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Sie muss ihre Stimme finden oder für immer verstummen. Die epische Reise einer Frau durch Königshöfe und Länder, Sprachen und Dialekte, und ein halbes Jahrhundert französisch-englische Geschichte Frankreich 1147. Schon als Kind träumt die gelehrige Marie davon, Bücher zu schreiben. Gepeinigt von einem Vater, der gebildete Frauen als Gotteslästerung betrachtet, findet sie Kraft in der Unterstützung ihrer Mutter und ihres weisen Großvaters. Als die Mutter stirbt und ihr ein erschütterndes Geheimnis hinterlässt, begehrt Marie zunehmend gegen den gewalttätigen Vater auf und flüchtet schließlich mit Hilfe des Großvaters an den schillernden Hof von Königin Aliénor von Aquitanien. Aber der Hof ist nicht das Paradies der Freiheit und des Verständnisses, das sie sich erträumt hat. Gefangen im Netz aus gesellschaftlichen Konventionen und Intrigen kämpft sie darum, ihre Stimme in einer Welt zu erheben, die von Selbstsucht, Neid und Heuchelei beherrscht wird.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
© 2024 Birgit Constant
Birgit Constant, c/o Sissis Autorenlounge, Steig bei der Warte 15, 67595 Bechtheim, Deutschland
www.birgitconstant.de
ISBN: 9783911199049
Buchcoverdesign: Giessel Design
Lektorat: Sissi Steuerwald
Karte: Birgit Constant unter Verwendung der Kartenvorlage France_1154-en_(Angevin_Empire).svg von Amitchell125, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Karte
Kapitel 1
Blois, im Jahre unseres Herrn 1147
Kapitel 2
Blois, im Jahre unseres Herrn 1149
Kapitel 3
Blois, im Jahre unseres Herrn 1150
Kapitel 4
Blois, im Jahre unseres Herrn 1151
Kapitel 5
Blois, im Jahre unseres Herrn 1152
Kapitel 6
Peytieus, in den Jahren unseres Herrn 1152 bis 1154
Kapitel 7
Lundres und Westmynster, im Jahre unseres Herrn 1155
Kapitel 8
Westmynster, in den Jahren unseres Herrn 1155 und 1156
Kapitel 9
Westmynster, in den Jahren unseres Herrn 1161 bis 1165
Kapitel 10
Westmynster, in den Jahren unseres Herrn 1168 bis 1171
Kapitel 11
Westmynster, in den Jahren unseres Herrn 1172 bis 1174
Kapitel 12
Westmynster, im Jahre unseres Herrn 1176
Kapitel 13
Westmynster, in den Jahren unseres Herrn 1180 bis 1189
Kapitel 14
Westmynster, in den Jahren unseres Herrn 1189 bis 1192
Nachwort
Personenverzeichnis
Ortsverzeichnis
Zitierte Werke
Glossar
Briefe
Danksagung
Mehr Lesematerial
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Über die Autorin
Eins noch …
Ortsnamen und fremdsprachliche Ausdrücke können Sie im Anhang nachschlagen.
Marie betrachtete die Spindel, die mit leisem Zittern die Wollfasern zu einem Faden zusammenspann. Könnte sie sich doch auch so frei drehen! Wie die Kreisel, die einer der Nachbarsjungen manchmal zum Spielen neben den Häusern der Händler und Kaufleute brachte. Riefen die milde Frühlingsluft und die warmen Sonnenstrahlen sie nicht hinaus? Stattdessen hockte sie in der Stube und spann mit anderen Mädchen und jungen Frauen Wolle zu Garn. Was für eine eintönige und stumpfsinnige Arbeit! Äußerst wichtig, wie ihr Vater nie müde wurde zu betonen. Ein Maistre Tessier wie Jehan li Breton, der noch dazu eine eigene Weberei besaß, würde wohl kaum etwas anderes behaupten. Merkwürdig nur, dass die Entlohnung seiner Arbeiterinnen diese Wertschätzung kaum widerspiegelte, wie Marie gehört hatte.
Immerhin, was das Spinnen anging, stimmte ihre Mutter dem Vater ausnahmsweise zu, weil ohne gesponnene Fäden keine Kleidung hergestellt werden konnte und Marie doch nicht frieren wollte. Natürlich wollte sie das nicht. Trotzdem fielen ihr mindestens ein Dutzend interessantere Beschäftigungen als Spinnen ein.
Hui! Noch einmal gab sie der Spindel einen Schwung. Die Spindel drehte sich in der Luft wie eine eingesponnene Raupe, die an einem Faden vom Baum hing und im Wind hin und her trillerte. Und noch einmal.
»Kannst du das nicht richtig machen, du dummes Ding?« Die Frage kam unverkennbar von Matilda, die sprach, als galoppierte ein Pferd rückwärts. Ausgespuckte Wortfetzen, deren Enden sie ständig verschluckte, und ein R, das lauter rollte als ein Stock, den man im Laufen an Zaunpfählen vorbeizog. Diejenige, die sich immer als Erste an den Körben mit der gewaschenen und gekämmten Wolle bediente, um vor allen anderen anfangen zu können. »Siehst du nicht, dass der Faden überdreht? Er wird dir bald durchreißen.« Etwas zu dramatisch für Maries Geschmack schüttelte Matilda den Kopf, während sie unaufhörlich und mit geübter Hand feine Stränge aus dem Wollbündel auf ihrem Spinnrocken formte und der neben ihrem Knie tanzenden Spindel am Ende des Fadens zuführte.
»Ich pass schon auf.« Mürrisch brachte Marie ihre Spindel zum Stillstand und drehte sie ein paar Mal in die andere Richtung, um den straffen, fast schon Schlaufen schlagenden Faden zu lockern. Wenn jemand, der so dumm war wie Matilda, es schaffte, Wolle schön und gleichmäßig zu spinnen, dann würde sie es auch können. Matilda hatte wirklich schnelle Finger und am Ende des Tages immer die meisten Spindeln mit Wolle. Tröstlicherweise hatte der Herrgott vergessen, Matildas Geist mit einem ähnlichen Geschick wie ihre Finger auszustatten. Sie konnte nicht einmal richtig lesen und wusste außer dem Psalter und der Bibel keine Bücher zu schätzen.
»Übrigens hältst du die Spindel viel zu hoch.« Ein weiterer missbilligender Blick von Matilda traf Marie. »Schau dir an, wie ich es mache. Siehst du? So musst du es machen. Es wird Zeit, dass du lernst, wie man richtig spinnt. Du bist nicht mehr so klein, dass man dir schlechte Arbeit durchgehen lassen könnte.«
Marie biss die Zähne zusammen, statt Matilda die Spindel um die Ohren zu schlagen. Sie wollte keinen Ärger mit ihrem Vater, vor allem aber nicht mit ihrer Mutter. Also gab sie der Spindel mit einem erneuten Schubs wieder Schwung und zupfte die nächsten Wollfäden aus dem flauschigen Büschel auf ihrem Spinnrocken. Hoffentlich brachte ihre Mutter wieder etwas von Großvater mit. Erzählungen aus der Bibel und Heiligenlegenden hatte Marie schon genug gehört. Viel interessanter waren die Geschichten und Bücher, die Großvater auf seinen Reisen entdeckte. Aber sie wollte sich nicht beschweren. Sie hatte Glück, dass sie nicht erst irgendwo hingehen musste, um sich dort für einen fremden Herrn zu plagen, der sie schlecht entlohnte und womöglich noch misshandelte.
Während Marie schweigend die Wolle in einen Faden zog, plauderten die anderen wie üblich über belanglose Dinge. Matilda und die zwei Töchter des Kesselflickers tauschten sich darüber aus, wer vor ein paar Tagen betrunken aus dem Gasthaus nicht weit vom Marktplatz hinausgeworfen worden war, warum dieser oder jener junge Mann unter den heiratsfähigen Mädchen in Blois heiß begehrt war, und welche Kleidung sie an ihrem Hochzeitstag tragen würden.
Marie stieß die Spindel erneut an. Das Heiratsgerede langweilte sie. Mit sechs Jahren war sie zu jung, um mit einer baldigen Hochzeit rechnen zu müssen. Trotzdem war sie nicht einfältig genug, sich über solch banale Dinge zu unterhalten, wenn es interessantere Themen zu besprechen gab. »Auch schöne Kleidung kann ein schlechtes Herz nicht ewig verdecken«, sagte sie, ohne den Blick von ihrer Spindel zu nehmen. »So wie in der bretonischen Erzählung des Bisclavret, in dem die Frau für ihr Tun bestraft wird.«
»Was weißt du schon über Kleider und Menschen?« Matilda schnalzte mit der Zunge.
»Eine ganze Menge.«
»Etwa aus deinen Büchern?« Matilda kicherte, und die ältere der beiden Kesselflickertöchter stimmte mit ein. »Jeder weiß doch, dass diese Geschichten Lügen sind, so wie die Erzählungen der Menestrals, denen du so gerne auf dem Marktplatz lauschst. Nur die Bibel und die Heiligenlegenden erzählen wahre Geschichten. Es gehört sich nicht für eine anständige und gottesfürchtige Frau, etwas anderes zu hören als die Worte des Herrn.«
Warum gibt es dann die Menestrals und die Troubadours, die selbst an Königshöfen singen?, dachte Marie stirnrunzelnd. Macht das die edlen Damen, die den Gesängen lauschen, zu schlechten Christen? Kopfschüttelnd zupfte sie mehr Wolle vom Spinnrocken. »Du hörst doch auch zu, wenn meine Mutter Geschichten vorliest.«
»Ich muss meine Arbeit erledigen. Daher komme ich nicht umhin, diese wenig frommen Erzählungen zu erdulden. Sobald ich nach Hause komme, falle ich auf die Knie und bitte Gott um Vergebung.« Matilda legte den leeren Spinnrocken beiseite, befestigte das lose Wollfadenende an der Spindel und legte sie zu den anderen fertigen Garnbündeln in einen Korb.
»Man kann viel lernen aus solchen Geschichten.«
»Ach, halt den Mund und überlasse das Lernen den Männern, die weiser sind als du.« Verärgert griff Matilda sich ein Büschel Wolle und befüllte ihren Spinnrocken neu. »Nicht einmal einen guten Faden spinnen kannst du. Ich frage mich, wie aus dir je eine Frau werden soll, die einen Haushalt ordentlich führt. Deinen zukünftigen Mann beneide ich jedenfalls nicht.«
Unbeeindruckt von den Beleidigungen betrachtete Marie weiter ihre Spindel, die ihre Drehungen ebenso ungerührt fortsetzte. »Ich deinen auch nicht. Schon die Bibel warnt vor zänkischen Frauen wie dir.«
Matilda entglitt fast der Spinnrocken. »Was erlaubst du dir?«
Marie presste die Lippen zusammen. Immer rutschten ihr solche Bemerkungen heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte. Gleich würde Matilda aufstehen und ihr eine Ohrfeige verpassen, die sich gewaschen hatte. Sie konnte schon die Schritte hören.
Doch statt einer Ohrfeige erklang eine freundliche Stimme. »So, jetzt habe ich es auch endlich geschafft! War das ein Trubel auf dem Markt!«
Mutter! Marie atmete erleichtert auf. Vor den Augen ihrer Mutter würde Matilda es nicht wagen, sie zu schlagen. Dieses Mal hatte sie Glück.
»Hier ist noch Platz, Sobeyrana.« Zwei der Spinnerinnen ruckten ein Stückchen zur Seite.
Maries Mutter füllte den Spinnrocken, zog sich einen Schemel heran und setzte sich mit einem Lächeln zwischen die beiden. »Wie ich sehe, seid ihr schon sehr fleißig. Mal sehen, ob ich euch einholen kann. Bis heute Abend müssen wir den gesamten Berg dort drüben versponnen haben.« Sie deutete auf einen der Körbe, in dem sich die gewaschene Wolle türmte.
»Also sollten wir weniger dummes Zeug schwätzen, sondern uns bemühen, mit der Arbeit voranzukommen, nicht wahr?« Matilda schaute Marie giftig an und gab der Spindel einen derart festen Schubs, dass Maries Hals sich verengte.
Wahrscheinlich hätte Matilda ihr am liebsten die Augen ausgekratzt. Mutter war gerade rechtzeitig gekommen – leider ohne Buch, so wie ihr Mann es mochte. Zeitverschwendung für Frauen, sagte er immer wieder. Selbst für Männer gäbe es wichtigere Sachen als Lesen und Schreiben. Das solle man den Geistlichen und Klerikern überlassen, die eine entsprechende Ausbildung erhielten.
Vielleicht hatte er recht. Anstatt in ihren Geschichten zu leben, sollte sie sich besser um den Haushalt, die Tiere und ihre kleine Schwester Béatrix kümmern. Diese Welt zählte schließlich mehr für das Seelenheil als die Welt in Büchern. Das wiederholte jedenfalls ihr Vater, sonst aber niemand in der Familie. Vielleicht hatte er Angst davor, dass sie zu schlau wurde und er sie nicht mehr verheiraten konnte. Bestimmt würde er sie dann in ein Kloster geben. Das wäre in jedem Fall besser, als auf Ewigkeiten seiner Gunst ausgeliefert zu sein. Das durfte nie geschehen.
* * *
Mit der Dämmerung gingen die anderen Spinnerinnen heim, um ihre Männer und Familien zu versorgen. Nachdem Marie und ihre Mutter die letzten Garnspindeln in den Korb gelegt hatten, bereiteten sie das Abendessen vor. Nach und nach kehrten die Großeltern, Maries Vater und die kleine Schwester zurück. Als Marie den Tisch deckte, bemerkte sie einen Stoffsack auf der großen Truhe, der vorher nicht dort gelegen hatte. Sie sah sich um, ihr Blick traf den des Großvaters, der es sich auf der Bank gemütlich gemacht hatte. Inmitten seines langen grauen Bartes umspielte ein rätselhaftes Lächeln seine Lippen.
Marie hielt inne. »Habt Ihr die Tasche dort hingelegt?«
Großvater Yazid nickte bedächtig.
»Was ist drin? Habt Ihr wieder Bücher mitgebracht?«
Der Vater ließ sich auf die Bank sinken. »Bücher, Bücher! Hast du nie etwas Anderes im Kopf?«
Großvater legte einen Finger an die Lippen, dann bedeutete er ihr abzuwarten.
Wie sollte sie das tun, wenn sie nicht wusste, was in der Tasche war? Sehnsüchtig blickte sie zur Truhe hin. Wenn es Bücher waren, mussten sie dick sein, denn der Stoff beulte sich deutlich aus. Oh, dicke Bücher! Ein köstliches Kribbeln lief Marie über die Haut. Schnell wandte sie sich ab und ging zurück in die Küche, um der Versuchung aus dem Weg zu gehen.
Während die Mutter das Essen auf die Teller verteilte, unterhielten sich die Erwachsenen darüber, wie ihr Tag gelaufen war.
Laaaangweilig! Gähnend zog Marie mit dem Löffel alle Speckkrümel zwischen den Erbsen hervor, um dann jede Erbse einzeln aufzulöffeln und sich in den Mund zu schieben. Das war nun schon die fünfzehnte. Und immer noch kein Wort über die Tasche auf der Truhe. »Was ist denn nun in der Tasche?« Sollte sie sich etwa das ganze Essen gedulden, bevor sie endlich erfuhr, was darin war?
Der Großvater lächelte sie verschmitzt an. »Eine Überraschung.«
»Für mich?« quäkte die kleine Schwester.
»Für Marie«, antwortete Großvater mit einem Seitenblick auf Béatrix.
»Ein Geschenk für mich?« Wie sollte Marie jetzt noch einen Bissen herunterkriegen? »Darf ich es sehen?«
»Wozu ein Geschenk?«, fragte der Vater kauend. »Sie hat alles, was sie braucht.«
Großvater zerteilte seelenruhig das Stück gebratenen Hecht auf seinem blanken Zinnteller. »Ich möchte, dass Marie etwas über das Handeln und Verkaufen lernt. Dieses Wissen wird ihr in ihrem späteren Leben, gleich ob als Hilfe in Eurer Weberei oder als Ehefrau nützlich sein.«
Marie zappelte auf der Bank herum. »Was ist denn nun mit der Überraschung?«
»Geduld, mein Kind!« Der Großvater sah dem Vater in die Augen. »Im Sommer wird Königin Alienòr mit ihrem Mann ins Heilige Land reisen. Bis dahin werde ich ihrem Hof noch einige Besuche abstatten und ich möchte, dass Marie mich beim nächsten Mal zur Königin begleitet und mir bei der Auslieferung hilft.«
Ein freudiges Kribbeln fuhr über Maries Haut, als würden Tausend kleine Käfer darüberkrabbeln. »Oc ben! Natürlich komme ich mit!«
»Sie soll was?« Maries Vater starrte den Schwiegervater an. »Kommt überhaupt nicht in Frage.«
Mit einem Schlag fielen alle Käferchen tot um.
»Ich finde, das ist ein wundervoller Vorschlag.« Maries Mutter lächelte ihren Mann und Marie an. »Alienòr liebt Bücher, so wie du.«
»Soll sie etwa mit der Königin über Bücher reden?«, fragte Jehan verständnislos.
»Wenn die Königin das möchte«, antwortete der Großvater, »liegt es nicht an mir, dies zu unterbinden.«
»Das ist völlig verrückt!« Der Vater warf den Kopf in den Nacken und die Hände in die Luft. »Womit habe ich das verdient, o Herr?« Lautstark ließ er die Hände auf den Tisch krachen. »Wollt Ihr, dass das Gör uns vor aller Leute Augen Schande bringt, weil sie ihren frechen Mund nicht im Zaum halten kann? Da kann ich mich gleich den Wachen ausliefern.«
»Marie ist meine Helferin«, sagte der Großvater mit der Ruhe des Alters, »so wie sie Euch in der Weberei zur Hand geht. Ihre Hauptaufgabe wird es nicht sein zu reden. Dachtet Ihr etwa, ich wollte sie die Verhandlungen führen lassen?«
»Natürlich nicht.« Grummelnd schaufelte sich Maries Vater ein weiteres Stück Fisch in den Mund.
Großmutter Mirèlha kratzte mit dem Löffel die zerstampften Speckerbsen auf ihrem Teller zusammen. »Irgendwann wird sie lernen müssen, wie sie mir und Yazid aushelfen kann, auch bei adeligen Käufern. Warum nicht jetzt?«
Jehan schüttelte mit vollem Mund den Kopf. »Sie hat genug in der Weberei und im Haus zu tun. Mehr braucht sie nicht zu lernen.«
Marie setzte sich auf. »Aber ich will mehr lernen und mit Großvater mitgehen.«
Der Vater sah sie scharf an. »Es geht nicht darum, was du willst.«
»In gewisser Weise schon«, sagte der Großvater, »denn wenn sie nicht möchte, werde ich sie nicht dazu zwingen.«
Alles, nur das nicht! »Ich will aber mitgehen!« Warum sträubte sich ihr Vater nur derart, sie an den Hof gehen zu lassen? Eiligst schickte Marie ein Stoßgebet zum Himmel, damit der Allmächtige dem Großvater beistand.
»Es ist völlig gleich, was du willst!« Der Löffel bebte in Jehans Hand. »Ob du mitgehst oder nicht, bestimme immer noch ich, und als dein Vater sage ich, dass du hierbleibst.« Er wandte sich an den Großvater. »Im Haus und in der Weberei gibt es genug Arbeit für Marie. Das ist es schließlich, was sie als Frau ihr Leben lang machen wird, und nicht, auf Adelshöfen herumzulungern.«
»Ich lungere nicht herum«, protestierte Marie.
»Es ist doch nur für einen Tag.« Die Mutter sah ihren Mann ebenso verständnislos an wie die meisten anderen im Raum. »Wenn meine Eltern eines Tages nicht mehr alles allein machen können, muss sie ihnen ohnehin zur Hand gehen. Ich könnte dann mehr in der Weberei helfen.«
Der Vater schüttelte den Kopf. »Dann brauchen sie einen Lehrling, kein kleines Mädchen, dem das vornehme Nichtstun bald viel angenehmer erscheinen wird als ehrliche Arbeit.«
»Sie geht doch mit, um Vater zu helfen.« Stirnrunzelnd zerkleinerte Maries Mutter ein Stückchen Fisch für Béatrix.
Mit einem Blick zu Jehan richtete sich die kleine Schwester auf. »Ich helfe Euch auch ganz viel, nicht wahr, lieber Vater?«
Er lächelte kurz. »Allerdings. Wenigstens eine meiner Töchter tut, was man ihr sagt.«
Der Großvater schüttelte sanft den Kopf. »Ihr kennt das Hofleben nicht, Jehan, und erlaubt Euch ein Urteil, das Euch nicht zusteht. Glaubt mir, ich nähme Marie nicht mit, wenn sie nur herumsäße. Sie wird mir eine wichtige Hilfe bei den kleinen Arbeiten sein, die mit solch einem Besuch am Hof einhergehen.« Er tauschte einen verschwörerischen Blick mit Marie.
Stolz richtete sie sich auf. Genau! Sie lungerte nicht herum, sondern leistete ehrliche Arbeit. Wenn Großvater das sagte, musste es stimmen.
»Ach, und was wäre das?« Die fragend hochgezogenen Augenbrauen des Vaters wichen der Zornesfalte, die sich in der Mitte seiner Stirn bildete. »Mit den Leuten schwätzen und sie überreden, Eure Waren zu kaufen? Darin ist sie unübertrefflich mit ihrem losen Mundwerk.«
»Es mag Euch verwundern«, die Großmutter musterte ihn kauend, als wollte er ihr schlechte Ware für viel Geld verkaufen, »aber diese Eigenschaft ist in der Tat wichtig für jemanden, der seine Waren erfolgreich verkaufen will.«
Marie funkelte ihren Vater an. »Was wisst Ihr denn schon davon? Ihr bestimmt über andere, als gehörten sie Euch. Was die anderen wirklich wollen, kümmert Euch nicht.«
Der Vater schlug auf den Tisch. »Was fällt dir ein, so mit mir zu sprechen?«
»Beruhigt Euch, Jehan.« Sobeyrana warf Marie einen tadelnden Blick zu.
Jehan deutete mit der Hand auf Marie und sprach zum Großvater: »Da seht Ihr, was ich mir von diesem Gör anhören muss! Dieses Gebaren wird nur noch schlimmer werden, wenn sie an den Hof geht, mit all den feinen Leuten dort. Aber so weit wird es nicht kommen. Nachher redet sie noch so mit mir, wenn wir in der Weberei sind oder auf der Straße. Was sollen die Leute von mir denken? Niemand wird von einem Hampelmann kaufen, dem die eigene Tochter auf der Nase herumtanzt.«
Der Großvater betrachtete ihn streng. »Ihr übertreibt und seid anmaßend in Euren Beschuldigungen. In der Tat, Maries Worte sind manchmal unangemessen und vorlaut, aber sie ist noch ein Kind. Sie denkt nicht darüber nach, was sie sagt und ob sie nicht lieber schweigen sollte. Aber das Schicksal anderer Menschen ist ihr nicht gleich, und sie scheut sich nicht, dies auch auszusprechen. Ihr solltet stolz auf Eure Tochter sein, anstatt sie für etwas zu tadeln, für das sie keine Schuld trifft. Je älter sie wird, umso mehr wird sie lernen, wie sie den Platz findet, der ihr zusteht. Spreche, wem Wissen gegeben ist.«
Der Vater richtete den Blick auf seinen Teller. »Wenn es nach mir ginge, würde sie den Mund halten und das tun, was ich ihr sage. Kein Mann wird eine Frau heiraten, die Widerworte gibt und nichts arbeiten kann.«
»Sie ist doch viel zu jung zum Heiraten.« Die Mutter starrte Jehan an.
»Vielleicht will ich gar nicht heiraten«, mischte Marie sich ein.
»Ob du willst oder nicht, entscheide ich, meine eingebildete Damoisele! Bis dahin tust du, was ich dir sage. Diese nutzlose Beschäftigung mit Büchern und Adelshöfen ist nicht gut für dich. Manchmal denke ich, deine Mutter hat recht, ich sollte dich in ein Kloster schicken, auch wenn es mich einen Haufen Geld kosten würde. Da könntest du den ganzen Tag deine Vorliebe fürs Lesen zu Ehren des Herrn ausüben und lernen, was Demut und Gehorsam bedeuten. Dort würde man dir dein vorlautes Maul austreiben.«
Sobeyrana schüttelte verärgert den Kopf. »Warum stimmt Ihr meinem Vorschlag dann nicht zu, wenn Ihr das, was Marie kann, ohnehin nicht zu schätzen wisst? Im Kloster wäre sie besser aufgehoben. Außerdem hat Vater Euch doch schon gesagt, dass er Euch Geld dafür gibt. Ich fände es gut, wenn Marie eine A–«
»Schweigt!« Jehan wischte mit der Hand durch die Luft. »Ich brauche keine Ratschläge von einer Frau. Marie bleibt hier.« Wütend pikste er ein Stück Fisch mit dem Messer auf und stopfte es sich in den Mund.
Großvater Yazid verkniff kurz den Mund, als er Marie einen Blick zuwarf. Wenn selbst er an dem Starrsinn ihres Vaters scheiterte, gab es keine Hoffnung mehr.
Der alte Mann atmete tief durch, als holte er Luft für einen weiteren aussichtslosen Überredungsversuch. »Ist das Euer letztes Wort?«
»Bedenkt, Jehan«, mahnte Mirèlha, »dass wir uns innerhalb der Familie gegenseitig unterstützen sollten. Jeder hilft mit, so gut er kann. Das gilt für alle.«
Mit bösem Blick musterte der Vater seine Schwiegereltern.
Marie erwartete, jeden Moment ein Donnergrollen zu hören und Blitze zucken zu sehen. Doch alles blieb ruhig. Traurig sah sie zur Truhe hinüber. »Heißt das, ich bekomme kein Geschenk?«
Der Großvater bedeutete ihr, ihm die Tasche zu holen. »Um passende Kleidung für Marie habe ich mich gekümmert«, er öffnete den Beutel, »falls das Eure Sorge sein sollte. Sieh her, Marie, was ich dir mitgebracht habe.« Er zog ein safranfarbenes Stück Stoff heraus, das sich zu einer langen, goldverzierten Tunika entfaltete. »Das ist eine Aljuba, die ich in Madinat Garnaata gekauft habe. Damit du angemessen angezogen bist, wenn du an den königlichen Hof gehst. Dort sind Kleider nämlich besonders wichtig.« Er griff erneut in den Sack. »Die passenden Schuhe aus feinstem Ziegenleder bekommst du gleich dazu. Was sollen die Leute sonst denken, wenn du zur Tunika aus andalusischer Seide deine alten Lederschuhe trägst?«
Ungläubig starrte Marie die Geschenke an. »Das ist alles für mich?« Mit einem Freudenschrei fiel sie dem Großvater um den Hals. »Je vus en mercie molt grandement! Möge das Licht des Erhabenen immer über Euch leuchten.«
Jehan hatte alles mit offenstehendem Mund verfolgt. Jetzt erwachte er aus seiner Starre. »Was das gekostet haben muss! Reicht es nicht, wenn sie ständig Bücher von Euch bekommt? Warum habt Ihr mir das Geld nicht einfach gegeben? Ich könnte es gut für Maries Aussteuer gebrauchen. Wenn ich denn überhaupt jemals einen Mann für sie finden kann.«
Gedankenverloren strich Marie über die Aljuba, wog den Stoff mit den Händen ab. »Wie glatt der Stoff ist, und wie leicht! Darf ich das gleich anziehen?«
»Nicht jetzt.« Ihre Mutter stand mit der leeren Fischplatte auf. »Wenn du mit Großvater zum Königshof gehst. Jetzt essen w–«
»Ich habe gesagt, sie geht nicht!« Der Vater funkelte seine Frau an. »Hört mir eigentlich niemand zu?«
»Marie wird weder ihre Arbeit in der Weberei vernachlässigen noch Euren Ruf durch ihren Besuch am Hof schädigen.« Der Großvater drückte Marie die Hand, als wollte er ihr Mut machen, dass sie den Vater doch noch umstimmen konnten. »Darauf gebe ich Euch mein Wort.«
Sehnsüchtig betrachtete Marie die Geschenke des Großvaters. Wie schön die Aljuba war! Der Stoff leuchtete warm wie die aufgehende Sonne. Die ganze Vorderseite entlang wand sich ein schimmerndes breites Band aus goldfarbenen Schnörkeln vom Kragen bis hinunter zum Saum. Ein weiterer Goldrand zierte das Ende der Ärmel. Die Schuhe fühlten sich so weich an, dass Marie sie am liebsten die ganze Zeit gestreichelt hätte.
»Sie kann die Sachen nicht tragen.« Jehans Blick glitt wiederholt zur Aljuba und den Lederschuhen.
Marie hatte ihre Mutter schon früh beim Aufschreiben der Einnahmen und Ausgaben der Weberei beobachtet und wusste, dass ihr Vater sich im Gegensatz zum Großvater derart teure, fremdländische Kleidung niemals leisten konnte, geschweige denn wollte. »Es gehört sich nicht. Sie ist die Tochter eines Maistre Tessier, nicht eines adligen Sarazenen. Was sollen die Leute denken, wenn Marie in diesem … diesem Gewand erscheint? Verhöhnen und beschimpfen werden sie sie, und mich verspotten! Das kann und werde ich nicht zulassen.«
Aus der Küche zurückgekehrt, war Sobeyrana während der Bemerkungen ihres Mannes beim Hinsetzen ganz rot im Gesicht geworden. »Ihr übertreibt, Jehan.«
»Asez!« Der Vater schaufelte sich den restlichen Fisch in den Mund und sprach kauend weiter. »Ich will nichts mehr hören.«
Marie stampfte auf. »Das ist ungerecht! Ich darf nicht an den Hof gehen, nur weil keiner dort Eure Tücher haben will.«
»Kümmer dich nicht drum, wem ich meine Waren verkaufe!« Das Kinn des Vaters zitterte. »So jemand wie du hat ohnehin nichts an einem Hof zu suchen. Dein Platz ist und bleibt hier.«
Marie stützte die Hände in die Hüften. »Und warum hat jemand wie ich nichts an einem Hof zu suchen?«
»Du …« Jehan holte aus, und wenn nicht der Tisch zwischen ihm und Marie gestanden hätte, wäre es gewiss nicht beim Ausholen geblieben. »Du hältst dich für sehr schlau, was, Damoisele? Du denkst, in der echten Welt ist alles so wie in deinen Büchern und ihren aberwitzigen Geschichten, was? Aber so läuft das nicht, jenseits dieser lügnerischen Erzählungen und Lieder.«
Mirèlha wischte sich mit einem Tuch den Mund ab und hob ihren Becher. »Wie wollt Ihr das beurteilen, wenn Ihr die Bücher, die Marie liest, überhaupt nicht kennt? Habt Ihr je einen Blick in ein anderes Buch als die Bibel geworfen?«
Ha! In Gedanken pflichtete Marie ihrer Großmutter dankbar bei und verschränkte die Arme vor der Brust. Wer ist jetzt derjenige, der sich für sehr schlau hält?
Jehan wischte den Einwand weg. »Es geht nicht um mich, sondern um Marie.« Er richtete den Blick wieder auf sie. Wenn sie doch nur die Ohren so einfach wie ihre Augen verschließen könnte! »Der Herrgott hat auf Erden jedem seinen Platz und seine Aufgabe zugewiesen, auch dir, und an diese gottgegebene Ordnung halten sich alle gläubigen Menschen, die das Himmelreich erlangen wollen. Dafür arbeiten sie, anstatt irgendwelche erfundenen Erzählungen für wahrhaftig zu halten. Schau dir nur dieses Stückchen Stoff an!« Er wedelte abschätzig zu der Aljuba, die der Großvater in der Hand hielt. »Glaubst du, dieser Fetzen schützt dich vor Regen und Kälte? Noch dazu ist er völlig ungeeignet für handwerkliche Arbeit und ziemt sich nicht für Tessiers.«
Ungeachtet der Einwände seines Schwiegersohnes hielt der Großvater Marie die Aljuba und die Schuhe hin, die sie unsicher entgegennahm. »Sie mag im Haus eines Maistre Tessier wohnen, aber sie ist die Enkelin eines Marchëant, der auf den Märkten der Welt einkauft. Als solche wird sie gute Kleidung tragen, wenn sie an den Hof des Königs geht. Oder wollt Ihr etwa«, er wandte sich mit herausfordernd hochgezogenen Brauen an Jehan, »dass man dort über sie spottet, weil sie in ihrer abgetragenen, wollenen Arbeitskleidung feinste Gewürze und Waren anbietet?«
Wie bitte? Marie sah den Großvater mit pochendem Herzen an. Wie konnte er nur so etwas fragen? Wenn sie die Aljuba nicht anziehen durfte, würde sie gar nicht mitgehen. Was sollten denn sonst die Leute von ihr denken?
Wie ein Hund ängstlich einen überlegeneren Gegner betrachtet, versuchte Jehan dem durchdringenden Blick des Großvaters Stand zu halten. In der atemlosen Stille der Stube konnte Marie ihren Vater förmlich denken hören. Schließlich ließ er seufzend die Schultern hängen und wandte sich ab. »Nehmt sie mit, in Gottes Namen, wenn Ihr es für richtig haltet, aber sorgt dafür, dass sie schleunigst zurückkehrt. Ihre Arbeit macht sich nicht von allein, und keiner wird sie für sie übernehmen. Sie wird ihre Aufgaben wie gewohnt erledigen, selbst wenn sie bis tief in die Nacht dafür braucht.«
Wie wunderbar und wie schrecklich zugleich! Marie schwankte zwischen Freude und Argwohn, denn die Zustimmung des Vaters kam zu einem Preis, den sie zahlen musste.
Während Jehan seinen Teller leerkratzte, auf dem ohnehin nichts mehr an Essen lag, neigte der Großvater kurz den Kopf. »Möge der Erhabene Euch für Eure Entscheidung reich belohnen.« Das einzige offensichtliche Zeichen seines Sieges über Jehans Sturheit war das heimliche Zwinkern zu Marie, doch das allein erfüllte sie mit Hoffnung.
Maries Mutter legte ihrem Mann mit einem dankbaren Lächeln die Hand auf den Unterarm. »Marie ist ein fleißiges Mädchen. Ihr werdet sehen, dass sie –«
»Fleißig, wenn es ums Lesen und Schreiben geht.« Er schüttelte ihre Hand ab. »Nicht bei dem, was sie als Frau wirklich braucht, um später einen Haushalt zu führen und ihren Mann in seiner Arbeit zu unterstützen. Wenn der Herr ihm wohlgesonnen ist, gebärt sie hoffentlich Söhne statt einer aufsässigen Tochter.«
Marie nahm die Aljuba und die Schuhe. »Die Sachen sind wunderschön, Großvater. Ich werde darin aussehen wie eine Königin.«
Der Vater schnaubte verächtlich.
Großvater beugte sich zu Marie hin. »Dann will ich hoffen, dass Königin Alienòr nicht neidisch wird. Am Ende will sie dich noch als Hofdame haben. Wer wird mir dann zur Seite stehen?«
»Ich natürlich«, sagte Marie entrüstet. »Ich kann doch noch gar keine Hofdame werden in meinem Alter. Und selbst wenn ich in vielen Jahren einmal schöne Kleider tragen sollte, bin ich immer noch Eure Enkelin.«
Der alte Mann nickte anerkennend. »Wahre Worte, mein Kind. Du besitzt schon jetzt mehr Einsicht als mancher Erwachsene.«
Wie einen wertvollen Schatz legte Marie ihre neuen Anziehsachen mit der Tasche zurück auf die Truhe und setzte sich auf ihren Platz. Ihr Vater betrachtete sie kauend. Seine Zustimmung hatten sie ihm gemeinsam abgerungen, aber sie würde dafür bezahlen. Er würde ihr die schrecklichsten und dreckigsten Arbeiten für jenen Tag, an dem sie Großvater an den Hof begleitete, aufheben, um sich für seine Niederlage und ihr ungehöriges Verhalten zu rächen. Das taten Männer, die Macht über andere hatten, nun mal. Marie wusste das aus den Erzählungen des Großvaters über al-Andalus und das Heilige Land, aber auch aus der Geschichte über den Krieg von Troja. Die Mächtigen konnten mit Worten befehlen, bestrafen, ja sogar töten. Das Leben war ungerecht, und es gab nichts, was Marie dagegen tun konnte.
* * *
Häuser und Menschen warfen bereits lange Schatten, als Marie am nächsten Abend mit dem Korb voll Garnspindeln bei der Weberei ihres Vaters ankam. Sie drückte die Holztür auf und zwängte sich durch den Spalt.
»Beehrt uns die gnädige Dame doch endlich mit Nachschub.« Die Hände in die Hüften gestützt schlenderte der Vater in seiner abgewetzten, hellbraunen Tunika auf sie zu. »Ist der Weg vom Haus zur Weberei länger geworden oder wo hast du die ganze Zeit gesteckt? Wohl wieder in einem Buch verlaufen, was? Ich hoffe, die Dame hatte eine gute Zeit, während ich dafür schufte, dass ihr Essen auf den Tisch kommt.«
Die Frauen vor den großen Webrahmen an den Wänden blickten verstohlen zu Marie herüber.
Sie hievte den Korb vor die Füße des Vaters. »Die Arbeit machen doch die Frauen für Euch.« Dass ihm diese ungleiche Arbeitsteilung noch nicht selbst aufgefallen war! »Ihr gebt nur Befehle.«
Der Schlag des Vaters traf sie mit solcher Wucht am Kopf, dass sie zur Seite taumelte.
»Du wirst jeden Tag unverschämter. Steht diese Art zu reden etwa in den Büchern, die du liest? Ich habe schon immer gesagt, dass der Großvater dir keine mehr mitbringen soll. Alez! An die Arbeit!« Der Vater wedelte mit der Hand. »Ich muss noch ein Tuch fertig rauen, dann bringst du es mit dem dort drüben zum Färber. In der Zwischenzeit kannst du anfangen, das Garn auf die Haspel zu wickeln.«
»Aber das ist langweilig!« Marie rieb sich die Stelle am Kopf, an der die Hand des Vaters sie getroffen hatte. »Außerdem stinkt es beim Färber.«
Der Vater verschränkte die Arme vor der Brust. »Dann sollte ich dich wohl öfter dorthin schicken, damit sich deine vornehme Nase an den Geruch harter Arbeit gewöhnt. Wie auch immer, du wirst tun, was ich gesagt habe.«
Dazu hatte sie nun wirklich keine Lust. Fiel ihr denn keine Ausrede ein? »Die Tücher sind schwer, und bis zum Färber ist es weit. Kann das nicht jemand erledigen, der älter und kräftiger ist als ich?«
»Du bringst die Tücher zum Färber. Wie du das machst, ist deine Sorge. Bis Sonnenuntergang liegt hier kein fertiges Tuch mehr.«
»Was?« Marie sank in sich zusammen. Allein die Tuchrolle in der Ecke wog mehr, als sie ohne Pause zum Färber tragen konnte – und dann sollte sie gleich noch eine zweite mitnehmen? »Das schaffe ich doch nie!«
»Du bist doch sonst so schlau, also lass dir was einfallen! Sonst werfe ich noch heute alle deine Bücher ins Feuer.«
Ihr ganzer Körper verkrampfte sich, dass ihr fast die Luft wegblieb. »Nein! Das dürft Ihr nicht!« In einer schrecklichen Vision sah sie, wie ihr Vater mit einem teuflischen Lachen ein Buch nach dem anderen im hohen Bogen in riesige lodernde Flammen schleuderte. Bei dem Geruch des brennenden Leders wurde ihr übel. »Großvater hat sie mir geschenkt. Sie sind wertvoll.«
»Wertvoll! Nichts als heidnische Lügen. Geh endlich an die Arbeit, oder ich kümmere mich gleich jetzt um deine Bücher.«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein! Ich tue, wie Ihr befohlen habt, aber Ihr dürft meine Bücher nicht anfassen. Versprecht mir, dass Ihr sie nicht anrührt!«
Er hob drohend die Hand. »Ich verspreche dir eine Tracht Prügel, wenn du weiter mit mir feilschst wie auf einem sarazenischen Basar.«
Maries Herz klopfte, dass ihr der Hals zu eng zum Atmen wurde. Sie rang nach Luft. Nicht ihre Bücher! Sollte er sie doch grün und blau schlagen, solange er nur die Finger von ihren Büchern ließ. All das Wissen und die Geschichten darin durfte man nicht einfach so zerstören.
Sie zog den Korb mit den Spindeln an die Seite und holte sich die Kreuzhaspel. Die Stelle, an der die Hand des Vaters sie getroffen hatte, brannte. Das hatte sie nun davon, dass sie nicht den Mund halten konnte: Schmerzen am Kopf und die lästigen Arbeiten, die sonst keiner machen wollte. Sie wusste doch, dass ihr Vater es nicht ausstehen konnte, wenn sie ihm antwortete. Weil sie genauso gescheit daherredete wie ihre Mutter, deren Bemerkungen ihn an manchen Tagen ebenfalls rasend machten.
Sehnsüchtig beobachtete Marie, wie das Tuch auf den Webrahmen Faden um Faden wuchs. Wie gerne würde sie ausprobieren, ob sie auch den Faden so geschickt von einer Seite zur anderen hindurchfädeln und ein Tuch weben konnte, aber dafür sei sie zu jung und zu ungeschickt, so ihr Vater. Sie wusste, dass er das nur vorgab, weil er sie für andere Arbeiten brauchte, für Botengänge, Bring- und Holdienste sowie Saubermachen. Sie war ein Mädchen und seine Tochter – eine billigere Arbeitskraft konnte ein wenig erfolgreicher Maistre Tessier nicht bekommen. Was sie darüber dachte, kümmerte ihn nicht. Er bestimmte, sie musste sich fügen.
Sie ergriff eine der Spindeln und sehnte den Tag herbei, an dem Großvater Königin Alienòr die Gewürze und Mandeln bringen würde, die die Herrscherin so liebte.
* * *
Ein Tag verging, zwei Tage, … Warum tröpfelte die Zeit nur immer so dahin, wenn man auf etwas Schönes wartete? Marie hatte das Gefühl, dass die Stunden in der Weberei absichtlich langsam verstrichen, nur um sie von dem Besuch im Schloss von Blois so lange wie möglich fernzuhalten. Hätte sie es nicht besser gewusst, sie wäre der Vermutung erlegen, dass dunkle Mächte im Spiel waren. Aber selbst die trauten sich nicht in die Weberei ihres Vaters hinein, wenn der mal wieder schlechte Laune hatte. Allein daran zu denken, dass ihre schöne Aljuba so nutzlos zuhause herumlag! Mehr als einmal hatte sie mit dem Gedanken gespielt, das Gewand anzuprobieren, nur um herauszufinden, wie der zarte Stoff sich auf der Haut anfühlte. Doch jedes Mal entschied sie sich dagegen. Der Großvater hatte ihr das Kleidungsstück für ihren Aufenthalt am Königshof geschenkt. Vielleicht war es ihm nicht recht, wenn sie es vorher anzog. Ihn wollte sie auf keinen Fall verärgern, also würde sie die Aljuba nur an jenem besonderen Tag tragen – dem hoffentlich noch viele folgten!
Endlich kam der Morgen, an dem sie die Seidentunika zum ersten Mal über ihr Leinenhemd anzog. Weich fließend umschloss das schimmernde Material ihren Körper. Als sie gerade die weichen Ziegenlederschuhe über die Füße streifte, trat Béatrix ein.
»Was machst du da?«, fragte die Kleine.
»Ich ziehe die Aljuba an, die Großvater mir geschenkt hat. Ich gehe heute mit ihm an den Hof des Königs und der Königin.«
Béatrix zog die Nase kraus. »Du siehst aus wie gerührtes Ei.«
»Du bist bloß neidisch, weil du nicht so ein schönes Kleid hast.«
»Bin ich gar nicht!«
»Bist du doch!«
»Gar nicht! Eierpissekleid!«
»Ach, verschwinde und lass mich in Ruhe.«
Gerade wollte die kleine Schwester sich auf sie stürzen, da trat die Mutter der beiden ein. »Was ist denn das für ein Geschrei?« Ihr Stirnrunzeln wich einem Lächeln, als sie Marie betrachtete. Sie hockte sich vor ihr hin und strich ihr über die Schulter und den Arm. »Das steht dir wirklich ausgezeichnet. Niemand würde auf den Gedanken kommen, dass du je etwas anderes trägst als solche edlen Stoffe.« Sie wischte Marie eine Strähne nach hinten. »Die Farbe bringt deine schönen schwarzen Haare erst so richtig zur Geltung.« Ein seltsamer Ausdruck lag in ihren Augen, als sie gedankenverloren mit den Fingern Maries dunkle Locken entlangfuhr. Mit einem Lächeln stand sie schließlich auf und streckte ihr die Hand entgegen. »Komm, meine Schöne. Großvater wartet schon.«
Draußen vor dem Haus zog der Großvater eine Plane über den vollbeladenen Karren, den sie mit einem Esel zum Hof bringen würden. Er nickte anerkennend. »Wie eine echte Tochter von al-Andalus.«
Marie spürte den Stolz in den Worten ihres Großvaters. Sie nahm seine Hand, und so machten sich die beiden mit Esel und Karren auf den Weg zum Schloss.
Vorbei am geschäftigen Marktplatz und den Schlossfelsen entlang verließen sie die Stadt durch das Westtor, bogen nach der Zugbrücke über den tiefen Graben nach rechts ab und folgten dem Graben nordwärts. Je länger sie um das Schloss herumgingen, umso mehr kribbelte es in Maries Bauch. Sie kannte nur die zur Stadt hin zeigende Seite des Schlosses, mit den Dornensträuchern und dem Palisadenzaun, der auf dem Felsrand rund um das gesamte Schloss verlief. Der Felsen schrägte sich zu jener Seite ab, so dass man von dort den Donjon und die Spitze der Kapelle sehen konnte. Hier, auf der Westseite, ließ sich das Dach des Donjons nur erahnen, so hoch ragten Felsen und Palisaden in den Himmel hinein.
Marie ächzte. Ihre Hände waren vor Aufregung ganz verschwitzt. Sie sollte sie besser abwischen, doch halt! Was würde die Königin denken, wenn Marie mit einer Aljuba vor sie trat, auf der man den Abdruck einer Hand sah? Ob man den überhaupt sehen würde? Sie hatte sich doch heute Morgen die Hände ganz besonders gründlich gewaschen.
Ohne lange nachzudenken, strich sie über das Fell des Esels, der mit stoischer Gelassenheit neben ihr hertrottete. Wenigstens waren ihre Hände jetzt trocken. Die Königin würde wohl kaum an ihnen riechen wollen. Und wenn doch, konnte Marie nur hoffen, dass Alienòr Esel mochte.
Was sollte sie nur sagen, wenn die Königin sie ansprach? Ginge es nach ihrem Vater, am besten nichts. Sie solle unter allen Umständen ihr vorlautes Maul halten und Großvater reden lassen, hatte er ihr eingeschärft. Wenn überhaupt, solle sie erwähnen, dass sie die Tochter von Jehan li Breton sei, Maistre Tessier aus Paris. Ha! Einschmeicheln sollte sie sich für ihn bei der Königin. Erwartete er etwa, dass Alienòr d’Aquitaine bei einem Mann, dessen Weberei Tücher für das gemeine Volk fertigte, Ware kaufen würde? Selbst wenn sich die Königin dazu hinreißen ließe, würde Marie auf ein Wort des Dankes von ihm vergeblich warten. Andernfalls war es nur eine Frage der Zeit, wann sich der Vater beschwerte, dass sie wieder einmal das Falsche gesagt oder vorlaut gewesen war, dass sie Schuld daran hatte, wenn die Königin nichts bei ihm kaufte. Die Dankbarkeit, die Großvater jeden Tag äußerte, fehlte ihrem Vater gänzlich.
Sie ließ den Blick über die Palisaden schweifen. »Ist es schön in dem Schloss, Großvater?«
»Das wirst du gleich selbst sehen.«
»Sicher gibt es unzählige Häuser und Gebäude mit hohen Dächern und großen Fenstern – so wie die von Nostre-Dame de Blois. Gibt es auch einen riesigen Stall für die Pferde des königlichen Gefolges? Und einen großen, wunderschönen Garten mit Obstbäumen und bunten Blumen und duftenden Kräutern und Gemüse?«
Der Großvater schmunzelte. »Das Schloss gehört zwar nicht dem König selbst, sondern einem Vasallen, aber Graf Thibault ist ein reicher Mann – wenn auch vielleicht nicht ganz so reich, wie du es dir vorstellst. Außer der Kapelle und dem Donjon gibt es dort keine weiteren großen Gebäude. Wenn du allerdings die Innenräume des Donjons betrittst, wirst du sehen, welcher Reichtum sich hinter diesem schlichten Holzzaun befindet.«
»Hat der Graf auch Bücher?«
Der Großvater lachte. »Das musst du ihn schon selbst fragen, falls du ihn triffst. Zum Lesen hat er jedenfalls wenig Zeit, solange das Königspaar mit seinem Gefolge im Schloss weilt. Aber Königin Alienòr hat eine Schwäche für Bücher und Erzählungen.«
»Bestimmt besitzt sie Bücher, die ich noch nicht kenne.«
»Ihr werdet Euch sicher gut verstehen.«
Am oberen Ende des Felsens angekommen, schwenkten sie erneut nach rechts und hielten auf das Tor des Schlosses zu. Der Weg führte über eine Steinbrücke, die mitten über dem Graben in eine Zugbrücke überging. Das zarte Klappern der Eselshufe wurde vom Rumpeln eines Pferdes mit Reiter übertönt, dessen Trab die Brücke erbeben ließ. Die Wache am Tor winkte sie nach einem prüfenden Blick durch, doch sicherheitshalber behielt Marie das Fallgitter im Auge, das drohend über ihr schwebte, als sie durch das Tor trat. Durch einen mit einer löchrigen Decke überdachten Gang und unter einem weiteren Fallgitter hindurch gelangten sie in den Hof.
Marie stutzte. Vor ihr lag ein riesiger, leerer Platz, eingeschlossen von Hütten, langgestreckten Gebäuden, die wahrscheinlich als Ställe oder Unterkünfte dienten, und Werkstätten mit geöffneten Läden. Ganz am fernen Ende flackerte das Feuer in der Schmiedehütte, begleitet von einem metallischen Krachen und dem regelmäßigen Schwung des gewaltigen Schmiedehammers. Im Vergleich zum Markt, auf dem es früh morgens, wenn die Händler ihre Waren anlieferten und die Stände füllten, immer besonders rege zuging, herrschte bis auf das Hämmern des Schmiedes im Schloss überraschende Ruhe.
»Komm, wir müssen noch weiter.« Großvater folgte dem Graben zu ihrer Rechten, der sich von dem zweiten Fallgitter hin zur gegenüberliegenden Seite des Hofes zog und hinter dem ein weiterer Palisadenzaun den Donjon abschirmte.
In der Mitte des Grabens erschienen auf der Zugbrücke zwei Mägde mit Körben voll Wäsche unter dem Arm und auf der Hüfte. Mit einem Blick auf Marie steckten sie tuschelnd die Köpfe zusammen. Eine streckte den Finger nach ihr aus.
Marie kümmerte sich nicht weiter darum, sondern folgte Großvater über diese Zugbrücke in den Innenhof des Schlosses. Rechts neben dem Tor standen zwei Männer mit Speeren vor einer Hütte. Sie nahmen nur beiläufig wahr, dass jemand eintrat, hoben kurz die Hand als Antwort auf Großvaters Gruß, und widmeten sich weiter ihrem Gespräch.
Von links stieg Marie der Geruch von Pferden in die Nase – noch ein Pferdestall? Ein hinkender älterer Mann näherte sich mit einem tänzelnden Pferd und lächelte sie an. »Du siehst aus wie ein kleine Sonne, Pucelle.«
Sie blickte verdutzt an sich herab. In der Tat, mit ihrer safranfarbenen Aljuba leuchtete sie heller als die wenigen anderen, die in dunkler, erdfarbener Kleidung gerade im Hof unterwegs waren.
Neben dem Stall, aus dem der Mann gekommen war, stand die Schlosskapelle mit ihren hohen, länglichen Fenstern und dem spitzen Turm. Auf der rechten Seite schlossen sich mehrere Hütten an das Wachhäuschen an. In der Mitte von allem, gegenüber der Zugbrücke und unmittelbar vor dem Palisadenzaun, stieg man über eine Treppe hoch zur Eingangspforte des Donjons, einem breiten, rechteckigen Turm, der viel höher war als Großvaters Haus.
Am Fuß der Treppe nahm der Großvater eine Kiste und eine Umhängetasche unter der Plane heraus, gab Marie ein kleines bemaltes Gefäß mit Stopfen in die Hand und ließ den Esel und den Karren bei einem Diener, der auf beides aufpassen sollte. Oben empfing ihn ein Mann in guter, wenn auch nicht edler Kleidung, und ging voraus, um der Königin seinen Besuch anzukündigen.
Wenn Marie die kleine Sonne war, dann war der Raum, den sie jetzt betrat, die große Sonne. Über ihr erhob sich eine mächtige Holzbalkendecke, deren dicke, helle Pfeiler sich himmelwärts streckten, während unter ihnen das Licht durch die großen Fenster fiel und die ganze Halle durchflutete. Den Fenstern gegenüber, eingemauert in die Wand, prangte eine große, mit Steinen eingefasste Feuerstelle mit steinerner Haube, in die der Rauch des darunter flackernden Feuers aufstieg. Über die gelben Wände liefen rechteckige Linien, die aussahen wie Ziegelsteine. In der unteren Hälfte der Wände, getrennt durch ein schmückendes hellgrünes Band mit dunklen Blumenranken, das sich über alle Wände zog, hingen farbenprächtige Wandbehänge mit Jagdszenen, Schlachten und Legenden. Den Boden schmückten Kacheln aus hellen und dunkelbraunen Quadraten.
»Ist das die Große Halle?«, fragte Marie leise den Großvater, als sie den Raum durchquerten.
»In der Tat, das ist sie. Gefällt sie dir?«
»Oc ben, sie ist wunderschön.« Genau wie die Kleider, die die Menschen um mich herum tragen, vor allem die Dame dort vorne auf dem großen, bunt bemalten Holzstuhl mit den geschnitzten Armlehnen. Marie verengte die Augen. Hatte die Frau tatsächlich ein Buch in der Hand?
Als der Diener die Dame ansprach, sah sie auf. Sie hatte ein längliches, ovales Gesicht, eine lange, gerade Nase, hohe Wangenknochen und einen schmalen Mund. Die feinen Augenbrauen waren neugierig in die Höhe gezogen. Ihren Kopf schmückte eine mit Edelsteinen besetzte schmale Krone auf einem weißen Leinenschleier, der mit einem breiten Band um das Kinn befestigt war und die wallenden dunklen Haare nicht ganz so verdeckte, wie Marie es von anderen verheirateten Frauen kannte. Der enganliegende, farbenprächtige Bliaud fiel bis auf den Boden und bestand ganz aus rotem, weich und üppig fallendem Seidenstoff mit goldfarbenen, blumig-verschnörkelten und geometrischen Mustern, die Marie von den Stoffen aus dem Laden ihres Großvaters kannte. Ein dunkler Ledergürtel mit Goldschnalle zierte den Bliaud in der Mitte.
Erst jetzt bemerkte Marie, wie die Erwachsenen sie anstarrten. Als ob sie noch nie ein Kind gesehen haben! Zugegeben, es gab nicht viele am Königshof, hatte Alienòr nach gut zehn Jahren Ehe dem König doch bisher nur ein einziges Kind geboren, noch dazu eine Tochter, mit der Marie den Namen teilte. Vielleicht war sie dann doch ein ungewohnter Anblick, nicht nur wegen ihrer leuchtenden Aljuba, die schon außerhalb der Halle für Aufsehen gesorgt hatte. Sie drängte sich an Großvater, der erhaben voranschritt, richtete sich auf und versuchte, ebenso stolz ihre Ware zu tragen.
Die Dame legte das Buch auf eine der Armlehnen und erhob sich klimpernd.
Marie starrte auf die weiten Ärmel ihres Bliauds, deren Säume fast bis zum Boden hinabreichten und den Blick auf die reichlich bereifte Handgelenke freigaben.
»As-Salaamu alaykum, meine Königin.« Großvater verbeugte sich und legte die rechte Hand an die Brust.
Marie folgte hastig seinem Beispiel. Ihre Knie zitterten. Sie stand tatsächlich vor Königin Alienòr.
»Wa alaykum as-Salaam, Yazid ibn Hakim, mon cher espicier. Ich habe lange auf Eure Ankunft gewartet.«
»Möge der Erhabene Euch reich belohnen für Eure Geduld«, sagte der Großvater, »und möge Er mir die Gnade erweisen, dass meine Gaben Euch erfreuen werden. Seht, was ich Euch heute mitgebracht habe.« Er öffnete den Deckel der Kiste, in der verschiedenste Gewürze in kleinen Fächern lagen. »Pfeffer, Ingwer, Zimt – und etwas, das noch mehr nach Eurem Geschmack sein dürfte.« Er bedeutete Marie, der Königin das kleine Gefäß zu reichen. »Das wertvollste Gewürz überhaupt. Die Italiener kaufen es von Händlern in Alexandria zu Preisen, wie sie für Käufer aus Europa festgelegt werden. Ich dagegen kaufe es dort, wo es in großen Mengen angebaut wird, in Ifriqiya. Auch in al-Andalus wird es mittlerweile angebaut. Daher erhaltet Ihr das Gewürz bei mir in höherer Güte und zu einem besseren Preis.«
Alienòr nahm das Gefäß, zog den Stopfen aus der Öffnung und lugte hinein. »Es riecht wie fruchtiger Honig.« Sie schüttete sich ein paar zierliche, längliche Stängelchen auf die Hand, tippte die Zunge hinein und verzog das Gesicht. »Es ist bitter.«
Großvater schmunzelte. »Sein wahres Aroma entwickelt es erst bei der Zubereitung, entweder in dieser Form oder gemahlen. Besonders gut passt es zu Fisch. Es eignet sich auch hervorragend, um Gerichte und Kleidung zu färben, und seine medizinischen Eigenschaften werden in allen Ländern hoch geschätzt.«
»Wie nennt Ihr es?«
»In meiner Heimatsprache heißt die Pflanze za’faran, nach der Farbe der genutzten Blütenteile. Das Gewürz, das wir daraus fertigen, regt unter anderem den Kreislauf an, heilt Kopfschmerzen und hilft bei Magengeschwüren.«
»Gut, schickt mir vier Pfund davon. Was habt Ihr sonst noch?«
»Braucht Ihr Düfte für Eure Gemächer oder um Euch selbst mit einer edlen Gewürznote zu umgeben? Ich biete Euch Weihrauch, Sandelholz und Mastix an, und natürlich …«, er zog ein Säckchen aus der Umhängetasche und rasselte damit, »trete ich Euch nicht unter die Augen, ohne Mandeln aus al-Andalus mitzubringen.«
Ein entzücktes Lächeln glitt über Alienòrs Gesicht. »Oh, Yazid, Ihr seid ein Verführer! Ihr wisst, wie sehr ich Mandeln liebe.«
Der Großvater verneigte sich. »Ich danke dem Allmächtigen, dass Er mir dieses Wissen gegeben hat, und Euch, dass Ihr mich ausgewählt habt, um Euch mit Gewürzen und anderen Waren zu beliefern. Möge der Erhabene Euch für Eure Großzügigkeit reich beschenken.«
Die Königin blickte Marie an. »Und wer ist dieses stille Mädchen, das Euch beim Tragen Eurer Ware hilft?«
»Das ist die Tochter meiner Tochter.«
»Wie ist dein Name, Pucelle?«
Marie machte eine tiefe Verbeugung. »Marie, Dame.«
»Du trägst ein sehr schönes Kleid.«
»Das ist eine Aljuba. Großvater hat sie mir geschenkt, weil doch am Hof alle so schöne Kleider tragen und er wollte, dass ich genauso schön aussehe.«
»Und? Tust du das?«
»Oc, Dame.«
Die Königin schmunzelte. »Du sprichst nòstra lenga?«
»Oc, Dame. Meine Großmutter und meine Mutter stammen aus Montpelhièr. Manchmal sprechen sie ihre Sprache mit mir, aber mein Vater möchte das nicht, weil er nichts versteht. Er ist in der Bretaigne geboren, aber aufgewachsen ist er in Paris. Er ist Maistre Tessier.« So, damit hatte sie ihre Aufgabe erledigt. Großvater war Zeuge, dass sie ihren Vater im Beisein der Königin erwähnt hatte.
»Dann verstehst du viele Sprachen.«
»Nicht so viele wie mein Großvater, Dame. Seine Vorfahren stammen aus al-Andalus, er selbst wuchs in Montpelhièr auf, und seit er Marchëant ist, reist er um die ganze Welt und spricht die Sprachen der Länder, in die er reist, fließend – oder zumindest gut genug, dass er darin verhandeln kann. Ich selbst habe viele Heiligenlegenden gelesen, und auch die Lieder über Roland und Guillelme. Meine Mutter und mein Großvater erzählen mir oft Geschichten in Arabic oder lesen sie mir vor, mein Vater singt manchmal bretonische Lais, aber nur ganz selten, an Feiertagen, wenn die Arbeit in der Weberei ruht. Meist ist er zu beschäftigt und verärgert.«
»Gefallen dir diese Geschichten?«
»Oc ben, Dame. Ich möchte noch viele mehr hören und lesen. Eines Tages schreibe ich sie alle auf, damit auch andere sie hören können.«
Mit einem rätselhaften Lächeln betrachtete die Königin sie.
Maries Bauch flirrte. Hatte sie etwas Falsches gesagt oder war sie wieder einmal zu vorlaut gewesen?
Gerade wollte sie sich entschuldigen, doch Alienòr kam ihr zuvor. »Was für ein wunderliches Kind du bist, Marie. Ich kenne viele Frauen – Äbtissinnen, Nonnen, Fürstinnen und Gelehrte –, die lesen können, aber keine überrascht mich so wie du, ein kleines Mädchen, das anscheinend nicht nur Franceis und Latein lesen kann, sondern auch noch viele andere Sprachen beherrscht und dessen Kopf voll von Geschichten ist. Sag, Pucelle, wie alt bist du?«
Marie warf einen Blick zum Großvater, der eine ermunternde Kopfbewegung machte. Sie schluckte, aber eine Königin ließ man besser nicht zu lange auf eine Antwort warten. »Dieses Jahr werde ich sieben Jahre alt, Dame.«
Die Königin nickte anerkennend. »Du sprichst nicht wie ein Mädchen deines Alters, und scheinst schon jetzt ohne Ausbildung über ein großes Wissen zu verfügen. Kannst du am Ende auch noch schreiben?«
»Nur ein wenig, Dame.«
»Ich denke, du solltest es unbedingt lernen. Wird dein Vater dafür sorgen?«
Marie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Nur wenn die Königin es ihrem Vater befahl, würde er sie Lesen und Schreiben lernen lassen. »Mein Vater sagt, dass Frauen lieber lernen sollten, wie man kocht und wäscht und einen Haushalt führt, anstatt sich mit Lesen und Schreiben zu beschäftigen. Nur Frauen im Kloster sollten das zu Ehren des Herrn tun.«
»Möchtest du Nonne werden, um Schreiben zu lernen?«
Die Königin stellte aber komische Fragen. Es lag doch nicht an Marie zu entscheiden, was sie machen wollte. Das tat doch ihr Vater. Sie biss sich auf die Lippe. Hoffentlich hatte sie das nur gedacht und nicht laut ausgesprochen. Was sollte die Königin sonst von ihr denken?
»Nun, du hast noch Zeit bis zu dieser Entscheidung«, sagte Alienòr, als keine Antwort kam. »Aber wie immer sie ausfällt, lass es mich wissen. Ich möchte erfahren, was aus dem kleinen wissbegierigen Mädchen wird.«
Marie verneigte sich tief. »Oc, Dame.« Sie sah hoch zu ihrem Großvater, der sie die ganze Zeit ungestört mit der Königin hatte reden lassen. Hätte ihr Vater sie begleitet, sie hätte nicht ein einziges Wort sagen dürfen. Er hätte alles Reden für sie übernommen. Ach was, wenn es nach ihrem Vater gegangen wäre, stände sie jetzt nicht in ihrer Aljuba in der prächtigen Großen Halle des Schlosses, sondern mit einem Arm voll gewebter Tücher an den stinkenden und blubbernden Gruben des Färbers.
* * *
Wehmütig verabschiedete Marie sich von dem Meer aus Farben, neben denen die in Erdtönen gehaltenen Stoffe aus der Weberei ihres Vaters erblassten. Kein Wunder, dass sich seine Waren mäßig verkauften! Bauern und Handwerker brauchten selten etwas Neues zum Anziehen und trugen zu besonderen Anlässen meist denselben Satz guter Kleidung. Ihnen reichte, was sie selbst – und günstiger – herstellten. Wem mehr Geld zur Verfügung stand, wie Kaufleuten und Adligen, der verschmähte ohnehin Tücher aus heimischer Wolle und nahm lieber Erzeugnisse aus Engleterre. Leinen und andere Stoffe besorgten sich diese Leute nicht vor Ort in Blois, sondern dort, wo man die beste Qualität bekam: in den Webereien im Nordwesten von Paris, in der Normandie oder auf den großen Märkten in der Champaigne, wenn es sich um hochwertiges Leinen der flämischen Händler oder ganz besonders teure Stoffe aus noch weiter entfernten Ländern handelte. Das war schlecht für Maries Vater, aber gut für den Großvater und für sie selbst. Denn Großvater belieferte mit seinen Gewürzen und Waren den Hof, und sie durfte ihn dabei begleiten. Sie hätte es zutiefst bedauert, wenn sie diese wunderbare Welt nie selbst gesehen, sondern darüber nur aus ihren Büchern erfahren hätte.
Auch die Menschen, die an diesem Ort verkehrten, die Art, wie sie miteinander sprachen, und die Lieder, die sie sangen und spielten, ließen alles wie ein fernes Märchenland erscheinen, durch das Marie sich wie im Traum bewegte. Zumindest ein paar der Gesänge der Dichter aus dem Süden und dem Norden des französischen Reiches kannte sie schon von den Darbietungen auf dem Marktplatz, konnte bestimmte Stellen mitsingen, auch wenn sie nicht immer genau wusste, was sie gerade sang. Hätte es sich um die Sprache in der Demaine des Königs gehandelt, das Latein der Gelehrten oder das Arabic ihres Großvaters, alles wäre leichter gewesen. Die Sprache der Troubadours kam ihr dank ihrer Großmutter zwar bekannt, aber nicht ganz verständlich vor – was sie nur noch mehr anstachelte herauszufinden, was die Worte bedeuteten.
Ohne Zweifel würde sie auch diese Sprache irgendwann verstehen, ebenso wie viele andere, die sie um sich hörte – ganz wie ihr geliebter Großvater, den sie nicht nur hinsichtlich seiner Sprachkenntnisse bewunderte. Er wusste einfach alles und hatte immer eine Antwort auf ihre Fragen, die er geduldig beantwortete, wenn Maries Vater längst losgeschrien hätte.
Der Karren hinter dem Esel rollte über den sandigen Untergrund zur Zugbrücke in den Vorhof. Marie lächelte still vor sich hin, bis der Großvater anhielt.
»Ich habe noch einen letzten Auftrag zu erledigen.« Er nahm die zwei übriggebliebenen Säckchen vom Karren. »Warum siehst du dich nicht solange ein wenig im Vorhof um?«
»Oc.« Marie führte den Esel über den Graben auf den großen Platz hinaus.
Das Schnarren einer Säge lockte sie zur ersten Hütte neben dem Eingangstor des Schlosses. Zum Rhythmus der Sägebewegung setzte sie mit tänzerischer Eleganz einen Fuß vor den anderen und breitete den freien Arm aus, als würde sie ein Publikum für ihren Tanz begrüßen.
In der Auslage lagen zahlreiche Holzarbeiten, von Löffeln und Schüsseln in verschiedensten Größen über kleine verzierte Kästchen bis hin zu geschnitzten Holzfiguren, die Menschen mit einem kleinen Kreis über dem Kopf sowie Engel kniend, betend und segnend darstellten. Jedes noch so kleine Detail in der Haut und den Kleiderfalten war zu erkennen. Wie lange man wohl brauchte, um so eine Figur zu schnitzen?
Marie ließ den Esel samt Karren vor der Auslage stehen und lugte durch die Tür an der Seite der Hütte. Im Werkraum sägte eine Gestalt mit kräftigen Bewegungen ein Holzbrett entzwei, das auf zwei hölzernen Böcken auflag. Rundherum stand alles, was für die Auslage zu groß war: Brotschieber, Besen, Handfeger, lange und kurze Holzstiele für Gartengeräte und Werkzeuge, Latten und Baumstämme für Möbel, riesige Platten für Tische und Türen, schwere Truhen sowie Räder in allen Größen. In der Mitte der Werkstatt stand ein gewaltiger Werktisch mit etwas, das wohl ein Stuhl werden sollte. Auf der rechten Seite der hinteren Wand erlaubte ein Türrahmen den Blick auf herabhängende Pfannen sowie einen großen tönernen Krug mit Deckel.
Neugierig trat Marie ein. So viele Werkzeuge! Äxte und Beile verschiedener Art, ein Hammer, ein massiver Schleifstein, aber auch feine Geräte wie Bohrer, Winkel und Lineal – und einige Werkzeuge, deren Namen sie nicht kannte. Wie die wohl hießen und was man mit ihnen machte? Sie fuhr mit den Fingern über ein Wagenrad, das ihr bis zur Schulter reichte.
»Pass auf, dass dir das Ding nicht auf die Füße fällt!«, warnte eine helle Stimme.
Marie sah sich um. Außer ihr gab es keinen weiteren Besucher in der Werkstatt. Sie betrachtete das Wagenrad, das wohl kaum mit ihr gesprochen hatte. Trotzdem machte sie sicherheitshalber einen Schritt zur Seite und schlenderte am schweren Tisch entlang.
Ein Krachen.
Sie schrie auf vor Schreck.
Schmunzelnd drehte die Gestalt sich zu ihr um und deutete mit der Säge auf die zwei Hälften des Brettes, die auf dem Boden lagen. »Ziemlich laut, was?«
Dieselbe Stimme wie vorhin.
Der junge Mann legte die Säge beiseite und sah sie erwartungsvoll an. »Was kann ich für dich tun, Pucelle? Oder sollte ich meinen fremdländischen Gast lieber mit ›As-Salaamu alaykum‹ begrüßen? Schöne Farbe.« Er deutete auf die Aljuba.
»Danke.« Verwirrt musterte Marie ihn. Er hatte ein jungenhaftes Gesicht mit samtweichen Augen. »Wo ist dein Meister?«
Er breitete lachend die Arme aus. »Er steht vor dir. Gestatten: Adelin, Maistre Charpentier im persönlichen Dienst ihrer königlichen Hoheit Alienòr d’Aquitaine. Dieser Laden gehört mir, und alles, was du darin siehst, stelle ich selbst her.«
»Du fertigst Möbel für die Königin an?« Marie wollte ihren Ohren nicht trauen.
»Nicht nur das, und nicht nur für sie.« Der Zimmermann straffte die Schultern. »Die Königin ist meine erste und bevorzugte Kundin, aber viele andere – Höflinge, Händler und reiche Stadtbewohner – fragen meine Dienste an. Sie wollen Türen, Truhen, Tische, Stühle, Werkzeuge und noch vieles mehr. Der Tag hat nicht genug Stunden, damit ich alle ihre Wünsche erfüllen kann. Du suchst nicht zufällig einen Ausbildungsplatz? Ich könnte einen Lehrling gut gebrauchen.«
»Ich als Lehrling eines Zimmermanns?« Das war so irrsinnig, dass es fast verlockend klang. »Das wird meinem Vater aber gar nicht gefallen.«
»Ist ein ehrenwerter Beruf.« Adelin hob die beiden Bretterhälften vom Boden auf. »Jesus und sein Vater waren Zimmermann.«
»Das sind Männer gewesen. Mädchen gehen nicht in die Lehre, um Zimmermann zu werden.« Wenn überhaupt, lernen sie etwas, das sie auch als Hausfrau und Mutter nutzen können, wie es mein Vater mir jeden Tag vorhält.
»Warum denn nicht, par Saint Thomas? Meine Schwester hat es auch getan. Nur die Meisterprüfung konnte sie nicht ablegen. Das dürfen nur Männer.« Adelin biss sich auf die Unterlippe.
Das war in der Tat eine interessante Frage. Warum sollten nicht auch Mädchen Zimmermann und sogar Meisterin werden dürfen? Adelin schien wegen seiner Schwester jedenfalls ein schlechtes Gewissen zu haben. »Was macht deine Schwester jetzt?«
Er zuckte mit den Schultern. »Hat sich nicht davon abhalten lassen und arbeitet jetzt als Zimmermann. Ist handwerklich ziemlich geschickt, das Mädchen. Besser als viele Männer, hat mein Vater immer gesagt.«
»So einen Vater hätte ich auch gerne!«
»Hört sich an, als wärst du mit deinem nicht zufrieden.« Adelin legte die eine Hälfte des zersägten Holzbrettes auf den Werktisch. »Sorgt er nicht gut für dich?«
Marie sah sich um. »Er … nun …« Sie konnte sich doch nicht einfach bei einem Fremden über ihren Vater beschweren. Was, wenn jemand das Gespräch belauschte?
»Denkt er, dass du nichts kannst, weil du ein Mädchen bist?«
»Nein. Nicht wirklich.« Doch, das tut er. »Ich spinne Wolle und helfe in seiner Weberei aus. Aber er mag es nicht, dass ich lese. Er sagt, Frauen sollten keine Bücher lesen.«
»Du kannst lesen? Wie alt bist du?«
Meinte er etwa, dass sie zu jung war, um lesen zu können? Sie hob das Kinn. »Alt genug, um an einem anderen Hof eine Ausbildung anzufangen, wenn ich adelig wäre.«
»Kannst du auch schreiben?«
»Oc, Latein und arabische Ziffern, weil ich doch aufschreiben muss, was mein Vater an Wolle geliefert bekommt und was er an Tuch verkauft und was mein Großvater im Lager hat.«
»Par Saint Thomas!« Adelin zupfte sich mit den Fingern an der Nasenspitze. »Ein so junges Mädchen, das schon als Schreiberin für andere arbeitet. Die Königin hätte ihre Freude an dir. Sie liebt es, gebildete und begabte Frauen um sich zu haben und zu fördern. Würde mich nicht wundern, wenn sie an dir Gefallen fände.«
Wie Maries Ohren plötzlich glühten.