um uns verkleinert sich.
»Lieber sterbe ich, als dass ich mein Vaterland verrate«, rufe ich trotzig.
Das Gesicht des Anführers verdunkelt sich. Er zischt etwas Unverständliches. Der Wealhstod und der Waffenmeister werfen ihm einen Blick zu, der zwischen Sorge und Verärgerung schwankt. Es scheint, als würde ihrem Herrn langsam die Geduld ausgehen mit dem störrischen Engländer.
Ich blicke zu Ulfgar, der die ganze Zeit schweigend dasteht und alles beobachtet, den Schild in Verteidigungsstellung und den Speer im Anschlag.
Die beiden Normannen reden auf den Anführer ein. Ich bremse den Flug des Eimers und versuche sinnloserweise, von ihren Lippen zu lesen. Schließlich reißt der Anführer die Hand hoch, und die zwei verstummen. Der Anführer spricht lange. Ich stelle den Eimer zögernd ab und lausche, doch wieder verstehe ich kein Wort, nur einige Fetzen klingen wie die Namen der englischen Eorles.
Gespannt warte ich auf die Übersetzung des Wealhstod, die die Namen bestätigt, meine aufkeimende Hoffnung jedoch wie einen lebendig Begrabenen in einem zugeschütteten Erdloch erstickt. Die Eorles weilen an König Willelms Hof in Normandig. Der Sprachmittler bezeichnet sie nicht als Gefangene, aber wie sollte es anders sein? Auch in Eoforwic ist nichts mehr wie es war. Die Normannen haben beide Burgen wieder aufgebaut, dieses Mal aus Stein, damit sie nicht erneut wie zwei dürre, trockene Zweiglein ein Opfer der Flammen werden. Ein normannischer Abt, der ein alter Freund König Willelms ist, soll schon bald das Amt des Erzbischofs übernehmen. Die wenigen englischen Adligen und Aufständischen, die noch leben, werden an den Folgen der Verwüstung in Norþhymbre, von Snotingeham über Eoforwic bis hoch nach Dunholm zugrundegehen. Auf alle, die sich dem König widersetzen, warten Hungersnot, Elend, Krankheit, Siechtum, Höllenqualen und der Tod, der für sie als Erlösung kommen wird.
Jeder Satz des Sprachmittlers trifft mich wie ein Speer mitten ins Herz. Der ganze Süden und Osten sind fest in normannischer Hand, und auch der Norden wird nicht mehr lange durchhalten.
Wofür kämpfen wir noch? Die Normannen nehmen unser Land Stück für Stück ein, und wir haben ihnen nichts mehr entgegenzusetzen.
Wahrscheinlich steht mir die Hoffnungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, als ich den Anführer anblicke, denn seine Augen blitzen auf, wie eine trügerische Eisschicht in der Wintersonne funkelt. Er macht eine Handbewegung, und schon bald erkenne ich, dass das Aufblitzen seiner Augen nicht die Freude über meine Mutlosigkeit widerspiegelt, sondern über den letzten Trumpf, den er gegen mich in der Hand hält.
Aus dem Nichts erscheinen zwei seiner Männer und ziehen an Seilen drei stolpernde Bündel heran.
Als ich die Gefangenen betrachte, erschlafft mein ganzer Körper, als würde man aus einer aufgeblasenen Schweinsblase die Luft herauslassen.
Es ist alles verloren.
Ich schließe die Augen und atme tief ein. Als ich ausatme, entweicht auch die letzte Hoffnung aus meinem Körper.
»Die Kinder haben wir auf einem Baum gefunden«, erklärt mir der Wealhstod mit ruhiger, fast beschwichtigender Stimme. »Sie haben immer wieder Euren Namen geschrien, während diese beiden Männer dort versucht haben, sie vom Baum zu holen.«
Der Anführer raunzt etwas auf Normannisch, doch der Wealhstod zögert. Erst auf einen scharfen Befehl hin wendet er sich wieder an mich.
»Erkennt Ihr diese drei … Lumpenbälger wieder?«
Ich kaue auf meiner Lippe und wechsle einen Blick mit den Kindern. Sie zittern am ganzen Leib, sehen mich mit flehenden Augen an.
»Sind das Eure Geschwister?« Der Sprachmittler schaut mich an, als wartete er auf eine Bestätigung. Aber er weiß längst, dass es so ist. Sicher hat er mit ihnen gesprochen, und sie haben ihm alles erzählt, weil er ihre Sprache spricht.
Ich trete einen Schritt vor, verfolgt von den Speerspitzen, und sehe dem Anführer in seine eiskalten Augen. »Wenn Ihr sie tötet, seid Ihr der nächste.«
Der Wealhstod übersetzt. Ein verächtliches Lächeln geht über das Gesicht des Anführers. Mit einer Stimme wie Raureif spricht er zu mir. Der Sprachmittler senkt kurz den Blick, bevor er die Worte nach Englisc überträgt.
»Du drohst mir, Engländer? Schau dich um! Wer, glaubst du, wird zuerst sterben, solltest du auch nur eine falsche Bewegung machen? Du kannst dich glücklich schätzen, dass mein Waffenmeister deine Kampfkünste schätzt und dich in seinen Diensten haben will, sonst würde dein vorlautes englisches Maul längst den Dreck dieses armseligen Dorfes fressen.«
Er deutet auf die drei Kinder. »Sire Geoffrey wird sie als Pfand mitnehmen. Falls Ihr nicht tut, was man Euch befiehlt, wird er sie töten.«
Sire Geoffrey. So heißt also der Schlächter meiner Familie. Der Mann, für den ich von nun an arbeiten soll. Mein neuer Herr.
Wenn ich mich weigere, werden sie meine Geschwister auf der Stelle töten. Ulfgar und ich werden noch einige von ihnen mit ins Grab nehmen, aber auch unsere Leiber werden bald zum Festmahl für hungrige Wölfe gehören.
Wenn ich einwillige, verrate ich mein Land, meine Familie, meinen König, aber ich rette das Leben meiner Geschwister. Wenn ich den Worten eines Normannen trauen kann. Wird er sie nicht trotzdem töten? Wenn die Normannen so mächtig sind, wie sie vorgeben, wozu braucht der Anführer ein Pfand, um mich zu bedrohen? Hat er Angst vor mir, solange ich nicht tot vor ihm im Dreck liege? Sollte er dann nicht lieber darauf achten, dass seine Leibwachen mich aufmerksam im Auge behalten, anstatt Kinder als Pfand zu nehmen, die seine Sprache ohnehin nicht verstehen?
»Nun, junger Engleis«, unterbricht der Wealhstod meine Gedanken. »Wie entscheidet Ihr Euch?«
Ich schaue auf meine Geschwister, die mit offenen Mündern auf meine Antwort warten. »Wo bringt Ihr sie hin und wer sagt mir, dass Ihr sie gut behandelt?«
Lord Geoffrey kneift die Augen zusammen, doch bevor er etwas sagen kann, redet der Waffenmeister mit ihm und nickt dann dem Wealhstod zu.
»Thibault wird persönlich für das Wohlergehen Eurer Geschwister bürgen.«
Der Waffenmeister und ich mustern einander. Sein Gesicht ist durch den Nasenhelm und das Kettenhemd schwer zu erkennen, aber ihm fehlt der Hochmut des Anführers. Bei seinem Anblick spüre ich keine Unruhe oder Bedrohung, hinter seinen Worten fehlt die boshafte Schadenfreude über das Unglück anderer. Fast meine ich, so etwas wie väterliche Fürsorge in ihm zu spüren. Wenn ich irgendeinem Normannen vertrauen soll und kann, dann wahrscheinlich ihm.
Seufzend lasse ich das Seil durch die Finger gleiten. Das Feuer im Eimer ist nur noch ein züngelndes Flämmchen, das der nächste Windhauch ausblasen wird. Mein Widerstand ist gebrochen, meine Kraft erschöpft. Ich kann nicht mehr.
»Ich verlasse mich darauf und willige ein. Aber bevor Ihr uns abführt, bestehe ich darauf, meine Frau, meine Eltern und Geschwister zu begraben, wie es anständigen Christen gebührt.«
Die Normannen wechseln verdutzte Blicke, als der Wealhstod übersetzt. Zu meiner Erleichterung nickt der Anführer. Sie wagen es nicht, meine Forderung abzulehnen. Wenigstens vor Gottes Macht haben sie Ehrfurcht. Ic ðancige ðe, Dryhten min.
Doch ein ungutes Grummeln im Bauch verdrängt schnell meine Erleichterung, als Lord Geoffrey auf Ulfgar zeigt und sich an den Sprachmittler wendet.
»Seid Ihr Oswulfs Bruder?«
Noch bevor Ulfgar antwortet, durchfährt mich ein brennender Schmerz, eine Todesahnung, die mir die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Mein Mund öffnet sich, aber kein Laut kommt heraus. Ich bin wie gelähmt und höre Ulfgars Worte nur gedämpft, als würde er durch eine schwere Holztür sprechen.
»Ich bin sein Freund und Waffenbruder. Mein Name ist Ulfgar, Sohn von Godric dem Schmied.«
Wie betäubt schüttele ich langsam den Kopf. Ich spüre, wie ein »Nein!« sich auf meiner Zunge formt, doch es ist, als hätte man mir einen Knebel aus Luft in den Mund gestopft.
Er wird sterben.
Ein Wort des Anführers. Ein Stich mit dem Speer. Ein gurgelnder Laut. Ulfgars schwerer Körper sackt zusammen.
»Nein!«
Mein Schrei kommt zu spät. Ich stürze zu Ulfgar, der gerade noch lebend neben mir stand und nun sterbend in der dünnen Schneedecke liegt.
Auf Lord Geoffreys gemurrten Befehl sitzen der Wealhstod und fünf weitere Normannen ab. Zwei davon ziehen mich hoch und nehmen mir meine Ausrüstung ab.
»Wir werden auch Euren Freund beerdigen, wie es sich für einen Christen gehört«, höre ich den Wealhstod murmeln. »Wo finden wir Eure Familie, Oswulf?«
Ich nicke abwesend und deute zu unserem Hof. Der Sprachmittler packt mich an der Schulter und zieht mich mit sich. »Kommt, bevor Sire Geoffrey seine Entscheidung bereut.«
Wir stapfen über den mit toten Körpern übersäten Boden hin zum Hof meines Vaters, der nun, statt Heimat zu sein, für den Großteil meiner Familie viel zu früh zu ihrem Grab geworden ist.
Auf die kalten Lippen meiner Frau drücke ich einen letzten Kuss, bevor wir sie und die anderen in Leinentücher einhüllen. Dann senken wir die blutverschmierten und grausam hingerichteten Leichen Godgifus, meiner Schwestern und meiner Mutter hinab in die vorbereiteten Vertiefungen im Garten hinter der großen Halle. Danach kommt Ulfgar an die Reihe, den wir zu dritt heben.
Ich schaue auf ihn hinab. »Wir sehen uns in einem besseren Leben wieder, Ulfgar«, murmele ich und werfe die erste Ladung Erde auf meinen für immer schweigenden lauten Freund.
Bevor wir meinen Vater hinablassen, falle ich auf die Knie und vergrabe das Gesicht in seiner Tunika. Mein Körper zittert, vor Trauer über den Tod meines Vaters, vor Zorn über diejenigen, die ihn getötet haben, vor Scham und Schuldgefühlen wegen meiner maßlosen Überschätzung und Missachtung des Rates meines Vaters, die der Grund für all das Unglück sind, das über meine Familie und mein Heimatdorf gekommen ist.
Meine Finger krallen sich in die Oberarme meines Vaters. Wie oft haben mich diese starken Arme beschützt, als ich klein war, und was habe ich getan, als sie meinen Schutz brauchten?
Ich schluchze auf und weine wie ein kleines Kind. Ein letztes Mal strecke ich mich bis zum Ohr meines Vaters.
»Die Normannen werden bezahlen für das, was sie meiner Familie angetan haben«, flüstere ich tonlos, aus Angst, dass es der Wealhstod hören könnte. »Ich werde dich rächen, Vater.«
Ich nicke einem Normannen zu und greife unter die Schultern meines Vaters. Zusammen legen wir den Körper in seine letzte Ruhestätte und schaufeln auch dieses Grab mit Erde zu.
In meinem Kopf brummt und surrt es, als hätte mir jemand einen Stein auf den Schädel geschlagen. Von einem Tag auf den anderen ist das Leben, das ich bisher kannte, zu Ende. Ich habe meine Frau, meine Familie und meinen Freund verloren, verlasse für immer mein Heimatdorf und werde mein Leben als Diener eines Normannen verbringen. Anstatt als Ðegn von Eorl Morkere und König Harold die Ehre meines Heimatlandes zu bewahren, trete ich sie mit den Füßen eines Verräters.
Nach außen wortlos, nach innen voll mit Fragen steige ich auf das Pferd, das einer der Normannen für mich bereithält. Mein Blick schweift noch einmal über das, was ich zurücklasse. Ledlinghe brennt. Aber nicht alles ist zerstört. Wie durch ein Wunder sind einige Hütten und Schuppen unbeschädigt geblieben. Hie und da gackert ein vorsichtiges Huhn, das sich in der Ruhe nach der Schlacht wieder aus seinem Versteck traut. Wer den Ansturm der normannischen Reiter hier oder in den Wäldern überlebt hat, hat vielleicht nicht alles verloren, zumindest im Moment. Meine Familie konnte ich nicht retten, aber vielleicht haben Ulfgar und ich doch zumindest andere vor einem schlimmen Schicksal bewahrt. Wir haben die Schlacht verloren und vielleicht doch gewonnen.
Als letzte Erinnerung an Ledlinghe schließe ich diesen Hoffnungsschimmer in mein Herz ein, bevor ich mein Pferd antreibe und meinem neuen Herrn an seinen Hof folge.
Unser Weg geht nach Süden. Meine verschwitzte Kleidung ist längst steif gefroren von der zunehmenden Kälte der Dämmerung. Mein Körper schmerzt, ich bin müde, hungrig und durstig und bete zu Gott, dass ich bald von diesem Pferd absteigen kann und ein Stück Brot und einen Krug Bier bekomme.
Wäre ich nicht besser auf dem Schlachtfeld gestorben wie meine Landsmänner? Was habe ich von den Normannen zu erhoffen? Sie werden mich verhöhnen und mir die ganzen Drecksarbeiten aufhalsen, die sie selbst nicht machen wollen. Soll ich als Sohn eines Ðegns wirklich mein restliches Leben als Diener eines normannischen Adligen leben müssen? Was ist, wenn der Waffenmeister feststellt, dass meine Kampfkünste doch nicht so gut sind, wie er gedacht hat? Was geschieht mit mir, wenn er mich nicht mehr braucht? Werden sie mich töten?
Ich versuche, die Gedanken zu verdrängen, indem ich den Gesprächen der Normannen lausche. Sie scheinen völlig unberührt zu sein von dem, was in Ledlinghe geschehen ist, und plaudern munter vor sich hin. Ich höre, was sie sagen, verstehe aber kein Wort. Ihre Sprache klingt wie ein Gebräu aus Schnupfen und Singen. Wenn mir ihr Gerede zu viel wird, versuche ich wegzuhören, aber die fremden Töne bohren sich wie gefräßige Maden durch meine Ohren in den Kopf. Falls die Normannen mich leben lassen, werde ich eines Tages sicher vom täglichen Hören ihrer Sprache den Verstand verlieren.
Die Sonne steht tief am Horizont und taucht alles in ein rotgoldenes Licht. In der Ferne erhebt sich das Dach eines Gutshofs, der nur vom Turm einer naheliegenden Kirche überragt wird. Die Gebäude und die Gegend scheinen vertraut und doch fremd. Als wäre ich schon einmal hier gewesen, auch wenn ich mich nicht mehr erinnern kann, wann und warum. Alles, was mir in den Sinn kommt, ist ein Gewirr aus guten und schlechten Erinnerungen, die meine Müdigkeit bis zur Unkenntlichkeit verschleiert.
Ich werfe einen Blick hinter mich, wo zwei Normannen die Pferde mit meinen drei Geschwistern am Zügel führen. Die beiden Jüngeren scheinen zu schlafen. Ihre Körper schwingen zusammengesunken im Takt des Hufschlags mit. Der Ältere sitzt angespannt im Sattel und betrachtet misstrauisch die vorbeiziehende Landschaft. Unsere Blicke treffen sich. Gern würde ich ihm aufmunternd zulächeln, aber es gibt nichts in mir, das mir dafür einen Grund gäbe. So schauen wir uns nur lange an, bevor ich mich wieder umdrehe und nach vorne blicke. Wir ziehen vorbei an den ersten kleinen Bauernhütten, und langsam ahne ich, woher ich diesen Ort kenne. Bilder schießen wie Blitze durch meinen Kopf. Stanfordbrycge. Vater. Der nächtliche Ritt mit Ulfgar. Eine Fackel. Aufgeregte Menschen. Eine kleine Frau, die mich anlächelt. Das Kräuterhäuschen. Vater lebt. König Harold ist tot.
Wilburgfos!
Was machen wir hier? Will Lord Geoffrey ein weiteres Dorf überfallen? Haben sie mich deswegen mitgenommen?
Ich sehe mich um. Keine Spur von Angriffslust oder Unruhe. Als würden sie auf ihre Güter heimkehren, folgen die Normannen ihrem Anführer, vorbei an dem hölzernen Bau des Benediktinerklosters und hin zum Gutshof von Wilburgfos. Der Boden ist matschig vom letzten Schneefall. Abgesehen von ein paar Schweinen und einer Hühnerschar, die sich wild flatternd vor den Hufen der Pferde in Sicherheit bringt, beachtet uns niemand. Ist es in den wenigen Jahren seit König Willelms Herrschaft bereits derart alltäglich geworden, eine normannische Reiterschar durch sein Dorf ziehen zu sehen?
Es ist nur wenige Jahre her, seit ich hier war, und doch hat sich einiges verändert. Liegt es nur an der Jahreszeit? Als ich das erste Mal nach Wilburgfos kam, war es Herbst. Jetzt ist Winter, auch wenn der Schnee weggeschmolzen ist und die ersten Knospen bereits den Frühling ankündigen.
Die letzten Bauern kehren mit ihren Ochsengespannen von den Feldern zurück, wo sie den Boden für die bevorstehende Saat gepflügt und den Mist ausgebracht haben. Aber wo sind all diejenigen, die nicht auf den Feldern arbeiten? Die zu Hause Kleidung weben, Werkzeug instand setzen, die Tiere füttern?
Mein Blick bleibt an dem Palisadenzaun hängen, der mehr als mannshoch den Gutshof umschließt und von den Bauernhütten der Siedlung abschirmt. Das Holz sieht frisch aus, ohne morsche Stellen oder andere Zeichen der Verwitterung.
Selbst in der Dunkelheit hätten wir ein derart hohes Wehrwerk bemerkt. Der Zaun muss nach unserer Abreise errichtet worden sein, aber wozu? Eine Gruppe bewaffneter Normannen würde Kjetil kaum damit abwehren können. Vielleicht treibt sich ein Rudel Wölfe oder eine Bande Räuber in den Wäldern um Wilburgfos herum.
Zwei ältere Frauen verstummen, als wir uns ihnen nähern. Ihre Blicke folgen uns mit einer Mischung aus Neugier, Vorsicht und Abscheu. Sie beginnen zu tuscheln, als wir an ihnen vorbeiziehen. Eine Gruppe Kinder, die kurz vor dem Tor des Palisadenzauns spielt, hält inne und starrt uns mit großen Augen an. Ein Junge, der nicht älter ist als die normannische Herrschaft in Englaland, streckt den Finger in meine Richtung und ruft seinen Spielkameraden zu: »Engliscmenn!« Selbst in meiner derzeitigen Lage muss ich über die Begeisterung des Kleinen lächeln.
Wir gelangen schließlich auf den Platz vor der großen Halle. Ein Normanne ruft drei Männer zu sich und kommt auf uns zu. Um seine Lippen spielt ein Lächeln, als er Lord Geoffrey begrüßt und den Blick neugierig über mich und meine Geschwister gleiten lässt.
Neben ihm erkenne ich den Mann wieder, der uns damals am Hof empfangen und uns mit Kleidung und Waffen versorgt hat. Cen… Cenhelm? Der Vater des übermütigen Cenric!
Mein englisches Herz macht einen Sprung. Gerne würde ich ein paar Worte mit Cenhelm wechseln, aber er führt bereits zwei der Pferde zu den Stallungen. Während ich absteige, überlege ich, was wohl der Zweck unseres Besuchs hier in Wilburgfos ist. Vielleicht ist es zu weit bis zu Lord Geoffreys Besitztümern, so dass wir hier übernachten. Oder aber wir müssen gar nicht dorthin, weil Lord Geoffrey keine Engländer an seinem Hof haben will und uns hier in Kjetils Obhut lässt.
Zwischen den großen Normannen kauern sich meine Geschwister wie Vogeljunge beim Anblick eines Feindes in ihrem Nest eng zusammen.
»Ic eom Frederic. Wilcume!« Zwei freundliche blaue Augen strahlen mich an. Vor mir steht der Mann, der gerade Lord Geoffrey empfangen hat.
»Ic ðancige eow, Frederic.« Ich deute mit dem Kopf eine Verbeugung an. »Min nama is Oswulf.«
»Frederic wollte Euch unbedingt in Eurer Sprache willkommen heißen«, erklärt mir der Wealhstod. »Er ist Sire Geoffreys Seneschall und kümmert sich um den Hof, wenn der Lehnsherr auf Reisen ist. Ich sollte mich auch vorstellen, wo wir von nun an mehr miteinander zu tun haben. Mein Name ist Walchelin.«
»Ich dachte, Cenhelm ist für den Hof zuständig.«
»Ihr kennt Cenhelm?«, fragt Walchelin.
»Wir lernten ihn kennen, als wir nach der Schlacht bei Stanfordbrycge meinen Vater hierherbrachten.«
»Nun«, beginnt Walchelin, nachdem er für Frederic übersetzt hat, »es hat sich seitdem einiges geändert hier in Wilburgfos.«
»Das habe ich bemerkt.« Ich deute auf die Palisaden. »Ich kann mich nicht erinnern, dass es den Zaun damals schon gab. Fürchtet Kjetil um die Sicherheit der Bewohner an seinem Gutshof?«
Der Blick der beiden verheißt nichts Gutes.
Ein anderer Gutsverwalter. Ein Palisadenzaun um den Gutshof.
»Dies ist nicht mehr Kjetils Gutshof, oder?« Insgeheim bete ich, dass sie mir widersprechen.
Eine Übersetzung ist nicht notwendig. Frederic schüttelt den Kopf.
»Kjetil ist tot«, sagt Walchelin. »Vor knapp zwei Jahren übernahm Sire Geoffrey den Hof als Belohnung für seine Dienste hier im Norden.«
Kjetil ist tot. Sire Geoffrey ist der neue Besitzer und Herr von Wilburgfos. Lord Geoffrey of Wilburgfos. Wir reisen nicht weiter, sondern haben das Ziel unserer Reise erreicht. Ich werde an Lord Geoffreys Hof leben und als einer seiner englischen Diener arbeiten. Umgeben von Normannen, deren Befehle ich ausführen und denen ich zu Diensten sein muss. Oh Vater! Ich bin eine Schande für unsere Familie und unser Land!
Ich spüre eine Hand auf der Schulter und schaue auf. Frederic lächelt, während er mit mir redet.
»Frederic bittet Euch in die große Halle«, sagt Walchelin. »Ihr möchtet sicher etwas essen und trinken.«
Als hätte er auf seinen Einsatz gewartet, grummelt mein Bauch. Obwohl ich noch benommen bin von dem, was ich gerade erfahren habe, nicke ich und folge Walchelin ins Gutshaus.
In der großen Halle lodert ein Feuer, dessen Wärme meinen geschundenen Körper streichelt. Es riecht nach Essen und Schweiß. Ich strecke meine Glieder und lasse den Blick über die Anwesenden schweifen, die sich im Licht der großen, goldgelben Flammen unterhalten. An den Bänken sitzen die Reiter, die uns hergebracht haben. Dazwischen eilen Bedienstete mit Schüsseln, Brotlaiben und Krügen hin und her, um die hohen Herren mit Speis und Trank zu versorgen.
Lord Geoffrey sitzt mit einer Handvoll Normannen an einem erhöhten Tisch, von dem aus er den gesamten Raum überschauen kann. Er sieht uns eintreten, wendet sich aber umgehend wieder dem herumfuchtelnden Mann mit der wilden dunklen Haarpracht neben ihm zu.
Frederic deutet auf zwei freie Plätze an einem der Tische, verabschiedet sich und nimmt seinen Platz am Tisch des Lehnsherrn ein.
Während ich mir mit Walchelin den Weg zu unseren Plätzen bahne, verfolgen zahlreiche Beobachter unsere Bewegungen. Manchen sieht man die Abscheu über den ungebetenen Gast an. Andere schauen verwundert. Nur wenige sehen neugierig aus.
Wo ist Cenhelm? Was ist mit Hild, der Kräuterfrau? Wie geht es Lady Edeva? Ist sie auch tot?
Wohin ich auch blicke, glotzen mich glattgeschorene normannische Fratzen mit ihren lächerlich geschnittenen Haaren an. Vielleicht sollte ich mein Mahl lieber woanders einnehmen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie über mich herfallen.
»Setzt Euch, Oswulf!«
Walchelins Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Er deutet auf den Platz neben sich.
Mit einem Seitenblick auf meinen anderen Sitznachbarn steige ich über die Bank und setze mich langsam hin. Ich starre auf die Tischplatte vor mir, um ihren Blicken auszuweichen. Mir ist heiß.
So muss sich ein Bär fühlen, wenn sie ihn zwischen Dutzenden Schaulustigen auf den Jahrmarkt führen, um ihn dort vor allen Augen von wilden Hunden zerreißen zu lassen.
»Walchelin, ich weiß nicht, ob ich wirklich hier –«
»Doch, das sollt Ihr!« Walchelin winkt eine Dienerin herbei. »Ihr seid nun Teil von Sire Geoffreys Gefolgschaft, also esst Ihr auch, wann und wo wir essen.«
Das Mädchen schenkt uns ein. Sie ist noch sehr jung, keine fünfzehn Winter alt, mit langen blonden Haaren. Sie lächelt mich an, bevor sie sich anderen durstigen Gästen in der großen Halle zuwendet. Ich sehe ihr nach. Wir teilen ein Schicksal. Wir dienen demselben normannischen Herrscher. Gefangen unter Feinden und Vaterlandsräubern.
Gegenüber erhebt ein Mann den Krug in meine Richtung und ruft mir etwas zu, das ich in dem Lärm nicht hören kann. Er nickt mir entschlossen zu und führt den Krug zum Mund.
Ich nicke, greife hastig zu meinem Krug und setze an. Ich bin so durstig, dass ich gleich mehrere Schluck trinke. Ein Kribbeln rieselt meine Kehle hinunter. Es zieht mir die Wangen zusammen. Meine Zunge bäumt sich auf wie ein junges Pferd, das zum ersten Mal einen Sattel spürt. Mein Gesicht verkrampft sich.
Ðis is laðlic!
Ich pruste einen breiten Sprühnebel aus und schüttele mich.
Mein Banknachbar beginnt, lauthals zu lachen, und macht eine Bemerkung auf Normannisch, was mir noch mehr Gelächter einbringt. Ich wische mir den Mund ab und stopfe mir ein Stück Brot in den Mund, um den widerlichen Geschmack hinunterzuwürgen.
Walchelin beugt sich mit sorgenvollem Gesicht zu mir herüber. »Ich nehme an, Ihr habt noch nie normannischen Wein getrunken.«
»Wie könnt Ihr dieses Zeug bloß trinken?«, sage ich kauend. »Gibt es kein anständiges Bier an einem normannischen Hof?«
Walchelin schickt einen Diener los, der schon bald mit einem Krug zurückkehrt und mir eine gelblich-trübe Flüssigkeit einschenkt. Er nickt mir aufmunternd zu. »Das ist wahrscheinlich mehr nach Eurem Geschmack.«
Ich nehme vorsichtig einen Schluck. Die Kräuter in dem kühlen, herben Gerstensaft kitzeln meine Kehle. Ich setze an und trinke gierig den halben Krug leer.
Während ich mir erleichtert den Schnauzbart abwische, bemerke ich, dass mich zwei Kinder beobachten, die abseits der Tische und Bänke stehen. Das ältere von beiden ist ein blonder Junge, vielleicht vier Winter alt, der mit einer Schulter an der Wand lehnt und mit krauser Nase zu mir herüberschaut. Er sieht aus wie ein junger Fuchs, der unwillig an etwas schnüffelt und irgendwann voller Abscheu weiterziehen wird. Er hält meinem Blick stand. Ich spüre eine Abneigung, ja fast Feindlichkeit in seinen jungen Augen.
Wie tief sitzt der Hass auf uns Engländer in den Normannen, wenn schon kleine Kinder mich verächtlich ansehen?
Ich trinke noch einen Schluck und lasse den Blick zu dem Mädchen neben ihm schweifen. Das zarte kleine Ding kaut hingebungsvoll auf einem Finger herum, während sie mich mit ihrem Puppengesicht vorwitzig anlächelt.
Die Kleine sieht hoch zu einer Frau, bei der es sich wohl um die Amme der beiden handelt. Sie nimmt deren Hand und deutet mit den kleinen Fingerchen in meine Richtung. Dann stapft sie wild entschlossen mit ihrer Begleitung an der Hand auf mich zu, bis sie schließlich in sicherer Entfernung vor mir stehen bleibt und mich mit Augen anschaut, die diebisch blitzen.
»Wie es scheint, habt Ihr bereits eine Verehrerin«, murmelt Walchelin.
»Wer ist das?«
»Das ist Adelais, Sire Geoffreys Tochter. Ein kluges Mädchen, wenn auch sehr eigensinnig.«
Ich lächle die Kleine an und sie lächelt breit zurück.
Wie die kleine Eda, als sie in diesem Alter war.
»Der Junge dort drüben ist ihr älterer Bruder William. Sire Geoffrey liebt ihn über alles, vor allem seit seine …«, Walchelin hält inne und wirft einen Seitenblick auf Lord Geoffrey, der immer noch in eifrige Diskussionen mit seinem haarigen Nachbarn und Frederic vertieft ist, »seit seine erste Frau tot ist. Sie starb bei Adelais’ Geburt.«
Ich betrachte Adelais, die immer noch vor mir steht und in aufgeregten Wortfetzen und Lauten versucht, mit mir ein Gespräch zu beginnen. »Ich nehme an, Sire Geoffrey ist wieder verheiratet.«
Walchelin erhebt sich. »Das ist er. Dort kommt seine Frau. Ich werde Euch ihr vorstellen. Sie wird sich freuen, einen Landsmann kennenzulernen.«
Einen Landsmann? Lord Geoffrey ist also mit einer Engländerin verheiratet?
Walchelin führt eine groß gewachsene, schlanke Frau mit einem Säugling auf dem Arm zu mir her.
Ich stehe auf und gehe ihnen entgegen. Mit einer Verbeugung stelle ich mich vor sie und betrachte sie.
Walchelin deutet mit der Hand auf mich. »Dame Edeva, das ist Oswulf, Sohn eines Ðegn und Krieger aus Ledlinghe. Er wird den Waffenmeister Thibault bei der Ausbildung der Knappen unterstützen. Oswulf, das ist Dame Edeva, Sire Geoffreys Ehefrau und Eure neue Herrin.«
Dame Edeva. Ich kenne diese Frau. Das ist Lady Edeva, die Herrin von Wilburgfos.
Lady Edeva betrachtet mich nachdenklich. »Ic ðe wilcume, Oswulf. Euer Gesicht kommt mir bekannt vor, als wären wir uns schon einmal begegnet.«
Sie mag vielleicht fünf Winter älter sein als ich, zu jung, um schon zu altern. Und doch haben die letzten dreieinhalb Winter, seit wir uns das letzte Mal sahen, tiefe Spuren in ihrem jungen Gesicht hinterlassen.
»Nach der Schlacht bei Stanfordbrycge brachten mein Freund und ich meinen Vater zu nächtlicher Stunde schwer verletzt an Euren Hof. Ihr habt ihm damals das Leben gerettet.«
»Das war vor mehr als drei Jahren.« Ihr Blick wandert ins Leere, so als würde die Erinnerung gerade vor ihr in der Luft Form annehmen. »Ihr kamt mit einem Freund. Wie jung Ihr damals wart!«
Sie ist fast so groß wie ich, aber schlanker. Ihre helle Haut sieht blass aus. In ihren Augen sehe ich einen Kummer, der mir fremd ist aus der Zeit, als ihr erster Mann Kjetil noch lebte. Aber das ist lange her. Vielleicht ist sie einfach nur erschöpft von den Umwälzungen auf ihrem Hof, von ihrem neuen Mann und seinen neuen Sitten oder einfach von einer anstrengenden Geburt.
»Ich nehme an, es ist hinfällig, nach der Gesundheit Eures Vaters zu fragen.« Die Bitterkeit in Lady Edevas Stimme ist unüberhörbar.
»Er ist jetzt in einer Welt ohne Kummer und Sorgen. Mein Freund Ulfgar ist mit ihm gegangen. Sie werden dort auf mich warten.«
Lady Edeva senkt den Kopf. Auf ihrem Arm gurgelt ihr Söhnchen vor sich hin. Ein hübscher kleiner Fratz mit aufmerksamen blaugrünen Augen und hellblonden flaumigen Haaren. Er streckt sein linkes Händchen nach mir aus und versucht zu greifen.
»Hwæt dest ðu, Hroðgar?« Lady Edeva betrachtet den Kleinen, der eifrig weiter den Arm ausstreckt.
Als er meinen Schnauzbart erwischt, fängt er an zu lachen und befühlt das haarige Gebilde, das er nur von den englischen Dienern und Bauern, nicht aber von seinem Vater und dessen Landsmännern kennt.
Wo sind eigentlich meine Geschwister? Während ich hier Bier trinke und die Kinder des Lehnsherrn belustige, sitzen sie vielleicht in einem dunklen Loch bei Wasser und Brot und werden nur so lange am Leben gehalten, wie die Normannen mich brauchen.
»Was ist mit meinen Geschwistern?«, frage ich.
»Macht Euch keine Sorgen«, antwortet Walchelin. »Sie sind gut versorgt, aber wir konnten sie nicht auch noch in die große Halle bringen. Ihr könnt sie heute Abend noch einmal sehen, bevor Ihr schlafen geht. Morgen wird Sire Geoffrey entscheiden, was mit ihnen geschieht.«
»Was habt Ihr vor mit ihnen?«
»Sire Geoffrey wird sie an die Höfe anderer normannischer Barone verteilen. Sein Hof ist zu klein, um vier Engleis aufzunehmen. Es wird ihnen dort gutgehen, Oswulf. Nicht alle Normannen sind Ungeheuer, auch wenn es für Euch so aussieht.«
Überzeugt bin ich nicht von Walchelins Worten, aber ändern kann ich an der Entscheidung ohnehin nichts. Wenigstens haben Lord Geoffreys Männer meine Geschwister lebendig eingefangen, anstatt sie wie alle anderen zu töten.
Lady Edeva zieht sanft das Händchen des kleinen Jungen zurück. Ein schmerzhaftes Lächeln huscht über ihr Gesicht. »Falls Ihr Euer Herz erleichtern und für die Toten beten wollt, sprecht mit Vater Leofric. Er wird Euch sicher in dieser schweren Stunde beistehen können, so wie er es auch bei mir getan hat.«
»Leofric lebt noch?« Ich erinnere mich dunkel an die schmächtige Gestalt des Priesters.
»Ihr scheint verwundert.« Lady Edeva mustert mich. »Die Normannen sind sehr gläubige Menschen. In ihrer Heimat gibt es zahlreiche Kathedralen zur Ehre des Allmächtigen, und auch in Englaland haben sie bereits viele Gotteshäuser errichtet. Sie brauchen die englischen Priester, um die frohe Botschaft in unserer Sprache zu übermitteln und die Gottesdienste aufrechtzuerhalten.«
Es schmerzt zu wissen, dass der Kleriker mehr Glück als meine Familie gehabt hat, doch ich bedanke mich bei Lady Edeva und verspreche ihr, Vater Leofric gleich morgen aufzusuchen. Es wird guttun, mit einem weiteren Engländer zu sprechen.
»Kommt!«, fordert der Sprachmittler mich auf. »Thibault möchte Euch den Männern vorstellen. Noch weiß keiner von ihnen, dass Ihr einen Teil der Waffenübungen ihrer Söhne übernehmen werdet.«
Eine unangenehme Hitze steigt in meinem Gesicht auf, als ich Walchelin vor den erhöhten Tisch folge, an dem Lord Geoffrey mit seinen Beratern sitzt. »Ich soll Normannen das Kämpfen lehren?«
Walchelin nickt mit hochgezogenen Augenbrauen. Es ist schwer zu sagen, wer von uns beiden in diesem Moment den Waffenmeister für verrückter hält.
»Macht Euch auf einige böse Bemerkungen gefasst, aber bleibt ruhig, dann wird Euch nichts geschehen.«
Ich zucke mit den Schultern. »Ich verstehe kein einziges Wort Normannisch. Ich werde ohnehin nicht wissen, was Ihr redet.«
»Ich werde Euch das Notwendigste übersetzen.«
Das Notwendigste, aber nicht alles. Nicht alle Verleumdungen und Schmähungen, die sie angesichts eines Engländers unter ihresgleichen loslassen werden. Was kann ich, das Thibault oder ein anderer Normanne nicht kann? Sie werden mich hassen. Warum habe ich mich auf diesen Handel eingelassen? Niemals hätte ich mich aus freien Stücken in ihre Dienste begeben, aber ich hatte keine Wahl.
Bevor ich weiter meinen Gedanken nachhängen kann, bittet Thibault um Ruhe in der großen Halle. Seine Stimme ist verhalten, aber sie duldet keinen Widerspruch. Die Härchen auf meinen Unterarmen stellen sich auf. Es wird still im Raum. Die Prüfung beginnt.
Bald schon kommen die ersten Zwischenrufe. Der Tonfall und das grimmige Gesicht der Rufenden sagen mir, dass ich hier ganz klar nicht willkommen bin. Ich fühle mich wie ein Pferd auf dem Markt, das den Betrachtern zu teuer ist für das, was ihnen angepriesen wird.
Wer würde solch ein Tier kaufen? Niemand. Erst recht nicht, wenn es ein englisches ist.
Ich verfolge die Zwischenrufe und versuche, mir die Gesichter und die Stimmen einzuprägen, wenn ich schon die Worte nicht verstehe. Es wird nicht die einzige Gelegenheit bleiben, an der diese Männer mir das Leben schwer machen. Ich muss darauf vorbereitet sein.
Thibault nimmt die Zwischenrufe gelassen. Er antwortet knapp, aber bestimmt, und irgendwie schafft er es, dass sich die Angesprochenen murrend weitere Einwürfe ersparen.
»Was haben sie gesagt?«, raune ich Walchelin zu, ohne den Blick von der Menge zu nehmen, die mich weiterhin argwöhnisch betrachtet.
»Oh, nichts, was wir nicht erwartet hätten. Was dieser englische Bastard hier am Hof soll. Ob wir nicht genug fähige Normannen haben. Dass Ihr nur auf eine Gelegenheit wartet, um Rache an uns zu nehmen. Verständlich, dass sie das fragen.«
Mein ganzes Inneres lehnt sich auf gegen die Vorstellung, den Rest meines Lebens am Hof eines Normannen wie einer von ihnen zu verbringen. Nein, nicht wie einer von ihnen, sondern wie einer ihrer Diener, auch wenn ich ihre Söhne unterrichten soll, die kaum jünger sind als ich. Die Normannen hassen mich, weil ich ein Engländer bin. Die Engländer werden mich hassen, weil ich gemeinsame Sache mit den Normannen mache. Ich arbeite für die Normannen und bin doch weder Diener wie meine Landsleute noch von gleichwertigem Rang wie die Normannen. Ich bin ein Außenseiter für beide Seiten, ausgestoßen von meiner Heimat und fremd in meiner neuen Umgebung.
Mich friert, obgleich die große Halle aufgewärmt ist vom Feuer, den vielen Menschen und dem warmen Essen. Die Blicke, die sie mir zuwerfen, bohren sich wie kaltes Eisen durch meine Haut.
Mit Ulfgar an meiner Seite würde ich ihnen zeigen, warum ich hier bin, wenn sie sich überhaupt trauen würden, gegen mich und meinen Freund anzutreten. Mein Freund.
Ich presse die Lippen zusammen. Ich darf keine Schwäche zeigen. Ich bin bereits verwundbar genug, und die Normannen sind wie Wölfe, die dem blutenden Wild gnadenlos folgen, um es zu stellen und in Stücke zu zerreißen. Doch diesen Erfolg sollen sie nicht haben. Nicht jetzt, und nicht solange ich es verhindern kann. Der Sohn eines Ðegn gibt sich nicht so schnell geschlagen.
Ich räuspere mich. »Thibault?«
Thibault hält in seinen Erklärungen inne und schaut mich an.
Ich räuspere mich erneut und trete vor ihn. Mein Blick schweift über die Reihen. Zwei Männer stecken die Köpfe zusammen und tuscheln ein paar Worte. Ich nicke Walchelin zu und beginne zu sprechen.
»Mein Name ist Oswulf, Sohn von Osfrið, Ðegn des Eorl Morkere und des letzten englischen Königs Harold, der dieses Land von den Wikingern befreit hat. Ich war selbst als junger Kämpfer bei den Schlachten vor Eoforwic und Stanfordbrycge dabei, in einem Alter, in dem Eure Knappen das Schlachtfeld nur aus Geschichten und Erzählungen kennen. Ich habe im Kampf Dutzende Normannen niedergestreckt, die älter und erfahrener waren als ich, und habe mit meinem Waffenbruder mein Heimatdorf vor der völligen Zerstörung bewahrt. Euer Waffenmeister hat mich kämpfen gesehen. In der Tat standen wir uns sogar Mann gegen Mann gegenüber.« Ich drehe mich zu Thibault um, der mit einem kurzen Nicken auf seinen Fuß deutet. »Wie Ihr seht, habe ich diesen Kampf überlebt. Wenn Euer Waffenmeister sich persönlich bei Eurem Lehnsherrn dafür einsetzt, das Leben eines Engländers zu schonen, dann wird er das nicht ohne Grund tun. Wenn Ihr immer noch nicht überzeugt seid, dann fordere ich jeden einzelnen von Euch dazu auf, gegen mich zu kämpfen. Wenn Ihr Euch einzeln traut.«
Walchelin überträgt zögernd meine letzten Sätze für die atemlose Zuschauerschaft ins Normannische.
Lange Zeit herrscht Stille. Einige reiben sich das Kinn, andere werfen sich Blicke zu, die zwischen Verwunderung und Empörung schwanken. Erst tuscheln sie nur, dann stehen die ersten Männer auf und sprechen lauter.
»Silence!«, dröhnt es hinter mir.
Alle verstummen.
Lord Geoffrey redet zornig auf seine Männer ein. Die Stehenden setzen sich einer nach dem anderen hin und wagen es nicht, das Wort noch einmal zu erheben.
Schließlich wendet der Lehnsherr sich an Thibault, der uns bedeutet, wieder auf unsere Plätze zu gehen.
»Kommt!«, sagt Walchelin und macht sich auf den Weg zu unserer Bank. »Wir haben lange genug auf das Essen gewartet.«
Ich haste ihm hinterher. »Was hat Sire Geoffrey gesagt? Übersetzt es mir!«
»Dass er von seinen Männern erwartet, dass sie seine Entscheidungen nicht hinterfragen, und dass sie jegliche Beschwerden über Euch an Thibault weitergeben sollen, da er persönlich für Euch und Euer Verhalten verantwortlich ist.«
Ich blicke hinüber zu Thibault, der sich gerade etwas vom Brot abbricht und es in seine Schüssel hineintunkt. Er hebt das mit dicker Gemüsesuppe tropfende Brotstück in meine Richtung und beißt dann herzhaft hinein.
Während ich den Löffel in den dampfenden Brei vor mir tauche, betrachte ich nachdenklich den Waffenmeister, der sich mit seinen Platznachbarn unterhält. An ihm hängt mein Leben. Verliere ich seine Gunst, ist das mein sicherer Tod.
Ich sehe mir die Männer um mich herum an. Manche schaufeln unbeirrt das Essen in sich hinein, andere betrachten mich, während sie vor sich hin kauen. Wieder andere rühren das Essen nicht an, sondern verfolgen jede meiner Bewegungen mit gerunzelter Stirn, als warteten sie darauf, dass ich einen Dolch aus dem Ärmel ziehe und wild um mich steche.
Ich versuche, ihren Blicken standzuhalten und nicht den Eindruck zu vermitteln, als hätten sie schon gewonnen.
Immer wieder tauschen sie sich mit ihrem Tischnachbarn in kurzen Sätzen aus, ohne mich aus den Augen zu lassen. Sie reden über mich. Wenn ich mich jetzt schon von ihren Worten und ihrem Verhalten einschüchtern lasse, werde ich es in ihrer Mitte schwer haben. Ich wäre eine Schande für meinen Vater und meine Familie.
Der Stolz, ein Engländer zu sein, flammt in mir auf. Er brennt und nagt an dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Feigheit, das mein Denken vernebelt. Wie zwei wilde Tiere kämpfen die zwei in meiner Brust.
›Wer nicht kämpft, ist nichts wert.‹
Es dauert eine Weile, aber mein Stolz bekommt schließlich die Oberhand und zwingt meine Verzweiflung in die Knie. Eine Welle der Kraft durchflutet meinen Körper, richtet ihn auf, lässt die Blicke der Normannen wie stumpfe Pfeile an einer Rüstung abprallen. Sie sollen sehen, dass sich der Sohn eines Ðegn nicht von ein paar rauen Worten erschrecken lässt. Ich werde ihnen zeigen, dass es mehr dafür braucht. Eines Tages werden sie es bereuen, dass sie sich gegen mich gestellt haben.
Mein Blick wandert zu Thibault und schließlich zum Sprachmittler.
Wie weit kann ich ihnen vertrauen? Sie scheinen mir wohlgesinnt, aber sie sind Normannen und einzig ihrem Lehnsherrn verpflichtet. Wie kann ich sicher sein, dass sie sich nicht von mir abwenden, sobald es für sie von Vorteil ist?
»Sagt, Walchelin, wie kommt es, dass Ihr so gut meine Sprache sprecht?«
Der Wealhstod wischt sich in aller Ruhe mit einem Leinentuch den Mund ab und betrachtet mich kauend. »Mein Vater kam in einer Zeit nach Englaland, als König Eadward noch regierte. Er fand Gefallen an Englaland und den hübschen Engländerinnen und heiratete eine von ihnen. So wuchs ich zwar mit einer Amme auf, die mir Normannisch beibrachte, aber durch meine Mutter lernte ich die Sprache der einheimischen Bevölkerung. Ich bin kein Meister darin, aber es reicht, um zwischen beiden Völkern zu vermitteln.«
»Was haltet Ihr davon, einen Engländer an einen normannischen Hof zu bringen, um normannische Knappen im Waffenkampf zu unterrichten?«
Walchelin lacht auf. »Thibault ist ein mutiger Mann. Er scheut keine Gefahr.«
»Ihr meint, er ist verrückt?«
Walchelin zuckt mit den Schultern und beginnt, seine Schüssel auszukratzen.
Vielleicht ist er das. Aber sein Wort hat genug Gewicht, um seinen Lehnsherrn umzustimmen und mich zumindest im Moment vor dem sicheren Tod zu bewahren.
Nach dem Essen besuche ich meine Geschwister. Eda ist längst eingeschlafen und liegt zusammengerollt in einem Strohhaufen in einem der Schober, in der sie die Kinder untergebracht haben. Oswine kämpft mit der Müdigkeit und schlummert schon bald ebenfalls friedlich im Stroh. Nur der Älteste, Wigstan, sitzt noch aufrecht neben den beiden und starrt mich an.
»Was werden sie mit uns machen?«, fragt er leise.
Ich streiche ihm über die blonden Haare. Er ist der Älteste von ihnen und trotzdem noch so jung. Er hat nicht einmal einen Bartflaum.
»Ihr könnt nicht hierbleiben. Sie bringen euch morgen an andere Höfe.«
»Aber das ist ungerecht.«
»Ich weiß, Wigstan. Aber es gibt nichts, das wir im Moment dagegen tun können. Danke Gott dafür, dass wir noch am Leben sind.«
»Aber was für ein Leben werden wir haben? Wir sind in den Händen der Feinde. Wir –«
»Ich weiß, es wird nicht leicht werden, aber du lebst, Wigstan. Ihr lebt. Gott hat uns vor dem Schicksal bewahrt, das unseren Eltern und unseren beiden Schwestern bestimmt war. Jetzt müssen wir das Beste daraus machen.«
Wigstan kaut auf seiner Unterlippe und sieht mich lange an. »Irgendwann werde ich mich dafür an ihm rächen«, flüstert er mit einer Kälte, die ich sonst nicht von ihm kenne.
Er spricht den Namen nicht aus, aber ich weiß, dass er den Anführer der Normannen, Lord Geoffrey, meint, der Ledlinghe überfallen und fast zerstört hat.
Ich nicke ihm zu und lege ihm die Hand auf die Schulter. »Ja, das wirst du vielleicht. Aber jetzt solltest du schlafen.«
Als ich zurück in die große Halle komme, beseitigen zwei Diener noch die letzten Reste der vorausgegangenen Mahlzeit. Einige Männer und Frauen liegen bereits in Decken eingerollt auf dem Boden und schlafen.
Ein paar normannische Anweisungen schallen durch den Raum. Jemand reicht mir eine alte Wolldecke. Ich schaue mich nach einem freien Platz um und lege mich mit anderen Engländern schlafen.
Was sie wohl über mich denken? Ein Engländer, den die Normannen an den Hof bringen. Vielleicht wissen sie auch gar nichts darüber. Vielleicht verstehen sie ihre normannischen Herren genauso wenig wie ich und führen einfach nur die Befehle aus, die sie von einem Sprachmittler wie Walchelin erhalten.
Ich halte Ausschau nach dem Wealhstod und Thibault, kann aber nichts erkennen. Draußen ist es längst dunkel, und das Feuer in der Mitte der großen Halle spendet nur noch einen schwachen Schein. Ich bin zu müde, um in diesem Licht nach bekannten Gesichtern zu suchen, strecke mich aus, ziehe mir die Decke bis zum Kinn und schließe die Augen.
Dryhten min, du hast mir heute meine Eltern und meine Geschwister genommen, aber mich hast du verschont. Hilf mir, stark zu sein und meinem Vater die Ehre zu machen, die er nicht mehr erleben konnte.
Am Morgen nehme ich Abschied von meinen Geschwistern. Wigstan und Oswine gehen an den Hof von William de Perci, Lord Geoffreys Lehnsherrn, in Cattune, nördlich von Wilburgfos. Wahrscheinlich wird er dafür sorgen, dass sie ausreichend weit entfernt untergebracht werden, um nicht mit mir eine Verschwörung vorzubereiten. Die kleine Eda wird Lord Geoffrey wie Vieh auf dem Markt seinen normannischen Landsmännern als Dienerin anbieten. Hoffentlich findet sie jemanden, der sie in ein paar Jahren heiratet und aus einem Leben in Armut und Dienerschaft befreit. Als Tochter eines Ðegn hat sie Besseres verdient als das.
Ich betrachte die drei, wie sie mit unsicherem Blick auf den Pferden sitzen, die sie in ihr neues Leben tragen. Sie sind dem Tod entkommen, aber wird ihr Leben besser sein? Ich versuche, Gott dankbar zu sein dafür, dass er sie während der Schlacht um Ledlinghe beschützt hat, und bete zu ihm, dass er sie auch weiterhin auf ihrem neuen Weg behüte. Mehr kann ich nicht tun. Die Ohnmacht bringt mich um. Mit keiner Waffe der Welt kann ich ihnen noch helfen. Ich bin zur Untätigkeit verdammt und muss mitansehen, wie die Normannen über meine Geschwister verfügen, als wären sie Handelsware.
Jetzt verschwinden sie durch das Tor des Palisadenzauns. Die Normannen, die den berittenen Trupp auf den Weg geschickt haben, wenden sich ihrer täglichen Arbeit zu, als wäre nichts gewesen. Ich bleibe allein im Hof zurück.
Thibault führt mich mit zwei Wachen in die Waffenkammer und deutet auf einen Stapel Waffen. Er spricht mit mir, aber nur an seinen Gesten erkenne ich, dass ich zum Waffenputzen eingeteilt bin. Mit einem strengen Blick zu seinen Landsmännern verlässt er die Waffenkammer. Einer der beiden stellt sich an den Eingang, der andere nimmt in gebührendem Abstand direkt vor mir Stellung. Er grunzt mir etwas in Normannisch zu und bedeutet mir mit dem Kinn, endlich anzufangen.
Ich betrachte den Waffenstapel: einige Schwerter und zwei Lanzen. Ich greife nach einem der Schwerter, um die Klinge genauer zu untersuchen. Der Normanne zieht das Schwert und hält die Spitze in meine Richtung. Er sagt irgendetwas – seinen zusammengekniffenen Augen und seiner Haltung nach wahrscheinlich eine Drohung. Der andere Normanne steht angespannt, aber schweigend an der Tür. Sie sind zu zweit, aber sie bepissen sich vor lauter Angst. Ich muss mir ein Grinsen verkneifen, aber innerlich lache ich. Was für ein Ruf muss mir an diesem Hof vorauseilen, wenn zwei gestandene Kämpfer unruhig werden, wenn ich nur ein Schwert aufhebe!
Zufrieden drehe ich das Schwert und begutachte es von allen Seiten. Es liegt gut in der Hand und weist nicht die kleinste Beschädigung auf. Die Klinge ist makellos geschliffen. Auch die anderen Waffen machen einen guten Eindruck. Die Normannen verstehen ihr Handwerk. Ihr Rüstzeug ist in vorbildlichem Zustand, wenn auch ein wenig schmutzig. Nichts, das man nicht mit ein paar Handgriffen erledigt hätte.
Ich setze mich auf die Bank, greife nach dem Lappen, der auf einem mit Asche gefüllten Eimer liegt, und wische mit großen Zügen die Klinge ab. Die Normannen beachte ich nicht weiter, sondern vertiefe mich stattdessen in meine Arbeit. Dass der Schwertarm des Normannen zuckt, als ich die nächste Waffe aufnehme, bemerke ich nur nebenbei, aber es lässt mich erneut lächeln.
Als ich fertig bin, untersucht einer der Normannen das Ergebnis. Er scheint zufrieden zu sein, denn er nickt mit grimmigem Gesicht und zeigt auf die Tür. Ich erhebe mich. Mein Blick fällt auf ein Scramasax, das in einer Lederscheide an der Seite der Kammer hängt. Das Scramasax, das das Leben vieler Wikinger und Normannen auf dem Schlachtfeld beendet hat. Ich kenne es gut, denn es ist das Scramasax meines Vaters, angefertigt von Ulfgars Großvater. Der Griff wurde aus dem Horn eines Hirsches gefertigt, den mein Vater mit sechzehn Wintern erlegte. Die Klinge trägt seinen Namen in Runen, um ihn zu beschützen. Jetzt hängt das Kurzschwert dort, unbeachtet und nutzlos, so nah und doch so weit. Ich spüre das dringende Verlangen, hinzugehen und die Finger um den rauen Horngriff zu schließen. Diese unendliche Kraft und Macht in mir zu spüren.
Ein Stoß in die Seite holt mich in das Hier und Jetzt zurück. Ich verlasse die Kammer, gefolgt von meinen Aufsehern. Sie geben mir weitere Befehle und treiben mich vorwärts zur kleinen Kapelle des Gutshofs, wo ein Mann in einer schwarzen Kutte vor dem Eingang steht und sich mit einer Magd unterhält. Als er uns sieht, entfernt sich die Magd, und er wendet sich uns zu.
»Vater Leofric?«, frage ich.
Mit einem gnädigen Lächeln nickt der Kuttenträger. »Ihr müsst Oswulf sein. Lady Edeva sagte mir, dass Ihr Beichte ablegen und für Eure Toten beten wollt.«
»Ja, das will ich, Vater. Ich bin nur ein junger Krieger, aber ich habe unendliches Leid über meine Familie und mein Dorf gebracht. Wegen mir mussten viele Menschen sterben. Ich war ungehorsam und habe die Bitte meines Vaters missachtet. Der Herr hat mich grausam für dieses Vergehen bestraft, und deshalb will ich Euch meine Sünden beichten, damit Ihr mich von meinem schweren Gewissen befreit und für meine Seele und die der Verstorbenen betet.«
Vater Leofric deutet auf die Tür der Kapelle. »So tretet denn ein in das Haus Gottes, um Eure Sünden zu bereuen und den Herrn um Gnade für Eure Seele zu bitten.«
Ich bin der älteste Sohn von Osfrið, Ðegn von Ledlinghe. Zusammen mit meinen Eltern und meinen fünf Geschwistern lebte ich glücklich auf unserem Gutshof, einem großen Langhaus aus mächtigen Holzbalken, in dem schon mein Vater und mein Großvater aufgewachsen waren.
Ledlinghe liegt leicht nordöstlich von hier, etwa drei Stunden zu Fuß entfernt, weniger als eine Stunde für Reiter, die in Eile sind und gute Pferde haben.
Um Ledlinghe herum lagen einst fruchtbare Ackerböden, sattgrüne Wiesen und ein großes Stück Wald, in dem wir unbeschwert und frei nach Wild jagen konnten. Das war in einer Zeit, in der wir mit den Nachfahren der Wikinger friedlich miteinander auskamen. Wir teilten uns Felder und Wälder, Gerätschaften und Ochsen, halfen uns gegenseitig bei Ernteausfällen und Krankheiten, feierten zusammen und trauerten gemeinsam.
Ich hatte alles, das ich mir wünschen konnte. Ich war der Sohn eines Ðegn, eines reichen Adligen, der von den Bewohnern Ledlinghes geschätzt und geachtet wurde und unter den Ðegnes der Nachbarorte hochangesehen war. Meine Mutter stammte ihrerseits von einem der altehrwürdigen Ðegnes aus Norþhymbre ab. Zwar hatte ich zwei Schwestern, die älter als ich waren, aber als erstgeborener Sohn erhielt ich die besondere Aufmerksamkeit meines Vaters, denn ich würde einmal derjenige sein, der seine Rolle als Familienoberhaupt übernähme, sollte seine Zeit hier auf Erden zu Ende sein.
So begann er schon früh damit, mich auf meine Rolle als Krieger und zukünftiger Nachfolger vorzubereiten. Insbesondere die Waffenübungen waren hart, aber ich kämpfte gern und ich war ein guter Kämpfer. Doch mindestens genauso erfüllten mich die glücklichen Momente mit meinen Brüdern, in denen ich Pfeile und Bögen mit ihnen baute, die warmen Sommerabende, an denen ich als stolzes Streitross die kleine Eda auf meinen Schultern über die bunten Blumenwiesen und durch die Felder trug, die Ringkämpfe und geheimen Waffenübungen mit den Bauernkindern, die niemals zum Kriegsdienst herangezogen werden, aber bei einem Angriff feindlicher Truppen als erste fallen würden – all das, was mein Vater verächtlich als unnütz und als Zeitverschwendung bezeichnete.
Ich erinnere mich an einen Morgen im Sommer des Jahres 1066 unseres Herrn, als ich wie jeden Tag mit meinem Vater im Hof mit dem Schwert übte. Die feuchtwarme Luft lag wie ein Kettenhemd auf meinen Armen, und auch der Wind brachte keine Abkühlung. Ganz im Gegenteil schien er sämtliche Mücken und Fliegen vom Fluss Deorwente herzutreiben, der sich etwa eine Stunde Fußmarsch entfernt westlich von Ledlinghe gen Süden schlängelte. Ständig schlug ich nach den Plagegeistern, die sich gierig über meinen nackten Oberkörper und meine Beine hermachten.
»So wirst du nie ein Huscarl«, grollte mein Vater. »Jeder Tote auf dem Schlachtfeld lockt mehr Fliegen an. Meinst du, der Feind wartet, bis du die Biester verscheucht hast? Achte nur auf das, was zählt: dein Gegner und dein Schwert. Alles andere ist unwichtig.«
Ich erschlug eine weitere Mücke an meinem Oberarm und knurrte. Der Schweiß lief mir über den ganzen Körper, aber in meinem Mund war es so trocken, dass ich nicht einmal zu schlucken brauchte. Und bis mein Vater mich etwas trinken lassen würde, lag noch einiges an Arbeit vor mir.
Vor den Stallungen fütterten meine älteren Schwestern Æðelflæd und Wassa gerade die Hühner, während die kleine Eda ihr Lieblingshuhn auf dem Arm trug und streichelte. Ihnen schien die fliegende Pest nichts auszumachen, und für einen Augenblick beneidete ich sie.
Ein Schwung mit dem Schwert direkt vor meinem Gesicht ließ mich hochschrecken.
»Träume nicht, Oswulf!«, sagte mein Vater. »Auf dem Schlachtfeld wärst du jetzt tot. Wer nicht kämpft, ist nichts wert. Und du willst doch etwas wert sein, oder? Du willst doch Huscarl werden und als einer der besten und angesehensten Krieger den Eorl of Norþhymbre persönlich mit deinem Leib und Leben schützen, oder willst du das etwa nicht?«
Ich atmete tief durch und nickte mit gesenktem Kopf. »Doch, Vater, das will ich. Vergebt mir meine Unaufmerksamkeit.«
»Ich tue das alles nur für dich, Oswulf. Du sollst das erreichen, was mir versagt wurde. Ich trage ein Vermögen für dich zusammen, damit du dir die Ausrüstung eines Huscarls leisten kannst.«
Innerlich zuckte ich zusammen. Ja, mein Vater sammelte dafür Geld in einer Truhe, aber das Geld kam aus den Taschen der Bauern und kleineren Landbesitzer, von denen er die Steuern für den König eintrieb. Ich hatte gesehen, wie er heimlich einige Münzen in die Truhe wandern ließ, während der Rest in den Sack für den König wanderte.
»Ich sorge dafür, dass du eine gute Ausbildung erhältst. Jeden Abend überprüfe ich selbst, ob die Truhe, in der ich das Geld und Teile deiner Ausrüstung aufbewahre, gut verschlossen ist. Und wenn wir erst das Schwert mit eingelegter Goldinschrift haben, das du dem Eorl vorlegen musst, dann soll dir nichts und niemand mehr im Weg stehen.«
Das Wort ›niemand‹ spuckte er aus. Noch immer nagte an ihm die Wut von damals. Auch er hatte solch ein Schwert gehabt, das er stolz seinen Freunden zeigte, nachdem er es beim Schmied abgeholt hatte. In derselben Nacht wurde es ihm gestohlen. Einer seiner Freunde legte es bald darauf selbst dem Eorl vor. Er wurde Huscarl. Mein Vater versuchte es nie wieder. Seit jenem Tag hasste er den Bruder dieses Freundes, unseren Schuhmacher, ebenso wie dessen Sohn, mit dem ich mich manchmal in den Wäldern oder bei Brettspielen herumtrieb. ›Vertraue nie einem Wikinger!‹ war seitdem ein Satz, den er oft wiederholte. Doch warum sollte ich das tun, lebten wir doch friedlich seit vielen Jahren mit ihnen als Nachbarn?
»Hörst du mir zu oder träumst du schon wieder?«
»Doch, Vater, …« Ich hatte ihm zugehört, aber es gab da ein anderes Geräusch, das mich ablenkte. Ein Rattern und wildes Muhen, das immer lauter wurde.