Stadtverwandlung - Jana Beek - E-Book

Stadtverwandlung E-Book

Jana Beek

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Beschreibung

Völlig unvorbereitet fällt Mai eines Nachts vom Himmel und muss den Job der Schutzpatronin der Stadt Mela übernehmen. Nicht alle sind begeistert von dieser Idee und auch Mai hat immer wieder das Gefühl, dem Auftrag nicht gewachsen zu sein. Als die Stadt von einem übermächtigen Gegner bedroht wird, dem Mai nichts entgegenzusetzen hat, werden sie und Mela immer mehr von den Kräften der Welt zerrieben und müssen ungewöhnliche Wege finden, um zu überleben.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

-1-

Als Mai auf dem harten Asphalt landete, schlug sie sich das Knie auf, ihr Schild fiel ihr mit einem Scheppern aus der Hand und ihr Umhang gab ein zerreißendes Geräusch von sich. Leise fluchte sie vor sich hin. Das mit der Landung musste sie noch üben. Sie rappelte sich auf, sammelte ihren Schild wieder ein und schaute sich in der stillen und idyllischen Wohngegend um, die jetzt kurz nach Mitternacht in Dunkelheit gehüllt war. Nur hier und da kam Licht aus einem Fenster oder Hauseingang. Mai klopfte sich den Straßenstaub von ihrem Umhang und lief ein paar Schritte zu dem Wohngebäude, in dem Nina gerade in ihrem wohlverdienten Schlaf weilte. So war das, wenn man keinen festen Termin vereinbart hatte, jetzt musste sie in der Kälte herumstehen und warten, bis die einzige Person, die sie in dieser für sie neuen Stadt Mela kannte, die Eingebung hatte, aufzustehen und draußen nach dem Rechten zu sehen.

Mai fuhr mit der Hand über die raue Oberfläche ihres Schildes, lief ein paar Schritte auf und ab und spürte jedes Mal, wie die Schürfwunde an ihrem Knie unangenehm gegen die Hose rieb. Dann beschloss sie schließlich etwas nachzuhelfen, suchte ein paar kleine Steinchen und warf sie gegen Ninas Fenster. Es gab ein kleines Ping an der Scheibe und Mai war froh, nicht das Fenster zerschmettert zu haben, das würde vielleicht das falsche Signal senden.

Danach setzte sie sich auf den Bordstein hinter ein Gebüsch und fragte sich, ob es die richtige Entscheidung war, hierher zu kommen. Brauchte die Stadt sie und brauchte Mai diese Stadt? Konnte sie hier Anschluss finden? Würde ihre Familie sie suchen und ihr Probleme bereiten? Da hörte sie das Knarzen einer Tür, zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und trat aus ihrem Versteck hervor. Hielt ihren Kopf tief gesenkt und kniete sich abermals auf ihre Verletzung, das tat weh. Sie hätte das andere Knie nehmen können, aber für einen Wechsel war es jetzt zu spät. Als letztes fehlte noch der Schild, den sie demonstrativ vor sich positionierte.

Nach einer angemessenen Wartezeit hob sie ihren Kopf, schaute Nina, die barfuß und in eine Strickjacke gehüllt vor ihr stand, möglichst intensiv in die Augen und sagte mit grabesschwerer Stimme: "Du hast mich gerufen, hier bin ich."

Nina riss die Augen auf und sog die kalte Luft sichtbar ein. Mai musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Ihre Wirkung auf andere Leute war für sie immer noch gewöhnungsbedürftig, insbesondere seit ihrer Transformation. Und dann noch diese ganzen Paraphernalia wie Umhang, Schild und Kapuze, ihr ganzer schwarzer Aufzug, dann die Kräfte, in deren Besitz sie seit kurzem war. Natürlich nahm Mai ihren Auftrag sehr ernst, aber manchmal hatten die Brüche mit der Realität doch eine unfreiwillige Komik.

„Mai?“, sagte Nina jetzt und trat näher, ihre Stimme zitterte.

Mai stand auf, um ihr Knie zu entlasten. „Ich bin die neu berufene Schutzpatronin dieser Stadt und bin gekommen, um meine Position einzunehmen. Mein Schild ist das Symbol meines Wirkens, ich werde die Stadt und ihre BewohnerInnen vor Unheil beschützen, wo ich nur kann und mich bis zu meinem Tod für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.“

War das zu dick aufgetragen? Mai wusste es nicht, es war ihr erster und wahrscheinlich letzter Job in diesem Bereich, viel Erfahrung hatte sie bisher noch nicht gesammelt. Immer wieder hatte sie in den letzten Tagen, seit ihre Abreise feststand, diese Rede geübt und versucht die richtigen Worte zu finden. War sie ein Schutzengel? Das klang zu kitschig. Eine Kämpferin für die Rechte der Armen und Schwachen? Zu heroisch. Eine geheimnisvolle Hexe, die die Kräfte des Universums beschwor? Auf keinen Fall. Ein sonderbarer Dämon, der zwischen den Welten wanderte? Hoffentlich nicht. Aber irgendwie musste sie sich einordnen und da war das das Beste, was ihr einfiel.

„Wie hast du…“, Nina zeigte auf Mais Schild.

„Als wir uns das letzte Mal begegnet sind“, Mai wurde mit einem Mal sehr ernst und die Fassade fiel von ihr ab, „da war ich desillusioniert, verletzt und…“, sie zog die Kapuze ab und ihr Blick verschwand in der Ferne, „… ohne eine Vision für mich oder die Welt um mich herum. Du hast…“, sie trat direkt vor Nina, die einen halben Kopf kleiner war als Mai, „…in mir einen Funken entzündet, von dem ich lange nicht gedacht hätte, dass er überhaupt noch da ist und der seitdem am Brennen ist. Ich habe mein Heimatland und meine Familie verlassen, habe in der Hauptstadt des Kontinents eine Ausbildung als übernatürliches Wesen absolviert und habe mich dann entschieden, hier mein Wirken aufzunehmen. Und das hier“, sie hob den Schild und hielt ihn zwischen ihnen beiden, „das du mit deinen eigenen Händen aus Metallresten in Melas Industriegebiet geschmiedet hast, ist mein Instrument, die Erweiterung meiner selbst, mein Symbol. Danke dafür“, sie verbeugte sich leicht.

„Wow“, Nina schaute sie fassungslos an. „Wie ist das möglich…“, sie zeigte auf Mais Gestalt.

„Solche Fragen stellen wir hier nicht“, Mai zwinkerte ihr zu, „es ist gleichzeitig einfacher und komplizierter als du denkst. Ich habe Fähigkeiten, die für andere schwer zu verstehen sind, aber eigentlich schon immer da waren. Lass uns damit keine Zeit verschwenden“, sie nahm Nina an die Hand. „Du und die anderen, ihr seid mein direktes Support-System, also lass und loslegen.“

„Welche anderen und mit was loslegen?“, Nina, der die braunen Strähnen ihrer schlafzerzausten Haare ins Gesicht hingen, sah immer noch sehr ratlos aus.

„Was denkst du denn, wen ich meinen könnte?“, Mai hob erwartungsvoll die Augenbrauen. Das war ihr Lieblings-Move, einfach die Leute selbst ihre Fragen beantworten lassen. Was wusste sie schon, wer ihre Crew hier war? Sie kannte bisher nur Nina, die früher in der Metallverarbeitung tätig war. Als ihr Betrieb verkauft und von Mai verschrottet wurde, waren sie aufeinander getroffen.

„Meinst du Neev?“, Nina rieb sich angestrengt die Schläfen. „Sie ist für Neuankömmlinge zuständig, also…“

„Das ist es“, Mai nahm Ninas Hand, gab ihr einen kleinen Ruck und zack, waren sie in der Luft, auf dem Weg zu dieser Neev.

Das Fliegen war Mai die ersten Male merkwürdig vorgekommen, aber jetzt war es ihre bevorzugte Art der Fortbewegung. Die Lichter der Stadt unter ihr wurden immer kleiner, der kalte Wind durchflutete ihre Haut und Haare, trieb ihr fast die Tränen in die Augen, raubte ihr für ein paar Sekunden die Luft zum Atmen.

„Argh“, gab Nina am anderen Ende ihrer Hand von sich und Mai musste lachen. Arme Nina, sie hatte noch ihren Schlafanzug an und musste schon durch den Nachthimmel flattern.

Mai blendete Ninas Zappeln und Fluchen aus, ließ von oben ihren Blick über die Stadt schweifen, verengte die Augen und versuchte zu spüren, wo das Haus dieser Neev war. Das war ein angenehmer Nebeneffekt ihrer neuen Kräfte, wo sie vorher immer so orientierungslos war, jetzt konnte sie ihre Sinne öffnen und nach Menschen, Orten und Gegenständen suchen lassen. Manchmal fand sie so, was sie begehrte, andere Male ging sie leer aus. Aber jetzt gab ein Wohnhaus unter ihr einen Ausschlag in ihren Fingerspitzen und Mai fixierte ihren Blick darauf.

Jetzt bloß keine Bruchlandung, sonst würde Nina allen Respekt vor ihr verlieren. Der Bordstein kam immer näher und Mai besann sich darauf, die Geschwindigkeit ihres Körpers zu zügeln. Doch mit Nina an der Hand war es schwieriger als sonst. Sie sah noch dieses große Gebüsch vor sich, versuchte zu navigieren, doch es kam immer näher und sie landeten zusammen in einer Haselnuss.

„Was zum Henker?“, rief Nina lautstark und kämpfte mit ein paar Zweigen.

Immerhin lebten sie noch, dachte Mai und versuchte möglichst respektvoll aus dem Gestrüpp zu steigen.

„Wie hast du das gemacht?“, rief Nina wieder, doch Mai deutete ihr, leise zu sein.

„Willst du die halbe Nachbarschaft aus den Betten werfen? Die Leute brauchen ihren Nachtschlaf, dafür muss ich als Schutzperson sorgen“, Mai drückte ihren Rücken durch und hob ihren Kopf über Nina.

„Du erklärst mir sofort, was das war“, zischte Nina nun leiser.

„Ich habe doch vorhin alles gesagt, hast du nicht zugehört?“, Mai zupfte ihr ein paar alte Blätter aus den Haaren. „Es ist kompliziert. Können wir es nicht dabei belassen, dass ich zu Dingen fähig bin, die außerhalb deines Vorstellungvermögens liegen? Und Leute wie mich hat es schon immer gegeben. Nur war der Posten in Mela nun länger unbesetzt, aber jetzt bin ich ja da“, sie zeigte auf sich und lachte.

„Was?“, Nina machte mit ihren Armen eine große Geste, als würde sie rein gar nichts verstehen. Dabei hatte Mai sich so viel Mühe beim Erklären gegeben.

„Nina, ist alles okay bei dir?“, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter ihnen und Nina und Mai drehten sich abrupt um. „Was geht hier vor?“, eine zierliche Frau mit wallender grauer Kleidung und silbernem Haar stand vor ihnen.

„Das… das…“, stotterte Nina und zeigte auf Mai.

„Guten Abend“, Mai setzte ihre höflichste Stimme auf und verbeugte sich vor der Fremden, die eine enigmatische Ausstrahlung hatte, das merkte sie gleich. „Ich bin Mai, die neue Schutzpatronin von Mela.“

„Oh“, die Fremde hielt kurz inne. „Dann hatte Misha doch recht. Sie meinte letztens, dass jemand kommen würde. Aber Misha erzählt ja viel, wenn der Tag lang ist. Ich bin übrigens Neev.“

„Sehr angenehm“, Mai hielt sich die Hand vor die Brust. „Und wer ist diese Misha, sie klingt ganz nach meinem Geschmack“, Mai fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen.

„Sie ist wahnsinnig“, rief Nina plötzlich dazwischen, zeigte auf Mai und durchbrach die besinnliche Atmosphäre. Mai deutete ihr erneut, dass sie leiser sein sollte. Mai konnte ihren ersten Tag in Mela nicht damit beginnen, das ganze Dorf aufzuwecken.

Neev setzte ein erstes Gesicht auf und betrachtete Mai von oben bis unten. Dann lief sie ein paar Schritte um sie herum und kam wieder vor ihr zum Stehen. „Hast du Nina wehgetan?“, fragte sie und verschränkte die Arme vor sich.

„Um Himmels Willen“, Mai schüttelte den Kopf. „Was für Anschuldigungen. Nina steht ganz im Gegenteil unter meinem besonderen Schutz. Sie hat mir schließlich diesen Schild geschmiedet“, sie hielt ihn vor sich. „Sie hat wohl nur etwas Höhenangst“, Mai konnte sich diesmal ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Höhenangst?“, Neev hob skeptisch eine Augenbraue.

„Warte, ich zeige es dir“, Mai befestigte den Schild an einem Gurt hinter ihrem Rücken, nahm beide an die Hand und hob wieder ab in die Luft.

„Neeeiin“, hörte sie von Nina, aber sie konnte sich nicht darum kümmern, musste sich darauf konzentrieren, Mishas Aufenthaltsort zu finden. Von oben scannte sie die Stadt und suchte nach dem einen Punkt, der ihr Herz höher schlagen ließ. Da war etwas. Ein kleiner, bunter, pulsierender Fleck unter ihnen und sie nahm Anflug…

„Ung…Ahh…Hä…“, kam es von ihnen als sie zu dritt durch einen Vorgarten purzelten und aufeinanderliegend aufkamen.

„Sorry, Leute“, murmelte Mai. Grazil konnte man das alles nicht nennen. „Hat sich jemand was gebrochen?“

Sie entwirrten ihre Glieder voneinander und blieben auf dem klammen Rasen sitzen. Nina schaute immer noch verängstigt, aber Neev hatte wohl Blut geleckt.

„Das war genial“, sagte sie mit leuchtenden Augen. „Du bist aber kein Vampir oder sowas?“, sie verengte die Augen.

Mai lachte. „Nein. Bin immer noch Mensch. Es ist eine lange Geschichte“, sie hob eine Hand und betrachtete ihre schmutzigen Fingernägel. „Eigentlich… alle Menschen können fliegen. Schon einmal nachts davon geträumt? Es ist auch hier möglich, unter besonderen Voraussetzungen…“

Sie wurden von einem Knarzen unterbrochen und hoben die Köpfe. Zwei Stockwerke über ihnen öffnete sich ein Fenster und ein junger Mann streckte den Kopf heraus.

„Ist das Misha?“, fragte Mai.

Neev lachte. „Nein, es ist ihr Mann Petr.“

„Was geht da unten vor sich?“, murmelte er und rieb sich die Augen.

„Schick mal die Träumerin runter“, rief Neev fröhlich und das Fenster schloss sich wieder.

„Ich muss halluzinieren“, sprach Nina mit sich und schaute auf ihre Hände, als wäre da drin die Antworten auf alle Fragen.

„Du hast mit ebendiesen Händen geschmiedet, mehr als einmal“, Mai wandte sich ihr zu. „War das nicht Magie? Mehr sogar noch als meine Fähigkeiten, fürwahr“, sie legte Nina eine Hand auf ihre Schulter und Nina blickte auf.

„Aber…“, entkam es ihren Lippen, doch der Widerstand wurde schwächer.

„Und du hast gemalt, mit ebendiesen Händen“, Mai nahm Neevs Hand, um sie besser zu spüren. Sie war zart und kühl, ganz anders als Ninas raue Haut. „War das nicht auch übernatürlich, emergierend, schöpferisch? Mehr als alles, was ich zustande bringen werde. Und ihr fragt euch, warum ich dies und jenes kann“, sie lachte.

„Endlich, du bist da“, mit einem breiten Grinsen kam Misha in einem grünen Arbeitsoverall in ihren Kreis und setzte sich in die Lücke zwischen Neev und Nina. Nahm ihre beiden Hände.

„Wunderbar, jemand, der versteht“, Mai fixierte sie mit ihrem Blick. Von Misha gingen Sonnenstrahlen aus, wie sie sie sonst bei wenigen Menschen gesehen hatte. Sie war wie ein kleines Kraftwerk, bereit, alle für sich einzunehmen.

„Schwestern, ich bin so dankbar und froh, dass wir jetzt zusammen sind“, setzte Mai an und schaute von einer zur anderen. Sie hatte nie eine Schwester oder einen Bruder gehabt, nur eine abwesende Mutter und einen kontrollierenden Vater, und das war ein besonderer Moment. Für diese Rede hatte sie sich nicht vorbereitet. Sie wusste ja nicht, was sie erwarten würde. Gleich drei enge Wegbegleiterinnen? Das war besser, als sie es sich jemals vorgestellt hatte.

Ihre Augen wurden etwas feucht und die Worte versagten ihr. Sie sah in Ninas skeptische Augen, in Neevs neugieriges Gesicht, in Mishas freudiges Antlitz und spürte ihre gemeinsame Verbindung, die so frisch und noch fragil war. Dann schweifte ihr Blick in den Himmel, wo die ersten Spuren der Morgendämmerung heranschlichen. Das war ein guter Anfang.

-2-

„Wir haben schon eine Bleibe für dich“, verkündete Misha, als sie alle zusammen die Straße entlangliefen.

„Danke“, atmete Mai erleichtert aus. „Ich hatte gehofft diesen Satz heute zu hören, denn ich bin völlig unvorbereitet hierhergekommen.“

„Können wir diesmal nicht hinfliegen?“, murmelte Nina hinter ihr.

Mai drehte sich zu ihr um. „Das mache ich eh nur nachts“, beruhigte sie sie. „Dann stellen die Leute weniger Fragen. Und mit drei Leute im Schlepptau wird es sowieso schwierig.“

„Was für ein Glück“, grummelte Nina.

„Welches Objekt hast du da ins Auge gefasst?“, fragte Neev, die neben Nina war, nach vorne zu Misha.

„Das weiß doch jeder“, Misha schüttelte den Kopf. Sie lief vor und zeigte ihnen den Weg.

„Warte, es ist aber kein Haus auf drei Hühnerbeinen oder so?“, überlegte Mai. „In sowas könnte ich nie…“

„Nein“, Misha drehte sich zu ihr um und lachte. „Aber es wird allgemein das Hexenhaus genannt.“

„Na toll“, erwiderte Mai.

„Es liegt mitten in der Stadt und der Legende nach hat da seit hundert Jahren niemand mehr gehaust. Zuletzt deine Vorgängerin oder dein Vorgänger. So lange war der Posten unbesetzt.“

„Hundert Jahre?“, rief Neev. „Da ist bestimmt eine Menge an Instandsetzung nötig. Ich denke nur an die Wasser- und Elektroleitungen…“

„Hoffentlich hatten die letzten Besitzer einen guten Geschmack bezüglich der Inneneinrichtung“, Mai kratzte sich am Kinn. „Ich bin eher der Typ für Minimalistisches und nicht für Hirschgeweihe, Wappen oder Ikonen an den Wänden“, sie schüttelte sich.

„Da wären wir“, Misha blieb an einem schiefen und moosüberwachsenen Holzzaun stehen und ihre Augen leuchteten. „Ich habe es mir so sehr gewünscht, dass wieder Leben in dieses Haus kommt und jetzt ist es so weit.“

Mai stellte sich neben sie und schaute auf ein einstöckiges Holzhaus mit Spitzdach, das komplett mit Efeu überwachsen war. Eingerahmt wurde es von einem größeren verwilderten Garten, der nur mit einer Machete betreten werden konnte. Die Tür war windschief, die Fensterläden verwittert, geschlossen und hingen teilweise aus den Angeln; das Haus wurde wohl größtenteils von dem Efeu zusammengehalten. Von der Größe her würde Mai schätzen, dass in dem Haus Platz für eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer war. Aber das würden sie gleich herausfinden.

Sie öffnete das schwergängige Holztörchen, zeigte mit der rechten Hand auf die Verbindungslinie, die Straße und Eingangstür verband und mit einer Handbewegung wurden die Sträucher und vertrockneten Gräser heruntergedrückt, sodass ein kleiner Weg entstand, auf dem sie laufen konnten.

Oh und Ah hörte sie hinter sich, als die anderen ihr folgten. Langsam schritt sie den Pfad entlang, denn diese Dinge sollte man nicht hetzen und kam am Eingang an. Dort identifizierte sie nach längerem Suchen die Türklinke aus Messing und drückte sie runter. Die Tür war abgeschlossen. Sie versuchte es noch einmal, diesmal aber mit der Intention „Öffnen“, wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt hatte und das Türschloss löste sich.

Es fühlte sich an, als würde sie ins Schloss von Dornröschen eindringen. Mai musste kräftig schieben und die Tür gab reißende, knarzende, brechende Geräusche von sich, je mehr sich ihr Radius vergrößerte. Auf einmal war alles sehr still. Dunkelheit schlug Mai entgegen, aber von der Sorte, die sehr dicht, sehr fest, sehr dumpf war. Vielleicht war das doch die Grabkammer eines Pharaos oder so? Mai, die sich kaum mehr vor etwas fürchtete, überkam ein kalter Schauer und sie trat die ersten Schritte in diese seltsame Behausung. Die anderen warteten draußen.

Eine Maus flitzte an ihr vorbei und verschwand in einer Ritze, das konnte Mai aber nicht sehen, nur spüren. Auch wenn Licht von draußen hereinfallen müsste, so passierte das hier nicht, Mai lief in absoluter Dunkelheit durch den Eingangsbereich und streckte ihre Hände nach vorne, um die Atmosphäre zu spüren. Und nicht gegen einen Schrank zu knallen.

Sie musste sichergehen, dass das hier ein guter Ort für sie war. Dass keine Geister oder anderen übernatürlichen Überreste ihr Unwesen trieben. Dass das Haus sie empfang und aufnahm und sie kein unerwünschter Eindringling war.

Die Schritte von ihren Stiefeln wurden von dem Holzboden verschluckt und Mai bahnte sich ihren Weg in so-was wie das Wohnzimmer, wo sie immer noch nichts sah, nur ihre eigene Atmung hörte. Dort, in der Mitte des Hauses, blieb sie stehen, schloss die Augen und atmete die abgestandene Luft ein, hielt kurz inne und atmete wieder aus. Bewegte ihren Mund und die Zunge, um das Haus zu schmecken.

„Gut“, befand sie schließlich und das Haus schien auch zufrieden. Ein Fensterladen brach plötzlich auf und das hellste Sonnenlicht strahlte herein und durchflutete den Raum völlig und vollständig, sodass Mai sich die Hand vor die Augen halten musste, um nicht geblendet zu werden.

„Wow“, Misha kam herein und die anderen folgten ihr. „Es ist wunderschön!“

Mai schaute sich nun auch um. Ein weiß gefliester Kachelofen mit blauen Verzierungen, in der Mitte ein großer Tisch mit sechs Stühlen aus Kirschholz, altes Porzellan in den Regalen, ein Parkettboden, der einen Abschliff gebrauchen konnte, Schnitzereien an den Wänden, die Mai sich später in aller Ruhe anschauen würde und etliche Kerzenständer, die überall im Wohn-Essbereich verteilt waren. Sie lief weiter und warf einen kurzen Blick auf die Küchenzeile, die aus einem Steinspülbecken, Ablageflächen und kleinen Schränken bestand. Das Wasser kam aus einem großen verbeulten Behälter, der über der Spüle angebracht war und wohl mit Regenwasser aufgefüllt wurde. Kochen war auf dem Kachelofen angesagt, der gleichzeitig als Herd diente. Das musste sie noch üben.

Daneben eine Tür, die zum Schlafzimmer führte und offenstand. Mai warf einen Blick herein und fand ein sehr gemütliches kleines Räumchen vor, in dem ein großzügiges Holzbett, ein massiver Schrank, ein Nachtisch und ein gefülltes Bücherregal stand. Alles sehr einfach eingerichtet, ganz nach ihrem Geschmack. Mai nickte zufrieden und ging wieder zurück ins Wohn- und Esszimmer zu den anderen, die die übrigen Fensterläden geöffnet und sich um den Ofen versammelt hatten, um seine Funktionsweise zu diskutieren.

„Ich kann nur auf Knöpfe drücken“, verkündete Neev und hielt die Hände hilflos vor sich. „Das hier überfordert mich total.“

„Ein Feuer anzufachen, das bekomme ich hin“, Nina krempelte die Ärmel hoch. „Holz von vor hundert Jahren ist ja da und wird schön brennen.“

„Ich hab einen Kessel und er scheint dicht zu sein“, Misha schwang etwas vor sich und füllte Wasser rein.

Ihre neuen Helfer machten sich gleich nützlich, das gefiel Mai. Sie zog einen Stuhl heraus und setzte sich an den Tisch. Spürte die Müdigkeit über sich kommen. Sie war schließlich fast die ganze Nacht unterwegs gewesen.

„Hier fehlt ein Sofa“, murmelte sie und legte den Kopf auf die verschränkten Arme vor sich.

„Kann ich organisieren“, Neev setzte sich zu ihr. „Können wir demnächst zusammen aussuchen.“

„Kein Stress, das ist mein geringstes Problem.“

„Wie funktioniert das jetzt eigentlich?“, fuhr Neev fort. „Brauchst du einen Taschencomputer? Bist du an das städtische System angebunden? Wie generierst du dein Einkommen und so weiter?“

„Oh nein“, wehrte Mai gleich ab. „Damit will ich nichts zu tun haben“, sie richtete sich wieder auf, um eine respektvolle Haltung einzunehmen. Im Hintergrund sah sie, dass Nina das Feuer in Gang gebracht und Misha den Kessel aufgesetzt hatte. Sie kamen nun auch an den Tisch. „In den Sphären, in denen ich jetzt unterwegs bin, atme ich die Luft um mich herum, trinke und esse ich das, was meines Weges kommt, schlafe ich dort, wo sich etwas anbietet, heile und beschütze ich, wo ich gebraucht werde, nehme und gebe ich in einem Rhythmus, der sich eurer Wahrnehmung entzieht, der mir aber dienlich ist und dem ich mich vollumfänglich anschließe und darin aufgehe.“

Niemand sagte mehr etwas. Nur das Feuer knisterte im Hintergrund. Der Kessel klapperte vor sich hin, der Wind schlug die Läden sachte an die Hauswände.

„Ja, aber wer bezahlt deine Stromrechnung?“, durchbrach Neev die Stille.

Mai schaute sie abgeklärt an. „Ich lass mir eine Solaranlage aufs Dach machen.“

„Wie können wir dich anrufen, wenn es etwas wichtiges gibt?“, fragte Nina.

„Benutzt euer Köpfchen“, Mai tippte sich auf die Schläfe. „Ich hab einen Sinn für sowas.“

„Was ist, wenn du gegen einen Strommast fliegst und Hilfe brauchst?“, schloss sich Misha an.

„Gute Frage, bei den Flugkünsten…“, murmelte Nina.

„Pfft“, sagte Mai bloß. „Wir finden für alles eine Lösung. Nicht umsonst habe ich diese Ausbildung durchlaufen, da bekommt man alles Mögliche beigebracht.“

„Fliegen ja wohl nicht“, grummelte Nina wieder und Mai warf ihr einen gespielt verärgerten Blick zu.

„Ja, erzähl mal“, Misha stand auf, holte vier Tassen und den Kessel. „Was heißt das, Ausbildung?“

„Nachdem Nina mir den Auftrag gegeben hatte, mein Leben komplett über den Haufen zu werfen und mich beruflich umzuorientieren, habe ich meine Position als Nachwuchsführungskraft in dem Konzern namens ‚Neu!‘ meines Vaters aufgegeben und bin in die Hauptstadt eures Kontinents gereist, um dort übernatürliche Kräfte zu lernen“, Mai wickelte eine Strähne ihres langen Haares um den Finger, als sie erzählte.

„Hier gibt es leider keinen Tee“, rief Misha aus dem Küchenbereich und klapperte mit den Schranktüren.

„Hinten im Garten sind noch Reste von Minze, das müsste gehen“, Mai zeigte in eine Richtung und Misha schlüpfte durch die Terassentür nach draußen, um kurze Zeit später mit dem Kraut wiederzukommen. Schließlich goss sie ihnen allen dampfenden Tee ein.

„Was heißt das, dort zu lernen?“, Misha setzte sich dazu und fixierte Mai mit ihren großen Augen.

„Es gibt dort eine große Gruppe von Gleichgesinnten, die in Villen und Palästen hausen und alle Arten von Ausbildungen anbieten. Heilen, Kämpfen, Verwandeln, Transzendieren, Verbinden, Schützen“, sie gestikulierte vor sich. „Alles selbstorganisiert, der eigene Instinkt führt einen dorthin, wo man hin will. Ich habe mich eher am Rande der Gruppe aufgehalten“, sie zuckte mit den Schultern, „und habe mir die Fähigkeiten beibringen lassen, die mir wohl am ehesten liegen. Von den großen Feierlichkeiten und ausschweifenden Gelagen, von denen ich nur gehört habe, hielt ich mich fern. Es gibt auch eine Elitetruppe, die gegen globale Bedrohungen kämpft. Strahlen und Einschläge abwehren, die unseren Planeten bedrohen, große Katastrophen im Schach halten, auch wenn wir nicht alles verhindern können. Das ist irgendwie das Problem“, sie klopfte mit den Fingern auf die Tischplatte. „Ich und die anderen, wir können die negativen Ereignisse, seien es Krankheiten, Unfälle, Unglücke, Umweltkatastrophen oder Kriege, nicht alle verhindern und in einer perfekten Welt leben. Aber wir können lindern, abmildern, reparieren, abwenden, trösten, wiederaufbauen.“

„Wow“, Mishas Augen wurden noch größer. „Wahnsinn. Ich will das auch…“

„Nur, wenn du den Ruf bekommen hast“, bremste Mai sie.

„Und wie hast du…“, hakte Misha nach.

„Das, meine Liebe, ist eine sehr lange Geschichte“, Mai lächelte vage, es war keine schöne Geschichte, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Wir sollten Mai erstmal ankommen lassen“, Nina nahm einen letzten Schluck von ihrem Tee.

„Hmm“, Mai warf ihr einen dankbaren Blick zu und trank nun auch ihren Tee. Das tat gut.

„Wenn du etwas brauchst, dann lass es uns wissen“, Neev tippte sich an die Schläfe und stand auf.

„Du hast es raus“, Mai lachte.

„Ich habe noch so viele Fragen“, beschwerte sich Misha, aber Neev zog sie an dem Ärmel hinter sich her zur Tür.

„Danke, ihr seid die besten“, zwinkerte Mai den drei zu, als sie an der Türschwelle standen.

„Auf zu neuen Abenteuern“, winkte Nina und sie gingen.

„Ihr seid mit ihr geflogen, und wieso ich nicht…“, hörte Mai Misha erneut.

„Auf zu neuen Abenteuern“, sagte Mai, als sie schon gegangen waren und schloss die Tür.

-3-

Nachdem sie eine ordentliche Ladung Schlaf zu sich genommen hatte, stand Mai am frühen Abend auf und verspürte das Bedürfnis, die Stadt etwas zu erkunden. Sie war zwar kein Vampir, aber ihr neuer Schlaf- und Wachrhythmus passte auf jeden Fall zu den nachaktiven Sagengestalten. Es war nun einmal so, dass tagsüber das normale Leben seinen Lauf nahm, aber am Abend und in der Nacht kamen sowohl die Gesetzeslosen und Fieslinge heraus, als auch die Ängste und Sorgen der Menschen, die sie zu fragwürdigen Verhalten verleiteten. In der Nacht wurden Leute krank und starben, flohen von ihrem Zuhause, verirrten sich im Wald oder schmiedeten seltsame Pläne. In der Nacht wurden Angriffe vorbereitet und Kriege geführt. Kamen Nachtmare und Dämonen an die Oberfläche. Taten sich Abgründe und steile Klippen auf.

Mai trat auf die Straße und schaute sich aufmerksam um. Ihr Haus war mitten auf einer relativ großen Straße, auf der eine Gruppe von Jugendlichen über etwas auf ihren Taschencomputern lachten, ein alter Hund an der Leine hinter seinem Besitzer hergezogen wurde, zwei Kinder Fahrrad fuhren und eine ältere Frau ihre Einkäufe nach Hause trug.

Mai lief ziellos ein paar Schritte und blieb in einem Hauseingang stehen, in dem eine junge Frau einen Kinderwagen hin und her schob.

„Alles okay bei euch?“, Mai trat näher und warf einen Blick in den Wagen auf das kleine Baby, das da drin lag und vor sich hin glühte.

Die Frau starrte sie etwas perplex an. Ein Blick, an den Mai sich sicherlich gewöhnen musste, aber so war nun mal ihr neuer Job.

„Ist dein kleines Mädchen krank?“, fragte Mai und betrachtete den weichen Flaum auf dem Kopf des Kindes. So ein Baby hatte sie auch mal gehabt, aber das war schon ein paar Jahre her.

„Sie hat seit drei Tagen Fieber“, erwiderte die Mutter und Mai konnte die dunklen Augenringe in ihrem Gesicht nicht übersehen.

„Ich wünsche ihr heute einen ruhigen Nachtschlaf“, Mai strich über die Decke des Kindes. „Es gibt keine Wunderheilung, aber ich kann ihre Beschwerden lindern. Und wenn du Hilfe brauchst, dann rufst du mich einfach“, Mai lächelte die Mutter an und lief weiter.

Hoffentlich war das nicht zu skurril gewesen. Aber irgendwo musste Mai ja anfangen.

Als nächstes wäre sie fast über die Leine des alten Hundes gestolpert. Sie kniete sich zu dem wuscheligen weißen Tier runter und kraulte sein Kinn.

„Er frisst nichts mehr?“, fragte sie und hob den Kopf zu seinem Besitzer.

„Joa, schon seit ein paar Tagen. Ist auch schon ein alter Kerl. Aber was will man machen…“, sprach dieser in die Ferne.

„Ich wünsche ihm eine baldige Erlösung“, Mai strich dem Hund über den mageren Körper.

„Das wünschen wir uns alle…“, murmelte der Mann und lief weiter.

Und dann musste sie sich auch schon beeilen, denn eine ältere Frau mit Einkäufen verlor die Balance im Treppenhaus und Mai konnte sie gerade noch so auffangen.

„Meine Dame, suchen Sie sich immer einen festen Halt“, rief Mai und stabilisierte sie mit den Händen, während aus der Einkaufstasche Äpfel die Treppe herunter-kullerten.

„Ich bin wohl ausgerutscht“, schnaufte die Frau, drehte ihren Kopf und schaute Mai dankbar an.

„Vielleicht ist eine Wohnung im Erdgeschoss besser?“, Mai hob eine Augenbraue und nahm ihr die Tasche ab.

„Aber ich wohnte ja schon seit über zwanzig Jahren…“, begann die Frau, doch Mai unterbrach sie.

„Sie können sich an die zentralen Dienste wenden, die helfen Ihnen auch beim Umzug, es ist bestimmt etwas in der Nähe frei“, sie schaute die Frau eindringlich an, sammelte die Äpfel ein und trug die Tasche hoch in den dritten Stock. Die Melanerin kam ihr hinterher.

„Danke“, sagte sie und Mai winkte zum Abschied.

Draußen war es nun fast dunkel geworden und Mai bahnte sich ihren Weg zum Zentrum. Sie folgte einfach den Rissen im Straßenbelag, die mit blauer Farbe gefüllt waren. Sie mündeten in die Mitte von Mela, wo sich ein großer Marktplatz befand, welcher zu dieser Stunde menschenleer war. Ein paar Treppenstufen führten zum Rathaus hoch, welches eines der eindrucksvollen Gebäude war, da es sich von den üblichen Wohnblöcken abhob und großzügig aus Sandstein gebaut war, mit weiten Türen und herrschaftlichem Balkon, vielen Fenstern und mit Schnörkeln verzierten Dachgiebeln.

Mai lief auf das Gebäude zu und senkte den Blick. Auf den Stufen, im Schatten einer Kolonnade, saß jemand, der sie mit finsterem Blick fixierte. Mai blieb ein paar Meter von ihm entfernt stehen. Sie schätzte ihn auf Ende zwanzig, aber seine Haare waren sehr ungepflegt und hingen schlaff an den Seiten runter, seine Kleidung war abgenutzt und fleckig. Die Hände hielt er angestrengt zusammengeballt vor sich, als würde er sich gleich in einen Boxkampf stürzen. Dann trafen sich ihre Augen und Mai spürte eine Welle von Schmerz, Trauer und Wut über sich kommen. Eine gefährliche Mischung, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Konnte sie ihm ihre Hilfe anbieten? Wenn jemand alles von sich stieß, was ihm oder ihr in den Weg kam, dann konnte man der Person nicht helfen, das hatte man ihr in der Ausbildung immer und immer wieder eingebläut. Aber Mai sah auch eine Stärke in ihrem Gegenüber, ein weites blaues Meer, einen warmen Sommerwind, dicke Regentropfen und tiefe Pfützen. Die Realität war also doch viel verworrener, als sie gedacht hätte.

„Ich bin Mai“, sagte sie schließlich. „Die neue Schutzpatronin von Mela.“

Etwas Komplexes spielte sich auf seinem Gesicht ab. Es wurde kurz weicher, fast freundlich, dann verhärteten sich die Züge wieder und er presste die Lippen aufeinander. Mai konnte Gedankenlesen, aber die meiste Zeit benutzte sie die Fähigkeit nicht, weil Kommunikation den Menschen so viel mehr entlockte und die meisten unausgesprochenen Gedanken zu banal waren, als dass sie Kenntnis von ihnen haben wollte.

„Wir brauchen dich hier nicht“, rief er plötzlich vehement und Mai wich vor Schreck einen Schritt zurück. „Die Stadt und ihre BewohnerInnen sind sowieso dem Untergang geweiht. Du kannst hier verschwinden“, er stand auf und spuckte vor ihre Füße.

Mai spürte eine Wut in sich aufbrodeln. „Und das glaubst du, weil...?“

„Mein Bruder Mick ist letztes Jahr mit vielen anderen gestorben, und wo warst du da?“, er zeigte auf die blauen, fest gewordenen Ströme im Boden und es fehlte nur noch, dass er Schaum vor dem Mund bekam.

„Noch nicht hier“, schnaubte sie. „Aber jetzt…“

„Aber jetzt bringt es nichts“, rief er jetzt lautstark, sodass andere Passanten sich nach ihnen umdrehten. „Er ist weg und du kannst ihn auch nicht zurückbringen“, er ging auf sie zu und Mai lief wieder ein paar Schritte rückwärts. „Also verschwinde von hier“, er krempelte seine Ärmel hoch.

Mai war vor den Kopf gestoßen und wusste nicht, was sie tun sollte. Ihn besänftigen? Aus der Stadt werfen? Ein guter Nachtschlaf oder ähnliches würden sein Problem auf jeden Fall nicht lösen.

Als er ihr immer näher kam, streckte sie ihre Hand aus und ließ ihn mit einer Handbewegung auf seinem Hosenboden landen. Dann trat sie näher und beugte sich über ihn.

„Du musst mich nicht mögen. Aber wenn du den Stadtfrieden störst oder mich noch einmal bedrohst, werde ich die notwendigen Konsequenzen ergreifen, verstanden?“, verkündete sie mit ihrer autoritärsten Stimme und ihrem eisigsten Blick. Dann stieß sie sich vom Boden ab und verschwand im Nachthimmel. Sie brauchte jetzt erstmal eine Abkühlung.

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Als sie auf dem obersten Ast einer Eiche weit hinter der Stadt saß und ihre Wut langsam verrauchte, fragte sie sich, ob sie überreagiert hatte. Sie hatte jemanden, den sie erst für fünf Minuten kennen gelernt hatte und der ihr gegenüber machtlos war, bedroht. Wieso war sie nicht einfach weggegangen, als sie gemerkt hatte, dass sie beide nicht zueinander fanden? Sie hatte sich provozieren lassen. War sie überhaupt für diese Aufgabe die richtige Person, konnte sie das Wohlergehen einer ganzen Stadt auf ihren Schultern tragen?

Mai versank in Kontemplation und erst als es anfing heller zu werden, verließ sie ihren Aussichtspunkt und machte sich auf den Weg zu Neevs Haus, um sie dort auf ihrem Weg zur Arbeit abzufangen.

Als Neev herauskam, waren zwei junge Mädchen im Grundschulalter neben ihr und redeten vergnügt vor sich hin.

„Guten Morgen“, sagte Neev und lächelte Mai an.

„Guten Morgen“, erwiderte Mai und sie verfielen in einen angenehmen Gleichschritt auf dem Weg zur Bahnhaltestelle, während die Mädels hinter ihnen liefen.

„Hast du dich schon eingelebt?“, Neev blinzelte in die Morgensonne.

„Ich bin dabei. Sag mal, was ist mit diesem Typen, der in der Innenstadt herumpöbelt? Was ist sein Problem?“

„Frederick? Er hat seinen Bruder verloren“, Neevs Blick glitt auf den Boden. „Ziemlich tragische Geschichte. Damals wurden acht junge Leute bei einem Flugzeugabsturz in Jaku getötet. Ihre Urnen sind in diesen blauen Rissen in der Straße eingelassen, bestimmt hast du sie gesehen. Ich glaube, er kann die Geschehnisse nicht akzeptieren, was ja auch schwer ist. Seitdem hat er… die Kontrolle über sein Leben verloren. Geh am besten auf Abstand, denn er sucht ja bloß einen Schuldigen, den er verantwortlich machen kann.“

„Gibt es viele solcher Leute hier?“

Neev lachte. „Nein. Ab und zu treiben ein paar Jugendgruppen ihr Unwesen. Randalieren oder vermüllen hier und da Ecken der Stadt, Spielplätze, Parks. Es gibt Einbrüche, Diebstähle und Körperverletzung. Zum Glück keine Kapitalverbrechen. Die Aufklärungsrate ist nicht sonderlich gut“, Neev lachte trocken. „Wenn wir jemanden erwischen, dann gibt es eine Verwarnung und je nachdem gleich einen Verweis aus der Stadt, dann sind wir das Problem los.“

„Interessante Vorgehensweise“, Mai kratzte sich am Kinn.

„Machts gut ihr beiden“, Neev blieb stehen und drehte sich um, drückte ihren Kindern je einen Kuss auf die Wange, sie umarmten sich und die beiden gingen ihren Weg zur Schule, nahm Mai an.

Kurze Zeit später saßen Neev und Mai in der Bahn, gegenüber voneinander.

„Du siehst müde aus“, Neev hob eine Augenbraue und Mai konnte das erste Mal das aufmerksame Gesicht ihres Gegenübers betrachten.