17,99 €
Russlands Politik gegen innere und äußere »Feinde« hält die Welt in Atem. »Wir brauchen Filme, Bücher, Ausstellungen, Videospiele, patriotisches Internet, Radio, Fernsehen. Wir müssen einen Gegenangriff starten in diesem Krieg um die Seelen«, hieß es im Januar 2015 auf einer kremlnahen Website. Polittechnologen und Medienschaffende, Künstler und Schriftsteller arbeiten daran, Russland seine Größe, den Bürgern ihren Nationalstolz zurückzugeben. Welcher Mechanismen bedienen sie sich? Wo wächst Widerstand gegen ihre Manipulationen? Innenansichten einer Gesellschaft, die ihren Nachbarn immer rätselhafter wird.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 530
Veröffentlichungsjahr: 2015
Russlands Politik gegen innere und äußere »Feinde« hält die Welt in Atem. »Wir brauchen Filme, Bücher, Ausstellungen, Videospiele, patriotisches Internet, Radio, Fernsehen. Wir müssen einen Gegenangriff starten in diesem Krieg um die Seelen«, hieß es im Januar 2015 auf einer kremlnahen Website. Polittechnologen und Medienschaffende, Künstler und Schriftsteller arbeiten daran, Russland seine Größe, den Bürgern ihren Nationalstolz zurückzugeben. Welcher Mechanismen bedienen sie sich? Wo wächst Widerstand gegen ihre Manipulationen? Der vorliegende Band gibt Innenansichten einer Gesellschaft, die ihren Nachbarn immer rätselhafter wird.
Ulrich Schmid, geboren 1965, ist Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen. Seit 1993 ist er ständiger freier Mitarbeiter im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung. Seine Forschungsgebiete umfassen Nationalismus in Osteuropa, Medientheorien, Literaturgeschichte und Autobiographie.
Foto: Universität St. Gallen
Ulrich Schmid
Technologien der Seele
Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe edition suhrkamp 2702
© Suhrkamp Verlag Berlin 2015
Originalausgabe
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.
Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.
Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn
Umschlag gestaltet nach einem Konzept von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt
eISBN 978-3-518-74295-2
1. Politische Ideologie und ihre Inszenierung
2. Die Tradition des Wahr-Sagens in der russischen Kultur
3. Polittechnologie als Herrschaftsinstrument
4. Spielarten des Neoimperialismus
5. Die russische Orthodoxie als kultureller Faktor
6. Eurasismus und Geopolitik
7. Immunisierungen der Subjekte
8. Mediale Räume der russischen Öffentlichkeit
9. Die staatliche Kulturindustrie und die Intelligenzija
Nachbemerkung
Personenregister
Ausführliches Inhaltsverzeichnis
»Technologien der Seele« – der Titel dieses Buchs spielt auf Foucault und auf Stalin an. Der späte Foucault hatte den Fokus seiner diskursanalytischen Forschungen von der Gesellschaft auf das Subjekt verlagert. Ihn interessierten die »Technologien des Selbst«, mit denen das Subjekt sein Verhältnis zur »Wahrheit« und zur »Herrschaft« definiert.[1] Foucault beschrieb die »Technologien des Selbst« anhand der Praktiken klassisch-antiker und frühchristlicher Philosophen, die ihren Leib und ihre Seele umsorgten und so das eigene Leben mit Sinn ausstatteten. Diese Technologien konnten sich als Gespräche, im Akt des Schreibens oder durch eine sorgfältige Körperpflege äußern.
Stalin bezeichnete die Sowjets bei einem Treffen im Jahr 1932 als »Ingenieure der menschlichen Seele«.[2] Für ihn war die Literatur integraler Teil des sozialistischen Aufbauprojekts. Im Rahmen der marxistisch-leninistischen Ideologie genügte es nicht, die Sowjetmacht zu konsolidieren und die Produktion zu intensivieren. Man wollte einen »neuen Menschen« erschaffen, der frei von kapitalistischer Gewinnsucht sein sollte.[3] Eine zentrale Rolle kam bei diesem Vorhaben der Verfertigung von Wahrheit zu. Anders als Lenin, der sich von der Kulturpolitik fernhielt, verfolgte Stalin die neuesten Entwicklungen in Literatur, Kunst, Film und Musik sehr aufmerksam. Er las ganze Drehbücher, Theaterstücke und Romane durch, die ihm die Autoren mit der Bitte um Ratschläge geschickt hatten. Berüchtigt waren seine Telefonanrufe bei führenden Künstlern wie Michail Bulgakow, Boris Pasternak oder Dmitri Schostakowitsch.[4]
Der Titel »Technologien der Seele« bezeichnet den Versuch, die Beeinflussung des russischen Bewusstseins unter den medialen und politischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu verstehen. Dieses Buch vertritt die These, dass sich die politische Kultur Russlands im Jahr 2014 nicht grundlegend geändert, sondern radikalisiert hat. Seit dem Jahr 2000 macht der Kreml konsequent nationalistische und antiwestliche Strömungen in der Gegenwartskultur aus und unterstützt sie. Gleichzeitig werden Andersdenkende und Regimekritiker immer stärker ausgegrenzt und marginalisiert.
Im Zentrum der russischen Staatsideologie stehen drei Elemente, die im Folgenden detailliert vorgestellt werden sollen: erstens ein selbstbewusst vorgetragener Neoimperialismus, zweitens eine religiöse Legitimation durch die russische Orthodoxie und drittens eine geopolitische Begründung durch den Eurasismus.
Das heutige Russland ist gewiss keine stalinistische, aber möglicherweise eine postmoderne Diktatur.[5] Wladimir Putin lenkt seit 1999 aus formellen und informellen Führungspositionen heraus die Geschicke des Landes. Er weiß, dass sich ein autoritäres Regime nicht ausschließlich auf Repression verlassen kann. Es geht darum, die »Regierung über die Seelen«[6] zu gewinnen. Das ist ihm mit der Etablierung einer nationalistischen Staatsideologie gelungen, die sich explizit von der postheroischen Kultur des Westens abgrenzt. Putin macht nach innen und außen klar, dass Russland nicht nur eigene Interessen, sondern auch eigene Werte vertritt. Dieser Anspruch hat sich bereits in der Schulbuchliteratur niedergeschlagen. Im Jahr 2009 erschien in Moskau eine Broschüre, die sich der »geistig-ethischen Entwicklung und Erziehung des russischen Bürgers« widmete. Die Autoren definierten ihr Ziel mit pathetischen Worten:
Das heutige nationale Erziehungsideal ist der hochmoralische, kreative, kompetente Bürger Russlands, der das Schicksal des Vaterlands als sein eigenes wahrnimmt, sich seiner Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft seines Landes bewusst ist und in den geistigen und kulturellen Traditionen des multinationalen Volks der Russländischen Föderation verwurzelt ist.[7]
Am 15. Januar 2015 veröffentlichte die regierungsnahe Militärhistorische Gesellschaft auf ihrer Website einen Aufruf, in der die patriotische Erziehung der Jugend zur vordringlichen Aufgabe erklärt wird:
Wir dürfen die Jugend nicht »verschlafen«. Wir müssen den Staat und die Gesellschaft auf der Grundlage jener Werte konsolidieren, die uns von der Geschichte eingeimpft worden sind. Wir brauchen einen patriotischen Trend im gesellschaftlichen Bewusstsein. Wir brauchen Filme, Bücher, Ausstellungen, Videogames, wir brauchen ein patriotisches Internet, ein patriotisches Radio und Fernsehen. Gegen uns – und das heißt: gegen die Wahrheit – hat ein neuer Blitzkrieg begonnen. Wir müssen den Kurs des Präsidenten unterstützen und einen ideologischen Gegenangriff starten an der ganzen Front – in diesem Krieg um die Seelen.[8]
Unterzeichnet wurde diese Erklärung von dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Dmitri Rogosin, dem Kulturminister Wladimir Medinski und dem Regisseur Nikita Michalkow.
Ganz oben auf der politischen Agenda steht die Einbindung der Bürger in das Projekt eines mächtigen Russland. Auch die verdeckten Aktionen Russlands auf der Krim und im Donbass haben nicht nur eine militärische, sondern auch eine innenpolitische Dimension. Nach der Annexion der Krim stieg Putins Zustimmungsrate sprunghaft von 65 Prozent auf den fast sozialistischen Wert von 86 Prozent an.[9]
Die Ereignisse des Jahres 2014 haben deutlich gemacht, dass der Patriotismus für Putins Regime nur eine weitere Machtressource ist. Nach der Jahrtausendwende war der stetig steigende Ölpreis die wichtigste Herrschaftsbasis für den Kreml, nach der Finanzkrise übernahm das Versprechen einer ökonomischen und technologischen Modernisierung des Landes diese Funktion. Nachdem die Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft deutlich zurückgegangen sind, die Modernisierung sich als rhetorischer Schnörkel erwiesen hat und die Wirtschaft von den Sanktionen getroffen worden ist, bleibt dem Regime nur noch die Einschwörung der Gesellschaft auf einen nationalistischen Kurs.
Der »Krieg um die Seelen« ist zuallererst ein ideologischer Kampf. Jede politische Ideologie gibt sich als alleingültige »Wahrheit« aus und versucht sich auf dem Marktplatz der Weltorientierungen durchzusetzen. Niklas Luhmann hat in einem frühen Aufsatz mit dem Titel »Wahrheit und Ideologie« aus dem Jahr 1962 Denken als ideologisch definiert, »wenn es in seiner Funktion, das Handeln zu orientieren oder zu rechtfertigen, ersetzbar ist«. Diese funktionalistische Sicht geht davon aus, dass ideologische Großnarrative über keinen zwingenden Inhalt verfügen. Gleichzeitig besteht aber jede Ideologie auf ihrem ausschließlichen Geltungsanspruch. Laut Luhmann privilegieren Ideologien eine bestimmte Kausalwirkung von Ursachen und Effekten und neutralisieren alternative Erklärungsversuche. Dabei gehen sie nicht irrational oder gefühlsmäßig vor: »Ideologien sind zusammen mit der Auslegung des Handelns als Bewirken einer Wirkung Bedingung rationaler Aktion und daher wesentlicher Bestandteil der modernen Sozialtechnik.«
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!