hikari no tsurugi - Schwert des Lichts - Martin Becker - E-Book

hikari no tsurugi - Schwert des Lichts E-Book

Martin Becker

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Beschreibung

Markus Bender will in Nerima, Tokyo, bei einer Familie mit angeschlossenem Dojo wohnen, um seine Kampfeskünste unter authentischer Anleitung zu trainieren. Doch das ist nicht der wahre Grund für seinen Aufenthalt in Tokyo. Ihm gehört seit einiger Zeit ein besonderes Schwert, das hikari-no-tsurugi-maru. Seitdem er dieses Schwert auf einem Flohmarkt in Paris erworben hat, hat sich sein Leben drastisch verändert. Durch das Schwert ist er von einem guten Geist, dem Shinentai, beseelt. Dieser lässt ihn an seinem Wissen und Erfahrung teilhaben und stattet ihn so mit einer ganzen Reihe von Fähigkeiten aus. Das ist auch nötig, denn Markus muss sich in einem Kampf gegen den Akurei stellen, einem bösen Geist, der auf diese Welt kommen will, um sich hier sein eigenes Reich jenseits des Einflusses der Götter aufzubauen. Das zu verhindern, ist Markus unfreiwillig zuteil gewordene Aufgabe, auf die er sich nun konzentrieren und mit aller Kraft vorbereiten muss. Doch das wäre viel einfacher, wäre da nicht Hayase, die älteste Tochter seiner Gastfamilie. Markus entwickelt Gefühle, die er aktuell lieber gar nicht zulassen möchte. Die 800 Jahre umspannenden Geschichte erzählt, wie der Akurei versucht, die Welt an sich zu reißen. Dabei erhält der Leser Einblick in die historische Entwicklung Japans, seine Sitten und Gebräuche sowie die Sprache und begleitet Markus auf seiner Reise, bei der er nicht nur die Welt retten, sondern auch sich selbst wiederfinden muss.

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Seitenzahl: 434

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Martin Becker

hikari no tsurugi

© 2024 Martin Becker

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Martin Becker, Ohmstraße 11, 32657 Lemgo, Germany.

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

1. - Tokyo 2006 (05.07.)

2. - Okinawa (Ryukyu) 1606

3. - Tokyo 2006 (05.07.)

4. - Okinawa (Ryukyu) 1606

5. - Tokyo 2006 (06.07.)

6. - Tokyo 2006 (06.07. und 07.07.)

7. - Okinawa (Ryukyu) 1606

8. - Tokyo 2006 (07.07.)

9. - Tokyo 2006 (08.07. – 13.07.)

10. - Itabashi - Yedo-Region 1206

11. - Tokyo 2006 (13.07.)

12. - Okinawa (Ryukyu) 1606

13. - Tokyo 2006 (14.07.)

14. - Tokyo 2006 (16.07.)

15. - Yedo 1606

16. - Tokyo 2006 (21.08.)

17. - Yedo 1606

18. - Tokyo 2006 (21.08.)

19. - Tokyo 2006 (22.08.)

20. - Yedo 1616

21. - Tokyo 2006 (22.08.)

22. - Tokyo 2006 (24.08.)

23. - Tokyo 2006 (24.08.)

24. - Tokyo 2006 (03.09.)

25. - Tokyo 2006 (27.09.)

26. - Tokyo 2006 (07.10.)

Epilog – Tokyo 2006

hikari no tsurugi - Schwert des Lichts

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

1. - Tokyo 2006 (05.07.)

Epilog – Tokyo 2006

26. - Tokyo 2006 (07.10.)

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1. - Tokyo 2006 (05.07.)

Es regnet. Schon wieder. Seit meiner Ankunft in Tokyo vor zwei Monaten hat es immer wieder Regenschauer gegeben. Es ist inzwischen Anfang Juli. In Japan ist Tsuyu, Regenzeit. Und wenn es mal nicht regnet, ist die Luft unerträglich feucht von den vorherigen Schauern.

Die Uhr vorne im Armaturenbrett zeigt kurz vor drei Uhr. Es ist früher Nachmittag. Ich sitze rechts hinter meinem Fahrer auf dem mit schwarzem Leder bezogenen Rücksitz der hoteleigenen Limousine, einer Mercedes S-Klasse der neunziger Jahre. Das Fahrzeug ist, obwohl in die Jahre gekommen, immer noch in einem großartigen Zustand und hat noch nichts von seiner luxuriösen Ausstrahlung verloren. Der Fahrer und ich stehen mitten in Nerima, einem äußerst nordwestlich gelegenen Stadtbezirk von Tokyo, in einer der vielen schmalen Straßen, die für mich alle gleich aussehen. Die Straße, in der wir angehalten haben, ist von mannshohen Mauern und Hecken gesäumt, hinter denen sich kleine Wohnhäuser verstecken. Einige dieser Grundstücke haben auch einen kleinen Garten, meistens bestehend aus einer Rasenfläche oder einem kleinen Beet. Wenige haben auf die knappe Fläche sogar einen Baum gepflanzt, von dem lediglich die Krone von der Straße aus sichtbar ist und der den gesamten Garten in Anspruch zu nehmen scheint. Hin und wieder wird das Ganze von Einfahrten unterbrochen, wo die Anwohner ihr Auto abstellen können. In den engen Straßen ist das Parken unmöglich.

Mein Reiseziel am Ende der Straße ist schon in Sichtweite. Ich beabsichtige, den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Während mich mein Chauffeur durch den Rückspiegel beobachtet, jederzeit bereit aus dem Auto zu springen, wenn sein Fahrgast auch nur andeutet, nun aussteigen zu wollen, schaue ich zu meiner Rechten aus dem schwarz getönten Fenster. Die Außenwelt erscheint aufgrund der Tönung in ein unwirkliches, dunkles blau getaucht und lässt die Außenwelt noch düsterer erscheinen, als sie wegen des Wetters tatsächlich ist. Ich sehe den Regentropfen beim Herunterrutschen an der Scheibe zu und verliere mich in Gedanken. Wie bin ich hier nur hineingeraten?

Nachdem ich mein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, wollte ich eine Rundreise durch Europa machen. Vor zwei Monaten aber wurde dieser Plan jäh unterbrochen. Ich war in Paris und bin über den bekannten Trödelmarkt, den „Marché aux puces de Saint-Ouen“, geschlendert. Am Ende habe ich ein altes Katana gekauft, das von einem Geist, dem Shinentai, besetzt war, der dadurch auf mich übergegangen und jetzt ein Teil von mir ist. Ich bin von dunklen Gestalten angegriffen worden und musste mich vor der Polizei verstecken. Klingt unglaublich? Ist es auch. Hätte ich es nicht selbst erlebt, ich würde mir auch nicht glauben.

Und außer mit François kann ich mit niemanden darüber sprechen. Er hat mich damals in Paris aufgegabelt und hier nach Tokyo gebracht. Erst durch ihn habe ich etwas über meine neue Situation erfahren können. Ohne ihn wäre ich in Paris verloren gewesen. Seitdem wir Paris verlassen haben, hat sich François um mich gekümmert. Er hat mir erklärt, was mit mir passiert ist und welche Aufgabe damit einhergeht. Ihm ist es zu verdanken, dass ich die Symbiose mit meinem neuen Begleiter, wie ich ihn zu nennen pflege, und die mir auferlegte Aufgabe zu akzeptieren gelernt habe. Er hat mir bis hier hin den Weg gewiesen. Das hat mir Sicherheit gegeben, denn ich hatte lange niemanden in meinem Leben, auf den ich mich verlassen konnte oder der mir bei schweren Entscheidungen beigestanden hätte. François hat diese Lücke gefüllt, als ich das am dringendsten brauchte. Doch weder François noch ich wissen, wie, wann und wo sich mein Schicksal erfüllen wird.

Ich kann wohl zu Recht sagen, dass er inzwischen sogar ein Freund geworden ist, wenngleich seine Führsorge für mich aus seiner Sicht wohl im Wesentlichen Pflichterfüllung darstellt.

Hier kann er mich allerdings nicht begleiten. Ab jetzt werde ich also erst einmal wieder weitestgehend auf mich allein gestellt sein. Und das beunruhigt mich mehr, als ich erwartet habe. Offensichtich fühle ich mich in meiner neuen Rolle noch nicht ganz wohl. Ich glaube, dass ich tatsächlich so etwas wie Lampenfieber habe wegen dem, was nun vor mir liegt.

Ich atme einmal tief durch, setze meine Mütze auf und öffne die Fahrzeugtür. Mein Fahrer springt, wie erwartet, nun ebenfalls behände aus dem Auto und greift nach meiner Tür, um sie für mich ganz zu öffnen. Noch bevor mich auch nur ein Regentropfen treffen kann, steht er mit einem schwarzen Schirm bewaffnet neben mir und gebietet mir Schutz vor dem schlechten Wetter. Ich werfe die Tür ins Schloss. Das Wetter ist heute besonders unangenehm. Mit etwa 23°C ist es für den aufkommenden Sommer zwar noch vergleichsweise kühl, aber die Luftfeuchtigkeit ist erdrückend hoch. Wenn einen nicht der Regen durchweicht, dann der Schweiß wegen der durch die schwülfeuchte Luft angeregten Transpiration. Dennoch ist meine Jacke bei diesem Regen als Schutz wohl nötig. Ich merke aber schon, wie sich auf meiner Stirn die ersten Schweißperlen bilden. Schon jetzt vermisse ich das klimatisierte Innere des Wagens.

Mit einer Hand den Schirm haltend wendet sich mein Fahrer dem Kofferraum zu und öffnet ihn. Zum Vorschein kommen die beiden Taschen, die meine gesamte Habe für die nächste Zeit darstellen. Zum einen eine sehr geräumige Sporttasche, in der sich mein eigentliches Gepäck befindet, zum anderen eine schwarze Nylontragetasche in rechteckiger Form, etwas über einen Meter lang und vielleicht gut 30 bis 35 cm breit wie hoch. In der Tasche befindet sich das Schwert, das ich in Paris erworben und seither ständig bei mir habe.

Ich atme einmal tief ein und wieder aus. Mit einem beherzten Griff fasse ich beide Taschen und hebe sie aus dem Kofferraum. Ich nicke meinem Fahrer zu, der daraufhin den Kofferraum des schwarzen Wagens mit dem dezenten, chromglänzenden „V12“-Schriftzug in der C-Säule wieder schließt. Während ich höre, wie der Schließmotor den Zapfen des Kofferraumdeckels in das Schloss zieht, wende ich mich in Fahrtrichtung des Wagens. Mein Weg wird mich ein Stück die Straße hinauf nach Norden zu einer Querstraße führen. Man kann das Grundstück, das an dieser Straße liegt, schon von hier aus erkennen. Es ist eine deutlich größere Parzelle, so dass neben dem Haus wohl auch noch ein großer Garten zum Anwesen gehört. Ein Zeichen dafür, dass die Eigentümer in einem eher älteren Anwesen leben, das zu Zeiten errichtet wurde, als Nerima noch nicht so eng bebaut war. Heute wäre ein so großes Stück Bauland nicht bezahlbar. Ich schätze, dass es mindestens fünfmal so groß ist, wie die übrigen Parzellen. Ein beachtlicher Grundbesitz.

Das Ziel vor Augen gehe ich los. Nach wenigen Schritten hieve ich die Tragegriffe der schweren, rechteckigen Tasche über meine rechte Schulter. Die leichtere Tasche trage ich in der linken Hand. Hinter mir höre ich, wie mein Fahrer den Schirm schließt und wieder in den Wagen steigt. Er wird das Auto wenden und zurückfahren. Als ich die Querstraße erreiche, biege ich nach rechts Richtung Osten ab und sehe über meine Schulter hinweg, wie sich der Wagen entfernt.

Das wegfahrende Auto verursacht für einen kurzen Moment ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend. Aber es gibt kein Zurück. Dafür ist meine Aufgabe zu wichtig. Entschlossen setze ich meinen Weg der Querstraße folgend fort. Linkerhand liegt das Grundstück meiner Gastgeber. Über die knapp zweieinhalb Meter hohe Mauer hinweg kann man das Dach eines traditionell gebauten japanischen Holzhauses erkennen. An der nächsten Querstraße biege ich wieder nach Links und folge der Mauer bis zu einem Holztor. Das zweigeteilte Tor, dessen rechter Flügel offensteht, ist mit einem Dach verziert, dass allerdings praktisch keinen Schutz vor dem Regen bietet. Rechts vom Tor hängt ein längliches Holzschild, auf dem in Kanji geschrieben steht „伊藤 道場 - 無料選択肢流“, Itō dōjō - muryō sentakushi-ryū. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Ito Trainingshalle - Kampftechnik der freien Wahl“ was wohl meint, dass hier alle erdenklichen Kampftechniken gelehrt werden. Ich bin am Dojo der Familie Ito angekommen. Links steht ein quadratisches Schild an die Mauer gelehnt, das jeden Besucher des Dojos anweist, den Hintereingang zu benutzen. Hier bin ich richtig.

Das Holz des Tores ist zwar solide, aber schon stark von der Witterung grauschwarz verfärbt. Es ist offensichtlich schon viele Jahre alt. Wie ich die Kanji des Namens Ito betrachte, fällt mir etwas auf. Dem Familienname Ito ist zwar keine konkrete Bedeutung zu entnehmen, im Namen befindet sich aber das Kanji (藤) „to“, das mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine frühere Verbindung zur Familie der Fujiwara hinweist. Entscheidend ist in diesem Fall, dass das Kanji (藤) „to“ auch „fuji“ gelesen werden kann. Ein Kennzeichen, das die Familie als Unterstützer des alten Adelsgeschlechts der Fujiwara (藤原) ausweist. Diese stiegen während der Heian-Zeit, also von 794 bis 1192, zu den inoffiziellen Herrschern des Landes auf und verliehen verbündeten Familien Nachnamen, die das erste Kanji ihres eigenen Namens enthielten. Es wäre also gut möglich, dass es sich bei der Familie Ito um ein sehr altes, ehrwürdiges Geschlecht handelt, was natürlich auch den großzügigen Grundbesitz und das sehr traditionelle Haus erklären würden.

Mittlerweile irritiert es mich nicht mehr so sehr, dass mir unvermittelt solche Dinge auffallen, die ich eigentlich gar nicht wissen kann. Schuld daran ist mein neuer Begleiter. Er lässt mich an seinem Wissen teilhaben. Sein Wissen und seine Fähigkeiten sind nun auch ein Teil von mir. Über meinen Begleiter selbst weiß ich allerdings sonst absolut nichts. Nur, dass er wohl Shinentai heißt, was genau genommen die Bezeichnung für einen Geist ist, dessen Verlangen oder Wünsche zu Lebzeiten unerfüllt blieben. So hat es mir François erklärt.

Ich trete durch das Tor auf einen mit flachen Natursteinen in unterschiedlichen Rot- und Brauntönen belegten Weg. Etwa fünf Meter vor mir befindet sich, mit einem Überbau geschützt, die Eingangstür. Vor der Tür angekommen stelle ich beide Taschen ab und sehe mich etwas um. Zur Rechten des Weges befindet sich ein Beet, das mit niedrig wachsenden Büschen bepflanzt ist. Die dazwischen liegende Erde ist sorgsam in einem gleichmäßigen Muster ordentlich geharkt. Dahinter erhebt sich ein dichter, brauner Bretterzaun, der auf Höhe des Hauses mit einem Tor endet. Zur Linken ist der Weg mit einer dichten, mannshohen Hecke begrenzt, die jedoch auf meiner Höhe einen Durchgang zum südlich gelegenen Garten hat. Wegen des andauernden Regens ist alles tropfnass. Gleichzeitig steigt mir ein Duft von feuchter Erde in die Nase.

Die Tür, vor der ich stehe, ist eine Fusuma, eine solide Holztür, die aber nicht mit Scharnieren ausgestattet ist, sondern nach japanischer Art schiebend geöffnet wird. Eine Klingel vermag ich nicht zu entdecken. Die Tür aber ist nicht verschlossen, sondern einige Millimeter aufgeschoben. Also schiebe ich die Tür vorsichtig weiter auf, greife nach meinen Taschen und trete ein. Ich bin angemeldet, so dass mein Gastgeber über mein Kommen informiert ist und mich offensichtlich erwartet. Daher die leicht aufgeschobene Tür. So muss ich nicht länger im Regen stehen.

Der Eingangsbereich ist, wie in Japan üblich, ein Genkan. Ich stehe auf einer rechteckigen, gefliesten Fläche, die ringsum mittels einer Stufe zum übrigen Haus hin abgegrenzt ist. Der Fußboden im Haus besteht aus Holz, wie vieles in und an diesem Haus. Zu meiner Linken, bereits eine Stufe höher, steht an der Wand ein Halter mit Filzpantoffeln gefolgt von einer Kommode, auf der sich ein Telefon befindet. Zu meiner Rechten führt eine Treppe in den ersten Stock, der daneben liegende Flur wohl in den Wohnbereich des Hauses. In der Wand vor mir befindet sich ein rechteckiges, an den Ecken nach innen abgerundetes, vergittertes Fenster, das aufgeschoben werden kann und den Blick in den dahinter liegenden Raum frei geben würde, wäre es nicht mit Papier bespannt und dadurch undurchsichtig.

Von meiner Jacke und meiner Mütze tropft es. Ich bin noch anständig nass geworden. Ich stelle meine Taschen im gefliesten Bereich ab und rufe während ich die Schiebetür schließe auf Japanisch: „Entschuldigung für die Störung! Ist jemand zu Hause?“

Schritte nähern sich. Von rechts sehe ich eine schlanke Frau, vielleicht Anfang vierzig, halb durch die Treppe verdeckt, auf mich zukommen. Sie trägt eine Schürze und lächelt freundlich.

„Kon'nichiwa“, sagt sie mit einer leichten Verbeugung und wünscht mir damit auf Japanisch einen „Guten Tag“.

„Kon'nichiwa“, erwidere ich den Gruß, „Es freut mich, Sie zu treffen. Ich heiße Markus Bender“, stelle ich mich ihr ebenfalls mit einer leichten Verbeugung in sehr höflichem Japanisch vor.

„Auch ich freue mich, Sie zu treffen. Mein Name ist Hiromi Ito. Sie müssen der neue Schüler sein. Willkommen in unserem Haus. Ich hörte schon, dass Sie heute kommen würden. Lassen Sie Ihre Sachen ruhig hier stehen. Ich bringe Sie erst einmal zu meinem Mann.“

Nachdem ich meine nasse Jacke sowie die Mütze abgelegt habe, öffne ich meine Tasche und entnehme ihr meine Hausschuhe, die ich in weiser Voraussicht beim Packen als letztes in die Tasche gelegt hatte. Als ich meine Schuhe ausgezogen habe, trete ich eine Stufe höher ins Haus hinein, wobei ich mir die Hausschuhe anziehe. Hiromi Ito, die diesen Vorgang kaum merklich aber sehr interessiert beobachtet hat, bittet mich, ihr zu folgen. Sicherlich hatte sie nicht erwartet, dass ich als Ausländer auf solche landestypischen Gepflogenheiten achte. So muss ich aber keine der für Besucher vorgehaltenen Filzpantoffeln anziehen.

Wir gehen den Flur neben der Treppe entlang und biegen an deren Ende nach links ab. Geradeaus ginge es weiter zum Dojo, teilt mir Hiromi Ito mit. Wir gehen an der Küche, welche rechts von uns liegt und in deren Tür dunkelblaue Noren hängen, kurze Vorhänge, die vom Türrahmen herab etwa das obere Viertel der Tür verdecken, vorbei und müssen dann erneut links abbiegen. Am Ende dieses kurzen Flures ist Tageslicht zu sehen. Wir wenden uns nach rechts und kommen auf eine Veranda, etwa zwei Meter breit. Links von uns befinden sich Schiebetüren aus Glas, welche hinaus in den Garten führen und einen Spalt aufgezogen sind, um die durch den Regen etwas abgekühlte Luft ins Haus zu lassen. Eine rote Furin, eine japanische Windglocke, welche im Rahmen aufgehängt ist, klingelt hin und wieder leise. Rechts von uns liegt ein rechteckiger Raum, das Wohnzimmer, welches ebenfalls mit zwei Schiebetüren verschlossen werden kann, die aber jetzt beide vollständig geöffnet sind. In der gegenüberliegenden Wand und zur Rechten befinden sich ebenfalls Schiebetüren, die aber geschlossen sind.

Es handelt sich um einen sogenannten Washitsu mit Shoji-Wänden und Tatamimatten in der Raummitte. Bei einem traditionell japanisch gebauten Haus wie diesem ist ein solcher Raum selbstverständlich. Mittlerweile sind sie aber aufgrund der stetigen Verwestlichung und natürlich auch des Platzmangels, der nur kleine Häuser und Wohnungen zulässt, eher selten geworden. Shoji und Tatamimatten sowie ein niedriger Tisch in der Mitte, an dem auf dem Boden sitzend Platz genommen werden muss, sind traditionelle Bestandteile eines solchen Raumes.

An diesem in der Raummitte stehenden Tisch sitzt am von mir aus gesehen linken Ende ein schlanker Mann. Ich schätze ihn auf Ende vierzig. Er hat sein Gesicht hinter einer Zeitung verborgen, im Aschenbecher glimmt eine Zigarette. Außerdem steht neben ihm auf dem Boden eine große Thermoskanne mit heißem Wasser sowie auf dem Tisch noch drei Becher für Tee. Beim Eintreten sehe ich in der Raumecke links von mir einen Fernseher auf einer kleinen Kommode, der aber ausgeschaltet ist.

Hiromi Ito geht um den Tisch herum und lässt sich zur Linken Ihres Mannes, direkt neben der Thermoskanne nieder. „Soun, unser Gast ist da.“

Ich entschließe mich, dem Hausherrn gegenüber zu sitzen und lasse mich auf einem dort liegenden Zabuton, einem Sitzkissen, nieder. Mein Gegenüber faltet die Zeitung zusammen, löscht die halb gerauchte Zigarette und beginnt mich zu mustern. Ohne die Zeitung sehe ich, dass sein schwarzes Haar sehr kurz geschnitten ist und er einen ebenso kurz getrimmten Oberlippenbart trägt. Sein Gesichtsausdruck ist ernst. Ich kann nicht erkennen, ob er mit meiner Erscheinung zufrieden ist, oder nicht. Seine Frau hingegen lächelt ununterbrochen und beginnt, Tee aufzubrühen.

Ich vermag die Situation nicht einzuschätzen. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Soun Ito mir gegenüber Argwohn hegen könnte. Das würde mich auch gar nicht sonderlich wundern. Zum einen treffen hier unterschiedlichste Kulturkreise aufeinander, zum anderen dürfte es in diesem Dojo noch nie vorgekommen sein, dass ein europäischer Schüler um Aufnahme bittet. Für mich jedoch konnte die Annonce, die François und ich vor wenigen Tagen in der Zeitung fanden, kaum besser kommen.

Ein weiteres Mal stelle ich mich vor.

Soun Ito nickt mir zu: „Willkommen in unserem Dojo der Kampfsportschule der freien Wahl, Bender-san. Ich bin Soun Ito, Ihr Sensei. Sie möchten unseren Kampfstil erlernen?“

„Hai, Ito-sensei! Ich möchte meine Fähigkeiten trainieren und ausbauen. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie meine Aufnahme in Erwägung ziehen.“, antworte ich mit einer leichten Verbeugung.

„So wie ich Sie verstanden habe, geht es Ihnen aber nicht nur um Kampftraining?“

„Nein. Ich habe gerade mein Studium beendet. Nun möchte ich neben dem Kampfsport auch die japanische Kultur und Sprache besser kennen lernen. Aus diesem Grund bin ich für die Aufnahme nicht nur in ihrem Dojo, sondern auch in ihrem Haus außerordentlich dankbar.“

„Wir hatten eine monatliche Gebühr von 65.000,00 ¥ pro Monat vereinbart, nicht wahr?“

Das entspricht einer Miete in Höhe von etwa 530,00 €.

„So ist es.“

„Oh! Er ist ein so höflicher junger Mann“, wirft Hiromi Ito ein und blickt dabei Ihren Mann an.

„Dann soll es so sein“, meint dieser, womit das Geschäft anscheinend perfekt ist.

Hiromi Ito bietet uns Tee an, den ich gerne annehme. Schlürfend saugt Soun Ito einen Schluck des heißen Tees ein, bevor er sich erneut mir zuwendet.

„Meine Frau wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen.“

Hiromi Ito setzt ihre Tasse ab.

„Sie sprechen ein sehr gutes Japanisch, Bender-san.“

„Vielen Dank. Ich habe es in der Schule gelernt. Allerdings habe ich lange nicht gesprochen und bin etwas aus der Übung.“, antworte ich.

Doch das war natürlich gelogen. Vor zwei Monaten konnte ich kein einziges Wort Japanisch. Nun spreche ich die Sprache fließend, wenn auch mit Akzent, und beherrsche die japanischen Schriftarten Hiragana, Katakana und einige tausend Kanji. Außerdem kann ich historisches Japanisch lesen und verstehen, was eine große Hilfe beim Lesen alter Quellen war, die François und ich in den letzten Wochen studiert hatten. Mein Kopf ist dank meines neuen Begleiters voll mit diesen für mich fremden Dingen. Aber das kann ich ja niemandem erzählen.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“

Hiromi Ito und ich stehen auf und gehen den Weg, den wir gekommen sind, zurück. Beim Verlassen des Raumes bekomme ich noch den Hinweis, dass das Badezimmer rechts um die Ecke am Ende des Flures läge. Aber wir wenden uns nach Links und gehen zurück Richtung Küche. Gegenüber der Küche schiebt Hiromi Ito eine Tür auf und führt mich wiederum in einen Washitsu. Der Boden ist in der Mitte mit Tatamimatten bedeckt, so dass ich meine Hausschuhe ausziehe, nachdem ich den Raum betreten habe. In der linken Wand befindet sich das undurchsichtige Fenster, das ich vom Genkan aus gesehen hatte. In der dem Eingang gegenüberliegenden Wand gibt es zwei Fenster vor die Shoji geschoben sind. Beim rechten Fenster ist der Sichtschutz jedoch aufgeschoben. In der rechten Wand schließt sich zur einen Hälfte ein Schrank mit zwei Schiebetüren an. Die andere Hälfte ist eine der Tiefe des Schrankes entsprechende Einbuchtung mit einem etwa dreißig Zentimeter hohen Sims.

„Dieses ist eigentlich ein besonderer Raum für Feste oder Empfänge, aber zurzeit benötigen wir ihn nicht. Ich habe Ihnen im Schrank links ein paar Fächer für Ihre Wäsche frei gemacht.“

Hiromi Ito tritt an den Schrank heran und schiebt seine rechte Tür auf.

„Und hier rechts habe ich Ihren Futon bereits vorbereitet. Sie sollten ihn aber vor dem Abendessen aus dem Schrank holen und ausrollen, damit er vor dem Zubettgehen noch etwas lüften kann.“

„Dōmo arigatō, Ito-san“, bedanke ich mich sehr höflich.

„Bitte sagen Sie Hiromi zu mir.“

Ich bin überrascht. Dieses Angebot ist überaus großzügig für einen Japaner und nach der kurzen Kennenlernzeit absolut ungewöhnlich. Es trifft mich daher völlig unvermittelt und ich kann meine Überraschung wohl nicht verbergen.

„Bei so vielen Hausbewohnern mit demselben Nachnamen ist es verwirrend, wenn wir uns beim Nachnamen ansprechen. Der Vorname ist doch viel praktischer, nicht wahr?“, fügt sie erläuternd hinzu und lächelt mich dabei an.

Hiromi Ito scheint mich vom ersten Augenblick an recht gern zu haben. Ausschlagen kann ich die Offerte ohnehin nicht, das wäre unhöflich.

„Gerne, Hiromi-san. Dann nennen Sie mich bitte Markus“, nehme ich das Angebot dankend an.

„Mākasu-san?“, versucht sich Hiromi mit der Aussprache dieses westlichen Namens.

„Hai!“, sage ich und nicke zustimmend.

„Maakasu“ klingt nicht perfekt, allerdings ist die Silbenfolge in meinem Namen auch derart untypisch für die japanische Sprache, dass es nur annähernd passen kann.

„Vielleicht richtest Du Dich erstmal ein. Ich sage Bescheid, wenn das Abendessen fertig ist. Wo das Badezimmer ist, habe ich Dir gezeigt, falls Du vor dem Abendessen noch baden willst. Im Haus kannst Du Dich frei bewegen. Falls Du Fragen hast, kannst Du Dich aber auch jederzeit an mich wenden.“

„Arigatō, Hiromi-san. Das ist sehr freundlich.“

„Dōitashimashite“, antwortet mir Hiromi Ito, was „Bitte, keine Ursache“ heißt.

Und damit verlassen wir beide den Raum wieder. Hiromi Ito geht direkt in die gegenüberliegende Küche und ich hole mein Gepäck vom Eingangsbereich. Nachdem ich wieder zurück in meinem Zimmer bin, schließe ich die Türen und beginne, mich umzusehen. Die Fenster zeigen zum südlich gelegenen Garten. Ich gehe ans Fenster und schaue hinaus. Der Garten ist sehr ordentlich und aufgeräumt. Im rechten Teil gibt es einen Koi-Teich. Auf der Ecke steht ein Baum, hinter dem es wohl um das Haus herum geht. Wenn das Wetter mitmacht, kann ich nachher Garten und Grundstück erkunden. Auf jeden Fall werde ich mir aber, wenn ich mit Auspacken fertig bin, das Dojo selbst ansehen.

Nachdem ich den Inhalt meiner Sporttasche in dem mir zugewiesenen Schrank verstaut und auch die Tasche selbst untergebracht habe, wende ich mich der schwarzen Tasche zu. Sie ist mit zwei parallel verlaufenden Reisverschlüssen verschlossen, die ich nun aufziehe. Mit dem Zurückklappen des Deckels der Tasche kommt die darin transportierte Kiste aus dunklem, glatt poliertem Ulmenholz zum Vorschein. Die Kiste hat keine Beschläge und ist auch sonst ziemlich schlicht.

Mein Blick fällt auf die Einbuchtung rechts neben dem Schrank, die Tokonoma, was wörtlich übersetzt „die gute Ecke“ bedeutet. Hier würde der Hausherr normalerweise Dinge abstellen, die ihm wichtig sind, wie zum Beispiel Familienfotos, Blumen oder das Familienmotto kaligraphisch auf Pergament geschrieben. Der perfekte Ort für meine Kiste, wie ich finde. Denn diese Kiste ist mir äußerst wichtig. Also hebe ich sie aus der Tasche heraus und stelle sie vorsichtig auf den Sims. Mit den Händen taste ich links und rechts an der Kiste entlang nach dem recht gut versteckten Öffnungsmechanismus. Wie ich die Stellen auf beiden Seiten gefunden habe, drücke ich sie gleichzeitig. Mit einem deutlichen Klackgeräusch hebt sich der Deckel der Kiste einige Zentimeter an. Ich öffne ihn ganz. Die Innenseite der Kiste ist mit grünem Samt ausgeschlagen. In einer Vertiefung liegt ein länglicher Beutel aus Seide der ebenfalls grün und sehr schlicht gehalten ist. Am rechten, oberen Ende ist er mit einer roten Fusa, einer Kordel aus Stoff, verschnürt. Ich öffne die Verschnürung, was den Griff des Katanas freilegt, welches sich in dem Schwertbeutel befindet. Ich streife den Beutel vorsichtig ab und entnehme ihm das Katana. Die Länge dieses Schwertes beträgt, wie ich mittlerweile weiß, exakt 2,45 Shaku, was ungefähr 74,24 cm entspricht. Das ist die perfekte Länge für meine Körpergröße. Es ist, als wäre das Schwert für mich gemacht worden.

Das Katana ist schmucklos, wenngleich wegen seiner Schlichtheit auch überaus ungewöhnlich. Die Schwertscheide, die Saya, ist vollständig glatt und weiß lackiert. Es gibt auf ihr keine Verzierungen. Ebenso das Tsuba genannte Stichblatt. Es ist aus Metall und komplett unverziert. Lediglich zwei halbrunde Öffnungen sind vorhanden. Der Griff ist mit weiß gebleichter Rochenhaut belegt. Selbst die Griffwicklungen sind mit weißer Seide ausgeführt. Auf der silbernen Habaki, also der Klingenzwinge, ist auf beiden Seiten das Kanji (光) „hikari“ eingraviert. An der Hamon-Linie erkennt man, dass der Stahl mit Ton unterschiedlich gehärtet wurde, was für ein traditionell gefertigtes Schwert spricht.

Die Klinge hat außerdem Kampfspuren. Wenn man mit dem Daumen den Klingenrücken entlangfährt, kann man einige Scharten spüren. François hat mir zu dem Schwert erklärt, dass es schon sehr alt sei und zuletzt in einem Kampf vor vierhundert Jahren verwendet worden ist. Seitdem ist es nie mehr benutzt und zuletzt in dieser Kiste aufbewahrt worden.

Ich packe das Schwert wieder zurück in sein Behältnis. Zum Trainieren werde ich mir in den nächsten Tagen ein eigenes Katana zulegen. So haben François und ich es besprochen.

Es wird Zeit, sich das Dojo anzusehen. Ich verlasse also, nachdem ich gemäß Hiromi Itos Rat meinen Futon für die Nacht ausgerollt und meine Gi, den traditionellen Kampfanzug, angezogen habe, mein Zimmer Richtung Genkan, biege dann aber nach links ab. Hinter einer Tür, die ausnahmsweise nicht zum Schieben ist, führt ein überdachter Weg zum Dojo, das in einem eigenen Gebäude liegt. Es hat mittlerweile aufgehört zu regnen und von den Kanten der Überdachung tropft es hier und da. Die Luft macht einen deutlich frischeren Eindruck. Es hat sich etwas abgekühlt.

Ich betrete die Kampfhalle, nachdem ich meine Schuhe auf der Stufe davor abgestellt habe. Der Raum ist sehr hoch und geräumig. Links und rechts befinden sich durch einen in einem anderen Muster verlegten Holzfußboden optisch abgeteilte Abstellflächen für Sportgeräte. Auf den ersten Blick sehe ich einige Gewichte und Kisten, deren Inhalt ich nicht erkennen kann. An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand ist in etwa zweieinhalb Meter Höhe ein Regal angebracht, auf dem Kamidana, ein Shinto-Altar, steht. Vor dem Altar befindet sich eine kleine Kiste, Tamaya genannt. Dieser „Geistersims“ dient der Aufbewahrung von Namen Verstorbener, um an sie zu erinnern. Links und rechts stehen Blumenvasen, die mit frischen Blumen bestückt sind. Darunter ist ein Schild an der Wand angebracht, auf dem in Hiragana „いろは“ geschrieben steht. Die Silben bedeuten „i ro ha“ und entstammen einem japanischen Gedicht, das um das Jahr 1000 geschrieben wurde. Es handelt sich um ein perfektes Pangramm, da alle in der Heian-Zeit verwendeten Silben genau einmal vorkommen. Daher wird dieses Gedicht auch heute noch zum Sortieren verwendet. Die ersten drei Silben „i ro ha“ bedeuten in Japan außerdem so etwas wie „ABC“ oder, wie hier, „Grundlagen“. Dadurch soll der Schüler wohl regelmäßig daran erinnert werden, dass die Grundlagen immer wieder trainiert werden müssen, um ein guter Kämpfer zu werden.

Das könnte in meinem Fall kaum zutreffender sein. Neben der japanischen Sprache beherrsche ich seit neuestem auch einige Kampfstile mit und ohne Waffen. Aber eben nur theoretisch. Zwar will sich mein Körper entsprechend den Anweisungen meines neu erlernten Wissens bewegen, aber ganz offensichtlich gibt es da einen großen Unterschied zwischen meinem theoretischen Wissen und meiner körperlichen Kraft und Beweglichkeit. Ich bin schlicht viel zu unsportlich. Das ist kein Wunder. Schließlich habe ich seit Ewigkeiten keinen Sport mehr betrieben. Zwar habe ich in den letzten zwei Monaten mit dem Training begonnen und nicht nur an Gewicht verloren und einiges an Muskeln aufgebaut und Beweglichkeit erlangt, dennoch bin ich noch lange nicht so weit, um meiner neuen Aufgabe gewachsen zu sein. Außerdem habe ich noch nie in meinem Leben Kampfsport trainiert. Das muss sich nun ändern.

Also beginne ich mein Training. Zunächst mit Konzentrationstechniken. Nach Dehnungs- und Aufwärmübungen werde ich wohl noch Kata trainieren. Es wird mir nach und nach klar, dass es an ein Wunder grenzen muss, dass ich den zurückliegenden Kampf in Paris unbeschadet überstanden habe. Ich kann mir nicht erklären, was meine beiden Gegner so geschwächt hat, dass ich sie in meinem untrainierten Zustand und ersten Kampf meines Lebens überhaupt besiegen konnte. Aber was auch immer es war, ich werde noch dahinterkommen. Ich habe nämlich nicht vor, zu verlieren.

2. - Okinawa (Ryukyu) 1606

Kouhei Takeda wacht schweißgebadet auf. Auf dem Rücken liegend stützt er sich auf seinen Ellbogen ab und schaut in die Dunkelheit des Zimmers. Seine auf dem Futon links neben ihm liegende Frau schläft noch tief und fest. In das praktisch nicht möblierte Zimmer dringt durch das geöffnete Fenster neben kühler Luft auch das Zwielicht des beginnenden Morgens. Auf den Tatamimatten erscheinen bereits die ersten Lichtspiele, welche sich aus den Blätterbewegungen des Baumes vor dem Fenster ergeben, die sich im Rauschen des Windes sanft hin und her bewegen. Es ist noch Frühling. Doch der Sommer kündigt sich bereits an. Die Kirschblütenzeit Hanami ist gerade zu Ende gegangen. Auf der Insel Okinawa, die zu seiner Zeit noch zum Königreich Ryukyu gehört, kann man aufgrund der äußerst südlichen Lage bereits im Januar die ersten Kirschblüten erleben. Ein farbenprächtiges Schauspiel in kräftigem rosa.

Das schwache Licht und die vertraute Umgebung seiner Schlafkammer helfen ihm, sich von den noch in seinem Kopf wabernden Schwaden des vergangenen Traumes zu lösen und in die Realität zurückzukommen. Sein Herz schlägt noch immer schnell und sein Mund ist trocken. Diese Alpträume kommen seit einiger Zeit, in letzter Zeit aber viel öfter. Und es ist immer derselbe Traum.

Er sieht einen Mann im Kimono, über den er einen schwarzen Haori gezogen hat, vor dem Hausaltar seines Hauses knien. Auf dem Rücken ist der Haori in weißer Stickerei mit dem Hauswappen verziert, das er aber nicht zuordnen kann. Er hat es außer in seinen Träumen noch nie gesehen.

Hinter dem Mann ist die Zimmertür aufgeschoben und Tageslicht fällt herein. Das Zimmer ist schlicht, quadratisch und außer dem buddhistischen Altar ist keine weitere Einrichtung enthalten. Auf dem Altar brennen Räucherstäbchen und ein süßlicher Duft hat sich im ganzen Raum ausgebreitet.

Ein ganz in schwarz gekleideter Mann nähert sich langsam von hinten. Seine Füße sind mit Stoff umwickelt. So machen seine Schritte auf dem Holzfußboden kein einziges Geräusch. Sein Gesicht ist schwarz verhüllt, nur die Augen sind zu sehen. Er trägt ein Schwert, das er schlagbereit mit beiden Händen vor sich führt. Er bringt sich hinter dem knienden Mann in Position und hebt das Schwert zum Schlag. Doch der Angreifer hat nicht bedacht, dass er durch das Schleichen im Lichtschein der Tür für eine gerade noch wahrnehmbare Abdunkelung des Raumes gesorgt hat und nun sogar einen Schatten auf den vor ihm knienden Mann wirft, der längst die veränderten Lichtverhältnisse wahrgenommen hat. Geduldig hat der kniende Mann gewartet, bis sein Angreifer nah genug ist. Jetzt ist es so weit und er dreht sich auf dem linken Knie herum. Dabei stellt er seinen rechten Fuß auf. In der linken Hand hat er die Öffnung der unter seinem Haori nicht sichtbaren Schwertscheide umfasst. In der Rechten hält er das in der Bewegung gezogene Schwert, mit dem er gerade aufwärts in den Bauch seines Angreifers sticht. Zuerst nur ein Stück. Als die Klinge Fleisch und Muskeln durchstoßen hat, treibt er es mit einem Ruck ganz in den Körper des vor ihm stehenden Mannes, so dass die Schwertspitze auf der hinteren Seite wieder austritt. Ein Stöhnen entfährt dem Angreifer, der sein Schwert fallen lässt und zu Boden zu sinken beginnt. Bevor er ganz fällt, zieht der kniende Mann sein Schwert schnell wieder heraus. Er steht rasch auf, während der leblose Körper des Angreifers schlaff auf dem Boden aufschlägt.

Zwei weitere Angreifer nähern sich nun. Sie waren durch die Tür eingetreten und hatten sich im Dunkel der Ecken des Raumes verborgen. Ihr Eintreten war durch das plumpe Vorgehen des ersten wirksam verborgen worden. Im Gegenlicht, das durch die geöffnete Tür hineinscheint, sind sie nur als Schatten zu erkennen. Der Mann fasst sein Schwert nun mit beiden Händen und greift zunächst den Mann links an. Mit einer Bewegung von links unten hebelt er den linken Arm seines Angreifers nach oben und zieht mit der Schneide seiner Klinge tief unter dessen Achselhöhle hindurch. Man kann hören, wie die scharfe Schneide der Klinge durch das Schultergelenk gleitet. Zwar ist die Schulter nicht ganz durchschnitten, der Arm aber dürfte selbst dann nicht zu retten sein, wenn der Angreifer diesen Tag überlebt. Was er nicht wird, denn der Mann ist mit ihm noch nicht fertig. Zunächst aber führt er die nach rechts gerichtete Bewegung fort und trifft seinen dortigen Angreifer frontal. Mit einem Schnitt von links oben nach rechts unten öffnet sein Schlag Brust und Bauchraum des Angreifers, der mit einem schmatzenden Geräusch zu Boden geht. Die Luft des Raumes beginnt sich neben dem süßlichen Duft der Räucherstäbchen mit dem Geruch von Blut, Kot und Urin zu mischen.

Nachdem er seinen Stand korrigiert hat, hebt er sein Schwert hoch über den Kopf und dreht sich dabei blitzschnell nach links zu dem sich mit seinem Schwert in der Rechten am Boden abstützenden Angreifer um, dessen linker Arm schlaff herunterhängt. Mit einem kraftvollen Schlag trennt er dessen Kopf ab, der dumpf auf dem Boden auftrifft.

Drei Angreifer sind tot.

Doch es gab einen vierten Kämpfer, der nicht zu sehen war. Im Halbdunkel hat sich die ebenfalls ganz in schwarz gekleidete Gestalt um das Kampfgeschehen herumbewegt und steht nun hinter dem Mann, der aufmerksam auf weitere Bedrohungen zu horchen scheint. Doch es ist zu spät. Seinen Attentäter erkennt er nicht mehr rechtzeitig. Dieser ist mindestens eineinhalb Köpfe kleiner als sein Opfer und stößt ihm von hinten rechts unterhalb des Schulterblattes ganz nah an der Wirbelsäule vorbei tief durch den rechten Lungenflügel bis ins Herz, das augenblicklich, trotzdem es weiter zu schlagen versucht, kein Blut mehr durch den Kreislauf pumpen kann. Der Blutdruck sinkt abrupt ab und der Mann fällt, der Bewusstlosigkeit nahe, auf seine Knie. Das Schwert aus seiner Hand fällt klirrend auf den Boden.

Sein Attentäter zieht das Messer aus ihm heraus. Eine Fontäne aus Blut stößt aus der Wunde. Er fällt auf die rechte Seite und es bildet sich unter und hinter ihm eine rasch wachsende Lache aus Blut, die sich, unterbrochen nur von den Fugen des Holzfußbodens, rasch ausbreitet. Noch bevor das Leben gänzlich aus seinem Körper weicht, dreht er seinen Kopf mit allerletzter Kraft zu seinem Angreifer, der vor Schreck starr stehen bleibt. Es sieht so aus, als würden die Augen des Sterbenden rot glühen und eine Stimme, deren tiefe, sonore Tonlage nicht mehr menschlich sein kann, haucht leise aber deutlich vernehmlich: „私は戻ってきます。復讐は私のも の。 - Watashi wa modotte kimasu. Fukushū wa watashi no mono.“

Mit einem Gurgeln sinkt der Kopf auf den Boden und das rote Leuchten in den Augen des Toten erlischt. Die nun leeren Augen starren in die Unendlichkeit.

Es ist dieser Moment, bei dem er jedes Mal tief erschrocken erwacht. Die Worte des Sterbenden hallen in seinem Kopf nach: „Ich komme wieder. Die Rache ist mein.“

3. - Tokyo 2006 (05.07.)

Als ich vom Dojo zurückkomme, fällt mir die deutlich gestiegene Anzahl an Schuhen im Genkan auf. Mindestens drei weitere Personen müssen zwischenzeitlich nach Hause gekommen sein. Ich werde den Rest der Familie also wohl beim Abendessen kennen lernen. Zunächst jedenfalls brauche ich nach dem Training eine Dusche. Beim Einräumen meiner Kleidung habe ich im Schrank einen einfachen, dunkelgrauen Yukata gesehen. Diesen kann ich nach dem Duschen anziehen, also nehme ich ihn aus dem Schrank. Ich hole mein Necessaire aus dem Koffer und mache mich auf den Weg zum Badezimmer. Hiromi Ito, die ich in der Küche antreffe, teilt mir mit, dass es gegen sieben Uhr Abendessen gebe. Meine Kleidung solle ich bitte zum Waschen einfach in den Korb mit der Aufschrift „ゲスト - Gesuto“, was dem englischen Wort für „Gast“ entspricht, werfen. Ich schaue auf meine Uhr. Sie zeigt halb sechs. Also habe ich noch genug Zeit.

Auf dem Weg begegne ich Soun Ito auf der Veranda beim GO-Spiel. Sein Gegner stellt sich mir als Genma Yamamoto vor. Er ist im gleichen Alter wie Soun Ito, allerdings deutlich kräftiger und muskulöser gebaut und etwas kleiner. Außerdem trägt er eine Sportbrille. Die Gläser sind sehr stark, so dass seine dahinter liegenden Augen winzig erscheinen. Ganz offensichtlich kann er ohne diese Brille nicht viel sehen. Außerdem hat er nur noch einen leichten Haarkranz. Den Rest seines Kopfes ziert eine spiegelblanke Glatze. Da es mittlerweile aufgehört hat zu regnen, sind die Schiebetüren zum Garten vollständig aufgezogen. Eine angenehme Brise strömt herein und kühlt das Wohnzimmer.

Im Badezimmer finde ich zu meiner Linken eine Tür, die wohl zur Toilette führt. An der Tür hängt ein Schild, auf dem steht:

ノツク せよ !

Es braucht etwas, bis ich erkenne, was es bedeuten soll. Ich muss lächeln, als es mir aufgeht. Auf dem Schild ist in Katakana das Wort „Nokku“ und in Hiragana „seyo“ geschrieben. Also das englische Wort „knock“ mit dem japanischen Wort für „in jedem Fall“. Es ist die Aufforderung, vor dem Eintreten anzuklopfen.

Neben der Tür ist links ein Waschbecken angebracht, dem gegenüber an der rechten Wand eine Waschmaschine steht. Dahinter führen Schiebetüren in den Nassbereich. Ich betrete ihn, nachdem ich mich vollständig entkleidet habe. Der Raum ist vollständig blau gefliest. Links ist die Dusche, die jedoch keine Kabine hat. Daneben steht ein grüner Schemel aus Kunststoff. Im hinteren Teil des Raumes befindet sich eine für europäische Verhältnisse riesige, rechteckige Wanne, o-Furo genannt. Ich habe nicht vor, nach dem Duschen noch zu baden. Allerdings würde das den hiesigen Sitten entsprechen. Nach dem ausgiebigen und peniblen Reinigen unter der Dusche, wobei man sich während des äußerst gründlichen Einseifens auf dem Plastikschemel niederlassen kann, würden meine Gastgeber noch ein ausgiebiges Bad nehmen. Dabei ist es durchaus üblich, dass mehrere Familienmitglieder gleichzeitig baden. Da sich alle, bevor sie in die Wanne steigen, gründlich gereinigt haben, wird eine Füllung für alle Badewilligen genutzt.

Ich jedoch, obgleich ich wohl der erste hier bin, ziehe heute die mir wohlbekannte und nach meinen Maßstäben vollkommen ausreichende Dusche vor. Außerdem bin ich dann so schnell fertig, dass ich es möglicherweise sogar vermeiden kann, mit anderen männlichen Hausbewohnern zusammenzutreffen, denn vor dem Abendessen ist es durchaus üblich, sich den Schmutz des Tages abzuwaschen und im Bad etwas zu entspannen. Doch selbst wenn ein Teil von mir seit einiger Zeit auch mit japanischen Sitten und Gebräuchen vertraut ist, ist es wie mit dem Kampftraining. Zwischen Theorie und Praxis besteht sehr wohl ein Unterschied. Darum zu wissen, heißt eben nicht notwendigerweise, es auch zu machen. Außerdem wird in Japan ausgesprochen heiß gebadet. Das Badewasser erreicht dabei Temperaturen von 40°C oder mehr. Bei so einem heißen Bad steigt die Durchblutung der Haut sofort stark an und Verspannungen lösen sich wie von selbst. Allerdings bin ich an so heißes Baden überhaupt nicht gewöhnt und pflege dabei sehr müde zu werden, dass ich anschließend wohl sofort zu Bett gehen müsste. Ich entschließe mich, nicht alle Erfahrungen an einem Tag machen zu müssen.

Als ich gegen sieben Uhr mein Zimmer verlasse, treffe ich Hiromi Ito in der Küche an. Meine Frage, ob ich behilflich sein könnte, verneint sie mit einem verlegenen Lächeln. Mir wird auch sofort klar warum. Es ist in diesem Haushalt wohl nicht üblich, dass ein Mann und Gast bei solchen Tätigkeiten zur Hand geht. Also begebe ich mich zum Wohnzimmer. Dort treffe ich alle Hausbewohner an. Am Kopfende des Tisches sitzt der Hausherr, flankiert zu seiner Rechten von dem mir schon bekannten Genma Yamamoto. Zu dessen Rechten wiederum sitzt ein schlanker, sportlicher junger Mann, etwa in meinem Alter, der sich als sein Sohn Yuma Yamamoto vorstellt. Neben ihm sitzt die jüngere Tochter der Itos, Akari Ito. Ich schätze sie auf Anfang zwanzig. Sie ist die Verlobte von Yuma Yamamoto. Ich erfahre, dass beide kampfsporterfahren sind und das Dojo fortführen sollen. Das erklärt auch, warum die Yamamotos hier im Haus leben.

Zur Linken von Soun Ito hat sich zwischenzeitlich dessen Frau Hiromi Ito niedergelassen. Neben ihr sitzt Hayase Ito, die ältere Tochter der Itos. Ich habe mich an dem offensichtlich mir zugedachten Platz neben Hayase Ito, ihrem Vater gegenüber, niedergelassen, demselben Platz, an dem ich schon am Nachmittag gesessen hatte.

Nachdem Hiromi Ito alle Schalen mit Reis gefüllt hat, beginnen wir, nach einem vernehmbaren „Itadakimasu“, mit dem Essen. Diese Redewendung heißt wörtlich „Ich habe es erhalten“ und wird generell verwendet, wenn man selbst mit dem Essen beginnt. Keineswegs wünscht man damit dem anderen einen „guten Appetit“ wie es vielleicht andernorts üblich ist.

Der Tisch ist reichhaltig gedeckt. Für den Japaner ist das Abendessen die wichtigste Mahlzeit des Tages, da hier alle Familienmitglieder zusammenkommen. Neben einer Schale für Reis, den Essstäbchen aus Holz und einem Teller für Sojasoße für jeden, sind auf dem Tisch alle möglichen Speisen angerichtet. Neben Gemüse gibt es Fisch und Tofu sowie eine miso-shiru, die sehr beliebte Miso-Suppe. Jeder bedient sich, wie er mag. Dabei stelle ich fest, dass niemand der anderen seine Stäbchen extra umdreht, bevor er etwas von den Gemeinschaftstellern nimmt. Vorsichtig mache ich es ihnen nach, ernte aber nicht einen Blick dafür. Also ist es wohl angemessen. Meine Vorsicht hat Gründe. Niemand würde mich zurechtweisen, wenn ich mich falsch verhalten sollte. Japaner können dem Gast nicht sagen, wie er sich richtigerweise zu verhalten hat, selbst dann nicht, wenn er sich einen feux pas nach dem anderen leistet. Das würde den Gast in Verlegenheit bringen. Und das wiederum wäre eine schwerwiegende Verfehlung. Des Gastgebers, wohlgemerkt.

Nach dem Essen bedanke ich mich mit: „Gochisōsamadeshita“. Mit dieser nach dem Essen gebräuchlichen Redewendung bedankt man sich für das gute Essen, wobei der Dank nicht nur dem Gastgeber selbst, sondern allem gilt, was am Essen beteiligt ist, also auch den Zutaten sowie der Erde selbst, die die verzehrte Nahrung hervorgebracht hat.

Nun ist meine Ankunft im Hause Ito das tragende Gesprächsthema. Genma Yamamoto wendet sich lautstark an seinen Freund: „Wir werden unserem neuen Schüler noch was beibringen, was, Ito-kun?“

Dabei klopft er ihm laut lachend kräftig auf die Schulter.

Dieser ist nicht ganz so euphorisch: „Sicher, das werden wir, Yamamoto-kun.“ In sich zusammensinkend und kleinlaut fügt er an: „Ich hoffe nur, der Meister ist damit einverstanden, dass wir ohne Absprache mit ihm einen Schüler aufgenommen haben.“

Yuma Yamamoto verzieht sein Gesicht: „Der alte Knacker kann ruhig noch eine Weile auf Reisen bleiben. Vielleicht begreift er dann, dass es auch ohne ihn geht.“

Genma Yamamoto drückt mit dem linken Zeigefinger gegen seine Nasenwurzel, um seine Brille wieder in Position zu schieben.

„Yuma, du hast überhaupt keinen Respekt vor unserem alten Meister.“

„Und Ihr habt kein Rückgrat!“, antwortet Yuma Yamamoto. Seine Stimme klingt sehr ärgerlich. Die Meinungen über den alten, ehrwürdigen Meister scheinen in der Familie offensichtlich auseinander zu gehen. Viel bemerkenswerter aber ist eine unwillkürliche Regung in mir. Als Europäer habe ich mit Yuma Yamamotos Äußerung gegenüber seinem Vater kaum ein Problem. Der Ton ist zwar auch für meinen Geschmack etwas ruppig, aber ich hätte mir nicht allzu viel dabei gedacht. Mein neuer Begleiter hingegen lässt mich meine Luft anhalten. Die Reaktion des Sohnes gegenüber dem Vater war nicht bloß unhöflich, sondern nach japanischem Verständnis äußerst respektlos dem Vater gegenüber und in Gegenwart eines Gastes sogar eine unverzeihliche Frechheit. Ich erwarte eine fulminante Zurechtweisung durch Genma Yamamoto. Doch diese bleibt aus. Allein ein wütendes Schnauben ist zu vernehmen.

Hiromi Ito hingegen ist vernehmbar um Harmonie bemüht: „Hört bitte auf zu streiten. Wir haben einen Gast.“

Leise lasse ich die angehaltene Luft heraus. Ich gewinne den Eindruck, dass es in dieser Familie etwas anders zugeht, als das in japanischen Familien sonst üblich wäre.

Hayase, die ihren Kopf auf dem linken Arm abgestützt hat, schaut zu ihrer Mutter: „Lass’ nur, Mutter. Ich habe den Eindruck, Bender-san stört das als Europäer eher wenig.“

Hayase dreht ihren Kopf zu mir und lächelt: „Was hat Dich denn nach Tokyo geführt, Bender-san?“

„Ich habe mich schon immer für Japan interessiert. Außerdem will ich als Schüler in einem authentischen Dojo meine Fähigkeiten in Karate und Kenjutsu ausbauen.“

Akari Ito, die bisher nur zugehört hat, schaut mich interessiert an: „Du machst Kampfsport?“

„Also es ist schon einige Zeit her, dass ich trainiert habe. Ich bin ziemlich aus der Übung.“

Akari Ito scheint begeistert zu sein: „Ich würde mich gerne einmal mit dir messen. Hättest Du Lust dazu?“

Mir entgeht nicht, dass Yuma Yamamoto über diese Idee nicht begeistert zu sein scheint. Aber ich sehe keinen Grund, das Angebot grundsätzlich abzulehnen: „Wenn ich wieder im Training bin, können wir gerne mal ein Sparring machen.“

„Klingt gut.“

Akari Ito lächelt, während Yuma Yamamoto säuerlich zur Seite schaut. Ich habe den Eindruck, dass er ein Problem damit haben könnte, dass seine Verlobte auch Kampfsport beherrscht.

Hayase unterbricht meine Gedanken: „Seit wann bist Du denn in Japan?“

„Erst seit kurzem. Bis gestern habe ich noch in einem Hotel in Meguro gewohnt.“, fahre ich fort, „Das sollte aber nur vorübergehend sein, da es für mein Budget auf Dauer zu teuer ist. Ich wollte von Anfang an bei einer Familie unterkommen und habe nach entsprechenden Möglichkeiten gesucht. Da habe ich in der Zeitung die Annonce gelesen. Das Ganze entsprach genau dem, was ich gesucht habe, also habe ich das Angebot aufgegriffen.“

Soun Ito beugt sich vor: „Sie haben von unserem Dojo in einer Zeitungsannonce gelesen, Bender-san?“

„Ja, das habe ich. Sie hatten dort angeboten, einen Schüler in ihrem Dojo gegen Beteiligung an Kost und Logis aufzunehmen. Hatte ich mich nicht am Telefon auf diese Anzeige bezogen?“

„Nein, Sie sagten nur, dass Sie erfahren hätten, dass wir Schüler aufnehmen und ob Sie tatsächlich auch bei uns wohnen könnten. Da wir zurzeit nur wenige Schüler…“

„praktisch keine“, mault Hayase leise, aber für alle vernehmbar.

„…haben“, setzt Soun Ito mit einem verärgerten Blick zu seiner Tochter fort, „habe ich zugestimmt.“

Hayase sieht ihren Vater herausfordernd an.

„Bender-san zahlt dafür, dass er hier wohnt, oder nicht?“

„Ja, das tue ich. Wir haben uns auf den Betrag in der Anzeige geeinigt.“

Hayase schaut ihren Vater mit triumphierendem Lächeln an.

„Hayase!“, schimpft Soun Ito sichtlich darüber erregt, von der Eigenmächtigkeit seiner Tochter überrumpelt worden zu sein.

Hayase macht sich gerade und stützt sich am Tisch ab.

„Das Geld können wir sehr gut gebrauchen. Es haben sich für die Sommerferien keine Schüler angemeldet!“

Sie weiß, dass sie Recht hat. Aber ihr Vater ist sichtlich anderer Meinung.

„Hinter meinem Rücken! Wir hatten darüber gesprochen!“, brummt er ärgerlich in ihre Richtung.

Hiromi Ito gießt ihrem Mann beschwichtigend ein Bier ein.

„Soun, bitte beruhig Dich wieder. Sie hat es nur gut gemeint. Außerdem bist Du doch sogar einverstanden.“

Soun Ito nimmt das ihm angebotene Bier und schnaubt noch einmal. Dann nimmt er einen kräftigen Schluck.

Auch ich bekomme ein Bier angeboten. Ein Coedo Ruri Pils aus Tokyo. Es ist kühl, schmeckt ausgezeichnet und ist sehr erfrischend. Ich erfahre noch, dass Yuma Yamamoto ohne die Mutter allein bei seinem Vater aufgewachsen ist und, bevor er zur Schule ging, von diesem täglich in Kampfsport trainiert wurde. Ich denke mir, dass deswegen beide keine typische Vater-Sohn-Beziehung haben. Auch stellt sich heraus, dass der alte Meister Soun Itos Vater ist und mit der Übernahme des Dojoss durch Yuma Yamamoto nicht einverstanden ist. Er möchte lieber, dass seine Tochter das Dojo fortführt. Das erklärt auch die angespannte Stimmung, als das Gespräch auf den alten Meister kam und warum Yuma Yamamoto abweisend auf Akari Itos Angebot, mit mir zu trainieren, reagiert hat. Während Soun Ito und sein Freund Genma Yamamoto die Sache offensichtlich aussitzen wollen, will Yuma Yamamoto endlich die ihm zugedachten Aufgaben im Dojo übernehmen und empfindet es wohl als ungerecht, hinter seiner Verlobten zurückstehen zu müssen. Er muss wohl sehr um seine Anerkennung durch seinen Vater und der Familie Ito sprichwörtlich „kämpfen“.