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Bob Lee Swagger ist zurück. Es ist nur das Flüstern einer Spur, wie ein Hauch durch die Jahrzehnte. Aber das reicht aus, um das Interesse des legendären Scharfschützen Bob Lee Swagger zu wecken. Die Ereignisse des 22. November 1963, als John F. Kennedy starb, wurden nie wirklich aufgeklärt. Swagger begibt sich auf die Pirsch und stellt Fragen, die nur wenige zuvor gestellt haben. Die Ermittlungen führen ihn zu dem Geheimnis der letzten, dritten Kugel, die Lee Harvey Oswald an jenem Herbsttag in Dallas abgefeuert haben soll. Die Kugel traf den Kopf des Präsidenten, wurde aber nie gefunden. Schritt für Schritt kommt Swagger der endgültigen Wahrheit näher. Der Roman steigert sich zu einem explosiven Höhepunkt, der beweisen wird, was Bob Lee Swagger schon immer wusste: Es ist nie zu spät für Gerechtigkeit. Für viele ist Stephen Hunter der beste lebende Thriller-Autor. Stephen King: »Ich liebe die Romane von Stephen Hunter.« Andreas Pflüger: »Stephen Hunters Bob Lee Swagger ist die coolste Socke unter den einsamen Helden.«
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Seitenzahl: 826
Veröffentlichungsjahr: 2024
Aus dem Amerikanischen von Manfred Sanders
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe The Third Bullet
erschien 2013 im Verlag Simon & Schuster.
Copyright © 2013 by Stephen Hunter
Copyright © dieser Ausgabe 2024 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Titelbild: César Pardo
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-98676-161-5
www.Festa-Verlag.de
www.Festa-Action.de
Für späte Freunde, die mein Leben
so viel besser gemacht haben:
Gary Goldberg
Jay Carr
Ed DeCarlo
Frank Starr
Roger Troup
There’s something happening here
What it is ain’t exactly clear
There’s a man with a gun over there
Telling me I got to beware
I think it’s time to stop, children, what’s that sound?
Everybody look what’s going down
(»Irgendwas passiert hier,
Was, ist nicht ganz klar.
Da drüben steht ein Mann mit einer Waffe
Und sagt mir, ich soll mich in Acht nehmen.
Ich glaube, es ist Zeit, damit aufzuhören, Kinder –
was ist das für ein Geräusch?
Lasst uns nachsehen, was da los ist.«)
– »For What It’s Worth«, Buffalo Springfield
Teil I
USA
»There’s something happening here«
1
BALTIMORE
Der Bürgersteig vor ihm bockte und schwankte, aufgewühlt von dem kräftigen Wind, der durch die Nacht jaulte.
Nein, halt. Ändern wir das. Da war kein Bocken und Schwanken. Das Gleiche gilt für ›aufgewühlt‹ und den ›kräftigen Wind, der durch die Nacht jaulte‹.
Es kam Aptapton lediglich so vor, weil der Wind, der mit der Stabilität des Bürgersteigs spielte, nur in seinem Kopf ›jaulte‹. Es war die milde Abendbrise des Wodkas, und sie beeinträchtigte ganz entschieden seine Einschätzung der Solidität des kleinen Fleckchens Erde zwischen der Bar, die er gerade verlassen hatte, und dem Haus, in dem er nur wenige Hundert Meter entfernt wohnte.
James Aptapton – Alkoholiker, Journalist, Erfolgsautor, Melancholiker und Waffennarr – befand sich in dem Zustand, den man nicht mehr als Schwips, aber noch nicht als Vollrausch bezeichnen konnte. Er war ein Blatt im Wind, könnte man sagen, in jener schwerelosen Hochstimmung, wie sie drei Wodka Martini bei jemandem hervorrufen können, der nur mittelmäßig viel verträgt, und was vor ihm lag, mochte es auch eine gewisse Herausforderung darstellen, erschien ihm eigentlich nicht unüberwindlich. Schließlich musste er nur noch ein paar Schritte gehen, die Straße überqueren und dann …
Abschweifung. Innehalten für ein autobiografisches Zwischenspiel. Das ist erlaubt, wenn man einen im Kahn hat. Eine Assoziation führt zur nächsten, und in diesem Fall ist die Assoziation nur passend.
Die Straße hieß Light Street, und das legte einen mehr oder weniger hoffnungsvollen Abschluss des Abends nahe. ›Light‹ wie ›Licht‹ oder ›leicht‹. Leichten Herzens, Licht des Geistes, Licht am Ende des Tunnels, leichtfüßig, amüsant, magisch, geistreich, Licht als Symbol für Hoffnung und Leben. Aber auch: Light for All, ›Licht für alle‹, wie es eine berühmte Zeitung, deren Redaktionsgebäude sich ungefähr eine Meile entfernt in ebendieser Light Street befand, seit gut 175 Jahren verkündete, von denen Aptapton 26 dort angestellt gewesen war und wo seine Frau auch heute noch knechtete.
Ja, er war der James Aptapton, Journalist mit gewissem lokalem Bekanntheitsgrad, zu gewissem Ruhm gelangt als Autor von Büchern über Schießereien und die stoischen Helden, die siegreich aus ihnen hervorgingen, und jetzt, mit 65, war er unglaublich erfolgreich (in begrenztem Umfang) und sehr mit sich selbst zufrieden. Er hatte alles: eine schöne Frau, eine oder zwei Millionen auf dem Konto, ein hübsches Haus in einem fantastischen Teil der Stadt, ein kleines bisschen Berühmtheit (genug, um Freude daran zu haben), eine großartige Zukunft, einen lukrativen Vertrag über mehrere Bücher, ein echt cooles Projekt vor sich und jede Menge Waffen.
Der Grund für die drei Wodka Martini war Freiheit, nicht irgendein feierlicher Anlass. Seine Frau war nicht da, hahaha, ihr Pech! Sie war bei irgend so einer Frauensache von der Zeitung, eine Geburtstagsfeier vielleicht – warum nahmen Frauen Geburtstage eigentlich immer so ernst? –, und so war er allein zum nahe gelegenen Bistro spaziert und hatte sich einen Burger mit einem Bud gegönnt und dann Wodka Martini Nr. 1, der seine Entschlossenheit geschwächt hatte, W. M. Nr. 2 zu widerstehen, welcher seine Entschlossenheit zerstörte, W. M. Nr. 3 zu widerstehen. Glücklicherweise hatte es keinen W. M. Nr. 4 gegeben, sonst wäre er auf der Herrentoilette eingeschlafen.
Genau.
Wo war ich vor der Abschweifung?
Was ist das hier für ein Ort?
Wo bin ich gerade?
Hahahaha.
Ach ja: Der Jäger kehrt heim. Er war auf dem Weg nach Hause.
Die Straße neigte sich und schlingerte. Ein Stück voraus bäumte sie sich auf und kippte dann abwärts, um einen Blick ins Tal zu gewähren. Sie schaukelte. Sie schwankte. Sie zitterte, schüttelte sich, krümmte sich zusammen, warf Blasen, blubberte und machte Schwierigkeiten.
Er lachte.
Findest du dich amüsant?, fragte seine Frau ihn immer, und die Wahrheit war: Ja, er fand sich amüsant.
Die Stimmung, die ebenso wie die interessante Geografie durch von Kulakenabkömmlingen destillierte rote Kartoffeln chemisch verstärkt wurde, war ziemlich gut. Der James Aptapton war erkannt worden. Das kam vor. Selten zwar, aber es war nichts ganz Neues für unseren lokalprominenten Trivialautor.
»Mr. Aptapton?«
Auf halbem Weg durch Wodka Martini Nr. 3 hatte er zu einem ernsten jungen Mann aufgeblickt, vielleicht der stellvertretende Geschäftsführer.
»Ich wollte nur sagen, ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Mein Dad hat sie mir empfohlen. Ich liebe jedes einzelne Buch von Ihnen!«
»Na«, sagte Aptapton, »vielen Dank auch.«
Der junge Mann setzte sich und überschüttete Aptapton für eine Weile mit seiner Verehrung, und Aptapton bemühte sich, ihm als Gegenleistung eine authentische Aptapton-Begegnung zu bieten. Tatsächlich verlief die Transaktion für beide zufriedenstellend, und gegen Ende von W. M. Nr. 3 verschaffte eine Pause in der Lobhudelei Aptapton die Gelegenheit, sich würdevoll zu entschuldigen, Tom – Jack? Oder Sam? – Auf Wiedersehen zu sagen und sich aus dem Staub zu machen. Aus diesem Grund war seine Stimmung heiter und fröhlich. Er hatte gerade die Light Street überquert, und jetzt lag nur noch die schmale Gasse, die Churchill hieß, zwischen ihm und seinem Ziel: der Horizontalen seines Bettes.
Der Russe beobachtete ihn aus dem gestohlenen schwarzen Camaro, der in der Light Street parkte. Dies schien der geeignete Abend zu sein. Er beschattete den Mann jetzt seit drei Tagen auf seine geduldige, professionelle Weise, und ein nicht geringer Teil seines Talents bestand darin, genau zu wissen, wann die Umstände günstig für ihn waren und wann nicht.
Denn jetzt kamen über den mitgehörten Polizeifunk die üblichen Bullen-Zahlencodes und lakonischen Ortsangaben, die darauf hindeuteten, dass hier in der unmittelbaren Umgebung von Federal Hill mit keiner Polizeipräsenz zu rechnen war. Und es war spät genug, dass in diesem nächtlichen Bezirk nicht mehr viel los war und die feucht glänzenden Straßen größtenteils leer waren und nur gelegentliche Grüppchen betrunkener junger Leute hierhin und dorthin wankten. Und schließlich war die Zielperson aufgetaucht, funktionell beeinträchtigt durch Alkohol und Selbstliebe, und stolperte jetzt die Straße entlang.
Der Russe sah einen Mann in Jeans und Tweedjacke mit einer Schriftstellerbrille, Trotzki aus einem Orwell-Roman mit Armanijacke oder irgendwas in der Art. In New York sah man solche Brillen. Der Mann hatte ein rundes, zufriedenes Gesicht mit einem Bart wie Hemingway, um seine Hängebacken zu verbergen, und Narzissmus strahlte mächtiger von ihm aus als jedes andere menschliche Attribut. Teure Schuhe. Schöne Schuhe. Ein Mann, der es zu etwas gebracht hatte.
Sofern sich nicht irgendeine unvorhersehbare Schicksalsmacht einmischte, die besondere Sympathien für Thrillerautoren hegte, würde es wohl heute Abend geschehen. Der Russe glaubte nicht an unvorhersehbare Schicksalsmächte; er glaubte an die Fähigkeit eines schnellen Wagens, einem armen, nichts ahnenden Idioten wie dem hier in 100 Prozent aller Fälle das Rückgrat zu brechen. Er hatte es gesehen, er hatte es selbst getan, er besaß die Nerven, die Coolness und die Herzenskälte, um eine solche Tat ohne große emotionale Beteiligung zu begehen. Er war ein Profi und wurde gut bezahlt.
Die Zielperson des heutigen Abends schaffte es trotz ihrer alkoholbedingt unkoordinierten Gliedmaßen, die Light Street zu überqueren, ohne hinzufallen. Der Mann navigierte mit der für Betrunkene typischen Übertreibung. Eine schwungvolle Vorwärtsbewegung, aber ohne die nötige Feinkontrolle; er bewegte sich dahin, wohin sein Schwung ihn zog, nicht wohin er zielte, und im letzten taumelnden Moment stolperte er durch eine Seitwärtskorrektur wie bei einer übertriebenen Clownsvorstellung.
Das alles bedeutete dem Russen nichts, denn er fand nichts lustig. Entfernungen, Winkel und Oberflächen dienten ihm nur dazu, Beschleunigung in Aufprallgeschwindigkeit umzurechnen. Er brachte die beiden herausgerissenen Drähte der Zündung in Kontakt, und das Automobil erwachte zum Leben. Der Russe hielt nichts von Angeberei oder Klischees, deshalb drehte er nicht den Motor im Leerlauf hoch, um die Pferde unter der Haube aufbrüllen und den Auspuff toxische Gase ausrülpsen zu lassen. Gemächlich legte er den ersten Gang ein, lenkte auf die leere Straße und wartete einen Moment, denn er musste die letzten drei Sekunden der Beschleunigungszeit in der Gasse zurücklegen, um auf 80 Stundenkilometer zu kommen, die tödliche Aufprallgeschwindigkeit.
Auf beiden Seiten war nichts außer Baltimore. Am Eingang der Churchill – auf der einen Seite flankiert von einer Kirche und auf der anderen von einem der typischen Baltimore-Reihenhäuser, die für die kleinen Menschen der 1840er-Jahre gebaut worden waren – richtete Aptapton seinen Kurs neu aus und wankte in den Durchgang. Auf den Stadtplänen war die Churchill als vollwertige Straße verzeichnet, aber sie war vor vielen Jahren als bloße Gasse angelegt worden, mit winzigen Backsteingebäuden, die als Wohnungen für das Personal dienten oder als Betriebsgebäude für die größeren Häuser vorn an den stolzeren, breiteren Straßen. Über 100 Jahre war dieser Durchgang von Schweine- und Pferdemist beherrscht worden, vermischt mit dem Blut und Schweiß der Afroamerikaner und Einwanderer. Hier hatten die unsichtbaren Diener gelebt, die den Bewohnern der großen Häuser ein Leben in Bequemlichkeit und Luxus ermöglichten.
Später wurde es zum unvermeidlichen Slum, aber der Zustand erwies sich nicht als fatal, da die Gebäude zu pittoresk waren, um sie einfach abzureißen. Jetzt war natürlich die Gentrifizierung hier angekommen, in der Gestalt malerischen Kopfsteinpflasters, das meistens feucht glänzte wie in einem Werbeprospekt, kleiner Pseudo-Gaslaternen, jeder Menge Gartengestaltung und Fassadenanstrichen, und jedes winzige Gebäude war von innen her grunderneuert worden, um Nistplätze für die hippen Yuppies zu schaffen. Während Aptapton, der Aptapton, durch die Gasse wankte, amüsierte er sich damit, sich sexuelle Perversionen auszudenken, die sich in den Häusern zu beiden Seiten der Churchill abspielen könnten. Dann hörte er Motorengeräusche.
Argh. Das bedeutete, er musste seinen etwas träge reagierenden inneren Kreiselkompass neu justieren und sich selbst vom Kopfsteinpflaster herunter auf den schmalen Gehweg bugsieren. Er hörte ein Bassknurren, das aus tiefer Brust zu kommen schien, und drehte sich um.
Keine 50 Meter entfernt konnte er die Stromlinienform des Camaro erkennen und spürte, wie er von dessen Scheinwerfern erfasst wurde. Immer ein freundlicher Mensch, hob er die Hand und lächelte, um anzuzeigen, dass er sich der überlegenen Kraft beugen und mannhaft den Versuch unternehmen würde, die Schwelle des Bordsteins zu erreichen. Gleichzeitig erinnerte ihn die ganze Sache an irgendetwas, und das ließ ihn reglos erstarren, während sein Verstand in seinen Unterlagen blätterte.
Schließlich hatte er es: ein Bild aus einem seiner eigenen Bücher.
Hatte er nicht eins geschrieben, in dem der Bösewicht, so eine Art Autogenie, Camaros und Chargers und Trans Ams benutzte, um Leute umzubringen? Er hatte es mal mit etwas anderem versuchen wollen als mit Schusswaffen und war zu PS-starken Boliden als Waffen der Wahl übergegangen. Aber das schien niemandem besonders gut gefallen zu haben. In einem Buch hatte er es auch mal mit Schwertern versucht, was auch nicht besser geklappt hatte. Er war nun einmal ein Waffennarr, also blieb er am besten auch dabei.
Jedenfalls erinnerte ihn die augenblickliche Situation sehr an eine Szene in Abend des Donners, wie er das Buch genannt hatte, und er musste lachen (»Findest du dich amüsant?«) über dieses Ding am Ende der Gasse, leicht verschwommen im blendenden Licht der Scheinwerfer, aber schlank und schwarz und feucht und mit den seltsamen Lichtbrechungen der Straßenlaternen und Hauslampen, die magisch auf seiner glänzenden Haut blitzten – Film noir in Reinkultur.
Es kommt aus meinem Unterbewusstsein!, dachte er.
In der nächsten Sekunde beschleunigte der Wagen.
Er kam mit einer Geschwindigkeit auf ihn zu, die er nie für möglich gehalten hätte, als hätte er den Warpantrieb eingeschaltet, dass die Sterne nur so verschwammen, und lange bevor Aptapton diese Information verarbeitet hatte, flog er schon durch die Luft.
Er flog.
Da war kein Schmerz, obwohl der Stoß, den er erhalten hatte, wirklich mächtig gewesen sein musste. Und auch als er mit der Erde wieder vereint wurde, in einem zerbrochenen und ruinierten Häufchen, spürte er keinen Schmerz. Er lag verkrümmt auf dem Kopfsteinpflaster und dachte: Oh, sie wird ja so sauer auf mich sein. Denn er wusste, dass er großen Ärger mit seiner Frau bekommen würde.
2
IDAHO
In Cascade ging jeder zu Rick’s. Sogar Swagger.
Er tauchte hin und wieder dort auf, vielleicht drei-, viermal im Monat, umweht von Legenden, isoliert durch seinen Ruf und eingehüllt in Zurückhaltung. Er saß allein am Tresen und trank ein paar Tassen Kaffee, schwarz. Jeans, alte Kampfstiefel, irgendeine Jacke und eine verblichene rote Razorbacks-Baseballkappe. Er hätte ein Wanderarbeiter oder ein Trucker sein können, ein Rancher oder ein Revolverheld. Sein Körper war schlank und groß, ohne ein Gramm Fett, leicht angespannt, aber auch eine gewisse Gefahr ausstrahlend. Wenn er kam, dann kam er immer um fünf Uhr morgens, mit den Ranchern. Man sagte, er habe Probleme mit dem Schlafen – andere Gäste sagten das, denn der Mann selbst sprach kaum ein Wort –, und wenn er noch wach sei, wenn die Sonne über den Rand der Welt lugte, dann fahre er von seinem Haus an der 144 zu Rick’s, weniger um die Gesellschaft anderer zu genießen, sondern um sich zu vergewissern, dass es die Gesellschaft noch gab.
Das war im Großen und Ganzen auch der Daseinszweck des Rick’s. Das Essen war nicht der Rede wert – das Lokal war in erster Linie ein Frühstücksschuppen, dessen Imbisskoch so ziemlich jede Möglichkeit kannte, ein Ei zu massakrieren, und ein Talent für die richtige Knusprigkeit, Fettigkeit und Saftigkeit von Bratkartoffeln besaß; und die Frühaufsteher – die die Wirtschaft von Cascade am Laufen hielten, Steuern zahlten, die Mexikaner anheuerten, den Jägern im Herbst für eine Woche als Führer dienten und den Schnee von den Straßen räumten – kehrten hier ein, um sich für das, was der lange Tag an ehrlicher Arbeit für sie bereithielt, zu stärken. Swagger, selbst eher zurückhaltend, schien die Gesellschaft zu mögen, die Flachsereien der Rancher, die Footballgespräche und das Geschimpfe über das Wetter, denn er wusste, dass ihn kein Dummkopf mit Fragen, Anliegen oder Angeboten belästigen würde und dass diese hart arbeitenden Gentlemen, die gern herumalberten, aber keine großen Reden schwangen, immer nach den Regeln spielten.
Die Rancher ihrerseits wussten nur das, was sie gehört hatten, auch wenn sie nicht mehr genau wussten, wo sie es gehört hatten. Kriegsheld. Ehemaliger Marine. Eine Menge Sondereinsatzkram in einem Krieg, den wir verloren hatten. Angeblich der beste Schütze im ganzen Westen, oder auf jeden Fall ein verdammt guter Schütze. Waffenexperte, hatte viel Zeug von MidwayUSA und Brownells. Eine spät geborene Tochter japanischer Herkunft, Roping-Meisterin der Mädchen unter zwölf und anscheinend auf dem Pferderücken zur Welt gekommen. Wunderschöne Frau, die lieber für sich blieb und die Ställe verwaltete, die der Familie in drei Bundesstaaten gehörten, oder waren es vier? Erfolgreicher Geschäftsmann. Kannte die große, weite Welt und hatte sich entschieden, in dieser hier zu leben. Ein Kerl aus einem Film, sagte jemand, und jemand anders sagte: Nur dass sie solche Filme heute nicht mehr machen. Und alle lachten und stimmten ihm zu.
Das war der entspannte Waffenstillstand, der im Rick’s herrschte, und selbst Rick und seine beiden Mitarbeiterinnen Shelly und Sam schienen kein Problem damit zu haben. Jedenfalls bis die Chinesin auftauchte.
Okay, vielleicht war sie keine Chinesin. Sie war Asiatin, von unbestimmtem Alter irgendwo zwischen jung und nicht mehr jung, mit einer kräftigen Nase und dunklen, klugen Augen, die Stahl durchbohren konnten. Obwohl sie es selten zeigte, hatte sie ein Lächeln, das Herzen brechen und Meinungen ändern konnte. Sie war klein, einigermaßen vollbusig und sah verdammt hart aus für eine Person, die an den richtigen Stellen weich zu sein schien.
Sie tauchte um fünf auf, setzte sich an den Tresen, bestellte Kaffee und las zwei Stunden lang etwas auf ihrem Kindle. Um sieben ging sie. Gab gute Trinkgelder. Freundlich, distanziert, suchte keinen Kontakt und war gleichzeitig vollkommen unbeeindruckt vom maskulinen Feuer der Rancherbande, die sich um fünf Uhr morgens im Rick’s herumtrieb.
Zwei Wochen lang kam sie täglich, ließ keinen Tag aus, suchte nie Kontakt, wahrte ihr Schweigen und ihr Geheimnis. Die Männer brauchten nicht lange, um herauszufinden, dass keiner von ihnen von Interesse für diese kluge, zurückhaltende Schönheit war, also musste sie wegen Swagger hier sein. Sie stellte ihm nach. Eine Reporterin, eine Buchautorin, eine Hollywoodagentin, irgendeine Person, die sich eine Möglichkeit ausrechnete, ein bisschen Geld mit den wie auch immer gearteten Geheimnissen zu machen, die Swaggers starres Kriegsmaskengesicht ohne Murmeln oder Zittern verbarg. Doch als er hereinkam, sprach sie ihn nicht an, genauso wenig wie er sie – denn natürlich bemerkte er sie sofort, so, wie er alles sofort bemerkte. Die beiden saßen getrennt von einem leeren Barhocker am Tresen, beide tranken schwarzen Kaffee, während sie las und er grübelte oder sich erinnerte, oder was immer er tat, wenn er hierherkam.
Dieses Ritual ging noch eine oder zwei Wochen so weiter und hielt die Gerüchteküche von Cascade auf Trab. Schließlich – fast so, als läge ihm mehr daran, die Plappermäuler der Stadt zufriedenzustellen, als dass er es aus eigenem Antrieb heraus tat – ging er zu ihr hinüber. »Ma’am?«
»Ja?« Sie blickte auf. Im Licht sah er, dass sie sehr schön war.
»Ma’am, die Leute hier scheinen zu glauben, dass Sie in der Stadt sind, um ein Schwätzchen mit einem Mann namens Swagger zu halten. Ich bin Swagger.«
»Hallo, Mr. Swagger.«
»Ich wollte Ihnen weitere Umstände ersparen, denn ich kann mir vorstellen, dass Sie Ihre Zeit an wesentlich besseren Orten als im Rick’s in Cascade verbringen können. Ich habe mich im Wesentlichen zur Ruhe gesetzt, und wenn Sie hier sind, um mich zu treffen, dann muss ich Sie enttäuschen. Ich treffe mich mit niemandem. Meine Frau, meine Töchter, mein Sohn – mehr Gesellschaft brauche ich nicht. Ich sitze nur noch im Schaukelstuhl und sehe der Sonne dabei zu, wie sie über den Himmel wandert. Mehr tue ich nicht. Meine Frau macht die Arbeit. Also was auch immer Sie von mir wollen – ich kann Ihnen eine Menge Zeit ersparen, indem ich Ihnen sage, dass es sehr wahrscheinlich nicht passieren wird. Und das war jetzt mehr, als ich im ganzen letzten Jahr geredet habe, also halte ich besser die Klappe.«
»Ist schon in Ordnung, Mr. Swagger«, sagte sie. »Zeit spielt keine Rolle. Ich bleibe Jahre, wenn es sein muss. Ich habe mich auf etwas Langfristiges eingestellt.«
Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er wusste nur, dass er nicht den geringsten Bedarf hatte, in das zurückzukehren, was er im Jargon jenes Kriegs vor so vielen Jahren die Welt nannte. Jedes Mal wenn er dorthin ging, kostete es ihn etwas. Beim letzten Mal hatte es ihn eine Frau gekostet, für die etwas zu empfinden er sich erlaubt hatte, und er hatte nicht vor, diesem Kummer noch einmal zu begegnen, jedenfalls nicht während seiner wachen Stunden. Mit zwei Töchtern und einem Sohn hatte er genug, worum er sich Sorgen machen konnte, und mit 66 Jahren, einem künstlichen Hüftgelenk, genug Narbengewebe an seinem schäbigen alten Körper, dass es auf Satellitenaufnahmen zu sehen war, und so vielen Erinnerungen an sterbende Menschen brauchte er keine weiteren Abenteuer mehr, keine weiteren Verluste, keinen weiteren Kummer. Er hatte Angst davor.
Und dann sagte sie: »Ich weiß über Sie Bescheid und über das, was Sie im Krieg getan haben. Es scheint mir ein Beruf zu sein, in dem Geduld sehr wichtig ist. Sie sitzen da und warten. Sie warten, Sie warten, Sie warten. Habe ich recht?«
»Warten macht einen großen Teil davon aus, Ma’am.«
»Nun, ich kann nichts tun, um Sie zu beeindrucken. Ich kann nicht schießen, nicht reiten, nicht klettern, nicht kämpfen. Kein Buch, das ich gelesen habe, würde Sie in Erstaunen versetzen, keine Leistung, die ich vollbracht habe, für Sie von Interesse sein. Aber ich werde Ihnen Geduld demonstrieren. Ich werde auf Sie warten. Diese Woche, nächste Woche, diesen Monat, nächsten Monat und immer weiter. Ich werde auf Sie warten, Mr. Swagger. Ich werde Sie mit meiner Geduld beeindrucken.«
Es war eine grandiose Antwort, eine, mit der er nie gerechnet hätte. Nicht die kleinste Regung zeigte sich auf dem harten Eisenschild seines Gesichts. Vielleicht blinzelten seine Eidechsenaugen, oder er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, denn er war ein vertrockneter alter Kauz, misstrauisch und zurückhaltend, der Geräusche machte, wenn er sich bewegte, denn das eine oder andere Abenteuer hatte ihm ein Hinken beschert, und auch wenn der Wind und die Sonne seinem Gesicht den Ton von Navajo-Töpferware verliehen hatten, hatten seine Augen jegliche Farbe verloren und waren nur noch reptilische Iriden, unbefleckt von jeglicher Emotion.
»Gut, Ma’am«, sagte er. »Dann warten wir.«
Es dauerte mehr als drei Wochen. Jedes Mal wenn er auftauchte, rechnete er damit, dass sie fort war. Aber da war sie, saß in der Ecke, ohne aufzublicken, ihr Gesicht beleuchtet vom Schein ihres Lesegeräts oder was immer es war. Zehn Tage lang kam er nicht ins Rick’s und war sich sicher, dass sie das vertreiben würde. Aber er irrte sich.
Schließlich, nach der Hälfte der vierten Woche, ging sie durch das Gewimmel der Pick-ups, die zum ersten Arbeitseinsatz des Tages aufbrachen, zu ihrem Mietwagen und sah Swaggers schwarzen Ford F-150 direkt daneben stehen. Er lehnte am Kotflügel, finster und schlank unter seiner Baseballkappe, ein Fremder ohne Namen, ein Shane, ein Trucker abseits der Interstate.
»Also gut«, sagte er. »Wenn Sie auf Geld aus wären, hätten Sie längst aufgegeben. Wenn Sie verrückt wären, hätte das Gequatsche dieser alten Männer Sie längst in die Klapse getrieben. Ich spüre eine Sturheit in Ihnen, die normalerweise auf ein edleres Ziel hindeutet. Sie haben gewonnen. Ich gebe Ihnen, was Sie wollen, jedenfalls soweit ich kann, und bleibe mein eigener Herr.«
»Ich will nicht viel«, erwiderte sie. »Es geht nicht um Geld oder Verträge oder irgendwelche Winkelzüge. Ich komme nicht aus der schicken großen Stadt, sondern aus einem bescheidenen Arbeiterkaff namens Baltimore. Ich will nur Ihre Einschätzung, mehr nicht. Sie wissen Dinge, die ich nicht weiß. Ich möchte Ihnen etwas zeigen, und dann möchte ich, dass Sie mir sagen, ob etwas dran ist oder ob es nur Spinnerei ist oder Zufall oder was auch immer. Das ist alles, nur dass ich das Beste vergessen habe: Es ist sehr öde und langweilig.«
»Na gut«, sagte er. »Sie haben sich das Recht verdient, mich zu langweilen. Langweilen Sie mich, kein Problem. Können wir uns morgen um zwei im TGIF’s an der Interstate in Iron Springs treffen? Der Laden ist ein Dreckloch, aber es ist dort immer laut und voll, und niemand wird Notiz von uns nehmen. Wir werden Kaffee trinken und reden. Ich habe mich für den Laden entschieden, weil ich nicht will, dass die alten Böcke hier ganz wuschig werden, wenn sie uns zusammen sehen.«
»In Ordnung, Mr. Swagger. Bis morgen.«
Sie war pünktlich und fand ihn an einem Tisch in der hinteren Ecke des grellbunten Restaurants, dessen kitschige Fröhlichkeit einen starken Kontrast bildete zu seiner ernsten Miene und all den Tälern und Ebenen seines verkniffenen alten Gesichts mit seinen Faltendeltas, die von beiden Augen ausgingen wie die vertrockneten Katarakte eines uralten Flusses der Könige. Aber vielleicht – wenn man die ganze Kriegerromantik beiseiteließ – war er auch nur ein alter Kerl, der einiges hinter sich hatte. Derweil brodelte und wimmelte die Sorte Menschen, die die Interstate als Inbegriff von Freiheit und Paradies betrachteten, überall in dem gut besuchten Lokal, machte Lärm, aß Eiscreme, schrie Kinder an und legte all die Unzufriedenheit der motorisierten Zivilisation, die man nur aufbringen konnte, an den Tag.
»Ma’am? Ich weiß noch nicht mal, wie Sie heißen.«
Sie setzte sich ihm gegenüber. »Mein Name ist Jean Marquez. Ich bin philippinischer Herkunft, aber hier geboren und aufgewachsen. Von Beruf bin ich Journalistin, allerdings geht es hierbei nicht um eine Story und ich arbeite in diesem Moment auch nicht für meine Zeitung. Ich bin die Tochter von zwei Medizinern, 55 Jahre alt und Witwe.«
»Mein Beileid, Miss Marquez. Ich habe selbst ein paar mir nahestehende Menschen verloren und kenne den Schmerz.«
»Das dachte ich mir schon. Aber nennen Sie mich doch Jean. Jeder nennt mich so. Mein Mann war James Aptapton. Sagt Ihnen der Name was?«
»Hmm«, machte er, und tatsächlich klingelte bei dem Namen etwas. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er sein Gedächtnis absuchte, und schließlich sagte er: »Mir fällt dazu ein Schriftsteller ein. Hat was über Scharfschützen geschrieben? Kannte sich mit Waffen aus, stimmt’s? Ich glaube nicht, dass ich ihm je begegnet bin oder eins seiner Bücher gelesen habe, aber der Name ist mir hier und da über den Weg gelaufen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke – man hat mich mal gefragt, ob ich einer der Helden bin, über die er geschrieben hat, ein Billy Don Trueheart oder so was in der Art?«
»So was in der Art. Ja, Jim war ein Waffennarr. Er war einer dieser Menschen, die Waffen lieben, und wenn man 20 Jahre mit ihm zusammengelebt hat, so wie ich, ist man daran gewöhnt, dass es überall von Waffen wimmelt. Irgendwann war er wohlhabend genug, um 17.000 Dollar für ein Thompson-Maschinengewehr auszugeben. Wenn Sie mal eine Tommy Gun mieten wollen, sagen Sie Bescheid. Ich mache Ihnen einen fairen Preis.«
»Merke ich mir, aber ich hoffe, dass meine Thompson-Tage hinter mir liegen.«
»Jedenfalls, die Waffen überall, die Waffenzeitschriften, die Biografien von Leuten wie Elmer Keith und John M. Browning, die toten Tierköpfe an den Wänden – das alles war das, was er war, und das wusste ich von Anfang an und habe es akzeptiert. Nicht seine politischen Ansichten, aber diese Waffensache, die war okay, denn er war immer sehr witzig dabei, so wie er bei allem witzig war. Und er war immer freundlich, und auch als der Erfolg kam, wurde er nie zu einem Arschloch, sondern blieb er selbst und anständig zu seinen Kindern, meiner Familie, seiner Mutter und den Menschen, die er kannte. Es ging ihm nie darum, an dem Tisch zu sitzen, an dem die coolen Kids saßen. Es ging ihm nur darum, Waffen zu kaufen, Wodka zu trinken und Leute zum Lachen zu bringen. Jeder, der ihn kannte, vermisst ihn und wird ihn noch lange vermissen.«
»Geht es hierbei um seinen Tod?«
»Ja. Der Idiot ging eines Abends in eine Bar und trank drei Wodka Martini statt des einen erlaubten. Er ging zu Fuß nach Hause, völlig benebelt, und schaffte es, sich von einem fahrerflüchtigen Autofahrer umbringen zu lassen. Es war ein gnädiger Tod, heißt es, angeblich ging es sehr schnell.«
»Das tut mir leid. Hat man den Fahrer geschnappt?«
»Nein. Das ist ein Teil des Problems. Wie es aussieht, werden jedes Jahr mehr als 2000 Menschen bei Unfällen mit Fahrerflucht getötet und über 98 Prozent der Fälle werden aufgeklärt. Aber es gibt Fälle, die nicht geklärt werden, und es besteht die vage Möglichkeit, dass er ermordet wurde. Ich weiß, wahrscheinlich war es nur ein zugedröhnter Methjunkie in einer frisierten Karre, der einen alten Mann über die Straße taumeln sah und Gas gab. Aus Übermut, aus Spaß, weil es sich gut anfühlte – was weiß ich. Aber … vielleicht auch nicht.«
»Ich habe einige unliebsame Erfahrungen mit einem Mann gemacht, der mit Autos tötete. Für einen Profi hinterm Lenkrad kann es eine tödliche Waffe sein. Ich nehme an, Sie werden mir jetzt sagen, warum es Mord gewesen sein könnte.«
»Genau. Das ist jetzt der langweilige Teil. Vielleicht sollten Sie sich lieber noch einen Kaffee bestellen.«
»Ich mag Ihren Mann. Ich mag Sie. Ist schon okay. Nur zu, versuchen Sie mich zu langweilen.«
»Wie gesagt, es ist eine Geschichte, in der fast nichts passiert. Es gibt keine fesselnden Charaktere, keine plötzlichen Schicksalswendungen, keine spektakulären Enthüllungen, keinen Humor, keine Dramatik. Es geht um etwas, das sich vor langer Zeit an einem Arbeitsplatz ereignet hat.«
»So weit, so gut.«
»Es lässt sich nicht verifizieren. Viele Teile sind unklar. Es könnte ein Schwindel sein, aber es ist so öde, dass ich mir nicht vorstellen kann, was für einen Nutzen irgendjemand davon haben sollte. Die genauen Daten habe ich nicht. Es wurde zuerst in einem Brief erwähnt, dann Jahre später in einem weiteren Brief und noch einmal Jahre später in einem dritten. Ich habe keinen dieser Briefe gelesen und die großen zeitlichen Abstände deuten auf ein allmähliches Verblassen einer ohnehin schon schwachen Erinnerung hin. Dazu kommt, dass ich nur das weiß, was mein Mann mir erzählt hat, und ich muss gestehen, dass ich ihm nicht besonders aufmerksam zugehört habe, deshalb ist meine Erinnerung daran ebenfalls fragwürdig. Alles in allem ist es als Motiv für ein Verbrechen eine ziemlich jämmerliche Angelegenheit.«
»Aber es lässt einen nicht los …«
»Ja, genau. Es ist hartnäckig. Man denkt, man hat es abgehakt, und macht mit seinem Leben weiter, und dann kommt es mitten in der Nacht zurück und rüttelt einen aus dem Schlaf. So ist es den drei Briefeschreibern ergangen und auch meinem Mann. Und so ist es mir ergangen – so oft, dass ich mich schließlich über einen gewissen Mr. Bob Lee Swagger schlaugemacht und ihn in einem unbedeutenden Schnellrestaurant in einem halb verfallenen Nest namens Cascade, Idaho, ausfindig gemacht habe, wo ich fast zwei Monate investiert habe, um mir eine Audienz bei ihm zu verdienen.«
»Das mit dem Nichtloslassen ist sehr interessant. Bis jetzt bin ich ganz Ohr.«
»Am Anfang steht ein junger Mann, der gerade erst seinen Abschluss an einer Ingenieurschule in Dallas, Texas, gemacht hat. Der Zeitpunkt ist unbekannt, aber ich vermute Mitte der 70er-Jahre. Er ist klug, ehrgeizig, fleißig, anständig. Er möchte gern bei einem Bauunternehmen arbeiten und riesige Gebäude errichten. Der erste Job, den er bekommt, ist was für Einsteiger, bei einer Aufzugsfirma.«
»Aufzüge?«
»Genau. Nicht gerade glamourös. Aber in Aufzügen, die wir alle als selbstverständlich betrachten, steckt eine Menge Ingenieursleistung. Sie werden detailliert geplant, sorgfältig gewartet, unterliegen strengen Vorschriften, und niemand, der mit ihnen zu tun hat, betrachtet irgendetwas als selbstverständlich. Die Firma, für die der junge Mann arbeitet, baut die Dinger ein und wartet sie vertragsgemäß, damit sie die jährliche Kontrolle bestehen und keine Leute 50 Stockwerke tief abstürzen.«
»Klingt vernünftig.«
»Es ist eine harte, miese Arbeit. Die Schächte und Maschinenräume, in denen die Motoren und Seilzüge untergebracht sind, sind dunkel, schlecht belüftet und stickig. Damals noch mehr als heute. Es ist sehr eng und man muss sich ziemlich winden und krümmen, um an irgendwas ranzukommen. Die Arbeit ist stressig und geschieht unter großem Zeitdruck, denn die Gebäudebetreiber hassen es, wenn sie die Aufzüge stilllegen müssen, und die Bewohner hassen es und überhaupt jeder. Ich denke, Sie können sich ein ungefähres Bild machen.«
»Kann ich.«
»Dieser junge Mann und seine Kollegen befinden sich also im Maschinenraum auf dem Dach eines bestimmten Gebäudes, sie haben Lampen aufgestellt und sie messen die Abnutzung der Drahtseile, der Zahnräder, der Elektromotoren, sie ölen alles und versuchen, so schnell zu arbeiten, wie sie können, um den ›Kasten‹, wie sie es nennen, wieder in Betrieb zu bringen. Es ist heiß, eng und bis auf die Lampen dunkel. Nicht schön, nicht lustig, und plötzlich – krabauz!«
»Krabauz?«
»Einer der Arbeiter – vielleicht um sich kurz anzulehnen, vielleicht um einem Kollegen Platz zu machen, vielleicht um irgendwas zu tun, das man im Maschinenraum eines Aufzugs tut – stößt gegen etwas an der Wand, und es gibt ein lautes Krachen und das Geräusch von irgendwas, das zu Boden fällt, eine beißende Staubwolke wallt auf, alle husten und röcheln. Alle Taschenlampen richten sich darauf und man sieht, dass der Mann gegen ein Regal an der Wand gestoßen ist, und aus irgendeinem Grund – weil die Schrauben rostig waren oder sich gelöst haben, weil die Mauersteine oder der Gips oder was auch immer nachgegeben hat, vielleicht das Metall ermüdet war – ist durch den Stoß das, was in dem Regal war, heruntergefallen. Das war jetzt übrigens die Actionszene. Das Regal bricht zusammen, aufregender wird’s nicht.«
»Mein Herz schlägt so heftig, dass ich es kaum aushalten kann.«
»Jetzt kommt der langweilige Teil. Die Männer finden heraus, was das Problem des Regals ist, und schaffen es irgendwie, es wieder aufzustellen und den Kram wieder einzuräumen. Bei dem Kram handelt es sich um Teppichreste. In der Lobby des Gebäudes gibt es einen weitläufigen Teppichboden, und beim Verlegen sind Reste übrig geblieben, von denen man dachte, dass man sie vielleicht zum Ausbessern gebrauchen kann, und da gab es dieses Regal im Maschinenraum des Aufzugs, also entschied irgendjemand, dass das ein guter Ort sei, um die Reste aufzubewahren, wo sie niemanden stören.«
»Klingt ziemlich topsecret.«
»Und jemand sagt: ›He, seht mal da.‹ Wäre cool, wenn es ein Gewehr wäre, hm? Oder eine Schachtel Munition, ein Zielfernrohr, ein geheimes Funkgerät, irgendwas James-Bond-mäßiges.«
»Das wäre in der Tat sehr interessant.«
»Sorry. Es ist nur ein Mantel. Ich sagte doch, dass es eine langweilige Geschichte ist.«
»Sie ist nicht ganz uninteressant. Fahren Sie fort.«
»Es stellt sich als Herrenmantel heraus, XL, hellbrauner Gabardinestoff, sehr gute Qualität, in extrem gutem Zustand. Fast wie neu. Der Mantel wurde sorgfältig zusammengefaltet und irgendwann in der Vergangenheit zwischen die Teppichreste gesteckt. Und auch hier keine Daten, keine genaueren Angaben, nichts.«
»Schon verstanden«, sagte Swagger.
»Die Männer falten den Mantel auseinander und stellen sofort fest, dass er stinkt. Durch das Auseinanderfalten wird eine Art chemischer Geruch freigesetzt, sehr unangenehm. Taschenlampen richten sich auf das Kleidungsstück. Offenbar befindet sich an der linken Brustseite ein bunt schillernder Benzin- oder Chemikalienfleck, von dem auch jetzt noch, nach wer weiß wie vielen Jahren, ein starker Geruch ausgeht. Er hat sich nicht verflüchtigt. Statt einen guten, kostenlosen Mantel zu finden, haben die Männer etwas entdeckt, das erst mal eine gründliche Reinigung benötigt, von der man nicht weiß, ob sie den Fleck und den Gestank beseitigen wird. Niemand will den Mantel, also kommt er auf den Müll. Er wird weggeworfen. Er verschwindet für immer. Ende der Geschichte. Nicht sehr aufregend, oder?«
»Nein, aber ich muss zugeben, dass sie ihre Momente hat«, meinte Bob. Irgendwo in seinen taktischen Gehirnregionen spielte er mit diesen Momenten herum. Irgendetwas war unterschwellig angeregt worden. Dallas. Versteckter Mantel. Seltsamer Geruch und Fleck.
»Okay«, sagte Jean. »Der Ingenieur wird befördert, verlässt die Firma und fängt bei einem großen Bauunternehmen an. Er wird erneut befördert, denn er ist sehr intelligent und arbeitet hart. Männer wie er haben dieses Land aufgebaut. Er wird Teilhaber. Er heiratet seine High-School-Liebe, sie bekommen drei wunderschöne Töchter und ziehen in die Vorstadt, in der man als Firmenteilhaber lebt. Er tritt einem Country Club bei. Er wird ein angesehener Bürger. Seine Töchter heiraten wundervolle Männer. Um ehrlich zu sein, erfinde ich diese Einzelheiten nur, aber ich denke, Sie können sich ein Bild machen.
Eine der Töchter verlobt sich mit dem Sohn eines Ranchers, eines weiteren wohlhabenden Bürgers. Der Rancher und seine Frau laden den Ingenieur und seine Frau zu einem Kennenlern- und Grill-Wochenende ein. Sie sitzen also in dem großen vertäfelten Wohnzimmer und schauen durch das Panoramafenster hinaus auf den Swimmingpool und die weißen Pferdezäune und grünen Wiesen, und dem Ingenieur fällt etwas auf: Tierköpfe überall an den Wänden. Wie sich herausstellt, ist der Rancher ein passionierter Jäger. Er ist überall auf der Welt gewesen. Hat Löwen, Tiger und Bären geschossen. Steinböcke, Zobel und Kudus. Sie sitzen da, trinken Highballs und lassen es sich gut gehen, und der Rancher meint: ›Wie wär’s, Don, wollen Sie mal meinen Hobbyraum sehen?‹
Don nickt und sie gehen hinaus. Sie betreten eine riesige Waffenkammer. Waffen, Tierköpfe, Panzerschränke, Fitnessgeräte, Zielscheiben, Fotos von Männern mit toten Tieren, vielleicht ein alter Marilyn-Kalender, Werkzeug, das ganze Programm – all das, was auch mein Mann hatte, obwohl ich vermute, dass es bei diesem Rancher sehr viel aufgeräumter ist als bei meinem Mann. Und wamm! Ein Geruch trifft den Ingenieur wie ein Blitzschlag. Es ist ein alter, alter Geruch. Ich weiß nicht, ob Sie es wissen, aber Psychologen betrachten olfaktorische Reize als die stärksten Erinnerungsauslöser. Ein Geruch kann jemanden an einen Ort und in eine Zeit zurückbringen und alle anderen Sinne triggern. Und plötzlich befindet man sich wieder da, wo man diesem Geruch zum ersten Mal begegnet ist, und natürlich ist Don wieder in dem Aufzugraum dieses Gebäudes, 33 Jahre zuvor.«
»GI oder Hoppe’s No. 9?«, fragte Bob.
»Hoppe’s«, antwortete sie. »Genau, Laufreiniger. Chemische Reinigungsflüssigkeit speziell für Schusswaffen. Gibt es seit den 20ern. Das ist es, was Don im Hobbyraum seines neuen Kumpels riecht, und ihm wird klar, dass er genau das vor all den Jahren in dem Gebäude gerochen hat, dessen Namen ich natürlich nicht genannt habe.«
»Und jetzt werden Sie mir sagen, dass es das Texas School Book Depository war?«
»Wenn es nur so wäre. Nein, es ist das Gebäude an der Houston Street gegenüber dem Texas School Book Depository. Es wird das Dal-Tex Building genannt. 1963 stand es auch schon da. Dal-Tex steht nicht für Dallas, Texas, sondern für Dallas Textiles, denn es war die Zentrale des Textilgroßhandels in Dallas. Tatsächlich befand sich Abraham Zapruders Büro dort, neben hundert weiteren Büros. Nichts Außergewöhnliches, außer dass das Gebäude fast den gleichen Schusswinkel und die gleiche Schusshöhe auf die Elm Street neben der Dealey Plaza bietet wie die, die unser Freund Lee Harvey Oswald hatte. Jetzt verstehen Sie sicher, warum es einen nicht loslässt.«
»Ja.« Bob versuchte, das Gebäude aus einem Ansturm von Erinnerungsbildern der Dealey Plaza herauszufiltern, jenes Grasdreiecks im Herzen der amerikanischen Finsternis. Aber er fand nichts, keine Vision, kein Gefühl für den Ort.
»Das Gebäude taucht in einigen der tausend Verschwörungstheorien auf. Ich habe mir diese Theorien angesehen; keine davon ist besonders interessant oder überzeugend. Jemand behauptet, dass ein Foto ein Gewehr mit Dreibeinstativ auf dem Dach zeigt, aber es sind nur Schatten. Es gab ein paar ›Verhaftungen‹, nachdem das Gebäude wenige Minuten nach dem Attentat abgeriegelt worden war, aber dabei kam nichts heraus. Einige Leute behaupten ohne jeden Beweis, dass es eine der neun – oder waren es zwölf – Schießpositionen war, die die CIA, Walmart, die kanadische Luftwaffe und Procter & Gamble bei ihrer Verschwörung verwendeten. Alles in allem nicht sehr viel.«
Bob nickte.
»Aber es lässt einen nicht los«, fuhr sie fort. »Vor allem nicht den Ingenieur. Er bekommt es einfach nicht aus dem Kopf. Sie verstehen schon, warum, oder?«
»Der Laufreiniger legt die Vermutung nahe, dass jemand eine Waffe reinigen musste, was auf die Anwesenheit einer Waffe hindeutet. Und man kann davon ausgehen, dass die Flüssigkeit während des Reinigungsvorgangs auf den Mantel gekleckert wurde. Aber der Mantel wurde sorgfältig versteckt, und wer immer das Hoppe’s mit dessen starkem chemischem Geruch verschüttet hat, wollte nicht damit gesehen oder gerochen werden. Viele Leute in Texas hätten das Zeug sofort erkannt, vor allem die meisten Polizisten. Damals war es der meistbenutzte Waffenreiniger. Das alles könnte am oder um den 22. November 1963 passiert sein. Das ist es, was diese Geschichte so hartnäckig macht. Es lässt eine Waffe an einem Ort auftauchen, an dem vorher keine war. Aber es ist dünn. Sehr dünn.«
»Es wird noch dünner. Einige weitere Jahre vergehen. Der Ingenieur weiß nicht, was er wegen der Sache unternehmen soll. Er ist kein Idiot; er weiß, wie dünn das alles ist, viel zu dünn, um damit zur Polizei zu gehen. Und dann liest er ein Buch. Das Buch heißt Schießerei auf der Pennsylvania Avenue, geschrieben von meinem Mann und einem Freund von ihm. Es ist die Geschichte eines Attentatsversuchs auf Harry S. Truman im Jahre 1950, der in einer Schießerei mitten auf der Straße, mitten am Tag, mitten in Washington endete, direkt gegenüber dem Weißen Haus. Zwei Menschen starben, drei wurden verwundet. Ein fast völlig in Vergessenheit geratener Vorfall.
Jedenfalls liest der Ingenieur das Buch. Vor allem liest er etwas über einen Secret-Service-Agenten namens Floyd Boring, der den Befehl über die Wachmannschaft im Blair House hatte, wo die Schießerei stattfand, und der als der Held des Tages galt. Er hat einem der Attentäter in den Kopf geschossen und damit möglicherweise Harry S. Truman das Leben gerettet. Der Ingenieur liest in dem Buch, dass Floyd noch lebt und dass er 13 Jahre nach seiner Heldentat in Washington die Verantwortung für die Secret-Service-Vorhut während des Präsidentenbesuchs in Dallas hatte und zum Zeitpunkt des Attentats in Dallas war und vor der Warren-Kommission ausgesagt hat und all das. Der Ingenieur ist von Floyd beeindruckt, der Mann scheint integer, anständig, fleißig, engagiert zu sein. Da Floyd im Ruhestand ist, aber beim Attentat zugegen war, scheint er ein geeigneter Kandidat zu sein, um sich die Geschichte des Ingenieurs anzuhören. Und hier haben wir den ersten Brief: Der Ingenieur schreibt an Floyd und berichtet ihm alles, was ich Ihnen gerade erzählt habe.«
»Aber Sie haben den Brief nie gelesen.«
»Nicht mal ansatzweise. Ich erzähle Ihnen mehr oder weniger das, was ich von Jim gehört habe, wobei ich nicht besonders gut zuhörte.«
Swagger nickte. Er sah den alten Agenten vor sich, wie er einen dicken Briefumschlag von einem Unbekannten in Dallas bekam und sich gemächlich den Inhalt ansah. »Was hat der Secret-Service-Mann gemacht?«
»Nichts, warum auch immer. Wahrscheinlich hat er den Brief einfach weggeworfen. Verrückter Kennedy-Blödsinn, Sie wissen schon. Er war das alles mehr als leid, zumal er auch in einigen Verschwörungstheorien eine Rolle spielte, und das gefiel ihm überhaupt nicht. Außerdem hatte er gesundheitliche Probleme, er lebte in einer Seniorenwohnanlage in Silver Spring, betrauerte den Tod seiner Frau und wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte.«
»Verstehe.«
»Und dennoch lässt auch ihn die Sache nicht los. Ein paar Jahre später schreibt er einen Brief – einen halben Brief – an meinen Mann. Aber er beendet ihn nie. Er schickt ihn nie ab. Vielleicht hat er es sich anders überlegt. Wer weiß? Jedenfalls stirbt er schließlich. Und damit scheint die Sache beendet zu sein. Kein hartnäckiges Nichtloslassen mehr. Es ist vorbei. Doch dann, wieder einige Jahre später, findet seine Tochter den Brief. Und sie schickt ihn an Jim. Und so – Jahre nachdem der Mantel gefunden wurde, Jahre nach der Identifizierung des Geruchs, Jahre nach der Mitteilung an einen Secret-Service-Agenten, Jahre nach dessen Tod – gelangt der Brief dank der Tochter des Agenten zu meinem Mann.«
»Und er hat die Möglichkeiten erkannt?«
»Mehr als die meisten. Er ist auf der Suche nach einem Projekt. Er hat einen Vertrag, der ein Buch pro Jahr von ihm verlangt, und er hat gerade eins beendet, aber von nichts kommt nichts, und als er den halb geschriebenen Brief erhält, den Floyd ihm fast geschickt hat und in dem es um den verlorenen Brief des Ingenieurs an Floyd geht, da sieht er etwas. Er verbringt ein paar Tage mit Recherchen, studiert Karten, liest Bücher oder überfliegt sie zumindest, und dann hat er eine Art Heureka-Moment. Er behauptet, er habe das Geheimnis um das JFK-Attentat gelöst. Ich vermute, Wodka spielte dabei eine gewisse Rolle. Wie sich herausstellt, meint er damit, dass er eine Idee hat, die bisher noch keiner hatte. Und er muss nach Dallas. Also fliegt er nach Dallas.«
»Hatte er Erfolg?«
»Er hat mit einem Haufen Leuten geredet, und ich glaube, er ist irgendwie ins Dal-Tex Building gelangt, jedenfalls kam er sehr aufgeregt zurück. Er fing an, wie ein Verrückter zu arbeiten. Und dann, eine Woche später, geht er auf einen Drink in eine Bar und endet mit gebrochenem Rücken und Becken in einer finsteren Gasse.«
»Sie glauben, er wurde umgebracht, weil er eine bestimmte Idee zum Kennedy-Attentat verfolgt hat?«
»Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur Fakten geschildert, und Fakt ist, dass ich jetzt die weltweit einzige Besitzerin der Geschichte bin. Und sie lässt mich nicht los. Ich bekomme sie nicht mehr aus dem Kopf, und die mögliche Verbindung zwischen ihr und dem potenziellen Mord an Jim bringt mich um den Schlaf. Ich muss alles tun, um sicherzustellen, dass die Geschichte weiterverfolgt wird. Jemand muss sich damit befassen, muss sie einschätzen, sie bewerten, in den richtigen Kontext bringen, jemand, der sich mit solchen Sachen auskennt und in dieser Welt gearbeitet hat. Ich habe Sie für diese große Ehre auserkoren. Und deshalb stelle ich Ihnen jetzt die Frage, deretwegen ich den weiten Weg hierhergekommen bin: Hat es was zu bedeuten?«
Er atmete geräuschvoll aus.
»Und was heißt das?«, fragte sie. »Glauben Sie, dass ich eine Idiotin bin? Dass die ganze Sache völliger Nonsens ist? Eine kolossale Zeitverschwendung?«
»Nein. Ich kann verstehen, welche Assoziationen es hervorruft. Und ich will nicht behaupten, dass ich hundertprozentig hinter der Einzelschützenthese der Warren-Kommission stehe. Ich habe mich nicht gründlich genug mit dem Thema befasst, aber ich glaube genau wie Sie, dass viele dieser ›Theorien‹ nur von Leuten erfunden wurden, die schnelles Geld machen wollten. Und ich glaube auch, dass diese ganze Kennedy-Geschichte schon so lange von so vielen Leuten hin und her gewendet wurde, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, noch etwas Neues zu entdecken.«
»Okay.«
»Lassen Sie es mich anders erklären. Ich glaube, Sie übersehen da etwas, und ich glaube, auch Ihr Mann und Floyd haben es übersehen und ebenso dieser Ingenieur. Das, was Sie alle übersehen haben, ist Texas. Texas ist das Land der Waffen. In Baltimore müssen Sie vielleicht erklären, warum Sie mit einer Waffe herumlaufen, aber ganz sicher nicht in Texas. In Texas hat jeder eine Waffe. Man geht damit zum Grillabend oder in die Oper oder zum Schwimmen. Niemand schert sich einen Dreck darum, und damals, vor JFK, galt das erst recht. Niemand verschwendete einen Gedanken an Waffen. Sie waren einfach da, fertig. Das Vorhandensein einer Waffe in diesem Gebäude ist nicht im Geringsten bemerkenswert. Es ist gar nichts. Ich kann mir außer einem Anschlag auf den Präsidenten hundert Gründe für eine Waffe in dem Gebäude denken.
Vielleicht wollten ein paar Jungs nach der Arbeit auf die Jagd gehen. Wollten keine Zeit verlieren und gleich am ersten Tag der Jagdsaison losziehen. Sie brachten ihre Gewehre mit zur Arbeit, und einer von ihnen wusste, dass seines noch gereinigt werden musste, also machte er es. Niemand sagt was, weil es nichts Besonderes ist. Er lehnt die Waffe an die Wand und sie berührt den Mantel von jemandem. Als der Besitzer seinen Mantel holen will, sieht er, dass er ruiniert ist, und wirft ihn in den Müll. Später findet der Hausmeister ihn und entscheidet, dass er noch gut genug ist, um ihn zu behalten. Er hängt ihn auf, um ihn zu trocknen, aber der Laufreiniger ist zu penetrant, der Gestank geht einfach nicht raus. Also packt er den Mantel irgendwohin, wo er nicht stört, um ihn vielleicht später zu holen, aber dann vergisst er die ganze Sache. Jahre später finden die Aufzugleute den Mantel. Das könnte nicht nur während der Rotwildjagd passiert sein, sondern auch während der Fasansaison, denn da unten werden viele von diesen Vögeln gejagt, genau wie Tauben und alles andere, was fliegt. Und jetzt, Jahre später, haben Sie einen möglichen Hinweis auf eine Waffe in einem Gebäude in Texas gefunden, und das verwundert Sie nur, weil Sie nicht genug über Texas und Waffen wissen.«
»Verstehe«, sagte sie.
»Ma’am – Jean, wenn ich Sie so nennen darf –, was Sie da haben, würde man beim Marine Corps als Informationen ohne ausreichenden Handlungsimperativ bezeichnen. Die Sache hat zu wenig Bedeutung, um deswegen aktiv zu werden. Es gibt zu viele andere Möglichkeiten, als dass irgendjemand irgendetwas deswegen unternehmen würde. Der beste Rat, den ich Ihnen geben kann, ist, dass Sie in der Gewissheit, Ihre Pflicht gegenüber Ihrem verstorbenen Mann erfüllt zu haben, nach Hause fahren und mit Ihrem Leben weitermachen. Ich denke, Ihr Mann wäre früher oder später auch zu dieser Erkenntnis gelangt. Vielleicht hätte er in einem Roman etwas mit seiner Entdeckung anfangen können, aber ich glaube nicht, dass es in der realen Welt irgendeine Bedeutung hat, und sicherlich hat es nichts mit seinem Tod zu tun. Entschuldigen Sie meine Offenheit, aber Sie haben nicht den weiten Weg auf sich genommen und diese viele Zeit investiert, um sich Honig ums Maul schmieren zu lassen.«
»Nein, natürlich nicht, Mr. Swagger. Ich denke, Sie haben mir den Kopf zurechtgerückt.«
»Ich hoffe, dass ich Ihnen helfen konnte, Ma’am. Und es tut mir sehr leid wegen Ihres Mannes. Vielleicht hat die Polizei, wenn Sie zurückkommen, den Fahrer schon erwischt.«
»Ja, vielleicht.«
»Ich bringe Sie noch zu Ihrem Wagen und dann sehen wir zu, dass Sie diesem gottverlassenen Ort den Rücken kehren.«
»Vielen Dank.«
Er holte ein paar Geldscheine aus der Tasche für die Rechnung, dann standen sie beide auf und gingen hinaus zum Parkplatz.
»Tja, ich schätze, wir werden wohl nie erfahren«, sagte sie, als sie ihren Ford Fusion erreicht hatten, »wer unseren geheimnisvollen Mann mit einem Fahrrad überfahren hat.«
Er hörte nur mit halbem Ohr zu, denn er versuchte gerade, einen verstohlenen Blick auf seine Armbanduhr zu werfen, um zu sehen, wie spät es war und wann er zu Hause sein konnte, denn er hatte Miko versprochen, ihr bei ihrem Roping-Training zu helfen und …
»Entschuldigung«, sagte er. »Was haben Sie gerade gesagt?«
»Oh, auf dem Rücken des Mantels war ein Fleck, der aussah wie ein Reifenprofil. Der Ingenieur meinte, es könnte von einem Rennrad stammen, Sie wissen schon, mit so schmalen Reifen. Es war ein Abdruck, zwei oder drei Zentimeter lang, der von einem Fahrradreifen herrühren könnte. Das ist alles. Nur eine Kleinigkeit, ich habe vergessen, sie …«
»Haben Sie eine Liste der Leute, die Ihr Mann besucht hat?«
»Ich habe sein Notizbuch. Es ist kaum zu entziffern, aber es stehen ein paar Namen und Adressen drin. Warum, was ist …«
»Ich muss ein paar Vorbereitungen treffen. Dafür brauche ich ungefähr eine Woche. Ich möchte, dass Sie nach Hause fahren, dieses Notizbuch finden und es mir per Express zuschicken. Wenn er Computerdateien über seine Dallasreise oder irgendwelche Notizen hatte, dann schicken Sie mir das auch. Ich fahre dort runter, sobald ich alles erledigt habe.«
»Wollen Sie die Tommy Gun mieten?«
»Nein, noch nicht.«
»Sie meinen es ernst, oder?«
»Ja, Ma’am.«
»Soll ich für die Spesen aufkommen? Ich meine … Anscheinend bin ich jetzt wohlhabend und …«
»Nein, Ma’am«, sagte Swagger. »Das geht auf mich.«
3
An der Ecke Houston Street und Elm Street saß unter einer Gruppe alter Eichen ein Mann auf einer Parkbank, vor einer Art rechteckigem weißem Zeremonialbecken, das mit blauer Mundspülung gefüllt zu sein schien. Um ihn herum tobte la vie touristique, eine Unterart des menschlichen Verhaltens, die vorschrieb, dass sich überall kleine Grüppchen seltsam gekleideter Menschen versammelten, mit Kameras, die völlig ungeeignet waren für die Weite dieses öffentlichen Raums, der Dealey Plaza genannt wurde und den sie okkupierten. Es war alles sehr eigenartig. Hin und wieder sprintete, während der Verkehr kurz stockte, ein besonders mutiger Tourist auf die Elm Street, um sich auf einen der beiden mit X markierten Punkte zu stellen, an denen ein Mensch erschossen worden war. Zwischen den Leuten streiften Obdachlose umher, einige um zu betteln, einige um für fünf Dollar ein Schmierblatt zu verkaufen, das sich The Conspiracy Chronicles nannte und die neuesten Enthüllungen über den 22.11.1963 versprach.
Auf der anderen Seite der Elm Street, dem Mann auf der Parkbank genau gegenüber, stand ein Kasten aus Backsteinen, sieben Stockwerke hoch, nicht ungewöhnlich, aber berühmt: das Texas School Book Depository, ein ehemaliges Lager für Schulbücher. Ungeachtet seiner Banalität besaß das Gebäude eine der bekanntesten Fassaden der Welt, insbesondere eine Ecke des fünften Stocks, wo vor 50 Jahren der Attentäter gelauert hatte. Der Himmel war von kühnem texanischem Blau und ein leichter Wind blies von Ost nach West über den Platz, der umgeben war vom Verkehrsgewühl der Pkws und Lkws, die über die Houston Street strömten und die knifflige Abzweigung nach links nahmen, um über die Elm Street zum Stemmons Freeway zu gelangen, gleich hinter der dreifachen Unterführung. Die Menschen hatten Dinge zu erledigen und Orte zu erreichen, und für die meisten Bewohner von Dallas lag die Tragödie an der Dealey Plaza weit in der Vergangenheit. Swagger saß allein auf der Bank, aber in seinem Kopf war es 1963.
Er schaute in diese und jene Richtung, nach oben und nach unten, er blickte in die Runde, die Straßen entlang, auf seine Schuhe, auf seine Fingerspitzen – und versuchte, sich zu erinnern. Es war ein Tag wie dieser gewesen, wolkenlos, nachdem es anfangs nach Regen ausgesehen hatte, der Himmel so blau wie die Augen eines Filmstars. Jedenfalls stand es so in den Zeitungen. Er selbst hatte zu der Zeit geschlafen, eine halbe Welt entfernt auf einer Insel namens Okinawa, als 17-jähriger Lance Corporal, der es gerade ins Gewehrteam des Bataillons geschafft hatte und die nächsten drei Wochen damit verbringen würde, auf einem flachen, ausgetrockneten Schießplatz Garand-Gewehre zu umarmen und zu versuchen, Löcher in schwarze Kreise in 600 Metern Entfernung zu schießen. Er wusste absolut gar nichts über irgendetwas, und so würde es auch noch etliche Jahre bleiben.
Aber um 12:29 Uhr bog hier in Dallas die Autokolonne des Präsidenten von der Main Street nach rechts ab und fuhr einen Straßenblock weit auf der Houston Street, am nördlichen Rand des dreieckigen offenen Platzes, der Dealey Plaza hieß. Swagger sah es vor sich. Eine Lincoln-Limousine, ein langes, schwarzes Schlachtschiff von einem Auto. Zwei Personen vorn, Fahrer und Secret-Service-Agent, dahinter zwei weitere, Gouverneur Connally und seine Frau, dann das königliche Paar, der gesegnete, der charismatische John F. Kennedy in seinem Anzug und seine Frau Jackie in Rosa, beide der dicht herandrängenden Menge winkend.
Der Wagen erreichte die Elm Street und bog nach links ab. Er musste zum Stemmons Freeway, auf den man nur von der Elm Street aus auffahren konnte. Es war ein 120-Grad-Schwenk, nicht nur 90 Grad, deshalb musste der Fahrer, ein Secret-Service-Agent namens Greer, stark verlangsamen, um das schwere Fahrzeug um die Kurve zu lenken. Er gab wieder Gas, fuhr an einigen Bäumen vorbei und die leichte Abwärtsneigung auf der Elm Street entlang. Unmittelbar zu seiner Rechten befand sich das siebenstöckige Gebäude, das als Schulbuchdepot des Bundesstaates Texas diente, der unauffällige Klotz aus schlichtem Backstein, der jetzt vor Swagger aufragte. Er ließ den Blick am Rand des Gebäudes hinaufwandern, hielt an der Ecke des fünften Stocks inne und sah … nur ein Fenster.
An jenem Tag, um 12:30 Uhr, als der Wagen die Bäume passierte, erklang ein Geräusch, von dem so ziemlich alle übereinstimmend meinten, es sei ein Schuss gewesen. Der Schuss schien niemanden direkt verletzt zu haben, aber mindestens ein Zeuge, ein Mann namens Tague, berichtete, von etwas getroffen worden zu sein, das durchaus ein Splitter gewesen sein könnte, nachdem die Kugel beim Auftreffen auf den Bordstein hinter dem Wagen oder auf dem Ast eines Baums zerplatzt war. Kugeln tun so etwas; es ist weder seltsam noch ungewöhnlich. Nach vielleicht sechs Sekunden wurde eine zweite Kugel abgefeuert, die nach Ansicht der meisten Anwesenden von oben, also vom Schulbuchdepot kam. Diese Kugel traf den Präsidenten in den Rücken, in der Nähe des Halses, durchbohrte seinen Körper, trat an seiner Kehle wieder aus, streifte seine Krawatte und flog dann weiter, um John Connally horizontal zu treffen. Sie durchdrang auch seinen Körper, traf und zerschmetterte sein Handgelenk und bohrte sich in seinen Oberschenkel, trat aber nicht wieder aus. Sie wurde später am Nachmittag auf einer Trage im Krankenhaus gefunden. Dies war die ›magische Kugel‹, von der viele behaupteten, dass sie gar nicht so geflogen sein konnte, wie sie es tat.
Die dritte Kugel war der Kopfschuss, ein paar Sekunden später (wie viele genau, würde legendär ungeklärt bleiben) aus einer Entfernung von 80 Metern vom fünften Stock des Texas School Book Depository abgefeuert. Sie traf den Präsidenten hoch im Hinterkopf, in einem abwärts geneigten Winkel. Sie schien in winzige Stücke zerbrochen oder detoniert zu sein, denn die wenigen Spuren ihrer Existenz waren bestenfalls umstritten. Sie riss ein großes Stück aus dem Schädel und ließ Gehirnmasse mit großer Wucht aus der rechten Seite des Kopfes herausspritzen.
Chaos brach aus. Die Limousine raste mit den zwei schwer verletzten Männern und ihren Frauen zum Krankenhaus. Die Polizei griff ein, vielleicht nicht schnell genug, und riegelte das Gebäude ab, von dem aus die Schüsse offenbar abgegeben worden waren. Nach Durchführung einer Anwesenheitskontrolle stellte die Polizei fest, dass ein Angestellter namens Lee Harvey Oswald fehlte, obwohl er früher am Tag dort gesehen und sogar kurz nach dem Attentat von einem Polizisten in der Kantine angesprochen worden war.
Eine Beschreibung von Oswald wurde über Funk durchgegeben, und einige Meilen entfernt, im Stadtteil Oak Cliff, sah ein Polizist namens J. D. Tippit einen Mann, auf den die Beschreibung passte. Tippit hielt an und rief den Mann zu sich. Er stieg aus seinem Streifenwagen und wurde von dem Verdächtigen mit vier Schüssen getötet.
Der Verdächtige entfernte sich, aber einige besorgte Passanten folgten ihm; andere bemerkten sein seltsames Verhalten und wussten, dass in Dallas nach dem Kennedy-Attentäter gesucht wurde. Man sah, wie er in ein Kino ging, und alarmierte die Polizei. Und so wurde Lee Harvey Oswald verhaftet.
In der Zwischenzeit fand die Polizei im Texas School Book Depository ein ›Scharfschützennest‹ aus Buchkartons am nordöstlichen Eckfenster des fünften Stocks sowie drei 6,5-Millimeter-Mannlicher-Carcano-Patronenhülsen, außerdem 25 Meter entfernt an der einzigen Treppe des Stockwerks eine Mannlicher-Carcano Modell 38 mit einem billigen und unfachmännisch befestigten Zielfernrohr aus japanischer Herstellung. Der Karabiner war durchgeladen.
Schon bald stellte sich heraus, dass sich Oswalds Fingerabdrücke auf dem Gewehr und auf den Buchkartons des Scharfschützennests befanden; dass er am Morgen des Tages ein verdächtiges Paket ›Gardinenstangen‹ in das Schulbuchdepot mitgebracht hatte; und dass er unter falschem Namen sowohl das Carcano-Gewehr als auch den 38er Special S-&-W-Revolver, mit dem Tippit getötet wurde, bestellt hatte. Darüber hinaus war er ein notorischer Querulant mit ›revolutionären Neigungen‹, selbst ernannter Kommunist, ehemaliger Überläufer, mittelmäßiger Marine (was seine Schießkünste erklärte), ein gewalttätiger Ehemann und überhaupt ein gruseliger Typ.
Oswald kam nie vor Gericht, denn am Morgen des 24. November 1963 wurde er von Jack Ruby erschossen, als er zu einem gepanzerten Fahrzeug geführt wurde, mit dem er in eine sicherere Verwahranstalt verlegt werden sollte.
Das waren im Großen und Ganzen die Fakten, die nach einigem Hin und Her allgemein akzeptiert und für richtig gehalten worden waren. Auch Swagger akzeptierte sie und hielt sie für richtig – jedenfalls bis zu seinem Gespräch mit Jean Marquez.
Ihre Worte hatten eine seiner eigenen Erinnerungen berührt, keine öffentliche Erinnerung, sondern eine private, tief vergrabene. In seiner langen, turbulenten Vergangenheit hatte ihn einmal eine bestimmte Gruppe von Männern aufs Korn genommen, und der Fleck auf dem Rücken des Mantels, von dem Jean erzählt hatte, besaß für ihn eine Bedeutung, die er für keinen anderen Menschen auf der Welt hatte. Erstaunlich, dass ihm das jetzt, in anderer Form und nach all diesen Jahren, wieder begegnete.
»Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich tue«, sagte jemand und riss Swagger aus seinen Zeitreisen. Er blickte auf und sah einen Freund auf sich zukommen, jünger, besser gekleidet, eine Art aufstrebender texanischer Businesstyp in einem Hickey-Freeman-Kammgarnanzug.
»Wir haben den dümmsten Praktikanten zum JFK-Dienst verdonnert«, sagte der Mann, nachdem er sich gesetzt, Swagger die Hand geschüttelt und den üblichen Wie-geht’s-Kram abgehandelt hatte. »Er fängt die zehn oder 20 Anrufe ab, die wir jeden Tag von Leuten kriegen, die den Fall gelöst haben und jetzt wissen, dass die Schweizer Banken zusammen mit dem Vatikan und dem kaiserlichen japanischen Geheimdienst dahinterstecken.«
Nick Memphis war der leitende Special Agent der Außenstelle des FBI in Dallas. Für die meisten Leute wäre das ein Traumjob gewesen, aber für ihn war es so etwas wie die letzte Zwischenstation vor dem Rauswurf. Seine berufliche Karriere hatte ihren Höhepunkt überschritten, als ein neuer Direktor die Leitung des FBI übernahm, davon hörte, dass Nick eng in den tragischen Vorfall in einem großen Einkaufszentrum in Minnesota verwickelt gewesen war, und den Mann weit weg von der Zentrale haben wollte. Einem Assistenten – irgend so einem Untoten mit Säure statt Blut, der Renfro hieß – war die heikle Aufgabe übertragen worden, Nick von seinem Posten als stellvertretender Direktor abzuziehen und in den Außendienst zu versetzen, in ein Büro, das groß war und einen ordentlichen Prozentsatz an aufgeklärten Fällen aufweisen konnte, aber weder eine radikale Neuordnung noch eine frische, visionäre Führung benötigte, sondern nur einen vor sich hin dösenden Verwalter, der die Materialanforderungen unterzeichnete, das Budget bewilligte und dafür sorgte, dass die einzelnen Teams personell ausreichend besetzt waren, bis er in den Ruhestand ging.