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Sein Spitzname ist Cruise Missile - einmal abgefeuert bewegt er sich vorwärts, bis er sein Ziel trifft … Der Scharfschütze Ray Cruz erhält den Befehl, den afghanischen Warlord Ibrahim Zarzi zu eliminieren. Cruz ist der Beste der Besten in den Reihen des US Marine Corps. Und er hat noch jeden Auftrag erfüllt. Doch in den rauen Bergen Afghanistans geraten Cruz und sein Späher in einen Hinterhalt. Rays Partner stirbt und er selbst kann sich nur wie durch ein Wunder retten. Er bemerkt noch, dass es sich bei den Angreifern nicht um Afghanen, sondern um Amerikaner handelt. Man hat ihn reingelegt … Sechs Monate später meldet sich Ray per Funk mit einer seltsamen Drohung. Ist er abtrünnig geworden, verrückt oder einfach nur außer sich vor Wut? Bob Lee Swagger, die lebende Legende unter den Scharfschützen, wird angeworben, um die »Cruise Missile« zu stoppen, bevor sie ihr Ziel erreicht. Doch je mehr Swagger über die Geschehnisse erfährt, desto mehr identifiziert er sich mit Cruz. Für viele ist Stephen Hunter der beste lebende Thriller-Autor. Stephen King: »Ich liebe die Romane von Stephen Hunter.« Andreas Pflüger: »Stephen Hunters Bob Lee Swagger ist die coolste Socke unter den einsamen Helden.« Nelson DeMille: »Stephen Hunter ist eine Klasse für sich«.
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Seitenzahl: 617
Veröffentlichungsjahr: 2023
Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Dead Zero
erschien 2010 im Verlag Simon & Schuster.
Copyright © 2010 by Stephen Hunter
Copyright © dieser Ausgabe 2023 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Titelbild: Festa Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-98676-059-5
www.Festa-Verlag.de
www.Festa-Action.de
Für Nick Ziolkowski
1982–2004
Im Kampf gefallen im Irak
»Der Scharfschütze von Boys Latin«
Wenn es im Krieg irgendwelchen Ruhm gibt, sollte er einem jungen Mann wie diesem zukommen.
»Und wer sich Allah und Seinem Gesandten widersetzt, gewiss, für ihn wird es das Feuer der Hölle geben, ewig und auf immer darin zu bleiben.«
Koran 72:23
»1. Stift ziehen. Gerät aufrecht halten.
2. Auf den Brandherd zielen. Zurücktreten.
3. Abzug drücken. Von Seite zu Seite schwenken.«
Übliche Bedienungsanleitung für Feuerlöscher erster Teil
Erster Teil
WHISKEY TWO-TWO
Whiskey Two-Two
Provinz Zabul
Südöstliches Afghanistan
9:34 Uhr
Das Bewusstsein kam und ging; der Schmerz war konstant. Es war der Tag nach dem Überfall. Aus der Fleischwunde in Cruz’ rechtem Oberschenkel sickerte immer noch Blut und ein lila-gelber Bluterguss bedeckte die gesamte rechte Seite seines Körpers. Der Schmerz war so groß, dass es ihm kaum gelang, sich durch die raue Landschaft zu bewegen, die im grellen Sonnenlicht um ihn immer wieder aufblitzte und verschwand. Aber Ray Cruz, ein Gunnery Sergeant im United States Marine Corps, war einer dieser seltenen Männer mit einer Persönlichkeit aus hartem Metall – unbeugsam, undurchdringlich, unaufhaltsam. Im Bataillon nannte man ihn die Cruise Missile. Einmal abgefeuert, blieb er so lange in Bewegung, bis er das Ziel traf. Da das 2. Reconnaissance Battalion eine Spezialeinheit war, bekam es alle coolen Jobs. Cruz war der Mann für Patrouillensicherung und Beschaffungsaufträge der CIA und außerdem zuständig für die Beseitigung feindlicher Scharfschützen und Sprengsätze. Er führte den Sniper Platoon. Er war immer da, im Schatten auf der Kammlinie oder auf den Dächern eines Dorfs, manchmal mit Spotter, manchmal nicht. Sein Gewehr war ein SR-25, ein Monstrum im Kaliber 308 mit einem fast einen Meter langen Zielfernrohr. Damit sorgte er aus großer Distanz mit elf Gramm schweren Kugeln für das Überleben seiner Leute. Er schoss nie daneben, zählte seine Abschüsse nicht und bildete sich nichts auf sie ein.
Doch jetzt hätte ihn niemand als den erkannt, der er war. Er trug das weite, leicht fließende Stammesgewand der Paschtunen, des Volks der Berge. Er sah aus wie Lawrence von Afghanistan. Sein braunes, bärtiges Gesicht war schmutzverkrustet, seine Lippen rissig. Er trug Sandalen und einen Burnus, der sein Gesicht verdeckte. Kein einziges Kleidungsstück des Militärs. Außerdem hatte er Ziegen bei sich.
Es waren noch 14 von ihnen übrig. Tierliebe ist schön und gut, solange man keine Ziegen hüten muss. Für Teamgeist hatten sie nichts übrig. Sie liefen frei und ungeordnet herum, ganz nach Bedarf oder Laune. Cruz konnte sie nur durch ständiges Geschrei und Schläge mit seinem Stab grob vorwärtstreiben. Immer wenn er mit dem Stab nach ihnen schlug, verlagerte er das Gewicht auf sein verletztes Bein und ein stechender Schmerz schoss bis in seine Eingeweide hinauf. Die Ziegen schissen überallhin, ohne sichtbare Anstrengung und anscheinend, ohne es überhaupt zu bemerken. Sie zogen Fliegenschwärme an. Sie rochen nach Scheiße, Blut, Staub und Pisse. Noch dazu brabbelten sie ständig, weniger ein klassisches Mäh-mäh-mäh, sondern eher ein weinerliches Singsang-Geblöke, wie Kinder auf einer langen Busfahrt. Er hasste sie. Er wollte sie mit dem Gewehr unter seinem Gewand töten, sie essen und nach Hause gehen. Aber er hatte einen gottverdammten Job zu erledigen, und er konnte sich nicht dazu durchringen, diesen Job aufzugeben. Es war weder Willenskraft noch Gewohnheit, es lag ganz sicher auch nicht an irgendeiner Vorstellung von Heldentum, Semper Fi oder Erinnerungen an Iwo, Chosin und Belleau Wood. Es war nur so, dass sein Verstand auf eine Weise organisiert war, die ihn keine Alternativen in Betracht ziehen ließ.
Das Gewehr rutschte unangenehm unter seinen Gewändern hin und her. Es war etwas leichter als sein übliches SR-25, ein von Russen entworfenes und in China hergestelltes Ding namens Dragunow SVD mit einem skelettartigen Holzschaft und einem länglichen Lauf. Es sah ein wenig aus wie ein AK-47, das man mit einem mittelalterlichen Folterinstrument gestreckt hatte. Es war ein Fundstück von einem lange vergessenen Schlachtfeld, dessen Besitzer im Kampf den Kürzeren gezogen hatte. Der Gurt grub sich in seine Schulter, die rauen Oberflächen drückten sich an ihn, wenn es hierhin und dorthin rutschte. Es war ein unhandliches, schweres Ding aus groben, maschinell gefertigten Teilen, hauptsächlich aus Metall, aus dem Knäufe, Bolzen, Knöpfe, Leisten und allerlei anderes hervorragten. Die Waffe war ein Beispiel für die russische Einstellung zu Ergonomie, die sich mit den Worten »Scheiß auf den Benutzer« zusammenfassen ließ. Ein chinesisches Zielfernrohr mit vierfacher Vergrößerung war an der Oberseite befestigt. Es war mit einem merkwürdigen Entfernungsmesser ausgestattet, der wie die Karikatur einer Skisprungschanze aussah. Nur jemand aus den Ostblockstaaten konnte sich so etwas ausgedacht haben. Cruz hasste die Waffe. Aber es war sein Glück, dass er sie hatte. Sie und ein Magazin mit zehn chinesischen Scharfschützenpatronen im Kaliber 7,62 × 54.
Es war alles, was ihm noch geblieben war. Aufgebrochen war er mit einem Spotter, einem reichlichen Vorrat an Essen und Wasser und ohne die Schussverletzung, die ihm fast 200 Gramm Fleisch aus dem Bein gerissen hatte. Der lange Umweg nach Qalat hätte nur drei Tage gedauert. Nach dem Schuss hätten sie noch einen Tag für den Rückzug einplanen müssen. Dann hätte sein Spotter den Funkspruch abgesetzt, ein Night Stalker hätte sie aus dem Gebiet geflogen und sie wären rechtzeitig zu Bier und Steak zurück im Stützpunkt gewesen, der Forward Operating Base Winchester. Der Enthaupter, wie Ibrahim Zarzi, der Warlord der südöstlichen Paschtunenstämme, der Opiumhändler, Prinz, Spion, Charmeur, Verräter, Taliban-Sympathisant und Al-Qaida-Kontaktmann auch genannt wurde, hätte dann längst die Mohnblumen von unten betrachtet.
Aber es war anders gekommen. Die Realität hielt sich selten an den Einsatzplan.
»Warum schicken Sie Männer dorthin, Major?«, hatte Ray den Geheimdienstoffizier S-Two des Bataillons im S-Two-Bunker gefragt. Das Publikum hatte aus dem Commanding Officer, dem Executive Officer und dem Lieutenant des Sniper Platoon bestanden. »Können unsere CIA-Freunde keine Rakete benutzen? Machen die das nicht sonst immer? Warum lassen die nicht irgendeinen Knaben, der gut am Flipperautomaten ist und in einem Anhänger in Las Vegas sitzt, einen Joystick benutzen und den Kerl mit einer Hellfire ausschalten?«
»Ray, ich sollte Ihnen das nicht sagen, aber Sie setzen hier Ihren Arsch aufs Spiel, also haben Sie ein Recht auf diese Information. Die Regierung will mit Raketenangriffen zukünftig sparsamer umgehen. Zu viel Kollateralschaden. Die UNO jammert herum. Das Grundstück von diesem Typen liegt mitten in einem besiedelten Gebiet. Ja, wenn man ihm Hellfires auf den Pelz jagt, schickt man ihn wahrscheinlich zu seinem Gott. Aber man schickt auch 200 andere von den Teppichknüpfern dorthin, und dann packt die New York Times ihre traurigen Violinen aus. Diesen Leuten gefällt das nicht.«
»Okay, Sir. Ich kann ihn erledigen. Ich mache mir nur Sorgen wegen des Rückzugs aus Qalat. Ich will meinen Mann und auch meinen eigenen Arsch da rausbringen. Können wir ein paar Warthogs bereitstellen, um dort aufzuräumen, falls es eng wird? Wir werden nicht genug Feuerkraft haben, um uns den Weg freizuschießen.«
»Ich kann dafür sorgen, dass Sie so bald wie möglich Apaches bekommen. Unsere Apaches. Ich will mich nicht auf die Warthogs von der Air Force verlassen, weil ich dafür durch zu viele Befehlsketten muss und zu viele Leute zustimmen müssen. Das ist kein besonders sicherer Weg.«
Die Marines mochten die Leute von der Air Force, weil ihre A-10-Schlachtschiffe so gut gepanzert waren und die Piloten sich trauten, zu den Marines hinunterzukommen, bevor sie anfingen, alles in die Luft zu jagen und Leute umzubringen. Sie waren der Ansicht, dass ihren eigenen Piloten der Killerinstinkt und auch die Panzerung fehlte, um dicht über dem Boden zu fliegen. Sie blieben weit zurück, schossen Hellfires ab und flogen dann wieder nach Hause, wo sie nach ein paar Martinis im Offiziersclub zwischen sauberen Laken einschliefen. Es gab Gerüchte, dass manche sogar Freundinnen hatten.
Also: keine Warthogs, vielleicht Apaches. Das war alles, und es kam Ray nicht einmal in den Sinn, den Auftrag abzulehnen. Wenn er es nicht tat, machte es jemand anderes, und wer immer dieser Jemand war, er wäre nicht so gut wie Ray.
Es musste erledigt werden. Der Enthaupter verdankte seinen Spitznamen Gerüchten, dass er der Kopf hinter der Entführung eines Journalisten sei, der dieses Schicksal erlitten hatte, nachdem er sich auf eigene Faust in Qalat herumgetrieben hatte, um die Sichtweise der Taliban zu erfahren. Zarzi bereitete den Marines im südöstlichen Einsatzgebiet schon seit Ewigkeiten Probleme. Wenn ein Sprengsatz hochging, während ein Kommandofahrzeug als Teil eines Versorgungskonvois vorbeifuhr, lag es daran, dass die Spione des Enthaupters sich eingeschlichen hatten und wussten, wie man den einen Humvee von 25 erkannte, in dem Offiziere saßen. Wenn eine Patrouille in einen Hinterhalt geriet, eine große Operation in die Wege geleitet werden musste, um sie da herauszuholen, und die feindlichen Schützen auf mysteriöse Weise von der Bildfläche verschwanden, lautete der Verdacht, dass sie sich einfach auf Zarzis Gelände zurückgezogen hatten, das nicht betreten werden durfte. Wenn ein Scharfschütze einen CIA-Planungsoffizier traf, eine Mörsergranate oder Panzerabwehrgranate so nahe detonierte, dass es kein Zufall sein konnte, oder wenn ein afghanischer Verbindungsoffizier mit durchgeschnittener Kehle gefunden wurde, deutete alles auf den Enthaupter hin. In jeder anderen Hinsicht war er ein wunderbarer Mann, ein charmanter, gut aussehender, gebildeter Kerl (Oxford, University of Iowa), der über tadellose Tischmanieren verfügte. Wenn er Amerikaner, darunter auch hochrangige Marine-Corps-Offiziere, in sein Haus einlud, brach er kühn die islamischen Gesetze, indem er sie in einen Schnapsraum führte, in dem ein ausgezeichneter Barkeeper ihnen jeden Drink mixte, den sie sich vorstellen konnten, mit einem kleinen Papierschirmchen darin.
»Ich will den Kerl tot sehen«, sagte der Colonel. »Ich musste das Oberkommando und die CIA erst überzeugen, damit der Abschuss autorisiert wurde. Ray, ich würde liebend gern auf den Knopf drücken und zuschauen, wie die Computer-Kids ihn erledigen, aber dazu wird es nicht kommen. Sie müssen reingehen, ihn mit einem Gewehr kaltmachen und wieder rausgehen.«
»Kapiert«, erwiderte Ray.
Der Schuss musste vom Dach des Many-Pleasures-Hotels abgefeuert werden, das dem Grundstück des Enthaupters gegenüberlag. Zumindest einmal in der Woche war der Mann berechenbar. Jeden Dienstag in der Abenddämmerung verließ er sein Gelände in einem gepanzerten Humvee und fuhr ins Houri-Viertel. Dort besuchte er eine nette junge Prostituierte namens Mindi, die über Mandelaugen, Haare in der Farbe der Nacht sowie über gewisse Fähigkeiten verfügte, die jede Vorstellungskraft überstiegen. Warum nahm er sie nicht einfach bei sich auf? Nun, das war Konkubinenpolitik. Er hatte drei Frauen und 21 Kinder. Seine erste und seine dritte Frau hassten einander; seine zweite Konkubine intrigierte gegen seine erste; alle Frauen versuchten unablässig, ihn zu einer Reise nach Beverly Hills zu bewegen, und hätte er Mindi diesem Gebräu hinzugefügt, wäre auch noch der letzte Rest häuslichen Friedens dahin gewesen. Daher war man der Ansicht, dass nicht nur ihre sexuellen Fertigkeiten, sondern auch die Tatsache, dass sie taubstumm war, dem großen Mann einen Frieden und eine Ruhe schenkten, die er in seinem eigenen hektischen Zuhause vergeblich suchte.
Jeden Dienstag in der Abenddämmerung marschierte er von seinem Haus zum Fahrzeug und legte dabei eine Entfernung von etwa zehn Metern zurück. Dann und nur dann konnte ein Schuss ihn treffen. Wenn Ray einen Schalldämpfer benutzte und aus einer Distanz von etwas mehr als 200 Metern feuerte, aus einem Winkel, aus dem er noch an der Mauer vorbei sein Ziel anvisieren konnte, wäre es ein Leichtes für ihn, den Enthaupter innerhalb des Fünf-Sekunden-Zeitfensters mit einer chinesischen Scharfschützenkugel zu erwischen. Chaos würde ausbrechen, und die Milizionäre, die als Personenschützer agierten, hätten keine Ahnung, woher der Schuss gekommen war. Mit Sicherheit würden sie wild durch die Gegend feuern, um den Feind in die Deckung zu treiben. Ray und sein Spotter würden sich vom Many Pleasures Hotel zurückziehen, sich vom Dach abseilen und sich in das überfüllte Houri-Viertel ein paar Straßen weiter begeben, wo sie untertauchen würden. Sie wären dort nur zwei weitere anonyme, bärtige Männer in einer Stadt, die zum Platzen voll mit solchen Männern war. In der folgenden Nacht würden sie ihren Rückzug aus der Stadt antreten und zu einem bestimmten Hügel acht Kilometer weiter südlich aufbrechen, wo sie darauf warten würden, dass der Night Stalker sie aufsammelte.
»Hört sich einfach an«, sagte S-Two. »Wird’s aber nicht sein.«
Am ersten Tag waren Ray und Skelton auf dem Höhenweg an ein paar Taliban-Patrouillen vorbeigekommen, hatten aber kein Interesse bei diesen vorsichtigen Kämpfern geweckt, deren Augen daran gewöhnt waren, in der Ferne nach den digitalen Sand-und-Spinat-Tarnmustern der Marine-Corps-Soldaten Ausschau zu halten. Die Talis sahen ständig Ziegenhirten, und obwohl diese beiden noch ein wenig heruntergekommener aussahen als die meisten anderen, fiel es ihnen nicht auf. Sie hatten sich im Tempo der Ziegen bewegt, ohne Eile, auch ohne erkennbare Richtung, und hatten die drahtigen kleinen Tiere fressen, scheißen und ficken lassen, wie es ihren Ziegenhirnen angemessen schien. Dennoch schlenderten sie grob in die Richtung des großen Markts in Qalat, wo sie ihre 35 Schätzchen als Schlachtvieh verkaufen konnten.
Es gehörte zum Sicherheitsprotokoll von Whiskey Two-Two, dass sie Dörfer mieden, ohne Lagerfeuer schliefen, Reisbällchen und ungesäuertes, trockenes Brot aßen, sich die Hände an den Hosen abwischten und ohne Toilettenpapier scheißen gingen.
»Ist genau wie im Sigma-Chi-Haus«, sagte Lance Corporal Skelton, während sie auf einen Hügel stiegen und einen tückischen Pfad auf der anderen Hangseite betraten.
»Bloß dass man sich nicht so oft einen runterholt«, gab Ray zurück.
»Ich weiß ja nicht, wie das bei dir ist, Ray, aber ich muss gar nicht so viel wichsen. Ich hatte gestern Nacht eine echt gute Zeit mit der blonden Ziege da. Ist ’ne richtige Prinzessin.«
»Sei nächstes Mal leiser. Könnten Feinde in der Nähe sein.«
»Die stöhnt ganz schön, was? Mann, ich hab’s echt drauf, ich hab’s ihr ordentlich besorgt, oder?«
Die beiden Männer lachten. Lance Corporal Skelton trug unter seinen Gewändern und Westen zwar kein chinesisches Scharfschützengewehr, aber dafür ein viereinhalb Kilogramm schweres HF-90M-Ultralight-Funkgerät, ein M4 mit ACOG-Zieloptik, zehn Magazine und einen Koffer, in dem sich ein Schmidt-&-Bender-35X-Zielfernrohr befand. Mit all dem Zeug im Gepäck bewegte er sich wie eine alte Dame.
Sie befanden sich auf der Hochebene und gingen in nördlicher Richtung. Vor ihnen erhoben sich die Berge Pakistans hinter der unsichtbaren Landesgrenze. Sie waren in Schnee, manchmal in Nebel gehüllt. Ein weiteres Stammesgebiet, das ein Amerikaner nicht betreten konnte, ohne befürchten zu müssen, gefangen genommen und exekutiert zu werden. Das Gelände war felsig und schroff, gespickt mit wachsartigen, zähen, grauen Pflanzen. Überall lagen Felsbrocken und hinter jedem Hügel lag eine neue Landschaft voller versteckter Gefälle und Deckungen. Alles war braun-grau und mit Staub oder Sand bedeckt. Sie befanden sich genau dort, wo die Hochebene langsam ins Vorgebirge überging. Es war eine einsame Gegend. Dennoch wussten sie natürlich, dass sie beobachtet wurden, und rechneten immer damit, dass irgendein Taliban sie durch das Zielfernrohr eines Dragunows oder durch ein schickes russisches Fernglas betrachtete. Also ließen sie den typisch amerikanischen Jock-Quatsch sein, zu dem junge, athletische Kerle neigten, machten keine Luftsprünge, warfen sich keine imaginären Bälle zu und veranstalteten keine Wettläufe. Keine Mittelfinger, keine pseudowitzigen Fuck Yous, keine übermäßige Hygiene, kein Eingeständnis, dass Dinge wie Keime existierten oder Allah irgendetwas anderes als der höchste Gott war. Auf ihren Gebetsmatten beteten sie fünfmal täglich nach Mekka. Man wusste nie, wer gerade zusah.
Und natürlich lauerte irgendwo über ihnen entweder ein Satellit oder, was wahrscheinlicher war, eine auf Aufklärung programmierte Predator-Drohne, die mit einem winzigen, hochgezüchteten Motor auf den Windböen ritt. Wahrscheinlich waren sie gerade bei jedem Geheimdienst der freien Welt live und in Farbe auf den Monitoren zu sehen. Es war wie ein Auftritt bei Jay Leno, abgesehen davon, dass sie sich in Afghanistan befanden. Daher lautete ein weiterer Scharfschützengrundsatz: Schau nicht nach oben. Schau nicht in den Himmel, als ob da oben irgendjemand wäre, der dich beobachtet.
2. Recon Battalion, Hauptquartier
FOB Winchester
Provinz Zabul
Südöstliches Afghanistan
15:56 Uhr
Ein paar Tage vorher
»Ich hätte nicht gedacht, dass das so lange dauert«, sagte der Colonel.
»Sir, das ist raues Gelände«, erwiderte sein Executive Officer. »Sehr raues Gelände. Dazu noch die Ziegen. Sie scheinen Probleme mit ihnen zu haben. Vielleicht war das mit den Ziegen ein Fehler.«
»S-Two, sind sie noch im Zeitplan?«
»Mehr oder weniger«, bestätigte der Geheimdienstoffizier. »Dieser Ziegenmarkt ist seit mehr als 3000 Jahren da. Ich glaube nicht, dass der von heute auf morgen verschwinden wird.«
Der Colonel verdrehte die Augen in Richtung des Executive Officers. Was war nur immer mit diesen Geheimdienstleuten los? Immer diese Ich wäre nicht beim Geheimdienst, wenn ich nicht schlau wäre-Attitüde. Und was noch schlimmer war, dieser hier hatte seinen Abschluss in Annapolis gemacht und schien überzeugt, dass seine Karriere geradewegs auf den Kommandantenposten zusteuerte.
»Es geht nicht um den Markt, S-Two. Es geht um den Dienstagsschuss. Wenn sie den versauen, müssen sie noch eine volle Woche undercover in dieser Ziegenstadt bleiben. Wenn die auch nur einen Fehler machen, werden sie geschnappt und der Enthaupter kann seine Lieblingsmethode anwenden.«
»Ja, Sir«, sagte S-Two. »Ich meinte nur …«
»Ich weiß, S-Two. Ich hacke bloß auf Ihnen rum, weil ich eine Panikattacke kriege, wenn ich niemanden anmotze.«
Colonel Laidlaw stand im S-Two-Bunker hinter den vielen Kilometern Stacheldraht und den Sandsäcken der Basis. Er hatte drei Patrouillen losgeschickt, und das Gerücht ging um, dass das ganze Bataillon irgendwann im nächsten Monat einen Großangriff durchführen würde. Zu viele seiner Männer hatten Malaria, zu viele waren in psychologischer Behandlung, zu viele im Fronturlaub. Die Bataillonsstärke lag bei etwa 60 Prozent, und Aufklärungsbataillone waren ohnehin schon kleiner als Kampfbataillone. Nichts funktionierte. Einer seiner Offiziere legte bedenkliche Anzeichen einer Depression an den Tag, und es würde ein politischer Albtraum sein, ihn zu ersetzen. Die Informationen von der CIA kamen immer zu spät und waren schlecht, und nun hatte er auch noch zwei seiner besten Leute auf eine riskante Mission geschickt. Mit anderen Worten: eine mehr oder weniger normale Situation für kämpfende Truppen.
Er zündete sich die gefühlt 315. Zigarette an. Sie schmeckte genauso beschissen, wie Nummer 233 bis 314 geschmeckt hatten. Er verfolgte das Geschehen auf dem Monitor vor ihm. Es war die Einheit Whiskey Two-Two, gesehen aus einer Höhe von 600 Metern; allerdings stellte diese Höhe bereits eine Vergrößerung dar. Tatsächlich war der Vogel 35 Kilometer weit oben und rotierte langsam in einer niedrigen Erdumlaufbahn unter der Kontrolle der Genies in Langley. Er war mit Kameras ausgestattet, die eine Auflösung hatten, die noch vor wenigen Jahren fast unvorstellbar gewesen wäre. Sie hätten wahrscheinlich sogar erkannt, ob der Enthaupter von beiden Seiten angebratene oder pochierte Eier bevorzugte.
Was Laidlaw und die Stabsmitglieder aus einem Null-Grad-Winkel in der Höhe durch den wehenden Staub und die summenden Schwärme winziger, stechender, aber unsichtbarer Dschihad-Insekten erblickten, war eine dunkle Welle, die ein Bergkamm war, der diagonal über den Bildschirm verlief. Auf dem Kamm war eine winzige, fast ameisenartige Bewegung zu erkennen, die auf Leben schließen ließ. Sie blieb immer unter dem weißen, leuchtenden Kreuz in der Mitte. Eine ganze Menge nichtssagender Zahlen – Laidlaw kannte sich nicht mit Technik aus – bewegten sich über Seitenrand, Oberseite und Unterseite des Bilds, und es dauerte eine Weile, sich daran zu gewöhnen. Ein Kompass schwebte über dem Bild und zeigte die Richtung an. Mit etwas Übung gewöhnte man sich an die Stilisierungen des Systems, die Null-Grad-Verkleinerung, die braun-schwarz-graue Farbgebung, die Staubfahnen, die hierhin und dorthin wehten, all die störenden digitalen Zahlen und Indikatoren. Man lernte, den Unterschied zwischen den beiden Marines und den längeren, beweglicheren Umrissen der Ziegen zu erkennen, die hierhin und dorthin strömten.
»Wie lange noch?«, fragte der Colonel. Er meinte damit: Wie lange würde es noch dauern, bis der Satellit seinen Weg um die Erde fortsetzte und Whiskey Two-Two für die nächsten 24 Stunden nicht mehr sichtbar war?
»Nur noch etwa zehn Minuten, Sir«, antwortete S-Two. »Dann sind sie weg.«
Sie wussten, dass diese halb abstrakten Umrisse auf dem großen Monitor die Männer von Whiskey Two-Two waren und nicht etwa eine Gruppe tatsächlicher Ziegenhirten, weil das Kreuz immer über ihnen lag und die Kamera ihnen folgte. Das lag an der Anwesenheit eines GPS-Chips und eines Miniatursenders im Griff von Cruz’ SVD. Die Satelliten sagten dem Chip, wo er war, und der Sender verkündete der Welt, was der Satellit dem Chip mitteilte. Das machte die schwere Aufgabe der Zielerfassung und -identifikation einfacher, und es bedeutete, dass der Satellit die Männer immer im Blick behalten konnte, wenn er in Reichweite war. Aber Whiskey Two-Two wusste nichts davon, und dieser Umstand sorgte dafür, dass es sowohl S-Two als auch Colonel Laidlaw etwas unbehaglich zumute war. Letzten Endes bedeutete es, dass sie ihren Leuten ohne deren Einwilligung nachspionierten, als hätten sie Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit. Der Colonel rechtfertigte es vor sich selbst mit dem Argument, dass diese Überwachung nötig war, falls ein Notfall eintrat und eine Evakuierung stattfinden musste, Lance Corporal Skelton verwundet oder getötet wurde und seine Koordinaten nicht mehr über Funk durchgeben konnte. Falls Whiskey in eine Schießerei geriet, konnten sie die Air Force Warthogs rufen, die das Gebiet mit Splittergranaten und 30-Millimeter-Geschossen überziehen sowie die Marine-Corps-Flieger für die Evakuierung zum Ziel leiten würden.
»Wer ist das?«, fragte jemand.
»Hmm«, machte S-Two.
»Wer, was, mehr Informationen bitte«, drängte Colonel Laidlaw.
»Sir, vor ihnen auf derselben Achse, ein Stück weiter hinten auf der Hügelkuppe. Ich schätze, etwa 800 Meter westlich, das heißt weiter rechts.«
Um dem Colonel die Qual zu ersparen, diese Angaben in einen konkreten Punkt in der grauen Wildnis auf dem Bildschirm übersetzen zu müssen, rannte S-Two zum Monitor und legte einen Finger auf das, was der Executive Officer zuerst entdeckt hatte.
Keine Ziegen, so viel war sicher. Nein, es war eine Gruppe von Männern, die sich etwas weißer vor dem matten Salbeiton der Landschaft abhoben. Ihre Formen waren länglicher als die Ziegen, und sie bewegten sich nicht, was bedeutete, dass sie auf dem Boden lagen. Falls sie in die richtige Richtung blickten, waren sie richtig positioniert, um Two-Two abzufangen.
»Taliban?«
»Wahrscheinlich.«
»Ist das ein Problem?«
»Sollte es nicht sein. Sie sind gestern schon zweimal auf Taliban-Patrouillen gestoßen, heute einmal. Für die Talis müssen sie wie Ziegenhirten aussehen.«
»Ja, aber die anderen Typen waren auf den Beinen, haben gestanden und geschaut und sich in ihre eigene Richtung bewegt. Diese hier scheinen sich dort einzurichten. Das könnte ein Abfangmanöver sein.«
Die Marine-Corps-Offiziere betrachteten weiter den Bildschirm, während sich das Drama in Echtzeit vor ihnen abspielte. Laidlaw zündete sich noch eine Zigarette an. S-Two sparte sich die bissigen Kommentare. Der Executive Officer versuchte nicht, ihm in den Arsch zu kriechen. Der Anführer des Sniper Platoon hütete sich zu sprechen. Es geschah einfach.
Die Gruppe vor Two-Two geriet erst in Bewegung und beruhigte sich dann wieder. Verdammt, warum hatte niemand vom Stab sie kommen sehen? Vielleicht hätte die Richtung, aus der sie gekommen waren, ihnen wichtige Hinweise gegeben.
»Wie viel Zeit noch?«, fragte Colonel Laidlaw.
»Zwei Minuten.«
»Sir, ich kann Whiskey über das HF-90M kontaktieren. Sie warnen.« Der Executive Officer.
»Sir, bei allem Respekt, wenn Sie das tun, muss Skelton sich hinhocken, sich aus seinem Kaftan schälen, das Funkgerät vom Gurt nehmen und in den Hörer sprechen«, gab S-Two zurück. »Das wirkt alles verdächtig. Wenn diese Kerle da feindlich gesinnt sind oder es noch andere Feinde gibt, die wir nicht bemerkt haben, sagen wir mal, in irgendeiner Höhle, dann fliegt Two-Two mit Sicherheit auf. Und die Mission scheitert. Die beiden fangen sich eine Kugel ein oder müssen sich auf eine Schießerei im vollen Sprint einstellen.«
»Scheiße!«, fluchte der Colonel.
»Mir gefällt nicht, wie das aussieht. Die Typen liegen, die bereiten sich auf einen Schuss vor. Hat die Agency vielleicht ein Team dort?«, fragte der Executive Officer.
»Unser Kontaktmann hat das vor weniger als einer Stunde verneint«, erwiderte S-Two. »Unsere ist die einzige Mission, die in diesem Gebiet läuft.«
»Warten wir es ab«, sagte der Colonel. »Gottverdammt noch mal.«
Sie sahen zu. Die beiden kleinen Kampftrupps bewegten sich unaufhaltsam aufeinander zu, während die zerlumpte Ziegenschar sich auf dem uralten Bergpfad verteilte. Die potenziellen Angreifer machten sich im guten alten Camp-Lejeune-Stil schussbereit, spreizten die Beine, einer lag auf den Knien und sah durchs Fernglas, während die anderen sich über Zielfernrohre beugten.
»Der Scheiß gefällt mir gar nicht«, sagte der Colonel. »Wo sind unsere verfluchten Hellfires, wenn wir sie brauchen? Ich würde diesen Drecksäcken am liebsten persönlich eine reinhauen, wer immer die auch sind.«
»Wahrscheinlich Vogelbeobachter von National Geographic«, mutmaßte S-Two. »Oder vielleicht Missionare von der Weltwaisenhilfe. Oder …«
Aber die Frage wurde bald beantwortet. Two-Two hatte sich den Unbekannten auf dem Hügel maximal genähert und war ihnen ausgeliefert.
35 Kilometer über ihnen zeichnete der Satellit mit göttlicher Gleichgültigkeit das mit Warp-Geschwindigkeit blitzende Mündungsfeuer des liegenden Teams auf, das auf Waffen mit hoher Feuerrate schließen ließ.
»Ein Hinterhalt«, stellte der Colonel fest.
Whiskey Two-Two
Provinz Zabul
Südöstliches Afghanistan
16:05 Uhr
Es regnete Ziegen. Sie flogen zusammen mit Erdbrocken durch die Luft; manche waren noch ganz und blökten, andere waren zerteilt und verspritzten Blut, andere waren vollständig atomisiert. Die Niederschlagswahrscheinlichkeit für Ziegen lag bei 100 Prozent – roter Nebel, Fleischbrocken, sich entwirrende Eingeweide, das ungezügelte Geschrei von Tieren, die plötzlich begriffen, dass sie dem Untergang geweiht waren.
Dann flog Skelton. Er wirbelte fünf Meter weit durch die Luft, sein Gesicht eine Maske des Erstaunens; er drehte sich mit ausgestreckten Armen und Beinen im Kreis und trotzte der Schwerkraft.
In diesem Moment zuckte Ray zusammen, was ihm das Leben rettete. Der Schütze feuerte im halbautomatischen Feuermodus von rechts nach links. Zwei Geschosse hatten sie verfehlt und stattdessen die Ziegen getroffen. Die gewaltigen Kaliber-50-Detonationen setzten Druckwellen frei, die andere Ziegen von den Beinen rissen und sie zerfetzten. Dann hatte er bei Skelton einen Volltreffer gelandet und die riesige Waffe auf dem Dreibein einen weiteren halben Millimeter gedreht, um auch Ray zu erwischen. Aber während er auf sein Massezentrum zielte, wurde er langsamer als Ray. Auch die Flugzeit der Kugel aus 800 Metern Entfernung trug zur Problematik bei, sodass der Schnellzug Ray nur am Außenbereich des rechten Oberschenkels rammte. Er traf keine Knochen, nichts, das voller zirkulierender Flüssigkeiten war, und brachte nichts als Energie mit sich.
Ray flog. Er ließ die Erde hinter sich. Er hatte genug Leute gesehen, die von einer Kaliber-50-Kugel getroffen worden waren – hatte auch genug selbst damit getroffen –, um zu wissen, wie so ein Treffer aussah. Für gewöhnlich war die Geschossenergie so hoch – ungefähr 6800 Joule –, dass ein so zerbrechlicher Sack voll Blut und Knochen wie ein Mensch manchmal zehn Meter weit durch die Luft katapultiert wurde und mit verdrehten Gliedmaßen wieder aufkam. So war es auch bei Ray. Er war für einen langen Augenblick in der Luft, hatte genug Zeit, seine Mutter und seinen Vater zu vermissen, die ihm genau das gegeben hatten, was er gewollt und gebraucht hatte: Liebe, Unterstützung und Vertrauen. Genug Zeit auch, um das Marine Corps zu vermissen, das ihn aufgenommen hatte, als seine Eltern sich verabschiedet hatten, und das ihm so viele Gelegenheiten verschafft hatte, das zu tun, was er am besten konnte. Dann schlug er in einer Wolke aus Staub, Steinen, Blättern und Zweigen am Boden auf. Er spuckte ein Geschoss aus Sand und Schleim aus und dankte Gott, dass er nicht auf dem Rücken gelandet war. In diesem Fall hätte der Aufprall den Fremdkörper, die SVD-Kugel, tiefer in sein Fleisch getrieben, wo sie ihm möglicherweise einige Rippen gebrochen und seine Wirbelsäule verletzt hätte.
Die Ziegen, die überlebt hatten, blökten kläglich und rannten voller Panik umher, wobei sie nicht einmal zum Scheißen stehen blieben.
»O Gott, Ray«, hörte er Skelton schreien. »Mich hat’s schlimm erwischt, o Ray, er hat mich gekillt.«
»Bleib da«, rief er zurück. »Ich komm zu dir.«
»Nein, Ray. Mach, dass du wegkommst. Scheiße, er hat mir ein Loch in den Bauch geschossen und ich kann mich nicht bewegen. Hau ab, Ray, los, los, los!«
Eine weitere Kaliber-50-Salve flackerte auf der Kammlinie und setzte das Theater der Zerstörung fort. Ziegen flogen umher, Staub stieg auf, scharfkantige Stein- und Metallbrocken sirrten durch die Luft. Ray war nur knapp außerhalb der Trefferzone, weil eine Laune der Physik ihn zu einer Stelle leicht unterhalb der Hügelkuppe befördert hatte, während der arme Skelton wehrlos der zweiten Attacke ausgeliefert blieb.
Ray drehte sich nach links, duckte sich und wünschte, er hätte freie Sicht auf seinen Partner. Wenn der Junge tot war, gab es keinen Grund, noch hierzubleiben. Wenn er nur verletzt war … Nun, das wäre etwas anderes, denn Ray hatte sein Gewehr, und wenn er cool blieb und wartete, bis diese Wichser kamen, um sich ihren Treffer anzusehen, konnte er ein paar von ihnen erledigen, bevor sie bei ihm waren. Ray kroch ein paar Meter weiter nach oben, schob sich hinter einen Tierkadaver und spähte darüber hinweg. Skelton schien mausetot zu sein.
Diese Schwanzlutscher, dachte er. Er schwor sich, dass eine Zeit kommen würde, in welcher er das Fadenkreuz über diese Kämpfer legen und zusehen würde, wie sie im Hagel seiner 308er-Hohlspitzgeschosse erschlafften.
Aber dieser Zeitpunkt lag noch in weiter Ferne. Fürs Erste war Flucht das einzig Vernünftige. Er rutschte rückwärts bis weit unter die Kammlinie, sah sich kurz um und beschloss, ein ausgetrocknetes Flussbett anzusteuern, das ein paar Hundert Meter entfernt lag und zu komplexeren geologischen Strukturen führte. Er wusste, wenn er sich zu sehr beeilte, würde er Spuren hinterlassen, und diese paschtunischen Bergkrieger waren verflucht gute Spurenleser. Daher versuchte er, sich indirekt zu seinem Ziel zu bewegen, von Stein zu Stein, von Busch zu Busch, zumindest auf den ersten 100 Metern. Wenn sie dort eintrafen, würden sie stehen bleiben und nach Spuren suchen müssen, und es würde sie Stunden kosten, seine tatsächliche Richtung festzustellen. Vielleicht wäre es bis dahin bereits dunkel, was ihm eine Nacht Zeit verschaffen würde, um einige Entfernung zwischen sich und sie zu bringen.
Aber wohin würde er dann gehen? Er konnte umdrehen und zur FOB zurückkehren. Aber wofür war Skelton dann gestorben? Sinnloses Sterben kam Ray so grausam vor. Wenn es einen erwischte, während man eine Mission erledigte, jemanden aus einer Notlage befreite, war das die eine Sache. Aber wenn der Tod reiner Zufall war, nur eine abstrakte Funktion der Physik des Aufenthalts an einem bestimmten Ort, wenn ein bestimmtes Stück Blei diesen Ort traf, was dann? Dann gar nichts.
Darüber dachte er nach, während er mit merkwürdig federnden, humpelnden Schritten den Hang hinuntereilte und dann einen Haken in Richtung Flussbett schlug. Er hatte sein Gewehr und ein Magazin voller chinesischer Matchpatronen im Kaliber 7,62 × 54. Sein Bein tat höllisch weh, schien aber keine Strukturschäden davongetragen zu haben, und etwas so Unbedeutendes wie Schmerz konnte er ertragen. Er hatte einen Vorsprung vor diesen Clowns, falls sie ihn überhaupt verfolgten. Vielleicht waren sie nur eine Bande von Dschihadisten, die vor Kurzem ein Kaliber-50-Barrett in einem kaputten Humvee gefunden hatten und deren unzivilisiertem Verständnis von Zerstreuung es entsprach, ein paar Ziegenhirten abzuknallen. Vielleicht hatten sie kein Interesse an einer langwierigen Verfolgung.
Er dachte nach, dann fasste er seinen Entschluss. Die Mission geht vor. Ich werde diese gottverdammte Sache zu Ende bringen. Bis Montagnacht bin ich in Qalat. Dann kille ich dieses Arschloch, das man den Enthaupter nennt. Dann gehe ich nach Hause und weine um Billy Skelton.
2. Recon Battalion, Hauptquartier
FOB Winchester
Provinz Zabul
Südöstliches Afghanistan
15:55 Uhr
Am nächsten Tag
Die Spannung war mörderisch. Der ITler von S-Two stellte die Satellitenverbindung mit der üblichen Verachtung her, die ITler gegenüber technischen Analphabeten an den Tag legen, obwohl er wie das gesamte Bataillon wusste, dass Ray und Skelton angegriffen worden waren. Doch das hatte keine Auswirkung auf die Schnelligkeit und Sicherheit, mit der seine Finger über die Tasten flogen, diese spezielle Informatikerfähigkeit, die den Offizieren immer mysteriös und unbegreiflich schien. So war er eben.
Während der ganzen langen Nacht hatte es keinen Funkkontakt gegeben. Entweder war Skeltons HF-90M von einer Kugel verschrottet worden, in irgendeinen Graben gefallen, oder er hatte sich mitten in einem Kampfeinsatz eine Ruhepause gegönnt, wie Marine-Corps-Funkgeräte es oft taten. Wer wusste das schon? Die Funker hatten die ganze Nacht versucht, Two-Two auf der richtigen Frequenz sowie auf den Notfallfrequenzen zu erreichen, auf Air-Force-Frequenzen, sogar auf denen der afghanischen Armee. Kein einziger verdammter Pieps.
Das Bild tauchte auf, die grau-grün-schwarz-braune surreale Realität, Zabul aus dem Weltraum, die von der Station W-CIA in der schönen Innenstadt von Langley, Virginia, um die halbe Welt in einen Raum voller müder Marine-Corps-Offiziere gebeamt wurde. Offiziere, die zu viel rauchten, sich zu viele Sorgen machten und zu wütend waren.
Das Kreuz bewegte sich frei umher, so wie immer. Es schien einem Suchmuster zu folgen, aber in Wahrheit war es die Kameralinse, die sich weit oben im Himmel bewegte, 35 Kilometer über dem Hindukusch. Sie suchte nach der Frequenz des GPS-Chips und des Senders, die im Griff von Rays Gewehr steckten.
Das Kreuz schwebte hierhin und dorthin, schien sorglos dahinzutreiben vor dem Hintergrund der vorbeifliegenden zerklüfteten Landschaft von Zabul – hauptsächlich Staub, unterbrochen von Felsen und Bergkämmen, bis auf die Gegenden, in denen die Felsen und Bergkämme von Staub unterbrochen wurden.
»Verflucht«, rief Colonel Laidlaw, der seine Marlboro Nummer 673 zur Hälfte geraucht hatte. »Machen Sie, dass das Ding schneller sucht, Lance Corporal.«
Der Lance Corporal antwortete nicht, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil er wusste, dass es der Stil des Colonels war, kindlich-komische Anweisungen zu geben, um alle aufzuheitern, die sich in Hörweite befanden.
Und dann …
»Ziel erfasst! Ziel erfasst!«, rief der Lance Corporal.
Wie eine leuchtende Meldung im unteren Quadranten des Bildschirms verdeutlichte, hatte das Frequenzen jagende Dingsbums im Weltraum das Signal von Whiskey Two-Two geortet und zwischen seine elektronischen Zähne geklemmt. Das Terrain sah aus wie – nun, es sah aus wie jedes andere Terrain in Zabul.
»Ist er das?«, fragte der Executive Officer. »Könnte auch irgendein Taliban-Wichser sein, der gerade ein schönes neues Gewehr gefunden hat.«
»Wo ist das, S-Two?«, fragte der Colonel ohne jeden Anflug von Humor. »Ich brauche einen Standort.«
»Ja, Sir.« S-Two las die Satellitenkoordinaten ab und versuchte, sie auf die topografische Karte zu übertragen, die er auf einem Tisch festgepinnt hatte. Er führte rasch ein paar Berechnungen durch. »Nach meiner Einschätzung ist er etwa elf Kilometer östlich des Angriffsorts und nimmt immer noch Kurs auf Qalat, das er aus dem Westen erreichen wird.«
»Jesus, Maria und Josef«, staunte der Executive Officer. »Er hat Ziegen dabei.«
Es stimmte. Irgendwie war es den Überlebenden des Ziegenmassakers gelungen, Ray in den Flussbetten, Serpentinen und Felsspalten Zabuls aufzuspüren und sich wieder um ihn zu versammeln. Ja, er musste es sein – eine leicht leuchtende Figur in der Mitte des nun kleineren, aber immer noch genauso nervtötenden Ziegentrupps, der sich über einen staubigen Pfad bewegte.
»Dieser Filipino ist ganz schön zäh«, stellte S-Two fest.
»Ich glaube, er hat das Blut von Konquistadoren und vielleicht auch ein bisschen Kamikaze-DNA in sich. Die Cruise Missile kann nichts aufhalten«, sagte der Lieutenant von Rays Abteilung.
»Schauen Sie mal!«, rief S-Two. »Ist es das, was ich glaube?«
Er zeigte auf etwas.
Am unteren Rand des Bildschirms, etwas versteckt hinter einer Digitalanzeige, auf der reihenweise Zahlen vorbeirauschten, die niemand im Raum verstand, nicht einmal die ITler, bahnten sich sechs leuchtende Gestalten ihren Weg durch die Landschaft. Sie hatten sich in einer klassischen taktischen Rautenformation aufgestellt, mit einem Anführer und zwei Flankierern, die jeweils 100 Meter in jede Richtung entfernt waren. Sie bewegten sich mit leichter, geübter Präzision.
»Die jagen ihn«, sagte jemand.
»S-Two, geben Sie mir die Distanz.«
S-Two führte Berechnungen durch und erwiderte: »Sie sind etwa eineinhalb Kilometer entfernt. Und sie sind auf Angriffskurs. Ich glaube nicht, dass sie Spuren lesen. Zum Spurenlesen sind sie zu schnell.«
»Wie zum Teufel haben die’s geschafft, über Nacht an ihm dranzubleiben?«
»Weiß ich nicht, Sir.«
»Diese Scheißziegen halten ihn auf.«
»Aber wenn er die Ziegen nicht hat, fällt er auf. Er muss sie bei sich behalten, und das weiß er auch.«
»S-Two, holen Sie Ihren Kontaktmann von der Agency an den Hörer und finden Sie raus, ob wir einen Hellfire-Angriff auf die Typen da autorisiert kriegen.«
»Ich kann’s versuchen, Sir, aber die sind heutzutage ziemlich geizig mit ihren Hellfires.«
S-Two machte den Anruf. Es war offensichtlich, dass er nicht besonders gut verlief. Als die Frustration den Höhepunkt erreichte, übernahm der Colonel.
»Hier ist Colonel Laidlaw. Mit wem spreche ich, bitte?«
»Sir, hier ist McCoy.«
Der Colonel sah McCoy vor seinem geistigen Auge: 35 Jahre alt, rothaarig, aus Alabama, die rechte Hand des Missionsleiters, ein ehemaliger Delta-Kommandosoldat.
»Hören Sie, McCoy, ich habe hier einen Scharfschützen, der ganz allein da draußen ist, und sechs Feinde bewegen sich auf ihn zu. Sie können es sich über Satellit selbst ansehen.«
»Wir sehen es in diesem Moment, Colonel. Das ist die Enthaupter-Mission, richtig?«
»Ja. Schauen Sie, ich will eine Hellfire mit Splittersprengladung von einer Drohne auf diese Kerle abfeuern, bevor sie noch näher kommen oder sich zu weit voneinander entfernen für so einen Angriff. Fliegt eine Ihrer Reaper irgendwo in dem Gebiet herum?«
»Sir, ich muss dieses Gesuch ablehnen. Tut mir leid wegen Ihres Jungen, aber unsere Richtlinie lautet, dass wir nur identifizierte Ziele angreifen, und das auch nur mit Zustimmung aus Langley. Ich kann das einfach nicht tun.«
Der Colonel überzog den Kerl noch ein paar Minuten lang mit ausgesuchten Marine-Corps-Schmähungen, aber McCoy wollte – konnte – nicht nachgeben, und der Missionsleiter hielt sich gerade in irgendeinem Dorf auf, wo er versuchte, das afghanische Volk auf seine Seite zu bringen, indem er ihnen Zahnhygiene, konstitutionelle Demokratie oder sonst etwas beibrachte.
»Okay«, sagte der Colonel zu S-Two und gab ihm das Telefon zurück. »Versuchen Sie’s weiter. Wenden Sie sich an 113 Wing in Ripley. Vielleicht können wir einen Apache schicken.«
»Ich versuch’s, Sir, aber ich denke nicht, dass ein Apache rechtzeitig dort wäre. Und ich weiß auch nicht, was die Kommandoführung dazu sagen wird, wenn wir mit so einem Krachmacher da rumfliegen.«
»Verdammter Mist«, fluchte der Colonel und sah weiter zu, wie die Jäger sich ihrer Beute näherten.
Whiskey Two-Two
Provinz Zabul
Südöstliches Afghanistan
6:19 Uhr
Ray wurde an diesem Morgen von einer Zunge geweckt. Leider gehörte sie einer Ziege und keiner schönen Frau.
Er war im Dunkeln durch die Flussbetten gerannt, war einige Male gestürzt und hatte sich ermahnen müssen, nicht zu fluchen. Das fehlende Mondlicht machte die Reise zur Tortur. Aber er musste weitergehen. Wenn er es nicht tat, würde das Bein steif werden und ihn noch mehr quälen. Er musste so viel wie möglich aus sich herausholen. Aber die Flussbetten waren keine U-Bahn-Linie; keines von ihnen führte auf direktem Weg nach Qalat. Daher folgte er immer einem, bis es in die falsche Richtung abbog, und kletterte dann an den rauen Wänden hinauf, wobei er sich hauptsächlich auf seinem Stab abstützte. Wenn er die Oberkante erreichte, rutschte er hinüber und ließ sich bald in die nächste Senke hinab, die mehr oder weniger zu seinem Ziel führte. Er wusste, dass er nicht besonders schnell vorankam, aber wenn er oben blieb, konnte jeder Hadschi mit einem gestohlenen amerikanischen Nachtsichtgerät ihn sehen. Oder er würde vielleicht mit einer Taliban-Einheit, mit Opiumschmugglern oder irgendwelchen paschtunischen Rächern zusammenstoßen. Sie alle waren reich mit AKs und Panzerfäusten ausgestattet. Es war keine Gegend, in der man mit irgendjemandem zusammenstoßen wollte.
Kurz vor dem Morgengrauen war er fertig. Seit dem Angriff war er pausenlos weitergerannt. Sein Körper konnte mehr verkraften als die meisten Körper auf der Welt, aber er stieß nun an seine Grenzen. Er suchte sich eine relativ ebene Stelle und schob sich hinter einen Felsen. Der Schlaf übermannte ihn schnell, eine schwarze Decke, eine traumlose Flucht.
Die Zunge der Ziege roch nach Scheiße wie alles in Afghanistan. Ray schreckte hoch. Ein von seinem schwarz-blau-grünen Bein ausgehender Schmerz durchzuckte ihn und rang ihm einen Schrei ab. Diese Scheißziegen hatten ihn gefunden. Was in ihrem Ziegenhirn hatte sie dazu befähigt, ihm in der Dunkelheit zu folgen? Sicher, sie konnten über diese Landschaft huschen, als wäre sie die Oberfläche eines Billardtischs, aber war es sein Geruch, seine noch im Wind dahintreibende Präsenz, die sie durch die Finsternis auf direktem Weg zu ihm geführt hatte? Eine weitere kam schnüffelnd näher und leckte ihm über das Gesicht. In ihren feuchten, sentimentalen Augen lag etwas wie eine dumpfe, animalische Liebe. Das Tier blökte, zitterte und schiss natürlich. Dann beschnüffelte es ihn wieder und schien um Zuneigung zu bitten.
»Du hässliches Mistvieh«, sagte er, aber er kraulte der Ziege trotzdem den Hals, um sie für ihre Treue zu belohnen.
Sein Frühstück: Reisbällchen, Datteln und etwas warmes Wasser aus seinem Wasserbeutel aus Ziegenhaut. Als er sich gesättigt und hydriert hatte, bestimmte er mit einem ziemlich ramponierten Pfadfinderkompass, der im Jahr 1925 in England gefertigt worden war, das Azimut, suchte sich einen Orientierungspunkt in der Landschaft und machte sich wieder auf den Weg.
Es war der Tag nach dem Hinterhalt. Die Schmerzen waren konstant, aber sein Bewusstsein inkonsistent. Er hatte das Gefühl, dass er während des Gehens mehrmals ohnmächtig geworden war. Die Ziegen drängten sich an ihn oder rannten davon, um die Welt zu erkunden. Er versuchte, sie so gut wie möglich beisammenzuhalten. Um ihn herum änderte sich die Landschaft kein bisschen. Es war immer noch dasselbe endlose Meer aus rauen Bergkämmen, kleinen Hügeln, Gestrüpp und Staub, der auf allem lag. Er musste schneller vorankommen, denn morgen war Sonntag. Er musste Qalat bis zum Einbruch der Nacht erreichen, damit er am Montag zum Zielort vordringen, ihn ausspähen und sich auf den Schuss am Dienstagnachmittag vorbereiten konnte. Dienstagnachmittag war die einzige Möglichkeit, denn er konnte keine ganze Woche in der Stadt bleiben. Früher oder später würde jemand bemerken, dass er weder Paschtunisch noch Dari sprach, und es gab noch tausend andere Arten, wie er sich verraten konnte. Schnell hinein, schnell wieder heraus – oder gar nicht.
Er erreichte eine Anhöhe und hastete hinüber, während die Ziegen um ihn herum blökten und kläfften, auf die wächserne Vegetation schissen oder Mittagspause machten. Nachdem er die Hügelkuppe hinter sich gebracht hatte, rutschte er aus, belastete sein Bein und fühlte, wie ein spezifischer Schmerz aus dem allgemeinen Schmerz hervorstach. Es traf ihn hart, fast hart genug, um ihn zu Fall zu bringen.
Wasser? Nein. Wenn er jedes Mal, wenn ihm danach war, einen Schluck nahm, hätte er nicht genug für den nächsten Tag. Aber sein Bein tat so gottverdammt weh.
Okay, sagte er sich, ruh dich ein bisschen aus. Dir bleiben noch zwei Stunden Tageslicht. Du kannst dich mit stark reduzierter Effektivität durch die Nacht kämpfen und dann ein paar Stunden schlummern, bis der Ziegenwecker dir ›I Got You, Babe‹ ins Ohr singt.
Er gönnte sich eine kurze Pause.
Er kauerte sich hin, hielt sein Bein gerade und rutschte so lange umher, bis er eine Position gefunden hatte, die der Bequemlichkeit so nahekam, wie man es im Kampfeinsatz in Afghanistan erwarten konnte. Dann machte er sich daran, seinen verlorenen Atem wiederzugewinnen. Nach ein paar Minuten fühlte er sich etwas erholt, kein Semper Fi!- oder Gung Ho!-Blödsinn, aber die allgemeine Erschöpfung ließ ein wenig nach.
Weiter geht’s.
Er hielt es für eine gute Idee, sich kurz einen Überblick über die Umgebung zu verschaffen, nur für den Fall. Also kroch er zur Anhöhe hinauf, blieb flach liegen und spähte über die Landschaft hinweg, die er soeben durchquert hatte. Sie ähnelte stark der Landschaft, die noch vor ihm lag. Er sah die Sägezähne von hundert Bajonetten vor sich aufgereiht, die Welt schien aus nichts anderem zu bestehen – gezackte Erhebungen und Abhänge, Kante um Kante, endlos, in dieser trostlosen Farbe der afghanischen Hochwüste, graubraun, staubig, blassrosa, mokkabraun, was auch immer. Selbst die Pflanzen waren braun. Hohe Wolken türmten sich darüber auf, Kumulus-Donnerbringer, das einzig Saubere, Helle auf der Welt, Marmor oder Alabaster. Im Osten ragten die Berge von Pakistan auf, die viel höher waren. Er wusste, wenn er sich umdrehte, würde er die Schatten des Hindukusch noch in 100 Meilen Entfernung sehen. Das größte Gebirge der Welt war noch aus weiter Ferne sichtbar.
Er wollte gerade aufbrechen, als er sie sah.
O fuck, dachte er.
Er rutschte zurück, fummelte an seinem Kaftan und vollzog die komplizierten Bewegungen, die nötig waren, um das auf seinen Rücken geschnallte SVD zu befreien. Dann kehrte er zur Hügelkuppe zurück.
Es dauerte eine Weile, bis er sie wiederfand. Was zuerst seine Aufmerksamkeit erregt hatte, war eine Bewegung auf einem weit entfernten Hügelkamm gewesen, die nicht ins Bild gepasst hatte. Er zog das Gewehr an seine Schulter, nahm die Kappen von den Objektiven und nahm eine stabile, liegende Haltung ein, während er über den Buckel im Gelände kroch und den Lauf des Gewehrs durch ein paar Pflanzen stieß, um besser sehen zu können. Er fand den perfekten Abstand zwischen Auge und Visier und seine Finger huschten zum Fokusring des kruden chinesischen Fernrohrs. Dann vergewisserte er sich, dass die Sonne nicht in einem Winkel auf sein Objektiv fiel, der zu verräterischen Reflexionen führen konnte, spielte mit dem Fokus, drehte das Rädchen hierhin und dorthin und wünschte, er hätte die zehnfache Vergrößerung eines Marine-Corps-Zielfernrohrs anstelle der vierfachen dieses chinesischen Machwerks. Er verfluchte das ausgeklügelte Fadenkreuz mit seinem albernen Entfernungsmesssystem, das zu viele Details ausblendete, orientierte sich neu im verdächtigen Gebiet und ließ das minderwertige chinesische Objektiv alles in seinem begrenzten Detailgrad auflösen, was aufgelöst werden konnte.
Nichts.
Ich weiß, dass ich was gesehen habe.
Er beschloss, ein paar Sekunden abzuwarten. Ich muss sie auf einer Anhöhe gesehen haben. Jetzt sind sie hinter der Anhöhe. Sie werden bald wieder irgendwo hochkommen, und …
Er sah sie kommen, zuerst die Köpfe, dann verschwanden sie wieder und verteilten sich über den Hang der Bachböschung, die sie gerade überstiegen hatten. Sie trugen kakifarbene Kleidung, breite Stiefel mit hineingestopften Hosenbeinen und verbargen ihre Gesichtszüge hinter einem Burnus. Es waren bärtige Männer, die Shemaghs in den so beliebten grün-schwarzen Mustern über den Hälsen trugen. Sie trugen gekreuzte Bandeliere voller Magazine vor der Brust. Einer trug eine Baseballmütze, kaki- oder salbeifarben. Er war auch derjenige mit dem schweren Kaliber-50-Barrett, diesem Monstergewehr, das beinahe zu schwer war, um mitgeschleppt zu werden, ein Elf-Kilogramm-Folterwerkzeug, so unhandlich wie eine eiserne Registrierkasse. Und es war nur für eins zu gebrauchen: den Feind aus großer Entfernung zu treffen. Die anderen trugen die AKs, die in diesem Teil der Welt zur Standardbewaffnung gehörten. Einer trug mehrere Panzerfäuste auf dem Rücken.
Der Kerl mit der Baseballmütze war derjenige, der die Gruppe verdächtig wirken ließ, selbst durch die nur vierfache Vergrößerung des chinesischen Zielfernrohrs. Ja, er war bärtig; ja, die grausame afghanische Sonne hatte ihn nussbraun gebrannt; ja, er bewegte sich mit der drahtigen, wachsamen Eleganz der pathanischen Krieger, die diese Gegend schon seit 1000 Jahren heimsuchten und es erst mit Alexanders Speerwerfern, dann mit verschiedenen hinduistischen Invasoren, dann mit den Soldaten von Victoria, Michail, von George W. und nun schließlich Barack aufgenommen hatten. Ja zu alledem; Ja aber auch zu etwas anderem: Er war ein Weißer.
Nicht identifiziertes Söldnerteam
Provinz Zabul
Südöstliches Afghanistan
20:35 Uhr
»Uns wird bald das Licht ausgehen, Mick«, sagte Tony Z.
»Hey, davon will ich nichts hören. Was ich von dir hören will, ist: ›Wir müssen einen Zahn zulegen, verdammt noch mal, Mick.‹«
»Wir müssen einen Zahn zulegen, verdammt noch mal, Mick«, sagte Crackers der Clown.
»Nicht witzig, Crackers.«
Vor ihnen im abnehmenden Licht sah das Team nichts als Hügel, Hügel, Hügel. Der letzten Meldung zufolge war der Kerl weniger als eine halbe Meile entfernt und sie kamen ihm immer näher. Aber die Chance, ihn bei Tageslicht zu erledigen, wie sie es sich erhofften, schrumpfte immer mehr. Mick wollte es nicht bei Nacht tun. Schüsse, Blitze, schlechte Sicht, nur ein Nachtsichtgerät in der ganzen Gruppe, keine Distanzschüsse – nein. Es war nicht absehbar, was alles schiefgehen konnte. Und nachts lief nur sehr selten etwas glatt.
Andererseits: Wenn der Kerl sie entdeckte, würde er vielleicht anfangen, sie aus der Ferne mit seinem Gewehr abzuschießen. Falls Mick nicht der Erste wäre, den es erwischte, hätte er dann vielleicht eine Chance, ihn mit diesem neunmal verfluchten, völlig überzogenen, tonnenschweren Kaliber-50-Barrett zu erledigen, das er mitschleppte. Mit dem Ding konnte man jemanden aus einer Meile Entfernung ausknipsen. Mick hatte das schon oft genug getan, um es zu wissen.
Dieser Gedanke traf wieder den wunden Punkt: Aaarg! Er hatte das Scharfschützenteam genau im Visier gehabt und trotzdem danebengeschossen. Vielleicht hatte ein leichter Windstoß das 48 Gramm schwere Geschoss abgelenkt, sodass es nur Ziegen in die Luft katapultiert hatte. Auch die zweite wuchtige Kugel hatte ihr Ziel verfehlt, verdammt noch mal. Dann hatte er die Sache endlich in den Griff bekommen und einen der Kerle zehn Meter weit durch die Gegend fliegen lassen wie eine Frisbeescheibe über einen College-Rasen. Er hatte zum anderen umgeschwenkt, der verschwunden war, und den Rest des Magazins auf die Angriffszone verschossen, wobei er noch mehr Ziegen in den Barbecue-Himmel geschickt und den Körper des einen, den er sehen konnte, noch ein zweites Mal unter Beschuss genommen hatte, bis er in zwei Hälften geteilt war.
Als sie die Todeszone eine Stunde später nach einer langsamen, taktischen Annäherung erreicht hatten, war da keine zweite Leiche gewesen, verdammte Scheiße.
»Siehst du Blut?«
»Hier unten sind ein paar Flecken, Mick. Aber offensichtlich keine große Wunde, kein Bauchschuss. Verbluten wird er nicht.«
»Ich hab doch gesehen, wie er durch die Luft geflogen ist«, warf Tony ein.
»Selbst ein Streifschuss von diesem Biest hier lässt einen hochfliegen wie ’ne V2-Rakete. In Bagra hab ich mal einen Typen genau im richtigen Winkel getroffen, dass es ihn durch die Windschutzscheibe seiner Karre gerissen hat und er zehn Meter weiter auf der Straße lag. Mann, der war vielleicht überrascht.« Es war eine schöne Erinnerung, und Mike genoss sie sichtlich.
So kamen sie zu dem Schluss: Einer der beiden Marines war entkommen.
»Zeit, einen Gang höher zu schalten«, sagte Crackers.
»Moment mal«, erwiderte Tony Z. »Wir sind doch schon im sechsten Gang und auf 180. Höherschalten geht nicht mehr. Also, wie willst du das noch steigern?«
»Ach, fick dich«, gab Crackers zurück.
»Hört auf damit«, wies Mick sie an. »Wir müssen die Verfolgung aufnehmen. Der Typ muss getroffen sein, also kommt er nicht schnell voran. Er wird sich wahrscheinlich in einer Höhle verkriechen. Wir müssen ihn finden und erledigen.«
»Mick, ich bin nicht hergekommen, um ein Abenteuer zu erleben. Ich bin nur hier, um ein bisschen Spaß zu haben.« Diese Worte stammten vom verrückten Crackers. Wie Mick war er ein ehemaliger Soldat, und er war jung.
»Wir kriegen die ganze Kohle dafür, dass wir zwei Köpfe abliefern. Und das werden wir auch tun. Crackers, da du bei den Spezialkräften warst, bist du hier die Sportskanone. Warum schnappst du dir den Kerl nicht für uns?«
»Hab meine Laufschuhe im Motel gelassen.«
Jetzt, fast einen Tag später in der Abenddämmerung, wussten sie, dass sie ihrem Ziel nahe sein mussten.
Aber Tony Z sagte: »Ich finde, wir sollten vom Weg abweichen, ihn umgehen und ihn zu uns kommen lassen. Er hat sich ziemlich gepusht, und ich hab gesehen, wie er geflogen ist, daher weiß ich, dass der Streifschuss ihm eine Menge Schmerzen bereiten muss. Er wird irgendwo sein Lager aufschlagen müssen. Er ist ja nicht Superman.«
Mick war skeptisch.
»Lass uns noch mal darüber nachdenken. Ich will keinen Fehler machen.«
Einer von den Hadschis – er hatte drei dabei, Taliban-Jungs, die Mick zu anderen Zeiten ohne Zögern weggepustet hätte, aber sein sicherer Aufenthalt in den Stammesgebieten hing von diesem Auftrag ab – sprach in seinem Kauderwelsch.
Tony Z, der es verstand, teilte Mick mit: »Mahoud sagt, dass es einen Pfad gibt, der unten um diese Hügel herumführt, hauptsächlich durch flaches Gelände. So könnten wir wahrscheinlich vor ihn kommen.«
Es war so verlockend. Schluss mit dieser Verfolgungsscheiße. Schluss mit dem Warten darauf, dass der Marine-Corps-Held als Erster schoss und auf ihn zielte, den Mann mit dem Barrett-Gewehr. Mick war aus dem gleichen Grund Soldat geworden, aus dem er ein Football-Held gewesen war: wegen seiner Größe. Seit seiner Kindheit hatte er gewusst, dass er die Kraft besaß, andere dazu zu bringen, ihm zu gehorchen. Es machte ihm nichts aus, er genoss es sogar, und schließlich war er süchtig danach geworden, Leute zu schlagen, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es war schwer, von dieser Gewohnheit loszukommen. Deshalb hatte jede der verschiedenen bunten Organisationen, die ihn bisher dafür bezahlt hatten, in ihrem Namen Gewalt auszuüben, irgendwann genug von seinen Disziplinproblemen gehabt, von seiner unverbesserlichen, diebischen Gier und der Art, wie er jedes Team, dem er sich anschloss, für seine eigenen Zwecke einspannte. Schließlich war er sogar bei Graywolf gefeuert worden, weil er live auf CNN einen Hadschi erschossen hatte, der sich ergeben hatte. Wenn das kein Karrierekiller war, was dann? Aber jetzt hatte er einen anderen Kunden, der nicht ganz so viel Wert auf moralische Gesichtspunkte legte.
Er schaute auf seine große, raffinierte Suunto-Armbanduhr, dieses finnische Stück Hightech, das so komplex war, dass es beinahe die Zukunft vorhersagen konnte. Er sah, dass ihm nur noch ein paar Minuten blieben, um die Position des Feindes zu finden.
»Wir warten hier, bis ich MacGyver rufe. Wir finden raus, wo er ist.«
Die Dunkelheit trieb Schatten über die raue Landschaft und ein leichter Abendwind wirbelte Staub oder Sand auf. Einer der Hadschis begann irgendein verdächtiges Kraut zu kauen, das vielleicht seine Dunkelsicht verbesserte oder ihn auf den Märtyrertod vorbereitete. Tony Z hockte neben Mick und betastete liebevoll seine AK. Tony war ein Waffennarr; er hatte eine modifizierte Wilson .45 in einem Schulterholster und in der Tasche seiner Cargohose rutschte eine Ruger .380 aus Plastik mit Laservisier herum.
Mick, der froh war, das Gewicht des Barrett für ein paar Minuten los zu sein, nahm seinen Rucksack ab, öffnete die Klappe und zog ein Stück Silikontechnik heraus, ein verschlüsseltes Satellitentelefon, Modell Thuraya SG-2520. Es war das, wovon dieser ganze verrückte kleine Ausflug abhing. Es sah wie ein ganz normales Handy aus und hatte die üblichen Maße, 14 mal 5,3 mal zwei Zentimeter, aber was es von anderen Geräten unterschied, war eine Art Plastikröhre am oberen Ende, die, wenn man sie herauszog, zu einer gut zwölf Zentimeter langen, robusten Antenne wurde. Diese ermöglichte den Zugriff auf Thurayas 48 Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn, für den Fall, dass die GSM-Satelliten nicht verfügbar waren. Abgesehen davon hatte es den üblichen Scheiß: ein Display, eine Tastatur, alles aus grauem Jetsons-Plastik. Eine Rufnummer war voreingestellt. Er drückte die Anruftaste.
Er wartete ab, in dem Wissen, dass er seine Stimme ins All schicken würde, wo sie von verschiedenen Metallkugeln voller Schaltungen, Chips und Nanotechnik abprallen und schließlich zu einem Handy irgendwo in den USA hinabgeschickt würde. Wo sich das Handy befand, wusste er nicht. Ein Mann, der sich humorvollerweise MacGyver nannte, würde sich melden. Das Beste war: Der Anruf war vollkommen privat.
»Sie sind früh dran«, sagte MacGyver.
»Wir sind nah dran. Die Frage ist: Sollen wir im Dunkeln weitergehen und ihn überfallen, oder sollen wir versuchen, ihn zu umgehen, und ihm auf der anderen Seite auflauern? Ich muss wissen, was seine Position ist und ob er sich noch bewegt.«
»Welche Option ziehen Sie denn vor?«
»Aktionen in der Nacht mag ich nicht. Da kann zu viel schiefgehen. Ich würde lieber einen Hinterhalt legen und ihn morgen früh ausknipsen, wenn er in die Stadt kommt.«
»Ausgezeichnet. Natürlich liegen Sie falsch, also tun Sie genau das Gegenteil.«
»Mr. Mac…«
»Er hat sich für die Nacht hingelegt. Ich habe ihn erst vor ein paar Minuten auf dem großen Bildschirm gesehen. Ich kann Ihnen seine Koordinaten geben, auf den Meter genau. Sie können so nah rangehen, dass Sie die Ziegen riechen können. Er wird fix und fertig sein. Gehen Sie nah ran, verpassen Sie ihm ungefähr 1000 Kugeln und lassen Sie sich von den Hadschis da wegbringen. Das ist es, wofür Sie so übertrieben viel Geld kriegen.«
Mick holte Stift und Notizblock hervor und schrieb sich die exakten Daten der Position des Scharfschützen auf.
»Bogier, erledigen Sie das. Haben Sie gehört?«
»Ja, Sir.« Mick hasste dieses Arschloch. Er beendete den Anruf.
»Okay«, sagte er und holte seine beiden weißen Teammitglieder zu sich, um die Karte zu studieren, einen Angriffsweg zu finden und den Abschuss zu planen.
Nicht identifiziertes Söldnerteam
Provinz Zabul
Südöstliches Afghanistan
3:15 Uhr
Am Fuß des Hügels legten alle, auch die Hadschis, ihre Sachen ab, bis auf die Hosen und Hemden. Selbst wenn die Temperatur unter den Nullpunkt sank und sie zu Eis erstarrten – Mick wollte nicht, dass die schweren Kaftane oder die Shemaghs hin und her schwangen, Staub aufwirbelten, über Felsen schleiften und sich in Dornen oder Zweigen verfingen. Es war in Ordnung, wenn die Männer zitterten, solange sie keinen Lärm machten.
Die Nützlichkeit der Karte war begrenzt. Man erkannte auf ihr die Hauptzüge der Landschaft, sogar mögliche Annäherungswege, aber nicht die Felsblöcke und Felswände, die eine praktische Einschätzung dieser Wege erlaubt hätten. Weit hilfreicher war der eigene Blick durch sein AN/PV5-7-Nachtsichtgerät. Während er jeden Mann zu seinem Startpunkt brachte, ließ er sie einen Blick durch das Gerät werfen, damit sie sehen konnten, was vor ihnen lag, wie die Felsen angeordnet waren, wohin die Gräben führten und wo sich kleine Bäume befanden, an denen man sich abstützen konnte. Er erinnerte sie an die Regeln: Niemand sollte sich vor 4:30 Uhr höher als hüfthoch erheben; falls sie jemanden sahen, der aufrecht ging, sollten sie ihn abknallen. Es konnte niemand anderes sein als der Marine, der aufgewacht war und seine Reise fortsetzte. Weitere Regeln: nicht auf Mündungsfeuer schießen, denn nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit würden sie jemanden aus dem Team treffen. Und sie sollten auf die Ziegen achten. Der Kerl war nicht dumm. Er umgab sich mit Ziegen und riskierte es, von ihnen angepinkelt zu werden, weil die Biester unruhig waren und blökten und jammerten, wenn sich irgendein Raubtier näherte. Also durften sie sie nicht erschrecken. Wenn sie unten blieben, leise und vorsichtig waren, würden sie kein Problem darstellen. Hinterher könnten sie dann eins der Tiere schlachten für ein leckeres Frühstück.
Weil Mick mit seinem Nachtsichtgerät fast mit Sicherheit der Erste sein würde, der die Hügelkuppe erreichte, und die beste Sicht für den Schuss haben würde, würde er ihnen mit einem Cowboy-Yeehaw signalisieren, dass er ihn getroffen hatte. Falls das aus irgendeinem Grund bis fünf Uhr noch nicht geschehen war, war fünf Uhr ihre Startzeit. Sie würden bis nach oben gehen, zu dem schlafenden Marine hinunterrutschen und ihn erledigen. Viel mehr gab es nicht zu sagen. Es war recht einfach: annähern und exekutieren. Was konnte dabei schon schiefgehen?
Dann ließ er jeden der Männer, wo er war, und schlich so lautlos wie möglich zu seinem eigenen Startpunkt zurück.
Er sah auf die Uhr. Es war jetzt 3:30 Uhr, und die 4:30-Deadline beruhte auf der Annahme, dass die Distanz etwa 200 Meter betrug. Jeder Mann sollte etwa eine Stunde brauchen, um sich ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, dem höchsten Punkt zu nähern.
Mick begann zu kriechen. Er hatte das Barrett zurückgelassen, weil es keinen Grund gab, es mitzuschleifen; es war keine passende Waffe für die Nahdistanz. Er hatte eine Beretta 92, auf deren Schnauze ein cooler Gemtech-Mündungsfeuerdämpfer steckte, der an eine Dose mit gefrorenem Orangensaft erinnerte. Damit würde er diesem Arschloch aus der Nähe den Garaus machen und seine Leute schnell hier wegschaffen, damit sie rechtzeitig zum Martini im Kabul Hilton waren. Er rutschte weiter vorwärts, bahnte sich seinen Weg, genoss die kalte Luft und die Freiheit von der Qual, das Barrett-Gewehr zu schleppen, was er seit drei oder vier Tagen getan hatte. Dies war der coole Teil der Angelegenheit, der spezielle Teil der Arbeit in einer Spezialeinheit, den er immer liebte: das leise Anschleichen. Er genoss seine eigene Kriegskunst, seine Fähigkeit, sich still dahinzuschlängeln, allein durch Willenskraft all das Stechen, Ziehen und Jucken zu ignorieren, das der raue Boden und die dornige Vegetation verursachten. Er war schneller als die anderen, weil er durch sein Nachtsichtgerät erkennen konnte, welche Steine vor ihm lagen, wo sich die Lücken befanden, wo sich Ansammlungen kleiner Sträucher befanden, was seine Bewegungen sicherer machte.
Er erreichte die Anhöhe nach weniger als einer halben Stunde. Dort fand er einen größeren Felsen und schob sich um ihn herum, während er leise Klagelaute von einer oder mehreren Ziegen hörte. In der grünen Welt des Nachtsichtgeräts glühten die Tiere hell in knapp 30 Metern Entfernung auf. Drei oder vier von ihnen waren an etwas festgebunden, das nur der Scharfschütze sein konnte: eine weniger hell leuchtende, in ein Gewand gehüllte Gestalt am Boden. Sie bewegte sich im Rhythmus der in die Lunge einströmenden und sie wieder verlassenden Luft. Manchmal zuckte ein Bein.
Erschieß ihn, ging es Mick durch den Kopf.