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Vom Kriegshelden zum Staatsfeind Nr. 1 Im Dschungel von Vietnam war Bob Lee Swagger einer der besten Scharfschützen der Marine, eine wahre Killermaschine. Heute lebt er zurückgezogen in den Bergen von Arkansas und will nichts mehr wissen von Krieg und politischen Intrigen. Doch er weiß zu viel. über das Töten! Bob lässt sich von einer Spezialtruppe der Regierung zu einem letzten Einsatz für sein Vaterland überreden – und tappt in eine ausgeklügelte Falle. Plötzlich findet er sich auf der falschen Seite der Zielscheibe wieder und wird als Mörder des Präsidenten von einer ganzen Nation gejagt. Um seine Unschuld zu beweisen, sucht er die wahren Mörder. Zu dumm, dass außer einem abtrünnigen FBI-Agenten und der Witwe seines im Krieg gefallenen Freundes niemand an seine Unschuld glaubt. Der Roman zum Hollywood-Blockbuster mit Mark Wahlberg. New York Times: 'Die Spannung lässt keine Sekunde nach.' Stephen Coonts: 'So aufregend, dass es einen mit Stacheldraht an den Stuhl fesselt. Hunter ist verdammt gut!'
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Seitenzahl: 837
Veröffentlichungsjahr: 2014
Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann
Die amerikanische Originalausgabe Point of Impact erschien 1993 im Verlag Bantam Dell.
Copyright © 1993 by Stephen Hunter
1. Auflage Mai 2014
Copyright © dieser Ausgabe 2014 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: Clinton Lofthouse
Lektorat: Alexander Rösch
Alle Rechte vorbehalten
eBook 978-3-86552-317-4
www.Festa-Verlag.de
FÜR C. H.DU HAST DIR VERDAMMT VIEL MÜHE GEGEBEN.
Der Autor möchte sich bei den vielen Menschen bedanken, die ihn bei der Vorbereitung dieses Buchs unterstützt haben, und räumt gleichzeitig ein, dass er für sämtliche Fehler – ebenso im Geschriebenen wie im Weggelassenen – allein verantwortlich zeichnet. Besonders John Feamster aus Tuscaloosa, Alabama, hat weder Zeit noch Mühen gescheut. Bob Lopez, Randi Henderson, Lenne Miller, Jean Marbella, Joe Fanzone, Mike Hill und Weyman Swagger aus dem Umkreis von Baltimore haben mir ihre Unterstützung angeboten, wann immer ich sie brauchte. In New York hat mir meine Lektorin Ann Harris geholfen, herauszufinden, worum es in meinem Buch überhaupt geht, und nicht lockergelassen, bis ich es auch wusste. Meine Agentin Victoria Gould Pryor hat, wie üblich, hervorragende Arbeit geleistet. Meine Kinder Jake und Amy ertrugen den ganzen turbulenten Schreibprozess geduldig und meine Frau Lucy fand sich fast vier Jahre lang klaglos damit ab, dass ich auf Schießplätze und zu Waffenschauen ging oder tagelang in meinem Arbeitszimmer verschwand.
NUR TREFFSICHERE GEWEHRE SIND INTERESSANT.– Colonel Townsend Whelen
Es war ein kalter, nasser Novembermorgen im westlichen Arkansas, eine trostlose Dämmerung nach einer trostlosen Nacht. Schneeregen peitschte durch die Föhren und sammelte sich auf den aus dem Erdboden ragenden Steinbuckeln; wütende Wolken rasten niedrig am Himmel vorbei. Ab und zu pfiff der Wind durch die Schluchten und wirbelte die Graupel auf wie Pulverdampf. Es war der Tag vor Beginn der Jagdsaison.
Bob Lee Swagger hatte sich eine Stelle knapp vor dem letzten Aufstieg zum Hard Bargain Valley ausgesucht, dem flachen, ausgedehnten Plateau hoch oben in den Ouachitas. Er lehnte in absolutem Schweigen und absoluter Stille mit seinem Gewehr auf den Knien an einer alten Kiefer. Dies war Bobs frühestes Talent: das Talent der Stille. Er hatte sie ganz von selbst und ohne Anleitung für sich entdeckt, schöpfte sie aus einem Reservoir in seinem Inneren, das von Anspannung unberührt blieb. Diese fast tiergleiche Art, die Reaktionen seines Körpers fast bis zur Totenstarre herunterzufahren, hatte ihn damals in Vietnam zu einer Legende gemacht.
Die Kälte kroch durch seine wollenen Beinwärmer und unter seine Daunenweste, kletterte seine Wirbelsäule hinauf wie eine listige kleine Maus. Er biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen den Drang an, sie klappern zu lassen. Von Zeit zu Zeit spürte er ein Pochen in der Hüfte, das von einer alten Verletzung stammte. Er befahl seinem Geist, den Phantomschmerz zu ignorieren. Er befand sich nun in einem anderen Zustand, weit weg von Wünschen und Empfindungen.
Er verdiente sich Tim.
Hören Sie, hätte er zu Ihnen gesagt, falls Sie einer der zwei oder drei Männer auf der Welt gewesen wären, mit denen er sprach – der alte Sam Vincent zum Beispiel, der ehemalige Staatsanwalt von Polk County, oder auch Doc LeMieux, der Zahnarzt, oder Vernon Tell, der Sheriff – man kann ein Tier nicht einfach erschießen. Das Schießen ist der einfache Teil. Jeder Trottel aus der Stadt kann sich auf einen Hochsitz hocken, heißen Kaffee schlürfen und warten, bis irgendein Reh vorbeigetänzelt kommt, so nahe, dass er es fast mit der Hand berühren kann. Dann schiebt er den Lauf seines Supermarktgewehrs hinaus, zieht den Abzug durch und bläst dem Vieh die Eingeweide raus. Wahrscheinlich stöbert er es dann drei Landkreise weiter auf, wo es ausgeblutet daliegt, mit weit aufgerissenen Augen, in denen man noch seine Todesqualen erkennt.
Aber verdient hat man sich seinen Abschuss erst, hätte Bob Ihnen gesagt, wenn man das Gleiche auf sich genommen hat, was das Tier auf sich nehmen musste, und zwar genauso lange. Fair ist fair, so ist das nun mal.
Durch die Föhren und die jungen Triebe konnte er in knapp 150 Metern Entfernung die Lichtung sehen, etwas tiefer gelegen, die sich nach und nach mit dem spärlichen, gedämpften Licht des anbrechenden Tages füllte. Die Fährte verlief über diese Lichtung und er wusste, dass die Tiere hier in der Morgen- und Abenddämmerung eins nach dem anderen durchschlüpften: ein Hirsch und sein Harem. In der letzten Nacht hatte Bob zwölf von ihnen gesehen, drei Hirsche mit ihren Herzensdamen, einer davon sogar ein prächtiger, fetter Achtender.
Doch er war wegen Tim hier. Dem alten Tim, von Narben übersät, abgekämpft und mit vielen Abenteuern auf dem Buckel. Und Tim würde allein sein: Er hatte keinen Harem und brauchte auch keinen mehr. In einem Jahr hatte ihm ein Stadttölpel aus Little Rock einen Zacken aus dem Geweih geschossen. Danach schien er die ganze Saison über etwas aus dem Gleichgewicht gewesen zu sein. Ein anderes Mal hatte Tim ein ganzes Jahr lang gehinkt, weil Sam Vincent, nicht mehr ganz so agil wie früher, schlampig gezielt und ihn mit einem Teilmantelgeschoss, Kaliber 444 – zu viel des Guten, aber Sam liebte seine alte Winchester –, in die Läufe getroffen hatte. Tim blutete damals so stark, dass es jedem anderen Hirsch den Rest gegeben hätte.
Tim war ein zäher Bursche, das wusste Bob, und es war das größte Kompliment, das er für irgendjemanden, egal ob lebendig oder tot, übrighatte.
Bob saß seit 17 Stunden dort. Er hatte die ganze Nacht über in der Kälte gehockt und als gegen vier Uhr der Schneeregen einsetzte, blieb er trotzdem an Ort und Stelle. Es war so nass und kalt, dass er sich mehr tot als lebendig fühlte. Dann und wann traten ihm Bilder aus einer anderen Zeit vor Augen, doch er verscheuchte sie und versuchte, seine Aufmerksamkeit weiterhin auf das zu richten, was 150 Meter vor ihm lag.
Komm schon, du alter Mistkerl! Ich hab dich verdient.
Dann sah er etwas. Doch es waren nur eine Ricke und ihr Kitz, die auf ihre träge, zutrauliche, einfältige, tierische Art den Bergpfad hinunter kamen und talwärts zogen, um im Wald zu äsen. Dort würde irgendein vertrottelter Glückspilz aus der Stadt sie sicherlich töten.
Bob blieb einfach sitzen, direkt an seinem Baum.
Dr. Dobbler schluckte und versuchte, in den Augen von Colonel Shreck zu lesen. Doch Shreck hatte wie immer eine grimmige Miene aufgesetzt, die seinen ungehobelten Gesichtszügen eine Maske überstülpte. Er strahlte Macht und Ungeduld aus und jagte jedem im Raum Angst ein. Shreck war furchterregend. Er war der furchterregendste Mann, den Dobbler je gekannt hatte, sogar beängstigender als Russell Isandhlwana, der Drogendealer, der Dobbler in der Dusche des Staatsgefängnisses von Norfolk, Massachusetts, vergewaltigt und den Doktor für drei sehr, sehr lange Monate zu seinem Leibeigenen gemacht hatte.
Es war schon spät. Draußen prasselte der Regen auf das Dach der Wellblechhütte. Ein Gestank nach rostigem Metall, altem Leder, Staub, ungewaschenen Socken und abgestandenem Bier hing im Raum. Es roch wie in einem Gefängnis, doch dies war kein Gefängnis, sondern das Hauptquartier einer Organisation namens RamDyne Security, die sich hier auf mehreren Hundert Morgen unbedeutenden und unfruchtbaren Landes mitten in Virginia ausbreitete.
Die Planer saßen im vorderen Teil des abgedunkelten Raums; der grobschlächtige Jack Payne, der zweitfurchterregendste Mann der Welt, hatte gegenüber am Tisch Platz genommen. Mehr Leute gab es nicht – ein winziges Team für die gewaltige und düstere Aufgabe, die vor ihnen lag.
Auf eine kleine Leinwand wurden vier Gesichter projiziert, die in der Dunkelheit leuchteten. Jedes davon stand stellvertretend für 100 potenzielle andere. Diese Männer waren von der Rechercheabteilung entdeckt, von der Planungsabteilung gründlich überprüft und dann von den Profis des Operationsstabs beobachtet und durch ein Auswahlverfahren zu diesem mürrischen Quartett zusammengeschrumpft worden. Dobblers Aufgabe bestand darin, ihr psychologisches Profil zu erstellen, damit Colonel Raymond Shreck eine endgültige Entscheidung treffen konnte.
Jeder dieser verbliebenen vier besaß natürlich irgendeine Schwäche. Dr. Dobbler arbeitete sie heraus. Schließlich war er immer noch Psychiater, wenn auch inzwischen ohne Zulassung. Schwächen waren sein Beruf.
»Zu narzisstisch«, sagte er über einen der Männer. »Er gibt zu viel Geld für seine Frisur aus. Traue niemals einem Mann mit einem 75-Dollar-Haarschnitt. Er erwartet eine Sonderbehandlung. Wir brauchen jemanden, der zwar etwas Besonderes ist, aber noch nie wie etwas Besonderes behandelt wurde.«
Über Nummer zwei: »Zu schlau. Brillant, taktisch brillant. Aber immer am Taktieren. Immer am Vorausdenken. Nie entspannt.«
Über den Dritten: »Wunderbar dumm. Aber langsam. Er ist genau, was wir brauchen, was bestimmte Qualitäten und die Erfahrung im technischen Bereich betrifft. Gehorsam wie ein Hund. Aber langsam. Zu langsam, zu begriffsstutzig, zu sehr darum bemüht, anderen zu gefallen. Zu festgefahren.«
»Sie schwafeln schon wieder, Dobbler«, unterbrach ihn Colonel Shreck brutal. »Geben Sie uns einfach nur die Informationen und versuchen Sie nicht, Ihren Charme spielen zu lassen.«
Dobbler zuckte zusammen.
»Nun«, meinte er schließlich, »dann bleibt nur noch einer übrig.«
Jack Payne hasste Dobbler. Dieses Weichei mit seinem großen Kopf, dem zottigen Bart und den langen, empfindlichen Fingern war der Inbegriff eines Waschlappens. Er hatte Titten. Er war schon fast eine Frau. Und er musste aus allem eine Show machen.
Jack Payne war ein mürrischer, garstiger kleiner Mann, tätowiert und unnahbar, mit winzigen, ausdruckslosen Augen in seinem fleischigen Gesicht. Ungeheuer stark und mit einer hohen Schmerzgrenze, die jede Skala sprengte. Zu seinen Spezialitäten gehörte es, Aufträge zu erledigen – um jeden Preis. Er griff nach der abgesägten Remington 1100 in ihrem speziell angefertigten Schulterholster unter seinem linken Arm. Im Röhrenmagazin unter dem Lauf steckten sechs Schrotpatronen im Kaliber 12/70. In jeder Patrone befanden sich neun Kugeln mit einem Durchmesser von 8,4 Millimetern. Das Teil konnte 54 Geschosse in weniger als drei Sekunden abfeuern. Damit ließen sich eine Menge Aufträge erledigen.
»Die Einzelheiten über ihn sind beeindruckend«, erklärte Dobbler gerade. »Er hat 87 Menschen getötet. Das heißt, er hat 87 Männern aufgelauert und sie ausgeschaltet, unter widrigsten Umständen. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass das beeindruckend ist.«
Eine Pause entstand.
»Ich habe 87 Männer an einem Nachmittag getötet«, sagte Jack.
Jack hatte eine lange Belagerung seines A-Teams im südlichen Hochland Vietnams miterlebt. In den letzten Tagen hatten die Schlitzaugen ihnen Angriffswelle um Angriffswelle geschickt.
»Aber alle auf einmal. Mit einem M60«, erwiderte Colonel Shreck. »Ich war dabei. Fahren Sie fort, Dobbler.«
Dobbler zitterte, das konnte Jack sehen. Er fing immer noch an zu zittern, wenn der Colonel ihn hin und wieder direkt ansprach. Jack musste beinahe lachen. Er konnte die Angst des Psychiaters förmlich riechen. Er liebte den Duft der Angst.
Aber Dobbler beeilte sich, weiterzureden. »Dies ist kein Geringerer als Master Sergeant a. D. Bob Lee Swagger, US Marine Corps, aus Blue Eye, Arkansas. Man nannte ihn Bob der Henker. Er nahm unter den Killern des US Marine Corps in Vietnam den zweiten Rang ein. Meine Herren, wir haben es hier mit einem der besten amerikanischen Scharfschützen zu tun.«
Bob liebte ihren Zauber. Bei der Jagd auf Menschen gab es keinen Zauber. Menschen waren dumm. Sie furzten und quasselten und verrieten sich bereits, wenn sie noch kilometerweit von seinem Schussfeld entfernt waren.
Aber das Wild, vor allem die alten Hirsche des Ouachita-Gebirges, tauchte geisterhaft wie aus dem Nichts auf. Sie kamen einfach plötzlich aus dem Unterholz hervor, als ob sie überlegene Besucher von einem anderen Planeten wären. Und auf ihre Art waren sie überlegen, das wusste Bob: Ihre Sinne waren rasiermesserscharf und ihre Aufmerksamkeit galt ausschließlich den kommenden zwei Minuten. Darin lag ihr Geheimnis. Über die gerade vergangenen zwei Minuten dachten sie nicht nach; die verflüchtigten sich schon in der Sekunde, nachdem sie diese durchlebt hatten, hörten komplett auf zu existieren. Sie konzentrierten sich allein auf die kommenden zwei Minuten. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Für die Hirsche existierte nur das Jetzt.
Und so kam es für Bob nicht völlig überraschend, als Tim mit der Energie einer jähen Erinnerung zwischen den schlanken Föhren von Arkansas auftauchte und ihn mit seiner Schönheit verblüffte.
Bob hatte schon vor Jahren auf die harte Tour lernen müssen, dass es gefährlich war, sich überraschen zu lassen. Es ließ einen im ersten Moment einer Feindbegegnung unkontrolliert zusammenzucken und nahm einem den Vorteil.
Deshalb konnte man Bob seine anfängliche Reaktion auf Tim äußerlich nicht anmerken.
Er hatte den Wind im Rücken, damit Tims scharfe Nase keine Gerüche wahrnehmen konnte, obwohl Bob sich für alle Fälle am Vortag mit unparfümierter Seife gewaschen hatte. Er hatte seine Kleider an der Luft trocknen lassen. Den Mund hatte er sich mit Peroxid ausgespült, damit kein Zahnpastaduft in der Waldluft hing.
Der Kopf des Tieres wandte sich hierhin und dorthin und drehte sich schließlich unfehlbar in Bobs Richtung.
Du kannst mich nicht sehen, dachte Bob. Ich weiß, wie du tickst. Du nimmst nur Bewegungen wahr. Du bist ein schlaues Bürschchen, wenn es darum geht, beim ersten Anzeichen von Bewegung in Sicherheit zu huschen, aber du kannst keine Formen unterscheiden. Hier sitze ich und du schaust mich direkt an, aber du kannst mich nicht erkennen.
Bob ließ den Blick des Tiers über sich hinwegstreichen und spürte dann, wie er von ihm abglitt. Dieser Teil war ihm am liebsten: diese aufregende Zerbrechlichkeit des Ganzen, die Fadenscheinigkeit der Verbindung, die Mensch und Hirsch über das Medium Gewehr eingingen, wenn auch nur für wenige Sekunden. Zu wissen, dass er Tim in einer Minute in seinem Fadenkreuz haben würde, wenn der Hirsch blieb, wo er war, wenn der Wind blieb, wie er war, wenn er die Nerven behielt und das Glück ihn nicht verließ.
Er hob das Gewehr.
Es war eine Remington-700-Repetierbüchse mit Zylinderverschluss, die die Schützenriege der Marines mit Liebe gekauft und ihm zum Ruhestandsgeschenk gemacht hatte, als er 1975 als Invalide aus dem Korps ausschied. Dieses Modell verfügte normalerweise über einen schweren Lauf, der die Erschütterung bei einem Schuss fast neutralisierte; allerdings hatte Bob ihn mittlerweile durch einen aus Edelstahl der Marke Hart ersetzt und diesen mit Teflon beschichtet, um ihm die Optik von altem Zinn zu verleihen. Der Lauf, die Mechaniken und sogar die Schrauben saßen in Devcon-Aluminium eingebettet auf einem schwarzen Schaft aus Fiberglas und Kevlar. Die Schrauben waren durch Aluminiumsäulen getrieben und mit einem Drehmoment von 264 Newtonmetern angezogen. Eine ausgesprochen unangenehme Waffe. Sie verwendete das Winchester-Kaliber 308 und eine von Bobs handgeladenen Patronen lag jetzt in der Kammer.
Mit einer geschmeidigen, geübten Bewegung, sparsam und auf das Wesentliche reduziert durch jahrelange Wiederholung, brachte Bob die Büchse in Position. Unter auch nur etwas weniger ungünstigen Umständen hätte er sich für den liegenden Anschlag entschieden, die stabilste Schussposition. Doch er wusste, dass er für lange Zeit stillhalten musste, und befürchtete, der Kontakt mit dem kalten Boden würde seinen Körper vor Kälte taub werden lassen. Stattdessen zog er das Gewehr an seine Schulter, stemmte die Ellbogen gegen seine gespreizten Knie, zog die Schultern an und verschränkte die Arme unter der viereinhalb Kilo schweren Waffe, damit sie von Knochen, nicht von Muskeln gestützt wurde. So baute er eine Knochenbrücke, die von der Waffe bis zum Boden verlief und sie auf diese Weise abstützte, dass keine abrupte Vibration einer Muskelfaser, kein Pochen des Herzens oder Zucken der Pulsadern den Schuss im letzten Moment verziehen konnte.
Bob legte sein Auge an das Zielfernrohr, ein Leupold mit Vergrößerungsfaktor 10. Die klare Optik des Vergrößerungsglases, das sich jedes bisschen Licht zunutze machte, blies Tims Kopf und Schultern zu zehnfacher Größe auf. Einmal mehr wandte sich das Tier zu ihm um, doch diesmal sah er es in der Mitte seines Fadenkreuzes.
Mit einem Daumen entsicherte Bob die Waffe und bereitete sich auf den Schuss vor.
Ich hab dich verdient, du Mistkerl, dachte er. Und bei Gott, dein Arsch gehört mir. Jetzt hab ich dich.
Er verspürte leichtes Herzklopfen. Nun versuchte er, in dieses ruhige Becken fast völligen Nichtseins einzutauchen, in dem ein kleiner Punkt seiner Fingerspitze das Kommando übernahm und auf Autopilot schaltete, das Spiel der Linien des Fadenkreuzes las und ihre Rhythmen zur Übereinstimmung brachte, ihre Richtung vorausberechnete.
Okay, dachte Bob, während er peinlich genaue Korrekturen vornahm und die Wirbelsäule von Tim anvisierte, der geschickt von Eis überzogene Triebe von einem Baum abknabberte. Okay, jetzt hab ich dich.
Die vier Konterfeis verschwanden von der Leinwand; dann kam abrupt Bobs junges Gesicht zum Vorschein.
»Mit 26 hat er seinen dritten Einsatz in Vietnam«, dozierte Dr. Dobbler. »Es ist der 10. Juni 1972. Er hat soeben offiziell seinen 39. und 40. Mann getötet, obwohl die Gesamtzahl inoffiziell noch um einiges höher liegt.«
Das Foto zeigte ein rohes junges Gesicht, mürrisch und schmal. Die Augen waren Schlitze, der Mund ein Strich; irgendetwas an seiner Knochenstruktur deutete darauf hin, dass er aus dem Süden stammte. Außerdem wirkte er grimmig und äußerst fachkundig, ohne einen Funken Humor, ohne Geduld mit Außenstehenden und bereit, sich mit jedem anzulegen, der ihm in die Quere kam. Er hatte sich den Boonie-Hut in den Nacken geschoben, sodass sein Bürstenschnitt zum Vorschein kam. Er trug einen zerknitterten Kampfanzug, auf dessen Tasche das Emblem der Marines mit Globus und Anker aufgenäht war. Über seiner linken Armbeuge, parallel zu seinem Unterarm und mit der Hand am Abzugsbügel, trug er stolz ein schwarzes Gewehr mit schwerem Lauf und langem Zielfernrohr.
Dobbler betrachtete den jungen Mann auf dem Bildschirm: Er hatte dasselbe ausdruckslose Gesicht, das man bei abgebrühten Proleten sah, bei den menschlichen Tattoo-Museen, den Motorradrockern und den wegen Körperverletzung einsitzenden Knackis, welche die Zeit im Knast, die ihn selbst fast das Leben gekostet hätte, als Spaziergang betrachteten. Das war der größte Schock für einen kultivierten Mann wie ihn: dass manche Menschen unter solchen barbarischen Umständen nicht nur überlebten, sondern sogar aufblühten.
Der Doktor fuhr fort.
»Beachten Sie bitte, er ist nicht Robert Lee Swagger. Sein Vater hat ihn Bob Lee genannt – er wird sehr wütend, wenn man ihn Robert nennt. Und er zieht es vor, wenn man ihn mit Bob anspricht, nicht mit Bob Lee. Er ist sehr stolz auf seinen Vater, obwohl er sich sicher nur vage an ihn erinnern kann. Earl Swagger hat sich im Zweiten Weltkrieg auf Iwojima die Ehrenmedaille verdient und war dann bei der Staatspolizei von Arkansas im Einsatz. Im Jahr 1955, als Bob neun war, wurde er in Ausübung seiner Pflicht getötet. Die Mutter des Jungen kehrte aus Little Rock auf die Farm der Familie bei Blue Eye zurück, in Polk County im westlichen Arkansas. Dort fristeten sie, ihre Mutter und Bob ein ärmliches Leben.
Bob ist in vielerlei Hinsicht ein Kind des beschämenden zweiten Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten und sein Profil gleicht dem anderer großer amerikanischer Waffenhelden – sowohl Alvin York als auch Audie Murphy kommen einem in den Sinn. Er wurde bereits in jungem Alter zur Waise. Auf der ertragsarmen Farm in einem der Randstaaten, wo er aufwuchs, galt Jagen nicht nur als etwas Natürliches und etwas, das man von ihm erwartete, sondern auch als Notwendigkeit. Er entwickelte sich schnell zu einem tüchtigen Jäger mit einer einschüssigen Büchse, Kaliber 22. In seinen Jugendjahren arbeitete er sich dann zu einem Unterhebelrepetierer und schließlich zu einer Winchester mit Kaliber 30 hoch. Als ihm sein Vater zum allerersten Mal das Schießen erlaubte, erwies er sich bereits als außerordentlich begabter Schütze.
1964 schloss er die High School ab, und zwar – das ist vielleicht weniger überraschend, als es scheint – mit exzellenten Noten. Bob lehnte ein College-Stipendium ab und schloss sich stattdessen den United States Marines an, gerade rechtzeitig zum Vietnamkrieg.
Im Jahr 1966 wurde er bei einem Einsatz als Lance Corporal zweimal verwundet. Einen weiteren Einsatz hatte er 1968 als Führer einer Aufklärungspatrouille bei der Tet-Offensive, wo er eine Menge gefährlicher Arbeit in der Nähe der entmilitarisierten Zone verrichtete. 1971 wurde Bob Lee in Camp Perry, Ohio, zum Landesmeister im 1000-Meter-Schießen mit Zentralfeuerbüchsen gekürt. Das brachte ihm Aufmerksamkeit ein. Ende 1971 kehrte er nach Vietnam zurück, zum Aufklärer-Scharfschützen-Zug, Stabskompanie, 26. Regiment, Erste Marinekorps-Division, und wurde im Umkreis von Da Nang eingesetzt.«
Dobbler drückte auf einen Knopf.
Auf der Leinwand erschien eine Visitenkarte mit ordentlichen Blockbuchstaben unter der Silhouette eines Scharfschützengewehrs.
Dort stand:
WIR SIND REISENDE IN BLEI.
AUFKLÄRER-SCHARFSCHÜTZEN-ZUG
STABSKOMPANIE DER ERSTEN MARINEKORPS-DIVISION
»Den Satz haben sie von Steve McQueen in Die glorreichen Sieben geklaut. Das ist die Visitenkarte seines Zugs. Es war Teil der psychologischen Kriegsführung der Ersten Marinedivision in diesem Gebiet, sie nach Einsätzen von Bob und seinen Männern an gut sichtbaren Stellen zurückzulassen – für gewöhnlich in der linken Hand von Leichen, die durch eine einzige Kugel in die Brust gestorben waren. Die Aufklärer-Scharfschützen aus dem Ersten waren die fähigste Einheit von Profikillern, die dieses Land je besessen hat, zumindest, was die einzelnen Mitglieder betrifft. In ihren sechs aktiven Jahren haben sie angeblich mehr als 1750 Soldaten getötet. Die Einheit selbst hatte über die Jahre hinweg nur 46 Männer in ihren Reihen. Ein Sergeant namens Carl Hitchcock stand mit 93 bestätigten Tötungen an erster Stelle, Bob rückte fünf Jahre später mit 87 auf Rang zwei, doch es gab noch diverse andere Scharfschützen, die mehr als 60, und über ein Dutzend, die mehr als 50 Abschüsse auf dem Konto hatten.
Was Bob betrifft, möchte ich nur die wichtigsten Eckdaten kurz umreißen. Er hat offensichtlich ein paar Aufträge für die Operation Phoenix der CIA erledigt und Schlüsselfiguren für die feindliche Infrastruktur, Steuereintreiber der Vietcong, regionale Anführer und dergleichen liquidiert. Er ist mit der Arbeitsweise von Geheimdiensten also bestens vertraut. Doch für gewöhnlich stammten seine Zielpersonen aus den Reihen der regulären nordvietnamesischen Soldaten in der Umgebung.
Sie hatten sogar eine hohe Belohnung auf Bob ausgesetzt, über 50.000 Piaster. Doch am erstaunlichsten war, wie er und sein bester Freund und Aufklärer, Lance Corporal Donny Fenn, einmal einem nordvietnamesischen Bataillon auflauerten, das auf ein abgelegenes Lager der Special Forces zustürmte. Das Wetter war schlecht und der Dschungel hatte ein dichtes Blätterdach, sodass Luftunterstützung oder Evakuation nicht infrage kamen. Sie befanden sich außerhalb der Reichweite der Artillerie. 1000 Mann bewegten sich auf zwölf Gegner auf einer Hügelkuppe zu. Und Bob und sein Aufklärer waren die einzigen anderen Verbündeten in diesem Gebiet. Sie verfolgten die Nordvietnamesen und begannen, im An-Loc-Tal während eines Zeitraums von 48 Stunden, einen Offizier nach dem anderen auszuschalten. Das Bataillon erreichte die Green Berets nie und Swagger und sein Aufklärer entkamen nach weiteren drei Tagen aus dem Gebiet. Bei dieser ersten, zweitägigen Mission tötete er über 30 Männer.«
Selbst Payne, der sich immer bemühte, unbeeindruckt zu wirken, holte tief Luft.
»Der Drecksack kann schießen«, sagte er.
Der Diaprojektor klickte.
Ein in Bandagen gehüllter Mann lag in einem Krankenhausbett; eines seiner Beine steckte in einem Streckverband. Sein Gesicht hatte einen niedergeschlagenen Ausdruck; eine ungeheure Leere zeigte sich in seinen Augen.
»Für Bob Lee Swagger endete der Krieg am 11. Dezember 1972. Auf seinem Weg aus dem Gebiet kroch er über eine Hügelkuppe, als ihn eine aus etwa einem Kilometer Entfernung abgefeuerte Gewehrkugel in die Hüfte traf. Sein Freund und Aufklärer Donny rutschte die Böschung hinunter, um ihn zu holen. Die nächste Kugel traf Donny in die Brust und drang bis in sein Rückgrat vor. Bob lag den ganzen Morgen da draußen, mit seinem toten Freund in den Armen, bis die vermutete Position des Scharfschützen unter Artilleriebeschuss genommen werden konnte. Das beendete seinen Krieg und auch seine Karriere beim Marinekorps.
1975 wurde er als Invalide aus dem Kriegsdienst entlassen, nach einem drei Jahre währenden, schmerzhaften Heilungsprozess. Es beendete auch seine Karriere als Sportschütze. Das Schießen ist ein äußerst formalisierter Sport, der den Schützen extrem unbequeme Körperhaltungen abverlangt, während sie in enger, lederner Spezialkleidung stecken, um die größtmögliche Körperbeherrschung zu gewährleisten. Mit seiner zusammengeschraubten Hüfte konnte Bob diese vorgeschriebenen Haltungen nicht mehr mit der gleichen Präzision einnehmen.
Ich denke, man kann sagen, dass Bob Lee Swagger alles für sein Land gegeben und es ihm dafür alles genommen hat. Sein Heldentum war von einer Art, die vielen Amerikanern unbequem ist. Er war kein charismatischer Anführer, er rettete keine Leben, er kletterte nicht die Rangleiter hoch. Er war schlicht und einfach ein außergewöhnlich fähiger Killer. Das ist mit ziemlicher Sicherheit der Grund dafür, dass er niemals die Medaillen und die Anerkennung erhielt, die er verdiente.
Man kann sich leicht vorstellen, was danach kam. Er heiratete, doch die Ehe hielt nicht lange. Eine Karriere als Immobilienhändler in der Umgebung von Camp Lejeune scheiterte; er versuchte sich an einer Umschulung, verlor jedoch bald das Interesse. Mitte bis Ende der 70er-Jahre wurde er mehrmals in Entzugskliniken für Alkoholiker eingewiesen. In den 80ern scheint er eine Art vorläufigen Frieden mit sich selbst und seinem Land geschlossen zu haben, wenn auch nur dadurch, dass er sich zurückzog. Und man kann nur Vermutungen darüber anstellen, wie sehr die überzogene patriotische Überheblichkeit angesichts des Sieges am Persischen Golf seine Einsamkeit und Verbitterung verstärkt haben muss.
Swagger lebt heute allein in einem Wohnwagen in den Ouachita Mountains, ein paar Meilen außerhalb von Blue Eye, von der Invalidenrente der Marines sowie von den 30.000 Dollar, die sein Kumpel, ein alter Rechtsanwalt namens Sam Vincent, im Jahre 1986 in einem Rechtsstreit gegen die Zeitschrift Mercenary für ihn herausgeschlagen hat. Allein, bis auf seine Gewehre, von denen er Dutzende besitzt. Und er schießt jeden Tag mit ihnen, als wären es seine einzigen Freunde.
Es ist natürlich offensichtlich, dass er einen Groll hegt, dass er sich ausgeschlossen fühlt. All diese Umstände machen ihn verwundbar und beeinflussbar«, erklärte der Doktor. »Er ist die Art von Mann, die man uns hassen gelehrt hat. Er ist der typische amerikanische Waffennarr und Eigenbrötler.«
Als er den Rückstoß des Gewehrs an der Schulter spürte und das Zielbild durch den Ruck verschwamm, wusste Bob, dass ihm der perfekte Schuss gelungen war, auf den er sich während all dieser Stunden vorbereitet hatte. Es war, als hätte sich das Bild in dem Moment, in dem der Schlagbolzen der Remington auf das Zündhütchen traf, in sein Gehirn eingebrannt und als blieben ihm nur Sekundenbruchteile, um es mit einer Geschwindigkeit zu analysieren, die außerhalb der realen Zeit lag: Ja, er hatte das Gewehr ruhig gehalten; ja, das Zielfernrohr, auf 200 Meter eingeschossen bei einem Streukreisdurchmesser von etwa fünf Zentimetern, war genau so ausgerichtet, wie er es wollte; ja, er hatte den Abzug sachte und ohne Hektik durchgedrückt; ja, er war kurz zusammengefahren, als der Schuss sich löste; ja, seine Körperhaltung war stabil gewesen und nein, kein nervöses Zucken in letzter Sekunde, kein Anflug von Zweifel oder Mangel an Selbstvertrauen hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ja, er hatte getroffen.
Das getroffene Tier bockte wild in dem roten Nebel, der es plötzlich einhüllte. Sein Kopf mit dem großen Geweih zuckte zurück, als seine Vorderbeine einknickten und es zu Boden stürzte.
Ohne das Gewehr von der Schulter zu nehmen, zog Bob den Schlagbolzen zurück, ließ die leere Hülse aus der Kammer fliegen, rammte ein neues 308er-Geschoss hinein und legte erneut auf sein Ziel an. Doch er sah sofort, dass kein zweiter Schuss erforderlich war. Er sicherte das Gewehr, senkte es und beobachtete, wie Tim zappelte, wie sein bulliger Hals Graupel und Staub aufwirbelte. Das Tier wollte nicht wahrhaben, dass es getroffen war, dass seine Beine ihm nicht mehr gehorchten und sich Taubheit in ihm ausbreitete.
Gut so, kämpf dagegen an, Junge, dachte Bob. Je mehr du dich wehrst, desto schneller geht es.
Schließlich stand er auf. Seine Beine schmerzten und er bemerkte, wie kalt es inzwischen war. Er krümmte seine Finger, um sich zu vergewissern, dass sie noch einsatzfähig waren. Seine Hand wollte an die schmerzende Stelle an seiner Hüfte greifen, doch dann ließ er es bleiben. Er fröstelte; unter seiner Daunenweste war er schweißgebadet. Benommen ging er und hob die Patronenhülse auf, die er gerade ausgeworfen hatte.
Nach einem Schuss fühlte Bob nichts. Er fühlte sogar noch weniger als während des Schießens. Er betrachtete das Tier, das 100 oder mehr Meter entfernt im Unterholz lag. Kein Triumphgefühl, keine Freude erfüllte ihn.
Tja, offenbar kann ich immer noch ganz gut schießen, dachte er. Bin wohl doch noch nicht so alt, wie ich dachte.
Mit knirschenden Schritten stapfte er den Hügel hinunter zur Lichtung und näherte sich dem erlegten Hirsch. Der Schneeregen peitschte ihm ins Gesicht. Die ganze Welt schien grau und nass zu sein. Er blinzelte, schauderte und zog seinen Parka enger um sich.
Das Tier keuchte. Sein Kopf schlug noch immer auf den Boden. Sein Auge war verzweifelt aufgerissen und es beugte den Nacken zurück, um Bob sehen zu können. Er glaubte zu erkennen, wie ihm aus diesem großen schwarzen Augapfel Angst entgegenfunkelte. Angst, Wut und ein stummer Vorwurf; all die heftigen Empfindungen eines Lebewesens, das gerade angeschossen worden war.
Die Zunge des Tiers hing aus dem halb geöffneten Maul, während eine starke Taubheit all seine Sinne überwältigte. Der Bock war ein ungehobelter Brocken und seine Beine wirkten ähnlich vernarbt wie die Knie eines Footballspielers. Oben an seiner Flanke konnte Bob eine Falte aus abgestorbenem Gewebe ausmachen, dort, wo Jahre zuvor Sam Vincents schlampig abgefeuerte Patrone durchgezischt war. Doch das Geweih, obwohl nun leicht asymmetrisch, sah wunderschön aus. Tim trug ein gewaltiges zwölfendiges Gestänge mit einer verschlungenen Dichtheit wilder Wucherungen, das wie eine Dornenkrone auf seinem schönen, schmalen Kopf saß. Es gab eine wunderbare Trophäe ab; womöglich war es sogar einen neuen Eintrag im Jahrbuch von Boone and Crockett wert.
Die Flanken des Hirschs zuckten noch immer; seine Rippen zeichneten sich ab. Die lebendige Wärme und der muffige, schwere Tiergeruch stiegen im fallenden Schneeregen auf. Man hätte sich fast die Hände an ihm wärmen können. Sein linkes Hinterbein trat hilflos aus, denn selbst jetzt kämpfte er noch gegen die Taubheit an. Bob sah nach der Schusswunde. Er konnte nun die Einschlagstelle genau dort erkennen, wo er sie gewollt und die Remington sie verursacht hatte: ein purpurroter Fleck oberhalb der Schulter, unmittelbar über der Wirbelsäule.
Sieht aus, als hätte ich dich einfach perfekt getroffen, Kumpel, dachte Bob.
Tim schnaubte mitleiderregend und strampelte. Es ärgerte Bob, dass durch das Gezappel der Schlamm hochspritzte und das lohfarbene Fell verschmutzte. Das Tier konnte sein Auge nicht von Bob abwenden, während dieser sich bückte und es streichelte.
Bob packte den Hirsch an der Kehle und zog sein Messer, ein mörderisch scharfes Randall Survivor.
In einer Sekunde ist es vorbei, mein Freund. Er beugte sich über Tim.
»Einen Moment«, unterbrach Payne.
Dobbler schluckte. In der Dunkelheit fixierte Payne ihn mit einem geradezu manischen Starren. Jeder außer Shreck fürchtete sich vor Payne.
»Colonel, beim Militär hatte ich mit vielen Typen dieser Art zu tun, und Sie auch«, wandte er sich an Shreck. »Ich kann mit Stolz sagen, dass ich mit ihnen 22 Jahre lang bei den Special Forces gedient habe. Nun, wenn die Zeit zum Töten wieder gekommen ist, gibt es dafür keinen Besseren als einen weißen Landjungen aus den Südstaaten. Diese Jungs können schießen und sie haben Eier in der Hose. Aber sie haben auch eine problematische Einstellung. Diese ganze Sache mit der Ehre. Wenn sie einem von diesen Jungs querkommen, wird er es sich zur Aufgabe machen, es Ihnen heimzuzahlen, und das ist kein Scherz. Ich habe es im Dienst so oft miterlebt, dass ich es gar nicht mehr zählen kann.«
»Fahren Sie fort, Payne«, sagte der Colonel.
»Sie sind wahre Männer und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, dann ziehen sie es auch durch. Das habe ich in Vietnam oft genug erlebt. Ich will damit nur sagen: Wenn Sie diesen Kerl irgendwie bescheißen, kann ich Ihnen garantieren, dass Sie es bitter bereuen werden.«
»Ich glaube«, meldete der Doktor sich mit lauter Stimme zu Wort, »dass Mr. Payne da völlig recht hat. Bob Lee Swagger sollte auf keinen Fall unterschätzt werden. Und er hat vor allem recht damit, auf Bobs ›Ehre‹ hinzuweisen. Aber Ihnen ist sicherlich auch klar, dass genau diese Ehre ihn für uns potenziell so wertvoll macht. Tatsächlich hat er große Ähnlichkeit mit dem Präzisionsgewehr, dem er seinen Spitznamen verdankt – extrem gefährlich bei unsachgemäßer Behandlung, aber absolut perfekt, wenn man es richtig einzusetzen weiß. Schließlich weiß er mehr über das, was uns interessiert, als so gut wie jeder andere Mensch. Er ist ganz einfach der beste Scharfschütze der westlichen Welt.«
Er warf dem still dasitzenden Shreck einen schnellen Blick zu, erntete dafür jedoch nur noch mehr bleiernes Schweigen.
»Aber es gibt ein Problem. Bob der Henker, so perfekt er zu sein scheint, stellt uns vor ein schreckliches, schreckliches Problem. Er besitzt einen tiefsitzenden Makel.«
Bob lehnte sich über Tim, das Randall-Messer in der linken Hand.
Tim schnaubte noch einmal.
Bob drehte den knorrigen Griff der Waffe, sodass die gezackte Seite der Klinge nach vorne wies. Er hackte mit der Säge in den Ansatz der linken Geweihstange – nicht in den geäderten, samtweichen Höcker, sondern einige Zentimeter höher, wo das Horn völlig gefühllos war. Nach einer Sekunde hatten die Sägezähne sich durch das Horn gearbeitet und Bob zog, bis eine Hälfte der schweren Krone in seine Hand fiel. Er warf sie ins Unterholz, beugte sich wieder hinunter und sägte die zweite Stange ebenso schwungvoll ab.
Dann wich er zurück, um nicht zertrampelt zu werden.
Das Tier kam wieder halb auf die Beine.
Bob gab ihm einen kräftigen Klaps aufs Hinterteil.
»Mach schon, Junge. Komm! Komm! Mach, dass du wegkommst, du alter Hurenbock!«
Tim buckelte, schnaubte und schüttelte seinen befreiten Kopf mit einem Schauer der reinsten Wonne. Aus seinen Nüstern drang eine zweifache Wolke ranziger, dampfender Atemluft. Seine Kraft schien sich noch zu verstärken und er sprang wild davon, knickte junge Bäume um und brach Eiszapfen ab, während er durch den Wald davonstürzte.
Nach einer Sekunde war er verschwunden.
Du gehörst mir, du alter Mistkerl, dachte Bob, der den Hirsch bei seiner Flucht beobachtet hatte.
Er drehte sich um und machte sich auf den langen Heimweg.
»Sein Fehler«, erklärte der Doktor, »ist, dass er nicht mehr tötet. Er geht immer noch auf die Jagd, scheut keine Mühen und setzt sich außerordentlichen Strapazen aus, um auf Trophäentiere zu schießen. Aber er trifft sie aus 100 Metern Entfernung mit seinen eigenen, extrem leichten Kugeln aus Hartplastik. Wenn er die Tiere richtig trifft, und das tut er immer – er zielt auf die Schulter, oberhalb der Wirbelsäule –, kann er sie für fünf oder sechs Minuten buchstäblich lahmlegen. In jeder Kugel ist eine kleine Kapsel mit rotem Aluminiumstaub für das richtige Gewicht, und wenn das Geschoss die Flanke des Tiers trifft, kriegt es einen roten Fleck ab, den der Regen aber schnell wieder abspült. Außergewöhnlich. Dann sägt er ihnen das Geweih ab, damit kein Jäger sie wegen der Trophäen schießt. Er hasst die Trophäenjagd. Schließlich ist er selbst mal eine Trophäe gewesen.«
Colonel Shreck meldete sich zu Wort.
»Also gut. Wir nehmen Swagger. Aber wir müssen eine Trophäe finden, auf die dieses Arschloch Jagd machen will«, sagte er.
Schon merkwürdig, wie einem ein Gewehr manchmal die Suppe versalzen konnte. Bobs schöne alte Winchester 70, ein vor ’64 hergestelltes Modell im Kaliber 270, hatte fünf Jahre lang unter Bogenminute geschossen. Der Streukreisdurchmesser auf 100 Meter hatte 2,5 Zentimeter betragen, auf 200 zwei, auf 300 drei, immer die gleiche Präzision. Doch der Streukreis hatte sich plötzlich erweitert. Auf der heutigen Zielscheibe bildeten die Einschusslöcher eine zerpflückte Landschaft mit einem Radius von etwa zehn Zentimetern.
Doch obwohl es ihn verblüffte, war Bob gleichzeitig auch fasziniert. Er fand das verdammt interessant. Eine weitere Sache, über die er etwas herausfinden konnte, ein weiterer Ausflug in den Irrgarten, der ihn, wie er glaubte, bei Verstand hielt.
Diese verdammte 70er zum Beispiel. Mit so etwas konnte er eine ganze Woche verbringen. Er nahm sie auseinander, bis zur kleinsten Schraube und Sprungfeder, untersuchte jedes Detail, hielt nach Graten im Metall Ausschau, nach Staub in den Mechaniken, nach Anzeichen von Abnutzung oder Alterung. Er reinigte den Abzugsmechanismus mit dem Dampfstrahler. Mit den Fingern suchte er jeden Quadratzentimeter des Schafts nach Knoten, Splittern oder Wölbungen ab – nach allem, das auch nur das geringste bisschen Druck auf den Lauf ausüben und damit die Präzision des Gewehrs stören konnte.
Und wenn das erledigt war und es immer noch nicht richtig schoss, fing er einfach wieder von vorne an.
Hinter seinem Wohnwagen hatte er seine winzige Werkstatt, einen dunklen und öligen Wellblechschuppen. Auf einer Seite stand eine Werkbank zum Wiederladen mit einer Einstationenpresse der Marke Rock Chucker für seine Gewehrmunition und einer Dillon für die 45er; an der Wand waren seine vielen Matrizen fein säuberlich aufgereiht. An der Rückwand standen Aktenschränke für Notizbücher und Zielscheiben sowie Behälter für gebrauchte Messinghülsen, die er noch nicht wieder geladen hatte. Der Geruch von Shooterʼs-Choice-Laufreinigungsmittel hing wie ein dichter Nebel in der Luft. Eine einzelne Glühbirne vertrieb die Dunkelheit und wenn er nicht gerade mit Schießen oder Schlafen beschäftigt war, las er Guns & Ammo oder die Shooting Times oder den American Rifleman, blätterte in Accuracy Shooting, der Shotgun News oder Rifle.
Doch als er an diesem Nachmittag über die widerspenstige 70er nachdachte, hörte er seinen Hund Mike bellen. Mike, ein grimmer alter Halbbeagle mit räudigem Fell und gelben Augen, streifte am Zaun entlang, den Bob um seinen Trailer gezogen hatte. Im Tausch gegen Tischabfälle und einen täglichen Ausflug in die Berge verjagte er alle menschlichen Wesen mit Ausnahme der zwei oder drei, denen Bob gestattete, ihn zu besuchen. Doch heute schien Mikes Geheul nicht enden zu wollen, und Bob wurde klar, dass derjenige, der da gekommen war, nicht vorhatte, einfach wieder zu verschwinden.
Er holte einen geladenen und gesicherten .45-Colt der 70er-Serie aus einer Schublade und steckte ihn in die Gesäßtasche seiner Jeans. Dann warf er sich eine Jacke über, setzte die Baseball-Kappe der Razorbacks auf und ging nach draußen. Die Sonne verbreitete nur ein trübes Licht. Um ihn herum erhoben sich schroff die Ouachitas, denen der Anbruch der kalten Jahreszeit jede Farbe entzogen zu haben schien.
Als Bob um die Ecke bog, sah er zwei Männer, die vor einem wahrscheinlich gemieteten Wagen herumlungerten, der genau vor dem Tor parkte. Mike jaulte sie an, als ob er sie umbringen wollte, falls sie auch nur einen Schritt näher kamen.
Sie trugen Regenmäntel über ihren Anzügen. Aber sie mussten eine Art Soldaten sein. Vielleicht nicht im Moment, aber sie waren einmal bei der Army gewesen, so viel stand fest. Beide schienen aus demselben harten Holz geschnitzt zu sein. Einer war kantig und vierschrötig, in Bobs Alter, aber anderthalb Köpfe kleiner als er, mit riesigen Händen und dem Körper eines Gewichthebers; er trug einen Bürstenschnitt und jeder Zentimeter seiner Erscheinung verriet den Corporal.
Der andere musste Offizier sein: größer, aber ebenfalls stämmig, wohlproportioniert, mit kantigem Gesicht und kurzem, wenn auch nicht kurz geschorenem Haar. Er sah genauso aus wie mindestens neun der elf Bataillonsführer, mit denen Bob im Laufe der Jahre gedient hatte; Männer, die Bob nicht geliebt, aber respektiert hatte, weil sie die Mission über alles gestellt und sie in der Regel auch erfüllt hatten.
»Na, gib schon Ruhe«, sagte Bob zu Mike und verpasste ihm einen Tritt. Der Hund schlich in Richtung Tür davon. Aber Bob öffnete das abgeschlossene Tor im Zaun nicht. Er schob eine Hand unter seine Jacke und legte sie an den Griff des 45ers, weil es immer besser war, seine Waffe in der Hand und nicht in der Tasche zu haben, falls es Ärger gab.
»Was wollen Sie?«, fragte er und blinzelte dem Mann ins Gesicht.
»Sind Sie Mr. Bob Lee Swagger?«, wollte der Offizier wissen.
»Der bin ich, Sir.« Bob spuckte einen Batzen Schleim auf den Boden.
»Es ist nicht einfach, an Sie heranzukommen, Mr. Swagger. Wir haben Ihnen fünf Einschreiben geschickt. Sie wollten nicht einmal unterschreiben und sie öffnen. Sie besitzen kein Telefon.«
Bob erinnerte sich an die verdammten Briefe. Er hatte gedacht, dass sie von Susan stammten, seiner Exfrau, die mehr Geld wollte. Oder von einer dieser verrückten Gruppen von Kriegsfanatikern, die ihn dafür bezahlen wollten, dass er vor irgendeinem Motel herumstand und Geschichten erzählte.
»Das hier ist ein Privatgrundstück«, sagte er. »Sie sind hier nicht willkommen. Gehen Sie dahin zurück, wo Sie hergekommen sind, und lassen Sie mich in Frieden.«
»Mr. Swagger«, erwiderte der Offizier, »wir kommen mit einem Angebot, das Ihnen eine Menge Geld einbringt.«
»Ich brauche kein Geld«, gab Bob zurück. »Ich habe genug davon.«
»Ich hatte gehofft, dass Sie mir den Gefallen tun, sich die Sache zumindest anzuhören, mehr nicht. Nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit dafür und wenn Sie dann kein Interesse an dem haben, was ich Ihnen zu sagen und anzubieten habe, verschwinde ich wieder.«
Der kleinere der beiden Männer hatte kein Wort gesagt. Er starrte Bob bloß an und stank geradezu nach Aggression. Die großen Hände steckten in seinen Taschen und Bob gefiel es nicht, dass sich unter dem rechten Ärmel des Regenmantels eine Beule abzeichnete.
Bob wandte sich wieder an den Offizier.
»Warum sollte ich Ihnen irgendeinen Gefallen tun, Sir? Ich kenne Sie ja nicht mal.«
»Vielleicht kann mir dies Ihr Gehör verschaffen.«
Mit diesen Worten zog der ältere Mann ein Schmuckkästchen aus seiner Tasche und warf es über den Zaun. Es landete vor Bobs Füßen im Schlamm.
»Sie ist echt«, fuhr er fort. »Ich habe sie mir verdient. 1966, bei Dak To, nicht weit vom Highway One. Ich war Major bei der 24. Panzerdivision. Ein sehr hektischer Tag.«
Bob hob das Kästchen auf, öffnete den Deckel und fand eine Ehrenmedaille darunter.
Er musste kurz schlucken. Sein eigener Daddy hatte so eine für Iwojima bekommen. Mindestens ein Dutzend Offiziere sagten damals zu ihm, dass er eine verdiente, als er und Donny Fenn das Bataillon der Hauptstreitkräfte in An Loc in Grund und Boden geschossen hatten, aber dass er leider keine bekommen würde, weil es im Augenblick gängige Praxis war, die große Medaille nicht an Scharfschützen zu verleihen. Bob machte sich nichts daraus. Er hatte nie eine Medaille gewollt. Aber ihm gefiel die Vorstellung nicht, dass seine Art des Tötens als falsch angesehen wurde und nicht gewürdigt werden durfte.
»In Ordnung«, sagte Bob und versuchte, diese schmachvollen Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. »Aus Respekt für das, was Sie für Ihr Land getan haben, werde ich mir Ihren Vorschlag anhören. Aber fassen Sie sich kurz.«
Er entriegelte das Tor.
Im Wohnwagen legten die beiden Besucher ihre Regenmäntel ab. Darunter kamen Anzüge zum Vorschein. Jetzt sah es so aus, als ob der Kleinere eine Art abgesägte Pumpgun unter dem Arm trug; doch er lehnte sich bloß auf seinem Stuhl zurück und sein Gesicht nahm einen gelangweilten Ausdruck an. Auf Bob wirkte er wie ein angriffslustiger Jagdhund. Als Bob sich nicht sicher gewesen war, ob er sie hereinlassen sollte oder nicht, hatte der Mann angespannt und voller Wut gewirkt, bereit, jederzeit zuzuschlagen. Nun, nachdem er sie hereingelassen hatte, erschlaffte der kleine Kerl.
Nicht so der zweite. Er lehnte sich über den kleinen Tisch in dem ordentlichen, kleinen Wohnzimmer des Trailers und starrte Bob an. Seine wachen dunklen Augen durchbohrten sein Gegenüber regelrecht.
»Hier, Mr. Swagger. Das wird hilfreich sein.«
Er schob Bob eine Visitenkarte hin, auf der stand:
William A. Bruce, Colonel a. D.
Präsident – Geschäftsführer
Accutech Industries Inc.
Eine Adresse irgendwo in Maryland war angegeben und in kleinerer Schrift wurden die Spezialgebiete der Firma aufgelistet:
Technologien für den Strafvollzug
Munition für den Strafvollzug
Ausbildungsseminare und waffentechnische Beratung
»Okay«, sagte Bob, »also, Colonel, worum geht es?«
»Mr. Swagger, nachdem ich 1975 in den Ruhestand gegangen bin, war ich für die nächsten 16 Jahre Berater der Staatspolizei von Arizona. Von diesem Posten bin ich letztes Jahr zurückgetreten und jetzt habe ich dieses kleine Unternehmen gegründet, das den amerikanischen Polizeibehörden fortschrittliche Ausrüstung und fortschrittliches Denken nahebringen soll.«
»Trägt Ihr Bursche deswegen eine Pumpgun unter dem Arm?«
Der Ausdruck auf dem Gesicht des Kleineren veränderte sich nicht; doch bei dem Wort Bursche schien es ein wenig an Farbe zu verlieren, ganz so, als ob der Mann innerlich kochte.
»Mein Mitarbeiter ist gleichzeitig mein Leibwächter, Mr. Swagger. Wie jeder, der beruflich mit der Polizei zusammengearbeitet hat, habe ich mir einige Feinde gemacht. Mr. Payne besitzt eine ordnungsgemäße Lizenz zum verdeckten Tragen von Schusswaffen des Bundesstaates Maryland und ist auch vom Bundesstaat Arkansas entsprechend autorisiert.«
»Ja, Sir.«
»Jedenfalls, das hier ist der Grund meines Besuchs – der letzte Neuzugang zu meiner Produktpalette.«
Er schob eine gelbe Kiste in der Größe von zwei Zigarettenschachteln über den Tisch zu Bob.
Accutech Sniper Grade stand in hellen roten Buchstaben darauf.
Darunter der Hinweis: Nur für den Polizeigebrauch.
Bob sah, dass es sich um 9,72-Gramm-Hohlspitzgeschosse vom Kaliber 308 handelte. Er riss die Schachtel auf und holte die Munition heraus, die mit dem Bodenstempel nach oben in einer Styroporform steckte. 20 perfekte, doppelte Kreise, Patronenrand und Zündhütchen, lugten wie Augen aus der Schachtel hervor. Er nahm eine Patrone heraus. Das schwere Messing schimmerte hell, die Kupferummantelung endete im präzisen Kreis des Kraters an der Spitze. Sie sah wie jedes andere 308er-Geschoss aus, abgesehen von dem schimmernden Streifen aus noch stärker glänzendem Messing am Hülsenhals.
»Keiner der großen amerikanischen Munitionshersteller hat etwas Vergleichbares im Angebot«, erklärte der Colonel. »Nicht einmal in den teuersten Produktlinien, Winchester Supreme, Federal Premium oder Remington Extended Range. Mit dem richtigen Gewehr garantiere ich für ihre Präzision.«
»Der Hals ist abgedreht«, sagte Bob, während er mit den Fingern den schimmernden Streifen berührte. »Wie kann man Patronen mit abgedrehtem Hals in Massenproduktion herstellen? Die lassen sich nur per Hand anfertigen. Ich verstehe nicht, wie das gehen soll.«
»Laser.«
»Hmm«, erwiderte Bob. »Okay, ich weiß, dass manche Organisationen heute Laser für die Zielvorrichtung verwenden. Aber Sie verwenden sie für die Munition?«
»So ist es«, antwortete der Colonel und lehnte sich nach vorne. »Industrielaser sind die nächste große Nummer in der Präzisionsfertigung. Sie werden jetzt bei der Herstellung von elektronischen Komponenten, Raketensteuerungssystemen und anderem Hightech-Material eingesetzt. Ich hatte den Geistesblitz, sie für Munition zu verwenden. Sie können durch ein Computerprogramm so codiert werden, dass eine außerordentliche Wiederholgenauigkeit gewährleistet ist. Sie wissen ja, was das Geheimnis einer guten Kugel ist. Präzision.
Wir können also all das, was ein Handfertiger nur in einem sehr kleinen Rahmen tun kann, in größerem Maßstab mit brillanter Präzision zustande bringen. Wir kaufen unser Messing bei Remington in Einheiten zu je 100.000 Stück; unsere Laser kerben den Hals der Hülse sowohl von innen wie von außen ab, sodass sie exakt den richtigen Durchmesser aufweist und jede Hülse exakt den gleichen Durchmesser besitzt wie jede andere. Exakt. Präzise. Dann können wir den Zündkanal entgraten und jedes Zündhütchen in die gleiche Tiefe setzen. Das schaffen wir mit lasergesteuerten Maschinen. Mit anderen Worten, wir können die Maschinen so codieren, dass sie Laserstrahlen folgen, die ihnen ein Computerprogramm vorschreibt. Wir erreichen die gleiche Art von sorgfältig erzeugter Qualität für Tausende und Abertausende von Geschossen, die Sie Patrone für Patrone mit Ihren Lee oder RCBS oder Wilson herstellen, oder welche Matrizen Sie auch immer verwenden.«
Bob sah auf die Kugel in seiner Hand.
»Ich habe über die Jahre ein paar verdammte gute 308er hingekriegt.«
»Aber Sie mussten dafür arbeiten, nicht wahr?«, fragte der Colonel.
»Ja, Sir, das stimmt.«
»Das ist der Punkt. Am naheliegendsten ist es für den Polizeimarkt, der beachtlich ist. Später können wir möglicherweise auch auf den zivilen Markt expandieren, wenn es uns gelingt, uns bei der Polizei einen guten Ruf zu erarbeiten.«
»Und was genau wollen Sie nun von mir?«
»Mr. Swagger, ich bin auf der Suche nach einem professionellen Schützen, der durch das Land fliegt und Schießvorführungen bei Polizeibehörden durchführt, die planen, die Ausstattung ihrer Sondereinsatzkommandos zu verbessern. Aber ich brauche einen Mann mit einem Namen. Einen Mann, der in brenzligen Lagen nicht den Kopf verloren hat und lebendig aus ihnen herausgekommen ist.«
»Warum holen Sie sich nicht Carl Hitchcock? Der ist berühmt. Sie haben ein verdammtes Buch über ihn geschrieben und Poster von ihm gedruckt. Er ist die Nummer eins.«
»Carl verdient zu viel Geld mit Privatauftritten. Wussten Sie, dass man ihm 2000 Dollar nur dafür gibt, dass er einen Tag lang bei einer Waffenmesse aufkreuzt?«
»Carl ist schon immer ein Glückspilz gewesen.«
»Wir haben eine Einrichtung in Garret County, Maryland, in der wir unsere Tests durchführen. Wir würden Sie gern für ein Wochenende auf unsere Kosten dorthin fliegen. Sie bringen Ihr Lieblingsgewehr und Ihre Lieblingskugeln mit. Okay? Dann können Sie mit einigen unserer Schützen und Ingenieure auf den Schießplatz gehen und unsere und Ihre Patronen nacheinander abfeuern. Wir glauben, dass Sie, wenn Sie das tun, sehen werden, dass unsere Munition der Ihren in nichts nachsteht. Mehr wollen wir erst mal gar nicht. Nur Ihre Geduld. Geben Sie uns eine Chance, Sie zu überzeugen. Wenn Sie überzeugt sind, ergibt sich der Rest von allein.«
Bob hatte eigentlich nicht das Bedürfnis oder den Drang, seinen Berg zu verlassen. Tatsächlich war er seit fünf Jahren nicht mehr unten gewesen – außer, um sich die Haare schneiden zu lassen, einmal im Monat beim Postamt Zeitschriften und seinen Scheck von der Regierung abzuholen, die eine oder andere Unterhaltung mit dem alten Sam Vincent zu führen und gelegentlich eine Routineuntersuchung seiner Gesundheit oder seiner Zähne über sich ergehen zu lassen.
»Es wäre ein toller Job«, sagte der Colonel. »Sie würden auf meine Kosten durchs Land fliegen und das in Gesellschaft von Männern, die Sie respektieren. Wissen Sie, die Welt hat sich verändert seit Vietnam. Man sagt, dass das Vietnamsyndrom ausgestorben ist. Es gab einen Krieg, den wir überlegen gewonnen haben, und jetzt kann sich jeder, der mal beim Militär gewesen ist, als Held fühlen. Sie bekommen endlich das, was Sie beim ersten Mal nicht bekommen haben. Man bringt Ihnen Respekt und Liebe und Wertschätzung entgegen.«
Bob verzog das Gesicht. Das würde er erst glauben, wenn er es mit eigenen Augen sah. Aber er wusste, dass er nicht ewig hier oben bleiben konnte. Er betrachtete die Gewehrpatrone. Er war neugierig. Das gottverdammte Ding sah aus, als könnte man einer Flohmutter damit die Titten abschießen, aber sicher konnte er sich erst sein, wenn er es abfeuerte und nicht bloß bestaunte. Er hörte einen seltsamen Sirenengesang. Angestachelt. Er fühlte sich angestachelt. Er hatte sich nicht mehr angestachelt gefühlt, seit er mit dem Trinken aufgehört hatte.
»Wann?«
»Wann passt es Ihnen?«
»Ich kann jetzt nicht weg. Hab da gerade ein Gewehr, das den Geist aufgegeben hat. Sagen wir nächstes Wochenende?«
»Ist in Ordnung. Meinetwegen. Haben Sie eine Kreditkarte?«
»Ja, habe ich.«
»Dann gehen Sie einfach und kaufen Sie sich Ihre Flugtickets. Heben Sie alle Rechnungen auf und wir erstatten Ihnen das Geld. Oder Sie unterschreiben jetzt einen Vertrag. Dann händige ich Ihnen einen Schreck mit einem Vorschuss aus und …«
»Vertrag? Nein, danke.«
»Das dachte ich mir schon. Und möchten Sie vom Flughafen in Baltimore abgeholt werden oder sich selbst ein Auto mieten?«
»Ich nehme das Auto, danke.«
»Geht klar.«
»Dann war das wohl alles«, sagte Bob. »Ich muss jetzt meinen verdammten Hund füttern.«
Bob stellte ein paar diskrete Nachforschungen an. Von Bill Dodges Exxon-Tankstelle an der Route 270 rief er einen alten Kameraden an, einen Master Sergeant, der seit fast 30 Jahren dabei war und jetzt für das Pentagon arbeitete. Er stellte ihm ein paar Fragen. Am nächsten Tag antwortete sein Freund per Telegramm:
Altes Haus, stand darin, dein Freund Col. Bruce ist echt. Er hat einen Panzerangriff auf eine Bunkerstellung angeführt, wurde zweimal getroffen und hat seine Männer eigenhändig aus dem brennenden Wrack gezogen. Man erzählt sich, er sei danach Polizist in Arizona geworden. Semper fi, Kumpel.
Nachdem er das in Erfahrung gebracht hatte, schaute Bob in Sarah Vincents Reisebüro vorbei. Sarah war Sam Vincents Tochter aus geschiedener Ehe und mit ihrer Geradlinigkeit flößte sie sogar Bob Angst ein. Er kaufte seine Tickets, vereinbarte mit Sam, dass dieser ein- oder zweimal täglich nach seinem Grundstück sah und den Hund fütterte, und versuchte, sich auf seine Rückkehr in die normale Welt vorzubereiten.
Und es ging alles gut, bis zur letzten Nacht. Er wusste, dass er für die Fahrt nach Little Rock früh aufstehen musste, und gerade als er glaubte, alles erledigt zu haben und abmarschbereit zu sein, überkam es ihn. So passierte es immer: schnell, unerwartet, ohne sich vorher anzukündigen. Es war einfach plötzlich da.
Diesmal war es ganz schlimm. So schlimm hatte er es nicht mehr erlebt, seit der Präsident den kleinen Krieg in der Wüste zu einem Sieg erklärt, Amerika eine große Party gefeiert hatte und alle in kollektive Glücksseligkeit ausgebrochen waren. Alle außer Bob und vielleicht einer Million anderer Jungs, die sich fragten, warum vor 20 Jahren, als sie wirklich einen Unterschied gemacht hatten, niemand Banner für sie aufgehängt hatte.
Reiß dich gefälligst zusammen! Er sehnte sich nach einem Glas mildem braunem Whiskey, um seine Nerven zu beruhigen, und wusste, dass dem einen Glas noch viele weitere folgen würden.
Aber es gab keinen Whiskey, nichts, das abschwächen konnte, was sich in seinem Geist abspielte. Die Erinnerungen trafen ihn mit voller Wucht. Er erinnerte sich an den Vietcong, den er erschossen und der sich dann als achtjähriger Junge mit einer Hacke herausgestellt hatte – in der neunfachen Vergrößerung des Zielfernrohrs hatte sie aus 800 Metern Entfernung im schwachen Licht der Abenddämmerung wie eine AK-47 gewirkt. Er erinnerte sich an den Gestank abgebrannter Dörfer nach den Search-and-Destroy-Aktionen, an das Weinen der Frauen und die Art, wie die gottverdammten Kinder sie bei seinem ersten Einsatz angeglotzt hatten.
Er erinnerte sich an die Kriecherei, wie man sich durch das hohe Gras bewegte und es vermied, den Hügelkuppen zu nahe zu kommen, während die Ameisen auf einem herumkrabbelten und die Schlangen an einem vorbeikrochen. Wie man einfach dalag, wartete, manchmal tagelang, bis jemand die Abschusszone in 800 Metern Entfernung betrat und man ihn erledigen konnte. Er erinnerte sich an die Art, wie sie nach den Treffern umfielen – wie Stoffpuppen. An dieses hilflose Zusammenbrechen, an die kleine Staubwolke, die aufgewirbelt wurde. So viele von ihnen. Die »bestätigten« Tötungen waren bloß die, bei denen sich ein Aufklärer in der Nähe befand, der es protokollieren und darüber Bericht erstatten konnte.
Doch am deutlichsten erinnerte er sich an den plötzlichen Schock, als seine Hüfte taub wurde, er zusammenbrach und den Erdwall der Stellung hinunterrutschte. Er blickte an sich herab und sah das zerfetzte Fleisch, das pulsierende Blut. Als er daran dachte, legte er seine Hand auf die alte Wunde, und sie fing sofort an zu pochen. Dann fiel ihm ein, wie Donny damals zu ihm heruntergekrochen kam.
»Nein«, rief er noch, »sieh zu, dass du deinen jungen Arsch hier wegbewegst!«, und die Kugel kam aus so großer Entfernung, dass sie eine volle Sekunde vor dem Knall eintraf. Sie bohrte sich in Donnys Brust und drang bis zu seiner Wirbelsäule durch. Er war schon tot, als er über Bob zusammenbrach und an diesem langen Morgen auf ihm liegen blieb.
»Das war ein Wahnsinnsschuss, Bob«, sagte der Major später. »Wir gehen davon aus, dass er aus über 1000 Metern Entfernung gekommen ist. Wer hätte gedacht, dass die so gut schießen können? Wer hätte gedacht, dass die jemanden haben, der so gut ist?«
Solche Erlebnisse konnte man nicht vergessen, jedenfalls nicht ganz. Aber er hatte irgendwie gelernt, es die meiste Zeit über ganz gut in Schach zu halten. Er konnte es hier in den Bergen hinter sich lassen, auch die Einsamkeit half einem dabei.
Bob saß an etwas, das einem Küchentisch ähnelte. Seine zusammengeflickte Hüfte schmerzte ein bisschen, all das Plastik anstelle von Knorpelgewebe. Er spürte, wie das, was er seine ganz persönliche Nacht nannte, über ihn hinwegzog. Natürlich hatte das nichts mit der Tageszeit zu tun. Was er seine ganz persönliche Nacht getauft hatte, war das Gefühl, ein Nichts zu sein, keinen Wert zu besitzen. Das Gefühl, sich an einen Krieg verschwendet zu haben, der niemandem etwas bedeutete, alles aufgegeben zu haben, das gut und wichtig war. An anderen Tagen brachte es ihn dazu, sich zu betrinken, und wenn er betrunken war, wurde er hundsgemein.
Aber jetzt trank er nicht, sondern warf sich einen Mantel über, ging hinaus in die raue Nacht von Arkansas und lief etwa eine Meile bergab. In der Aurora-Baptistenkirche fand irgendeine Messe statt. Er hörte die Schwarzen etwas Lautes und Verrücktes singen. Was machte die eigentlich so gottverdammt fröhlich in ihrem wackeligen, kleinen weißen Schindelhäuschen?
Hinter der Kirche lag der kleine Friedhof, und dort, zwischen den Washingtons und den Lincolns und den Delanos aus Polk County, stand ein dürres Grabkreuz für einen Mann namens Bo Stark. Bob starrte es einfach nur an. Der Wind heulte und rauschte durch die Bäume, der Mond verbreitete das Licht einer maroden Laterne, die Musik pumpte und dröhnte und die Schwarzen sangen einen Sturm herbei, der den Teufel wegfegen sollte.
Bo Stark war in Bobs Alter gewesen, der einzige Weiße, der auf diesem Friedhof lag, weil kein anderer Friedhof ihn aufnehmen wollte. Er stammte aus guter Familie und hatte Bob durch die gesamte High-School-Zeit begleitet. Sie waren zum selben Arzt gegangen, zum selben Zahnarzt, hatten im selben Footballteam gespielt. Doch Bos Angehörige hatten Geld besessen und ihn auf die Universität von Fayetteville geschickt. Von dort aus meldete er sich für den Armeedienst.
Ein Jahr lang hatte er als Lieutenant der 101. Luftlandedivision gedient – noch so ein diensteifriger Narr, der an die gute Sache glaubte. Und danach kam nichts mehr. Bo Stark war als Mann aufgebrochen und als Taugenichts zurückgekehrt. Der Krieg war in ihn eingedrungen und hatte ihn nicht mehr losgelassen. Eins kam zum anderen: Er verlor einen Job nach dem nächsten, zahlte seine Kredite nicht zurück und suchte den Tod, dem er in diesem schrecklichen, fernen Land nur knapp entronnen war. Zwei Wochen nach Ende des Wüstenkriegs, nach dem großen Sieg und den Feierlichkeiten, tötete er schließlich eines Sonntagnachts in einer Bar in Little Rock einen Mann mit dem Messer. Als die Polizei ihn in der Garage seines Daddys in Blue Eye fand, hatte er sich mit einem 45er in den Mund geschossen.
So stand Bob da, während der Wind kalte Erinnerungen aus der kalten Erde zu ihm aufsteigen ließ und betrachtete das Grabkreuz: Bo Stark, stand dort, 1946-1991. Fallschirmjäger durch und durch.
Er kam immer hierher, wenn er Angst hatte, denn im Glanz der Kirchenbeleuchtung, wenn er über der Leiche des Mannes stand, der er selbst hätte sein können und beinahe gewesen war, konnte er im Stein die Inschrift vor sich sehen: Bob Lee Swagger, US Marine Corps. Semper Fidelis.
Als er das Grab jetzt sah, wurde ihm klar, dass es Zeit wurde, das zu tun, was ihn von allen möglichen Gefahren am schnellsten umbrachte: zurückzukehren. Er fragte sich, ob er den nötigen Mumm dafür besaß.
Für ihn war das da draußen immer noch die Welt. Der Ort, wo sich alles befand, wo Frauen und Schnaps und Spaß und Versuchung aufeinandertrafen. Jetzt war er wieder dort. Nach einem verrückten Flug, der ihn erst von Little Rock nach St. Louis und dann nach Osten gebracht hatte, landete er auf dem internationalen Flughafen Baltimore-Washington. Er machte sich Sorgen, ob sein Gewehr mit dem hellorangen Etikett der Fluggesellschaft am Griff des Koffers die Reise womöglich gar nicht mitgemacht hatte. Man musste immer befürchten, dass irgendein Mitarbeiter der Airline eine Waffe entdeckte und sie sich unter den Nagel riss.
Doch natürlich tauchte der Koffer dann doch auf dem Gepäckband auf und bewegte sich über die Rollen in seine Richtung, damit er ihn mitnehmen konnte.
»Donnerwetter«, sagte jemand, »die Jagdsaison ist doch schon lange vorbei, mein Freund.« Es war Anfang Januar, wenn auch schon überraschend mild.
»Ist nur ein Sportgewehr«, antwortete Bob dem Mann leichthin, während er den Koffer vom Band hievte. Er kam sich ein bisschen lächerlich vor mit diesem langen, schmalen Hartschalen-Case, dessen Form zwischen den anderen Gepäckstücken seltsam wirkte. Und er wusste, dass er diesen Leuten aus dem Osten wahrscheinlich ziemlich cowboymäßig vorkam. Er trug seine besten schwarzen Tony-Lama-Stiefel, eine gute Leviʼs, ein Hemd mit spitzem Kragen und Bolotie sowie seinen schwarzen Stetson, dazu einen Schaffellmantel, seinen besten.
Den Mietwagen zu bekommen, stellte sich als völlig unproblematisch heraus, da bereits eine Reservierung auf seinen Namen vorlag und das Mädchen am Tresen ganz besonders freundlich zu ihm war. Sie hielt ihn wohl für eine Art Cowboy-Berühmtheit. Ihre Augen strahlten vor Freude, weil sie ihr Glück scheinbar gar nicht fassen konnte, und als er sie mit »Maʼam« ansprach, verdoppelte sich ihre Freude noch.
Er verließ den Flughafen, fand den Weg zum Baltimore-Washington-Parkway, fuhr von dort zum Baltimore-Ring und dann nach Westen auf die Interstate 70 durch Maryland. Selbst im gelblichen Licht des tiefen Winters fiel ihm die Schönheit der Gegend auf: Sie floss sanft dahin, nicht so verwildert wie in Arkansas. Bald kam er in die Berge: alte, bucklige Dinger, ein Gebirgskamm nach dem anderen. Nach drei Stunden, hinter Cumberland und weit im Westen, gelangte er in die ursprünglichsten Gebiete von Maryland. Sie waren zwar nicht so wildwüchsig wie die Ouachitas, doch trotzdem frei vom giftigen Dunst der Städte und gerade weit genug gebändigt, um die notdürftigsten Formen von Landwirtschaft zu ermöglichen. Weit draußen im Garrett County schien es ein gutes Land für das Wild zu sein.