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"Entpersönlichung" von Ricarda Huch ist ein bedeutendes Werk der deutschen Literatur, das sich intensiv mit dem Thema der menschlichen Identität und ihrer Auflösung beschäftigt. In diesem philosophisch tiefgründigen und psychologisch dichten Buch untersucht Huch die Entfremdung des Individuums von sich selbst und der Welt. Dabei beleuchtet sie, wie äußere Umstände und innere Konflikte zur Erosion der Persönlichkeit führen können. Huch, eine der herausragendsten Autorinnen des frühen 20. Jahrhunderts, nutzt ihre präzise Sprache, um die Zerrissenheit und das Ringen der Menschen in einer sich rasant verändernden Welt zu verdeutlichen. "Entpersönlichung" ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch eine reflektierende Auseinandersetzung mit den sozialen und politischen Umwälzungen der Zeit, in der es entstanden ist. In einer Epoche, in der Themen wie Identität, Selbstbestimmung und die Beziehung des Individuums zur Gesellschaft hochaktuell sind, bleibt dieses Buch von besonderer Relevanz. Huchs Scharfsinn und ihre Fähigkeit, zeitlose menschliche Probleme darzustellen, machen Entpersönlichung zu einem unverzichtbaren Werk der deutschsprachigen Literatur.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Eine seltsam unheimliche Neigung hat unsere Zeit, Gesetze aufzusuchen. Daß wir sie allen Naturerscheinungen zugrunde legen, ist nicht neu; jetzt wollen wir sie auch in allen Lebens- und Geisteserscheinungen, in der Kunst, in der Geschichte, im Fühlen und Denken finden. Wir werden Juden und stehen unter dem Gesetz. Die Juden, die wir aus dem Alten Testamente kennen, meine ich nicht; denn diese standen zwar unter dem Gesetz, zugleich aber ging aus ihnen der Messias hervor und die Propheten, welche ihn vorausverkündigten, so daß das Gesetz zugleich herrschte und doch fortwährend aufgehoben wurde. Was wir jetzt unter Juden verstehen, sind diejenigen, die ihren Erlöser verleugnen und sich einzig unter das Gesetz stellen. Sie verleugnen den Herrn der Sterne, der, wundertätig, die Kette des Gesetzes durchbricht und das Neue, Unverhoffte hervorbringt.
Nun wird der Kluge meinen, ich wolle eine Weltanschauung der Phantasie der Weltanschauung des Verstandes gegenüberstellen, und das wäre richtig, wenn man unter Weltanschauung nicht nur eine Ansicht, sondern ein Tun verstände. Es handelt sich nicht um bloße Weltanschauung, sondern um Weltschöpfung, welche nur geleistet werden kann durch die freie Persönlichkeit und den Widerstand, den sie dem gesetzmäßigen Ablauf des Geschehens entgegenstellt. Die Welt muß täglich neu geschaffen werden, und die Kraft, welche alles Vergangene geschaffen hat und alles Künftige schaffen wird, ist in der Tat die Phantasie im Verein mit einem Einzelwillen, der Vertreter des Ganzen ist. Sie ist dem Verstande nicht entgegengesetzt, sondern schließt ihn ein. Trennt man beide voneinander, so hat man auf der einen Seite die Logik und auf der anderen die gesetzlos schweifende Phantasie. Die exakte Phantasie, wie Goethe die Phantasie nannte, die den Verstand einschließt, umfaßt den Raum, nämlich Vergangenheit und Gegenwart, und löst ihn durch die Zukunft stets wieder auf. Der Verstand bezieht sich nur auf das Räumlich-Zeitliche, das heißt auf Vergangenheit und Gegenwart und diejenige Zukunft, welche sich aus dem Vergangenen und Gegenwärtigen schließen läßt, nämlich den gesetzlichen Ablauf, nicht auf die Zukunft, welche das Neue bringt. Wir sehen, daß Gott, Phantasie und Ewige Zeit oder Ewigkeit ein und dasselbe ist: Ich bin, der da war, der da ist und der da sein wird. Das Künftige ist im Inneren der Natur verborgen; nehmen wir es heraus, so bleibt allein das Äußere, das Tote, der bloße Stoff. Nur der Stoff steht unter dem Gesetz, und Stoff ist alles das, was keine Zukunft mehr hat. Juden sind Völker oder Familien oder Einzelne, die keine Zukunft mehr haben.
Wären demnach die großen Genien, die keine lebensfähigen Nachkommen haben und also zukunftslos sind, bloßer Stoff? Nein, sie sind ja grade die großen Sterbenden, die durch ihre Taten und Werke das Zeitliche verewigen, mit der Zukunft verbinden. Zukunftslos nenne ich diejenigen, die sich nicht mehr weiter entwickeln können und doch nicht sterben wollen, die bleiben wollen, wie sie sind. Für die Juden war das Entscheidende, das was sie zu Juden machte, daß sie ihrem voraussterbenden Herrn nicht folgen wollten. Wer sterben kann, ist frei, steht nicht unter dem Gesetz. Sterben ist die Fähigkeit, sich verwandeln zu lassen, Nichtsterbenkönnen ist der Wille, sich zu erhalten. Der körperliche Tod allein beweist noch nicht die Fähigkeit, sich verwandeln zu lassen, denn die Verwandlung geschieht am Lebenden; aber freilich deutet die unüberwindliche Furcht vor dem Tode auf den Willen, sich um jeden Preis zu erhalten … Das Bestreben unserer Zeit, den Tod möglichst auszuschalten, jedenfalls totzuschweigen, zeigt, wie jüdisch, wie erstarrt wir geworden sind. Der junge Mensch und der Christ ahnen im Tode das neue Leben.
Der große Augustinus stellt einmal das Weltschaffen Gottes dem Schaffen des Dichters gleich, indem er sagt, Gott habe den Entwickelungsgang der Weltalter wie einen erhabenen Gesang gleichsam durch Antithesen geschmückt und die Schönheit der Welt durch Gegenüberstellung widerstreitender Dinge erhöht. Was Dürer vom Künstler sagt, er sei inwendig voller Figur, und ob's möglich wär, daß er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk auszugießen, dasselbe gilt von Gott, nur daß Gott wirklich ewiglich lebt.
Betrachten wir die Werke irgendeines großen Malers, so finden wir gewöhnlich ein paar Haupttypen, ihn selbst, seine Geliebte, seinen Vater, seine Mutter. Da aber er selbst seinen Eltern ähnlich ist, seine Geliebte aber häufig dem Typus seiner Mutter verwandt ist, so lassen sich die vier auf zwei oder einen zurückführen, ihn selbst, der einen Gegensatz in sich birgt. Der Künstler schafft sich selbst: ogni vate e pittor pinge se stesso. Der Situationen, in die der Künstler seine Figuren stellt, sind auch nicht allzu viele: eine Mutter mit dem Kinde, eine heilige Familie, eine Kreuzigung, eine Schlacht, ein Opfer, eine Versöhnung. Dennoch gleicht kein Bild dem andern, ja es gibt solche, deren Urheberschaft streitig sein würde, wenn sie nicht beglaubigt waren, und solche, die sich nicht mit Sicherheit chronologisch einreihen lassen. Der Beschauer, dem das ganze Werk vorliegt, kann freilich mit kritischem Verstande klug darüber reden und beweisen, warum das eine so und das andere so werden mußte. Allein wer hatte z. B. zu Rembrandts Lebzeiten die Bilder seiner letzten Periode aus seiner ersten voraussagen können? Wir wissen nur das Eine Gesetz, daß jedes Einzelwesen ein Ende hat, das heißt, daß ein Augenblick kommt, wo seine Zukunft jenseit seiner vollendeten räumlichen Erscheinung liegt. Wir können aus dem Vergangenen das Gegenwärtige erklären, aus dem Gegenwärtigen aber nicht das Künftige, sondern nur den gesetzlichen Ablauf, der zum Tode, zur Erstarrung führt. Das Künftige oder Lebendige, welches immer persönlich ist, läßt sich nicht vorherbestimmen, steht nicht unter dem Gesetze. Hier liegt der Grund verborgen, warum die Weissagungen des zweiten Gesichtes sowie Träume, Ahnungen und andere Verkündigungen der Geisterwelt sich fast immer auf Tod und Unglück beziehen: sie beruhen auf der Ausschaltung der Persönlichkeit, während die eigentliche Prophetie, der prophetische Geist, der die Zukunft sieht, weil er sie schafft, durchaus persönlich ist. Nicht jeder Mensch ist aber eine Person, sondern Persönlichkeit nennen wir diejenigen Menschen, in denen die gesamten Kräfte des Körpers, des Geistes und der Seele tätig sind oder wenigstens vorübergehend tätig werden können.
Gibt es denn aber Totes? Gott ist ein Gott der Lebendigen und nicht der Toten. In der natürlichen Schöpfung gibt es nichts Totes, sondern fortwährende Verwandlung. Das Tote liegt in der Gesinnung, und zwar in der Gesinnung des sich selbst erhaltenden, des auf sich selbst gerichteten, auf sich selbst beschränkten Menschen; es gibt also eigentlich nur geistigen, keinen körperlichen Tod. Hobbes definierte das Denken als Rechnen. Das reine Denken des denkenden Ich, welches keine Gegenwirkung erfährt, sondern innerhalb des Selbstbewußtseins ablauft, ist gesetzmäßig und sein Ergebnis richtig; aber es ist weder wahr noch wirklich. Wahr ist, was uns als Ideal im Gegensatz zu uns selbst vorschwebt oder die Übereinstimmung des Einzelnen mit Gott, und wirklich, was unser Geist durch gesunde Sinne wahrnimmt. Alles Wahre und alles Wirkliche ist zwischen Gegensätzen. Man wird einwenden: wie kommt es denn, daß die Voraussagungen der Wissenschaft, z. B. der Astronomie, durch, die Erscheinungen des Sternenhimmels bestätigt werden? Dieser Sternenhimmel ist von Instrumenten gemacht, er gehört nicht in die lebendige Natur, sondern ist Menschenwerk. Der erstarrte, eigentlich der tote Mensch, hat sich mit einer starren Natur umgeben, die nach Gesetzen abläuft, mit einem Mechanismus. Dies ist der Tempel der Wissenschaft, den Bacon forderte, und den die Menschheit, ihm gehorchend, errichtet hat. Der produktive Mensch zerbricht Tempel in jedem Augenblick, wo er Neues schafft. Deshalb wurde Christus von den erstarrten Pharisäern verurteilt, weil er sagte, daß er den Tempel Gottes zerbrechen und in drei Tagen wieder aufrichten könne. Mit dem Neuen meine ich freilich keine technische Vervollkommnung, keine neue Organisation, keine wissenschaftliche Entdeckung. Können wir überhaupt noch schaffen, noch Taten tun? Taten werden nur getan, wo eine freie Persönlichkeit handelt und von anderen Persönlichkeiten Gegenwirkungen empfängt. Der Mangel an Persönlichkeit ist Mangel an Verantwortlichkeit. Für seine Handlungen sich allein verantwortlich fühlen und allein ihre Folgen, auch die schwersten, tragen, das macht die Persönlichkeit aus. Weil wir die Verantwortlichkeit abgeworfen haben, haben wir keine Persönlichkeit mehr, sind wir in der Gottesferne und stehen wir unter dem Gesetz.
Mit der Umwandlung des Reichs der persönlichen Beziehungen in den unpersönlichen Staat, mit der Umwandlung der Naturalwirtschaft in Geldwirtschaft, mit der Begründung der Herrschaft der Wissenschaft begann die Entpersönlichung des Abendlandes. Das Reich der persönlichen Beziehungen können wir auch definieren als das Reich, in welchem der Einzelwille und der Wille zum Ganzen nicht grundsätzlich voneinander getrennt sind, sondern in den einzelnen Personen zusammen- und gegeneinanderwirken, so daß jeder zugleich Privatperson und öffentliche Person ist, zugleich sich selbst und das Ganze vertritt.
Der Grundfehler des modernen Menschen, insbesondere des modernen Deutschen ist der, daß er sich von Haus aus nur als Privatperson fühlt und nicht auch als Gemeinperson oder Teilwesen; daß er wohl eine Tätigkeit für das Ganze als Amt, als Aufgabe übernimmt, aber nicht als natürliche Funktion ausübt. Wir sind Einzelpersonen, die zuweilen als Gemeinpersonen agieren, während wir beides gleicherweise, Gemeinperson und Einzelperson sein sollten.
Das ist der Unterschied zwischen dem antiken und dem modernen Menschen, daß jener wesentlich Gemeinperson war, wie ja überhaupt die Einzelpersönlichkeit das spätere ist und das kleine Kind sich noch nicht als solche fühlt. Im hebräischen Volke kam die Einzelperson zuerst zu völliger Ausbildung; und deshalb wurde dort zugleich mit Satan der Eine persönliche Gott erkannt, der Einzelne im Gegensatz zum Ganzen und der Einzelne als Vertreter des Ganzen. Wie die Hebräer sind auch die Germanen ein individualistisches Volk, während die Römer ein republikanisches, ein Volk des Gemeinwillens waren, für welches die individualistische Entwickelung der Kaiserzeit zwar einen Höhepunkt, zugleich aber eine Auflösung bedeutete. Die Juden haben das Schicksal, nicht in anderen Völkern aufgehen zu können, und dasselbe scheinen die Deutschen zu haben. Goethe sagte zu Riemer: Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil es Individuen sind.
Wir sehen hier die Anlage zu übermenschlicher Größe verbunden mit der Möglichkeit des äußersten Bösen; denn die Auflehnung des Einzelnen gegen das Ganze kann Neuschöpfung, kann aber auch Größenwahn und geistigen Tod des Einzelnen und Zersplitterung des Ganzen bedeuten. Gemeinpersönliche Völker im antiken Sinne hat es nach Christus nicht mehr gegeben. Wo wir etwas Derartiges zu erleben wähnen, handelt es sich um die allergefährlichste List des Satans, welcher, um seine Herrschaft ohne Schaden weiterführen zu können, die Rücksicht auf das Ganze in dieselbe einbezieht und dadurch ein wohlgewachsenes Ganzes vortäuscht, während es in Wirklichkeit nur Privatpersonen gibt, die, ohne ihr Wesen zu verändern, sich zur Bildung einer willkürlichen Gesamtfigur von außen vereinigen, wenn nicht die Gesamtfigur schlechtweg durch gewaltsame Unterdrückung der Einzelpersönlichkeit entsteht, die hinterrücks soviel als möglich zu ihrem Rechte zu kommen sucht.
Ich hatte mir vor Jahren einmal das Motto gewählt: Es kommt immer alles anders; und es belustigte mich, wenn ich mich einer zweifelhaften Lage gegenüber befand, mir auszumalen, was für Möglichkeiten der Weiterentwickelung oder des Ausgangs es gäbe und zugleich zu wissen, daß es in Wirklichkeit anders kommen würde, mich durch die Wirklichkeit überraschen zu lassen. Vielleicht, wenn die Sache mich selbst anging, führte ich selbst die unerwartete Wendung herbei, indem ein unvorhergesehenes Ereignis mich einen Entschluß fassen ließ, den ich vorher noch nicht in Betracht ziehen konnte, oder indem im Augenblick, wo ein Entschluß notwendig wurde, ein Gefühl in mir den Ausschlag gab, das ich vorher für weniger mächtig gehalten hatte; vielleicht griff jemand anders durch eine nie für möglich gehaltene Handlung ein, gewiß ist es, daß es immer etwas anders kam. Berechnen können wir aus Vergangenheit und Gegenwart nur das Unpersönliche, das schon Dagewesene, nicht das Neue, das eigentlich Künftige, so wenig wir aus den Eltern, wie genau wir sie auch kennen mögen, ihre Kinder vorherbestimmen können. Der Prophet, der die Zukunft bestimmt, indem er sie schafft, rechnet sie nicht aus, sondern schafft sie in einem Augenblick des Hingerissenseins und im Kampfe mit drängenden und widerstrebenden Kräften, die von außen an ihn herantreten und die ihn immer mehr oder weniger von der Bahn ablenken, die er sich vorgezeichnet hatte.
Nachträglich allerdings läßt sich das Gesetzliche in den von der Phantasie geschaffenen und durch den Willen im Kampfe verwirklichten Wundern nachweisen, weil in der exakten Phantasie der Verstand beschlossen ist und das Erschaffene infolgedessen auch verstandesgemäß ist. Schon Seneka sagte: »Das ist unser Irrtum, daß wir den Tod in der Zukunft schauen; er ist zum großen Teil schon vorüber; was von unserem Leben hinter uns liegt, hat der Tod.« Was von der Vergangenheit sich nicht in Zukunft verwandelt hat, sondern als Vergangenheit, als Tatsache, zurückbleibt, ist tot. Wen es interessiert, nachträglich in dem, was die Natur geschaffen hat, seien es Gestalten oder Geschehnisse, das Gesetzliche aufzusuchen, dem mag es gegönnt sein, und es soll auch nicht geleugnet werden, daß diese Erkenntnis dem Menschen eine Genugtuung verschafft. Allein damit ist der Phantasie, die die Ereignisse schafft, kein Abbruch getan, und noch weniger ist sie dadurch ersetzt. Sie allein schafft immer nur das Neue, dem gelehrten Betrachter zum Trotz, der es etwa leugnet, weil er das Vergangene nachträglich als notwendig erkennt, der aber das Künftige nie hätte voraussagen, geschweige denn schaffen können. Wir werden oft bemerken, daß ein Volk seine Vergangenheit desto mehr bis in alle Winkel durchforscht und feiert, je weniger es vom Geiste dieser Vergangenheit mehr beseelt ist. Daß alles schon dagewesen sei, sagte schon Salomo, und jeden Alternden ekelt es in gewissen Stimmungen mit ihm vor der Wiederkehr des ewig Gleichen. Das Leben setzt sich in der Tat nur aus wenig Zutaten zusammen. Wie jede Landschaft nur aus Meer und Himmel, Bergen und Bäumen unter verschiedenen Beleuchtungen, kurz, aus den vier Elementen bestehen kann, so bietet kein Leben wesentlich mehr als Gewinn und Verlust, Trennung und Vereinigung, Krieg und Frieden, Erfolg und Enttäuschung. Und doch ist keine Landschaft wie die andere und kein Lebenslauf einem anderen ganz gleich, weil es immer andere Bäume und Flüsse sind, die die Landschaft bilden, und immer andere Menschen, die das Leben erleben. Neue Kinder, altes Spiel. Für die Kinder, die den Kreisel unter der Linde drehen, ist das uralte Spiel desselben Zaubers voll, den es einst für den müden Alten hatte, der ihnen zusieht.
Für denjenigen, der sich der Vergangenheit zuwendet, das Fertige allein betrachtet ohne die Fähigkeit, es als Werdendes zu sehen, dem scheint alles Geschehene unter Gesetzen zu stehen; denn das Fertige ist stofflich und tut es in der Tat. Nur dann gehört Eurydike dem Leben an, wenn sie nicht rückwärts sieht; indem sie es dennoch tut, beweist sie, daß sie keine Zukunft mehr in sich hat. Die selbstbewußte Menschheit hat Eintönigkeit und gesetzlichen Ablauf in das schöne Leben voller Wunder und Zauber eingeführt; für den handelnden und kämpfenden, den lebenden und sterbenden Menschen ist es täglich neu, herrlich und schrecklich.
Es gibt unzählige Menschen, die behaupten, an Gott nicht glauben zu können, weil Gott soviel Böses geschehen lasse. Es ist deshalb notwendig zu untersuchen, worin eigentlich Gut und Böse bestehe. Das, was wir gewöhnlich als Sünde bezeichnen, ist nicht das Böse im christlichen Sinne. Wissen wir doch, daß Christus zu den Sündern kam und sich erbarmungsvoll liebend unter ihnen bewegte. Nicht die Gegenwirkung gegen Gott ist das Böse, vielmehr das, keine Gegenwirkung leiden zu wollen. Gott ohne Satan ist Satan. Das klingt vielleicht paradox. Der fromme Christ früherer Zeit pflegte, wenn er von den Werken des Teufels sprach, hinzuzusetzen, daß sie »unter Zulassung Gottes« geschehen. Gott läßt den Teufel zu, ja wir wissen aus dem Buche Hiob, daß Gott es nicht verschmäht, mit dem Teufel zu sprechen und von ihm Rat anzunehmen. Der Herr der Herrlichkeit gab sich allen Leiden preis, er litt Geißelung, Hohn und Spott und den Tod am Kreuze. Als die Versuchung Satans müssen wir uns folgende Einflüsterung denken: »Du, ein Gewaltiger des Worts, Beherrscher der Seelen, begnüge dich Lehrer im Tempel und Heilkünstler zu sein. Wenn du geistvolle Vorträge hältst, durch Dichtungen die Herzen rührst, Kranken die Gesundheit wiedergibst, alles im alten Geleise und ohne jemandem zu nahe zu treten, so wirst du vergöttert werden, dem Ruhm und Glanz werden die Welt erfüllen. Zieh dich vom Pöbel aller Art zurück, laß aus Wolken selbstgewählter Einsamkeit hie und da Blitze deines Geistes zucken, so wirst du herrschen.« Ist es glaubhaft, daß Christus ermordet worden wäre, wenn er nichts getan hätte, als schöne Predigten halten und Tote zum Leben erwecken? Er wurde gekreuzigt, weil er eine herrschende Schicht angriff, die sich vom Volk absonderte und das Volk aussog und entseelte, weil er ein Kämpfer war. Diese Schicht ihrerseits war erstarrt; sie war der böse Geist, der keinen Gegendruck leiden will, der sich absondert, um nicht zu kämpfen, sondern um zu herrschen. Abzeichen des göttlichen Geistes ist es zu kämpfen und zu leiden, Abzeichen des satanischen sich vom Kampfe zurückzuziehen, um nicht zu leiden, sondern um zu herrschen, das heißt außerhalb der Möglichkeit des Angriffs seinen Willen auszuüben. Man verwechselt meistens Machttrieb und Herrschsucht, zwischen welchen doch ein himmelweiter Unterschied ist. Machttrieb ist natürlich und insofern gut, er will Ausdehnung und setzt sich dem Gegendruck anderer aus, die sich auch ausdehnen wollen; Herrschsucht ist böse, sie will über allen stehen, um unberührt und unverändert zu bleiben. Hier berühren wir auch den Unterschied zwischen Größe und Größenwahn: die Größe hat den Drang, etwas zu leisten, was dauert, und wirft sich in das Leben, um ihr Werk im lebendigen Ganzen, im Kampf der Gegensätze zu verankern; der Größenwahn bildet sich ein, etwas zu sein und zieht sich aus dem Wettkampf zurück, um sich widerspruchslos verehren zu lassen. Solche von Größenwahn besessene Einsame thronen in allen Winkeln Deutschlands.
Macht man sich das ganz klar, so begreift man, warum Goethe, indem er die Idee der Menschlichkeit verfocht, sich zugleich einen Christen nennen konnte; spricht es ja die Christenlehre und das Beispiel des Herrn deutlich aus, daß Gott im Menschen erscheint und daß es göttlich ist, als Mensch zu kämpfen und zu leiden. So Goethe: Denn ich bin ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein. Das Wort ward Fleisch. Der Mensch ist ein Kämpfer, und weil er ein Kämpfer ist, ist er Gott-Mensch. Gott losgetrennt von der Menschheit, der Geist, der das gemeinsame Los der Menschen und der Tiere, sich im Kampfe zu entwickeln, nicht teilen will, ist Satan, ist das, was man auch volkstümlich Geist, im Sinne von Gespenst, nennt. Satan wird nicht Fleisch; wo wir die Neigung zur Askese finden, ist auch Neigung zur Herrschsucht und zur sogenannten reinen Geistigkeit. Wie überwältigend klar und schlicht sind die Symbole des Christentums! Christus, der Gottmensch, der Kämpfer, der am Kreuze endet. Das hohe Haupt voll Blut und Wunden ist es, das wir anbetend grüßen, nicht das des abgesondert Thronenden, der in seiner Einsamkeit ein Übermensch zu sein wähnt. Böse sein ist nicht stehlen, rauben und morden, das sind Sünden, die vergeben werden können; böse sein ist Erstarren durch Absonderung vom Kampfe der sich entwickelnden Menschheit. Nur in diesem Sinne ist der Reichtum etwas Böses, weil er zur Absonderung vom Kampfe verführt oder ihn erleichtert. Auch erlangte Macht verführt dazu, wie sie auch die Verantwortlichkeit ablehnt; verantwortliche Macht dagegen ist gut, ja sie ist vielleicht das größte Wagnis und Opfer, zu dem der starke Mensch sich entschließen kann.
Man betrachte das Leben der Kaiser des einstigen Römischen Reichs Deutscher Nation. Es sind Männer, die uns in den riesenhaften Maßen der Sage vorschweben. In einem unablässigen, atemraubenden Kampfe ziehen sie ihrem Volke voran. Von einem Stamme reisen sie zum andern, um Recht zu sprechen, unbotmäßige Vasallen abzusetzen, neue zu belehnen. Aus den Entsetzten werden fast immer offene Gegner, die es im Kampfe niederzuwerfen, hernach zu versöhnen gilt. Es fehlt zu keiner Zeit an mehreren solcher Empörer in dem weiten Reiche, die im Fluge bewältigt werden müssen, damit der Kampf gegen die Heiden geführt werden kann, die von außen gegen das Reich anstürmen: Hunnen, Ungarn, Dänen, Slawen, Türken. Die Wilden bändigt bald der Zorn, bald zieht die Gnade sie an sich, um sie den eigenen Völkern zu verschmelzen. Dazu kamen die Fahrten nach Italien, das nach der damaligen, auch von den Italienern geteilten Vorstellung zum Reiche gehörte, und hier vermischte sich der Kampf gegen das italienische Volk mit dem Kampf gegen die Päpste, großherzige Gegner, insofern sie das italienische Volk vertraten, satanische, insofern sie die geistige Weltherrschaft anstrebten. Dunkel fühlen wir in unseren großen Kaisern ihnen gegenüber die Befreier, ehren sie als Hüter der christlichen Freiheit. Eine spätere Zeit verstand unter christlicher Freiheit bloße Gedankenfreiheit, womit eine absolute Trennung des Gedankens vom Handeln ausgedrückt ist, die schon auf wissenschaftliche Verkehrtheit deutet. Christliche Freiheit ist die Freiheit, sich in Wort und Tat zu äußern, aber als verantwortliches Wesen; sie will zur Freiheit und Macht auch das Recht, während es der Anarchie nur an Freiheit und Macht gelegen ist, nämlich daß jeder tue, was er wolle. Die Welt wurde antichristlich und antipersönlich, denn das ist ein und dasselbe, als sie die Verantwortung den Einzelnen entzog und sie auf kleinere oder größere Massen verteilte.
Ich komme auf unsere Kaiser zurück. Diese großen Männer, die Ersten der Christenheit, setzten sich allen Stürmen und Bitternissen des Lebens aus. Fast immer heftete sich an die Schritte des Herrschers ein rebellischer Sohn, Stiefsohn oder Bruder und trug den Kampf in das Haus, in die tiefsten Falten des Herzens. Es ist wunderbar, wie sie es verstanden, die Würde des Reiches zur Geltung zu bringen und dennoch die zärtlichen Gefühle des Vaters walten zu lassen. Sie gingen selbst in die Schlacht, die damals noch wesentlich Nahkampf war. Sie verhandelten persönlich mit ihren Gegnern und waren dem Pfeil und Gift ihrer Feinde preisgegeben.
Wem fiele da nicht der letzte Hohenzoller ein, dem in manchen Augenblicken ein ähnliches Leben vorgeschwebt haben mag? Und dennoch, welch ein Unterschied ist vorhanden, ja eine Verzerrung und Verkleinlichung im Königsleben der Gegenwart, wenn wir es mit der Vergangenheit vergleichen, drängt sich uns auf. Denn was die Größe ausmacht, ist die Verantwortung, die freie persönliche Entschließung, auf der die Taten jener Herrscher beruhten, das Bewußtsein, beständig, wie man damals sagte, in Gottes Hand zu sein, von den vernichtenden Folgen des eigenen Tuns getroffen werden zu können. Die unglücklichen Monarchen unserer Tage können nicht groß sein, sie können höchstens an Größenwahn leiden; denn wenn es ihnen auch einmal gelingen sollte, aus eigner Entschließung zu handeln, so werden sie doch, als unverantwortlich, den Folgen ihres Tuns entzogen. Handeln ist aber nur das Tun, welches mit dem Erleiden der Gegenwirkung verbunden ist. Es ist eigentümlich, wie unsere Zeit, wenn sie einem die Gelegenheit bietet, als verantwortlicher Täter aufzutreten, Schuldiger zu sein oder Schuld auf sich zu nehmen, ihm die Gelegenheit stets selbst wieder abschneidet. Wir sprechen wohl zuweilen von persönlichen Schuldigen, aber wir erkennen sie doch zuletzt nicht an, und es gibt ja auch keine, weil keiner aus dem Bewußtsein persönlicher Verantwortlichkeit heraus handelt.
Wir stehen Christus wie überhaupt den Helden der Vergangenheit verständnislos gegenüber, weil unsere Zeit keine Helden mehr will und erträgt. Held ist der, welcher sein Volk gegen Bedrückung vertritt; jetzt ist die Masse selbst Herr oder beansprucht es zu sein, sie ist es theoretisch, und ein Befreier müßte eigentlich den Einzelnen, das heißt sich selbst, gegen die Masse vertreten. Da nun aber das Wesen des Helden gerade darin besteht, daß er Vertreter möglichst vieler ist, so kann einer, der nur sich selbst vertritt, unmöglich ein Held sein. Dadurch entstehen unter uns tragisch Verzerrte, wie Friedrich Nietzsche, in denen Größe und Größenwahn, Heroismus und Schwäche sich gespenstisch mischen. An Napoleon können wir sehen, wie er, obwohl die Masse freiwillig ihren Herrscheranspruch an ihn abtrat, doch immer die demokratischen Redensarten seiner Zeit handhabte und deswegen oft zweideutig erscheint. Ähnliche Widersprüche beobachten wir an Lassalle.
Der Gegensatz, den das Leben einschließt, bewirkt eine nicht mechanische und auch nicht regellose, sondern eine rhythmische Bewegung; er beruht nicht auf zwei entgegengesetzten Kräften, sondern auf einer, die sich in zwei spalten läßt, sich aber immer wieder in einer dritten zu vereinigen sucht. Es ist ein Gegensatz innerhalb der Willenskraft, welcher sich zwiefach und gegensätzlich offenbart, nämlich als Wille zum Ganzen, Gott-Vater, und als Einzelwille, der Teufel, der den Menschen verführt. Der Anfang des Teufels, so lehrten die Kirchenväter, ist gut. Ist nicht der Wille Gott selbst? Und ist er nicht auch Geist und göttlich in Gottes Ebenbilde?
Gott selbst will den Gegensatz, er gehört geheimnisvoll zu seinem Wesen; satanisch und wahrhaft böse wird der Einzelwille erst, wenn er sich über den gottväterlichen Willen setzt; wenn er sich in irgendeiner Form vom Willen zum Ganzen absondert, anstatt im Kampfe des Lebens den Einzelwillen zu einem Träger des Ganzen werden zu lassen. Nicht gebrochen soll der Wille werden, im Gegenteil, je kräftiger er ist, desto besser ist er, wenn nur sein eigenes Glück nicht sein einziges Ziel ist.
Man kann sagen: Gott ist das Maß zwischen zwei Gegensätzen, deren Ursprung er ist, und die er selbst ausgleicht. Insofern ist die Welt, in der Gott sich offenbart, die einzige Maschine, die ohne Verlust arbeitet; sie ist eben keine Maschine, sondern ein Organismus, sie ist der offenbarte Gott selbst. Die Überschreitung des Maßes ist das, was wir Sünde nennen, und diese kann ausgeglichen werden; das einzig wahrhaft Böse ist die Gegensatzlosigkeit, die durch Beziehung des Einzelnen auf sich selbst, man kann auch sagen durch Zentralisierung entsteht.
Könnten wir uns nicht unser als eines Ich, einer Einheit, eines Ganzen bewußt werden, so könnten wir uns nicht in unfruchtbarem Größenwahne Gott gleich wähnen, als wären wir an uns selbst etwas Vollkommenes, etwas was aus und durch sich selbst bestehen könnte. Damit der stolze Mensch erfahre, daß er Teil eines Ganzen ist, muß er Gegenwirkung erleiden; nur dadurch wird er seiner Unvollkommenheit, seiner Schwäche inne, und der Notwendigkeit, sich durch andere zu ergänzen. Das was uns antastet und angreift, ist unser Heil; es bewahrt uns vor Erstarrung, zu der unsere Neigung, uns auf uns selbst zu beschränken, leicht uns führen könnte. Andrerseits würden wir auch unsere göttliche Bestimmung nicht ahnen, ohne die Möglichkeit uns zum Ganzen zu schließen, nur daß der Abschluß immer als Künftiges vor uns schweben muß.