8,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 8,99 €
Irina McGovern kann sich ein Leben ohne den klugen, geistreichen und verlässlichen Lawrence nicht vorstellen – auch wenn die Leidenschaft ihrer Liebe mit den Jahren abgeflaut ist. Doch als Irina sich der überwältigenden Anziehungskraft von Ramsey hingibt, verändert ein Kuss ihr Leben, und ein Spiel mit zwei Wirklichkeiten beginnt …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2014
Mehr über unsere Autoren und Bücher:
www.piper.de
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Monika Schmalz
ISBN 978-3-492-96981-9
© 2007 Lionel Shriver
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»The Post-Birthday World«, HarperCollins Publishers, New York 2007
Deutschsprachige Ausgabe:
© 2009 Piper Verlag GmbH, München
Covergestaltung: Cornelia Niere, München
Covermotiv: Allan Jenkins/Trevillion Images
Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Cover & Impressum
Kapitel 1 – Was als Zufall …
Kapitel 2 – Beim Rasseln des …
Kapitel 2 – Für Irina war …
Kapitel 3 – Irina verzichtete darauf …
Kapitel 3 – Das Bett war …
Kapitel 4 – An einem weiteren …
Kapitel 4 – An den bukolischen …
Kapitel 5 – Als sie die …
Kapitel 5 – Lawrence war sicher …
Kapitel 6 – Phantasien waren ja …
Kapitel 6 – Nach ihrer Rückkehr …
Kapitel 7 – Das British Open …
Kapitel 7 – Nach Unterzeichnung des …
Kapitel 8 – Spielen war für …
Kapitel 8 – Dieses Jahr war …
Kapitel 9 – Im Jahr zuvor …
Kapitel 9 – Das nagende Gefühl …
Kapitel 10 – Irina sagte sich …
Kapitel 10 – Dass sich Lawrence …
Kapitel 11 – Nachdem bei ihr …
Kapitel 11 – Im Schatten des …
Kapitel 12 – Gerade habe ich …
WAS ALS ZUFALL begonnen hatte, war zur Tradition geworden: Am sechsten Juli sollten sie mit Ramsey Acton an seinem Geburtstag essen gehen.
Fünf Jahre zuvor hatte Irina zusammen mit Ramseys damaliger Frau, Jude Hartford, an einem Kinderbuch gearbeitet. Jude hatte das Treffen angeregt. Sie schien unbedingt einen Abend zu viert ausmachen zu wollen, um ihrer Illustratorin ihren Mann Ramsey vorzustellen. Oder, nein – »meinen Mann, Ramsey Acton«, hatte sie gesagt. Irina vermutete, dass Jude auf jene ermüdend feministische Weise stolz darauf war, nicht den Namen ihres Mannes angenommen zu haben.
Aber es ist nun mal schwierig, Ignoranten zu beeindrucken. Als sie mit Lawrence damals im Jahr ’92 das bevorstehende Abendessen besprach, wusste Irina zu wenig, um zu erwähnen: »Ob du’s glaubst oder nicht, Jude ist mit Ramsey Acton verheiratet.« In dem Fall hätte sich Lawrence vielleicht ausnahmsweise auf seinen Economist-Kalender gestürzt, anstatt zu nörgeln, dass sie diesen Pflichttermin doch dann wenigstens in die frühen Abendstunden legen könne, damit er rechtzeitig zu Hause sein würde, um NYPD Blue zu gucken. Ohne zu ahnen, dass sie im Besitz zweier Zauberworte war, mit denen sich seine prinzipielle Abneigung gegen Geselligkeiten überwinden ließe, hatte Irina stattdessen zu Lawrence gesagt: »Jude will mir ihren Mann vorstellen, Raymond, oder so ähnlich.«
Als sich aber das Datum, das sie vorschlug, als der Geburtstag jenes »Raymond oder so ähnlich« entpuppte, beharrte Jude darauf, dass der Abend zu mehreren noch viel lustiger würde. Nach seiner Rückkehr in den Junggesellenstand ließ Ramsey zumindest so viel über seine Ehe durchblicken, dass sich Irina zusammenreimen konnte: Nach ein paar Jahren waren die beiden nicht mehr in der Lage gewesen, sich fünf Minuten am Stück miteinander zu unterhalten. Jude hatte die Gelegenheit am Schopf gepackt, ein tristes, schweigsames Abendessen zu zweit zu umgehen.
Was Irina ein Rätsel war. Ramsey hatte in der Runde immer einen recht netten Eindruck gemacht, und das eigentümliche Unbehagen, das Irina selbst jedes Mal in seiner Gegenwart befiel, würde doch sicherlich nachlassen, wenn man mit dem Mann verheiratet wäre. Vielleicht hatte Jude es toll gefunden, ihre Kollegen mit Ramsey zu beeindrucken, war aber selbst nicht beeindruckt genug.
Zudem hatte Judes erschöpfende Fröhlichkeit immer einen seltsam hysterischen Unterton und kam ohne das Vierer-Gremium nicht recht in Schwung. Dabei lachte sie wirklich viel, auch über ihre eigenen Bemerkungen. Es war ein zwanghaftes, ablenkendes Lachen, mehr aus Anspannung denn aus Humor geboren, ein Trick zur Maskierung und somit ein wenig unaufrichtig. Dennoch war ihr Bestreben, einem offenbar tief empfundenen Leiden tapfer zu trotzen, mitleiderregend. Ihr kurzatmiger Frohsinn weckte in Irina genau das Gegenteil – das Bedürfnis, nüchtern zu bleiben, mit tiefer, ruhiger Stimme zu sprechen, und sei es nur, um unter Beweis zu stellen, dass es durchaus akzeptabel war, ernst zu sein. Wenn sich Irina also gelegentlich an Judes Benehmen störte, fand sie sich in deren Gegenwart zumindest selbst nett.
Der Name von Judes Mann hatte Irina zunächst nichts gesagt, zumindest nicht bewusst. Dennoch, als Jude an jenem ersten Geburtstag in den Savoy Grill stürzte und Ramsey neben ihr herglitt, durchzuckte Irina beim Blick in die graublauen Augen des groß gewachsenen Mannes ein Schlag, wie bei dem kurzen Kontakt zweier unter Strom stehender Drähte, was sie damals als ein visuelles Wiedererkennen deutete und später – sehr viel später – als ein Wiedererkennen einer ganz anderen Art.
LAWRENCETRAINERWARkein prätentiöser Mann. Er hatte zwar einen Forschungsauftrag bei einem renommierten Londoner Thinktank, war aber in Las Vegas aufgewachsen und unerbittlich amerikanisch geblieben. Er war nicht als Erstes losgelaufen, um in den örtlichen Cricketverein einzutreten. Aber immerhin war sein Vater Golflehrer; er interessierte sich also von Haus aus für Sport. Trotz seiner misanthropischen Ader, die schuld daran war, dass er sich lieber alte Polizeiserien im Fernsehen ansah, als mit wildfremden Leuten essen zu gehen, war er ein Mensch mit kultureller Neugier.
So hatte Lawrence schon in der Anfangszeit des gemeinsamen Londoner Exils eine Faszination für Snooker entwickelt. Da Irina diesen sehr britischen Zeitvertreib immer für eine undurchschaubare Variante von Billard gehalten hatte, mühte sich Lawrence, ihr klarzumachen, dass Snooker viel komplizierter und viel eleganter sei als das plumpe Spiel mit der 8er-Kugel. Neben dem etwa 1,80 mal 3,60 Meter großen Snookertisch nahm sich ein amerikanischer Billardtisch wie ein Kinderspielzeug aus. Snooker war eine Sportart, die nicht nur Geschicklichkeit erforderte, sondern strategisches Denken, und die frühen Profis hatten gelernt, bis zu einem Dutzend Stöße im Voraus zu planen und räumliche und geometrische Fertigkeiten zu entwickeln, vor denen jeder Mathematiker den Hut ziehen würde.
Irina hatte Lawrence in seiner Begeisterung für Snookerturniere im Fernsehen nicht gebremst, denn das Spiel strahlte eine angenehme Ruhe aus. Das gläserne Klackern der Bälle und das Prasseln höflichen Applauses waren ungleich beruhigender als die Schüsse und Sirenen der Polizeiserien. Die Kommentatoren sprachen kaum lauter als im Flüsterton und mit weichem, regionalem Akzent. Ihr Vokabular war voller Andeutungen, ohne direkt schmutzig zu sein: ein langer Stoß, sanfte Berührung, eine Rote lochen, an die Schwarze kommen. Obwohl es traditionell ein Sport der Arbeiterklasse war, herrschten beim Snooker Umgangsformen, wie man sie eher mit dem Adel in Verbindung brachte. Die Spieler trugen Weste und Fliege. Man fluchte nicht; Wutanfälle konnten den Spieler sogar Punkte kosten. Anders als das rowdyhafte Publikum beim Fußball, ja sogar beim Tennis – einst Tummelplatz für Snobs, in jüngster Zeit jedoch auf Crash-Derby-Niveau gesunken – verhielten sich die Zuschauer eines Snookerspiels mucksmäuschenstill.
Alles in allem bot Snooker also einen angenehmen Hintergrund, vor dem Irina neue Kinderbuchillustrationen konzipieren oder den Saum der Wohnzimmergardine nähen konnte. Nachdem sie dank ihres geduldigen Nachhilfelehrers einen gewissen Sinn für das Spiel entwickelt hatte, schaute Irina gelegentlich hoch, um einen Frame zu verfolgen. Mehr als ein Jahr, bevor Jude ihren Mann namentlich erwähnte, war Irina auf einen der Spieler auf dem Bildschirm aufmerksam geworden.
Hätte sie darüber nachgedacht – was sie nicht getan hatte –, wäre ihr aufgefallen, dass er nie einen Titel geholt hatte. Dennoch schien sein Gesicht immer wieder in den Endrunden der meisten ausgestrahlten Turniere aufzutauchen. Er war älter als der Großteil der anderen Spieler, die eher um die zwanzig waren; mit einigen wenigen strengen Falten in seinem länglichen, facettenreichen Gesicht konnte er aber höchstens knapp über vierzig sein. Selbst für eine Sportart mit so strikter Etikette war er ein auffallend disziplinierter Spieler, er hielt sich vollkommen gerade. Denn die Korrektheit der Spieler war bis zu einem gewissen Grad auch nur aufgesetzt; vielen Spielern wuchs ein Bierbauch, und schon mit dreißig sahen ihre Gesichter verbraucht aus. Bei einem Präzisionsspiel wie diesem kam es häufig vor, dass Oberarme schlaff und Oberschenkel dick wurden. Dieser eine Spieler aber war schmal gebaut, mit eckigen Schultern und schlanken Hüften. Er trug immer das klassische, gestärkte weiße Hemd, eine schwarze Fliege und eine charakteristische perlmuttfarbene Weste – sein Markenzeichen vielleicht –, die mit weißer Seide durchwebt war, eine filigrane Arbeit, die Irina an ihre eigenen Zeichnungen erinnerte.
Als sie im Savoy Grill miteinander bekannt gemacht wurden, erkannte Irina Ramsey nicht als den Mann aus dem Fernsehen. Er war aus dem Kontext gerissen. Lawrence, der für Namen, Gesichter, Daten und Statistiken ein geniales Gedächtnis hatte, konnte ihre anhaltende Verwirrung schnell ausräumen. (»Wieso hast du mir nichts gesagt?«, hatte er gerufen. Es war einer der seltenen Tage, an denen Lawrence Trainer als Bittsteller auftrat.) Beim Namen »Ramsey Acton« klappte sofort eine Akte auf über einen Mann, der offenbar eine Ikone des Spiels war, auch wenn er eine Art Relikt aus der Vorgängergeneration darstellte. Sein Spitzname »Swish« – dem amerikanischen Basketballsport entlehnt – war eine Huldigung an seine Fähigkeit, so sauber einzulochen, dass der Objektball nicht einmal die Ränder der Tasche berührte. Er war bekannt für seine Schnelligkeit und Geschmeidigkeit; er war ein impulsiver Spieler. Seit fünfundzwanzig Jahren war er Profi und dadurch berühmt geworden, dass er fünfmal im Finale gespielt hatte und kein Mal Weltmeister geworden war. (1997 waren es schon dreißig Jahre und sechs Finalspiele – und immer noch kein Titel.) In Sekundenschnelle war Lawrence mitsamt seinem Stuhl an Ramseys Seite gerückt, und die beiden verfielen in ein ausgelassenes Duett, das keinen Dritten duldete.
Irina beherrschte die Grundregeln: Man musste abwechselnd einen roten Ball und einen bunten Ball versenken. Versenkte rote Bälle blieben versenkt; versenkte Farben kamen zurück auf den Tisch. Waren alle Roten abgeräumt, mussten die Bälle in einer vorgeschriebenen Reihenfolge versenkt werden. Lawrence dagegen kannte die abgelegensten Regeln des Spiels. Während er also salbungsvoll einige berüchtigte Respotted Blacks zitierte, verpasste ihm Swish einen eigenen Spitznamen: Anorak-Man. »Anorak«, im wörtlichen Sinn eine unmodische Windjacke, war außerdem ein verbreiteter Ausdruck für Trainspotter, Flugzeugspotter und alle, die die Namen der ersten zehn Dartspieler der Weltrangliste auswendig lernten, anstatt sich um ein eigenes Leben zu bemühen. Doch die leicht abschätzige Titulierung war eindeutig liebevoll gemeint. Und zu Lawrences Zufriedenheit sollte es bei dem Namen bleiben.
Irina hatte sich ausgebootet gefühlt. Lawrence hatte schon immer eine Tendenz, die Dinge an sich zu reißen. Irina hätte sich als zurückhaltend, ja sogar still bezeichnet, schlimmstenfalls als unscheinbar. Jedenfalls kämpfte sie ungern um Gehör.
Als Irina und ihre Freundin an diesem Abend einen Blick austauschten, verdrehte Jude die Augen himmelwärts, eine Geste, die um eine Spur gehässiger war als ein nachsichtiges So sind sie halt, die Jungs. Jude hatte ihren Mann in den Achtzigern während ihrer Journalistenphase kennengelernt, als sie für das Magazin Hello! einen Promotion-Artikel schreiben musste und Ramsey mehr oder minder ein Pin-up-Star war; bei dem Interview hatten sich die beiden betrunken und waren im Bett gelandet. Allerdings war aus Judes anfänglich spärlichem Interesse an Snooker ein Desinteresse an Snooker geworden, das schließlich in eine regelrechte Aversion mündete.
Lawrence schenkte der Frau, von der er als »seiner Frau« zu sprechen pflegte, die zu heiraten er sich aber nie die Mühe gemacht hatte, nicht die geringste Beachtung; Ramsey dagegen war besser erzogen. Er rückte den Stuhl in Irinas Richtung und verwahrte sich für den Rest des Abends gegen jede weitere Fachsimpelei. Er lobte ihre Illustrationen für Judes neues Kinderbuch und sagte: »Erste Sahne, deine Bilder. Haben mich echt beeindruckt.« Vor allem weil er mit so leiser Stimme sprach, war der starke Südlondoner Akzent ein wenig gewöhnungsbedürftig. Er hatte eine Art, Irina anzusehen, und zwar nur Irina, wie sie es schon lange nicht mehr erlebt hatte, und, ehrlich gesagt, er machte sie damit nervös, ja verwirrte sie. Für eine erste Begegnung war sein Verhalten etwas übertrieben, nicht direkt anmaßend, aber irgendwie dann doch. Im Smalltalk war Ramsey jedenfalls eine Niete. Sobald sie das Gespräch auf den Parteitag der Demokraten oder John Major lenkte, verstummte er einfach.
Diskret übernahm Ramsey die Rechnung. Der Wein, und es war reichlich geflossen, war nicht billig gewesen. Aber Snookerprofis verdienten nicht schlecht, und Irina beschloss, kein schlechtes Gewissen zu haben.
An diesem ersten Geburtstag, seinem zweiundvierzigsten, hatte er einen wirklich netten Eindruck gemacht. Dennoch war sie erleichtert gewesen, als der Abend vorbei war.
IRINAUNDJUDEarbeiteten zusammen an einem zweiten Kinderbuch – der unverhohlen manipulative Ton ihres ersten Projekts, Ich räum so gern mein Zimmer auf!, hatteEltern begeistert und Kinder entsetzt und für recht gute Verkaufszahlen gesorgt. Und so etablierte sich die Viererrunde und wurde mehrmals im Jahr wiederholt – was für Londoner Verhältnisse oft war. Für diese Zusammenkünfte war Lawrence übrigens immer zu haben, und er benahm sich von Anfang an, als wenn er Ramsey, von dem er seinen britischen Kollegen gern und oft erzählte, gepachtet hätte. Irina hatte ihre Snookerkenntnisse zwar geringfügig vertieft, aber mit Lawrences enzyklopädischem Wissen konnte sie nicht mithalten und versuchte es auch gar nicht erst. Stillschweigend kam man überein, dass Irina mit Jude und Lawrence mit Ramsey befreundet sei, wobei Irina sich fragte, ob sie dabei nicht vielleicht den Kürzeren gezogen hatte. Jude ging ihr ein wenig auf die Nerven.
Auch das Essen, mit dem das zweite Jahr ihrer unbändigen Viererabende begann, fand an Ramseys Geburtstag statt. Zwei Geburtstage hintereinander genügten, um die Sache zur Regel zu erheben.
Weil es ihr unangenehm war, dass Ramsey jedes Mal an seinem eigenen Geburtstag die Rechnung übernahm, hatte Irina im vierten Jahr, im Juli ’95, darauf bestanden, ihrerseits den Abend auszurichten. Sie war in Experimentierlaune gewesen und hatte selbst gemachte Sushi-Platten gereicht – für die Ramsey, wie sie inzwischen wusste, eine Schwäche hatte. Anders als bei den kostbaren Restaurantportionen, bestehend aus drei Bissen Thunfisch und einem Blatt Plastikgras mit Zacken, blieb neben den großzügigen Platten mit Handrolls und Makis auf ihrem Esstisch in Borough kaum noch Platz für die Teller. Sie stellte sich vor, dass Ramsey sicherlich andauernd gefeiert wurde, und sorgte sich, dass sie mit ihrem vorsichtigen Vorstoß in die japanische Kochkunst seinen kulinarischen Gewohnheiten nicht gerecht werden würde. Stattdessen aber war er von ihren Bemühungen so überwältigt, dass er den ganzen Abend kaum ein Wort herausbrachte. Er war so verlegen, dass es Irina peinlich war, ihn in Verlegenheit gebracht zu haben, wodurch die Befangenheit, die ihre wenigen direkten Wortwechsel auszeichnete, noch schlimmer wurde, und Irina war heilfroh um die beiden anderen als lärmende Pufferzone.
Ja, und dann kam letztes Jahr. Sie und Jude hatten sich richtig gestritten und den Kontakt abgebrochen. Jude und Ramsey hatten sich noch mehr gestritten und die Ehe beendet. Sieben Jahre waren für eine Ehe zwar nicht lang, bedeuteten aber für die Betroffenen unglaublich viele gemeinsame Abende, und bestimmt hatten sie es nur deswegen so lange miteinander ausgehalten, weil Ramsey so viel unterwegs war. Wäre es nach Irina gegangen, hätten sie ihre lose Freundschaft mit Ramsey Acton an diesem Punkt versanden lassen können. Sie hatten sich nichts zu sagen, und sie fühlte sich in seiner Gegenwart nicht wohl.
Aber Lawrence war wild entschlossen, diesen B-Promi aus dem deprimierenden Kreis derjenigen zu retten, mit denen man irgendwann einmal befreundet war, inzwischen aber, oft aus keinem vertretbaren Grund, keinen Kontakt mehr hatte. Trotz seines Abstiegs in der Weltrangliste gehörte Ramsey noch immer zu den Snookergrößen. »Außerdem«, sagte Lawrence, »der Mann hat Klasse.«
Da Irina selbst zu schüchtern war, musste Lawrence bei ihm anrufen, um ihn zum Essen einzuladen. Irina hatte die Hoffnung, dass Ramsey ablehnen würde. Aber nein, nach dem Telefonat verkündete Lawrence, dass Ramsey sofort zugesagt habe, und fügte hinzu: »Er scheint wohl gerade etwas einsam zu sein.«
»Er rechnet doch hoffentlich nicht wieder mit einer Sushi-Platte«, sagte Irina besorgt. »Ich will ja nicht knauserig wirken, nachdem er uns so oft eingeladen hat. Aber die hat viel Arbeit gemacht, und ich wiederhole mich ungern.« Irina war eine stolze und passionierte Köchin, die sich niemals zu Salatherzen aus der Tüte hätte hinreißen lassen.
»Nein, er hat betont, dass du dir nicht so viel Arbeit machen sollst. Und denk auch an mich«, sagte Lawrence, der den Abwasch besorgte. »Letztes Jahr war die Küche ein Schlachtfeld.«
Insofern fiel die Kost für Irinas Begriffe eher schlicht aus: geschnetzeltes Wild in Rotweinsoße mit Shiitakepilzen und Wacholderbeeren, ein bewährtes Gericht für Notfälle. Ramsey aber war genauso überwältigt wie im Jahr zuvor. Diesmal fragte sich Irina allerdings, ob es wirklich nur das Essen war, das den Gast in solche Begeisterung versetzte. Sie hatte, vielleicht um einer Mahlzeit, die sie schon mehrere Male gekocht hatte, eine neue Note zu verleihen, ein ärmelloses Kleid aus dem Schrank gezogen, das sie schon seit Jahren nicht mehr angehabt hatte. Das Teil war wohl ganz hinten im Schrank gelandet, weil die Träger – wie sie jetzt wieder feststellte – etwas zu lang waren und ihr ständig herunterrutschten. Die weiche blassblaue Baumwolle mit Latexanteil schmiegte sich über ihre Hüften; der Saum war so hoch, dass sie ihn sich jedes Mal beim Hinsetzen über die Oberschenkel ziehen musste. Sie hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war, in derart provokanter Aufmachung vor einem frisch geschiedenen Mann herumzuspringen. Das Reh war es jedenfalls nicht, das den ganzen Abend Ramseys Blicke auf sich zog.
Zum Glück hatte Lawrence offenbar nichts davon mitbekommen. Was ihm dagegen auffiel, war, dass Ramsey nicht nach Hause gehen wollte. Selbst bei Snookerikonen war Lawrences Lust auf Geselligkeit begrenzt, und als es zwei Uhr schlug, hatte Ramsey sie reichlich überstrapaziert. Schwungvoll räumte er den Tisch ab und spülte am anderen Ende des Flurs unter Poltern das Geschirr. Vorwurfsvoll krachten die Töpfe aus Richtung der Küche, und Irina saß mit Ramsey alleine da und suchte panisch nach Gesprächsstoff. Jedes Mal, wenn im Wohnzimmer endlich der Ball ins Rollen kam, spazierte Lawrence munteren Schrittes herein, um den Tisch abzuwischen und Kerzenwachs abzukratzen, ohne Ramsey eines Blickes zu würdigen. Ramsey sah geflissentlich über das unhöfliche Benehmen seines Gastgebers hinweg und schenkte noch einmal Wein nach. Erst nach drei Uhr morgens, und auch nur widerwillig, nahm er seinen Queuekoffer und ging.
Daher hatten sich die drei das ganze letzte Jahr kein einziges Mal getroffen, fast als hätten Irina und Lawrence so lange gebraucht, um sich von jenem Abend zu erholen. Aber Lawrence hegte keinen Groll und stimmte Irina zu, dass Ramsey zwar sehr elegant Snooker spiele, in gesellschaftlichen Dingen aber eher unbeholfen sei. Überdies war Lawrence durch Freikarten zu sämtlichen Turnieren der folgenden Spielsaison für den versäumten Schlaf mehr als ausreichend entschädigt worden.
ESWARWIEDERJuli. Aber dieses Jahr war alles anders.
Vor wenigen Tagen hatte Lawrence aus Sarajewo angerufen, um sie an Ramseys bevorstehenden Geburtstag zu erinnern. »Ach so, ja«, hatte sie gesagt. »Stimmt. Hatte ich ganz vergessen.«
Irina ärgerte sich über sich selbst. Sie hatte den Geburtstag keineswegs vergessen, und es war albern, so zu tun als ob. Schon bei den kleinsten Abweichungen von der Wahrheit Lawrence gegenüber fühlte sie sich betrübt, entfremdet, ja sogar ängstlich. Lieber würde sie sich beim Lügen erwischen lassen, als mit einer Lüge davonzukommen und mit der schrecklichen Vorstellung leben zu müssen, dass Lügen möglich war.
»Und, meldest du dich bei ihm?«, fragte er.
Seitdem sie wusste, dass Lawrence zu einer Konferenz zum Thema Nationenbildung nach Bosnien fahren und erst am Abend des siebten Juli zurückkommen würde, zerbrach sich Irina in dieser Sache den Kopf. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Du bist doch der, der sich mit Ramsey so gut versteht.«
»Ach, ich glaube schon, dass er dich nett findet.« Lawrences Tonfall suggerierte Mäßigkeit, ja sogar Vorbehalte, im Sinne von »ganz nett, aber nicht mehr«.
»Aber er ist immer so komisch. Ich habe keine Ahnung, worüber wir uns unterhalten sollten.«
»Vielleicht über die mögliche Abschaffung der Vorschrift, dass die Spieler bei Snookerturnieren Fliege tragen müssen? Wirklich, Irina, du solltest ihn anrufen, und sei es nur, um abzusagen. Wie viele Jahre haben wir –«
»Fünf«, sagte sie betrübt. Sie hatte mitgezählt.
»Am Ende ist er gekränkt. Vor meiner Abreise hab ich ihm auf die Mailbox gesprochen und ihm gesagt, dass ich dieses Jahr in Sarajewo bin. Aber ich hab erwähnt, dass du in London bist. Wenn du unbedingt willst, könnte ich ihn von hier aus anrufen und sagen, dass du doch noch mitgekommen bist.«
»Nein, tu’s nicht. Wegen solcher Kleinigkeiten zu lügen finde ich schrecklich. Ich ruf ihn an.«
Sie rief ihn nicht an. Stattdessen rief sie Betsy Philpot an, die für Random House das Kinderbuch von Jude und Irina lektoriert hatte und auch Ramsey ein wenig kannte. Seit einigen Jahren ohne gemeinsames Projekt, hatten sich Betsy und Irina von Kolleginnen zu Vertrauten entwickelt. »Sag mir, dass du und Leo am Sechsten Zeit habt.«
»Wir haben am Sechsten keine Zeit«, sagte Betsy, die keine Freundin überflüssiger Worte war.
»Verdammt.«
»Und weswegen?«
»Ach, wegen Ramseys Geburtstag, da haben wir doch immer was zusammen gemacht. Aber Jude ist inzwischen Geschichte, und Lawrence ist in Sarajewo. Nur ich bin hier.«
»Na und?«
»Ich weiß, das klingt jetzt eitel, und es könnte auch alles nur Einbildung sein. Aber ich frage mich schon seit Längerem, ob Ramsey nicht – ob er nicht ein Auge auf mich geworfen hat.« Sie hatte es noch nie ausgesprochen.
»Er kommt mir eigentlich nicht vor wie ein reißender Wolf. Nichts, womit du überfordert wärst. Aber wenn du nicht willst, dann lass es halt.«
Für Betsy, ebenfalls Amerikanerin, war alles immer ganz einfach. Tatsächlich hatte es etwas eigentümlich Grausames, mit welcher Ruhe und Geradlinigkeit sie Dinge anging, die anderen Mühe machten. Nachdem sich Jude und Irina überworfen hatten, hatte sie ihr mit kurzem, gehässigem Schulterzucken geraten: »Wenn du mich fragst, hast du sie ohnehin nie gemocht. Leg die Sache zu den Akten.«
Irina war keineswegs stolz darauf, wie sie mit ihrem Dilemma umging, nämlich gar nicht. Während des Countdowns zum sechsten Juli versprach sie sich jeden Morgen, Ramsey am Nachmittag anzurufen, und jeden Nachmittag, ihn am Abend anzurufen. Doch selbst bei Nachteulen muss man gewisse Anstandsregeln einhalten, und nach elf Uhr abends warf Irina kopfschüttelnd einen Blick auf ihre Armbanduhr und nahm sich vor, am nächsten Tag gleich als Erstes anzurufen. Aber er war sicherlich Langschläfer, überlegte sie beim Aufstehen, und das ganze Spiel ging wieder von vorne los. Der Sechste war ein Samstag, und am Freitag erkannte sie, dass er mit nur einem Tag Vorlauf so offensichtlich schon verplant wäre, dass ein Anruf in letzter Minute vielleicht unhöflicher wirken würde, als die Sache ganz unter den Tisch fallen zu lassen. Auch gut. Auf diese Weise würde sie Ramsey Acton nicht alleine anschweigen müssen. Einer Welle der Erleichterung folgte ein Rinnsal Trauer.
Freitag kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon. Um diese Uhrzeit konnte es nur Lawrence sein, sodass sie den Hörer abnahm und sagte: »Sdrawstwui, milyj!«
Nichts. Kein »Sdrawstwui, milaja moja!«. Es war nicht Lawrence.
»… Tut mir leid«, sagte jemand mit unklarem britischem Akzent nach einem kurzen Moment der Verlegenheit. »Ich wollte eigentlich mit Irina McGovern sprechen.«
»Nein, tut mir leid«, sagte sie. »Ich bin’s, Irina. Ich dachte nur, es wäre Lawrence.«
»… Heißt das, ihr beiden schnattert zu Hause auf – was war’n das, Russisch?«
»Na ja, Lawrence spricht grauenhaft Russisch, er kriegt gerade genug zusammen, um … in Moskau käme er nie allein zurecht, aber zu Hause sprechen wir ein bisschen, na ja, als eine Art Geheimsprache … für Zärtlichkeiten«, fuhr sie aufs Geratewohl fort. »Oder für kleine Witze.«
»… Mann, das ist ja süß.« Er hatte sich noch immer nicht zu erkennen gegeben. Inzwischen war es zu peinlich, nachzufragen, wer eigentlich dran sei.
»Lawrence und ich haben uns nämlich kennengelernt, weil ich ihm damals in New York Russischstunden gegeben habe«, warf Irina hastig ein, dann zögerte sie. »Er war an der Columbia und arbeitete an seiner Doktorarbeit zum Thema Rüstungskontrolle. Damals hieß das, dass man zumindest ein bisschen Russisch können musste. Heute wäre das ja eher Koreanisch … Aber Lawrence ist überhaupt nicht sprachbegabt. Er war der schlechteste Schüler, den ich je hatte.« Bla-bla-bla. Wer war das überhaupt? Obwohl, sie hatte eine Theorie.
Leises Glucksen. »Auch süß … irgendwie.«
»Also«, sagte Irina und trat zwecks Entlarvung des Anrufers die Flucht nach vorne an. »Wie geht’s dir?«
»… Na ja, kommt ganz drauf an. Ob du morgen Abend was vorhast oder nicht.«
»Wie könnte ich«, sagte sie kühn. »Ist doch dein Geburtstag.«
Wieder ein leises Glucksen. »Du warst dir nicht sicher, wer dran ist, stimmt’s? Bis gerade eben.«
»Wieso auch? Komisch, eigentlich – aber ich glaube, ich habe in all den Jahren kein einziges Mal mit dir telefoniert.«
»… Stimmt«, sagte er verwundert.
»Wir haben uns immer über Jude verabredet. Und dann, nachdem ihr getrennt wart, über Lawrence.«
Nichts. Ramseys Sprechrhythmus am Telefon war synkopisch, und als Irina fortfuhr, redeten plötzlich beide gleichzeitig. Sie verstummten. Wenn ein einfaches Telefonat schon eine solche Tortur war, wie sollten sie dann jemals einen Abend überstehen?
»Ich bin deine Stimme am Telefon nicht gewohnt«, sagte sie. »Du hörst dich an, als wärst du am Nordpol. Mit so einem selbst gebastelten Spielzeug aus Pappbechern und Drachenschnur.«
»… Du hast ’ne schöne Stimme«, sagte er. »So tief. Vor allem, wenn du russisch sprichst. Sag doch mal was. Auf Russisch. Egal was.«
Natürlich hätte sie irgendeinen Satz abspulen können; sie war zweisprachig aufgewachsen. Doch die Bitte machte sie nervös, und sie musste an Telefonsex denken, ein Pfund pro Minute – Wichsnummern,wie Lawrence immer sagte.
»Kogda my s wami rasgowariwajem, mne kashetsja tschto ja golaja«,sagte sie und presste mit dem freien Arm ihre Brüste zusammen. Zum Glück lernte niemand mehr Russisch heutzutage.
»Und, was heißt das?«
»Du hast gesagt, das sei egal.«
»Sag’s mir trotzdem.«
»Ich habe dich gefragt, was du denn morgen Abend machen willst.«
»Hm. Ich glaub, du willst mich hochnehmen.«
Aber was war denn nun wirklichmit morgen Abend? Sollte sie ihn einladen, weil er sich doch so gern von ihr bekochen ließ? Schon bei dem Gedanken, alleine mit Ramsey in der Wohnung zu sitzen, wurde sie hysterisch.
»Soll ich«, schlug sie verzweifelt vor, »für dich kochen?«
Er sagte: »Lieb von dir. Ich würd aber lieber mit dir ausgehen.«
Irina war so erleichtert, dass sie sich in ihren Sessel plumpsen ließ. Dabei riss sie an der Telefonschnur, und der Apparat krachte zu Boden.
»Was ist’n das für’n Lärm?«
»Mir ist das Telefon runtergefallen.«
Er lachte, etwas lauter und runder diesmal, und zum ersten Mal im Verlauf dieses stockenden Telefonats empfand sie sein Lachen als befreiend. »Heißt das ja oder nein?«
»Es heißt, ich bin ungeschickt.«
»Ich hab dich noch nie ungeschickt gesehen.«
»Du siehst mich ja auch nicht oft.«
»Ich seh dich nicht oft genug.«
Diesmal blieb Irina stumm.
»Ist schon ein ganzes Jahr her«, fuhr er fort.
»Lawrence kann aber leider nicht mitkommen.« Das wusste Ramsey, aber sie hatte das Bedürfnis, seinen Namen ins Spiel zu bringen.
»Sollen wir’s lieber verschieben, damit Lawrence mitkann?«
Er bot ihr die Möglichkeit auszusteigen – sie sollte sie ergreifen. »Das wäre nicht besonders feierlich.«
»Hab gehofft, dass du’s auch so siehst. Um acht bin ich da.«
DIELEUTENAHMENPaare meist hin, wie sie sie vorfanden: Man war eins, oder man war irgendwann eben keins mehr. Natürlich hatte jeder eine Meinung, ob man gut zusammenpasse oder sich wohl ständig streite.
Es gab Freunde, die Irina und Lawrence als ähnlich unverrückbare Tatsache betrachteten wie das Land Frankreich. Andere verließen sich auf das Paar als den Beweis schlechthin, dass es möglich war, glücklich zu sein – eine belastende Rolle. Irina hatte ein paar Bekannte, die wenig Geduld mit Lawrence hatten und ihn für anmaßend oder schroff hielten, für ein notwendiges Übel. Wie auch immer, es kümmerte sie nicht.
Da ihr die Liebe weder früh noch leichtfüßig begegnet war, hatte Irina damit leben gelernt, dass sich ihre kleinen Beiträge zur Gesellschaft wohl nicht auf dem Gebiet der Partnersuche abspielen würden. Niemand hätte die friedliche, einträchtige Verbindung einer Kinderbuchillustratorin mit einem Politikwissenschaftler als Allianz betrachtet, die Raketen ins All befördert oder Nationen entzweit. Kein moderner Shakespeare hätte seine Dichtkunst an dieses ganz normale Glück – wenn es denn so etwas gibt – verschwendet, das in den Neunzigerjahren in einer bescheidenen Wohnung im Londoner Stadtteil Borough seinen Lauf nahm.
Dennoch kam Irina diese Beziehung wie ein Wunder vor. Lawrence war ein hingebungsvoller, witziger und intelligenter Mann, und er liebte sie. Feministinnen konnten noch so sehr behaupten, man bräuchte keinen Mann; sie brauchte sehr wohl einen Mann, mehr als alles andere auf der Welt. Wenn Lawrence verreist war, ging ein leerer Hall durch die Wohnung. Es gab viele einsame Abende, an denen sie bis spät in die Nacht hätte arbeiten können, doch sie ließ diese Chancen verstreichen. Sie lief von einem Zimmer ins andere. Sie schenkte sich ein Glas Wein ein und ließ es stehen. Sie besprühte das rostfreie Abtropfbrett mit Kalkentferner, doch dann fehlte ihr die Kraft, das Zeug wieder abzuwischen. Sie ging ins Bett, und am Morgen stank die ganze Küche nach Chemikalien.
Ob beschämend oder nicht: Einen Mann zu haben, den sie liebte und der sie ebenfalls liebte, war für Irina das Wichtigste überhaupt. Nicht, dass sie nicht auch starke untergeordnete Gefühle der Zuneigung gehabt hätte, denn Irina war weitaus geselliger als Lawrence und hatte viel mehr Mühe in den Aufbau eines neuen Freundeskreises investiert, als sie 1990 nach London gezogen waren. Aber es gab nun mal bestimmte Gelüste, die Freunde nicht befriedigen konnten, und schon mit der kleinsten Andeutung in diese Richtung schlug man die Leute in die Flucht. Und es war auch nicht so, dass sie ihrer »Kunst« gleichgültig gegenüberstand, auch wenn sie als Kind von in Film und Ballett engagierten Eltern gelernt hatte, das Wort in säuerliche Anführungsstriche zu setzen. Wenn es gut lief, waren die Zeichnungen eine Freude. Aber die Freude war noch größer, wenn sie beim Zeichnen war und sich Lawrence von hinten heranschlich, um ihr leise ins Ohr zu quengeln, dass es ruhig bald etwas zu essen geben könne.
Die Monogamie hatte sie keine Mühe gekostet. In den ganzen neun Jahren hatte sich Irina genau eine halbe Stunde lang zu einem Kollegen von Lawrence am Blue Sky Institute hingezogen gefühlt – bis er sich von seinem Platz erhob, um noch eine Runde Drinks zu holen, und sie sein birnenförmiges Hinterteil bemerkte. Und das war’s, wie ein Kratzen im Hals, bei dem man dann doch keine Erkältung bekommt.
Während Lawrences Aufenthalt in Sarajewo war die Isolationshaft weniger quälend gewesen als üblich, wobei es in der Natur der Abwesenheit von Schmerz liegt, dass man das Fehlen nicht wahrnimmt. Obwohl sie normalerweise klaglos und aufwendig für Lawrence kochte, war es eine Wonne, einmal auf die Vollwertkost zu verzichten. Wenn Irina allein war, neigte sie dazu, das Essen ganz ausfallen zu lassen und abends lieber zu arbeiten. Gegen zehn verleibte sie sich dann, halb verhungert und angenehm erschöpft, ein dickes klebriges Stück Schoko-Cappuccino-Kuchen aus dem Supermarkt ein. Später legte sie die sentimentale Musik auf, die Lawrence hasste – Shawn Colvin, Alanis Morissette, Tori Amos, diese neumodischen, singenden Mädchen, die mit schrillem Vibrato in düsteren Stimmungen schwelgten oder den Männern rundheraus abschworen, was garantiert gelogen war. Unbehelligt von Lawrences kritischem Blick – seine Mutter war Alkoholikerin –, hatte sie sich jeden Abend vor dem Schlafengehen einen kleinen Drink eingeschenkt. Mehr als ein Glas Cognac im Monat hätte Lawrence niemals durchgehen lassen. Aber vielleicht hätten ihn die warmen Gedanken gefreut, die den Brandydämpfen entstiegen und sich darum drehten, wie glücklich sie war, ihn gefunden zu haben, und wie ungeduldig sie seiner Rückkehr entgegensah.
Alles in allem war die Woche beschaulich verlaufen. Unbeobachtet wie sie war, hatte sie sich die eine oder andere kleine Freude gegönnt, etwa den sukzessiven und kontemplativen Konsum einer Schachtel Zigaretten. Aber sie war mit ihren Zeichnungen vorangekommen, und eine zierliche Frau wie Irina konnte ruhig ein paar Stückchen Kuchen vertragen.
Als Irina jedoch am Samstag erwachte, stellte sie verwundert fest, dass ihre selbstzufriedene Beschaulichkeit angeschlagen war wie ein Ei. Es war lächerlich spät, nach elf, während sie normalerweise schon um acht auf den Beinen war. Noch immer müde, gelang es ihr mit Mühe, zu rekonstruieren, dass sie nach dem beunruhigenden Telefonat mit Ramsey nicht, wie es hätte sein sollen, den Hörer aufgelegt und zur Zahnseide gegriffen hatte. Ach ja, es hatte ein zweites Glas Cognac gegeben. In der Küche war der Schoko-Cappuccino-Kuchen dezimiert worden, bis er weg war. Und sie hatte, o weh, Little Earthquakes so laut aufgedreht, dass einer der Mieter von unten im Bademantel an der Wohnungstür geklingelt und sich beschwert hatte. Wenn Lawrence davon Wind bekäme, wäre die Hölle los. Erst im vergangenen Monat hatte er ein Stockwerk tiefer an die Tür gehämmert, um die Leute zu bitten, endlich das »Gedudel« leiser zu stellen.
Verwirrt setzte Irina die große Espressokanne auf. Mit ihrer zweiten Tasse Kaffee bewaffnet, brachte sie in ihrem Arbeitszimmer nicht mehr zuwege, als ihre halbfertige Zeichnung anzustarren. Arbeiten war undenkbar. Offenbar besaß ihr Reservetank in Lawrences Abwesenheit nur ein Fassungsvermögen von genau acht Tagen. Sie sah sich schon, einen vollen einsamen Tag, eine Nacht und noch einen Tag lang kettenrauchend im Cognacnebel versumpfen.
Als sie sich wie jeden Samstag zum Borough Market aufmachte, knallte sie energisch die Tür hinter sich zu.
Auf dem geschäftigen überdachten Markt nahe der London Bridge wimmelte es wie immer von Leuten mit amerikanischem Akzent. Natürlich war es irrational, sich gegen die Gegenwart der eigenen Landsleute aufzulehnen, doch Amerikaner liefen sich offenbar in fremden Ländern grundsätzlich ungern über den Weg. Vielleicht war es der Spiegel, den man sich vorhielt, und der ein lautes, aggressives und übergewichtiges Bild zurückwarf. Irina selbst hatte kein Problem damit, Amerikanerin zu sein (den Geburtsort kann man sich schließlich nicht aussuchen), wobei sie als Tochter einer Russin immer ein Hintertürchen zu haben glaubte. Kann sein, dass sie ein wenig zusammenzuckte bei den vertrauten, breiten Klängen, die aus Monmouths Kaffeeladen drangen (»Lä-ä-ä-rry, koffeinfrei ist gerade aus!«), denn im Ausland zu sein sagte ihr zu.
Als sie zufällig mitbekam, wie sich ein US-Amerikaner in drei betonten Silben nach der Lage der South-wark Street erkundigte, fiel es ihr schwer, sich nicht stellvertretend für dessen Unwissenheit zu schämen.
Andererseits betrieb Irina, immer wenn sie Lawrences Einflusssphäre entkam, eine Sache, die sie »Freundlichkeit in Gedanken« nannte. Als Frau, die einst von ihren Mitschülern nicht immer gut behandelt worden war, hatte sie eine chronische Angst davor entwickelt, andere schlecht zu behandeln. Es ging nicht darum, was Irina sagte, sondern ausschließlich um das, was in ihrem Kopf vorging. Es sprach nämlich einiges dafür, in Gedanken freundlich zu sein – einen Amerikaner Southwark falsch aussprechen zu hören und sich ausdrücklich zu sagen: Warum können diese Briten nicht ein bisschen Nachsicht mit uns üben?Kein Amerikaner würde von einem Londoner verlangen, dass er weiß, dass man Housten in Texas »Hjusten«, in Manhattan aber »Hausten« ausspricht. Natürlich konnte man in Gedanken Mitleid haben oder sich die Seele aus dem Leib schimpfen, und den Leuten wäre damit weder der Tag versüßt noch versaut. Dennoch war Irina überzeugt, dass es wichtig war, was in ihrem Kopf vor sich ging, und aus diesem Grund tauchte sie Fremde aus Prinzip in so mildes Licht wie möglich.
»Freundlichkeit in Gedanken« war nichts, was sie mit Lawrence teilte, der eher zur Diffamierung in Gedanken tendierte. Er war unglaublich ungnädig, vor allem bei Leuten, die er für geistig minderbemittelt hielt. Sein Lieblingswort war »Armleuchter«. Diese Ungnädigkeit konnte ansteckend sein – Irina musste sich davor hüten. Wobei ihre »Freundlichkeit in Gedanken« vor allem bei Lawrence selbst angezeigt war.
Zum einen behielt Lawrence gern den Überblick: Er beschränkte sich in seinem Leben auf wenige gute Freunde und hauptsächlich auf Irina. Da man unmöglich die ganze Bandbreite seiner Bekannten vom Gemüsehändler bis zum Klempner zum Tee einladen konnte, brauchte man einen Filter. Der Filter, den Lawrence benutzte, war eben zufällig aus besonders feinmaschigem Draht.
Zum anderen war Lawrence ein waschechtes Beispiel für das, was früher in den USA Standard war, sich in letzter Zeit aber zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies entwickelt hatte: den Selfmademan. Seine Arroganz kam daher, dass er sich mit Zähnen und Klauen an den geistigen Höhen eines vornehmen britischen Thinktanks festhielt. Er stammte durchaus nicht aus intellektuellen Verhältnissen. Seine Eltern hatten beide nur einen Highschool-Abschluss, und in Las Vegas aufzuwachsen war nicht gerade die beste Voraussetzung für einen Doktortitel in Internationalen Beziehungen an einer Eliteuni. Eine Kindheit zwischen billigen Casinos hatte ihm die Angst eingepflanzt, zurückgesogen zu werden in eine Welt, in der man ewig über die Qualität der Frühstückseier im Bellagio diskutierte. Also fällte er oft vernichtende Urteile und musste manchmal aufgefordert werden, nachsichtiger zu sein und den Leuten ihre Fehler zu verzeihen.
Bei Marktverkäufern, die sie vom Sehen kannten und gern mit ihr flirteten, erwarb sie italienischen Grünkohl, geräucherten Wildschweinschinken und eine Handvoll maliziöser Chilischoten. Da ihr allzu bewusst war, dass ihre schlendernden Schritte über den Markt ausschließlich dazu dienten, einen Klacks Normalität auf einen bedenklich instabilen Untergrund zu klatschen, nahm Irina auch noch einen Armvoll Rhabarber mit, um sich nachher zu Hause sinnvoll die Zeit zu vertreiben.
Zurück in der Wohnung, begab sie sich mit Feuereifer ans Backen zweier Rhabarbersahnetorten, eine für den Gefrierschrank und eine für Lawrence zur Feier seiner Heimkehr. Den Muskatnussanteil nahm sie mal fünf. Bei dekorativen Tätigkeiten wie dem Würzen von Speisen zeigte Irina, eine äußerlich zurückhaltende, in ihren Neigungen maßvolle Frau, einen heimtückischen Hang zum Extremen, und kaum jemand von ihren Gästen ahnte, dass ihr Talent in der Küche größtenteils auf eine überdurchschnittliche Beherrschung des kleinen Einmaleins zurückzuführen war. Zum Glück verlangten die kniffligen Gitter Konzentration, denn ihr Geist drohte ähnlich wie die zarten Teigstreifen ständig auseinanderzufallen. Ihre Hände zitterten zwar nicht, aber sie zuckten wie unter einem Stroboskop. (Oder hatte es etwa ein drittes Glas Cognac gegeben?) Höchste Zeit, dass Lawrence nach Hause kam! Sie mochte sich manchmal dagegen sträuben, aber vielleicht brauchte sie sein strenges Regiment und seinen Ordnungssinn. Ohne Lawrence wäre Irina offensichtlich im Nu zu einer kettenrauchenden, kuchensüchtigen, cognacbenebelten alten Hexe verkommen.
Die Torten gelangen perfekt, Eier und Zucker blubberten durch das Gitter in die knusprig gebräunten Hütchen, der prickelnde Rhabarberduft zog durch die Wohnung, doch das Backwerk beschäftigte sie nur bis kurz vor fünf. Während die Torten im Ofen waren, widmete sie sich einer Tätigkeit, zu der sie in den letzten Jahren, seit Lawrence zumindest, nur noch selten gekommen war, und während die Torten abkühlten, kam sie ein zweites Mal dazu.
SECHSUHRABENDS.Irina hatte nicht die Angewohnheit, lange über ihr Äußeres nachzudenken. Sie besaß größtenteils unkonventionelle Secondhand-Teile aus diversen Oxfam-Läden, denn seit sie hier wohnten, war London offiziell auf Platz 1 der teuersten Städte der Welt vorgerückt. Normalerweise war eine Viertelstunde zum Anziehen mehr als genug. Zwei Stunden waren grotesk.
An diesem Abend aber waren zwei Stunden fast ein bisschen knapp.
Auf dem Bett häuften sich die verschmähten Blusen. Irina zog dieses und jenes Kleid über, riss es sich wieder vom Leib und musste dabei an ein hübsches Projekt vor einigen Jahren denken, ein Buch mit dem Titel Ich hab nichts zum Anziehen!. Es handelte von einem kleinen Mädchen, das eines Morgens wie ein Wirbelsturm durch ihre gesamte Garderobe fegt und ein Kleidungsstück nach dem anderen aus der Kommode reißt. Einige Zeilen daraus fielen ihr wieder ein: »Ich mag die roten Knöpfe nicht! Den Kragen find ich hässlich! Gleich krieg ich einen Wutanfall! Das Pünktchenkleid ist grässlich!« Von der Handlung her war die Geschichte zwar berechenbar (große Überraschung: am Ende beschließt das kleine Mädchen, das anzuziehen, was es zu Anfang anhatte), aber die herumfliegenden Kleider entfalteten eine futuristische Kraft, und die zeichnerischen Möglichkeiten waren phantastisch gewesen.
Doch entgegen dem weiblichen Brauch legte es Irina mit jeder neuen Aufmachung vor dem Ganzkörperspiegel im Schlafzimmer darauf an, so unelegant wie nur möglich auszusehen. Zu Beginn der Schlacht hatte sie mit dem Gedanken gespielt, das blassblaue ärmellose Kleid anzuziehen, das Ramsey letztes Jahr fast bis zum Frühstück hatte bleiben lassen, doch sie hatte die Idee sofort wieder verworfen. War sie verrückt geworden? Stattdessen kramte sie in den niederen Regionen des Kleiderschranks nach den längsten Röcken, der schlechtesten Passform, den unmöglichsten Farben. Leider besaß Irina nicht allzu viele hässliche Kleider, ein Mangel, den sie jetzt zum ersten Mal bedauerte.
Die sinnwidrige Übung war reine Zeitverschwendung. Sicherlich würde Ramsey ein nobles Restaurant wählen, wo ihre auffälligeren Kleidungsstücke nicht deplatziert wirken würden. Lawrence kleidete sich aus Prinzip so schlampig, wie es ging, und bei den wenigen Anlässen, zu denen sie etwas Hübscheres anzuziehen wagte, wurde er nervös und sagte: »Ist doch nur eine Cocktailparty. Mach doch nicht so einen Aufwand.«
Die Klingel setzte dieser kleidungstechnischen Reise nach Jerusalem ein summendes Ende. Wie sich ein Vorschulkind auf den nächstbesten freien Stuhl wirft, musste sie anbehalten, was sie anhatte: einen gerade geschnittenen, dunkelblauen Rock, der zwar fast knielang, aber wegen des allgegenwärtigen Latex um die Hüften herum beklagenswert eng war. Wenigstens brachte das kurzärmlige weiße Oberteil keine nackten Schultern zur Geltung; häufiges Waschen hatte zudem ein kleines Loch in den Kragen gefressen, wodurch die Gesamterscheinung erfreulich schäbig ausfiel. Streng genommen sah sie insgesamt sogar unfassbar fade aus. Blau mit Weiß ließ an geschlechtslose Matrosenanzüge oder Highschool-Mannschaftsfarben denken, und sie band ihr dunkles Haar zu einem hastigen Pferdeschwanz zusammen, ohne es vorher zu kämmen. Beim Hineinschlüpfen in die einzig möglichen Schuhe stellte sie jedoch verärgert fest, dass die hochhackigen weißen Sandalen – die ausgelatscht und mindestens zehn Jahre alt waren – ihre Wadenmuskeln und die schlanken Fesseln betonten. Mist, sagte sie sich. Hosen wären besser gewesen.
Fest entschlossen, ihn nicht auf einen Drink hochzubitten, packte sie den Hörer, brüllte: »Bin gleich unten!« und polterte aus der Tür.
Vor dem Haus stand Ramsey gegen seinen metallicgrünen Jaguar XKE gelehnt und rauchte eine Zigarette. Natürlich lag es Irina fern, irgendjemanden zum Rauchen zu animieren, aber zu ihm passte es. Am Telefon zogen sich seine Pausen hin, nun dagegen konnte er sie mit nachdenklichem Rauchausblasen füllen. Angelehnt, aber dennoch vollkommen aufrecht, ähnelte Ramsey einem ans Auto gelehnten Snookerqueue. Schweigend – was wareigentlich los mit diesem Mann? – sah er ihr zu, wie sie die Stufen vor dem Haus herunterging, und inhalierte das Bild zusammen mit seinem letzten Zug. Er schnippte die halb gerauchte Zigarette in den Rinnstein, trat wortlos an ihre Seite und geleitete sie zum Beifahrersitz. Seine Hand schwebte vor ihrem unteren Rücken, ohne jedoch ein einziges Mal ihre Taille zu berühren, ähnlich wie Eltern den Arm ausstrecken, wenn ein wankendes Kleinkind ohne Hilfe einen Raum durchqueren will.
Grußlos schmiegte sich Irina in den Schalensitz und hatte ein Gefühl wie damals in der Schule, nachdem endlich ihre Zahnspange entfernt worden war. Es hatte lange gedauert, bis zu ihr durchgedrungen war, dass die Jungs sie offenbar auf einmal attraktiv fanden, doch im Grunde hatte sie diese vor fünfundzwanzig Jahren erfahrene Aufwertung ihres Status noch immer nicht richtig begriffen. Dennoch, es hatte sie gegeben, Abende wie diesen, an denen sie ein junger Mann zu seinem Auto geleitet hatte. Es war nicht so sehr das Gefühl, attraktiv zu sein, sondern vor allem, nicht für Unterhaltung sorgen zu müssen. Irina faltete gelassen die Hände im Schoß, während der Jaguar vom Bordstein sprang, blickte ruhig geradeaus, während er mit sanftem Ruck vor der Ampel hielt, und erkannte, dass ihre Gegenwart in diesem Moment Rechtfertigung genug war. Obwohl sie sich den Kopf zerbrochen hatte, über was sie mit Ramsey Acton reden könnte, gab er jetzt schon ein höchst zufriedenes Schnurren von sich, und alles deutete darauf hin, dass er genau so weiterschnurren würde, selbst wenn sie den ganzen Abend kein Wort sagte.
»Sushi?«, fragte er an der dritten Kreuzung.
»Ja.« Ach, wie wunderbar: Sie brauchte sich nicht gnädig seinen Plänen fügen, sie musste nicht ausschweifend beteuern, dass japanisch jetzt genau das Richtige sei. Ein einfaches Ja genügte.
Der Jaguar schnurrte über die Blackfriars Bridge, und Irina kurbelte ihr Fenster herunter. Die Luft war mild wie Badewasser, das schon abzukühlen beginnt, aber immer noch warm genug ist, um ein Weilchen darin liegen zu bleiben. Der Mittsommerabend war hell. Zinnoberrot leuchteten die Fenster der hohen Gebäude, und die Stadt sah aus, als stünde sie in Flammen. Das bunte Glas der St. Paul’s-Cathedral flammte auf, und auf der Themse blitzte brennendes Sonnenlicht wie eine Öllache, in die irgendein Gauner ein Streichholz geworfen hatte. Unterdessen gab der Jaguar den kleinsten Kieselstein an ihren Schalensitz weiter wie die Matratze die Erbse an die Prinzessin.
»Heute wollen ja die Leute alle nur noch hoch oben sitzen beim Autofahren«, sagte sie endlich. »In diesen Geländewagen. In meiner Jugend fuhren die coolen Leute so tief gelegte Autos wie möglich.«
»Ich bin in jeder Hinsicht von der alten Schule«, sagte Ramsey, »wenn man glauben will, was in der Zeitung steht.«
»Wenn damit dein Autogeschmack gemeint ist, bin ich absolut dafür.«
Für gewöhnlich waren ihr Autos vollkommen egal. Aber dieses hier gefiel ihr: dass es ein Klassiker war, Baujahr ’65, aber unrestauriert, mit abgewetzten Lederpolstern; dass es eher wertvoll war als teuer. Ramseys Fahrstil war aggressiv, er beschleunigte mit Wucht, um abrupt in einen niedrigeren Gang zu schalten. Entgegen der Feingliedrigkeit seines Körpers, den feinen Gesichtszügen, seinem dezenten, fast schüchternen Verhalten in Gesellschaft und den auffallend geschmeidigen Bewegungen, alles Merkmale, die ihm etwas leicht Effeminiertes verliehen, fuhr Ramsey wie ein Mann. Solch forsches Einfädeln in die Nebenspur und das Beinahe-Streifen fremder Stoßstangen hätten sie normalerweise nervös gemacht, doch seine Manöver waren exakt kalkuliert – Kühnheit und Berechnung gingen Hand in Hand, ein vollendetes Abbild seines Könnens am Snookertisch. Sie vertraute ihm voll und ganz. Und wenn Irina auch theoretisch davon überzeugt war, dass moderne Frauen unabhängig und zupackend und so weiter sein sollten, hatte das Schwelgen in altmodischer Passivität durchaus etwas Luxuriöses.
»Und, was hast du heute getrieben?«, fragte Ramsey.
»Torten gebacken«, sagte Irina feierlich. »Therapeutische Torten.«
»Wozu hast du denn ’ne Therapie gebraucht?«
»Immer wenn Lawrence weg ist … gerät bei mir alles ein bisschen aus dem Lot. Sieht man mir vielleicht nicht so an, aber ich habe da noch eine andere Seite, und die muss – gebändigt werden.«
»Und wenn nicht, was passiert dann?«
Durch Schweigen ließ sich am besten andeuten, dass es besser für alle Beteiligten war, dieser Frage nicht nachzuspüren. »Und du, was hast du heute gemacht?«
»Ich hab ein paar Übungsframes gespielt, aber vor allem hab ich den ganzen Nachmittag überlegt, wo ich heute Abend mit dir essen gehe.« Aus dem Mund der meisten Männer wäre das reine Schmeichelei gewesen, aber Ramsey hatte etwas merkwürdig Naives, und es stimmte wahrscheinlich wirklich, was er sagte.
»Und, bist du zufrieden mit deiner Entscheidung?«
»Ich bin nie zufrieden.« Er warf dem Parkplatzwächter die Autoschlüssel zu, und Irina wartete, bis er ihr die Tür öffnete. Dieses Weibchengetue war eigentlich nicht ihr Fall, doch untypisches Verhalten konnte mitunter ein Befreiungsschlag sein.
Die Japaner würden das Wort »Omen« zwar auf der zweiten Silbe betonen, dennoch hatte der Name des Lokals etwas Unheilvolles. Das Omen war klein und wirkte exklusiv, und ihr Tisch wirkte noch exklusiver, ein Einzeltisch ganz hinten, ein wenig erhöht. Hatte es Irina vor einem Tête-à-Tête in ihrer eigenen, furchtbar gemütlichen Wohnung gegraut, so empfand sie jetzt den besten Platz im Omen als nicht minder beengend. Als Ramsey nach dem Vorhang griff, plädierte Irina dafür, ihn offen zu lassen, »damit wir etwas Luft haben«. Mit einem Ausdruck der Verwunderung tat er ihr den Gefallen. Sie hatten sich gerade die Vorspeisen durchgelesen, als ein junger Mann mit einer Speisekarte in der Hand die Stufen hinaufgehüpft kam.
»Hi, Ramsey!«, sagte der junge Mann im Flüsterton, zu dem man sich in japanischen Restaurants immer genötigt fühlt. »Kann ich ein Autogramm haben? Da oben am Rand?« Er hatte seine Speisekarte neben Ramseys Stäbchen geschoben.
»Wird gemacht, Meister.« Ramsey zog einen schlanken goldenen Kugelschreiber aus seiner Innentasche. Seine gesamte Habe schien ein Zitat seines straffen, geschmeidigen Körpers zu sein, und die Unterschrift war spinnenhaft wie seine Finger.
»Wahnsinn! Schade, das mit dem Kick im Embassy«, sagte der Fan mitfühlend. Ramsey zuckte automatisch zusammen; der »Kick« hatte ihm offenbar das Spiel vermasselt. Typisch, dass ein wildfremder Mensch auftauchen und Salz in die Wunde streuen musste. »Sonst hätten Sie bestimmt den Frame und das Match eingesackt!«
»Kann jedem mal passieren«, sagte Ramsey mit schicksalsergebenem Schulterzucken angesichts der winzigen Kreidepartikel, die einen Ball geradewegs aus der Bahn werfen können. Was für ein seltsamer Beruf, in dem ein Staubkorn über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.
»Danke, Mann!« Der Fan wedelte mit seiner Speisekarte, auf die das Omen jetzt würde verzichten müssen, und schenkte Irina ein dreistes Nicken. »Ihr Snookerspieler kriegt immer die Sahneschnitten ab. Lasst uns doch auch mal was übrig.«
»Deswegen wolltest du den Vorhang vorziehen«, sagte Irina. Es war nicht das erste Mal, dass sie in der Stadt unterwegs waren und Ramsey Autogramme verteilen musste, und meistens hatte sich Irina über diese Heldenverehrung amüsiert. Jetzt aber war sie eifersüchtig, denn der Abend, der ihr vor Kurzem noch wie eine Ewigkeit vorgekommen war, erschien ihr auf einmal allzu knapp bemessen.
»Zu spät. Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Jude hat Autogrammjäger immer gehasst wie die Pest.«
»Wegen der Störung?«
»Die hat nicht nur Snookerfans gehasst, die hat die ganze Idee eines Snookerfans gehasst«, sagte er und wischte sich die Hände mit einem heißen Tuch. »Snookerspieler waren für Jude so was wie Schuljungs, die in der Mittagspause rumsitzen und Münzen auf der Kante balancieren. Nettes Spielchen, tut keinem weh, muss man aber keine Autogramme für verteilen.«
Die Bedienung nahm ihre Bestellung auf. Genießerisch wählte Irina einige À-la-Carte-Extras zu ihrer Sashimi-Deluxe-Platte mit Seeigel und süßen Shrimps.
»Aber wenn Snooker für Jude so trivial war«, fuhr Irina fort, »wieso hat sie dich dann geheiratet?«
»Ich hatte Geld, ich hatte Stil, und ich hatte einen Job, über den sie die Nase rümpfen konnte. Ich sag mal, das Beste aus beiden Welten.«
»Aber fand sie es denn nicht auch schick, dich im Fernsehen zu sehen, zumindest anfangs?«
»Na klar. Schon komisch, aber genau das, was der andere an einem erst interessant findet, findet er später zum Kotzen.«
Irina ließ eine transparente Gurkenscheibe von ihren Stäbchen baumeln. »Kann gut sein, wenn man bedenkt, wie sich Jude über meine Zeichnungen geäußert hat. Du kennst ja sicher ihre Meinung.«
Ramsey klopfte mit den Stäbchen auf den Tisch. »Diplomatisch war sie wahrscheinlich nicht gerade. Aber hast du dich nie gefragt, ob an ihrer Kritik nicht auch was dran war?«
»Dann hätte ich ja gleich meinen Beruf an den Nagel hängen können.«
»Sie fand deine Gestaltung genial, und dass du handwerklich echt was drauf hast. Aber irgendwas war in den ersten Büchern noch da – so was Wildes –, das dann plötzlich weg war.«
»Na ja, Wildheit ist nicht gerade das, was man nachträglich noch hinzufügt: ›Ach, hier fehlt ja noch ein bisschen Wildheit.‹ «
Er lächelte gequält. »Jetzt reg dich mal nicht gleich auf. Ich wollte dir doch nur helfen. War wohl ziemlich ungeschickt. Ich kenn mich in deiner Branche nicht aus. Aber ich fand eigentlich immer, dass du echt begabt warst.«
»Vergangenheitsform?«
»Das, was Jude meinte – das ist nicht so einfach in Worte zu fassen.«
»Damit hatte Jude jedenfalls keine Probleme«, gab Irina verbittert zurück. »Adjektive wie ›platt‹ und ›leblos‹ sind durchaus aussagekräftig. Und ihre hochtrabende Kritik hat sie ja auch gleich in die Tat umgesetzt und einer anderen Illustratorin den Auftrag für ihre buchgewordene Moralpredigt zugeschachert. Und ich durfte mir die Arbeit von einem ganzen Jahr an den Hut stecken.«
»Tut mir leid für dich, wirklich. Du hast schon recht – so was kann man nicht mal eben reinstreuen wie ’ne Prise Salz. So was kann man sich nicht kaufen, das hat man im Blut. Genau wie beim Snooker.«
»Na ja, wahrscheinlich macht mir das Zeichnen einfach nicht mehr so viel Spaß wie früher. Aber was tut das schon?«
Ihre zurückgeschraubten Erwartungen schienen ihn zu betrüben. »Du bist noch zu jung, um so zu reden.«
»Ich bin über vierzig und kann reden, wie ich will.«
»Na gut – dann bist du eben zu schön, um so zu reden.«
Lawrence pflegte sie immer als »süß« zu bezeichnen, und wenn Ramsey auch ein wenig vom Thema abkam, hatte das ernstere Adjektiv doch etwas Erfrischendes. Verlegen kämpfte Irina mit einem öligen Streifen Aal. »Selbst wenn das wahr wäre, war das nicht schon immer so. Als Kind war ich dürr. Nichts als Haut und Knochen.«
»Red keinen Unsinn. Zeig mir ’n Mädchen, das dünn ist und nicht stolz drauf.«
»Aber ich war ein Trampel. Linkisch, ungeschickt. Warum sollte ich mit so etwas angeben?«
»Das nehm ich dir nicht ab. War deine Mutter nicht Balletttänzerin?«
Irina war immer verblüfft, wenn sich jemand an biografische Details erinnerte, die sie irgendwann einmal erzählt hatte. »Na ja, nach meiner Geburt nicht mehr professionell. Was sie mir noch heute aufs Brot schmiert. Sie war entsetzt über mich. Ich war überhaupt nicht gelenkig. Ich konnte weder Spagat noch die Fußsohlen an den Hinterkopf bringen. Ich bin kaum mit den Fingerspitzen bis an die Zehen gekommen. Ständig habe ich irgendetwas umgeworfen.« Irina redete mit den Händen – lächelnd schob Ramsey ihren grünen Tee in Sicherheit.
»Ach, es war noch viel schlimmer«, fuhr sie fort. »Die wenigsten Kinder sind kleine Anna Pawlownas. Aber ich hatte auch noch vorstehende Zähne.«
Ramsey neigte den Kopf. »Sind doch ganz hübsche Beißerchen, die du da hast.«
»Ich glaube nicht, dass meine Mutter jemals auf die Idee gekommen wäre, aber mein Vater hat mir dann zum Glück eine Zahnspange bezahlt. Ehrlich, meine Schneidezähne waren nicht nur ein bisschen schief. Sie hingen mir bis auf die Unterlippe.« Irina demonstrierte es ihm, und Ramsey lachte.
»Gut, eins ist mir jetzt klar«, sagte er. »Du bist keine von denen – die’s wissen. Du bist ’ne bildschöne Frau, ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich das so sage. Aber weißt nichts davon.«
Verlegen griff Irina nach ihrem Becher Sake und stellte fest, dass er leer war. Sie tat, als nähme sie einen Schluck. »Meine Mutter ist viel schöner als ich.«
»Und selbst wenn das so wäre«, sagte er und winkte dem Kellner, um eine zweite Runde Sake zu bestellen, »meinst du doch wohl eher, sie war mal.«
»Nein, sie ist. Und das mit dreiundsechzig. Verglichen mit meiner Mutter bin ich die reinste Vogelscheuche. Die macht noch heute ihre Übungen an der Stange, und zwar stundenlang. Und das bei drei Stück Sellerie und einem Salatblatt. Entschuldigung – einem halben Salatblatt.«
»Klingt ja zum Abgewöhnen.«
»Das ist sie auch – zum Abgewöhnen.«
Ihre Sashimiplatten kamen, und der Koch war ein solcher Künstler – der scharfe Thunfisch war in essbares Blattgold gewickelt –, dass es wie Vandalismus erschien, sein Kunstwerk zu verzehren.
»Pass auf«, sagte Ramsey und warf den gleichen ehrerbietigen Finger-weg-Blick auf seine Platte, mit dem er Irina an seinem Auto empfangen hatte. »Jeden Tag seh ich auf der Straße diese hübschen Dinger und denk: ›Da würd ich nicht Nein sagen‹, aber schon mein nächster Gedanke ist: ›Aber die hängt ja den ganzen Tag nur in der Muckibude. Hat nichts mehr mit Schönheit zu tun, nur mit Eitelkeit.‹ «
»Sehr gute Ausrede, um die Sit-ups wegzulassen – sonst könnte ja jemand auf die Idee kommen, ich wäre eitel!«
»Vergiss es.«
Irina runzelte die Stirn. »Und weißt du, als dann das ganze Blech raus war, hat sich etwas verändert. Es hat sich zu viel verändert. Es war irgendwie auch beängstigend.«
»Wieso denn?«
»Ich wurde plötzlich behandelt wie ein ganz anderer Mensch. Nicht nur von den Jungs, auch von den Mädchen. Du hast bestimmt keine Ahnung, wie das ist, weil du schon dein ganzes Leben lang gut aussiehst.«
»Ach ja?«
»Komm, jetzt tu nicht so. Und du sagst, ich kokettiere mit meiner Figur.« Aus Angst, ihn auf falsche Gedanken zu bringen, fügte sie hinzu: »Ich meine doch nur, du hast ein ebenmäßiges Gesicht.«
»Klasse«, sagte er trocken. »Du hast gewonnen.«
»Ich bin davon überzeugt, dass Leute, die einigermaßen aussehen –«
»Dann schon lieber gut aussehen.«
»Na, dann eben gut aussehende Leute. Die haben einfach keine Ahnung, dass es – mit ihrem Aussehen zu tun hat, dass sie so nett behandelt werden. Ich würde sogar wetten, dass attraktive Menschen eine höhere Meinung von der Menschheit haben. Weil alle nett zu ihnen sind, glauben sie, alle Menschen seien nett. Aber es sind nicht alle Menschen nett. Die Leute sind unglaublich oberflächlich. Es ist so deprimierend, wenn man mal auf der anderen Seite gestanden hat. Man wird behandelt wie Kaugummi an der Schuhsohle, oder schlimmer noch, als wäre man gar nicht da. Als wenn man nicht nur unansehnlich, sondern unsichtbar wäre. Hässliche Leute, dicke Leute, sogar Leute, die einfach nur nichts Besonderes sind, weißt du? Sie müssen sich mehr anstrengen, um anderen zu gefallen. Sie müssen etwas tun, um sich zu beweisen. Wenn man dagegen hübsch ist, muss man einfach nur dasitzen, und alle sind hellauf begeistert.«
Irina war es nicht gewohnt, so viel zu reden. Lawrence hätte sie schon zu Beginn unterbrochen und gesagt, dass man sie schon verstanden habe, also genug davon. Als Ramsey sie einfach reden ließ, hatte sie dieses sanfte Gefühl des Fallens, das sich einstellt, wenn ein erwarteter Widerstand ausbleibt, wie wenn man ohne es zu merken vom Bordstein tritt.
»Als Schülerin vorstehende Zähne zu haben«, fasste sie ein wenig unsicher zusammen, »ist bestimmt die ideale Vorbereitung aufs Alter. Für hübsche Menschen ist Älterwerden ein Schock. Man fragt sich, was ist denn jetzt los? Warum lächelt mich an der Kasse keiner mehr an? Aber für mich wird das kein Schock werden. Es wird einfach wieder so sein wie früher. Ach so. Die Zähne.«
»Blödsinn. Du siehst mit fünfundsiebzig garantiert noch hinreißend aus.«
»Ja ja, träum weiter«, sagte sie lächelnd. »Du hingegen – du scheinst mir einer dieser Jungs zu sein, von dem alle Mädchen auf der Highschool geschwärmt haben.«
»Ich will dich ungern enttäuschen, Schätzchen, aber ich war bloß auf der Mittelschule. Bin damals ausgesiebt worden. So was kennt ihr nicht, oder, das ist –«
»Doch, ich weiß.« Inzwischen waren die Briten in den meisten Teilen des Vereinigten Königreichs zum Gesamtschulsystem übergangen, aber zu Ramseys Zeiten mussten zitternde Elfjährige ein zermürbendes Verfahren durchlaufen, bei dem die Spreu vom Weizen getrennt wurde und dessen Ergebnis darüber bestimmte, welchen Weg sie von da an beschreiten würden. »Das muss sehr unangenehm gewesen sein.«
»Hat mich nicht gekratzt. Ich wollt ja Snookerspieler werden. Großer Gott, ich hab mehr blaugemacht als am Unterricht teilgenommen.«
»Trotzdem, ich seh es genau vor mir. Du warst einer dieser Jungs, in den die potthässlichen Mädchen aus der letzten Reihe, also solche wie ich, hoffnungslos verknallt waren, während du dir die Einzige geschnappt hast, die schon mit zehn einen Busen hatte.« Die Vorstellung lag nahe. Vielleicht war es der Peter Pan-Effekt, der dadurch zustande kam, dass er den ganzen Tag spielen durfte, aber Ramsey sah noch immer aus wie ein Teenager. Selbst die Haare wurden weniger grau als weiß; im Kerzenschein wirkte er blond wie ein Surfer.
»Kann schon sein, dass ich ein oder zwei Mädels zur Auswahl hatte«, gab er zu. »Aber auch nur von heute aus gesehen. Damals, da hatte ich Schiss vor den Mädchen, das kann ich dir sagen. Als ich dreizehn war, nimmt mich so ’ne Perle – Estelle hieß sie, die war vielleicht ein, zwei Jahre älter als ich –, nimmt die mich mit in ihr Zimmer und zieht sich die Bluse aus. Ich guck mir ihre Beatles-Poster an – ich guck überall hin, nur nicht auf ihre Titten –, erzähl ihr was von wegen Snookertraining und lauf zu meinem Rad. Ich kann dir sagen, ich hatte keinen Schimmer, was die von mir wollte.«
»Du hast sie einfach halbnackt im Zimmer stehen lassen? Das fand sie aber bestimmt nicht gut.«
»Soweit ich mich erinnern kann, war ich danach Luft für sie.«
»Aber irgendwann hast du es doch noch rausgefunden. Was die Mädchen wollten.«
»Ganz sicher bin ich mir eigentlich immer noch nicht.«
»Ich könnte dir ein paar Buchtipps geben, was es auf sich hat mit den Blumen und Bienen, aber Vorsicht, die meisten davon sind für die Zielgruppe zwischen fünf und acht.«
»Mal ehrlich jetzt, meine erotischsten Erlebnisse waren gar nicht beim Vögeln selbst«, sinnierte er. »Ich hatte zwar irgendwann ’ne Freundin auf der Schule, das stimmt. Und die hatte auch schon Brüste, aber kleine. Wohlgeformte kleine Titten. Wir waren immer zusammen, und bestimmt dachte die ganze Schule, wir hätten uns ununterbrochen die Seele aus dem Leib gerammelt. Stimmt aber gar nicht. Denise, das war so ’ne Kleine mit dunklen Haaren, genau wie du. So ’ne Ruhige. Wenn sie nicht zu Hause sein musste, saß sie jeden Abend im Rackers, meinem Snookerclub in Clapham, und hat zugeguckt, wie ich für ’n Fünfer pro Frame doppelt so alte Typen in die Tasche stecke. Die hat die Knete genommen und meine Jacke festgehalten, und wir hatten ein Zeichen für ›der Typ wird sauer, lass uns abhauen‹. Sie hat mir immer das Queue eingekreidet.«
»Klingt metaphorisch.«