Ludwigshöh & Elwetritsch - Helge Weichmann - E-Book

Ludwigshöh & Elwetritsch E-Book

Helge Weichmann

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Beschreibung

Es läuft nicht gut für Kommissar Marcel Bleibier: Als er unfreiwillig Chaos in der Villa Ludwigshöhe anrichtet, wird er vom Dienst suspendiert. Doch die seltsamen Geschehnisse in der Sommerresidenz König Ludwigs I. reißen nicht ab. Hat all das mit der gerade abgeschlossenen Renovierung des alten Gemäuers zu tun? Erneut muss Bleibier auf die besonderen Fähigkeiten seiner Elwetritsch vertrauen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei stoßen die beiden auf ein Geheimnis, das seit des Königs Zeiten in der Villa verborgen ist.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Helge Weichmann

Ludwigshöh & Elwetritsch

Kriminalroman

Zum Buch

Königsklasse! »Dem Land der Bayern zu Gnaden, aber meiner geliebten Pfalz zur Ehr!« Mit diesen Worten soll König Ludwig der Legende zufolge einen versteckten Kellerraum in der Villa Ludwigshöhe versiegelt haben – mit geheimnisvollem Inhalt. Dass hinter alten Geschichten manchmal mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt, muss Kommissar Marcel Bleibier am eigenen Leib erfahren: Erst gerät er in ein Attentat, das gar keines ist, dann interessieren sich sowohl der pfälzische Metzgerverband als auch der bayrische Verfassungsschutz brennend für das frisch renovierte Schloss. Was hat der König seinerzeit dort verborgen, das heute noch für so viel Aufregung sorgt? Bleibier kommt einer Verschwörung auf die Spur, doch ausgerechnet jetzt befördert ihn sein Vorgesetzter aufs Abstellgleis. Dem Kommissar bleibt nur ein letzter Trumpf: Sein Dauergast, die vorlaute und verfressene Elwetritsch aus dem tiefen Pfälzerwald. Gemeinsam mit dem Sagenwesen kämpft er darum, seine Unschuld zu beweisen und das Rätsel der königlichen Villa zu lösen.

Helge Weichmann, Jahrgang 1972, ist gebürtiger Pfälzer und lebt seit mehr als 25 Jahren in der Diaspora in Rheinhessen. Während seines Studiums jobbte der promovierte Kulturgeograph als Musiker und Kameramann, bevor er sich als Filmemacher selbstständig machte. Heute betreibt er eine Medienagentur, arbeitet als Moderator und hat sich mit Mainzer Krimis einen Namen gemacht. Die Pfalz trägt er jedoch immer im Herzen, deshalb sind die »Elwetritsche«-Bücher seine ganz persönliche Wertschätzung der wunderschönen Region zwischen Neustadt und der französischen Grenze. Neben Kultur und gutem Essen kommt darin auch die berühmte Schlitzohrigkeit der Pfälzer nicht zu kurz. Ajoh!

Impressum

Personen, Elwetritschen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Elwetritschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Satz & Layout: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Helge Weichmann

Figur von www.elwedritsch.shop

ISBN 978-3-7349-3316-5

Samstag

»Papageno!« Eine dralle Blondine mit Reifrock, hoher Perücke und weiß gepudertem Gesicht warf die Arme in die Luft. Der Winzersekt ließ ihre Wangen glühen. »Komm und feier die Vogelhochzeit mit mir!«

Kommissar Bleibier wusste nicht so recht, wie er reagieren sollte angesichts der üppigen Weiblichkeit, die da auf ihn zustürmte. Sie würde ihn, da war er sicher, zerdrücken wie reifes Obst, er würde in ihrem wogenden Busen verschwinden und nie wieder zum Vorschein kommen. In einem Anflug von Panik tauchte er zur Seite weg und ließ die feminine Urgewalt an sich vorbeischwappen. Eilig bahnte er sich den Weg durch Waffenröcke, zurechtgemachte Edeldamen und livrierte Diener, bis er atemlos am Eingang des Speisesaals ankam. Streichmusik füllte seine Ohren. Aus Furcht vor einer Rückkehr der Walküre drehte er sich von der Festgesellschaft weg und betrachtete betont interessiert einen Aufsteller mit pompösem Goldrahmen. Dieser pries ebenjene Veranstaltung an, auf der er sich gerade befand.

»Die Villa Ludwigshöhe öffnet ihre Pforten in neuem Glanz«, hieß es da in geschwungenen Lettern, die an die vorherige Jahrhundertwende erinnerten. »Die Landesregierung Rheinland-Pfalz lädt ein zum großen Kostümball wie zu Zeiten König Ludwigs I.« Darunter prangte das königlich-bayrische Wappen: zwei Löwen, die einen gekrönten Viererschild mit blau-weißen Rauten festhielten.

Die Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben war sechs Jahre lang geschlossen gewesen. Neben dem Zahn der Zeit hatten vor allem Brandschutz und Barrierefreiheit größere Baumaßnahmen eingefordert. Die Wiedereröffnung wurde nun mit einem großen Fest gefeiert, obwohl man den Zeitplan nicht ganz hatte einhalten können und die Villa erst am kommenden Freitag für die Öffentlichkeit freigegeben werden würde. Überall im Gebäude hingen noch Planen und lose Kabel herum, nur die beiden prunkvollsten Räume, der Speisesaal und das Gesellschaftszimmer auf der Ostseite, waren für die heutige Veranstaltung herausgeputzt worden. Die Kronleuchter ließen den Speisesaal mit den kunstvollen Holzintarsien auf dem Boden festlich erstrahlen. Die sorgfältig renovierten Wanddekorationen waren im pompejanischen Stil gestaltet, die Farben Rot und Weiß dominierten.

In diesem prachtvollen Ambiente gab sich die Prominenz die Klinke in die Hand. Sogar ein Besuch des Ministerpräsidenten war angekündigt, entsprechend stand Securitypersonal mit Knopf im Ohr an allen Ein- und Ausgängen. Bleibier vermutete, dass die Landesregierung sich einfach ein bisschen selbst feiern wollte, schließlich hatte sie jede Menge Geld in die Renovierung gesteckt.

Die Polizeiwache 1 in Grumberg hatte wie alle Behörden und offiziellen Stellen der umliegenden Dörfer eine Einladung zum Fest erhalten. Eigentlich hatte der Kommissar keine Lust verspürt, eine Feierlichkeit zu besuchen, bei der es nur ums Sehen-und-gesehen-Werden ging. Andererseits war er neugierig auf den Umbau der Villa, von der man seit einer gefühlten Ewigkeit nur Gerüst und Planen gesehen hatte. Wie alle Bewohner des Haardtrandes war auch Bleibier stolz auf die Villa Ludwigshöhe, die wie ein italienisches Lustschlösschen oberhalb von Edenkoben thronte und der Region einen Hauch Toskana verlieh.

»Jessesgott, was ein Ansturm! Was ein Publikum!«, hörte er eine Stimme neben sich. Es war Ludwig Fuchs, der Bürgermeister von Grumberg. Eine Metzgerschürze von anno dazumal umflatterte seine lange, dünne Gestalt, die abstehenden Ohren hielten ein weißes Käppi in Balance. »Da müssen wir nachher unser Bestes geben, ist schließlich die ganze Hautevolee da.«

»Ich drück die Daumen, Louis.«

Der Fuchselouis war Teil einer Laienspielgruppe, die im Rahmen der Feier auftreten würde. Ludwig hatte die Hauptrolle inne und fieberte seit Wochen dem Rampenlicht entgegen. Bleibier hingegen war das Schaulaufen der Schickeria zuwider. Und diese Kostüme erst! Er war Verkleidungsmuffel und hatte seine liebe Mühe, jedes Jahr aufs Neue etwas für die Grumberger Faschingsfeier aus den Tiefen seines Schranks zu fischen.

Als hätte der Fuchselouis seine Gedanken gelesen, zupfte dieser an den Federn, die von Bleibiers Kostüm herabbaumelten. »Awwa schää, Maazl! Ich hab ja immer gedacht, du würdest dir nix aus der Verkleiderei machen. Und die Elwetritsch ist natürlich der Oberknaller! Zeig mal, wo hast du die denn hergekriegt, wer macht so ebbes?«

Bleibier murmelte etwas von einem Modellbauer aus Oberotterstadt und hob den altertümlichen Vogelkäfig in die Höhe, den er schon den ganzen Abend in der Hand trug. Darin saß ein absonderliches Wesen mit Puschelfedern, Entenfüßen, einem bunten Schwanz, Stielaugen, grünem Schnabel und kleinen Hörnern. Die Augen des Wesens starrten tot ins Nichts, es schwankte im Rhythmus des Käfigs.

»Klasse, sieht echt echt aus, echter als wie e Echti!« Der Fuchselouis gluckste über seinen eigenen Wortwitz und schickte sich an, seine Schauspielkollegen zu suchen.

Bleibier verzog sich. »Echter als wie e Echti«, brummte er kaum hörbar in Richtung des Käfigs, »selten so gelacht.«

Der Tatsache, dass die Elwetritsch bei der Feierlichkeit dabei sein durfte, war eine längere Debatte vo­raus­gegangen. Kaum hatte Bleibier das anstehende Fest erwähnt, war das Geschöpf Feuer und Flamme gewesen. Zwar nutzte es den Fernsehapparat als schier unendliche Quelle für Menschenbeobachtung, doch einer Versuchung wie dem angekündigten Maskenball konnte die Tritsch nicht widerstehen. Sie müsse schließlich, so argumentierte sie, das Brauchtum der hiesigen Hochbeiner studieren, und das ginge nun mal am besten bei einem Lokaltermin. Bleibier stemmte die Fäuste in die Hüfte. Er wusste zwar, dass jede jugendliche Elwetritsch eine gewisse Lehrzeit bei einem »Hochbeiner«, einem Menschen, verbringen musste. Denn auf diese Weise lernten die Sagenwesen, wie die Leute in der Pfalz dachten und handelten, sodass sie ihre Verstecke im tiefen Wald umso besser wählen konnten. Doch diesmal ging der Wunsch der Tritsch entschieden zu weit.

»Und was glaubst du, wie ich das machen soll, bitte schön? Trage ich dich in einer Alditüte mit Gucklöchern durch die Gegend, oder was?«

Die Tritsch wackelte ungerührt mit ihrem grünen Schnabel. »Die Leute sind doch alle verkleidet, oder? Dann lass dir was einfallen.«

Die Erleuchtung war Bleibier dann während der Gartenarbeit gekommen, als er munter Melodien aus Mozarts »Zauberflöte« vor sich hin pfiff und die Heckenschere wie einen Taktstock schwang. Plötzlich fiel in seinem Hirn ein Dominostein nach dem anderen um: Mozart … Zauberflöte … der Vogelfänger!

Seine Tochter Susanne hatte sich mit Feuereifer daran gemacht, alte Kleider vom Dachboden mit Hilfe von Tuchfetzen und Nähgarn in eine verwegene Papageno-Interpretation zu verwandeln. Sie hatte, das musste der Kommissar neidlos anerkennen, ganze Arbeit geleistet: Er steckte in einem bunten Anzug, an dem Schnüre und Federn bei jedem Luftzug wehten, auf seinem Kopf saß eine Kappe, die einem Schnabel nachempfunden war, selbst seine Schuhe trugen farbenfrohe Büschel. Der schnörkelige Vogelkäfig in seiner Hand war ein Glücksfund vom Flohmarkt, darin hockte nun die Tritsch starr und steif wie eine Puppe. Ihr extravagantes Äußeres zog mehr Aufmerksamkeit auf sich, als es Bleibier lieb war.

»Ach guggemoldo, is des e Elwetritsch?« Ein dicker Junker mit Stehkragen beugte sich nach vorne, um den Käfig besser sehen zu können. »Ajoh klar, de Papageno ded in de Palz gonz sicher nix anneres fange als wie e Elwetritsch. Des find ich subba!« Er lachte dröhnend, hob sein Weinglas und verschwand in der Menge.

Der Kommissar schwitzte. Er steuerte eine Ecke an, die ihn vor neugierigen Blicken und der umarmungsfreudigen Überfrau schützte. Von hier aus beobachtete er das feiernde Volk. Der zweite Mann der Grumberger Wache, Manfred »Manne« Blümlein, war ebenfalls hier. Beim Kostüm hatte er es sich einfach gemacht: eine historische Wachtmeister-Uniform, komplett mit Pickelhaube und angeklebtem Schnauzer. Dieses Dimpfelmoser-Outfit trug Manne seit jeher zum Fasching. Jedes Jahr aufs Neue zwängte er sich in die altertümliche Uniform, klebte den Bart an und stolzierte wichtigtuerisch zwischen den ausgelassenen Narren umher. Bleibier vermutete, dass sich Manne heimlich nach ebenjenen alten Zeiten sehnte – damals war der »Herr Wachtmeister« noch eine Respektsperson, der man mit ausgesuchter Höflichkeit begegnete und die die Kinder auseinanderstieben ließ, sobald sie um die Ecke bog.

Die Neustädter Polizeidirektion wurde von Kriminalrat Eugen Keilhauer vertreten. Seine Verkleidung stellte einen Richter dar, bestehend aus schwarzem Gewand, weißer Perücke und einer winzigen, runden Brille. In Bleibiers Augen sah das Kostüm eher nach Großinquisitor aus. Passte zu Keilhauer, der auch heutzutage sicher wenig gegen den Einsatz von Daumenschrauben und Streckbank einzuwenden hätte. Mit einem knappen Nicken nahm der Kriminalrat Bleibiers Anwesenheit zur Kenntnis, dieser nickte ebenso knapp zurück. Es fuchste Keilhauer wohl, dass das Proletariat in Gestalt von Bleibier und Manne anwesend war. Der Kommissar hingegen freute sich, seinem Vorgesetzten auf diese Weise auf den Nerven herumtrampeln zu können. Ein klarer Pluspunkt der Veranstaltung!

Er schrak aus seinen Gedanken hoch, als ihn ein d’Artagnan mit weinbedingter Schlagseite anrempelte. Der Musketier bückte sich unbeholfen zum Käfig und lallte: »Ei was bischn du fer en komische Voggl? Soll des e Elwetritsch soi? Setze, sechs, die sehen ganz annaschda aus sehen die.« Mit dem Finger polkte er zwischen die Gitterstäbe und versuchte, eine der Pelzfedern zu erhaschen. Bleibier ahnte, was geschehen würde, und bemühte sich, den Käfig wegzuziehen. Doch zu spät: Für eine Sekunde erwachte die Vogelfigur zum Leben, ihre Augen funkelten wie Bernstein, der grüne Schnabel hackte blitzschnell in den Finger.

»Auuuu!« D’Artagnan jaulte und stolperte über seine eigenen Füße. Im Fallen riss er ein Tischtuch mit sich, Gläser gingen zu Bruch, die Damen der Gesellschaft erschraken. »Des … des Ding do lebt!«, stammelte der Mann, während er auf dem Boden rückwärts krabbelte. Blut tropfte von seinem Finger. »Des hot … hot …«

Doch schon waren zwei Securityleute da, hoben ihn in die Höhe und bugsierten ihn in Richtung Ausgang. »Des hot ma in de Finger gehackt, des is e echtes Viech, e echte Elwetritsch!«, krakeelte er und wollte sich losmachen. Mit den Männern war allerdings nicht zu spaßen. Es hatte in den letzten Wochen anonyme Drohungen gegen den Ministerpräsidenten gegeben, sogar von einem Attentat war die Rede gewesen. Deshalb machte die Security mit dem Störenfried kurzen Prozess und zerrte ihn hinaus. Dutzende Augen wandten sich Bleibier zu, der leichthin abwinkte und mit der Hand vor dem Mund eine Schluckspecht-Geste machte. Alle nickten verständnisvoll und nahmen ihre Gespräche wieder auf. Der Kommissar drehte sich um, sodass sein Körper den Käfig verdeckte.

»Horchemol, das ist ganz klar gegen unsere Absprache!«, zischte er und bemühte sich, die Mundbewegungen hinter seiner Hand zu verstecken. »Du hockst hier still und stumm und rührst dich nicht, das war der Deal!«

Das Vogelwesen im Käfig plusterte sich auf. »Sonst noch was? Soll ich darauf warten, bis der Typ mir die Federn einzeln ausreißt, oder was?« Die kieksige Stimme trug weit, Bleibier räusperte sich, um sie zu übertönen. »Du hättest ja auch was machen können, statt blöd nebendran zu stehen!«

»Ja, hätte ich auch! Wenn du mir mehr als eine Millisekunde Zeit gelassen hättest, statt dem Typen den halben Finger abzuhacken!«

Bevor ihr Disput weitergehen konnte, kam Bewegung in die Menge. Auf der Bühne, die im Speisesaal gegenüber der Fensterfront errichtet worden war, versammelten sich kostümierte Gestalten und suchten nervös ihre Positionen. Die Laienspielgruppe legte los. Es war Bleibier zwar schleierhaft, wie die Truppe mit dem klangvollen Namen »Die Worschtzibbl« zu einem Auftritt bei einer solch hochoffiziellen Veranstaltung gekommen war. Aber immerhin, die zehn Männer und Frauen aus den umliegenden Dörfern gaben ihr Bestes. Passend zum König-Ludwig-Motto und angelehnt an ihren eigenen Namen inszenierten sie die Erfindung der bayrischsten aller Speisen: der Weißwurst. Das Publikum erlebte, wie im Jahr 1857 dem Wirtsmetzger Joseph »Sepp« Moser – kongenial verkörpert vom Fuchselouis – am Münchner Marienplatz die Schafsdärme für seine Kalbsbratwürste ausgingen. Sein Lehrling brachte ihm daraufhin die falsche Ware, nämlich Schweinedärme. Die Verzweiflung war Sepp-Louis ins Gesicht geschrieben, als seine Kunden lauthals in einem bayrisch-pfälzischen Sprachwirrwarr Nachschub forderten. In seiner Not füllte er die Schweinedärme, briet sie aber nicht, weil er befürchtete, die Würste könnten platzen. Stattdessen brühte er sie in heißem Wasser – die Weißwurst war geboren. Unter dem Applaus des Publikums trat nun der König daselbst auf, lobte Sepps Verlegenheitslösung und zeigte seinen »König-Ludwig-Schnitt«, bei dem die Wurst rautenförmig aus der Pelle geschnitten wurde. »Die Worschtzibbl« verbeugten sich im Beifall, die bürgermeisterlichen Segelohren glühten wie Bremslichter. Nur Manne, der sich zwischenzeitig zum Kommissar gesellt hatte, winkte unzufrieden ab. »Achtzeehunnertsiwwenefuffzich – nix is des, ga nix!«, murmelte er lauter als nötig. »De Pälzer Saumaage ist verzeehunnertdreißich erwähnt, in Bockenem. So was nenn ich Tradition, awwa ehrlich, awwara!«

Bleibier musste schmunzeln, er wusste um Mannes Regionalstolz. Die weiteren Tiraden des Polizeimeisters gingen unter, denn nun wurde die Bühne geräumt. Der Auftritt des Ministerpräsidenten stand an. Er wurde vom Edenkobener Bürgermeister begrüßt, danach trat er ans Mikro und spulte sein Grußwort ab. Passend zum Anlass trug er eine altertümliche Gardeuniform. Bleibier hörte nur mit halbem Ohr zu und zählte aus Spaß die Plattitüden, die bei einer solchen Rede nie fehlen durften. Nach zwei Minuten waren schon »Heimat«, »Verbundenheit«, »Tradition«, »Zukunft«, »Perspektive« und »Vision« gefallen, und er hatte gelernt, dass bei alldem selbstverständlich »der Mensch im Fokus« stand.

In diesem Augenblick sah er den roten Punkt. Kurz dachte er an eine Sinnestäuschung, an eine Überbeanspruchung seiner Nerven durch die Wirren des Maskenballs, doch nein, da war tatsächlich ein kleiner roter Punkt, der an der Wand entlang huschte wie ein eiliges Insekt und sich zielstrebig auf die Bühne zubewegte. Ein Laserpunkt. Seine innere Alarmklingel schrillte los, die Gedankenfetzen stürzten nur so auf ihn ein … die aufgeheizte politische Lage im Land … die anonymen Drohungen an die Adresse des Ministerpräsidenten … die Chance, ihn hier in einem verwinkelten und schlecht zu schützenden Gebäude vorzufinden.

Ohne eine Sekunde zu überlegen, drückte Bleibier Manne den Käfig in die Hand und stürmte nach vorne. »Aus dem Weg!«, brüllte er und schob sich durch die Menge wie ein Stier. »Der Ministerpräsident in Deckung! Jemand zielt auf ihn!« Panik brach los, die Menschen schrien durcheinander, Gläser zerbarsten, Stehtische fielen um. Schon war der Kommissar an der Bühne angelangt, aus dem Augenwinkel sah er den Laserpunkt herankommen, hektisch drehte er den Kopf, um die Quelle zu finden. Der Punkt kam von draußen, dort herrschte Dunkelheit, die Scheiben reflektierten die Lichter der Festgesellschaft. Vor seinem geistigen Auge sah er einen Extremisten in den Reben kauern, einen politischen Wirrkopf, dem es um größtmöglichen Schaden ging. Die Sekunden verlangsamten sich zur Zeitlupe, der Punkt rückte näher, zwei Bodyguards rannten herbei, noch viel zu weit entfernt, der Ministerpräsident schutzlos mitten auf der Bühne, der Laserpunkt fast am Ziel. Bleibier röhrte auf und warf sich mit aller Kraft nach vorne, seine Arme schlangen sich um den hünenhaften Ministerpräsidenten, der Schwung riss beide um, der Boden kam näher, dann der Aufprall, der Bleibier die Luft aus den Lungen trieb. Das Letzte, was er hörte, war das Knacken von Knochen, dann schlug Schwärze über ihm zusammen.

Montag

»GLM 50-27 C.« Mit spitzen Fingern drehte Kriminalrat Eugen Keilhauer ein kleines blaues Gerät mit Display hin und her. Seine sanfte Stimme war Vorbote eines großen Donnerwetters. »Von Bosch. Gutes Ding, ich hab auch eins zu Hause.«

Sein Büro in der Polizeidirektion Neustadt war so eingerichtet, dass sofort klar wurde, wer hier die Rolle des Herrgotts spielte: Hinter dem ausladenden Schreibtisch erhob sich ein Chefsessel mit hoher Lehne, in dem der Kriminalrat thronte und der ihm zusätzliche Würde verlieh. Das Fenster dahinter ließ Licht hereinfallen – es umgleißte ihn und vollendete das Bild des Jüngsten Gerichts. Die beiden Besucherstühle waren geradezu mickrig, sodass jeder, der darin saß, sich wie ein armer Sünder fühlte. Bleibier passte kaum hinein in sein Stühlchen, er fürchtete, es mit seinem Körpergewicht zu zerbrechen. Andererseits musste er zugeben, dass das momentan seine kleinste Sorge war.

»Wissen Sie, was das GLM 50 macht, Bleibier?«

Der Kommissar verzichtete auf eine Antwort. Normalerweise liebte er es, seinen Vorgesetzten auf die Palme zu bringen, indem er entweder so unschuldig tat wie ein neugeborenes Baby oder auf jeden Vorwurf mit übertriebener Betroffenheit reagierte. Diesmal war das Kind allerdings ziemlich tief in den Brunnen gefallen, also hielt er besser die Klappe.

»Es misst Entfernungen. Tolle Sache, so was, vor allem auf Baustellen. Man muss nicht mehr endlos hoch und runter klettern, sondern drückt nur einen Knopf und – zack! – weiß man, dass die gegenüberliegende Wand acht Meter und vierundsiebzig Zentimeter entfernt ist. Prima, oder?«

Bleibier schwieg beharrlich. Keilhauer wurde lauter.

»Nächste Frage: Wissen Sie, wie das GLM 50 die Entfernungen misst? Na, haben Sie eine Ahnung? Nein? Dann will ich Ihnen auf die Sprünge helfen: Es misst mit einem Laser. Einem Laser, der sich durch einen kleinen roten Punkt zeigt.«

Die Stimme des Kriminalrats schwoll an, Bleibier spürte förmlich, wie ihm der Schalldruck die Haare anlegte.

»Noch eine Frage: Wäre es Ihrer Meinung nach auch nur im Entferntesten vorstellbar, dass auf einer riesigen Baustelle wie der Villa Ludwigshöhe irgendjemand irgendwann irgendwo ein GLM 50 einsetzt? Dass also irgendwann irgendwo ein kleiner roter Laserpunkt zu sehen ist?«

Nun brüllte Keilhauer, dass die Wände wackelten.

»Letzte Frage: Haben Sie eine Ahnung, wie blöd die Polizei jetzt dasteht? Jetzt, wo Sie mit einer körperlichen Attacke dem Ministerpräsidenten den Arm gebrochen haben, nur weil jemand in der Villa mit einem Laser-Entfernungsmesser gearbeitet hat? Und Sie dadurch eine monatelang geplante Feierlichkeit ruiniert haben? Na?«

Er pfefferte das blaue Gerät auf den Schreibtisch, beugte sich nach vorne und wedelte mit seinem Zeigefinger vor Bleibiers Nase. »Diesmal, Bleibier, haben Sie den Bogen überspannt. Ich weiß ja längst, dass Sie da oben hinter den sieben Bergen nicht ganz richtig ticken, und Ihr spießgeselliger Dorfwachtmeister ebenso. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Ich informiere Sie hiermit offiziell, dass ich beim Innenminister Zweifel an Ihrer geistigen Eignung für den Polizeidienst angemeldet habe, und der Herr Innenminister ist da völlig auf meiner Seite. Völlig.«

Der Zeigefinger fror ein, seine Stimme sank und wurde gefährlich ruhig. »Sie stehen jetzt ganz oben auf der Liste, Bleibier, ganz oben. Die Villa Ludwigshöhe ist für Sie erst mal verbrannte Erde, lassen Sie sich da bloß nicht mehr blicken. Ich behalte Sie im Auge! Noch eine winzige Sache, bei der Sie auffallen … ein Fehltritt, eine Beschwerde, irgendwas, das nicht nach Vorschrift läuft … dann sind Sie weg vom Fenster. Dann mache ich Ihren Saftladen dicht, und zwar schneller, als Sie eine Ihrer Grumberger Weinschorlen trinken können!«