Einsame Jäger - Stephen Hunter - E-Book

Einsame Jäger E-Book

Stephen Hunter

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Beschreibung

Bob Lee Swagger, der Meister-Scharfschütze aus dem Hollywood-Blockbuster SHOOTER mit Mark Wahlberg ist wieder da! Als in den Bergen von Idaho ein Mann erschossen und die Frau, die ihn begleitet, tödlich verwundet wird, holt den Kriegsveteranen Bob Lee Swagger seine Vergangenheit ein. Denn der Schütze schien es in Wahrheit auf ihn abgesehen zu haben. Die Suche nach einer Erklärung konfrontiert ihn mit schmerzhaften Erinnerungen an seine Einsätze in Vietnam. Steckt der geheimnisvolle Russe Solaratov dahinter, der schon damals Jagd auf ihn machte? Welche Rolle spielen seine eigene Frau Julie und ihr Ex-Verlobter Donny, für dessen Tod an der Front sich Bob persönlich verantwortlich fühlt? Im Umfeld der US-Friedensbewegung stößt Bob auf eine Verschwörung, die sein Vertrauen in den amerikanischen Militärapparat auf eine harte Probe stellt. Nelson Demille: »Stephen Hunter ist eine Klasse für sich.« Rocky Mountain News: »Der beste lebende Autor knallharter Thriller.« Stephen King: »Ich liebe die Romane von Stephen Hunter.« Phillip Margolin: »Einer der besten Thriller-Autoren der Welt.« New York Daily News: »Nur wenige moderne Autoren können Hunter in Sachen Vorstellungskraft das Wasser reichen und dem Leser einen derartigen Adrenalinkick verpassen.« Publishers Weekly: »Einer der talentiertesten im Thrillergeschäft.«

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Seitenzahl: 937

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Time to Hunt erschien 1998 im Verlag Doubleday.

Copyright © 1998 by Stephen Hunter

1. Auflage April 2016

Copyright © dieser Ausgabe 2016 by Festa Verlag, Leipzig

Einbandgestaltung: Nicole Laka unter Verwendung von Lizenzmaterial © shutterstock.com/javarman,

© shutterstock.com/Militarist

Lektorat: Alexander Rösch

Alle Rechte vorbehalten.

eISBN 978-3-86552-444-7

www.Festa-Verlag.de

Für Corporal John Burke,US MARINE Corps

Im Kampf gefallen

I Corps,

Republic of South Vietnam Navy, 1967

»Wenn jemand fragt, warum wir starben, sagt ihnen, weil unsere Väter gelogen haben.«

– Rudyard Kipling

Geschrieben aus der Sicht seines Sohns John, der im Alter von 16 Jahren an der Somme fiel.

Prolog

Wir befinden uns in der Gegenwart eines meisterhaften Scharfschützen.

Fast übernatürlich ruhig liegt er auf dem harten Felsuntergrund. Die Luft ist dünn, immer noch kühl; er fröstelt oder zittert nicht.

Die Sonne wird bald aufgehen und die Kälte aus den Bergen vertreiben. Ihr Licht breitet sich aus und enthüllt dabei märchengleiche Schönheit. Hohe Gipfel, in Schnee gehüllt; ein makelloser Himmel, der bald die Farbe eines blauen Rohdiamanten annehmen wird; ferne Almen von so intensivem Grün, wie man es in der Natur nur selten antrifft; Bäche, die sich durch den Nadelwald schlängeln, der die Hänge wie ein Teppich bedeckt.

Der Scharfschütze nimmt nichts davon wahr. Ihn darauf hinzuweisen, würde keinerlei Reaktion auslösen. Schönheit – egal ob die der Natur, die der Frauen oder selbst die der Waffen – ist ein Konzept, mit dem er nichts anfangen kann. Nicht nach all den Orten, an denen er gewesen ist, und all den Dingen, die er getan hat. Sie ist ihm schlicht und einfach egal. Sein Verstand orientiert sich nicht an solchen Bezugspunkten.

Stattdessen sieht er das Nichts. Er spürt eine starke, kalte Taubheit. Kein Gedanke hat in dieser Situation irgendeine Bedeutung für ihn. Sein Geist ist fast leer, als ob er sich in Trance befindet.

Er hat einen kurzen Hals, wie so viele legendäre Schützen. Obwohl seine Sehschärfe laut Snellen-Index mit 20/10 aberwitzig hoch ausfällt, wirken seine blauen Augen stumpf und offenbaren ein beinahe erschreckendes Ausmaß mentaler Gleichgültigkeit. Sein Puls ist praktisch nicht messbar. Manches an ihm ist kurios – Eigenheiten, die man bei vielen Männern als Tick einstufen würde, die aber zu einem Scharfschützen perfekt passen. Er hat extrem gut ausgebildete, schnell kontrahierende Unterarmmuskeln, die für sein Alter jenseits der 50 immer noch geschmeidig und definiert sind. Seine Hände sind groß und stark. Das Durchhaltevermögen sprengt jede Skala, ebenso die Reflexe und die Schmerztoleranz. Er ist kräftig, agil und genauso energiegeladen wie jeder Spitzenathlet. Sein Verstand ist sowohl zu technischem als auch zu kreativem Denken in der Lage und sein Wille so geradlinig wie ein Laserstrahl.

Aber nichts von alldem kann ihn wirklich erklären, genauso wenig, wie solche Analysen einen Williams oder einen DiMaggio entschlüsseln könnten. Da ist einfach etwas an ihm: eine fast schon autistische Art von Genie, die ihm außergewöhnliche Kontrolle über Körper und Verstand verleiht, über Hände und Augen. Sie segnet ihn mit schier unendlicher Geduld, einem gewieften taktischen Verständnis und vor allem völliger Hingabe an seine mysteriösen Künste, die wiederum den Kern seiner Identität darstellen und ihm ein Leben verschaffen, wie es für viele unvorstellbar wäre.

Aber jetzt gibt es für ihn nichts: nicht seine Vergangenheit, nicht seine Zukunft, nicht den Schmerz, den es bereitet, eine lange Nacht hindurch reglos in der Kälte auszuharren. Nicht die Aufregung angesichts der Tatsache, dass dies der große Tag sein könnte. Keine Vorfreude, kein Bedauern, einfach gar nichts.

Neben ihm liegt sein Handwerkszeug, seitwärts auf einem harten Sandsack abgelegt. Er kennt es in- und auswendig, denn er hat sich zur Vorbereitung auf die 30 Sekunden, die heute, morgen oder übermorgen kommen werden, gründlich damit vertraut gemacht.

Es ist eine Remington 700 mit einem Fiberglasschaft von H-S Precision und einem Leupold-Zielfernrohr mit zehnfacher Vergrößerung. Ein Büchsenmacher hat sie modifiziert, um noch das letzte Promille an Leistung auszureizen: Der Verschluss ist ausgerichtet, geschliffen und mit maximalem Drehmoment im Metallblock in der Mitte des Schafts verschraubt; der neue, freiliegende Krieger-Lauf hat eine Tieftemperaturbehandlung verpasst bekommen. Der Abzug, Marke Jewell, löst bei einem Abzugsgewicht von 1,81 Kilogramm mit dem knackigen Klirren eines brechenden Glasstabs den Schuss aus.

Der Scharfschütze hat mehrere Wochen mit der Munition experimentiert und nach einer exakten Harmonie gesucht, die bestmögliche Resultate erzielt: die perfekte Balance zwischen dem Geschossgewicht, dem Sitz der Patrone im Lager und der bis aufs letzte Gran handvermessenen Menge des ausgewählten Pulvers. Nichts wurde dem Zufall überlassen: Die Rillen im Patronenhals wurden gedreht und getempert, die Zündlöcher entgratet, die Tiefe der Zündhütchen perfektioniert, die Zündhütchen selbst nach Verlässlichkeit ausgewählt. Die Laufmündung ist mit dem neuesten Schrei ausgestattet, dem Ballistic Optimizing System von Browning – einer Art anschraubbarem Stutzen, der detailliert justierbar ist, um für das optimale Schwingungsverhalten im Sinne der Präzision zu sorgen.

Er verwendet kein Militärkaliber, sondern eins aus dem zivilen Bereich: eine Remington Magnum 7 Millimeter, eine Patrone, die eine Zeit lang bei Jägern weltweit im Trend lag. Ein Bock oder ein Hirsch lässt sich damit aus erstaunlich großer Entfernung erlegen. Obwohl sie darin von einigen hipperen Patronen übertroffen wird, ist sie dennoch ein leistungsfähiges Flachgeschoss, das beim Flug durch die dünne Bergluft kaum an Geschwindigkeit verliert und auf Distanzen jenseits der 500 Meter noch fast 2700 Joule Geschossenergie mitbringt.

Aber all diese Daten interessieren den Scharfschützen nicht – oder zumindest nicht mehr. Er kannte sie einmal, aber in dieser Situation hat er sie vergessen. Der Zweck der endlosen ballistischen Experimente war einfach: Es ging darum, Büchse und Ladung zur absoluten Perfektion zu treiben, um nicht mehr darüber nachdenken zu müssen. Das ist das Prinzip guten Schießens: Man bereitet alles optimal vor und verschwendet dann keinen Gedanken mehr daran.

Als das Geräusch kommt, ist er weder erschrocken noch überrascht. Er wusste, dass es früher oder später kommen musste. Es erfüllt ihn nicht mit Zweifel oder mit Reue. Es bedeutet bloß eins: dass es Zeit wird, an die Arbeit zu gehen.

Es ist ein Lachen, mädchenhaft und hell, voller Begeisterung. Es wird von den steinernen Wänden des Canyons zurückgeworfen, schwirrt aus den Schatten einer kleinen Schlucht fast 1000 Meter weit durch die dünne Luft zu dieser hohen Felsbank hinauf.

Der Scharfschütze schüttelt die Finger, wärmt sie auf. Seine Konzentration steigt um noch eine Stufe. Er zieht das Gewehr mit einer fließenden Bewegung zu sich heran, in der die Übung Hunderttausender Schüsse aus Training und Missionen steckt. Wie von selbst hebt sich der Gewehrschaft an seine Wange. Während eine Hand zum Kolbenhals schnellt, stützt die andere den Vorderschaft. Sein Arm trägt das Gewicht des leicht angehobenen Oberkörpers und baut eine Knochenbrücke zum Stein, auf dem er liegt. Die Büchse ruht auf einem prall gefüllten Sandsack. Er findet den idealen Haltepunkt, der eine Platzierung der Wange am  Schaft und den perfekten Augenabstand zum Zielfernrohr bietet, damit das kreisrunde Zielbild so hell und klar wie eine Kinoleinwand vor ihm erscheint. Sein adductor magnus, ein langer Muskel im inneren Oberschenkel, spannt sich, als er den rechten Fuß um eine Winzigkeit schräg stellt.

Über ihm gleitet ein Habicht im Wind, segelt durch den blauen Morgenhimmel.

Eine Bergforelle springt.

Ein Bär sucht etwas zum Fressen.

Ein Reh huscht durch das Unterholz.

Der Scharfschütze nimmt nichts davon zur Kenntnis. Es ist ihm egal.

»Mami«, ruft die achtjährige Nikki Swagger. »Nun komm schon.«

Nikki kann besser reiten als ihre Eltern. Sie wurde praktisch auf dem Pferderücken großgezogen, denn ihr Daddy, ein Unteroffizier der Marines im Ruhestand mit landwirtschaftlicher Vergangenheit, hatte beschlossen, sich als Pferdepfleger mit eigenem Mietstall in Arizona selbstständig zu machen – dort, wo Nikki zur Welt gekommen ist.

Nikkis Mutter, eine hübsche Frau namens Julie Fenn Swagger, bleibt etwas zurück. Julie bringt nicht die natürliche Anmut ihrer Tochter mit, aber sie ist in Arizona aufgewachsen, wo Pferde zum Leben gehören, und sie reitet seit ihrer Kindheit. Ihr Mann hat bereits als Farmerjunge in Arkansas geritten, danach jahrzehntelang nicht mehr. Später fand er zu den Tieren zurück, und jetzt liebt er ihre Integrität und Loyalität so sehr, dass er fast ohne nachzudenken den Entschluss gefasst hat, ein anständiger Reiter zu werden. Es gehört zu seinen angeborenen Talenten.

»Okay, okay«, ruft Julie, »sei vorsichtig, Schätzchen.« Aber sie weiß, dass Nikki nichts ferner liegt, als vorsichtig zu sein. Sie hat die Persönlichkeit einer Heldin, mit dem Willen, alles aufs Spiel zu setzen, und einer völligen Abwesenheit von Furcht. In dieser Hinsicht gleicht sie einer Indianerin – und ihrem Vater, der ein Kriegsheld gewesen ist.

Sie dreht sich um.

»Nun komm schon«, drängt Julie und äfft ihre Tochter nach. »Du willst doch das Tal sehen, wenn die Sonne drüber wegzieht, oder nicht?«

»Japp«, ruft die Reiterin zurück, die nach wie vor von den Schatten der Vertiefung im Gelände verborgen wird.

Nikki prescht voran, heraus aus den Schatten und in das helle Licht. Ihr Pferd, das den Namen Calypso trägt, ist ein Vollblutwallach – ein ziemliches Biest, aber Nikki hat ihn lässig im Griff. Sie reitet englisch, da ihre Mutter davon träumt, dass sie einmal ein College im Osten besuchen wird. Und die Fähigkeiten, die als Kennzeichen der eleganten Reitkunst gelten, werden sie im Leben weiter bringen als das rowdyhafte Vermögen, wie ein Cowboy zu reiten. Ihr Vater hält nicht viel vom englischen Sattel, der kaum auszureichen scheint, um das Mädchen vor den Muskeln des Tieres unter ihr abzuschirmen. Bei Reitturnieren findet er diese bauschige Jodhpurhose und dieses Jackett aus Veloursamt mit dem Schnürband am Hals immer hochgradig albern.

Calypso springt über den felsigen Pfad. Seine Klugheit ist so offensichtlich wie seine Furchtlosigkeit. Das zarte Mädchen dieses riesige Pferd reiten zu sehen, zählt zu den großen Freuden im Leben ihres Vaters. Nirgendwo sonst wirkt sie so lebendig, so glücklich oder so souverän wie auf dem Rücken eines Pferdes. Jetzt jubelt Nikkis Stimme vor Vergnügen, als das Pferd auf eine Felsbank hinausreitet. Vor ihnen liegt die schönste zu Pferd erreichbare Aussicht. Sie rast bis an die Kante, scheint fast die Kontrolle zu verlieren, aber in Wahrheit hat sie alles im Griff.

»Schatz«, ruft Julie, als ihre Tochter fröhlich in den Untergang zu rasen scheint, »sei vorsichtig!«

Das Kind. Die Frau. Der Mann.

Das Kind kommt als Erstes. Sie ist die beste Reiterin, kühn und abenteuerlustig. Sie kommt aus den Schatten der kleinen Schlucht zum Vorschein und gibt die Zügel frei. Das Tier galoppiert über das Gras auf den Rand der Schlucht zu, bleibt stehen, dann dreht es sich um und zuckt in Vorfreude. Das Mädchen zügelt es und lacht.

Als Nächstes kommt die Frau. Obwohl sie nicht so begabt wie ihre Tochter ist, reitet sie dennoch mühelos im Trab und sitzt bequem im Sattel. Der Scharfschütze kann ihr strohblondes Haar sehen, die Muskeln, die sich unter der Jeans und dem Arbeitshemd abzeichnen, die Sonnenbräune im Gesicht. Ihr Pferd ist ein groß gewachsener Fuchs, ein kräftiges Cowboy-Arbeitspferd, nicht so geschmeidig wie das der Kleinen.

Und als Letztes: der Mann.

Er ist schlank und wachsam. In einer Tasche unter seinem Sattel steckt ein Gewehr. Er sieht gefährlich aus – wie ein außergewöhnlicher Mann, der nie in Panik gerät, schnell reagiert und treffsicher schießt, und genau das ist er auch. Er reitet wie ein talentierter Athlet, ist fast eins mit dem Tier und steuert es instinktiv mit den Schenkeln. Obwohl auch er bequem im Sattel sitzt, ist er offensichtlich hellwach und aufmerksam.

Er kann den Scharfschützen nicht sehen. Der Schütze ist zu weit weg, das Versteck zu sorgfältig getarnt und die Stelle so gewählt, dass dem Opfer zu dieser Tageszeit die Sonne in die Augen scheint, weshalb es nur blendendes Licht und verschwommene Konturen erfasst.

Das Fadenkreuz legt sich über den Mann und folgt ihm, während er dahingaloppiert, findet den Rhythmus der Schrittfrequenz, gleicht sich der Auf-und-ab-Bewegung des Tieres an. Der Finger des Schützen streicht über den Abzug, wie gefesselt von der Geschmeidigkeit seines Opfers, aber er feuert nicht.

Ein bewegliches Ziel, das sich quer von links nach rechts bewegt, aber auch auf und ab, in der Vertikalen: 753 Meter. Ganz und gar kein unmöglicher Schuss, und viele Männer in seiner Situation hätten diese Gelegenheit genutzt. Aber die Erfahrung sagt dem Scharfschützen, dass es besser ist, noch zu warten. Später wird es eine bessere Gelegenheit zum Schuss geben, die beste. Bei einem Mann wie Swagger ist das diejenige, die man nutzen sollte.

Der Mann schließt sich der Frau an. Die zwei plaudern, und was er sagt, bringt sie zum Lächeln. Weiße Zähne blitzen auf. Ein winziger Funke Menschlichkeit im Inneren des Scharfschützen sehnt sich nach der Schönheit und Ungezwungenheit der Frau. Er hatte Prostituierte aus der ganzen Welt, manche sehr teuer, aber dieser kleine, intime Moment ist etwas, das sich ihm vollkommen entzieht. Aber das geht schon in Ordnung. Er hat sich dazu entschieden, seine Arbeit abseits der Menschen zu verrichten.

Herrgott!

Er flucht über sich selbst. So werden Schüsse vermasselt – dieser kurze Moment der Unkonzentriertheit, der einen von der Mission ablenkt. Er kneift kurz die Augen zu, nimmt die Dunkelheit in sich auf und klärt seinen Geist. Dann öffnet er sie und analysiert die Lage.

Der Mann und die Frau haben die Kante erreicht: 721 Meter. Vor ihnen liegt ein Tal, das das Licht nach und nach enthüllt, während die Sonne höher steigt. In taktischer Hinsicht bedeutet das für den Schützen, dass sein Opfer aufgehört hat, sich zu bewegen. Er sieht ein Familienporträt im Fadenkreuz: Mann, Frau und Kind, alle auf fast gleicher Höhe, weil das Pferd des Mädchens so groß ist, dass es genauso hoch sitzt wie seine Eltern. Sie unterhalten sich, das Mädchen lacht, deutet auf einen Vogel oder etwas Ähnliches, schäumt über vor Tatendrang. Die Frau starrt in die Ferne. Der Mann, der immer noch wachsam wirkt, entspannt sich nur ein kleines bisschen.

Das Fadenkreuz teilt die breite Brust in zwei Hälften.

Der Meisterschütze atmet aus, sucht die Stille in sich, erzwingt aber nichts. Er fasst nie einen konkreten Entschluss, folgt keinem inneren Zwang. Es geschieht einfach.

Das Gewehr zuckt, und als nach einem Sekundenbruchteil das Zielbild zurückkehrt, sieht er, wie die Brust des großen Mannes explodiert, als sie von der 7-Millimeter-Remington-Magnum durchschlagen wird.

Teil 1: Das Paradedeck

Washington, D. C.,

April bis Mai 1971

Kapitel 1

In einem ungewöhnlich heißen Frühling schmachtete Washington träge unter der gleißenden Sonne. Das Gras war braun und glanzlos, der Verkehr dicht, die Bürger griesgrämig und unhöflich. Selbst die Marmordenkmäler und die weißen Regierungsgebäude wirkten verkommen. Es kam einem so vor, als ob die Stadt in eine Starre verfallen oder mit einem Fluch belegt sei. Keine Amtsperson in Washington ging noch auf Partys; es herrschte eine Zeit der Verbitterung und gegenseitiger Schuldzuweisungen.

Und es herrschte Belagerungszustand. Die Stadt wurde tatsächlich angegriffen. Der Prozess, den der Präsident als ›Vietnamisierung‹ bezeichnete, ging den Legionen von Friedensdemonstranten nicht schnell genug, die regelmäßig die Parks und Seitenstraßen der Stadt stürmten und sie mal lahmlegten, mal freigaben – weitgehend unkontrolliert und ganz, wie es ihnen gerade in den Kram passte. In diesem Monat hatten bereits die Vietnamveteranen für den Frieden die Stufen vor dem Kapitol eingenommen und einen verbitterten Hagel aus Medaillen auf sie niederprasseln lassen. Weitere Aktionen waren für Anfang Mai geplant. Der May Tribe von der People’s Coalition for Peace and Justice hatte geschworen, das städtische Leben einmal mehr zum Stillstand zu bringen, diesmal für eine ganze Woche.

In der ganzen Stadt gab es nur einen Platz, an dem sich wirklich grünes Gras finden ließ. Manche sahen in diesem Grün ein letztes, lebendiges Symbol der amerikanischen Ehre, eine letzte Hoffnung. Andere wiesen darauf hin, das Grün sei künstlich, wie so vieles in Amerika. Man verdanke es allein der ungeheuren Anstrengung ausgebeuteter Arbeitskräfte, denen keine andere Wahl bliebe. Und genau das wollen wir ändern, sagten sie.

Das grüne Gras wuchs auf dem Paradeplatz – oder, in der Sprache einer Truppe, die sich an die Einbildung klammerte, dass alle Anlagen an Land nur Erweiterungen oder metaphorische Darstellungen der Schiffe der Flotte waren: dem ›Paradedeck‹ des Stützpunktes Marine Barracks an der Kreuzung 8th und First Street im südöstlichen Washington. Die jungen Männer, die dort dienten, bearbeiteten diesen Rasen so intensiv wie Kirchengärtner. Denn für die jesuitischen Gemüter des United States Marine Corps handelte es sich um heiligen Boden.

Der im Jahr 1801 gebaute Stützpunkt war die älteste, ständig besetzte militärische Einrichtung in den Vereinigten Staaten. Nicht einmal die Briten hatten gewagt, sie in Brand zu stecken, als sie 1814 den Rest der Stadt in Flammen aufgehen ließen. Wenn man den Blick über das Deck zu den Häusern der Offiziere auf einer Seite schweifen ließ, dann zu den Gebäuden, die die drei Kompanien beherbergten (Alpha, Bravo und Hotel nutzten sie als Hauptquartier) auf der anderen und schließlich zum Haus des Kommandanten am gegenüberliegenden Ende des Vierecks, bekam man eine makellose Version dessen zu sehen, was der Dienst im Corps und der Dienst für das Land theoretisch bedeuteten.

Die uralten Ziegel waren rot und die Architektur entsprang einer Zeit, in der man noch Akkuratesse mit gelungener Gestaltung gleichgesetzt hatte. In einer ruppigeren, gewalttätigeren Ära als Fort konzipiert, hatte die Anlage durch das Wachstum der Pflanzen und das Anlegen eines Kopfsteinpflasters dort, wo sich einst nur matschige Wege befunden hatten, die Optik eines alten Ivy-League-Campus angenommen. Eine nicht ironisch gemeinte Flagge wehte am Ende einer hohen Stange über dem Platz; rot, weiß und blau bauschte sie sich schamlos im Wind. Das Ganze besaß einen leidenschaftlichen Anklang an das 19. Jahrhundert und wirkte wie ein Lobgesang auf die historische US-Doktrin des Manifest Destiny. Dieser kleine Flecken Land ging beinahe als unabhängiges Herzogtum des United States Marine Corps durch. Er lag, wenn auch anderthalb Meilen entfernt, auf demselben Hügel wie das Kapitol, in dem die widerspenstigen Prozesse der Demokratie derzeit eine Zerreißprobe durchmachten.

Nun, an diesem außergewöhnlich warmen, hellen Apriltag, wurden junge Männer hier unter glühender Sonne gedrillt oder faulenzten, je nachdem, was ihre Vorgesetzten erlaubten.

Im Schatten an der Ecke zwischen dem Troop Walk und der South Arcade hockten sieben Männer – eigentlich eher Jungen – und rauchten. Sie trugen die undressed blues genannte Uniform, die aus einer blauen Hose, einem gelbbraunen, kurzärmligen Gabardinehemd ohne Kragen und einem weißen Hut – oder der ›Haube‹, wie sie das Corps getauft hatte – bestand, den sie sich tief in die Stirn gezogen hatten. Das einzig Merkwürdige an ihrer Erscheinung, das sie für einen beiläufigen Betrachter von den anderen Marines unterschied, waren ihre Oxford-Schuhe, die nicht nur geputzt, sondern mit Spucke poliert waren und geradezu übertrieben glänzten. Das Schuheputzen mit Spucke galt als eine Art Fetisch in ihrer Kultur. Die jungen Marines hatten Pause, und natürlich war Private First Class Crowe, der Teamkomiker, gerade dabei, ihnen den Lauf der Welt zu erklären.

»Wisst ihr«, wandte er sich an sein Publikum, während er an einer Marlboro zog, »das macht sich bestimmt gut im Lebenslauf. Ich erzähl denen, ich sei in dieser Eliteeinheit gewesen. Musste dafür erst ’ne Top-Secret-Sicherheitsüberprüfung hinter mich bringen. Wir haben für unsere Missionen trainiert und geübt. Und dann, als es losging in der glühenden Hitze, sind überall um mich rum die Männer umgekippt. Aber ich hab durchgehalten, verdammt noch mal. Ich war ein Held, ein gottverdammter Held. Was ich denen natürlich nicht erzählen würde, ist, dass es sich dabei um ’ne ... Parade gehandelt hat.«

Seine Kohorte belohnte ihn mit angemessenen Lachsalven. Sie hielten ihn für einen amüsanten und grundsätzlich harmlosen Kerl. Sein Onkel war der wichtigste Spendensammler für einen Kongressabgeordneten, was erklärte, weshalb man ihn in die Kompanie B gesteckt hatte, die Sargträgerkompanie,und er nicht den härteren und gefährlicheren Dienst im WES PAC leisten musste, wie die Kommandanten den Westpazifik nannten, oder im Land der bösen Träume, Marine-Sprech für Vietnam. Sein Verlangen, in die Republik Südvietnam zu reisen, hielt sich in Grenzen.

Tatsächlich hatte nur einer der sieben Männer Dienst in der RSVN, so das offizielle Kürzel, geleistet, und zwar der leitende Unteroffizier Corporal Donny Fenn, 22 Jahre alt, aus Ajo, Arizona. Donny, ein großer und fast unnatürlich hübscher blonder Knabe, der ein Jahr lang aufs College gegangen war, hatte sieben Monate in einer anderen B-Kompanie zugebracht, der 1/9 Bravo, die zur dritten Marine Amphibious Force gehörte und im First Corps an Operationen in und um An Hoa beteiligt gewesen war. Man hatte schon oft auf ihn geschossen, und einmal war er auch in die Lunge getroffen worden und hatte sechs Monate im Krankenhaus verbracht. Er war außerdem mit einem Brnz Str ausgezeichnet worden,wie er bei diesem Thema zu murmeln pflegte, ohne seinem Gegenüber in die Augen zu sehen.

Aber jetzt lief Donnys Zeit ab. Er hatte nur noch knapp 13 Monate abzuleisten und Gerüchten zufolge bedeutete das, dass das Corps ihn in seiner unendlichen Weisheit nicht noch einmal zurück ins Land der bösen Träume schickte. Nicht weil das Corps den Bengel so lieb gewonnen hätte. Nein, der wahre Grund lautete, dass eine Dienstzeit in Vietnam 13 Kalendermonate dauerte. Und wenn man jemanden dort hinschickte, der weniger als 13 Kalendermonate abzuleisten hatte, brachte man damit die Aufzeichnungen hoffnungslos durcheinander, was die analfixierten Personalverwalter gehörig in Unruhe versetzte. Daher hatte Donny den zentralen kriegerischen Konflikt seiner Generation eigentlich bereits heil überstanden.

»Alles klar«, sagte er mit einem Blick auf die Uhr. Der Sekundenzeiger raste auf 11:00 Uhr zu, was das Ende ihrer Pause bedeutete. »Macht sie aus und packt sie weg. Stopft euch die Filter in die Taschen, falls ihr Schwuchteln seid, die Filterzigaretten rauchen. Falls ich hier irgendwo Kippen auf dem Boden sehe, lass ich euch bis zum Morgenappell trainieren.«

Die Soldaten knurrten, aber sie gehorchten. Natürlich wussten sie, dass er es nicht so meinte. Wie sie war er kein Berufssoldat. Wie sie kehrte er bald wieder in die normale Welt zurück.

Wie es jede Gruppe lustloser junger Männer in einer so gnadenlosen Institution wie dem Marine Corps getan hätte, hielten sie sich ohne allzu große Begeisterung an die Vorschriften. Ein weiterer Tag an der 8th und First Street; ein Tag auf dem Paradedeck wie jeder andere, wenn sie sich nicht in Gefechtsbereitschaft befanden oder Dienst auf dem Friedhof hatten: Aufstehen in aller Herrgottsfrühe, eine Stunde Fitnesstraining um 6:00 Uhr, Morgenappell um 7:00 Uhr, etwas zu futtern um 8:00 Uhr. Um 9:30 Uhr fingen die langen, manchmal endlos scheinenden Stunden des Drills an, entweder für die Begräbnisse oder für die Aufstandsbekämpfung. Dann war der Tag geschafft.

Diejenigen, die noch Aufgaben hatten, erledigten sie. Andernfalls konnten die Jungs sich zurückziehen. Diejenigen, die verheiratet waren, durften außerhalb der Basis bei ihren Frauen wohnen; viele der Unverheirateten teilten sich ungenehmigte billige Unterkünfte auf dem Capitol Hill. Sie konnten herumhängen, Billard spielen, Leichtbier in der Soldatenbar trinken, im PX-Bezirk von Washington ins Kino gehen oder sogar in den Bars des Capitol Hill ihr Glück bei den Mädels versuchen.

Aber sie hatten nie Glück, was zu gewissem Frust führte. Es lag nur teilweise daran, dass man Marines für Babymörder hielt. Der wirkliche Grund waren die Haare: In der Welt da draußen war die Ära der langen Mähnen angebrochen. Männer trugen lange, bauschige Locken, unter denen ihre Ohren verschwanden. Von den armen Marines und sämtlichen zeremoniellen Soldaten im Militärbezirk von Washington erwartete man hingegen, dass sie als Aushängeschilder militärischer Disziplin fungierten. Daher präsentierten sie der Welt beinahe kahle Schädel – ›weiße Wände‹, wie man es nannte. Nur knapp zwei Zentimeter Haarlänge waren erlaubt. Dadurch standen ihre Ohren ab wie Radarantennen. Manche von ihnen sahen aus wie Howdy Doody, und kein Hippiemädchen mit Selbstwertgefühl ließ sich dazu herab, sie eines Blickes zu würdigen. Und da alle Amerikanerinnen sich in Hippiemädchen verwandelt hatten, waren sie, wie Crowe es kurz und prägnant ausdrückte, am Arsch.

»Handschuhe an«, befahl Donny und seine Männer standen auf und streiften ihre weißen Dienstexemplare über.

Donny fing an, sie quälend langsam verstreichende 50 Minuten für den Umgang mit dem Sarg zu drillen. Als Sargträger waren sie alle kräftig gebaut. Und als Sargträger durfte ihnen kein Fehler unterlaufen. Es schien bedeutungslos zu sein, aber ein paar von ihnen – Donny, zum Beispiel – verstanden, dass ihre Aufgabe tatsächlich wichtig war: Sie hatten den Schmerz über den Verlust eines Menschen mit einem Ritual zu betäuben. Sie mussten mit Gepränge und Genauigkeit die nackte Tatsache kaschieren: dass ein Junge in dieser Kiste lag, der nun für immer in der Erde des Arlington National Cemetery verschwand, Jahre vor seiner Zeit – und wofür? Obwohl Donny das Leben generell eher locker anging, war er doch entschlossen, sie in dieser einen Hinsicht zu den Besten zu machen.

Also ging das Team unter seiner Anleitung und seinen sanften, aber energischen Kommandos an die Arbeit: Sie absolvierten die präzise choreografierten Einzelschritte mit der in eine Flagge gehüllten Kiste, in der ein Junge lag, der aus dem Leichenwagen geholt wurde. Bei den Proben wurde diese durch ein Stahlgestell ersetzt. Die Träger richteten den Sarg aus, trugen ihn ruhig und würdevoll zum Grab und setzten ihn auf einer Bahre ab. Als Nächstes kam das komplizierte Zusammenlegen der Flagge an die Reihe. Sechs Paar disziplinierter Hände zogen sie von der Kiste. Beginnend mit dem Mann am unteren Ende des Sargs wurde sie dann zu einem Dreieck gefaltet, das mit jedem straffen Falz dicker wurde, während es von Mann zu Mann weitergereicht wurde. Wenn es gut lief, war das, was schließlich in den Händen von Corporal Fenn landete, ein perfektes Dreieck; ein Dreispitz, auf jeder Seite mit Sternen geschmückt, ohne dass irgendwo ein roter Streifen aufblitzte. Alles andere als einfach – ein gutes Team brauchte Wochen, um es richtig hinzukriegen, und noch länger, um es einem Neuen beizubringen.

Corporal Fenn nahm an dieser Stelle das gestirnte Dreieck entgegen, marschierte mit steifer Präzision zur Mutter, zum Vater oder wer immer dort saß, und überreichte es ihnen mit den weißen Handschuhen. Das zählte zu den merkwürdigen Momenten. Manche der Empfänger waren zu benommen, um zu reagieren, andere zu mitgenommen, um es überhaupt zu bemerken. Manche reagierten linkisch, manche sogar ein wenig überwältigt. Denn ein so gut aussehender Marine wie Donny, mit der Brust voller Medaillen, die schwer an seiner Uniformjacke hingen, dem fast haarlosen Kopf, einem Hut so weiß wie die Handschuhe, mit undurchdringlicher Würde und tadelloser Darbietung, bot in der Tat einen umwerfenden Anblick, fast wie ein Filmstar. Und dieses Charisma überlagerte oft die Trauer des Augenblicks. Eine am Boden zerstörte Mutter knipste einmal sogar ein Foto von ihm mit einer Sofortbildkamera, als er auf sie zukam.

Aber beim heutigen Durchlauf war der Corporal mit der Leistung seiner Mannschaft nicht zufrieden. Natürlich lag es an Private First Class Crowe, ohnehin nicht gerade der beste Mann im Team.

»Also, Crowe«, sprach er ihn an, nachdem die verschwitzten Männer das Ritual beendet und Aufstellung bezogen hatten, »ich hab dich beobachtet. Du warst auf dem Hinweg aus dem Tritt und beim Abmarsch auf der linken Seite des Wagens einen halben Schritt hinterher.«

»Ach«, erwiderte Crowe in dem Versuch, durch einen Witz dafür zu sorgen, dass ihnen der Moment im Gedächtnis blieb, »das liegt an meinem verdammten Knie. Wegen dem Mist, den ich mir in Khe Sanh eingefangen hab.«

Das sorgte für leises Gelächter, denn Crowe war Khe Sanh nie näher gekommen als beim Lesen eines Artikels über die Schlacht im New Haven Register.

»Hab ganz vergessen, dass du so ’n Held bist«, gab Donny zurück. »Dann machst du eben nur 25 Liegestütze und nicht 50. Im Gedenken an deinen aufopfernden Einsatz.«

Crowe murmelte finster aber gutmütig vor sich hin und die anderen Teammitglieder zogen sich zurück, um ihm für das Ableisten seiner Strafe Platz zu machen. Er zog die Handschuhe aus, ließ sich auf den Bauch fallen und legte 25 Liegestütze nach Art der Marines hin. Die letzten sechs fielen etwas schlampig aus.

»Ausgezeichnet«, befand Donny. »Vielleicht bist du ja doch kein Mädchen. In Ordnung, dann ...«

Aber in diesem Augenblick kam plötzlich der Ordonnanzoffizier des Kompanieführers, der bebrillte Private First Class Welch, an Donnys rechter Schulter zum Vorschein.

»Hey, Corporal«, flüsterte er. »Der CO will Sie sehen.«

Scheiße, dachte Donny, was zum Teufel hab ich denn jetzt wieder verbockt?

»Ooooh«, machte jemand, »da steckt wohl einer in Schwierigkeiten.«

»Hey, Donny, vielleicht wollen sie dir noch ’ne Medaille geben.«

»Das ist bestimmt dieser Vertrag mit Hollywood, der endlich eingetroffen ist.«

»Wissen Sie, worum es geht?«, fragte Donny Welch, der als gute Quelle galt, wenn es um Klatsch ging.

»Keine Ahnung. Irgendwelche Navy-Leute, mehr weiß ich nicht. Aber es ist dringend.«

»Bin auf dem Weg. Bascombe, du übernimmst. Macht noch 20 Minuten. Konzentriert euch auf das Abwenden vom Leichenwagen, das Crowe anscheinend so verwirrt. Danach bring sie zum Essen rüber. Ich komm nach, sobald ich kann.«

»Ja, Corporal.«

Donny strich das gestärkte Hemd glatt, korrigierte den Sitz der Uniform, überlegte kurz, ob ihm Zeit blieb, das Hemd zu wechseln, gelangte zu dem Schluss, dass das nicht der Fall war, und setzte sich in Bewegung.

Auf dem Weg über das Paradedeck kam er an anderen exerzierenden Marines vorbei. Die Attraktion von Kompanie A, das Silent Drill Rifle Team, ging gerade seine ausgefeilte Pantomime durch. Die Fahnenträger meisterten die Feinheiten des Umgangs mit der Flagge. Ein anderer Zug probte bereits die Aufstandsbekämpfung und stampfte grimmig den Troop Walk entlang, tief gebeugt unter der schweren Kampfausrüstung.

Donny erreichte den Center Walk, nahm die Kurve und näherte sich der eigentlichen Kaserne. Dabei kreuzte nur ein halbes Dutzend Offiziere des salutierverrückten Corps seinen Weg, dessen Gruß er mit gestreckter rechter Hand erwidern musste. Er betrat das Gebäude, wandte sich nach rechts und ging durch die offene Luke – Marine-Englisch für Tür – in den Flur. Es war dunkel und die glänzenden Wirbel, die vom gründlichen Polieren des Bodens zeugten, funkelten ihm entgegen. An den grünen Stellwänden der Regierung hingen Fotos von verschiedenen Aktivitäten der Marines, die ein aggressiv operierendes Büro für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zur Stärkung der Truppenmoral zur Verfügung gestellt hatte. Aber sie verfehlten ihren Zweck vollkommen. Schließlich ging er durch die Tür mit der Aufschrift COMMANDING OFFICER. Darunter stand: CAPTAIN M. C. DOGWOOD, USMC.

Ihn empfing ein leerer Vorraum, da PFC Welch noch mit Botengängen beschäftigt war.

»Fenn?«, rief jemand aus dem Büro. »Kommen Sie rein.«

Donny betrat das Büro, eine Art geisterhafte Krypta der vereinten Eitelkeiten des Marine-Machismo und der bürokratischen Effizienz, und traf dort den stocksteifen Captain Morton Dogwood an, der mit einem schlanken, jungen Mann mit der Sommerbräune eines Lieutenant Commanders der Navy und einem noch jüngeren Mann in Ensign-Uniform zusammensaß.

»Sir«, sagte Donny und nahm Haltung an, »Corporal Fenn meldet sich wie befohlen, Sir.«

Da er keine Waffe hatte, salutierte er mit der Hand.

»Fenn, das sind Commander Bonson und Ensign Weber«, stellte Dogwood ihm die Männer vor.

Shit!, raunte eine Stimme in Donnys Kopf.

Der Raum war dunkel, die Vorhänge zugezogen. Die magere Medaillenausbeute des Captains hing in einem Rahmen an der Wand hinter ihm, ebenso eine Urkunde über seinen Abschluss in Internationalem Finanzwesen von der George Washington University. Die Platte seines Schreibtischs glänzte, leer bis auf die polierte Granathülse, die man abgesägt und zu einem Behälter für Büroklammern umfunktioniert hatte – das Souvenir, das jeder bekam, der in Vietnam Dienst geleistet hatte. Außerdem standen dort gerahmte Fotos einer hübschen Frau und zwei kleiner Mädchen.

»Setzen Sie sich, Fenn«, forderte Bonson ihn auf, ohne den Blick von den Dokumenten zu heben, die er studierte. Donny sah, dass es sich um seinen ›Umschlag‹ handelte, seine persönliche Akte.

»Aye, aye, Sir!« Donny fand einen Stuhl und setzte sich steif hinein, den drei Männern gegenüber, die sein Schicksal in ihren Händen zu halten schienen. Von draußen drangen die Rufe der Ausbilder herein; dort war es hell und heiß, und der Tag steckte voller Pflichten. Hier drin hatte Donny das Gefühl, im Trüben zu fischen. Was zum Teufel hatte das alles zu bedeuten?

»Gute Akte«, sagte Bonson. »Ausgezeichneter Job im Einsatz. Gute Leistungen auch hier in der Kaserne. Wann läuft Ihre Dienstzeit ab, Fenn?«

»Sir, im Mai ’72.«

»Schade, dass Sie uns schon verlassen wollen, Fenn. Das Corps braucht gute Männer wie Sie.«

»Ja, Sir«, erwiderte Donny und fragte sich, ob ... nein, nein, es konnte kein Rekrutierungsversuch sein. Der NIS war das eigene kleine FBI der Navy und des Corps. Die ermittelten, rekrutierten aber nicht. »Ich bin verlobt. Ich hab schon den Bescheid bekommen, dass ich wieder an die University of Arizona gehen kann.«

»Was werden Sie studieren?«, erkundigte sich der Commander.

»Sir, ich glaube, ich werde vorbereitende Kurse für Jura belegen.«

»Wissen Sie, Fenn, wahrscheinlich sind Sie bei Ihrer Entlassung Corporal. Im Corps ist es schwer, einen hohen Dienstgrad zu erreichen, weil es so klein ist und es einfach nicht so viele freie Posten gibt, unabhängig von Talent und Einsatzbereitschaft.«

»Ja, Sir.«

»Nur ungefähr acht Prozent der für vier Jahre Verpflichteten haben am Ende einen höheren Dienstgrad als Corporal. Also Sergeant oder höher.«

»Ja, Sir.«

»Fenn, stellen Sie sich vor, wie hilfreich es für Ihre Jura-Karriere wäre, wenn Sie Sergeant wären. Damit gehörten Sie einer Gruppe von unglaublich wenigen Männern an, die das erreicht haben. Sie wären dann wahrhaft Teil einer Elite.«

»Äh ...« Donny wusste kaum, was er darauf antworten sollte.

»Diese Offiziere hier bieten Ihnen eine enorme Chance, Fenn«, fuhr Captain Dogwood fort. »Sie sollten sich anhören, was sie zu sagen haben.«

»Ja, Sir.«

»Corporal Fenn, wir haben ein Leck. Ein schlimmes Leck. Wir wollen, dass Sie es stopfen.«

»Ein Leck, Sir?«

»Ja. Sie wissen sicher, dass wir Informanten in den meisten großen Friedensbewegungen eingeschleust haben. Und Sie kennen die Gerüchte, wonach diese am May Day versuchen wollen, die Stadt zum Stillstand zu bringen. Sie wollen den Krieg beenden, indem sie den Kern des Getriebes lahmlegen.«

Solche Gerüchte schwirrten überall herum. Der Weather Underground, die Black Panthers, das SNCC, sie alle wollten Washington auf die Knie zwingen, das Pentagon zum Schweben bringen oder es unter Rosenblüten begraben, in die Waffenkammern einbrechen und den bewaffneten Aufstand proben. Das führte dazu, dass die Bravo Company sich ständig in Alarmbereitschaft befand und niemand wirklich Freizeit hatte.

»Hab davon gehört.« Seine Freundin wollte ihn am May-Day-Wochenende hier besuchen. Eine tolle Sache, sie endlich mal wiederzusehen, ohne im Bereitschaftsdienst zu sein oder, noch schlimmer, in irgendeinem Gebäude in der Nähe des Weißen Hauses unter einem Schreibtisch übernachten zu müssen.

»Tja, das Gerede ist wahr. May Day. Der kommunistische Feiertag. Die planen die größte Mobilmachung seit Beginn des Krieges. Die haben wirklich vor, uns lahmzulegen, und zwar dauerhaft.«

»Ja, Sir.«

»Unser Job ist ganz einfach«, fuhr Lieutenant Commander Bonson fort. »Er besteht darin, diese Leute aufzuhalten.«

Seine Stimme klang wild entschlossen, zitterte sogar ein wenig. In seinen Augen brannte eine altmodische Iwojima-Kampflust. Gleichzeitig kam Donny nicht umhin, zu bemerken, dass an seiner kakifarbenen Uniform kein Abzeichen für den Dienst in Vietnam prangte.

»Erinnern Sie sich noch an November?«, fragte Bonson.

»Ja, Sir«, antwortete Donny, und er erinnerte sich tatsächlich. Es hatte sich in seinem Gedächtnis festgesetzt, nicht die komplette Angelegenheit, aber ein bestimmter, aberwitziger Moment.

Es war spät gewesen, beinahe 24 Uhr, Mitternacht in der amerikanischen Volksseele. Die Marines der Bravo Company hatten in voller Kampfausrüstung der Reihe nach das ans Weiße Haus angrenzende Finanzministerium betreten. Sie hatten die Aufgabe gehabt, es am nächsten Morgen zu beschützen, in einer Stadt, in der 200.000 wütende Jugendliche auf der National Mall campierten. Ein knochentrockener Mond schien am Nachthimmel. Das Wetter war frisch, aber noch nicht unerträglich. Die Marines stiegen aus den Trucks, hielten ihre M14-Gewehre hochkant vor der Brust. Die Bajonette waren aufgepflanzt, aber noch in ihren Metallscheiden.

Während Donny seine Männer damals nach unten zum Eingang führte, bemerkte er ein Licht und blickte auf. Am Ende der Rampe befanden sich Stützpfeiler aus Ziegelsteinen, die zwischen dem ach so weißen Weißen Haus auf der linken und dem ach so dunklen Finanzministerium auf der rechten Seite einen Ausblick auf die Pennsylvania Avenue boten. Dort hatten die Planer des Kreuzzugs für den Frieden eine stille Mahnwache bei Kerzenschein organisiert.

Eine Reihe junger Amerikaner schleppte also Gewehre in ein Regierungsgebäude, Helme auf dem Kopf und 15 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken, während sechs oder sieben Meter höher, in einem perfekten rechten Winkel zu ihnen, eine andere Reihe junger Amerikaner mit Kerzen in den Händen die verlassene Straße entlangschritt, deren seltsam flackerndes Licht auf ihre zarten Gesichter fiel. In diesem Moment begriff Donny: Egal was die feurigen Berufssoldaten oder die Friedensschreihälse behaupten mochten, diese beiden Gruppen ähnelten sich unheimlich.

»Ja, Sir«, erwiderte Donny. »Ich erinnere mich.«

»Wussten Sie, Corporal, dass Radikale die Bewegungen genau einer Einheit, nämlich Kompanie B von den Marine Barracks, beobachtet haben? Dass ein Washingtoner Polizist nur durch eine Verkettung von Zufällen eine Bombe entdeckte, die die Telefonverbindung zum Finanzministerium kappen und dadurch die B-Kompanie unerreichbar machen sollte, womit das Weiße Haus und der Präsident schutzlos gewesen wären? Stellen Sie sich das vor, Corporal. Schutzlos!«

Es schien ihm einen merkwürdigen Kick zu geben, schutzlos zu sagen. Seine Nasenflügel blähten sich, seine Augen flackerten.

Donny hatte keine Ahnung, was er darauf entgegnen sollte. Er hatte nichts von einer Bombe an einer Telefonleitung gehört.

»Woher wussten die, dass Sie dort waren? Woher wussten die, dass Sie sich genau dort aufhalten?«, bohrte der Lieutenant Commander nach.

Donny fiel ein: Es gab zwei Gebäude neben dem Weißen Haus. Das eine war das Executive Office Building, das andere das Finanzministerium. Wenn man vorhatte, Soldaten zu stationieren, lag es doch nahe, sie in einem dieser beiden Bauten unterzubringen? Wo sollten sie denn sonst hin?

»Ich weiß nicht ...«, stammelte er und hätte beinahe durch einen heftigen Lachanfall seine Karriere beendet.

»In diesem Moment hat mein Team angefangen zu ermitteln. In diesem Moment wurde der NIS mit diesem Fall betraut«, verkündete der Lieutenant Commander.

»Ja, Sir.«

»Wir haben ausführliche Hintergrundchecks für jeden in den drei Kompanien der Marine Barracks durchgeführt. Und wir glauben, dass wir unseren Mann gefunden haben.«

Donny war sprachlos. Dann wurde er langsam wütend.

»Sir, ich dachte, dieser Hintergrundcheck sei bereits erledigt worden, bevor wir in die Einheit kamen.«

»Ja, aber das wird eher salopp gehandhabt. Ein Ermittler führt 100 Sicherheitsüberprüfungen in einer Woche durch. Da entgeht einem schon mal was. Jetzt lassen Sie mich Ihnen mal eine Frage stellen. Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen erzähle, dass ein Mitglied Ihrer Kompanie eine illegale Wohnung abseits der Basis unterhält und dort mit Mitgliedern einer bestens bekannten Friedensinitiative zusammenlebt?«

»Ich weiß nicht, Sir.«

»Ich rede von diesem PFC Edgar M. Crowe.«

Crowe! Natürlich musste es Crowe sein.

Jetzt meldete sich Ensign Weber zu Wort. Er las aus einer Akte vor.

»Crowe unterhält ein Apartment, Nummer 2311 in der C Street, Southwest. Er bewohnt dort ein Zimmer zusammen mit Jeffrey Goldenberg, einem graduierten Studenten, der auf dem Mediencampus der Medill Northwestern University in Washington arbeitet. Crowe ist kein gewöhnlicher Soldat, Fenn. Er hat sein Studium in Yale abgebrochen und ist nur ins Corps gekommen, weil sein Onkel Beziehungen zu einem Abgeordneten unterhält, der sicherstellen konnte, dass er nie nach Vietnam eingezogen wird.«

»Stellen Sie sich das mal vor, Fenn«, fügte Commander Bonson hinzu. »Sie sind da drüben und kriegen fast den Hintern weggeballert, und der ist hier, marschiert bei Paraden mit und gibt Informationen an diese pazifistischen Spinner weiter.«

Crowe, natürlich. Ein ständiger Versager, ein Schlaumeier, ein Clown, der seine wilde Intelligenz hinter dem brennenden Ehrgeiz versteckte, gerade gut genug zu sein, um nicht rausgeschmissen zu werden, aber nicht im eigentlichen Sinne gut.

Trotzdem: Crowe war ein Spinner, noch nicht wirklich erwachsen. Er schien sich darin nicht von den anderen zu unterscheiden. Ein junger Kerl, gerade mal Anfang 20, den die Verführungen und Verwirrungen einer verführerischen, verwirrenden Zeit durcheinanderbrachten.

»Wir kennen Sie, Fenn«, sagte der Lieutenant Commander. »Sie sind der einzige Mann in der Kompanie, der durchgängig den Respekt sowohl der altgedienten Marines, die in Vietnam waren, als auch der jungen Kerle genießt, die nur hier sind, um Vietnam aus dem Weg zu gehen. Alle mögen Sie. Daher haben wir einen Auftrag für Sie. Falls Sie Erfolg haben – und mein militärischer Verstand sagt mir, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt –, wird Ihr Militärdienst in zwölf Tagen vorbei sein und Sie verlassen die Truppe als vollwertiger E-5-Sergeant des United States Marine Corps. Das garantiere ich Ihnen.«

Donny nickte. Die Sache gefiel ihm überhaupt nicht.

»Ich will, dass Sie Crowes neuer bester Freund werden. Sein Kumpel, sein Kamerad, sein Beichtvater. Sie schmeicheln ihm, indem Sie ihm Ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Sie hängen mit ihm herum. Sie gehen zu den Partys, die er mit diesen pazifistischen Spinnern feiert, lernen seine langhaarigen Hippie-Freunde kennen. Besaufen sich mit ihm. Er wird Ihnen Sachen anvertrauen, zunächst nur wenige, im Laufe der Zeit immer mehr. Er wird all seine Geheimnisse ausplaudern. Wahrscheinlich ist er so stolz auf sich und sein kleines Spielchen, dass er es kaum abwarten kann, damit anzugeben und Ihnen zu beweisen, was für ein schlauer Bursche er ist. Besorgen Sie uns genug Material, damit wir gegen ihn vorgehen können, bevor er am May Day die Einheit verrät. Wir werden ihn für sehr lange Zeit nach Portsmouth schicken. Wenn er rauskommt, wird er graue Haare haben.«

Bonson lehnte sich zurück.

Jetzt lagen die Karten auf dem Tisch. Am meisten beschäftigte ihn, was unausgesprochen blieb. Was, wenn er es nicht tat? Was passierte dann mit ihm? Wohin würden sie ihn schicken?

»Ich weiß nicht ... Sir, ich habe keine nachrichtendienstliche Ausbildung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffe.«

»Fenn ist ein äußerst geradliniger Marine«, erklärte Captain Dogwood. »Ein hart arbeitender, hoch motivierter junger Mann. Er ist kein Spion.«

Donny sah, dass diese Einmischung des Captains Lieutenant Commander Bonson ausgesprochen ärgerte. Aber Bonson sagte nichts. Er starrte Donny in dem dunklen Büro nur grimmig an.

»Sie haben zwei Wochen«, meinte er schließlich. »Wir werden Sie beobachten und erwarten jeden zweiten Tag einen Bericht. Es steht viel auf dem Spiel. Viele Menschen zählen auf Sie. Denken Sie an die Ehre der Streitkraft und an Ihre Pflicht Ihrem Land gegenüber.«

Donny schluckte und hasste sich sofort dafür.

»Wissen Sie, hier haben Sie es ziemlich gut«, fuhr Bonson fort, als Donny weiterhin schwieg. »Sie haben ein Zimmer in der Kaserne, nicht bei den Mannschaftsräumen, einen sehr angenehmen Dienstort, einen sehr angenehmen Tagesablauf. Sie sind in Washington, D. C. Es ist Frühling. Sie werden wieder aufs College gehen, als dekorierter Kriegsheld mit allen Vorteilen, die Veteranen haben, außerdem mit einem Bronze Star und einem hohen Dienstgrad. Ich behaupte, nur wenigen jungen Männern in Amerika steht die Welt so offen wie Ihnen.«

»Ja, Sir.«

»Was der Commander damit sagen will«, meldete sich Ensign Weber zu Wort, »ist, dass man Ihnen das alles auch wegnehmen kann. Blitzschnell. Befehle lassen sich ändern. Sie könnten sich in den Reisfeldern in Vietnam abplagen, während Ihnen die Scheiße um die Ohren fliegt. So was hat es schon gegeben. Ein Kerl, dessen Zeit fast abgelaufen ist, wird plötzlich zu einem extrem gefährlichen Kampfeinsatz abkommandiert. Tja, Sie kennen ja die Geschichten. Er hatte noch einen Tag vor sich und fing sich ’ne Kugel ein. Briefe an seine Mutter, Berichte in der Zeitung, wie schrecklich das alles ist. Der größte Pechvogel der Welt, dieser arme Kerl. Aber manchmal kommt so was eben vor.«

Es wurde wieder still im Raum.

Donny wollte nicht nach Vietnam zurück. Er hatte seine Zeit dort abgeleistet, war angeschossen worden. Er erinnerte sich an die Angst, die er verspürt hatte, an die schier unermessliche, atemberaubende Dichte dieser Angst, als zum ersten Mal Granaten um ihn herum explodierten. Er hasste dieses Elend, diese Verschwendung, das mörderische Element. Er hasste die Vorstellung, das wahre Leben so dicht vor sich zu sehen, nur um es zu verlieren. Er hasste die Aussicht, Julie nie, nie wiederzusehen. Er stellte sich vor, wie irgendein Friedensapostel sie tröstete, wenn er nicht mehr da war, und er wusste, wie die Sache ausgehen würde.

Fast unmerklich nickte er.

»Großartig«, lobte Bonson. »Sie haben die richtige Entscheidung getroffen.«

Kapitel 2

Er stand vor dem Haus und kam sich wie ein Idiot vor. Dröhnende Rockmusik plärrte aus dem Inneren. Da drin war es laut, voll und auf Party getrimmt. Er fühlte sich unglaublich dumm.

Er machte kehrt. Im Ford, der auf der anderen Seite der C Street parkte, saß Ensign Weber. Dieser nickte ihm ermutigend zu und machte eine kleine, wackelnde Kopfbewegung, als wolle er sagen: Mach schon, geh an die Arbeit, verdammt noch mal.

Donny stand vor dem Hawk and Dove, einer berühmt-berüchtigten Kneipe am Capitol Hill, in der sich die jungen Männer und Frauen, die den Krieg führten, gegen ihn protestierten oder über ihn Buch führten, nach 18 Uhr trafen, wenn die Beamten Washingtons Feierabend machten – abgesehen von ein paar alten Männern in isolierten Büros, die auf die neuesten Meldungen über Luftangriffe oder aktuelle Opferzahlen warteten.

Es war eine schöne Nacht mit gemäßigten, milden Temperaturen. Donny trug eine abgeschnittene Hose, Jack Purcells und ein Madras-Hemd, genau wie die Hälfte der jungen Leute, die in dem Laden verschwunden waren, seit er hier wartete. Aber anders als bei ihnen standen seine Ohren ab und er hatte nur wenige Haare auf dem Kopf. Alles an ihm verriet, dass man es mit einem Marine zu tun hatte.

Aber das Hawk and Dove war der Schuppen, in dem PFC Crowe abzuhängen pflegte, also hatte man ihn eben dorthin geschickt.

Herrgott!, fluchte Donny innerlich. Er schaute zurück zu Weber und sah ihn erneut die Wackelbewegung mit dem Kopf machen.

Er drehte sich um und stürmte hinein.

Wie er erwartet hatte, war die Kneipe dunkel, eng und voll. Rockmusik hämmerte aus den Boxen. Es klang nach Buffalo Springfield: ›There’s a man with a gun over there, what it is ain’t exactly clear‹ ... so was in der Art. Der Song kam Donny vage bekannt vor.

Alle rauchten, es wurde viel geflirtet. Das Versprechen von Sex hing in der Luft, während sie sich in der Dunkelheit gegenseitig abcheckten, die hübschen, jungen Mädchen vom Hill, die schlanken, jungen Männer vom Hill. Fast alle Kerle hatten wuschelige Haare. Aber hier und da registrierte Donny ›weiße Wände‹ oder zumindest einen militärischen Kurzhaarschnitt. Es gab trotzdem kaum Spannungen. Alle schienen das Thema einfach ruhen zu lassen, legten es draußen vor der Tür ab und setzten stattdessen auf eine anständige Portion Gemeinschaftsgefühl. Die Jungen mussten den mörderischen, besitzergreifenden Alten im Hawk and Dove nichts beweisen.

Donny drängte durch die Menge zur Bar, bestellte ein Bud, schob einen Dollar über den Tresen und dachte an das, was sie ihm gesagt hatten: »Behalten Sie alle Rechnungen. Sie kriegen Ihre Spesen erstattet. Unser Büro wird die Kosten übernehmen. Aber trinken Sie nichts Hartes. Bonson wird ausflippen, wenn Sie anfangen, Pinch zu saufen.«

»Ich weiß nicht mal, wie Pinch schmeckt«, hatte Donny erwidert. »Vielleicht wär’s mal an der Zeit, es rauszufinden.«

»Ganz klar nein«, warnte Weber.

Donny nippte an seinem Bier. Neben ihm führte ein Kerl gerade einen verbitterten Streit mit einem Mädchen. Eine dieser leisen, gemurmelten Auseinandersetzungen, aber trotzdem sehr heftig. Der Junge schimpfte ständig im Flüsterton: »Du blöde Kuh. Du bist so eine unglaublich blöde Kuh. Wie konntest du ihn das tun lassen? Ihn! Wie konntest du nur? Du blöde Kuh.«

Das Mädchen starrte bloß geradeaus und rauchte.

Die Zeit verging. Seine Anweisungen waren eindeutig. Er sollte nicht auf Crowe zugehen. Das wäre ein Fehler. Früher oder später bemerkte Crowe ihn und dann entwickelte sich alles von selbst. Wenn er sich Crowe aufdrängte, verurteilte er die Sache zum Scheitern.

Donny bestellte noch ein Bier und schaute auf die Uhr. Er checkte die Lage. Es gab hier einige attraktive Mädchen, aber keine war so cool wie Julie, mit der er verlobt war. Mann!, entschied er lächelnd, ich hab doch immer noch die Beste.

Ein typischer Der-Football-Star-geht-mit-der-Cheerleaderin-Gedanke, aber das traf es nicht ganz. Okay, sie war eine Cheerleaderin. Aber er machte sich nichts aus Football und sie hatte auch nicht viel für das Cheerleading übrig. Tatsächlich hatte man sie an der Pima County High School mehr oder weniger zwangsweise miteinander verkuppelt. Schnell waren sie zu dem Schluss gelangt, sich nicht besonders zu mögen, und hatten sich getrennt. Aber nachdem sie mit anderen Leuten um die Häuser gezogen waren, fingen sie doch an, einander zu vermissen. Eines Nachts hatten sie ein Double Date, er mit Peggy Martin, Julies bester Freundin, und sie mit Mike Willis, seinem besten Freund. Und in dieser Nacht fanden sie endgültig zusammen. Im dritten High-School-Jahr.

Zu dieser Zeit war der Krieg noch weit weg gewesen, nur etwas, das man im Fernsehen sah. Feuergefechte an Orten wie Biên Hòa und Khao I Dang, von denen er vorher nie gehört hatte. Das Napalm schwebte aus den Phantoms herab und ging über dem Blätterdach des Dschungels in Form großer Feuerschlieren nieder. Es bedeutete nichts. Donny und Julie konnten in diesem Jahr nicht voneinander lassen. Sie waren unzertrennlich. Er hielt es für den besten Sommer seines Lebens, aber das vierte High-School-Jahr wurde sogar noch besser. In der Southwest Counties League erzielte er die beste Yardzahl aller Spieler, im Durchschnitt fast 200 pro Spiel. Er war groß und schnell. Julie war schön, aber vor allem nett, auf ihre ganz eigene Art. Unglaublich nett. Und ... gut. Ein anderes Wort kam ihm nicht in den Sinn, um sie zu beschreiben, obwohl es ziemlich blöd klang.

»Du meine Güte!«

Donny spürte eine Hand auf seiner Schulter, als jemand ihm diese Wörter ins Ohr schrie. Er drehte sich um.

»Was zum Teufel machst du denn hier?«

Crowe, wer sonst? In Jeans und einem Arbeitshemd, das ihn sehr proletarisch aussehen ließ. Er trug – wo um Himmels willen hatte er den bloß aufgetrieben? – einen Boonie Hat in Tarnfarben, um seinen kahl rasierten Schädel zu verbergen. In der Linken balancierte er ein Bier. Drei andere junge Männer, die genau wie er aussahen, begleiteten ihn. Der einzige Unterschied waren ihre langen Haare. Sie erinnerten ihn an Jesus-Double.

»Crowe«, grüßte Donny.

»Wusste gar nicht, dass du in solche Läden gehst.«

»Der Laden ist so gut wie jeder andere. Hier gibt’s Bier. Scheiße, was brauch ich denn sonst?«, gab Donny zurück.

»Das ist mein Corporal«, wandte Crowe sich an seine Kumpel. »Er ist ein waschechter USMC-Held. Er hat Leute getötet. Aber er ist ein guter Mensch. Er hat mich heute nur 25 Liegestütze machen lassen statt 50.«

»Crowe, wenn du deinen Scheiß mal lernen würdest, müsstest du gar keine machen.«

»Aber dann wär ich ’n Kollaborateur.«

»Ach so, verstehe. Beerdigungen vermasseln gehört zu deinem Guerillakrieg gegen die trauernden Mütter Amerikas.«

»Nee, nee, ich mach bloß Witze. Aber das Komische ist, ich kann links und rechts nicht unterscheiden. Krieg ich einfach nicht hin.«

»Im Marine Corps heißt das Backbord und Steuerbord«, korrigierte ihn Donny.

»Die kann ich auch nicht unterscheiden. Na ja, egal. Willst du mitkommen? Den Jungs hier was über Vietnam erzählen?«

»Ach, das wollen die doch gar nicht hören.«

»Doch, doch«, sagte einer der anderen. »Mann, das muss ganz schön übel zugehen da drüben.«

»Er hat ’nen Bronze Star bekommen«, verkündete Crowe mit überraschendem Stolz in der Stimme. »Er ist ein Held.«

»Ich hab scheißviel Glück gehabt, dass ich nicht draufgegangen bin«, widersprach Donny. »Nein, keine Kriegsgeschichten. Tut mir leid.«

»Hör mal, wir gehen zu ’ner Party. Wir kennen diesen Kerl, der ’ne große Fete schmeißt. Willst du mitkommen, Corporal?«

»Crowe, nenn mich Donny, wenn wir nicht im Dienst sind. Und du bist Ed.«

»Eddie und Donny!«

»Genau.«

»Komm mit, Donny. Da gibt’s ne Menge Mädels. Es ist drüben an der C, in der Nähe vom Supreme Court. Der Typ ist Justizbeamter. Hat mit meinem großen Bruder in Harvard studiert. Mehr Muschis auf einem Haufen, als du je gesehen hast.«

»Du solltest mitkommen, Donny«, schaltete einer der anderen Jungen sich ein. Donny erkannte, dass die Helden-Geschichte die politischen Differenzen überbrückt und diese Kriegshasser irgendwie beeindruckt hatte. Vor ein paar Jahren hatten sie sicher noch John Wayne als Idol verehrt.

»Ich bin verlobt«, gab Donny zu bedenken.

»Man darf doch trotzdem gucken, oder nicht? Gucken lässt sie dich doch?«

»Schätze, schon. Aber fangt mir nicht mit diesem Ho-Chi-Minh-Scheiß an. Ho Chi Minh hat versucht, mich kaltzumachen. Der ist nicht mein Held.«

»So was gibt’s da nicht«, versprach Crowe.

»Trig wird ihn mögen«, sagte einer der Jungen.

»Trig wird ’n Hippie aus ihm machen«, fügte der andere hinzu.

»Wer ist Trig?«, wollte Donny wissen.

Sie mussten nicht weit laufen. Draußen zauberte einer der Kerle einen Joint hervor und zündete ihn an. Sie ließen die Kippe kreisen, bis sie bei Donny ankam. Er zögerte einen Augenblick, dann nahm er einen Zug, behielt den Rauch für einen Moment in der Lunge, kämpfte damit. Er hatte das Zeug in Vietnam ein paar Monate lang regelmäßig geraucht, es sich dann aber abgewöhnt. Jetzt zog der vertraute, süße Rauch in seine Lunge und ihm schwirrte der Kopf. Die Welt schien zu leuchten und voller Möglichkeiten zu stecken. Er atmete aus.

Genug, dachte er. Ich brauch nicht noch mehr von dem Scheiß.

Capitol Hill hatte etwas von einer Kleinstadt in Iowa mit all den Laubbäumen, die im Nachtwind raschelten. Durch eine Lücke zwischen den Bäumen geriet plötzlich das Kapitol in Sicht. Die riesige weiße Kuppel wurde von Scheinwerfern angestrahlt und zeichnete sich hell vor dem Nachthimmel ab.

»Die opfern da drin Jungfrauen«, behauptete einer aus der Gruppe. »Für die Kriegsgötter. Jede Nacht. Man kann sie schreien hören.«

Vielleicht lag es am Gras, aber Donny musste unwillkürlich grinsen. Sie opferten tatsächlich Jungfrauen, aber nicht dadrinnen. Sie opferten sie 10.000 Meilen weit entfernt auf Reisfeldern voller Büffelscheiße.

»Donny«, sagte Crowe. »Kannst du ’n Artillerieschlag anfordern? Wir müssen die Bude zerstören, um sie zu retten.«

Vielleicht war es wieder das Gras, das ihn dazu brachte.

»Äh, Schrotflinte Zulu-Drei«, improvisierte er, »ich hab ’nen Einsatzbefehl für Sie, Koordinaten vier-neun-sechs, sechs-fünf-vier bei Alpha sieben-null-zwei-fünf. Hier sind jede Menge Bösewichte, fordere Hotel Echo an, Wirkungsfeuer, bitte.«

»Cool«, staunte einer der anderen. »Was ist denn ›Hotel Echo‹?«

»Marine-Alphabet. H-E. Hochexplosiver Sprengstoff«, erklärte Donny. »Keine Splitter- oder Phosphorgranaten.«

»Scheiße, ist das cool!«, rief der Junge.

Die laute Musik verriet ihnen, dass sie am Veranstaltungsort angekommen waren, noch bevor sie ihn sahen. Wie beim Hawk and Dove dröhnte auch hier psychedelischer Rock in die Nacht hinaus, verdrängte die Dunkelheit und vertrieb den Teufel. Aber drüben hatte er dasselbe Zeug gehört, das war das Komische. Die jungen Marines liebten Rockmusik. Sie begleitete sie überall, und wenn ihre knallharten Unteroffiziere ihnen deswegen nicht das Leben zur Hölle gemacht hätten, wären die Songs sogar bei den Spähpatrouillen gelaufen.

»Ich frag mich, ob Trig hier ist«, überlegte einer.

»Bei Trig weiß man das nie so recht«, meinte Crowe.

»Wer ist Trig?«, wollte Donny erneut wissen.

Die Party unterschied sich nicht von vielen anderen, zu denen Donny an der University of Arizona gegangen war, abgesehen davon, dass die Haare der Leute hier länger wuchsen. Eine bunte Mischung. Die übliche Kneipenszene, nur in kleinere, stickigere Räumlichkeiten gequetscht. Der ekelhaft süßliche Geruch von Gras hing schwer in der Luft. An den Wänden Bilder von Ho und Che. Auf der Toilette gab es, wie Donny später beim Pissen entdeckte, sogar eine NVA-Flagge, allerdings in Schenectady, New York, hergestellt, nicht im vietnamesischen Haiphong. Er verspürte kurzzeitig den Drang, sie zu verbrennen, aber damit hätte er seinen Auftrag mit Sicherheit vermasselt. Außerdem stellte eine Flagge nun wirklich keine Bedrohung dar.

Die Kids waren in seinem Alter, manche jünger. Auch ein paar Typen jenseits der 30 feierten mit. Sie hatten den wilden Langhaar-Look, auf den die Leute in D. C. so standen. Den Haaren nach zu urteilen, waren er und Crowe die einzigen Vertreter der United States Marines, wobei Crowe keinen besonders geeigneten Botschafter abgab. Er erzählte gerade ein paar Leuten die alte Geschichte, wie er es fast geschafft hätte, der Einberufung zu entgehen, indem er bei der Musterung den Psycho gespielt hatte.

»Ich bin also nackt«, schilderte er, »bis auf diesen Cowboyhut. Ich bin sehr höflich, und zuerst sind auch alle sehr höflich zu mir. Ich mach alles mit, was sie von mir wollen. Ich bück mich, ich spreiz die Arschbacken, ich trag meine Unterwäsche in ’nem kleinen Beutel mit mir rum, ich lächle und rede jeden mit ›Sir‹ an. Ich nehm nur nicht meinen Cowboyhut ab. ›Äh, Junge, würd es Ihnen was ausmachen, den Hut abzunehmen?‹ ›Kann ich nicht‹, sag ich. ›Wenn ich meinen Cowboyhut abnehme, sterbe ich.‹

Versteht ihr, es kommt drauf an, dass man höflich bleibt. Wenn man sich irre verhält, wissen die, dass man schauspielert. Nach ’ner kurzen Zeit kommen also Majore und Generäle und Colonels, und alle schreien mich an, dass ich den Cowboyhut abnehmen soll. Ich steh nackt in diesem kleinen Zimmer mit diesen ganzen Leuten, aber ich nehm diesen verfickten Hut nicht ab. Was bin ich für ’n verdammter Held! Was für ’n John Wayne! Die schreien rum, und ich leier immer nur meine Platte runter: ›Wenn ich meinen Cowboyhut abnehme, sterbe ich.‹«

»Dann bist du also nicht eingezogen worden?«

»Na ja, die haben mich erst mal rausgeschmissen. Hat Wochen gedauert, bis sie den Papierkram erledigt hatten, und zu der Zeit hatte mein Onkel schon ’nen Deal mit irgendeinem hohen Tier eingefädelt, dass ich ’n Platz bei den Marines kriege, bei dem ich nicht nach Vietnam muss. Wisst ihr, wenn das alles vorbei ist, werden diese ganzen Anklagen fallen gelassen. Dann kümmert sich da keine Sau mehr drum. Das Ganze wird abgehakt. Deswegen ist jeder, der sich abknallen lässt, ein totaler Trottel. Ich mein, wofür denn?«

Gute Frage, dachte Donny. Wofür? Er versuchte, sich an die Jungs aus seinem Zug in der 1/3 Bravo zu erinnern, die es in den sieben Monaten erwischt hatte. Es fiel ihm schwer. Und wen sollte man mitzählen? Sollte man den Kerl mitzählen, den in Saigon ein Army-Laster überfahren hatte? Vielleicht war das einfach sein Schicksal gewesen. Sonst wäre er unter Umständen an einer Straßenecke in Sheboygan überfahren worden. Zählte man den mit? Donny wusste es nicht.

Aber ganz sicher musste man den Jungen mitzählen – wie hieß er noch gleich? Wie hieß er? –, der auf eine Betty, eine Splittermine, getreten war, die ihm die Brust zerfetzt hatte. Das war der Erste, an den Donny sich erinnerte, in seiner Zeit als absoluter Rookie. Der Kerl lag einfach nur auf dem Rücken. So viel Blut. Leute standen um ihn herum, genau so wie sie es nicht sollten, und er wirkte erstaunlich gelassen, bevor er starb. Hinterher las niemand einen Brief von ihm an seine Mom vor, in dem er schilderte, wie großartig sein Zug gewesen sei und wie sie für die Demokratie kämpften. Sie packten ihn einfach ein und ließen ihn liegen. Er erinnerte sich an das Gesicht, aber nicht an den Namen. Ein etwas speckiger Kerl. Pfannkuchengesicht. Kleine Augen. Kein Bartwuchs. Wie hieß er nur?

Ein anderer wurde von einer Gewehrkugel getroffen. Er schrie und zuckte und brüllte und niemand konnte ihn beruhigen. Er hatte total empört gewirkt. Als ob er das Ganze ausgesprochen unfair fand! Tja, das war es auch. Warum ich?, schien er seine Freunde zu fragen. Warum nicht ihr? Er war dürr und lang, stammte aus Spokane. Redete nicht viel. Hielt immer sein Gewehr sauber. Hatte O-Beine. Wie hieß er nur? Donny musste passen.

Ihm fielen noch ein paar andere ein, aber nicht viele. Donny hatte in keiner großen Schlacht gekämpft oder an bedeutsamen Missionen mit dramatischen Codenamen teilgenommen, über die man etwas in den Nachrichten hörte. Meistens lief er einfach herum, hatte jeden Tag tierisch Angst, in einen Hinterhalt zu geraten oder eine Sprengfalle auszulösen. Davor, dass der ganze Druck einen einfach zusammenklappen ließ. So vieles davon hatte er als langweilig empfunden, so vieles als dreckig, so vieles als entwürdigend. Er wollte nie mehr dorthin zurück. Das wusste er. Mann, wenn man sich so spät noch zurückschicken ließ, jetzt, wo im Zuge der ›Vietnamisierung‹ ständig Einheiten in die normale Welt zurückkehrten, und dabei umkam, war man wirklich ein Trottel.

Unvermittelt rempelte ihn jemand heftig an.

»Oh, tut mir leid«, sagte er und trat einen Schritt zurück.

»Das sollte es auch«, raunte jemand.

Was sollte das denn plötzlich? Da standen drei Kerle, alle etwa so groß wie er. Lange Haare fielen ihnen ins Gesicht, sie trugen helle Stirnbänder, ausgebleichte Jeans und Army-Hemden.

»Du bist das Marine-Arschloch, oder? Der Berufssoldat?«

»Ich bin ein Marine«, gab Donny zurück. »Und wahrscheinlich auch ein Arschloch. Aber kein Berufssoldat.«

Die drei starrten ihn unschlüssig an. In ihren Augen flackerte Hass. Einer von ihnen, der Anführer, schwankte ein wenig. Er umklammerte den Hals einer Ginflasche und hielt sie wie eine Waffe.

»Tja, mein Bruder ist in ’nem kleinen Sack nach Hause gekommen wegen solchen Berufswichsern wie dir«, sagte er.

»Tut mir sehr leid, das mit deinem Bruder.«

»So ’n Berufsarschloch hat ihn in die Kugeln laufen lassen, damit er zum Lieutenant Colonel befördert wird.«

»Dieser Scheiß passiert öfter. Irgendein Blödmann will sich ’n Streifen verdienen, also schickt er seine Leute den Hügel rauf. Er kriegt den Streifen und sie den Leichensack.«