Im Visier des Snipers - Stephen Hunter - E-Book

Im Visier des Snipers E-Book

Stephen Hunter

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Beschreibung

Mit Präzisionsschüssen aus großer Entfernung werden in aller Öffentlichkeit kurz hintereinander vier Berühmtheiten der amerikanischen Antikriegsbewegung getötet. Das Medieninteresse ist enorm und das FBI steht unter gewaltigem Druck. Schnell rückt der Kriegsheld Carl Hitchcock in den Mittelpunkt ihrer Ermittlungen. Nach einer landesweiten Fahndung findet man Hitchcock in einem Motelzimmer. Tot durch die eigene Waffe. Der Fall scheint abgeschlossen. Perfektes Motiv, eindeutige Beweise. Und genau das macht den Chef der Sniper-Sonderkommission misstrauisch. Er bittet den Ex-Marine und Scharfschützen Bob Lee Swagger, einen letzten Blick auf die Sache zu werfen. Und schnell wird klar: Um einen Scharfschützen zu kriegen, braucht man keine Special Agents, sondern einen Scharfschützen. Und Bob der Henker ist immer noch der beste. Bestsellerautor Stephen Hunter ist ein Meister seines Fachs. Garantierte Spannung bis zur letzten Seite! Stephen King: »Ich liebe die Romane von Stephen Hunter.« Nelson DeMille: »Stephen Hunter ist eine Klasse für sich«.  Phillip Margolin: »Einer der besten Thriller-Autoren der Welt.« New York Daily News: »Nur wenige moderne Autoren können Hunter in Sachen Vorstellungskraft das Wasser reichen und dem Leser einen derartigen Adrenalinkick verpassen.« Publishers Weekly: »Einer der talentiertesten im Thrillergeschäft.«

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Seitenzahl: 712

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe I, Sniper

erschien 2009 im Verlag Simon & Schuster.

Copyright © 2009 by Stephen Hunter

Copyright © dieser Ausgabe 2020 by Festa Verlag, Leipzig

Titelbild: Arndt Drechsler

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-896-4

www.Festa-Verlag.de

www.Festa-Action.de

Dieses Buch ist den folgenden amerikanischen Schriftstellern gewidmet, die mir in den letzten, sehr guten 25 Jahren so viel Bildung, Erleuchtung, Einsicht, Freude und Genuss geschenkt haben. Die vielen Autoren, die ich ausgelassen habe, bitte ich um Verzeihung.

Michael Bane, Massad Ayoob, Jan C. Libourel, Rick Hacker, David M. Fortier, Chuck Taylor, Peter G. Kokalis, Wiley Clapp, Don Cates, Sam Fadala, Patrick Sweeney, Craig Boddington, Barrett Tillman, Duane Thomas, Layne Simpson, Garry James, Walt Rausch, John Feamster, John L. Plaster, Frank James, Roy Huntington, Charles Cutshaw, Gary Paul Johnston, Mike Venturino, John Barsness, LeRoy Thompson, Dan Shea, Frank Iannamico, Jacob Gottfried, Dave Anderson, John Taffin, Holt Bodinson, Gene Gangarosa, Rick Jamison, Wayne Van Zwoll, Terry Wieland, Clint Smith.

Außerdem die leider verstorbenen Chuck Karwan und Robert T. Shimek.

»Auf diese Entfernung würden die nicht mal einen Elefanten treffen!«

Major General John Sedgwick, Commander, Union VI Corps, wenige Augenblicke vor seinem Tod durch Gewehrschüsse der Scharfschützen der Konföderierten in Spotsylvania, Virginia, 9. Mai 1864.

1

In Amerika sind die Zeiten lange vorbei, in denen man über eine Frau von 68 Jahren sagen konnte, sie sei »immer noch« schön – diese fiese kleine Einschränkung, die ironisch auf das Wunder hinweist, dass jemand in diesem hohen Alter attraktiv sein kann. Daher waren sich alle einig, ohne Einschränkung, dass Joan Flanders im absoluten Sinne schön war – voll und ganz, außerordentlich und vollständig schön, auf keinen Fall jedoch »immer noch« schön. Botox? Möglicherweise. Was noch? Das wussten nur Joan und ihre Ärzte. Die besten Zahnbehandlungen, ein aggressives Fitnessprogramm, die Arbeit der begabtesten Kosmetiker und Friseure, die nur für ausgewählte Kunden tätig wurden? So viel war sicher.

Doch selbst ohne eine so aufwendige Pflege wäre sie schön gewesen. Sie hatte blasse, samtene Haut, eine rotblonde Löwenmähne, stechend blaue Augen über ausgeprägten Wangenknochen, einen schmalen Hals und einen gertenschlanken Körper, an dem nicht ein überflüssiges Pfund zu finden war. Sie trug Tweed und weiße Kaschmirwolle von maßgeschneiderter Eleganz, dazu eine riesige Sonnenbrille, die aussah, als wären zwei fliegende Untertassen aus Glas auf der Planetenoberfläche ihres Gesichts gelandet. Graziös und geistreich plaudernd saß sie beim Tee mit ihrem Hollywood-Agenten, der zwar berühmt war, jedoch so gewöhnlich wirkte, dass ihn niemand erkannt hätte, und ihrem schwulen Assistenten. Sie waren auf der Terrasse des Lemon Tree in East Hampton, New York. Es war ein sonniger Herbsttag, nicht allzu kühl, mit einem Hauch von Salzgeruch, der vom nahen Atlantik herüberwehte. Auf der Terrasse hielten sich noch zwei andere Stars aus der jungen, extrem durchgestylten Generation auf, einer weiblich, einer von unbestimmtem Geschlecht, dazu einige Agenten in Begleitung ihrer Bestsellerautoren, außerdem die Ehefrauen und mindestens drei Geliebte einiger Chefs von der Fortune-500-Liste der erfolgreichsten US-Unternehmen. Natürlich gab es auch einige Touristenpärchen und verstohlene Promijäger, die im Glück ihrer ungewöhnlich üppigen Ernte von berühmten Gesichtern schwelgten.

Joan und Phil diskutierten. Die Erholung des Marktes? Der neue Chef der Produktionsleitung bei Paramount? Die lausigen Drehbücher, die man ihr nach dem Flop ihres Comeback-Films Sally packt aus schickte? Die seltsame neue Besessenheit ihres Ex-Mannes Tom von den kindischen Actionfilmen seiner Vergangenheit? Das war alles Nebensache. Wirklich wichtig war nur, dass Joan doppelt geadelt war: Ihr Vater Jack war einer der großen Stars der Vor- und Nachkriegszeit gewesen, und sie hatte seinen stechenden Blick und seine bettpfostenartigen Wangenknochen geerbt. Sie war ein reines Hollywood-Blaublut der zweiten Generation. Darüber hinaus war ihr zweiter Ehemann in den weit zurückliegenden wilden 60ern ein prominenter Anführer der Antikriegsbewegung gewesen. Ein Foto von ihr, das über dem Schützensitz einer nordvietnamesischen Luftabwehrbatterie hing, hatte dazu geführt, dass ihre Generation sie zu gleichen Anteilen liebte und hasste. Es hatte sie zu einer politischen Berühmtheit gemacht, zu einem Teil des heiligen Kreuzzugs zur Beendigung eines sinnlosen Krieges. Oder wahlweise zu einer Verräterin und Kommunistenschlampe, die aber dennoch berühmt war. Der Rest waren unnötige Details, wenngleich interessant. Sie hatte einen Oscar erhalten. Sie war mit dem Milliardär und Mogul T. T. Constable verheiratet gewesen – eine der bestdokumentierten Beziehungen in der Geschichte. Eines ihrer vielen Vermögen hatte sie als Sport-Guru verdient. Sie trieb immer noch jeden Tag drei Stunden lang Sport und war so fit wie eine 35-Jährige. Alle, die sie an diesem Tag sahen, spürten ihr Charisma, ihre Geschichte, ihre Schönheit, ihre erhabene Präsenz: die Touristen, die anderen Stars, die Frauen und Geliebten … und ihr Henker.

Dieser ersparte ihr und dem Rest Amerikas den verstörenden Anblick eines Kopfschusses. Aus mehr als 300 Metern Entfernung schoss er eine 10,9-Gramm-Patrone mit einem MatchKing-Hohlspitzgeschoss von Sierra ab. Es flog mit 700 Metern pro Sekunde in einem leichten Abwärtswinkel, ehe es knapp unter ihrer rechten Achsel zwischen der vierten und fünften Rippe eindrang. Ohne die geringste Kursabweichung durchbohrte es ihre inneren Organe und hatte nur wenig Energie verloren, als es die Mitte von Joans Herz erreichte, exakt dort, wo alle vier Herzkammern sich zu einem Muskelgeflecht verbanden. Das Organ war in Sekundenbruchteilen zerschmettert. Der Tod trat sofort ein – ein Akt der Gnade, mochte man meinen, denn Miss Flanders erlebte ihre eigene Auslöschung nicht mehr.

Wie bei allen öffentlichen Gewaltakten herrschte für einen Augenblick ungläubiges Staunen, als sie vornüberfiel und der Tisch ihren Sturz für eine Sekunde unterbrach. Doch dann rutschte ihr Körper nach rechts, verlor den Halt und setzte seine Reise zum Ziegelboden der Terrasse fort, wo er mit einem würdelosen, dumpfen Schlag aufprallte. Beinahe alle dachten: Sie ist in Ohnmacht gefallen. Denn der Gewehrschuss war gedämpft und so weit weg gewesen, dass niemandem das Wort »Waffe« auch nur in den Sinn kam, als der Star zur Erde hinabfiel. Es dauerte eine weitere Sekunde, bis das Blut in Strömen aus der Austrittswunde floss und sich mit dunklem Schimmer um sie ausbreitete. Da setzte die menschliche Furcht vor Blut ein – etwas ganz Natürliches –, und die Anwesenden begannen zu schreien, panisch umherzurennen, auf und ab zu springen und Deckung zu suchen.

Kurz darauf traf die Polizei ein, dicht gefolgt von den ersten der schließlich 300 Reporter und Fotografen. Und plötzlich schienen die Terrasse des Lemon Tree und die zwei angrenzenden Häuserblocks der Innenstadt von East Hampton einer Szene von der Leinwand zu entstammen. Zwar erinnerte sie an keine aus den 28 Filmen von Joan Flanders, dafür aber an so einige aus dem Œuvre eines gewissen Italieners namens Federico Fellini. Bei alledem bemerkte niemand den blauen Ford-Van, der kaum 300 Meter entfernt aus einer Gasse zu einem neuen Ziel aufbrach und einem weiteren Rendezvous mit dem Schicksal.

Bei seinen nächsten Opfern ersparte der Schütze seinem Publikum das theatralische Blutvergießen nicht mehr. Er zielte auf die Köpfe, traf sie perfekt und verspritzte ihren Inhalt im Innenraum des Volvos, mit dem die beiden gerade wie jeden Tag zur Arbeit fahren wollten. Die Entfernung war diesmal geringer, 210 Meter, doch es geschah mit derselben Waffe und derselben herausragenden Präzision. Das erste Ziel traf er zweieinhalb Zentimeter unterhalb des Scheitels, ein Volltreffer. Die Heckscheibe des schweren schwedischen Wagens hatte keine Geschossabweichung verursacht. Anders als beim Flanders-Mord kam es nicht sofort zu einem Aufruhr. Jack Strong sackte einfach vornüber, bis sein zerschmetterter Schädel auf dem Lenkrad landete. Seine Frau Mitzi Reilly drehte den Kopf, als sie das Geräusch hörte, erlebte eine Sekunde extremen Grauens – die Polizei fand später Urin in ihrer Unterwäsche, machte diese Tatsache jedoch zum Glück nicht öffentlich – und wurde von der zweiten Kugel getroffen, ein kleines Stück über dem linken Ohr. In beiden Fällen erblühten die Hohlspitzgeschosse beim Durchschlagen des Schädelknochens und trudelten seitlich davon. Unberechenbar. Sie pflügten durch die Hirnmasse, verließen die Köpfe wieder in einem entsetzlichen Schwall aus Blut, grauer Masse und Knochensplittern, einmal über dem einen Auge, einmal unter dem anderen, und brachen durch den Gesichtsknochen wie durch einen Kuchenteller.

Mit laufendem Motor, eingelegtem Gang und dem Fuß des toten Jack auf dem Gaspedal fuhr das Auto vorwärts, bis es gegen die Garagenwand krachte. Niemand hörte die Schüsse. Außerdem waren Schüsse in diesem Teil Chicagos nichts Ungewöhnliches. Jack und Mitzi blieben über eine Stunde so liegen, bis ein FedEx-Lastwagen die Gasse entlangfuhr, dessen Fahrer eine Abkürzung durch den Hyde Park suchte. Er hatte Schwierigkeiten vorbeizukommen, bemerkte den Rauch, der sich immer noch aus dem Auspuff kräuselte, und stieg aus, um die Insassen des Wagens zu fragen, was los war. Als er das Gemetzel erblickte, wählte er die 911, und Minuten später lief auch hier ein Fellini-Film, dessen Darsteller die Polizei von Chicago, das FBI und die Medienvertreter waren.

Es hieß, Jack und Mitzi seien zusammen gestorben, wie sie zusammen gelebt, gekämpft und geliebt hatten. Auch sie waren berühmt, zwar nicht so sehr wie Joan Flanders, aber in ihrer eigenen Welt waren sie Stars gewesen. Ihre Stammbäume reichten bis in das Jahrzehnt des Wahnsinns zurück, das Joan Flanders eine Bühne geboten hatte. Aber das war schon lange her.

Jack, der privilegiert geborene Sohn eines jüdischen Fabrikbesitzers (sein Geburtsname war Golden), ein gebildeter, leidenschaftlicher, gut aussehender Kerl, war mit der radikalen Tradition des Hyde Park aufgewachsen. Er war erst nach Harvard, dann an die Columbia gegangen, war einer der Gründer der Students for Social Reform und ganze sechs Jahre lang das Gesicht dieser Bewegung gewesen. Irgendwann war er an der Nutzlosigkeit friedlicher Demonstrationen als Mittel zur Beeinflussung der Politik oder gar zur Verringerung von Opferzahlen verzweifelt und 1971 in den Untergrund gegangen. Mit Schusswaffen und Bomben.

Dort begegnete er der bereits berühmten Mitzi Reilly. Sie entstammte der irischen Arbeiterklasse von Boston, hatte ein feuriges Temperament und Auftreten, einen brillanten Geist und war bereits bei mehreren Bombenanschlägen und zwei Banküberfällen fotografiert worden. Mit ihren roten Haaren, den grünen Augen und der blassen, sommersprossigen Haut war sie ein echtes irisches Mädchen, das sich in eine radikale Guerillakämpferin verwandelt hatte. Die Medien liebten sie, die amerikanische Arbeiterklasse verabscheute sie. Sie genoss ihren Status, und als Jack sich ihnen anschloss – es dauerte nur Minuten, bis die beiden im Bett landeten und dort ein wahres Feuerwerk abbrannten! –, startete die Gruppe erst richtig durch, sowohl was ihren Ruhm als auch was ihre Relevanz betraf. Schnell wurden sie die Nummer eins auf J. Edgar Hoovers berühmter Liste von Desperados. Doch irgendwie, mit der Hilfe sympathisierender Journalisten, konnten sie dennoch weiter Interviews geben, für Fotos posieren – sie hatten beide tolles Haar, dicht, üppig, dazu starke Künstlergesichter, sie brannten geradezu Löcher in die Filme – und weiteroperieren.

Ihr größter Hit war ein Bombenattentat auf das Pentagon. Eigentlich war es nur ein eineinhalb Kilogramm schwerer Beutel Schwarzpulver mit einem primitiven Zeitzünder gewesen, der in einem Müllcontainer explodierte und mehr Qualm als Schaden verursachte. Aber es war ein symbolischer Akt, der mehr wert war als tausend Bomben auf Ziele von geringerer Bedeutung. Für mehrere Stunden wurde die ganze Umgebung abgesperrt, mehr wegen des ungeheuren Presseandrangs als wegen irgendeiner echten Gefahr für Menschen oder Unternehmen, dennoch machte sie diese Tat zu noch größeren Stars.

Ihre Glückssträhne verebbte, als sie eine größere Bombe für ein größeres Ziel bauten. Sie ging bereits im Schlafzimmer hoch, nicht erst im Kapitol. Die beiden flohen und ließen eine Schwester der gemeinsamen Sache zurück, die es geschafft hatte, sich selbst in die Luft zu sprengen. So wurden sie zu Gejagten. Und schon bald ging ihnen das Geld aus. Möglicherweise begingen sie daraufhin einen brutalen Banküberfall – das FBI war überzeugt, dass sie die Täter waren; die Polizei in Nyackett, Massachusetts, blieb unschlüssig. Zwei Wachmänner waren dabei gestorben, von hinten erschossen. Wer immer dafür verantwortlich war, hatte sich damit keinen Gefallen getan, denn die Toten hinterließen Kinder und waren einfache Angestellte gewesen, keine »Bullenschweine«, Unterdrücker oder finstere Handlanger. Nur zwei Männer, ein Ire und ein Pole, die versuchten, über die Runden zu kommen und ihre großen Familien mit ihren drei Jobs durchzufüttern. Die Scheinheiligkeit einer Bewegung, die sich dem Volk verschrieben und nun zwei Männer aus dem Volk erschossen hatte, entging der Öffentlichkeit nicht. Zwar wurden Jack und Mitzi nie offiziell mit diesem Fall in Verbindung gebracht, weil das Überwachungsvideo aus der Bank, das die Polizei sichergestellt hatte, aus dem Entwicklungslabor gestohlen worden und nie wieder aufgetaucht war. Aber die Mehrheit war überzeugt: Mit den Aufnahmen wären ihnen eine Mordanklage und ein Ende auf dem großen Stuhl mit den vielen Drähten sicher gewesen – was dieser Tage im Staat Massachusetts das Mittel der Wahl war, um sich der Bösewichte zu entledigen.

Einige Jahre vergingen; die Zeiten änderten sich; der Krieg endete, jedenfalls die amerikanische Beteiligung an ihm. Jack und Mitzi nahmen sich einen energischen Anwalt, der einen Deal für sie aushandelte. Er deckte auf, dass Polizei und Bundesbehörden beim Versuch, sie zu fassen, fast ebenso viele Gesetze gebrochen hatten wie das berühmte Paar selbst. Am Ende kamen die verschiedenen Behörden überein, die Sache lieber auf sich beruhen zu lassen, um nicht ihre eigenen Exzesse öffentlich zu machen. Die beiden waren also »schuldig wie der Teufel und frei wie Vögel«, wie Jack es ausdrückte, und sie konnten sich wieder in die Gesellschaft eingliedern.

Sie folgten dem Lockruf der Universitäten. Mit ihrem soliden akademischen Hintergrund fanden sie schließlich beide eine Festanstellung in den höheren Bildungseinrichtungen Chicagos. Jack lehrte Pädagogik und ergatterte eine Professorenstelle an der University of Illinois in Chicago. Mitzi, die ihren Abschluss an der juristischen Fakultät der University of Michigan gemacht hatte, landete schließlich im selben Fachbereich an der Northwestern University. Die zwei kauften ein Haus im Hyde Park und verbrachten die nächsten Jahre damit, vom Radikalismus zu predigen, statt ihn zu praktizieren. Es war eine außergewöhnliche amerikanische Geschichte, aber sie endete, genau wie die von Dillinger, in Blutlachen, die sich in einer Chicagoer Gasse ausbreiteten.

»Kann bitte irgendwer Mark Felt ausrichten, dass ich keine Lust mehr auf die Spielchen habe?«, rief Mitch Greene und hielt die aktuelle Ausgabe des Plain Dealer hoch, die die grelle Schlagzeile zierte: ›Polizei und FBI auf der Jagd nach Hinweisen zu den Protestlermorden‹. Er erntete ein paar Lacher von den wenigen Gästen, die wussten, dass Mark Felt einmal ein verdeckter Ermittler des FBI gewesen war, lange bevor er unter dem Namen Deep Throat zum Informanten des Reporters Woodward wurde. In diesen wilden Jahren war Mitch Greene noch mit seiner eigenen Ein-Mann-Show voll im Geschäft gewesen: Mitch Green gegen Amerika: Die Komödie. Zu seinen besseren Ideen zählten ein Wunschwettbewerb, durch den die Kinder Amerikas die Flugzeuge voller Soldaten nach Kalifornien zurückwünschen sollten, und seine Bitte an die Disney Company, ein »Vietnamland« zu eröffnen, in dem man Phosphorgranaten in Tunnel werfen könnte und schreiende gelbe Animatronic-Figuren brennend herausspringen und im Laubwerk verenden würden. Wunderbare Einfälle! Aber leider blieb der Großteil seines Publikums nun stumm, das mittlerweile überwiegend aus den wandelnden Tattoo-und-Piercing-Kunstwerken mit den ausdruckslosen Mienen und den offen stehenden Mündern bestand, die man »Kids« nannte. Zum Teufel mit Felt; wussten die wenigstens, wer Mitch war? Er bezweifelte es. Sie wussten lediglich, dass er Onkel Mitch erklärt die Welt geschrieben hatte, eine Reihe heiterer historischer Essays, in denen der ehemalige Radikale Mitch mit Charme und Scharfsinn seine verrückte, linksgerichtete Version der amerikanischen Geschichte erzählte. Erstaunlicherweise hielten sich die Bücher lange auf den Bestsellerlisten.

Hier war er nun also. Die nächste Stadt. Der nächste Auftritt. Die Stadt hieß Cleveland, und der Titel seiner Lesung lautete: Das Vergoldete Zeitalter: Schon wieder Bauernfleisch zum Dinner, Amanda? Rockefeller, Carnegie, Gould: Es ging um die üblichen Verdächtigen. Er hatte ihre Lebensläufe rasch nach empörenden Anekdoten durchsucht und von seinem leidensfähigen Rechercheassistenten überprüfen lassen, dass die Daten stimmten. (»Mitch, das kannst du doch nicht wirklich sagen.« – »O doch, wart’s ab!«) Auch das dazugehörige Buch war ein kleiner Bestseller, obwohl es ihn ärgerte, dass die New York Times Book Review seine Bücher nicht mehr in der Sparte für Erwachsene besprach, sondern nur noch in der monatlich erscheinenden für Kinderbücher.

»Mr. Felt«, improvisierte er, »bitte lassen Sie mich nicht umbringen. Ich marschiere nicht mehr.«

Wieder lachten nur die paar, die die Anspielung auf Phil Ochs’ berühmte Hymne der 60er-Jahre-Protestgeneration noch erkannten. Doch für einen Vorort irgendwo in Cleveland war es ein passables Publikum, das sich an einem Abend mitten in der Woche in dieses hübsche Borders-Buchgeschäft bemüht hatte. Er sah Gesichter, Bücher, die Schwärze hinter den Fensterscheiben, und er hatte ein schönes Hotelzimmer. Wer weiß, vielleicht würde er noch flachgelegt, immerhin war eine gewisse Anzahl von Frauen mit ungefärbtem grauem Haar anwesend, das sie über ihren hawaiianischen Mu’umu’u-Kleidern mit den Birkenstocks zu Pferdeschwänzen gebunden hatten. Und sein Flug nach Boston ging auch nicht zu einem hirnverbrannt frühen Zeitpunkt.

Aber dann brüllte einer: »Mark Felt ist tot!«

Mitch entgegnete »Erzähl das mal dem Kerl da!« und hielt die Titelseite der Zeitung noch ein Stück höher.

Das brachte ihm einen guten Lacher ein – sogar die meisten Kids begriffen es. Wenn er unterwegs war, gelang es ihm immer schnell, die neuesten Ereignisse in seine Show einzuarbeiten. Sein wahres Talent war die Stand-up-Comedy. In den 80ern hatte er sich ein paar Jahre lang daran versucht, aber mit wenig Erfolg. Eine typisch fröhliche Meinungskolumne in der Daily News hatte die Aufmerksamkeit eines Lektors von einem der großen, renommierten Verlage im Stadtzentrum geweckt, und ehe er sich’s versah, war er wieder erfolgreich und hatte eine zweite Karriere begonnen – nach seiner ersten, die im Versuch bestanden hatte, die Regierung zu stürzen und den Krieg in Vietnam zu stoppen. Das einzige Problem mit dem Schreiben war der ganze Papierkram, wie er oft anmerkte, auch wenn diese Bemerkung nicht mehr wirklich originell war.

War Mitch Greene lustig, weil er lustig aussah, oder sah er lustig aus, weil er lustig war? Eine gute Frage, die auch nach all den Jahren nicht zu beantworten war. Er hatte eins dieser großen Gesichter – große Augen, große Nase, großer Kiefer, große Knochen überall, große Ohren, ein großer Adamsapfel. Das alles krönte eine große, krause Mähne rötlich-goldenen, leicht ergrauenden Haars, die an wild wuchernde Gartenkresse erinnerte. Wenn er lachte, zeigte er große Zähne und eine große Zunge.

»Jedenfalls, Jungs und Mädels«, fuhr er fort, »und damit meine ich auch euch Omas und Opas, denn ihr seid immer noch Jungs und Mädels, falls euch das nicht aufgefallen ist. Nicht dass das in unserem – ups, ich meine eurem – Alter noch eine Rolle spielt. Diese Psychonummer, die da abläuft, mit diesem wild gewordenen Redneck in Tarnuniform, der sicher einen ›Bring-Back-Bush‹-Aufkleber an der Stoßstange hat, erinnert uns vor allem an eins: Vielleicht willst du die Geschichte ignorieren, aber die Geschichte wird leider dich nicht ignorieren. Wer hat das gesagt? Wer’s weiß, kriegt zehn Punkte und sein Autogramm für nur zehn Kröten.«

»Trotzki«, rief jemand.

»Gebt dem Mann einen Joint. Aber um mal für ’ne Sekunde ernst zu werden, wir haben da einen durchgeknallten Killer, einen Möchtegern-Scharfschützen, der meine Gefolgsleute abschießt, die vor all diesen Jahren so viel aufs Spiel gesetzt haben, um den Krieg in Vietnam zu stoppen. Da wart ihr kleinen Bauern noch gar nicht geboren, so lange ist das her. Jedenfalls, diese Leute haben sich wirklich für den Frieden starkgemacht und dafür, unsere Jungs – eure Daddys – an einem Stück wieder nach Hause zu bringen. Und da ihr alle hier seid, seht ihr ja, dass es geklappt hat. Jetzt ist da einer auf einem Rachefeldzug gegen die Kommies, weil sein Verstand nun mal so funktioniert. Keine gute Tat bleibt ungesühnt, wie man sagt. Aber die Geschichte, Jungs und Mädels, die kann euch umbringen. Und bis es so weit ist, könnt ihr euch ruhig ein-, zweimal auf ihre Kosten amüsieren. Deshalb habe ich mindestens sieben, nein, vielleicht sogar elf Tage an diesem Buch gearbeitet, das euch einen Eindruck geben soll, womit alles angefangen hat: mit den leidigen Exzessen des Kapitals, mit Männern, die so viel Geld hatten, dass sie’s nicht ausgeben konnten. Und nach der fünften Villa hat das Häuserkaufen seinen Reiz verloren, also haben sie …«

Die Kugel traf seinen Mund. Genau genommen flog sie zwischen seinen großen Zähnen hindurch und drang durch den hinteren Teil der Kehle ins Rückgrat vor, das sie beim Austritt so gut wie vollständig in feinen rosafarbenen Nebel verwandelte. Anders als bei den Köpfen von Jack und Mitzi, deren Schädelgewölbe sich unter der Mischung von Geschwindigkeit, Energie und hydraulischem Druck destabilisiert hatten, flog die Kugel durch ihn hindurch und traf eine Wand. Weil sie Mitchs Rückgrat durchtrennte, trat der Tod dennoch sofort ein. Seine Knie aber hatten diese Nachricht noch nicht verarbeitet und kämpften darum, ihn aufrecht zu halten, als sein ganzes Gewicht auf sie herabsank. Er kippte nicht um, sondern wich vom Rednerpult zurück und sank mit einem dumpfen Schlag auf den Stuhl hinter sich, als hätte er mit einem Mal genug vom Klang seiner eigenen Stimme. Keiner der Anwesenden verstand, was geschehen war. Außerdem lenkte sie ein merkwürdiges Geräusch ab – ein schiefer, schneidender Laut von reißendem Glas. Mit einem schleifenden, schrillen Skronk zogen sich feine Linien wie ein zartes Spinnennetz über das große Frontfenster, 30 Meter hinter Mitch und dem Rednerpult. Im Zentrum des asymmetrischen Netzes war ein kleines, rundes Loch in der Glasscheibe, die trotz des großen Schadens, der an ihr entstanden war, weiterhin standhielt. Weil kein lauter Knall ertönt war, kamen mindestens drei Sekunden lang niemandem Worte wie »Gewehr« oder »Kugel« in den Sinn. Ratlos starrten sie auf die bizarren Einzelteile eines neuen Szenenbildes: Mitch, der sich setzte und aufhörte zu sprechen, das abrupt verschmierte Fenster. Hmm, was hatte das zu bedeuten? Aber dann sank Mitchs noch intakter Kopf nach vorn, und aus Mund und Nase sprudelten abstoßende Mengen an Blut.

Jetzt begann das Aufspringen, Schreien, Rufen, Hüpfen und das Fotografieren mit den Smartphones, und bald darauf wurde auch in Cleveland der Polizei-FBI-Fellini-Film aufgeführt.

2

Politik. Immer geht es um Politik. Selbst bei einem Mord. Es würde sicher noch ein Gerangel mit dem Chicago Police Department geben. Sie würden den Ruhm für sich beanspruchen wollen, und unter normalen Umständen war ein Mord auch die Angelegenheit der lokalen Behörden. Das FBI hatte keinen generellen Anspruch auf diese Fälle. Aber es würde sich als leitende Ermittlungsbehörde durchsetzen, weil das Gesetz besagte, dass ein Auftragsmord, bei dem Staatsgrenzen überschritten wurden, im Zuständigkeitsbereich des Bundes lag. Und da die äußerste Professionalität der Schüsse Auftragsmorde nahelegte, war es ein Fall fürs FBI.

Nick Memphis galt beim FBI immer noch als Senkrechtstarter, weil er vor einem Jahr bei der Vereitelung eines brutalen Banküberfalls in Bristol, Tennessee, triumphiert hatte. Er hatte den Plan aufgedeckt, die Spuren verfolgt, die Strippenzieher ausfindig gemacht und hochgenommen, wobei die Zahl der zivilen Opfer gering blieb. Momentan stand er kurz vor einer Beförderung zum stellvertretenden Direktor. Obwohl andere sich sehr um diesen Posten bemühten, wurde Nick zum leitenden Agenten der »Sonderkommission Sniper« ernannt, sobald die Brisanz des Falls deutlich geworden war – was beim FBI so viel bedeutete wie: »Alle beobachten dich.« Angesichts des hohen öffentlichen Interesses, der Größe und Leuchtkraft der auf ihn gerichteten Scheinwerfer, der endlosen Spekulationen und der allgemeinen Faszination des Ganzen waren seine Aussichten auf den Posten des stellvertretenden Direktors ziemlich gut, wenn er den Fall schnell zum Abschluss brachte. Er versuchte, nicht daran zu denken. Darum war es ihm nie gegangen. Ihm war es wichtig, seine Talente, seine Arbeitsmoral, seine Intelligenz und seinen Mut einzusetzen, um etwas Gutes in der Welt zu erreichen, sie zu einem besseren Ort zu machen. Also versuchte er zu verdrängen, wie verdammt viel ihm diese Beförderung bedeutete.

Am ersten Morgen nachdem er den Auftrag erhalten hatte – am Tag nach Jack und Mitzi, als das »Muster« plötzlich abwich –, stellte er die nötigen Kontakte her. Zuerst setzte er sich mit den FBI-Büros in Chicago und New York in Verbindung (denen es natürlich widerstrebte, plötzlich einem hohen Tier aus Washington, D. C. unterstellt zu sein, auch wenn Nick bekannt und beliebt war) und durch sie mit den zuständigen Polizeidienststellen. Weil East Hampton klein war, überließen die Leute aus Long Island die administrative Kontrolle bereitwillig den Bundesagenten, die sie weniger verachteten als die New York State Police; das war also kein Problem. In Chicago war man verbittert, aber nach einer Weile hatte Nick auch diese Behörde an Bord geholt – sein Ruf als guter Diplomat eilte ihm voraus und war völlig gerechtfertigt. Das Hauptquartier der Operation ließ er im Chicago Police Department einrichten (statt das Chicagoer FBI-Büro zu nutzen, was dem dortigen befehlshabenden Agenten natürlich gar nicht gefiel, was wiederum ihm aber herzlich egal war) und machte sich an die Arbeit. Umgehend wurden Teams zu beiden Tatorten entsandt, um die Beweise zu sichern. Einige der besten Forensiker des FBI wurden von weniger dringlichen Fällen abgezogen und diesem zugewiesen. Schusswaffenspezialisten vom ATF wurden hinzugezogen, um die Bemühungen des FBI nach Kräften zu unterstützen. Special Agents trafen ein, um die Vorgänge vor Ort zu überwachen und auf rücksichtsvolle Weise zu evaluieren, was verbessert werden konnte, was wiederholt werden musste und was ausgezeichnete Arbeit war. Gegen 16 Uhr hatten die Bundesagenten die Chicagoer praktisch vom Thron gestoßen und die Ermittlungen übernommen.

Aber Nick musste noch etwas anderes tun, bevor er nach Chicago fahren konnte, um das Kommando zu übernehmen. Als ehemaliger Scharfschütze konnte er den Presseberichten entnehmen, dass es sich um einen äußerst fähigen Schützen handelte, und das war etwas, das bei Kriminalfällen selten vorkam. Weder seine Leute in East Hampton noch die in Chicago konnten feststellen, von wo genau der Täter geschossen hatte. Aber die fehlenden Schussgeräusche bei allen Tatorten legten nahe, dass die Distanz groß gewesen war oder der Schütze einen Schalldämpfer verwendet hatte. Dies alles stützte seine Hypothese: Sie hatten es mit einem Profi zu tun. Eine Kugel, die man im Ellbogen des persönlichen Assistenten von Joan Flanders gefunden hatte und die so verformt war wie ein hübscher Champignon, stellte sich als das berühmte 10,9-Gramm-Boat-Tail-Hohlspitzgeschoss heraus, das in der Federal- oder Black-Hills-Variante die meisten SWAT-Scharfschützenteams und beinahe alle Präzisionsschützen von Army, Marine Corps, Air Force und Navy einsetzten, ob im Gefecht oder bei anderen Operationen. Die Kugel hatte Joan durchbohrt, war dann ins Schulterfleisch des Assistenten eingedrungen und hatte den Knochen getroffen. Dort hatte ihr die nötige Energie gefehlt, um diesen zu durchschlagen, stattdessen war sie von der harten Fläche abgeprallt, hatte sich an der Außenseite seines Arms entlangbewegt und dabei überraschend wenig Schaden verursacht. Es war jene magische Bohne, die im April 2009 in einem einzigen wohlkoordinierten Moment dem Leben dreier somalischer Piraten ein Ende gesetzt hatte. Also wies Nick seine eigenen Ermittler aus D. C. sowie deren per E-Mail benachrichtigte Mitarbeiter in allen 50 Bundesstaaten an, mit dem schwersten und zähsten Teil der Jagd zu beginnen: dem Klinkenputzen.

Alle Militäreinheiten, die Scharfschützen einsetzten, mussten kontaktiert werden; dasselbe galt für alle Polizeieinheiten, zu deren Teams Präzisionsschützen gehörten. Dann waren da noch all die Kader und Schüler der vielen Scharfschützenschulen – nicht nur der professionellen wie etwa der Marine Sniper School in Quantico, sondern auch der privaten Schulen, von denen es buchstäblich Dutzende gibt. In letzter Zeit hatte das Präzisionsschießen eine Art glamouröse Aura angenommen, und viele Privatpersonen wollten sich in dieser Kunst ausbilden lassen. Aber hinter der Scharfschützenkultur lag noch die breiter gefasste Schützenkultur selbst. Dazu gehörten die vielen Hochleistungsgewehr-Teams der Schützenvereine, die auf irgendeiner Ebene von der NRA verwaltet wurden, die in jedem Spätsommer in Camp Perry, Ohio, die nationalen Meisterschaften ausrichtete. Es gab Schießschulen, die auch Jagdtechniken lehrten, und innerhalb der Jägergemeinschaft existierte eine Nische für Männer, die die Fähigkeit erworben hatten, Wild aus großer Distanz zu erlegen. Es gab auch Jäger, die bei der Schädlingsbekämpfung auf weite Distanzen schossen und wirklich hervorragende Schützen waren. Nach vielen Verbesserungen an ihren Waffen und viel Zeit am Schießstand waren sie in der Lage, 30 Zentimeter große Präriehunde aus Entfernungen von mehr als 900 Metern zu treffen. Es gab eine Kultur des Auflageschießens, bei dem Männer mit individuell angepassten Gewehren aus mehr als 900 Metern Schussgruppen mit möglichst geringem Streukreis erzeugten (der amtierende Meister in dieser Disziplin hatte aus dieser Distanz mit einer Streuung von nur 11,43 Zentimetern getroffen). Mit all diesen Leuten mussten sie sprechen, alle mussten dieselben Fragen beantworten.

Ist jemand innerlich zerrüttet? Ist jemand verbittert, irrational, beinahe außer Kontrolle? Ist jemand wütend? Redet jemand viel darüber, dass die Linken den Krieg in Vietnam verloren haben? Hat sich seine Gesundheit plötzlich verschlechtert? Nimmt er Drogen? Ist seine Ehe zerbrochen, ist eins seiner Kinder gestorben, hat er seinen Job verloren? Ist irgendjemand von der Bildfläche verschwunden? Ist jemand verärgert über etwas, das im Irak passiert ist? Gab es irgendwelche Zuckungen, Macken, Pannen, Anomalien in der Gemeinde? Es war eine gewaltige Aufgabe. Es gab viele Menschen in den USA, die auf große Entfernung gut schießen konnten, und für eine Weile schien es, als müssten sich die Ermittler jeden davon einzeln vornehmen.

In den Medien hingegen fiel der Verdacht sofort auf ihn: den großen amerikanischen Waffennarren.

Das war von Anfang an das Narrativ. Man kannte diesen Kerl; jeder kannte ihn. Irgendetwas an ihm war ein wenig »merkwürdig«, nicht wahr? Seine Bürokollegen fühlten sich etwas unbehaglich in seiner Gegenwart, vor allem die Frauen. Zu den meisten Themen schien ihm nichts einzufallen, aber wenn es um Waffen ging, erstrahlte er plötzlich wie ein Weihnachtsbaum. Man sah ihn ständig über die Computertastatur gebeugt, aber er schaute sich nicht etwa heimlich Nacktfotos japanischer Teenager an, sondern Gewehre. Immer wenn vom zweiten Zusatzartikel zur Verfassung die Rede war, steigerte er sich ziemlich in die Sache hinein, und mit der Zeit lernten die anderen, das Thema zu meiden, wenn er in der Nähe war. Vielleicht hatte er ein Haus voller Jagdtrophäen oder ein Regal, auf dem kleine goldene Männer thronten, die Waffen in den Händen hielten. Iiih, wie gruselig. Vielleicht kannte er den Unterschied zwischen den Kalibern 30-06 und 308 oder wusste, dass mit einer Patrone »Kaliber 30« eine 30-06, eine .308, eine .300 Win Mag, eine .300 Remington Ultra Mag, eine .307, eine 7,62 × 39 Millimeter und so weiter gemeint sein konnte. Vielleicht verbrachte er in seinem Keller viel Zeit mit kleinen, mechanischen Vorrichtungen und war in der Lage, seine eigenen Patronen herzustellen, wie eine Art finsterer Alchemist aus dem Mittelalter. Vielleicht war er ein Amateurbüchsenmacher, der einen schaurigen Pakt mit den cleveren Mechaniken geschlossen hatte, diesem Geflecht aus Stiften, Hebeln, Federn, Ventilen und Rohren, die das Innenleben der Feuerwaffen bildeten. All diese Dinge wurden plötzlich verdächtig, und irgendwann begannen die Reporter sogar damit, das Internet nach Waffengeschäften zu durchsuchen und dort anzurufen, um nach Kunden zu fragen, die, obwohl sonst unauffällig, in letzter Zeit bizarres Verhalten an den Tag gelegt hatten.

Der dritte Tote, der arme, mitten im Satz unterbrochene Mitch Greene, engte das Suchfeld ein. Der Mörder von Joan Flanders hätte jeder sein können, denn sie war zu gleichen Teilen verhasst und beliebt. Der Hass auf sie war zu weitverbreitet, als dass er irgendwelche Anhaltspunkte liefern konnte. Ebenso hätte jeder Jack Strong und Mitzi Reilly umbringen können.

Beide wurden von ebenso vielen gehasst, und vielleicht noch leidenschaftlicher, für ihre Selbstgefälligkeit, moralische Überlegenheit, hohe Bildung, ihre Geringschätzung von Autoritäten, ihre wenig überzeugende Reue, ihre Wiedereingliederung in die Gemeinschaft, ihren Ruhm und so weiter und so fort. Die Tatsache, dass die Morde an Joan, Jack und Mitzi alle in einer gewissen Verbindung zum Vietnamkrieg und den Unruhen der 60er-Jahre standen, war verheißungsvoll – aber kein großer Durchbruch. Jedenfalls noch nicht.

Aber niemand hegte echten Hass auf Mitch Greene, weder früher noch heute. Er war ein Clown gewesen, ein Comedian, trivial; er hatte die Leute zum Lachen gebracht. Wahrscheinlich war er den anderen drei nie begegnet, denn in der Wahrnehmung radikaler Kreise stand er mehrere Stufen unter ihnen. Er hatte sich mehr oder weniger dem Mainstream verschrieben; daher war er die personifizierte Antwort auf die Frage: »Welcher davon passt nicht in die Reihe?«

Wenn überhaupt, ließ sich eine Verbindung nur über Vietnam herstellen. Wie die anderen drei war er zur Zeit des Kriegs berühmt gewesen und oft im Fernsehen aufgetreten. Aber war er ein echter Radikaler wie die anderen, oder war er nur ein Kerl, der auf den Wellen der Geschichte ritt, um sich seine Brötchen zu verdienen, sich flachlegen zu lassen und vielleicht nebenher noch ein wenig Selbstverwirklichung zu betreiben? Tatsächlich hatte er nie viel für die Bewegung getan, sondern sie vor allem für seine eigenen Zwecke benutzt. Es gab andere, viele sogar, die viel mehr getan hatten und für viel mehr verantwortlich gemacht werden konnten, falls man einer solchen Politik zugetan und von Motiven wie »Bestrafung« oder »Vergeltung« getrieben war.

»Der ist ein Fliegengewicht«, urteilte Ron Fields, Nicks Nummer zwei, ein bei der Behörde weithin bekannter Bilderbuchsoldat, der in fünf Schießereien brilliert hatte, jedoch weniger für seine Intelligenz als für Loyalität und Mumm bekannt war. »Den konnte nur einer ausknipsen wollen, der keine Ahnung hat. Für eine gewisse Sorte von Leuten, die sich über die Protestler aufregen, mag der ja dazugehören, vielleicht halten manche ihn sogar für ein Gesicht der Bewegung. Aber in Wirklichkeit war er doch nie eine der Schlüsselfiguren. Dem ging’s zu sehr um Aufmerksamkeit, als dass er sich für die harte Arbeit der Revolution interessierte.«

»Ist das was?«, fragte Nick. »Sagt uns das was? Bringt uns das irgendwie weiter?« Er sah sich am Tisch um, betrachtete seinen Mitarbeiterstab. Ihm gehörten noch weitere Möchtegern-Stars wie Ron an, die sich an Nick gehängt hatten in der Hoffnung auf einen baldigen Aufstieg: ein Detective der New York State Police, der bei den Ermittlungen Hampton repräsentierte, dazu jeweils zwei kluge Köpfe aus Chicago und aus Shaker Heights, je einer davon weiblich. Die Gruppe hatte sich am Tag nach Mitchs Ableben in einem großen, tristen Raum in einer der oberen Etagen der Polizeistation von Shaker Heights versammelt.

Der billige Konferenztisch zwischen ihnen war mittlerweile übersät mit leeren Kaffeetassen, halb aufgegessenen Donuts und verstreutem Zucker. All das verrottete unter dem kalten Neonlicht der Deckenfluter.

Eine der Frauen meldete sich zu Wort: »Mein Eindruck ist folgender: Er ist technisch begabt, aber politisch naiv; er hat seine Hausaufgaben nicht gemacht und sich einfach die offensichtlichsten Symbole der Bewegung vor 40 Jahren vorgeknöpft, so wie er sie kannte oder sich an sie erinnerte.«

»Dann ist er also ein alter Mann?«, fragte Nick.

»Ich denke, das muss er sein.«

»Ich weiß nicht«, widersprach Nick. »So zu schießen scheint mir eher etwas für einen jüngeren Mann zu sein. Muskelkraft, Ausdauer, Disziplin, das sind alles Dinge, über die eher Jüngere verfügen. Dazu noch das Reisen. Wahrscheinlich fliegt er nicht, nicht mit so einem Gewehr, noch dazu sind all diese Orte nicht mal in derselben Zeitzone. Eine Menge Fahrerei, eine Menge Bewegung – wie gesagt, das ist alles eher was für einen jungen Kerl.«

»Vielleicht ist es ein sehr guter alter Mann«, wandte jemand ein. »Ich meine, ein echt guter.«

»Kennt hier jemand einen echt guten alten Mann?«

Schweigen.

»Tja, ich schon. Den besten. Vietnam-Scharfschütze, Agent, Waffenkenner. Er wäre der nächstliegende Kandidat.«

»Sollen wir uns drum kümmern, Nick?«

»Hab ihn schon angerufen. Gleich am ersten Tag, über Festnetz, in Idaho, um aus seinem Mund zu hören, dass er nichts damit zu tun hat, sondern sich draußen auf seiner Ranch um seine Pferde kümmert. Und so war’s auch. Es gab eine klitzekleine Chance, dass er übergeschnappt sein könnte. So was kommt ja vor. Er wusste, warum ich anrufe. Und war echt verärgert darüber. Aber ich wollte Gewissheit haben, damit ich den Job hier mit klarem Kopf angehen kann. Und die habe ich bekommen. Also, kennt von Ihnen noch jemand irgendwelche echt guten alten Männer?«

»Nein«, erwiderte Ron, »aber morgen Vormittag werde ich veranlassen, dass jemand sich die Leute anschaut, die sich in Vietnam Orden verdient haben. Leute, die viel getötet haben. Scharfschützen, vielleicht die richtigen Asse, die Spezialisten.«

»Das ist gut«, gab Nick zurück. »Dann können wir anfangen, die Spreu vom Weizen zu trennen. In Ordnung, also ich sehe jemanden, der es den ›Verrätern‹ heimzahlen will. Um nach so vielen Jahren so zu empfinden, muss er damals dabei gewesen sein. Den Kids heute bedeutet Vietnam nicht viel; die meisten wissen nicht mal mehr, was das war. Aber dieser Kerl hat über lange Zeit einen Groll gehegt. Und jetzt, wo ihm vielleicht klar wird, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, holt er sein Gewehr wieder aus der Mottenkiste, schlüpft in seine Tarnuniform und zieht los in den Dschungel, um ein letztes Mal zu töten.«

»Macht Sinn«, pflichtete ihm einer der anderen bei. Höflicherweise wies niemand darauf hin, dass diese Interpretation der Ermittlungshypothese des FBI widersprach. Denn sie alle waren auf seinen Zug aufgesprungen, und sie alle würden ihre Ziele erreichen, wenn er sein Ziel erreichte.

»Also gut«, schloss Nick. »Dann lasst uns, wie Ron schon sagte, unsere besten Leute holen und die Sache ins Rollen bringen, indem wir die Theorie testen. Lassen wir die große Gruppe der möglichen Täter mal außen vor und wenden uns der kleineren Gruppe der wahrscheinlichen Täter zu. Damit meine ich ehemalige Vietnam-Scharfschützen. Marines, Army, vielleicht CIA; die hatten eine Menge Paramilitärs da drüben. Ich glaube, die wurde SOG genannt, ihre kleine Kommandoeinheit. Hatte die Air Force Scharfschützen?«

»Die hatten Luftpolizisten, die zur Geländebewachung auch eine Scharfschützenausbildung erhielten. Und die Navy hatte immer einen Präzisionsschützen an Bord, der Minen aus dem Weg räumen konnte. Wenn die Typen die Dinger aus der Distanz erwischt haben, sind sie hochgegangen. Das wären zwei eher abwegige Möglichkeiten. Ich glaube nicht, dass die SEALs zu diesem frühen Zeitpunkt schon ein Scharfschützenprogramm hatten. Die hatten eher Delta-Cowboys als Spezialisten für präzises Ausschalten.« Das war Ron – allzeit auf Zack, wenn es um Scharfschützenangelegenheiten ging. Er hoffte darauf, zum Leiter von Precision Marksmanship ernannt zu werden, der Scharfschützentrainingseinheit des FBI in Quantico.

»Ich erwarte, dass bis morgen Mittag alle Beteiligten an dieser Ermittlung Experten für Militärscharfschützen von 1965 bis ’75 sind. Veranlasst alles Nötige und bleibt dran. Ich gehe morgen zur Obduktion und warte noch darauf, von den Forensikern was zur Greene-Kugel zu hören. Aber wahrscheinlich war’s dasselbe Kaliber wie bei den anderen.«

Und so kam es, dass das FBI bei seinen Ermittlungen schon sehr früh auf Carl Hitchcock stieß.

Carls Name wurde fast zeitgleich von zwei Quellen genannt. Die erste war ein Sergeant, der bei der North Carolina State Police für Ausbildung und Spezialeinheiten zuständig war, mit anderen Worten, ihr SWAT-Mann. Eine junge Frau, Special Agent der Sonderkommission Sniper, hatte ihn aus dem Einsatzraum des Hauptquartiers in Washington zu Hause angerufen. Sie hatte ihm Fragen über gute Polizeischützen gestellt, die in letzter Zeit labil gewirkt hätten. Der Sergeant behauptete, niemanden zu kennen, auf den dies zutraf. Er sprach schroff, knapp, professionell und wirkte kurz angebunden. Aber dann …

»Ich sag’s nicht gern, junge Dame, aber mir fällt da doch ein Name ein.«

»Ja, Sir.«

»Carl Hitchcock.«

Die junge Frau hatte keine Ahnung, wer das war. Ihr fiel keine passende Antwort ein.

»Haben Sie den Namen schon mal gehört?«

»Nein, Sir, noch nie.«

»Wie alt sind Sie?«

»24.«

»Okay. Eine Zeit lang ist Carl Hitchcock der berühmteste Scharfschütze in Amerika gewesen. Jemand hat ein Buch über ihn geschrieben wegen seiner vielen Abschüsse in Vietnam. Er war bei den Marines, wissen Sie? Hat draußen im Dschungel den Feind gejagt, einen nach dem anderen.«

»Ja, Sir.« Die Ermittlerin notierte sich den Namen.

»Er war als der Scharfschütze mit den meisten Abschüssen bekannt, 93 oder 94. Über ihn wurden Artikel in Zeitschriften geschrieben, er hat ein Buch veröffentlicht, und jahrelang ist er zu Waffenmessen gefahren und hat Autogramme verkauft wie ein Ex-Baseballspieler. Es war sogar ein Film über ihn im Gespräch. Dann gab’s noch jede Menge kleinerer Sachen, Sie wissen schon, ein autorisiertes Poster, eine eigene Munitionsmarke, Gewehre mit seinem Namen drauf. An allem hat Carl ein bisschen was verdient.«

»Hält er sich jetzt in Ihrer Gegend auf?«

»Er hat sich hier in Jacksonville zur Ruhe gesetzt, so wie viele alte Marines. In der Nähe von Lejeune. Da hatte er ein kleines Haus. Er hat immer gern im Garten gearbeitet. Seine Frau ist vor ein oder zwei Jahren gestorben. Und in letzter Zeit ging’s ihm gesundheitlich nicht so gut.«

»Woher kennen Sie ihn?«

»Er hat als Berater gearbeitet, ist manchmal vorbeigekommen und hat in den Polizeistationen ab und an informelle Trainings im Rahmen der Schützenprogramme geleitet. Hat unseren Jungs geholfen und war ein außergewöhnlich guter Coach. Durch ihn haben alle besser geschossen und, was noch wichtiger ist, besser nachgedacht. Er hat sich viel mit dem Handwerk des Scharfschützen beschäftigt. Auf seinem Nummernschild stand sogar ›SNIPR-1‹.«

Er buchstabierte es noch einmal für die junge Frau.

»Und mit ihm stimmt was nicht?«

»Tja, da wird die Sache heikel. Deswegen hab ich gezögert, es zu erwähnen. Aber ja, mit ihm ist was. Irgendwas. Weiß nicht genau, was. Carl ist nicht die Sorte Mann, die viel über ihre Gefühle spricht. Er ist stolz drauf, dass er das nicht tut. Aber ich hab’s gemerkt. Seine Stimme hat sich am Telefon wie tot angehört. Er hat seine Besuche abgesagt. Irgendwas war da, das ihn fürchterlich deprimiert hat. Der klassische Fall. Vielleicht ist’s nur das Alter, die Erkenntnis, dass mehr Blätter auf dem Boden liegen als noch am Baum hängen. Darauf reagiert jeder anders. Ich weiß auch nicht.«

»Und wann haben Sie Carl Hitchcock zum letzten Mal gesehen?«

»Vor einem Monat. Ich rede hier nur von einem Gefühl. Ich schätze, er wirkte irgendwie einsam.«

»War er gebrechlich?«

»Basketball spielen konnte er nicht mehr, aber für einen fast 70-jährigen Mann war er lebhaft genug. Er humpelte, hatte Schmerzen von ein paar Verbrennungen, solche Sachen, aber er war trotzdem noch gut auf den Beinen.«

»Haben Sie seine Adresse?«

»Lassen Sie mich nachsehen. Wollen Sie, dass ich …«

»Nein, Sir«, erwiderte die junge Frau, die wusste, dass es zu Problemen führen konnte, wenn irgendein einheimischer Schnüffler plötzlich Fragen zu stellen begann. »Ich werde mit meinen Vorgesetzten darüber sprechen, und dann werden wir uns so bald wie möglich wieder bei Ihnen melden.«

»Nichts für ungut, Ma’am, aber das bekomm ich jedes Mal zu hören, wenn ich mit Bundesagenten zu tun habe. Und ›so bald wie möglich‹ heißt dabei so viel wie ›nie‹.«

»Dafür entschuldige ich mich, Sir, aber ›so bald wie möglich‹ ist diesmal wirklich ernst gemeint.«

Aufgeregt rannte die junge Frau ins Büro des legendären Nick, der ihr bedeutete, Platz zu nehmen, während er ein Telefonat beendete.

Und sie hörte ihn fragen: »Buchstabiert man das H-I-T-C-H-C-O-C-K? Wie der Regisseur?«

Die zweite Quelle war das Polizeirevier in Hendrix, Arizona, mit dessen Chief Nick gerade telefoniert hatte. Und dieser hatte Folgendes zu erzählen:

»Dieses alte Mädchen saß sechs Stunden lang in unserem Vorzimmer, wurde anscheinend von Pontius zu Pilatus geschickt. Aber schließlich kam ein Detective, um ihre Beschwerde aufzunehmen, und dann stellte sich heraus, dass ihre Schwester eine ehemalige Schönheitskönigin namens Mavis O’Neill Hitchcock war, aus Jacksonville, North Carolina. Die Stadt liegt in der Nähe der großen Basis der Marines, Camp Lejeune. Mavis ist gestorben, aber ihr Mann war ein kriegsversehrter Rentner namens Carl Hitchcock, der für eine Weile als der Marines-Scharfschütze Nummer eins bekannt war. Es war eine gute Ehe. Beide waren alte Hasen, hatten schon viel erlebt. Mavis’ erster Mann Howard war auch ein Sergeant bei den Marines gewesen. Er und Carl waren Freunde. Jedenfalls war Carl lange Zeit so eine Art Gott für die Marines und auch für viele Polizisten und so. Diese Art Leben mochte er sehr, er unterhielt sich gern mit den jungen Scharfschützen und so weiter. Aber etwa zu der Zeit, als Mavis krank wurde, hat sich die Lage verschlimmert. Wurde richtig schlimm. Ich weiß nicht, was los war. Als es Mavis schlechter ging, fuhr die Schwester nach Jacksonville, und da merkte sie, dass mit Carl irgendwas nicht stimmte. ›Carl, was ist mit dir?‹ Aber er hat kein Wort gesagt. Er war noch nie sehr gesprächig; die ganze Zeit, die er in Vietnam auf sich gestellt war, hat ihm wahrscheinlich das Bedürfnis zu sprechen ausgetrieben. Dann sagt er zu ihr, er sei der Champion gewesen. Aber jetzt habe sich rausgestellt, dass er doch nicht der Champion war. Da gebe es einen anderen Kerl, ein paar Jahre früher, der mehr Feinde getötet hat. ›Warum regst du dich über so was auf?‹ – ›Ich fühl mich, als wär mein ganzes Leben eine Lüge‹, war seine Antwort. Jedenfalls, Mavis stirbt und Carl ist am Boden zerstört. Die Schwester muss zurück nach Hendrix, zu ihrem eigenen Leben, aber versucht mit ihm in Kontakt zu bleiben. Mehrere Male ruft sie an und er ist zu betrunken, um zu reden. Manchmal ruft er selbst an, betrunken. Eines Tages bricht er sich die Hüfte, und das setzt ihm gewaltig zu. Seitdem geht er einfach nicht mehr ans Telefon. Und jetzt passieren diese Morde, und sie fragt sich, könnte Carl … Das sieht ihm gar nicht ähnlich … Carl war immer so ein guter, tapferer Mann, so ein wunderbarer Marine … Aber könnte er’s getan haben?«

»In Ordnung«, wandte sich Nick in dem Meeting, das er bereits 30 Sekunden später einberufen hatte, an seine Mannschaft. »Ich will mich nicht schon auf Carl Hitchcock festlegen, aber wir brauchen mehr. Ich hab mit dem zuständigen Bundesanwalt für North Carolina telefoniert, und der besorgt uns einen Durchsuchungsbeschluss. Ich will, dass sich unser bestes Team drum kümmert. Ron Fields wird die Sache leiten, und Ron, du weißt, was ich erwarte. Wir sind in einer schwierigen Situation. Man sollte die Einheimischen nicht mit übereifrigen Überwachungsaktionen gegen sich aufbringen. Besonders die Marines werden sich für die Sache interessieren, weil er mehr oder weniger ein Symbol für ihre Organisation ist, einer ihrer Helden. Andererseits ist da Joan Flanders’ Ex-Mann T. T. Constable, der ständig den Direktor anruft und verlangt, dass wir handeln, manchmal zweimal am Tag. Ron, meinst du, du kriegst das hin?«

»Das meine ich.«

»Nimm diese junge Frau hier mit. Sie hat ihre Sache gut gemacht. Wie war noch mal Ihr Name, junge Dame?«

»Jean Chandler.«

»Nimm Special Agent Chandler mit, Ron. Nehmen Sie sie hart ran, behandeln Sie sie unfair, sprechen Sie sie beim Nachnamen an, überlasten Sie sie, lassen Sie sie nicht ihren Mann anrufen …«

»Kein Mann«, warf Chandler mit ausdrucksloser Stimme ein.

»Dann ihren Freund, der wahrscheinlich Linebacker bei den Redskins ist. Und dann schauen Sie, ob sie danach noch lächelt. Vielleicht behalten wir sie dann, vielleicht nicht. Mal sehen.«

Chandler grinste. Nick war berühmt für seine Sticheleien und seinen lockeren Umgang mit den jüngeren Leuten.

Nick fügte hinzu: »Und vergewissere dich – ich weiß, dass dir das klar ist, aber ich werd dafür bezahlt, auf das Offensichtliche hinzuweisen –, vergewissere dich, dass der juristische Papierkram perfekt ist, bevor du loslegst. Du durchwühlst nichts; du erweist diesem alten Knacker äußersten Respekt, wenn er da ist; und du dokumentierst alles, okay? Hast du verstanden?«

»Ja, Nick.«

»Da ist noch was, das dir klar sein muss: Falls er wirklich der Kerl ist, Gott behüte, und wenn es brenzlig wird, dann ziehst du dich sofort zurück und machst einen zerknirschten Eindruck. Ich weiß, dass du mit der Waffe umgehen kannst, aber du kannst dich nicht mit Carl Hitchcock anlegen. Unter gar keinen Umständen legst du dich mit Carl Hitchcock an. Wenn du sehen willst, wie in ganz kurzer Zeit eine ganze Menge Leute draufgehen, dann dräng einen früheren Marines-Scharfschützen in die Ecke, der ein Gewehr und ’nen Haufen Munition hat. Ich garantier dir, nach zwei Minuten liegen die Leichen schon bis zum Waldrand und zurück. Und die Überlebenden werden garantiert nicht befördert.«

Sie lachten nervös.

»Halt mich auf dem Laufenden und alle anderen auf Abstand. Alles, was rausgeht, geht über mich, weil ich dafür bezahlt werde, das Arschloch zu spielen. Lass mich das Arschloch sein. Wenn du das tust, halt ich auch den Kopf für dich hin. Tust du’s nicht, lass ich dich fallen und häng deiner Karriere ein Bloß-nicht-befördern-Schildchen um. Ich will von der Presse keine Fragen gestellt bekommen, auf die ich die Antwort nicht weiß. Okay, los, los, los. Was denn, ihr seid immer noch hier?«

3

Es war ein einstöckiges Ziegelhaus unter Palmen und Kiefern in einer baumreichen Gegend, in der hauptsächlich die jungen Familien von Marine-Corps-Unteroffizieren wohnten. Wie sich herausstellte, war Jacksonville eine dieser Städte, die wie Parasiten am Rand einer großen Militäreinrichtung wachsen – in diesem Fall Camp Lejeune, North Carolina, Heimat und Ausbildungsstätte der 22., 23. und 24. Marine-Expeditionseinheit, der Zweiten Division sowie der Infanterie- und Ingenieursschulen des Marine Corps. Die Stadt war voller kleiner Geschäfte für junge Marines – Reinigungen, Schneider, Schuster, Fast-Food-Läden und natürlich auch einige etwas anrüchigere Etablissements zur Zerstreuung nach dem Dienst, hauptsächlich Bier- und Striplokale. Dazu kamen noch ein Busbahnhof, ein Zugbahnhof sowie ein überraschend gut entwickeltes Taxisystem, das die Jungs und Mädels zum Dienst oder zu den Vergnügungsstätten beförderte, falls ihre Karrieren noch nicht so weit fortgeschritten waren, dass sie sich ein Auto leisten konnten.

Ron Fields und Jean Chandler trafen sich früh am Nachmittag mit dem Bundesanwalt für Shelby County, einem Stabsmitglied des Judge Advocate General’s Corps des USMC, dem örtlichen Polizeichef sowie einem Captain der North Carolina State Police. Fields hatte ihnen viel zu erklären.

»Eigentlich bin ich ein netter Kerl«, begann Ron, »und die Leute mögen mich. Aber ich werde die Sache abkürzen, um Zeit zu sparen. Wie wunderbar ich bin, kann jeder von Ihnen in sechs Monaten für sich selbst entscheiden. Tut mir leid, wenn ich wie ein Drecksack rüberkomme, aber es muss leider sein. Jack …« Damit wandte er sich an den Bundesanwalt und wechselte auf die persönlichere Ebene. »Ich werde die juristischen Papiere aus Ihrem Büro nach D. C. faxen, damit Leute, die in Harvard studiert haben, sie sich ansehen. Ich halte die nicht für schlauer, sondern muss einfach nur sichergehen.«

»Natürlich«, erwiderte Jack. »Ich war ja nur an der UNC, was weiß ich denn schon?«

»Wir haben Forensiker, Beweissicherungsteams und SWAT-Teams auf Stand-by. Aber wir kommen hier nicht weiter, wenn wir sofort anfangen, Türen einzutreten. Wir gehen es locker an. Langsam und locker. Ich möchte, dass Sie, Major Connough« – er meinte das Stabsmitglied vom JAG des Marine Corps – »alle meine Entscheidungen verfolgen und absegnen. Sagen Sie mir immer Bescheid, sollte ich mich respektlos verhalten; ich will das Marine Corps nicht gegen mich aufbringen.«

»Das Marine Corps ist längst aufgebracht. Dieser Kerl ist eine Institution. Er ist ein Gott, ein Held. Falls sich herausstellt … Nun ja, das wird es nicht. Jeder, der Carl Hitchcock kennt, sagt, dass das nicht sein kann.«

Ron gefiel nicht, wonach das klang. Warum sie hier waren, hatte offenbar schon die Runde gemacht. Das ist das Problem mit diesen Militärkreisen, dachte er. Permanente Kommunikation, nichts kann passieren, ohne dass nach fünf Sekunden jeder Bescheid weiß.

»Ich hoffe auch, dass er sauber ist. Würde meinen Job einfacher machen. Okay, keine Polizeipräsenz vor dem Haus. Die sollen sich zwei Blocks entfernt vor der Schule versammeln. Ihre SWAT-Leute, Ihre Verkehrspolizisten, Ihre Sanitäter, Ihre Pressekontakte, was auch immer. Wie schnell können Sie alle zusammentrommeln?«

»Wir können die Leute bis 16 Uhr in Position bringen.«

»Gut. Dann hoffe ich, dass ich ein Ja aus D. C. kriege und dass Sie bis dahin einen netten, freundlichen Richter aufgetrieben haben, in Ordnung?«

»Mit dem Zeitrahmen kommen wir zurecht. Der Durchsuchungsbeschluss liegt schon bei Richter O’Brian. Er wird ihn unterschreiben. Das hat er bisher immer gemacht.«

»Gut gemacht, Chief, das spart uns Zeit. Ich möchte, dass Ihre Leute um drei Uhr anfangen, diskret die Nachbarschaft zu evakuieren. Ganz freundlich –Ma’am, wir führen hier eine Festnahme durch, bei der es eventuell gefährlich werden kann, und wir möchten, dass Sie ganz ruhig Ihre Kinder holen und mit ihnen zur Schule rübergehen. So was in der Art. Die Leute hier gehören zu den Marines, die befolgen Befehle.«

»Ist das wirklich nötig?«, hakte der JAG-Stabsangehörige nach. »Carl ist fast 70. Der wird doch nicht zur Waffe greifen.«

»Da haben Sie bestimmt recht, Major Connough. Aber ich kann kein Risiko eingehen. Wir können uns keine zivilen Opfer leisten. Jeder Polizist, der möglicherweise in Sichtlinie zum Haus kommt, wird, ich wiederhole, wird eine Schutzweste tragen.«

»Die hält keine Kaliber-308-Kugel auf«, wandte der Marine ein.

»Nein, aber sie könnte sie ablenken. Außerdem haben wir festgestellt, dass eine Schutzweste in kritischen Situationen die Effizienz und das Selbstvertrauen der Einsatzkräfte, aber auch ihre Überlebenschancen erhöht.«

»Wir beim Marine Corps haben durchaus Erfahrung mit kritischen Situationen«, warf der Major ein. »Schon mal was von Iwo Jima gehört?«

»Ja, Sir. Ich wollte nicht respektlos sein, ich denke einfach nur an alle Eventualitäten, in meiner stumpfsinnigen, geradlinigen Art. Bis es so weit ist, werde ich mir schon mal ein Taxi nehmen und einfach ein paarmal am Haus vorbeifahren.«

Während die verschiedenen Behörden ihre Teams in Stellung brachten, fuhren Ron und Jean Chandler zum dritten Mal die Peacock Lane entlang. Ein Cop aus Jacksonville, der eine Schutzweste und darüber Zivilkleidung trug, saß am Steuer. Die Bundesagenten gingen ihr Einmaleins der Sicherheit durch, übertrieben es vielleicht, aber weil sie einer unvergleichlich misstrauischen und argwöhnischen Kultur entstammten, überließen sie nichts dem Zufall. Bei der ersten Fahrt trugen sie Anzug und Krawatte sowie eine förmliche Bluse, bei der zweiten Polohemden, Sonnenbrillen und Baseballkappen, und dieses Mal hatten sie die Sonnenbrillen und Baseballkappen getauscht.

Jedes Mal sahen sie nichts, obwohl bei ihrer Methode jeweils nur einer von ihnen, auf der dem Haus abgewandten Seite, es tatsächlich beobachtete. Der Agent auf der Hausseite blieb still sitzen, die Augen geradeaus, vollkommen uninteressiert. Sein Partner war derjenige, der sich ein wenig zurücklehnte, den Kopf neigte und das Ziel auskundschaftete.

»Sag mir, was du siehst«, bat Ron.

»Nichts«, gab sie zurück. »Sieht leer aus. Der Rasen ist gemäht, obwohl’s schon eine Weile her ist. Das Unkraut ist gejätet, das Gras bewässert, nichts liegt herum. Sieht wie ausgestorben aus. Keine Anzeichen für Bewohner, nichts Ungewöhnliches, nichts Überraschendes oder Unerklärliches. Nur das Haus eines ordentlichen alten Rentners, der allein lebt, aber noch rüstig genug ist, sich um den Garten zu kümmern. Er ist seit einer, vielleicht zwei Wochen nicht mehr da gewesen, aber es gibt keine Zeichen von Verfall oder Instabilität. Mit der Zeit wird das Haus vor die Hunde gehen, aber so weit ist es noch nicht. Jetzt sieht es immer noch sehr gepflegt aus. Das Auto ist staubig, aber unter dem Staub ist es sauber. Es wurde gewaschen, aber seit einer Woche nicht mehr gefahren.« Sie sprach von Carls Chrysler 300 mit dem Kennzeichen ›SNPR-1‹ aus North Carolina.

Chandlers Einschätzung stimmte mit Rons Sicht überein; tatsächlich bestätigte sie sie in jedem Detail.

Um 16:09 Uhr bekam Ron schließlich den Anruf von Nick, auf den er gewartet hatte.

»In Ordnung, Ron, von rechtlicher Seite ist alles geklärt, und der Richter hier hat den Durchsuchungsbeschluss abgesegnet. Sie können loslegen. Melden Sie sich so schnell wie möglich wieder bei mir.«

»Roger.« Ron wandte sich den versammelten Polizisten zu. »Es geht los. Agent Chandler und ich werden reingehen. Ich werde mein Mikro eingeschaltet lassen. Wenn ihr irgendwelche Schüsse oder Kampfgeräusche hört, seht zu, dass ihr schnell da seid.«

Nickende Köpfe überall.

»Okay, Cowboys, zu den Waffen.«

Die SWAT-Leute stiegen in ihre gepanzerten Fahrzeuge und starteten die Motoren. Ron und Jean zogen erst ihre Schutzwesten, dann ihre Jacken an. Ihre Erkennungsmarken hängten sie sich an einem Band vor die Brust. Nach einer letzten kurzen Rücksprache mit dem Staatsanwalt, dem Bundesanwalt, den Führungskräften der Polizei, den Sanitätern und so weiter stand fest, dass der große Augenblick nun gekommen war.

Die beiden Agenten stiegen in die schwarze Limousine, fuhren zwei Häuserblocks weiter und bogen in Carl Hitchcocks Einfahrt ab.

Die SWAT-Teams rückten mit geladenen und gesicherten Waffen unauffällig zu ihren Positionen knapp außerhalb der Sichtlinie vor. Alle Ohrhörer waren auf dieselbe Frequenz eingestellt.

Ron und Jean stiegen aus dem Fahrzeug, blickten sich um, dann ging Ron voraus zur Haustür. Beide Agenten hatten die Sicherheitsverschlüsse an den Holstern gelöst, in denen ihre Glock Kaliber 40 steckte, und waren damit jederzeit schussbereit. Ron klopfte an, wartete, klopfte noch einmal, aber niemand reagierte.

Sie arbeiteten sich vorsichtig zu den anderen Türen vor und klopften auch dort an. Sie spähten durch die Fenster und sahen nichts. Nachdem sie das ganze Haus umrundet und ihre Fortschritte über Funk weitergegeben hatten, erreichten sie wieder die Vordertür. Ron stieß dagegen; sie war nicht abgeschlossen und öffnete sich.

»Sergeant Hitchcock«, rief er. »Mein Name ist Ronald C. Fields, Special Agent, Federal Bureau of Investigation. Ich bin hier, um einen Durchsuchungsbeschluss auszuführen und Sie für eine Befragung mitzunehmen. In der Nähe ist ein Officer vom JAG des Marine Corps, falls Sie zuerst mit ihm sprechen möchten. Bitte kommen Sie mit erhobenen Händen heraus. Dies ist keine Festnahme; es ist nur eine Befragung und Durchsuchung. Sie werden genug Zeit bekommen, sich einen Rechtsbeistand zu besorgen, falls nötig.«

Schweigen.

Schließlich sagte Ron: »Okay, wir gehen rein.« Er zog seine Glock. »Mündung zum Boden. Sie schießen nicht, wenn Sie nicht absolut sicher sind, eine Waffe zu sehen oder körperlich angegriffen zu werden, verstanden, Chandler?«

»Kapiert«, gab Chandler zurück.

»Und Sie schießen Special Agent Fields nicht in den Hintern, ganz egal, wie sehr er Ihnen auf die Nerven geht, in Ordnung?«

»Zur Kenntnis genommen.«

Sie gingen hinein und betraten das Wohnzimmer.

Es dauerte eine Sekunde, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

»Sergeant Hitchcock, FBI, bitte identifizieren Sie sich.«

Stille.

Das Wohnzimmer wurde von einer Wand voller Auszeichnungen dominiert, die eine Marine-Corps-Karriere illustrierte. Bilder aus Lejeune, Pendleton und von einer Menge anderer Standorte, aus Rom, Paris, dem Vietnamkrieg. Einige Titelseiten von Zeitschriften sowie eines Buchs, alle in Bilderrahmen. Orden in einem Schaukasten aus Eichenholz. Trophäen in Form kleiner goldener Schützen. Alles hübsch und gepflegt, alles eingerahmt, alles Zeugnisse eines Mannes, der stolz auf seine Errungenschaften und im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten war.

Sie gingen weiter, Ron voraus, Jean hinter ihm, zuerst durch den Flur und einen Wäscheraum, von dort gelangten sie zu einer kleinen, aber ordentlichen Küche. Danach kam ein Schlafzimmer. Das Bett war gemacht, das Laken im Kasernenstil straff gezogen (eine Münze wäre daran abgeprallt), nichts lag herum.

Schließlich war nur noch ein weiteres Schlafzimmer übrig. Die Tür war geschlossen.

Tatsächlich war sie von außen abgeschlossen, mit einem an Tür und Rahmen geschraubten Vorhängeschloss.

»Treten Sie sie ein«, forderte Ron sie auf. »Wir bezahlen sie später.«

Jean Chandler versetzte der Tür einen Tritt, aber ihr Fuß prallte ab.

»Agent Jeannie muss öfter ins Fitnessstudio«, schnaubte Fields spöttisch.

»Ich schaff das.« Diesmal positionierte sie sich besser und zielte höher, um mehr Kraft auf die Schrauben auszuüben, die im Holz von Tür und Rahmen steckten. Sie trat, die Tür flog auf und sie betraten das Zimmer.

»Du lieber Gott«, entfuhr es Ron.

4

Im Auditorium für Pressekonferenzen des FBI-Hauptquartiers in Washington, D. C. betrat Nick ein paar Stunden später das Podium, beinahe geblendet von den Scheinwerfern. Er spürte die Anwesenheit der schäumenden Menge vor sich in der Dunkelheit. Er ging zum Rednerpult, räusperte sich, testete das Mikrofon. Dann wartete er, bis Phil Price, der Öffentlichkeitsbeauftragte des FBI, ihn vorgestellt hatte: »Hier ist Nick Memphis, leitender Special Agent der Sonderkommission Sniper, der, wie schon gesagt, wichtige neue Informationen für Sie hat.«

Nick beugte sich näher zum Mikrofon.

»Vielen Dank fürs Kommen. Sind wir so weit? Jimmy, verteilen Sie die Rundschreiben und die Pressemitteilung. Sorgen Sie dafür, dass jeder eins bekommt. In Ordnung, wie Phil schon sagte, habe ich Informationen für Sie. Ich bin hier, um Ihnen mitzuteilen, dass in den Mordfällen Joan Flanders, Mitch Greene, Jack Strong und Mitzi Reilly soeben ein Haftbefehl erlassen wurde.«

Eine Welle der Aufregung ging von den versammelten Reportern aus, während alle auf ihren Sitzen nach vorn rutschten.

»Der Haftbefehl nennt Carl R. Hitchcock, 67, aus Jacksonville, North Carolina, als Hauptverdächtigen. Ich sollte hinzufügen, dass Hitchcock, ein gut ausgebildeter, bewährter und dekorierter Marines-Scharfschütze mit viel Kampferfahrung, mit äußerster Vorsicht zu behandeln ist, und dasselbe sage ich auch der Polizei. Er ist ein überaus gefährlicher Mann, vielleicht der gefährlichste, den das FBI verfolgt hat seit Baby Face Nelson im Jahr 1934. Ihm werden für den Zeitraum seines Einsatzes in Vietnam in den Jahren 1969 und 1970 93 Abschüsse zugeschrieben, und er war einer der besten Marines-Scharfschützen in diesem Krieg. Hier ist ein Bild von ihm.«

Nick trat zur Seite. Hinter ihm, wo vorher das Siegel des FBI zu sehen gewesen war, tauchte nun das Foto eines Mannes auf. Es war ein hartes, schmales Gesicht, dominiert von Raubvogelaugen, deren Blick von scharfer Konzentration geprägt war. Ein durch und durch schottisch-irisches Gesicht aus den Appalachen, jemand, der von einer ertragsarmen Farm oder einer Hochlandplantage stammte. Früher hätte man jemandem mit diesem quadratischen Kinn, diesen eng zusammenstehenden Augen das böse Wort »Hinterwäldler« an die konzentriert gerunzelte Stirn geworfen. Heutzutage hätten bissige Zeitgenossen die Ausdrücke »Redneck« oder sogar »Trailer Trash«