Dirty White Boys - Stephen Hunter - E-Book

Dirty White Boys E-Book

Stephen Hunter

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Beschreibung

Drei bis an die Zähne bewaffnete Sträflinge bahnen sich ihren Weg in eine Welt, die auf etwas Derartiges nicht vorbereitet ist. Lamar ist eine böse, tödliche Bestie … Odell ist sein schwachsinniger Cousin, ein Riese ohne jegliche Gefühle … Und Richard ist ein elendiger Feigling … Die drei ziehen eine Schneise des Terrors durch Amerika. Bis sich Sergeant Pewtie an ihre Fersen heftet. Pewtie wurde vor Jahren von Lamar fast getötet. Nun treffen die beiden erneut aufeinander. Aber dieses Mal wird nur einer überleben … Für viele ist Stephen Hunter der beste lebende Thriller-Autor. Stephen King: »Ich liebe die Romane von Stephen Hunter.« Literary Guild: »Brillant, ergreifend und sehr brutal.« Michael Drewniok, Krimi-Couch.de: »Ein Hochgeschwindigkeits-Pageturner, ein höllisch spannender, famos geschriebener Reißer ohne Kompromisse, ein Tiefschlag für den feinsinnigen (oder dünnblütigen) Leser, ein Stromstoß für den deutschen Krimifreund.«

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EPUB
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Seitenzahl: 710

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Aus dem Amerikanischen von Iris Bachmeier

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Dirty White Boys

erschien 1994 im Verlag Random House.

Copyright © 1994 by Stephen Hunter

Copyright © dieser Ausgabe 2018 by Festa Verlag, Leipzig

Lektorat: Katrin Holle

Titelbild: Arndt Drechsler

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-680-9

www.Festa-Verlag.de

www.Festa-Action.de

Den fünf Freunden gewidmet, die mir am meisten geholfen haben, als ich sie brauchte:

Mike Hill, Bob Lopez, Lenne Miller, Weyman Swagger und Steven Wigler.

»Es gibt im Kern der Strafrechtslehre ein Paradoxon, auf das die tausend Übel und Leiden des Vollzugssystems zurückgehen. Es besteht darin, dass nicht allein die schlechtesten Jugendlichen ins Gefängnis kommen, sondern auch die besten – das heißt, die stolzesten, die mutigsten, die kühnsten, die risikofreudigsten und ungeschlagensten der Armen. Dort beginnt das Grauen.«

Aus Norman Mailers Einleitung zu

›Mitteilungen aus dem Bauch der Hölle‹

von Jack Henry Abbott

»No one knows what it’s like to be the bad man.«

Pete Townshend, ›Behind Blue Eyes‹

1

Im McAlester-Staatsgefängnis hatten nur drei Männer einen noch größeren Schwanz als Lamar Pye, aber diese drei waren schwarz und von daher nach Lamars Maßstäben kaum menschliche Wesen. Sein Schwanz war der größte, den man je an einem Weißen gesehen hatte – in diesem Gefängnis und all den anderen, in denen Lamar den größten Teil seines Erwachsenenlebens verbracht hatte. Sein Schwanz war ein Monster, eine Schlange, ein seilartiges, geädertes Ding, das weniger nach dem aussah, was es war, sondern eher nach einem Gummischlauch.

Damit stand Lamar auf der Hitliste der Schwuchteln ganz oben, doch die waren schlau genug, sich von ihm fernzuhalten und nur heimlich von ihm zu träumen. Er selbst war nicht schwul, obwohl er schon mal den einen oder anderen Arsch fickte, wenn ihm der Sinn danach stand. Lamar spielte für keinen Knastboss den Puppenjungen, war weder Hure noch Tunte oder Spitzel. Seine knappen, anmutigen Bewegungen vermittelten eine deutliche Botschaft: Leg dich mit mir an und du bist tot.

Natürlich war es hilfreich, dass er unter Daddy Cools Schutz stand. Er war der kugelnarbige Bikerkönig, der über den weißen Abschaum des »Mac« regierte. Dank Daddys besonderer Magie und Lamars eigenem Ruf als Totschläger kam ihm kaum jemand in die Quere, ob Häftling oder Wärter. Und wenn es hart auf hart kam, war sein hünenhafter Cousin Odell zur Stelle, um ihm den Rücken zu stärken. Aber hauptsächlich lag es einfach an Lamar und seiner Haltung. Er war der Prinz unter den Dirty White Boys.

Es war vier Uhr nachmittags an einem Tag wie jedem anderen in der düsteren Geschichte von Oklahomas härtestem Knast. Im Quartier der Schließer, zwei Sicherheitsstufen über dem D-Korridor, stellte Lamar die Dusche an und ließ das Wasser auf sich herabprasseln. Der Strahl traf auf seine hervortretenden Muskeln und spülte den Schweiß ab. Das war der Höhepunkt seines Tages; als hochrangiger Lebenslänglicher genoss er vor dem Einschluss das Privileg kurzer privater Momente in der Wärterdusche. Für ihn war das wie eine Million Dollar auf der Bank, von der er wusste, dass er sie nie haben würde. Was er hatte, war ein frisches Stück Seife, eben ausgepackt, statt der üblichen flüssigen grünen Desinfektionsseife in den Duschräumen der Häftlinge.

Lamar Pye war 38 Jahre alt, mit einem Gewirr dicker Haare, die er meist zu einem Zopf gebunden trug. Im Gegensatz zu seiner restlichen Erscheinung waren seine Gesichtszüge freundlich. Seine warmen Augen blickten über eine ziemlich ramponierte Nase hinweg. Auf seinen Fingerknöcheln prangten die Worte FUCK und YOU!. Auf seinem linken Unterarm stand BORN TO KICK ASS – in der krakeligen, unsicheren blauen Tintenschrift eines freihändigen Knastkünstlers. Den Mittelpunkt seines rechten Unterarms bildete ein halb ins Fleisch gerammter Dolch. Blutstropfen quollen aus der Wunde. Unter dem groben, aber unverkennbaren Umriss eines Totenschädels auf dem linken Handgelenk hieß es SHADOW OF DEATH und auf seinem rechten Handrücken prangte WHITE GREASED LIGHTNING. Unter der Schrift befand sich ein blassblauer rattenschwänziger Kringel, der den Blitz darstellen sollte. Lamar konnte sich nicht daran erinnern, wo er das herhatte. Er musste wohl besoffen oder high gewesen sein. Während seiner zweijährigen Haftstrafe für vorsätzliche Körperverletzung im Crabtree-Staatsgefängnis in Helena wachte er eines Morgens auf und erblickte das verdammte Ding.

Das Wasser fühlte sich so gut auf seiner Haut an, als es auf seine Muskelberge herabschoss. Er hatte vor dem Duschen ein ausgiebiges Sportprogramm absolviert: 200 Curls mit der 35-Kilo-Hantel, 200 Kniebeugen mit der 90-Kilo-Hantel auf den Schultern. Dann hatte er eine gottverfluchte Ewigkeit in der Brustmaschine verbracht, wo er 100 Kilo totes Gewicht gestemmt hatte. Durch die Dampfschwaden betrachtete Lamar seine Brust und sah Raum für Möglichkeiten. Sein Brustkorb war breit, weiß und nicht sonderlich behaart. Er könnte sich, was immer er wollte, darauf tätowieren lassen. Richard hatte ihn darauf gebracht. Als Frischling hatte Richard Schiss vor ihm gehabt, sodass er eine Woche lang kein Wort gesagt hatte. Lamar hingegen hatte am Anfang vorgehabt, ihn erst einmal zu schikanieren, bevor er ihn fickte und für Zigaretten an Rodney Smalls’ Nigger verschacherte, aber der beschissene Richard war ein solches Weichei, dass es überhaupt keinen Spaß gemacht hatte. Alles, was Richard immer tat, war mit einem Bleistift und einem Notizblock herumzusitzen. Seine Hand flog über das Papier, als würde alles verschwinden, wenn er sich nur stark genug konzentrierte. Oder er las komische kleine Bücher ohne Bilder und unterstrich wie ein Wilder Textstellen darin. Außerdem klebte er beim Hofgang an Lamar wie ein Schatten. Während das Wasser weiter auf Lamar herabprasselte, ließ er seinen Gedanken freien Lauf.

»Verflucht noch mal, Junge«, blaffte Lamar. »Was is ’n das für ’n Scheiß, an dem du da arbeitest?«

So direkt angesprochen schien Richard regelrecht dahinzuschwinden. Sein aufgedunsenes Gesicht bebte und sämtliche Farbe wich aus seinen Wangen. Er zitterte wie ein Blatt im Wind. Dann murmelte er: »Kunst.«

»Was für Kunst?«, wollte Lamar wissen.

»Na, Kunst eben«, antwortete Richard. »Du weißt schon. Kunst. Bilder. Was die Imagination so hergibt.«

»Scheißdreck«, brummte Lamar. Jetzt war ihm wirklich danach, Richard wehzutun. Er hasste es, wenn jemand mit Fremdwörtern um sich warf. Mag-i-nation.

Drauf geschissen, dachte er.

Aber aus einer seltsamen Neugier heraus beugte er sich hinüber und sah sich an, womit Richard seine Zeit verplemperte.

Gottverdammt, er hatte Lamar gezeichnet! Wie er leibt und lebt, furchterregend wie ein Löwe, todesmutig. Er wirkte auf der Zeichnung wie ein Wikinger, mit einem mächtigen Schwert in den Händen, bereit, seine Feinde abzuschlachten. Das Ganze hatte etwas Unheimliches, beinahe Magisches an sich. Irgendwo tief in sich spürte Lamar eine kleine Regung.

»Scheiße«, blaffte er. »Das haut so nicht hin. Ich bin ein Lebenslänglicher, ein verfluchter Knacki-Arschficker. Kein gottverdammter Held.«

»I…ich hab nur gezeichnet, was mir in den Sinn kam«, jammerte Richard. »Bitte tu mir nicht weh.«

»Ach«, grunzte Lamar verblüfft. Dann wandte er sich wieder seinem Penthouse zu.

Und doch hatte das Bild irgendwie etwas in Lamar ausgelöst. Es verfolgte ihn sogar in seinen Träumen, verdrängte eine Zeit lang die Wichsvorlagen-Blondinen, die ihm jede Nacht ihre rosigen Ärsche entgegenstreckten, bis er kam.

Am Tag darauf musste Richard ihm die Zeichnung noch einmal zeigen. Beinahe eine Woche dachte Lamar darüber nach, dann nahmen seine Fantasien Gestalt an.

»Dieses Bild, weißt du?«

»Ja«, erwiderte Richard.

»Könntest du noch eins zeichnen? Ich sag dir, was draufsoll. Du müsstest es nicht vor dir sehen oder so. Ich könnt’s dir einfach sagen, verdammt. Kannst du das?«

»Ähm, ich denke, schon. Ich meine, klar.«

»Hmmm.« Lamar dachte angestrengt nach. »Weißt du, worauf ich echt stehe, das sind Löwen. Aber nicht so ’n Löwe im Dschungel, sondern auf einer Burg. Weißt schon. Und eine Schnalle, blond, mit richtig dicken Titten. Und die steht irgendwie auf den Löwen. Wie auf ’nen Mann, nicht wie auf ’n Schmusetier. Na ja, ich will kein Bild, auf dem der Löwe sie fickt, aber er könnte sie ficken, wenn er wollte.«

»Oh, ich glaube, ich weiß, worauf du hinauswillst. Er ist so was wie ein Archetyp, mit einer gewissen aggressiven, männlichen Macht.«

»Hä?«

»Ähm, ich meine …«

»Er ist ein Löwe und er hat ’ne Schnalle. Und die hat Titten. Und das Ganze ist lange her. Kapiert?«

»Ja, Sir.«

Richard legte los. Tagelang kauerte er in der Ecke und kritzelte wie ein Irrer. Fluchend schleuderte er Bilder zur Seite. Er ging sogar in die Gefängnisbibliothek und holte sich Bücher über Löwen. Und schließlich …

»Lamar? Hast du’s dir ungefähr so vorgestellt?«

Er hielt eine Skizze hoch. Der Löwe war ein Gott, die Frau eine Nutte mit riesigen Titten, ihre Nippel ragten steil auf. Er war der Herr, sie die Sklavin.

»Gottverdammt«, staunte Lamar. »Sieh sich das einer an! Als hättest du’s direkt aus meinem Kopf, Mann! Das ist ja ’n Ding! Nur, na ja, wär’s nicht besser, wenn der Löwe größer wäre? Und die Titten von der Kleinen vielleicht nicht ganz so groß? Das ist zu groß. Die sehen nicht echt aus. Ich will, dass sie echt aussehen. Aber die Burg gefällt mir.«

Richard nahm die Kritik wie ein Mann und steckte eine weitere Woche in den Überarbeitungen fest. Als er die endgültige Version ablieferte, war Lamar sichtlich zufrieden.

»Verdammt, Richard. Ich trau mich kaum, es zu sagen, aber du hast wirklich Talent. Sagen wir mal, ich möchte, dass du noch was anderes probierst. Andere Sachen, die ich im Kopf habe, weißt du? Könntest du das?«

»Sicher könnte ich das«, meinte Richard.

»Das ist ja ’n Ding, verflucht. Du malst, was ich dir sage, und dafür passe ich auf dich auf. Klar?«

»Ja, Sir«, sagte Richard und die Sache war geritzt.

Was daran so befriedigend war? Lamar wusste es nicht. Aber es war so. Für ihn war es eine bisher ungekannte Quelle der Freude. Er konnte sich irgendwas einfallen lassen und Richard erweckte es auf dem Papier zum Leben. Es machte ihn wirklich glücklich. Lamar lebte regelrecht auf, genoss die kleinen Freuden seiner reglementierten Welt. Alle fürchteten ihn. Er konnte praktisch jeden Weißen und die Hälfte der Nigger ficken, wenn er wollte. Er war an drei Drogenringen beteiligt, darunter ein Meth-Labor in Caddo County, das jede Woche ein halbes Kilo Crystal Speed in den Knast schleuste. Er machte seinen Cousin Odell so glücklich, wie der arme Junge nur sein konnte. Und er hatte Richard, der für ihn zeichnete, was auch immer er wollte. Er war ein wohlhabender Mann.

Plötzlich bewegte sich etwas vor ihm in den Dampfschwaden und zerrte Lamar in die Gegenwart zurück.

Erschrocken blickte er auf. Hier hatte keiner was zu suchen, verflucht. Er zahlte Harry Funt, dem Schließer, vier Stangen Zigaretten die Woche, damit er dafür sorgte, dass niemand Lamars Privatsphäre störte.

»Wer ist da, verdammt noch mal?«, bellte Lamar.

Ein riesiger, dunkler Schatten tauchte vor ihm auf, splitternackt wie Lamar selbst, glänzend und muskelbepackt.

»Verflucht, Junior, hier hat keiner was verloren. Ich hab für die Zeit bezahlt, das ist nur fair.«

Junior Jefferson brachte an die 180 Kilo auf die Waage, auf der Haut seines mächtigen nackten Körpers brach sich das Licht. In seinen Augen lag ein eigenartiger Ausdruck. Lamar gefiel das gar nicht. Seine Instinkte schlugen Alarm. Junior war als Vergewaltiger und Kinderschänder bekannt und vielleicht der Einzige im D-Block, der keine Angst vor Lamar oder seinem Monstercousin hatte.

»Du kennst die Regeln, Junior«, beharrte Lamar und wich kaum merklich zurück. »Das ist meine Zeit, ich hab dafür bezahlt. Bei Harry Funt.«

»Regeln sind Scheiße«, sagte Junior. Dabei griff er nach seinem Schwanz und zeigte ihn Lamar. Er war steif wie ein Baseballschläger und merkwürdig blau.

»Ich will was Weißes ficken«, fügte Junior hinzu. »Ein weißes Arschloch wie deins.«

»Hau bloß ab, du beschissener Nigger. Zwischen unseren Gangs herrscht Waffenruhe und du brichst sie gerade.«

»Dein dämlicher Cousin Odell, das Arschloch, hat Daddy Cool angemacht, also hat Daddy deinen Arsch an Rodney Smalls verhökert und der hat ihn an mich weitergereicht. Jetzt bedienst du einen Monat lang die Nigger.«

Lamar war augenblicklich klar, dass das durchaus möglich war. Dieser Odell! Der Knabe war schon als Depp auf die Welt gekommen! Dem fehlte nicht nur ein Stück zwischen Gaumen und Lippe, sondern obendrein auch Hirn! Aber wenn er Daddy blöd gekommen war, hatte es keinen Sinn, ihn zu disziplinieren. Er war einfach zu dumm, um zu begreifen, was gut für ihn war. Schlimmer noch, er hatte nicht einmal eine Vorstellung davon, was Angst überhaupt war. Odell zu bestrafen war also zwecklos und Daddy musste beschlossen haben, sich bei Lamar dafür zu revanchieren, der die schreckliche Gerechtigkeit darin sehr wohl erkannte: Er war für Odell verantwortlich. Odell gehörte zur Familie.

»Da hast du was falsch verstanden, Nigger. Niemand fickt mich in den Arsch. Hin und wieder ficke ich einen, aber ich lasse nie jemanden an meinen ran.«

»Ich hab extra um dich gebeten, Lamar«, sagte Junior. »Weil du so ’n Hübscher bist.«

Lamar hatte einmal beobachtet, wie Junior im Hof des D-Blocks eine Tunte tötete, indem er sie einfach an der Wand zerquetschte. Ein Spitzel, die Schwuchtel hatte es verdient. Junior hatte sie an die Mauer gerammt, ihr Gesicht mit seinem riesigen Bauch und dem gewaltigen Brustkorb festgehalten und geschoben. Die Tunte hatte um sich geschlagen und gewimmert, aber nach zwei Minuten war alles vorbei. So schnell konnte es gehen.

Junior kam auf ihn zu wie rasend, wild entschlossen, ihn zu verschlingen. Lamar hatte keine Waffe; sein Messer lag bei seinem Rasierzeug auf dem Klo. Nicht einmal Stiefel hatte er, mit denen er hätte treten können. Er wog gut 100 Kilo weniger, und obwohl er kein Schwächling war, war er nicht annähernd stark genug. Trotzdem verspürte er keine Angst. Komisch irgendwie: Er hatte nie Angst. Lamar lachte leise. Er liebte es, mit dem Rücken zur Wand zu stehen und aufs Ganze zu gehen. Das war aufregend.

Er hielt inne, sammelte seine Kräfte, als der Gigant mit ausgebreiteten Armen und gierigen Fingern auf ihn zuwabbelte. In dem Moment, als Junior zupackte, verpasste er ihm einen mächtigen Schlag direkt über dem Herzen. Seine ›FUCK‹-Faust schoss vorwärts wie ein Hammer. Das Echo von Fleisch, das auf Fleisch traf, übertönte das Prasseln des Wassers. Ohne Zögern folgte das ›YOU!‹ auf den Solarplexus, aber das bremste Junior kein bisschen, er stieß Lamar einfach mit seinem Bauch an die Wand und lehnte sich gegen ihn.

»Ich lass dir die Luft raus, bis du halb tot bist, und dann fick ich dich wie einen Hund. Danach ziehst du in meine Zelle, jawohl, Sir. Wirst heut Nacht alle Hände voll zu tun haben.«

Juniors herzhaftes Lachen hallte durch den Raum, als er seine Arme um Lamar schlang. Seine ungeheure Masse presste Lamars Brustkorb zusammen, quetschte sein Herz. Lamar spürte, dass sein Kopf zuckte wie der eines Fisches, den kleine Jungs zum Spaß auf dem Steg zappeln ließen. Junior packte mit einer seiner fleischigen Hände Lamars Haare, hielt seinen Kopf fest und beugte sich dann freudestrahlend vor, um seinem Opfer ein Küsschen zu geben.

Mangels Sauerstoff musste Lamar ohnmächtig mit ansehen, wie sich die Niggerlippen zu einem Kussmund verzogen, dann explodierte ein Schrei der Hilflosigkeit in seiner Kehle, der Junior kurz aus dem Konzept brachte und Lamar den Hauch einer Chance bot. Sein Hals schnellte nach oben wie der einer Schildkröte. Im nächsten Moment hatte er seine Zähne in Juniors Nase versenkt. Er biss zu, bis er beinahe am Blut erstickte. Lamar war so in Rage, dass er Junior anfänglich nicht einmal schreien hörte. Doch der brüllte wie am Spieß und riss sich los. Reflexartig flogen seine Hände an die zerfetzte Nase. Lamar spuckte ein paar Knorpel aus, bückte sich blitzschnell und holte zu einem Aufwärtshaken aus. Ein weiterer Hammerschlag landete in Juniors Eiern und zermalmte einen Hoden. Junior taumelte. In der nächsten Sekunde hatte Junior sich wieder gefangen, wollte abermals auf Lamar losgehen. Doch Lamar rammte ihm ein brutales FUCK auf die Kehle – die Faust zu einer Karatekralle geöffnet, sodass seine Fingerknöchel rasiermesserscharf hervorstanden. Sie bohrten sich durch den Speck um Juniors Kehlkopf, packten und zerquetschten ihn. Keuchend sank Junior auf die Knie. Seine Augen bettelten um Gnade, doch Lamar war dafür nicht zu haben; rasch trat er neben den Hünen und trieb FUCK mit einem weiteren Handkantenschlag in seinen Nacken. Junior wurde von der Kraft des Schlages nach vorn geschleudert und hob kraftlos den Arm, um sich vor weiteren Hieben zu schützen. Aber Lamar prügelte wild auf seine Halswirbelsäule und den Nacken ein. Ein FUCK und dann ein YOU!, mit den Handballen, um sich die eigenen Knochen nicht zu brechen, wieder und wieder und wieder, bis sich der Riese nicht mehr rührte.

Schwer atmend erhob sich Lamar und betrachtete sein Werk. Seine Hände schmerzten. Er zitterte unkontrolliert. Das Blut schoss brodelnd durch seine Adern.

»Das kommt davon, wenn man mich anwichst«, erklärte er.

Junior wälzte sich mühsam herum wie ein monströser gestrandeter Wal. Blut strömte ihm aus Mund und Nase. In seinem Blick lag das nackte Grauen. Er streckte einen dicken, schwabbeligen Arm aus, als wenn er weitere Treffer abwehren wollte. Das Wasser prasselte immer noch auf ihn herab. Dampf hüllte den Raum ein. Blut vermischte sich mit Wasser. »Lass gut sein«, sagte Junior. »Bitte.«

Lamar starrte ihn an. Auf einen wie Junior konnte man ein ganzes Jahr lang eindreschen und würde ihn bestenfalls zum Krüppel machen, aber umbringen konnte man ihn so nicht. Dazu brauchte es schon mehr, vielleicht mehr, als Lamar in sich hatte.

»O Gott«, stöhnte Junior. »Hast mich schwer erwischt. Hol Hilfe. Ich krieg kaum noch Luft.«

Das ließ Lamar kalt. Das einzige Problem, das er hatte, war: Wie stopfe ich diesem fetten Nigger das Maul? Dann fiel ihm die Lösung ein. Er griff nach dem neuen Seifenstück in der Schale und kniete sich eilig neben Junior.

»Schätze, du hast irgendwas im Maul«, sagte er. »Mach besser mal auf und lass mich nachschauen.«

Gehorsam machte Junior den Mund auf und Lamar rammte die Seife hinein, zwang sie mit den Daumen tiefer. Juniors Augen traten aus den Höhlen und er hob eine schwache Hand zum Mund, doch Lamar schlug sie beiseite und schob weiter nach, bis die Seife im Rachen steckte. Juniors Zunge war darunter eingeklemmt. Merkwürdige Laute drangen aus seiner Kehle – »Ulllccccchhhh! Ullguccchhhhuch!«. Junior bäumte sich auf dem nassen Boden der Dusche auf. Das Wasser strömte an ihnen herunter. Junior zappelte und wand sich, die Augen weit aufgerissen. Er gab widerliche Geräusche von sich. Fürze und Scheiße kamen aus seinem Arsch, erfüllten die Dusche mit Dreck und Gestank. Unter dem Schwarz nahm seine Haut eine deutliche blaue Färbung an.

Am Ende erschlaffte der dicke Arm und sein Kopf fiel schwer nach links. Sein Blick starrte ins Nichts. Er lag reglos in seiner eigenen Scheiße.

Lamar trat zurück.

»Hoch mit dir, du fette Sau«, rief er. »Ich bin noch nicht fertig mit dir.« Aber Juniors Augen hatten sich mit Wasser gefüllt.

Und wie zum Teufel soll ich mich jetzt waschen?, fragte sich Lamar.

Dann atmete er tief durch und begriff, dass er hier rausmusste, sonst würden ihm entweder Rodney Smalls und die Nigger oder Daddy Cool das Licht ausblasen, noch bevor die Nacht anbrach.

Richard Peed hasste die letzte Stunde vor dem Einschluss, sie war die schlimmste von allen. Im Hof konnte er mit Lamar oder Odell abhängen und war vor den Raubtieren geschützt. Nach dem Einschluss konnte er sich den Rest vom Leib halten, indem er sich mehr oder weniger unsichtbar machte. Durch diese Passivität verloren sie das Interesse daran, ihm was zu tun. Und jetzt, wo er bei Lamar als eine Art »persönlicher Maler« unter Vertrag stand, hatte er das Gefühl, dass er im Hinblick auf sein Überleben einen großen Schritt vorangekommen war. Sein Deal sah vor, dass er drei Monate im Mac verbringen musste, bevor man ihn ins Bundesgefängnis von El Reno verlegte, einem Knast auf niedrigster Sicherheitsstufe, 20 Meilen westlich von Oklahoma City.

Um vier Uhr allerdings ging Lamar nach zwei Stunden Training in die Duschräume der Schließer. Und Odell fütterte hinter der Küche seine Katzen. Richard musste also mindestens eine Stunde überstehen, in der er allein und verwundbar war. Er hatte sich angewöhnt, so still wie möglich im Halbdunkel der Zelle zu sitzen und über diesen oder jenen Maler nachzudenken – egal was –, Hauptsache, die Zeit verging.

Die Furcht war sein ständiger Begleiter. Er wusste, er war Futter. Sonst nichts. Futter. Ein verweichlichter Weißer ohne kriminellen Instinkt, ohne angeborene Gerissenheit, in jeder Hinsicht unbewaffnet, dafür allerdings mit einer Todesangst vor Gewalt: Er war das letzte Glied in der McAlester-Nahrungskette. Er war Plankton. Wenn Gott nicht wollte, dass Richard gefressen wurde, warum hatte er dann einen solchen Schwächling aus ihm gemacht und es obendrein noch so eingefädelt, dass er ohne eigenes Verschulden im Knast landete?

Richard war bewusst, dass er ein einzigartiges Talent besaß. Dass er noch nicht zu wahrer Größe gelangt war, lag nur daran, dass sich andere gegen ihn verschworen hatten. Aber irgendwie sah er eben Dinge, die andere nicht sahen, fühlte Dinge, die andere nicht fühlten. Vielleicht war er sensibler, als gut für ihn war, durchschaute zu vieles, und die Leute hassten ihn deshalb so.

Aber das war das Los eines Künstlers. Das Kreuz, das er in einer Gesellschaft von Kunstbanausen tragen musste. Er würde es schon schaffen.

Richard war 31, hatte weiches, fülliges blondes Haar und ein für sein Alter seltsam glattes Gesicht. Sein Körper war hochgewachsen und zart. Er hatte einen so leisen, schleichenden Gang, als wären seine Füße sanfter als die anderer Leute. Von Beruf war er Kunstlehrer, mit einem Magister vom Maryland Institute of Art in Baltimore, doch seine Leidenschaft galt der Kunst und er hatte einen Großteil der letzten 20 Jahre mit dem Versuch zugebracht, gewisse Feinheiten der menschlichen Gestalt zu meistern. Er hatte das Problem nie wirklich gelöst, aber jetzt, während 877 Tagen Haft, dachte er, könnte er einen Weg finden, um …

»Richard, verdammt! Krieg den Arsch hoch, Junge.«

Aus seiner Versunkenheit gerissen, blickte Richard auf und sah Lamar mit triefenden Haaren in die Zelle stürmen.

»Äh, ich …«

»Hör zu, es muss schnell gehen. Du gehst nach hinter in die Küche und bringst den verfluchten Odell her. Verstanden?«

Richard wurde schlagartig totenblass vor Angst. Er schluckte schwer, als würde eine Billardkugel in seinem Hals stecken. Für ein Karnickel wie ihn war der Hof ohne Begleitung ein Land des Schreckens. Die Schwarzen würden ihn aufschlitzen. Die Arische Bruderschaft würde ihn in eine Kühlerfigur verwandeln und die Gangmitglieder Hackfleisch aus ihm machen. Die Schwulen würden ihn in sämtliche Löcher ficken, die Indianer würden ihn am Marterpfahl verbrennen und die Wachen würden ihn als Zielscheibe für Schießübungen benutzen.

»Richard!«, bellte Lamar. »Sei einmal ein Mann! Ich musste in der Wärterdusche grad einem fetten Nigger das Licht ausknipsen und …«

»Du hast was? Einen umge…«

Da war Lamar schon über ihm, warf ihn rückwärts um und hielt Richard den Mund zu, um ihn zum Schweigen zu bringen.

»Hör mir jetzt gut zu, Richard. Wenn ich hier nicht rauskomme, bin ich bis Sonnenuntergang tot und der arme kleine Odell genauso. Und was glaubst du, was sie mit dir machen, wenn wir beide weg sind, kleiner Bruder? Dann bist du die größte Knasthure aller Zeiten. Irgendeiner wird dir ›Zu vermieten‹ auf deinen Arsch tätowieren, Junge. Also, ich kann mich da draußen nicht blicken lassen, weil ich in dieser Sekunde Junior Jeffersons Schwanz reiten sollte. Wir müssen hier raus.«

»Raus?« Für Richard war das unvorstellbar.

»Richtig, Junge. Wir machen ein bisschen Urlaub, bevor die verfluchte Hölle losbricht.«

Es war alles eine Frage der Haltung, das war Richard schon klar. Man brauchte nur ein selbstbewusstes Auftreten, ein männliches Gehabe, einen Gang, der schon von Weitem nach Gewaltbereitschaft stank und jedem signalisierte, dass man der Platzhirsch war.

Er blies sich auf und stolzierte den Korridor zum Hofausgang hinunter. Dort trat er in das grelle Licht, mit rausgestreckter Brust und eingezogenem Bauch, die Schultern gestrafft. Er war ein Mann. Keiner durfte ihm blöd kommen.

»Hierher, miez … miez … miez«, trällerte ihm ein Schwarzer zu.

Jemand anderer machte feuchte Kussgeräusche.

Eine riesige Zunge leckte über die dazugehörigen Lippen, schnalzte voller Vorfreude auf erzwungenen Sex.

Richards Mut schmolz dahin. Seine Knie fingen an zu zittern; sein Atem ging in harten Stößen, die er mit Gewalt in seine Lunge und wieder herauspressen musste. Seine Sicht vernebelte sich. Er ging einfach weiter, gab sich unbeeindruckt von den lauter werdenden Rufen, die ihn begrüßten, während er mit den Tränen kämpfte. Dieses Universum bot keinen Trost, keine Spur, null. Darwinismus war alles. Ein Darwinismus, der eine spektakuläre Steigerung erfahren hatte. Die Starken fraßen nicht mehr nur die Schwachen, sie verschlangen auch die Starken. Es war ein endloses Fressgelage.

»Mrs. Lamar Pye, du Süße, gleich besteige ich deinen Arsch wie ein großer böser Hund«, grölte einer und ließ ein hundeartiges Heulen folgen.

Am meisten hatte Richard erstaunt, dass sie so viele Freiheiten hatten. Gefängnis? Er hatte sich vorgestellt, den ganzen Tag in einer kleinen Zelle zu sitzen und sich mit Fachlektüre zu beschäftigen. Aber nein. Um sieben Uhr morgens wurden die Zellen geöffnet, dann hieß es zum Appell antreten und danach war so ziemlich alles erlaubt. Nur ein paar von den Häftlingen, die mit Beziehungen, hatten Arbeit; der Rest trieb sich in Scharen auf dem Hof herum oder trainierte, pumpte endlos Gewichte oder spielte eine schräge Version von Handball gegen die Wand. Gelegentlich kam es zu willkürlichen Gewaltausbrüchen. Es war Hieronymus Bosch in Reinkultur – ein Lustgarten der Entartung. Bedrohlich ragten die weißen Säulen auf, die etwa 700 Insassen auf einer Fläche einpferchten, die für 300 gebaut war, und die ehrwürdigen Wachen mit ihren automatischen Gewehren kümmerten sich herzlich wenig darum, was vorging.

»Hey, pachuco, hey, gringa, Romeo hat einen Lutscher für dich, meine Hübsche.«

Das waren die Mexikaner, die sich selbst Cholos nannten. Sie waren genauso schlimm wie die Schwarzen. Sexy, geschmeidige Kerle, immer gute Laune, aus ihren Augen blitzte die Leidenschaft. Irgendwie wirkten sie schneidig mit ihren roten Bandanas oder Haarnetzen und den blendend weißen, gebleichten T-Shirts. Auch die Schwarzen hatten ihren eigenen Stil: Sie hatten die erotische schwarze Musik ihrer Kultur mitgebracht. Der Soul dröhnte 24 Stunden am Tag durch die Gänge. Sie wirkten wie prächtige ebenholzfarbene Krieger, mit schweißglänzenden, harten Muskeln, die aus Steinkohle gemeißelt schienen, so wunderbar anmutig und stolz auf ihre Körper. Beängstigend. Furcht einflößend. Und dann die Gang der Rothäute, die sich N-D-N-Z nannte. Die Buchstaben waren kunstvoll um ihre Bizepse tätowiert, in einer meisterlichen Handschrift – eindeutig das Werk eines Genies. Sie sahen ihn mit ausdruckslosem Blick an, als ob seine Lebensform gar nicht erst auf ihrem Radar auftauchte. Sie verarschten ihn nie, forderten ihn auch nicht heraus, sie beobachteten ihn nur mit ihren wilden, apathischen Augen und er wusste, dass sie sich vorstellten, wie sie ihn aus purer Langeweile folterten.

Aber keine der Gangs war so übel wie die White Boys, die wahren Herren des Mac. Eine Horde von Mutanten und Abschaum, tätowiert und ungepflegt, mit fettigen Haaren, wie eine Horde Wikinger auf Raubzug, eine heimtückische Hinterlist lag in ihren unberechenbaren, eng stehenden Augen. Sie konnten einen jeden Moment ficken oder kaltmachen, für sie machte das nicht den geringsten Unterschied. Fette Schweine mit bleichen Hängebäuchen, die kreidige Haut mit lila Knasttätowierungen überzogen – das war die Elite der Gesetzlosen. Goatees, zottelige Hillbilly-Bärte, Pferdeschwänze – Hauptsache, Haare, egal in welcher Form. Offener Ungehorsam war ihre Religion. Gleichgültigkeit gegen jede Art von Schmerz, ob der eigene oder der anderer. Manche von ihnen hatten sogar noch ein paar Zähne.

In seiner Verzweiflung sehnte sich Richard nach Lamars Protektion, selbst der Anblick des Idioten Odell wäre eine Erleichterung gewesen. Er wusste, der würde es nicht wagen, Lamar zu enttäuschen, der ein gnadenloser Zuchtmeister sein konnte. Also hielt er sich irgendwie aufrecht, schob sich durch den Mob und wartete darauf, dass sein Herz stehen blieb.

Das Mac ohne Lamar? Allmächtiger, der Gedanke jagte ihm eine Heidenangst ein. Man würde ihn …

»Wi-tschad.«

Er sah auf. Sein Reserve-Retter. Odell.

Eilig machte sich Lamar ans Werk, ging zwei Zellen weiter zu Freddy dem Zahnarzt – wo Freddy gerade den Motor irgendeines zweimotorigen Flugzeugmodells aus dem Zweiten Weltkrieg anpinselte – und schickte ihn auf die Suche nach Harry Funt, dem Schließer. Harry Funt war das ultimative Herzstück des Plans, den Lamar sich mit einer Geschwindigkeit zurechtgelegt hatte, die kein IQ-Test hätte erfassen können; alles baute auf Harrys enzyklopädischem Wissen über das Mac auf.

Lamar schaute auf seine Uhr. 20 vor. Nicht mehr lange, bis die anderen zurückkamen. Der gottverdammte Harry sollte sich besser schleunigst blicken lassen.

Er ging in seine Zelle und holte sein bestes selbst gebasteltes Messer unter der Kloschüssel hervor, ein auf fiese fünf Zentimeter runtergeschliffenes Buttermesser. Das Ding hatte ihn zwei Stangen gekostet. Konnte einen Mann mit einem Hieb töten, wenn man ihn richtig erwischte. Er hatte das schon geschafft, zweimal sogar. Bei der Erinnerung fühlte er sich ein wenig besser. Wenigstens würde er im Kampf draufgehen.

Er hatte sein ganzes verficktes Leben lang gekämpft. Immer mit schlechten Karten. Aber das spielte keine Rolle, er war ein Mann, er würde es durchziehen. Er konnte alles schaffen. Mit 19 hatten ihn in Anadarko zwei Cherokee-Deputys in die Mangel genommen, drei Tage lang. Hatten ihm die Nase gebrochen, den Kiefer, den Wangenknochen, vier Rippen und die Finger seiner linken Hand. Sie dachten, er hätte ein Indianermädchen vergewaltigt. Hatte er auch – und noch ein paar mehr, die zu feige waren, ihn anzuzeigen –, aber er hatte ihnen nicht die beschissene Genugtuung gegeben und ein Geständnis abgelegt. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass er Blut und Zähne gespuckt hatte.

Er holte seine Wichsvorlagen heraus und wühlte sich durch Monstermöpse,Leg Show und Geile Knackärsche, bis er auf das Penthouse vom November 1992 stieß. Behutsam nahm er es in die Hand, schlug es in der Mitte auf und fand das Bild.

Es zeigte Lamar, den Löwen, und seine Hurenprinzessin. Er betrachtete es, erkannte seine eigenen Züge in denen des Königs des Dschungels – und die Unterwürfigkeit auf dem schönen Gesicht der Frau, die für ihn die höchste Form von Liebe darstellte. Am Ende hatte Richard ihren Busen doch noch hingekriegt. Keine Hängetitten. Das hasste er. Er mochte sie fest und straff, sodass sie beim Laufen wippten, aber nicht herumbaumelten. Die Umrisse der zentralen Figuren wirkten wie eingraviert, weil er sie mit einem Bleistift nachgezogen hatte, in der Hoffnung dahinterzukommen, wie Richard das machte. Doch seine Linien machten es irgendwie wuchtiger.

Das Bild hatte etwas, das sich unglaublich gut anfühlte. Noch nie hatte ihm etwas solche Freude gemacht. Er faltete es zusammen und steckte es eben in die Tasche, als Harry Funt hereinkam. Der Dienstälteste unter den Schließern trug eine blaue Uniform, das Funksprechgerät und einen Schlagstock, aber keine Schusswaffe.

»Lamar …«, setzte Harry an.

»Wir hauen ab. Sofort. Wir drei – Richard, Odell und ich – und du.«

Harry sah ihn fassungslos an. Er schluckte schwer. Eine einzelne Träne trat in seine verblassten alten Augen.

»Lamar …«

»Musste in der Dusche diesen Nigger abmurksen. Junior Jefferson. Der war drauf und dran, mich zu ficken. Also, ich weiß, dass du in deinem Büro Ausweise für den Anbau hast. Damit kannst du uns durch die Kontrolle schleusen und aus dem Block bringen, wenigstens bis in den A-Korridor und ins Verwaltungsgebäude 2.«

Der alte Mann war ausgebrannt, hatte keinen Mumm mehr. Er war verwelkt wie eine Blume, die in einer Frostnacht auf den Tod wartete. Er senkte den Blick und flehte um Gnade.

»Das kann ich nicht, Lamar. Meine Frau braucht eine Operation und meine Enkelin hat’s an der Lunge, wir müssen …«

Aber Lamar kannte keine Gnade.

»Klar kannst du, Harry. Wenn sie Odell erwischen, ist hier die Hölle los und die Nigger legen mich um. Das kann ich nicht zulassen. Ich verpfeif dich. Du hast für Daddy Cool Stoff hier reingeschafft und Meth und Phennies für Rodney, und außer mir weiß keine Sau, dass du für beide Seiten arbeitest. Hin und wieder lieferst du auch eine Ladung Crystal, nicht? Und jetzt denk mal drüber nach, wie schnell ich dich an die beiden verschachern könnte, alter Mann. Das geht ratzfatz. Von dir bleibt nicht mal genug übrig, um Odells Katzen satt zu kriegen.«

Hektisch warf Harry einen nervösen Blick auf seine Uhr. Bis zum Einschluss blieben ihm noch zwölf Minuten. Und genau wie Lamar es vorausgesehen hatte, kapitulierte er schließlich.

»Okay«, sagte er. »Wär aber besser, wenn du mir eins über den Schädel ziehst, damit’s nicht so blöd ausschaut. Vielleicht krieg ich sogar einen Orden.«

Es lag nicht daran, dass Odell so groß war. Auch nicht an der Gaumenspalte und der offenen Hasenscharte, so schwarz und zerklüftet wie der Marianengraben. Es lag auch nicht an den abnormal langen Armen oder den schwarzen Zähnen oder daran, dass er wegen seines entstellten Gesichts immer durch den Mund atmete und ein heiseres Keuchen von sich gab, wo er ging und stand.

Mehr als alles andere lag es an der seltsamen, fast schon rautenartigen Form seines Kopfes, der sich nach oben ausdehnte, als würde er von dem spitzen, kleinen Kinn zu einer breiten, blassen Stirn hin aufplatzen, auf der ein absurd feuerroter Haarschopf thronte. Er war sommersprossig wie Huckleberry Finn, aber seine Augen waren völlig ausdruckslos.

Er hielt eine tote Katze hoch. Sie hatte einfach aufgehört, sich zu bewegen. Ein paar Minuten vorher hatte er sie noch eng an sich gedrückt. Er schüttelte sie, um sie wiederzubeleben, aber sie blieb still und schlaff.

Miez, miez, dachte er. Nein, miez, miez, nein. Mach miau. Mieze macht heia. Miezmiez. Miezesoll aber springen! Spring, miezmiez, spring! Dell mag nicht, wenn Mieze nichts macht. Babymieze macht heia.

Richard stand nervös vor ihm und fragte sich, wer Odell mit dieser grauenhaften Asymmetrie geschlagen hatte. Nicht mal William Blake höchstpersönlich hätte sich diesen Kerl ausdenken können.

Alle hier machten einen großen Bogen um Odell, sogar die Schwarzen und die Krieger der N-D-N-Z, denn jeder wusste, dass Odell keine Angst kannte. Selbst in diesem Auffanglager für Soziopathen verbreitete er Furcht, einfach weil er selbst buchstäblich keine hatte. Nur Lamar konnte ihn kontrollieren, er drang als Einziger zu ihm durch und lieh ihn manchmal für Disziplinarmaßnahmen an Daddy Cool aus. Odell marschierte mitten in eine Gruppe Nigger, ohne sie zu beachten, und schlug den Kerl zum Krüppel, der Daddys Missfallen erregt hatte. Dann ging er wieder, mit einem unerbittlichen, teilnahmslosen Ausdruck im Gesicht.

»Lamar braucht uns, Odell. Er hat mich geschickt, um dich zu holen. Komm, beeil dich.«

»Neine Mieze is dod«, murmelte Odell apathisch, seine Züge waren schlaff und leer, als hätte er Richard gar nicht gehört. Langsam dämmerte Richard, was Odell gesagt hatte, und er wurde unruhig: Meine Katze ist tot.

Odell streckte ihm das winzige Kätzchen entgegen, das schlaff in seinen Pranken hing. Das Fell zwischen den Augen war seltsam nass, als hätte er es abgeleckt.

Richard dachte, er würde gleich kotzen. Odell war ein schmuddeliger Berg von einem Kerl, mit weniger Hirn als ein Fisch und dem sanftmütigen Wesen eines alten Beagle – solange Lamar nichts anderes befahl.

»Das ist wirklich sehr schade, Odell, aber Lamar braucht uns jetzt. Es ist ein Notfall.«

»Nood-all?«, echote Odell verständnislos.

»Schnell, schnell, Odell«, imitierte Richard die merkwürdige Sprache, in der Lamar mit Odell kommunizierte.

In Odells trüben Augen flackerte die Erkenntnis auf.

»Nell-nell«, sagte er und verzog das Gesicht zu einem halben Lächeln, das die schreckliche Kluft in seinem Schädel für einen Moment noch vertiefte. Er stopfte die Katze in sein Hemd – Richard würgte, um den Brechreiz zu unterdrücken – und lief los. Die Menge teilte sich, um ihn durchzulassen. Keiner hätte Odell respektlos behandelt oder sich ihm in den Weg gestellt. Richard nutzte die gnädige Sicherheit seines Windschattens und rannte hinterher. Er fühlte sich ein bisschen wie ein Held.

Sie kamen gar nicht bis zu ihrer Zelle, sondern wurden direkt an der Tür zum D-Block von Lamar abgefangen.

»Okay, Jungs. Zeit zu gehen«, sagte er.

»Lamar, ich …«, setzte Richard nervös an.

»Du hältst jetzt einfach die Klappe und bist ein braver Junge, Richard. Odell, wenn Richard was sagt, machst du gar nichts.«

»Nichts sagen, Mar«, nickte Odell, seine Augen strahlten vor Liebe, und er drehte sich zu Richard um, als ob er ihm den Schädel zerquetschen wollte.

»Nichts sagen, Wi-tschad«, wiederholte er.

»Nichts sagen«, seufzte Richard.

Sie machten sich auf den Weg zum Büro des Lieutenant. Es war nicht besetzt; wahrscheinlich trank er gerade eine Tasse Kaffee in der Personalkantine. Drinnen erwartete sie ein höchst angespannter Harry Funt.

»Ich hab die Ausweise, Lamar, aber ich weiß nicht, ob das hinhaut. Ich muss euch Handschellen und Ketten anlegen, Jungs.«

»Scheiße noch mal, Harry, dann mach schon.«

»Und du ziehst mir so richtig eins übern Schädel?«

»Klar.«

»Wollt ihr nicht das Büro zerlegen? Damit’s so aussieht, als hättet ihr mich hier überfallen?«

»Sag ihnen einfach, dass es keinen Kampf gegeben hat. Dafür haben wir keine Zeit.«

»Okay, Lamar, wenn du es sagst. Und du verpfeifst mich nicht, wenn’s schiefgeht?«

»Es wird nicht schiefgehen, Harry. Lamar hält sein Wort. Glaub’s ruhig, Harry. Hier, nimm das.«

Er reichte ihm das selbst gebastelte Messer. »Du brauchst keine Waffen, Lamar«, sagte Harry. »Es wird doch niemand verletzt, oder?«

»Bestimmt nicht«, entgegnete Lamar. »Aber vielleicht will einer den Helden spielen. So ein Messer bringt mit Sicherheit jeden zum Nachdenken, wie sich das wohl anfühlt, wenn man aufgeschlitzt wird. Und jetzt nimm es, Harry. Dich kontrolliert keiner mit dem Metalldetektor. Jetzt mach schon. Wir müssen los.«

Mit einem Schaudern nahm Harry die Klinge und ließ sie in seine Gesäßtasche gleiten, als wüsste er nicht, wofür man so etwas benutzte.

Eilig legten die drei Häftlinge die Transportketten mit den Hand- und Fußschellen an. Es war ihnen nicht erlaubt, den Zellenblock ohne Fesseln zu verlassen – McAlesters älteste und strikteste Sicherheitsregel.

»Also, Lamar, schätze, sie werden mich fragen, warum ich gleich drei von euch dabeihabe. Die Vorschriften besagen, dass immer nur einer durch den Kontrollpunkt in den ungesicherten Bereich gebracht werden darf.«

»Zwinkerst ihnen halt zu, als hättest du drei Fische an der Leine. Hast drei tolle Hechte mit ’ner Geschichte geschnappt, die der Direktor unbedingt selber hören muss. Wirst ’n richtiger Held, Harry.«

»Wichtig Held«, echote Odell.

Jetzt hatte Richard wirklich Angst.

Missmutig schob Harry das aneinandergekettete Trio den Korridor entlang. »Hol deinen Stock raus, Harry«, befahl Lamar. »Sieht gleich gefährlicher aus.«

Harry schluckte schwer, gehorchte aber und eine Sekunde später kamen ihnen zwei Wärter entgegen, die den Einschluss überwachen sollten.

»Was zum Teufel soll das werden, Harry?«

»Ach, weißt du. Lamar hat Zoff mit einem da drin und will dem Lieutenant ein Liedchen singen. Will mit keinem andern reden.«

»Singst du mir ein Ständchen, Lamar?«

»Für den Deal hast du den Arsch zu weit unten, Bubba. Ich werd Namen nennen, aber ich brauch Schutz für mich und meine Jungs – und das hat nur der Direktor zu bestimmen.«

»Behalt ihn gut im Auge, Harry. Lamar ist viel zu clever, um jemanden zu verpfeifen. Der hat irgendwas vor, ich schwör’s dir.«

»Lamar ist ein guter Junge, nicht wahr, Lamar?« Harry leckte über seine trockenen Lippen.

»Lamar ist ein Stück Scheiße, Harry, wie alle hier drin. Fall bloß nicht auf ihn rein. Handelst dir nur Ärger ein, ich schwör’s dir.«

Aber die beiden Schließer setzten ihren Weg fort, den Gang zum Zellentrakt hinunter, wo die Pflicht rief.

Das Grüppchen erreichte die Treppe, die zum Ausgang des Zellenblocks hinaufführte, und Harry zückte sein Funksprechgerät.

»Äh, Kontrolle, hier ist Mike fünf. Äh, ich komme mit drei Häftlingen, den Pyes und ihrem Zellengenossen, äh …«

»Peed«, sagte Richard.

»Genau, Peed«, wiederholte Harry.

»Was gibt’s denn, Harry?« Der Lautsprecher knisterte. »Hat der Lieutenant das abgesegnet?«

»Sag Ja und dass er bei ihm nachfragen kann«, flüsterte Lamar.

Harry schluckte wieder, sein Gesicht wurde eine Spur blasser, er war ein miserabler Lügner. »Hat er, Kontrolle. Kannst ihn ja fragen. Ich hab hier ein Vögelchen, das ihm was vorsingen will.«

»Brauchst du Begleitschutz?«

»Ach wo. Ein jämmerlicher Frischling und zwei verweichlichte alte Knaben, das ist alles. Kein Stress.«

»Pass bloß auf den verfluchten Odell auf«, ertönte die Stimme. »Der ist total durchgeknallt.«

»Also geht es klar?«

»Geht klar, aber ich brauch den Papierkram.«

Harry führte die drei Männer die engen Stufen hinauf. Oben angekommen konnten sie den ganzen Zellentrakt überblicken, einen würfelartigen Grundriss mit einzelnen Zellen, die in den größeren Würfel der Außenwände eingebettet waren. Parallel zu jeder Etage verliefen schmale Laufstege, die sogenannten Schießstände, von denen aus die Schließer alles beobachten und nach Bedarf mit Wasser, Schrot oder .223-Munition herumballern konnten.

Lamar warf einen langen Blick darauf. Sein Zuhause. Er kannte jede Zelle, jeden Winkel und jeden Spalt, jedes Versteck. Der einzige Ort, an dem er je glücklich gewesen war. Wo er dazugehörte.

»Mar«, sagte Odell. »Gehen heim? Sehen Mama?«

»Genau, Odell. Odell gehen heim zu Mama. Tu einfach, was ich dir sage, und alles wird gut.«

Lamar begriff, dass Odell Angst hatte. Er ließ etwas zurück, das ihm vertraut war. So beschränkt, wie sein kümmerlicher kleiner Verstand war, konnte er sich wahrscheinlich gar nicht an draußen erinnern. Aufmunternd knuffte er Odell mit dem Ellbogen in die Rippen. »Lamar kümmert sich um Odell«, tröstete er ihn. »Lamar macht alles gut.«

In der obersten Etage öffnete sich das Hauptsicherheitstor.

Unversehens fanden sich die drei Häftlinge in einem Gewimmel routinierter Betriebsamkeit wieder. Wachen stürzten sich auf sie, tasteten sie ab. Einer wedelte mit einem Garrett Superscanner-Metalldetektor herum und lauschte auf das verräterische Brummen, das auf eine versteckte Hutnadel oder Rasierklinge hindeutete, aber es kam nicht.

In der Zwischenzeit überprüfte ein anderer Harrys Papiere.

»Das sieht nicht nach der Sauklaue vom Lieutenant aus, Harry, auch wenn der verdammte Kerl kaum seinen eigenen Scheißnamen schreiben kann.«

»Wenn er gesoffen hat, fängt er an zu kritzeln«, sagte Harry. »Warum rufst du ihn nicht einfach an?«

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Richard hielt den Atem an, nur Lamar war aalglatt.

»Wenn ihr Jungs es mir so schwer macht, überleg ich es mir vielleicht lieber noch mal, verflucht. Ich will nicht zu lang drüber nachdenken, sonst sing ich womöglich ’n anderes Liedchen.«

»In dir steckt mehr Scheiße als in einem gottverdammten Plumpsklo, Lamar«, blaffte die Wache. »Mach schon, Harry, schaff sie hier raus. Ich kauf Lamar nicht ab, dass er singt. Dachte, du bist knallhart, Lamar?«

»Ich werd eben alt.« Lamar zuckte die Achseln. »Krieg keinen mehr hoch. Der Direktor wird mir ’nen gemütlicheren Knast besorgen, du weißt schon, mehr so Country Club. Vielleicht komm ich da sogar an ’ne Muschi ran.«

»Schaff sie bloß weg«, bellte der Aufsichtsbeamte. »Hoffe, der Direktor weiß, was er tut.«

Harry begleitete sie den Flur hinter der Sicherheitskontrolle hinunter und plötzlich schienen sie sich in einer völlig anderen Welt zu befinden. Trotz der Drahtglasscheiben in den Fenstern war der Gang hell und luftig; man konnte gerade noch die grünen Ebenen im Südosten von Oklahoma erkennen, die zur etwa 100 Meilen entfernten Hauptstadt hin abfielen, nichts als Ackerland und sanfte Hügel. Und den Horizont! Richard sah den Horizont zwischen den beiden roten Wachtürmen am hinteren Tor, das nur vom Verwaltungsgebäude 2 aus zugänglich war, dem Trakt, in dem sie sich gerade befanden.

Die Außenwelt: Richard hatte ganz vergessen, dass so ein Ort existierte. Die Wucht des Gefängnisses lag in seiner totalen Machtausübung, seiner Unermesslichkeit. In seinem Klammergriff schrumpften alle anderen Möglichkeiten, bis sie verschwanden. Kurz streifte ihn eine süße Erinnerung an sein früheres Leben, an die Freiheiten, die er genossen hatte, die Freuden, die blödsinnigen kleinen Rechte. Eine Welle des Mitleids für sich selbst und seine Ohnmacht erfasste ihn.

»Da rein«, befahl Lamar, presste seine Schulter gegen eine verschlossene Tür und stemmte sie geräuschlos auf.

Unvermittelt fanden sich die vier Männer im abgedunkelten Büro von Dr. Benteen wieder, dem Anstaltsarzt. Benteen war der Schwager eines mächtigen Senators und ließ sich dieser Tage kaum blicken. Er hatte ein schweres Alkoholproblem und war überall verhasst, aber schlicht unantastbar.

Rasch nahm Lamar dem unglückseligen Harry die Schlüssel ab und befreite sich. Dann warf er sie Odell zu, der es ihm nachtat, und schließlich war Richard dran. Als der die Ketten los war, hatte Lamar schon neben dem Fenster Posten bezogen. Sie waren im zweiten Stock. Herrgott, dachte Richard, was sollten sie tun? Mit dem Fallschirm abspringen?

»Ja, gottverdammt, er ist immer noch da«, sagte Lamar. »Steht genau da, wo er immer steht. Drei Meter weniger für uns. Du hast doch keine Angst vor ’nem kleinen Sprung, oder, Richard? Auf ’n hübsches, weiches Dach von einem Lieferwagen.«

Richard spähte hinaus: Gut sieben Meter unter ihnen sah er das flache Dach eines weißen Kleintransporters. Woher hatte Lamar gewusst, dass er da sein würde?

»Der Kerl kommt jeden Dienstag um diese Zeit, um die Twinkies und HoHos in den Süßigkeitenautomaten für die Wachen aufzufüllen. Und jetzt springen wir drauf, ich schließe das Ding kurz und weg sind wir. Feine Sache, dass die Scheißschließer so auf Süßkram stehen.«

Lamar kannte den Knast wie seine Westentasche. In- und auswendig.

»Tief«, jammerte Odell. »Macht aua. Dell wehtun.«

»Ach, Odell, du schaffst das, du weißt, dass du es kannst. Mama sehen, raus hier, okay, Odell?« Er wandte sich zu Richard um. »Der Junge hat seine Mama so geliebt. Bis ich kam, war sie die Einzige, die ihn je anständig behandelt hat. Wir müssen ihn wenigstens einmal zu ihrem Grab bringen, bevor er stirbt. Also, Odell, ich will, dass du die verfickte Drahtscheibe rausdrückst, damit wir hier rauskönnen. Mach schnell – der Scheißkerl kreuzt bald wieder auf.«

»Du hast gesagt, ich soll mich selber fesseln, Lamar«, unterbrach ihn Harry. »Ich glaube nicht, dass das fest genug geht. Ihr müsst mir mit den Knoten helfen.«

»Klar, Harry. Fang schon mal an. Nimm deinen Gürtel und die Vorhangschnur da oder schau, ob du irgendwo Klebeband findest. Odell und ich kümmern uns um die Scheibe. Richard, mein Junge, wart mal ’ne Sekunde, kann sein, dass wir dich brauchen.«

Aber sie schafften es auch ohne ihn. Odell wickelte einen Streifen von dem Vorhang um seine Hände und fing an, das Glas aus dem Fenster zu drücken. Dann drehte er den Bürostuhl des Arztes um und zerlegte ihn, bis er eins der Metallbeine in der Hand hatte. Damit stocherte er in einem kleinen Spalt herum und stemmte den Fensterdraht weit genug von den Schrauben, dass er die Hebelwirkung nutzen konnte. Mit seiner Muskelkraft bog er die Scheibe unerbittlich nach hinten, bis am Ende ein Mann bequem durchkriechen konnte.

Inzwischen hatte Harry das Büro durchwühlt und schließlich eine Rolle Abdeckband gefunden.

»Das Zeug hier wird gut funktionieren«, meinte er. »Soll ich mich auch knebeln, Lamar?«

»Klar, Harry, gute Idee. Sind immer die Kleinigkeiten, die’s echt aussehen lassen, weißt du? Läuft doch alles wie geschmiert, oder was meinst du, Richard?«

»Großartig«, murmelte Richard. »Wirklich super.«

»Bald fertig, Odell?«

»Feddich«, sagte Odell.

»Lamar«, meldete sich Harry. »Knöchel und Beine hab ich, jetzt leg ich den Knebel an. Übernimmst du die Handgelenke? Aber nicht zu stramm. Und wenn du mich niederschlägst, dann nur so, dass es ein bisschen blutet. Nichts Dramatisches. Ich bin verdammt noch mal zu alt für so was.«

»Schon klar, Harry«, antwortete Lamar. Er wartete, bis sich der alte Mann ein paar Wattebäusche in den Mund gestopft und mehrere Lagen Klebeband um seinen Kopf gewickelt hatte. Dann trat er hinter den Alten, der ihm hilfsbereit die Handgelenke entgegenstreckte, und fesselte ihn geschickt. Am Schluss führte er das Tape noch ein paarmal über Harrys Mund.

»Das ist ziemlich fest, oder?«, fragte Richard.

»Tja, kann schon sein«, entgegnete Lamar. »Aber es soll echt aussehen. Harry macht das nichts aus. Oder, Harry?«

Harry würgte leicht, dann schüttelte er den Kopf.

»Gut«, sagte Lamar. »Also dann, Jungs, wir sind bereit. Oh, wartet, nur noch ’ne Kleinigkeit.«

Er beugte sich über Harry.

»Wir wollen, dass es echt aussieht, nicht wahr, Harry? Bis ins letzte Detail?«

Harry nickte.

Wie von Zauberhand erschien das Messer zwischen Lamars Fingern. Er schlitzte dem alten Mann die Halsschlagader auf.

2

Das Telefon riss Bud Pewtie aus einem traumlosen Dämmerschlaf. Er erwachte in der Dunkelheit seines Schlafzimmers, neben seiner schwer atmenden Frau. Abgesehen von den Geräuschen seiner Söhne, die sich am anderen Ende des Flurs im Schlaf hin und her wälzten, war das Haus still.

Er hob ab.

»Ja, Pewtie hier.«

»Bud?«

Er erkannte augenblicklich die Stimme von Captain Tim James, Kommandant von Zone 5. Er war sein Boss. Bud spürte, dass er stinksauer war. Wieder ein schlimmer Unfall auf der I-44, wieder über die Fahrbahn verteilte Kinder, wieder eine Gasexplosion, ausgelaufenes Benzin oder ein ausgebrannter Schulbus? Das hatte Bud alles schon gesehen.

»Ausrücken, Bud. Großeinsatz. Oben im verdammten McAlester sind drei Häftlinge getürmt, ganz üble Typen. Haben einen Wärter und einen Mitgefangenen umgelegt und den Kerl, dem sie den Lieferwagen geklaut haben, vermutlich auch.«

»Ja, Sir«, sagte er.

Insgeheim war Bud erleichtert. Er hatte auf dem Highway schon so viel willkürliche Zerstörung gesehen – alles, was Geschwindigkeit und Metall bei Unschuldigen oder Dummen anrichten konnten. Nach 25 langen Jahren im Job wusste er, dass sich ein gewisser Teil von ihm abgenutzt hatte: der Teil, der ohne mit der Wimper zu zucken zusehen konnte, wie junges Leben in verbeultem Metall zerquetscht wurde.

Russell »Bud« Pewtie war 48, ein großer, kräftiger Mann mit kurzem, grau meliertem Haar und einer schroffen Art. Er hatte seine Gefühle noch nie nach außen getragen und dank seines Berufs verbarg er das bisschen Mitgefühl, das er empfand, noch tiefer hinter den zerfurchten Zügen seines kantigen Gesichts. Sein Gesichtsausdruck war undurchdringlich. Er war Sergeant und stellvertretender Kommandant von Zone 5, Gruppe G der Oklahoma Highway Patrol. Zone 5 umfasste die Countys Comanche, Caddo, Grady, Cotton, Stephens und Jefferson ebenso wie den lang gezogenen Nordost-Südwest-Verlauf der I-44, von Oklahoma City bis hinunter nach Wichita Falls, Texas.

»Verstanden, Captain«, sagte er. »Bin schon unterwegs.«

»Bei dieser Sache fährt keiner allein, Bud. Befehl aus Oklahoma City. Das sind verdammt harte Hunde und ich gehe jede Wette ein, dass ihr erstes Ziel ein Waffenladen oder eine Jagdhütte ist. Wir arbeiten in Zweierteams – geladen und entsichert.«

»Wer ist mein Partner?«

»Hier steht, dass du den jungen Ted Pepper eingearbeitet hast. Der wohnt doch ganz in deiner Nähe, oder?«

Bud zögerte nur einen Herzschlag lang. Er versuchte einen klaren Kopf zu bekommen, aber, klar, es würde Ted sein. Irgendwie hatte es wohl so kommen müssen.

»Stimmt, auf der anderen Seite von Lawton. Das sind etwa zehn Minuten.«

»Okay, ihr beide arbeitet zusammen. Nur vorübergehend. Wir errichten Straßensperren an allen Hauptstraßen zwischen hier und McAlester. Wir treffen uns oben in Chickasha, im Büro der Autobahnmeisterei. Könnt ihr gegen sieben da sein, wenn wir die Straßen zuweisen? Ich will dich und Ted als Vertreter unserer Truppe dabeihaben. Wenn’s geht, kümmere ich mich darum, dass ihr euch mit jemand anderem abwechseln könnt.«

»Ja, Sir«, bestätigte Bud. »Ich rufe Ted an.«

»Ich weiß, dass du einen verdammt guten Job machst, Bud. Aber sei vorsichtig. Diese Typen sind der letzte Dreck.«

Bud wälzte sich aus dem Bett und blieb eine Sekunde auf der Kante sitzen, um seine Sinne zu sammeln. Ihm war kalt, als würde ein schrecklicher Wind wehen, aber es war nur ein willkürlicher Schauder.

»Bud?«

Aus dem Dunkel drang Jens Stimme zu ihm.

»Ja?«

»Was ist los?«

»Ach, das war Tim. Ein Einsatz. Entflohene Häftlinge. Ich hocke entweder an einer Scheißstraßensperre oder latsche den Highway rauf und runter, sonst nichts.«

»Pass auf dich auf, Bud.«

»Tu ich doch immer«, murmelte er.

Bud ging in die Küche hinunter und wählte nach kurzem Zögern Ted Peppers Nummer. Er wusste sie auswendig.

Es klingelte dreimal.

»Hallo?«

Teds Frau Holly hob ab. Er kannte ihre Stimme nur zu gut und schluckte schwer. Am Telefon klang sie wie Sirup; ein tiefes Vibrieren lag darin, ein Summen, das ihn immer noch ein bisschen wuschig machte. Sie war 26. Warum musste nur immer alles so kompliziert sein?

»Holly?«

»Bud! Du sollst mich doch nicht hier anrufen! Er …«

»Holly, ist Ted da?«

»Natürlich ist er nicht hier, das weißt du ganz genau. Er ist im anderen Schlafzimmer. Ich hole ihn.«

»Gut. Tu das, Holly.«

Eine halbe Minute später war Ted dran.

»Bud?«

»Richtig«, sagte Bud herzlich und informierte Ted über den Einsatz. »In ’ner Viertelstunde bin ich da. Ich will, dass du bis dahin gebügelt und gestriegelt auf der Matte stehst – das AR-15 geladen und entsichert. Kapiert, mein Junge?«

»Ach, Herrgott«, maulte Ted. »Ich hab mich grad erst hingelegt.«

»Tja, also – du machst das schon, das weiß ich.«

»Herrgott, Bud, musst du immer das letzte Wort haben, verdammt noch mal? Dich zerreißt’s doch vor Schadenfreude, das kann ich hören. Wir sehen uns in 20 Minuten.«

»15, junger Kollege«, korrigierte Bud.

Er ging immer so fröhlich mit Ted um. Der gestandene alte Sergeant, der auf alles eine Antwort hatte, der immer lachte und frotzelte und dabei so geschickt Gehorsam einforderte. Bevor man ihm seine Streifen verliehen hatte, war er für ein Dutzend gnadenloser alter Sergeants der »Jungspund« gewesen und jetzt? Jetzt war er selbst Sergeant.

Bud sprang unter die Dusche, war blitzschnell wieder draußen und erledigte den Rest im Eiltempo. Dann trat er an seinen Schrank, wo die Uniform für den nächsten Tag frühlingsfrisch am Bügel hing. Er steckte das goldene Abzeichen an, einen indianischen Schild mit zwei Flügeln darüber. SCHÜTZEN UND DIENEN stand darunter. Den meisten jüngeren Männern bedeutete das Abzeichen nichts. Für ihn aber fühlte es sich immer noch so an, als wäre es ein Symbol dafür, dass er einer elitären Gesellschaft angehörte, in der er akzeptiert wurde: »Wir vertreten das Gesetz«, rief es in die Welt hinaus. »Wir sind da, um euch zu beschützen.«

Er zog seine Socken an und schnallte ein Galco-Knöchelholster um, anschließend stieg er in seine graubraune Hose mit den Streifen. Immer noch Größe 36. Das braune Hemd mit den auffälligen grauen Schulter- und Taschenpatten passte ihm wie ein Handschuh. Die drei goldenen Streifen direkt unter dem gelb paspelierten, pfeilspitzenförmigen Oberarmabzeichen mit der Aufschrift OKLAHOMA HIGHWAY PATROL stachen so grell hervor wie Gänseblümchen. Es hatte ihn 19 Jahre gekostet, diesen Rang zu erreichen, obwohl er die Prüfung auf Anhieb als Bester bestanden hatte – und das nach nur zehn Jahren im Dienst. Er knöpfte es zu und band sich geschickt die Krawatte um.

»Zieh deine Weste an, Bud!«, rief Jen aus dem Schlafzimmer, wo sie eigentlich hätte schlafen sollen.

Das nervte ihn, aber im Moment nervte ihn so ziemlich alles, was Jen sagte.

»Das gottverdammte Ding ist so schwer wie eine Waschmaschine.«

»Und trotzdem ziehst du sie an.«

»Natürlich«, log er. Er hasste die Weste. Sie fühlte sich an, als trüge er ein Korsett.

Zuletzt schlüpfte Bud in seine schwarzen Halbschuhe und schnürte sie fest zu.

Er trat vom Schrank zurück.

»Ich weiß genau, dass du die Weste nicht anhast, Bud. Irgendwann knallt dich einer ab und ich bleibe auf einem Berg Rechnungen sitzen«, schimpfte Jen.

»Mich knallt keiner ab«, gab er zurück. »Und jetzt schlaf weiter.«

»In letzter Zeit bist du wirklich stur wie ein Esel, ich schwör’s«, sagte Jen mürrisch.

Sie drehte sich um und zog die Decke hoch.

Er trat in den kurzen Flur hinaus. Das Haus war nicht sonderlich beeindruckend, aber bisher hatte sich noch keiner beschwert. Es war finster, eine blaue Dunkelheit, doch Bud kannte jeden Quadratzentimeter. Ein paar Schritte weiter warf er einen Blick in Russ’ Zimmer, der unruhig vor sich hin döste; er war im Schlaf genauso nervös wie tagsüber. Russ’ wirres, ungleichmäßig gefärbtes Haar rankte sich um sein hübsches Gesicht. Über ihm ragte auf einem Poster das Schreckgespenst irgendeines Rockmusikers auf, leichenblass, psychotisch und aufgezäumt wie der Teufel höchstpersönlich. Der Typ sah aus wie der PCP-Zombie, den die Drogenfahndung mal vor Buds Augen auf der 44 hinter Oklahoma City über den Haufen geschossen hatte. Aber Bud machte sich keine Sorgen um Russ. Auch wenn der 17-Jährige aussah wie ein Eimer voll Scheiße – mit den verfluchten Zottelhaaren, den ewig gleichen schwarzen Klamotten und dem Glitzerding im Ohrläppchen, das Bud geflissentlich ignorierte –, wusste Bud irgendwie, dass Russ zu viel von seiner Mutter in sich hatte, um irgendwas Verrücktes anzustellen. Er brachte immer noch überwiegend Einsen nach Hause. Wenn alles gut ging, hatte er die Chance auf einen Studienplatz an einer noblen Uni im Osten.

Auf der anderen Seite des Flurs schaute er zu seinem jüngeren Sohn hinein. Jeff war mit seinen 15 zwar der Kleinere, aber auch der Zähere. Er hatte das Gesicht eines Boxers und die drahtige, muskulöse Statur eines Athleten. Über seinem Zimmer lag permanent der abgestandene Geruch von verschwitzten Socken, muffigen Unterhosen und zehn Paar Turnschuhen. Er wäre so gern eine Sportskanone gewesen; Jeff war kein Geistesriese, kein großer Leser, aber auf dem Sportplatz rackerte er sich ab wie ein Gaul. Er lechzte danach, alles richtig zu machen, und scheiterte fast jedes Mal. Jeffs Sehnsucht und die ständige Enttäuschung in seinem Gesicht hatten beinahe etwas Tragisches. Eine Woge der Liebe und Wehmut schlug über Bud zusammen, so intensiv, dass er sich über den Jungen beugen und ihm einen Kuss auf die Wange geben wollte. Jeff schien ihn so sehr zu brauchen.

Und diesen Jungen soll ich im Stich lassen?, fragte er sich. Eine tonnenschwere Last lag auf seinen Schultern. Aber sein Abgang war schon im Gespräch. Eine mögliche Zukunft, die ihm eine Heidenangst einjagte. Bin ich wirklich drauf und dran, auszusteigen?

Tja, kann schon sein. Vielleicht kommen sie ja ganz gut zurecht.

»Daddy?« Jeff war aufgewacht und hatte seinen Vater gesehen.

»Ja, Jeff, was ist denn?«

»Was ist denn los?«

»Oh, ich werde gebraucht. Keine große Sache.«

»Du hast deine Weste nicht an. Ich seh’s doch.«

»Es ist nichts«, brummte Bud. »Mach dir keine Sorgen. Du bist ja schon fast wie deine Mutter. Schlaf weiter.«

Bud ließ die Familie hinter sich und ging die Treppe hinunter bis zu einer Besenkammer am Ende des Flurs. Er öffnete die Tür und stand vor seinem Waffenschrank. Rasch gab er die vertraute Kombination ein.

Sein schwerer Lackledergürtel hing an einer Lochplatte an der Innenseite der Tür; er nahm ihn herunter, legte ihn um seine Taille und zog ihn stramm – drittes Loch. Der Gürtel war wichtig für einen Polizisten, weil er für so vieles Platz bot: Handschellen, Reizgas, Schlagstock, falls eine Menschenmenge unter Kontrolle gebracht werden musste, einen Totschläger, das Funkgerät, das Futteral für die Schnelllader und natürlich die Waffe.

Die Waffe, natürlich. Ein vierzölliger Smith & Wesson M66, Magnum Kaliber 357. Er nahm die Waffe aus dem Regal und wischte flüchtig darüber; die geballte Hässlichkeit von rostfreiem Stahl schimmerte in dem schummrigen Licht, aber das verdammte Ding lag perfekt in der Hand. Es verschoss sechs mörderische kleine Acht-Gramm-Hohlspitzgeschosse, von denen in 93 Prozent der Fälle eines ausreichte, um den Gegner zu stoppen. Bud ging zweimal die Woche auf den Schießstand; er war ein ausgezeichneter Schütze.

Er klappte die Trommel aus und ließ geschickt sechs Patronen aus einer angefangenen Packung in die Kammern gleiten; dazu zweimal sechs in die beiden Schnelllader, die er bei sich trug. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen fand Bud die Schnelllader eher umständlich; er konnte in weniger als zwei Sekunden sechs leere Patronen in seinem Zylinder durch sechs neue ersetzen. Bis jetzt hatte er das nie gebraucht, ebenso wenig wie er jemanden hatte erschießen müssen, aber es war besser, es zu können und nicht zu brauchen, als es zu brauchen und nicht zu können. Er sicherte den Revolver im Holster und schloss den Druckknopf. Danach holte er einen winzigen zweizölligen Smith & Wesson 640 aus dem Safe, klappte ihn auf, um sich zu vergewissern, dass er mit fünf +P-Hohlspitzgeschossen vom Kaliber 38 Special geladen war, ließ den Zylinder wieder einrasten und schob die Waffe in das Knöchelholster an der Innenseite seiner linken Wade, wo er sie ebenfalls mit dem Gurt sicherte.

Schließlich verriegelte er den Waffenschrank und zog seinen Smokey herunter, der darauf lag. Der dunkelgrüne Hut mit der flachen Krempe musste exakt so auf seinem Kopf sitzen, dass seine Krempe mit dem oberen Rand seines Sichtfeldes abschloss, genau nach Vorschrift. Vielleicht war es das, womit für ihn damals alles angefangen hatte. Verflucht noch mal, er fand immer noch, dass das der schärfste Hut war, den er je gesehen hatte; jedenfalls war er der einzige, den er je aufsetzen würde. Er wollte mit diesem Hut auf dem Kopf begraben werden – oder wenigstens auf der Brust.

Bud trat aus dem Haus und stieg in den Streifenwagen, der in der Auffahrt geparkt war, ein glänzender Chevy Caprice in oklahomatypischem Schwarz-Weiß. Noch während er den Motor startete, griff er nach dem Funkgerät und drückte den Rufknopf.

»Ähm, Zentrale, hier Sechs-Null-Fünf, ich bin auf dem Weg zum Kollegen Zwei-Elf.«

»Verstanden, Sechs-Null-Fünf«, antwortete die Stimme der Frau von der Nachtschicht. »Für laufende Informationen schalten Sie auf Intercity-Netz.«

»Bestätige, Zentrale. Gibt’s was Neues?«

»Bisher nicht.«

»Okay, Zentrale, bin unterwegs.«