Trust Me More - Laura Labas - E-Book

Trust Me More E-Book

Laura Labas

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

High-Society-Wirbelwind trifft auf italienischen Hotelbesitzer! Die Italienreise der 23-jährigen New Yorkerin Cleo hat keinen guten Start: Ihr Freund lässt sie sitzen, und am Flughafen vertauscht sie zu allem Überfluss auch noch ihren Koffer. Auf der Suche nach dem Gepäck landet sie auf einer kleinen Ferienanlage im charmanten Bergdörfchen Tursi. Nicht so charmant ist jedoch der junge Besitzer der Anlage: Dante Marinotti, ein arroganter Kerl mit zweifelhaftem Ruf. Cleo zögert trotzdem nicht lange, als Dante ihr einen Job anbietet. Während sie gemeinsam die Ferienanlage renovieren, kommt Cleo Dante näher – bis seine schmerzhafte Vergangenheit ihn einholt … Band 1: Trust Me More Band 2: Resist Me Less

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:

www.everlove-verlag.de

Wenn dir dieser Roman gefallen hat, schreib uns unter Nennung des Titels »Trust Me More« an [email protected], und wir empfehlen dir gerne vergleichbare Bücher.

© everlove, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2025

Redaktion: Wiebke Bach

Illustration: Carina Vellichor

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Illustration

Widmung

Inhaltswarnung

Prolog

Dante

1. Kapitel

Cleo

2. Kapitel

Cleo

3. Kapitel

Dante

4. Kapitel

Cleo

5. Kapitel

Cleo

6. Kapitel

Dante

7. Kapitel

Dante

8. Kapitel

Cleo

9. Kapitel

Cleo

10. Kapitel

Cleo

Dante

11. Kapitel

Cleo

12. Kapitel

Cleo

13. Kapitel

Dante

14. Kapitel

Cleo

15. Kapitel

Cleo

16. Kapitel

Dante

17. Kapitel

Cleo

18. Kapitel

Dante

19. Kapitel

Cleo

20. Kapitel

Cleo

21. Kapitel

Cleo

22. Kapitel

Cleo

23. Kapitel

Dante

24. Kapitel

Cleo

25. Kapitel

Cleo

26. Kapitel

Cleo

27. Kapitel

Dante

28. Kapitel

Cleo

29. Kapitel

Dante

30. Kapitel

Cleo

31. Kapitel

Dante

32. Kapitel

Dante

33. Kapitel

Cleo

34. Kapitel

Cleo

Epilog

Dante

Acht Monate später

Danksagung

Inhaltswarnung

Anmerkungen

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Illustration

Widmung

Für Nonna

Inhaltswarnung

»Trust Me More« enthält Themen, die belasten können. Deshalb findest du am Ende dieses Buchs eine Inhaltswarnung.[1]

Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.

Prolog

Dante

Mein altes Leben streifte ich unfreiwillig an einem scheinbar gewöhnlichen Abend in New York ab. Der Sonnenuntergang war ein beeindruckendes Farbenspiel an diesem frühlingshaften Tag. Ein orangefarbenes Glühen am Ende der Second Avenue, die von Wolkenkratzern gesäumt wurde, als wären sie die Säulen, die den Weg in den Himmel wiesen. Ich stand auf dem Gehweg und wartete darauf, dass Mom aus der schwarzen Limousine stieg. Kurzzeitig hatte ich mich in dem Anblick verloren. Das war ein Zeichen dafür, wie chaotisch mein Leben zurzeit war. Normalerweise drifteten meine Gedanken nicht so leicht ab.

»Hast du Troy noch eine Lebensweisheit reingedrückt?«, zog ich Mom voller Zuneigung auf. Sie war unter unseren Freunden dafür bekannt, jedem einen gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg zu geben.

Sie schnalzte mit der Zunge und schlug mir spielerisch auf den Unterarm, bevor sie ihren braunen Mantel zurechtzupfte. Es war noch recht frisch, und keiner von uns wollte sich erkälten.

Besonders nicht, nachdem die letzten zwei Wochen bereits an unseren Nerven gezerrt hatten.

»Ich habe ihm ein anständiges Trinkgeld gegeben. Er hat es gerade auch nicht leicht.« Sie sprach es nicht aus und machte mir keine Vorwürfe, aber wir wussten beide, dass die Schuld bei mir lag.

Die ganze beschissene Situation war auf meinen Mist gewachsen, und ich konnte nichts anderes tun, als zuzusehen, wie mein Business den Bach runterging. Einzig, weil ich die falsche Frau gedatet hatte.

»Fuck«, entfloh es mir. Mit einer Hand fuhr ich mir durchs Haar, das sich ohnehin jedweder Frisur widersetzte.

»Dante Marinotti, wenn ich noch einmal ein solches Wort aus deinem Mund höre, folgen Konsequenzen!« Sie sah mich mit ihren großen graublauen Augen an, die sie meinem jüngeren Bruder Isaac vererbt hatte. Drum herum hatten sich kleine Fältchen gebildet, doch der Rest ihres ovalen weißen Gesichts war makellos.

Man sah ihr die fünfundfünfzig Jahre keineswegs an.

Ich hatte sie nie gefragt, aber ich war mir fast sicher, dass sie – so wie Dad – hin und wieder auf Botox zurückgriff. Der gesellschaftliche Druck der High Society machte auch vor meinen Eltern nicht halt. Attraktivität öffnete Türen, wenn Geld nicht ausreichte.

Manchmal kam mir der Gedanke, dass auch das meine Schuld war. Als mich meine Eltern adoptiert hatten, waren sie Arbeitnehmer gewesen, gehörten zum Mittelstand. Durch meine Idee und mein Business, bei dem ich Fitnessgeräte entwickelte und verbesserte, wurden wir direkt in den Kreis der Neureichen katapultiert. Geldsorgen wurden letztlich von Sorgen ums Ansehen ersetzt. Auch wenn sich Mom und Dad charakterlich nicht verändert hatten, für sie waren Isaac und ich immer noch das Wichtigste in ihrem Leben. So wie sie für mich.

Ich würde mein Geschäft jederzeit aufgeben, wenn es etwaige Umstände verlangten. Wie auch immer diese aussehen mochten.

Oder?

Kopfschüttelnd kehrte ich in die Gegenwart zurück und legte einen Arm um Moms zierliche Schultern. Sie war einen Kopf kleiner als ich, was sie mir nie ganz verziehen hatte. Da sie mit ihren ein Meter siebenundsiebzig bereits groß war, hatte sie gehofft, zumindest einen ihrer Söhne überragen zu können.

»Deine Konsequenzen haben mittlerweile an Wirkung verloren, Mom. Ich bin fünfundzwanzig«, erinnerte ich sie lachend.

Gemeinsam setzten wir uns in Bewegung. Das Apartment meiner Eltern befand sich nur fünf Gehminuten von hier. Normalerweise brachte uns Troy, ihr Fahrer, direkt bis vor die überdachte Eingangstür, doch wir hatten den anstrengenden Bürotag mit einem Spaziergang entlang der geschäftigen Second Avenue ausklingen lassen wollen.

»Das bedeutet nicht, dass ich dich nicht zurechtweisen kann. Nicht mal, wenn du so alt bist wie ich jetzt«, erwiderte sie stur über den Verkehrslärm hinweg. Wir lebten schon so lange in Manhattan, dass ich diesen kaum noch wahrnahm. »Wie geht es dir denn, mein Schatz? Es kann nicht einfach sein, Interview für Interview auszuschlagen und die Wahrheit für dich zu behalten.«

Meine Familie unterstützte mich darin, keinen Kommentar abzugeben, auch wenn sie anfangs dagegen argumentiert hatte. Sie wollte nicht, dass ich von allen für den Bösewicht gehalten wurde, den die Presse aus mir machte.

Und Ava.

Allein dadurch, dass sie schwieg. So wie ich. Im Gegensatz zu mir hatte sie aber die Macht, etwas zu ändern. Die Wahrheit zu offenbaren.

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich ehrlich und drückte sie enger an mich. Wenn ich auch noch Mom und Dad oder Isaac verlor, würde es mich komplett kaputt machen. »Ich hoffe, das interne Gespräch hat heute geholfen, aber …«

»Es wird immer ein paar geben, die zweifeln«, sprach sie wie so oft meine Gedanken aus, die ich selbst nicht formulieren konnte.

»Jesus, warum ist das alles so eskaliert?« Das war eine rein rhetorische Frage. Natürlich wussten wir, wie das passiert war.

»Du konntest nicht ahnen, dass Ava so unehrlich ist.«

»So unehrlich, mich zu betrügen, oder so unehrlich, jetzt darüber zu schweigen?«

Es tat weh, dabei zusehen zu müssen, wie mein Geschäft unter dem Druck der Öffentlichkeit litt. Mein Geschäft, das ich mit Schweiß und Blut aus dem Nichts errichtet hatte.

Jetzt übten die Gesellschafter bereits Druck auf mich aus, vorübergehend zurückzutreten. Bisher hatte ich mich ihnen noch widersetzen können, aber wie lange noch?

Ich hatte geglaubt, nach zwei Wochen würde der Terz, so vollkommen haltlos, wie er war, abebben, doch Avas Fans waren entschlossen, meinen Ruf zu ruinieren. In ihrem Namen.

»Alles hat seinen Sinn, mein Schatz. Am Ende des Tunnels gibt es immer einen Ausgang. Vertraue darauf, dass die Wahrheit ans Licht kommt«, beschwichtigte mich Mom.

»Leichter gesagt als getan, wenn unser Leben und unser Ruf auf dem Spiel stehen«, erwiderte ich grantig.

Ich hatte es so satt, zu schweigen. Gleichzeitig würde ich niemals Avas Wahrheit ausplaudern.

»Unser Ruf? Vielleicht. Doch solange wir gesund sind und einander haben, ist unser Leben vollkommen in Ordnung.«

Sie meinte jedes Wort so.

»Okay, okay. Was gibt’s zu essen?«

Sie lachte wegen des abrupten Themenwechsels. Der Eingang mit dem dunkelblauen Baldachin war bereits in Sichtweite, als sich eine Gruppe Mädchen und Jungen im Teenageralter von den Schatten zwischen den geparkten Autos löste. Sie stellte sich uns entgegen. Sofort schrillten meine Alarmglocken. Niemand von ihnen lächelte. Sie empfanden keine Freude. Keinen Spaß.

Nein.

Sie waren eindeutig auf Krawall gebürstet.

Bevor ich reagieren konnte, holten sie Obst, Gemüse und Eier aus ihren Taschen hervor und begannen, uns damit zu bewerfen. Eine überreife Tomate landete auf meiner Wange und platzte.

Ohne mich um den Saft zu kümmern, der unangenehm in meinen Kragen sickerte, packte ich Moms Handgelenk. Hastig zog ich sie hinter mich. Versuchte, sie durch die Gruppe Jugendlicher hindurchzukriegen.

Dann kam der erste Blitz und daraufhin der zweite.

Entweder hatten uns Paparazzi gefunden, oder Avas Fans – denn dass sie für sie Rache übten, war mir durch ihr Gekreische und Gebrüll klar – machten Fotos von uns. Später würden sie diese auf sämtlichen Social-Media-Kanälen verbreiten.

»Lasst uns durch«, rief ich, obwohl sie nicht auf mich hören würden.

»Du Arschloch!«

»Ava hat jemand Besseres als dich verdient!«, brüllte eine andere. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie ausholte.

Ich hob meinen anderen Arm, um Moms Gesicht zu schützen, doch der Gegenstand schoss darüber hinweg und traf sie direkt an der Schläfe.

Mom schrie auf.

Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Noch nie in meinem Leben hatte ich sie einen solchen Laut ausstoßen hören. Als ich sie ansah, konnte ich nur Blut sehen, das in dünnen Rinnsalen von ihrer Braue hinabrann.

»Mom!«, rief ich, bevor ich mich hinabbeugte und sie auf die Arme hob.

Genug ist genug.

Ich rannte los, ohne darauf zu achten, wen ich mit meinen Ellbogen traf. Sollten sie doch der Reihe nach hinfallen! Sie hatten eine Grenze überschritten.

»Mr Marinotti!«, hörte ich den Portier rufen.

Erleichterung durchflutete mich, als er und zwei Securitymitarbeiter mich erreichten und flankierten.

Die Teenager wurden zurückgedrängt, und ich konnte mit Mom auf dem Arm endlich ins rettende Gebäude.

Vorsichtig setzte ich sie im Foyer ab, in dem es immer nach frischen Blumen duftete, und führte sie auf das dunkelgrüne Brokatsofa. Ihre Beine waren so zittrig, dass sie meine Hilfe brauchte, um sich hinzusetzen.

»Lass die Augen geschlossen«, wies ich sie sanft an. Ihre zarten Schultern bebten unter meinem Arm, bevor ich mich vorsichtig löste.

Ich blickte zurück zum Eingang, an dem die Mädchen und Jungen standen und immer noch wüste Beschimpfungen ausstießen. Durch das verdunkelte Glas waren wir jedoch vor ihren Blicken geschützt.

»Kann ich etwas für Sie tun, Mr Marinotti?« Der Portier, Denton, hatte mich erreicht. Atemlos sah er zwischen Mom und mir hin und her.

»Rufen Sie bitte meinen Vater an. Er soll sofort runterkommen«, befahl ich ihm noch unter Strom stehend, während ich nach etwas suchte, mit dem ich die Blutung stillen konnte. Mein Pullover musste herhalten. Ich zog den ruinierten Mantel und meinen grauen Strickpullover aus und drückte diesen dann zusammengeknüllt auf die Platzwunde. Mit der anderen Hand an Moms Hinterkopf hielt ich sanft dagegen. Nur noch im T-Shirt dastehend, sah ich auf diese starke Frau hinunter, die meinetwegen leiden musste.

Fuck. Fuck. Fuck.

»Es ist nicht so schlimm«, nuschelte Mom an meinem Pulli vorbei. »Das war bloß der Schock. Gerade tut es kaum noch weh.«

»Es muss trotzdem genäht werden. Sobald Dad und Isaac hier sind, fahren wir ins Krankenhaus.«

»Wir können auch Doc anrufen.« Doktor Bane, oder auch Doc, war ein Freund der Familie und Arzt. Bei kleinen Wehwehchen kam er vorbei und untersuchte uns, ohne dass wir einen ganzen Tag in einer Arztpraxis verschwenden mussten. »Auf keinen Fall. Ich will, dass du von oben bis unten durchgecheckt wirst. Nicht dass du eine Gehirnerschütterung hast oder dergleichen.«

»Dante? Was ist passiert?« Isaac und Dad kamen aus einem der drei Fahrstühle gestürmt.

Ich trat an dem niedrigen Tisch vor dem Sofa vorbei, um ihnen Platz zu machen.

Während Mom beteuerte, dass es nicht schlimm war, klärte ich die beiden mit wenigen Worten auf. Die Wut in mir ballte sich zu einer undurchdringlichen Masse zusammen, die mir das Atmen erschwerte.

Die Security hatte sich mittlerweile um die Fans gekümmert und den Eingang geräumt. Mein Selbsthass blieb. Ich hatte diese Eskalation zu verantworten. Niemand sonst.

Weil ich nichts sagen konnte. Weil ich mich immer noch an New York klammerte.

Mit plötzlicher Klarheit wusste ich, was zu tun war, weil ich schon länger mit dem Gedanken gespielt hatte. Doch bis hier und heute hatte ich mich nicht dazu überwinden können.

Dad half Mom beim Aufstehen. Zusammen steuerten sie den Fahrstuhl an, um zur Tiefgarage zu gelangen, wo unsere Autos geparkt waren.

»Kommt ihr?«, fragte er über seine Schulter hinweg. Als er meinen Blick auffing, wurde seine Miene weicher. »Es ist nicht deine Schuld, Dante.«

Ich machte ein unbestimmtes Geräusch. »Isaac? Einen Moment noch?«

»Was ist? Bist du auch verletzt?« Besorgt musterte er mich von oben bis unten. Er hatte das aschblonde Haar von Dad. Wirkte ohnehin wie sein jüngerer Zwilling. Ein halbes Jahr nachdem mich meine Eltern adoptiert hatten, war Isaac geboren worden. Er war ihr Wunder, mit dem sie nie gerechnet hatten. Der unerfüllte Kinderwunsch und der eigentliche Grund, warum ich in New York gelandet war.

»Mir geht es gut«, antwortete ich, mich eilig von diesem Teil meiner Gedanken lösend. Er brachte mich nie an einen guten Ort. »Ich brauche deine Hilfe.«

»Was soll ich tun?« So war er. Mein jüngerer Bruder, bester Freund und Geschäftspartner. Immer für mich da.

Ich wischte mir über die untere Gesichtshälfte. Fühlte noch Tomatenüberreste und ekelte mich. Vor mir selbst und vor New York.

»Ich werde zurücktreten und die Staaten vorerst verlassen.«

»Was? Das ist viel zu verfrüht! Du denkst nicht klar …«

»Die Entscheidung ist gefallen«, widersprach ich auf eine Art, die sagte, dass es daran nichts zu rütteln gäbe. Ich konnte mich nicht mehr vor dem unabwendbaren Schicksal drücken. »Ich will, dass du dir die Verantwortung mit Rachel und Hilary teilst. Ich werde alles veranlassen.«

»Dante …« Er schüttelte den Kopf. »Wohin wirst du gehen?«

Ich ließ meinen Blick über den blank polierten Marmorboden nach draußen wandern, wo der Sonnenuntergang längst nicht mehr zu sehen war.

»Nach Italien.« Zu meinen Wurzeln.

1. Kapitel

Cleo

Ich würde mich nicht an den Temperaturwechsel zwischen Klimaanlage und Außentemperatur gewöhnen. In der einen Sekunde musste ich mich in die cremefarbene Strickjacke graben, in der nächsten schwitzte ich aus sämtlichen Poren.

Feuchtigkeit prickelte unangenehm in meinem Nacken und an meinem Kinn. Hinter einem glückselig lächelnden Pärchen, das im Partnerlook den Flugsteig hinabspazierte, versuchte ich, meine Strickjacke auszuziehen, ohne dabei meinen schwarzen Chanel-Rucksack zu verlieren. Mein Blick blieb an ihre Rücken geheftet, auf dem der zweigeteilte Aufdruck Ti amo stand. Rot auf Pink. Hervorragende Fashion Choice.

Ich stolperte über meine eigenen Füße und verlor den Halt. In meiner Vorstellung sah ich mich schon die Metalltreppe hinunterfallen, doch zu meinem Glück gab es nur eine weitere Stufe, und die konnte ich noch irgendwie überspringen, ohne dass mir die Beine einknickten.

Dennoch war ich froh, als ich in den Shuttlebus steigen konnte, der uns auf die andere Seite des Flughafens von Brindisi bringen würde. Ich konnte sogar einen der wenigen Sitzplätze ergattern. Auch wenn ich diesen einen Moment später räumen musste, weil eine schwangere Frau einstieg.

Freundlich lächelnd, aber mit hundert mehr Schweißperlen zog ich mich in eine Ecke zurück und stopfte die Jacke in meinen überfüllten Rucksack, ehe sich der Bus in Bewegung setzte.

»Jesus«, murmelte ich und stieß ein paar leise Flüche aus.

Ein klein wenig wünschte ich mir doch, mit meinem Freund Oliver gefahren zu sein. Selbst wenn mir während langer Autofahrten schlecht wurde. Dann hätte ich mich immerhin nur krank und nicht allein gefühlt.

Nicht wie jetzt.

Jetzt war mir zwar nicht kotzübel, doch ich fühlte mich verloren und so, als würden mich alle anstarren, weil ich allein von Rom in den Süden Italiens geflogen war.

Nur eine Nacht.

Heute Abend würde sich Oliver bereits mit dem Leihwagen auf den Weg machen und in der Nacht bei mir im Hotel ankommen. Ich hatte das Schlimmste doch bereits überstanden.

Das Schlimmste, echote es in meinem Verstand.

Erst zwei Wochen waren wir zusammen in Italien unterwegs, doch gefühlt hatte ich jedes Abenteuer allein erlebt. Jedes Mal, wenn ich einen Ausflug geplant hatte, kam Oliver kurz vorher mit einer Ausrede daher, warum er sich nicht danach fühlte.

Es ist zu heiß, Babe. Ich bleibe hier am Pool. Geh du nur.

Ich muss gestern was Falsches gegessen haben. Mein Magen macht nicht mit.

Hatten wir das so abgemacht? Ich habe jetzt den letzten Platz für die Bootstour gebucht. Dir wird ja eh schlecht.

Am Ende der zwei Wochen hatte ich ihn nur noch höflichkeitshalber gefragt.

Umso überraschter war ich gewesen, als er bereitwillig zugestimmt hatte, Rom zugunsten Brindisis zu verlassen, um Süditalien zu erkunden. Dabei war er plötzlich so hilfsbereit und zuvorkommend geworden, als hätte er endlich gemerkt, wie er sich mir gegenüber verhalten hatte.

Das hatte mir Hoffnung gemacht.

Unsere Beziehung war … speziell. Anfangs war ich mit ihm zusammengekommen, weil ich ihn heiß gefunden hatte. Recht schnell hatten wir dann jedoch gemerkt, dass wir kaum Gesprächsthemen hatten, die sich überschnitten. Er wurde manchmal ziemlich grob, und ich war kurz davor gewesen, mich von ihm zu trennen, als ich die Reaktion meiner Familie gesehen hatte. Die Art, wie sie bei seinem abgeranzten Anblick die Nase gerümpft hatte.

Ich konnte mich meiner Familie nicht direkt widersetzen, aber ihr auf derartige Weise zu zeigen, wie wenig ich auf ihre Meinung gab? Das hatte ich mir nicht entgehen lassen können.

Und wenn ich ehrlich war, hatte ich all meine vergangenen Beziehungen unter diesem Aspekt ausgewählt. Hauptsache, sie ging meiner Familie gegen den Strich.

Mein Blick glitt zu der Hand, mit der ich mich an der Haltestange festklammerte. Der Bluterguss um mein Handgelenk war noch deutlich sichtbar. Das erste und bisher einzige von Olivers Überbleibseln. Eine Erinnerung an seine kalte Wut. Daran, dass ich es nicht wagen sollte, ihn infrage zu stellen, weil letztlich er die Entscheidungen traf. Ob sie mir gefielen oder nicht.

Mir war klar, dass das Unsinn war. Dass ich gehen sollte. Dass er mich manipulierte und zurechtstutzte, wie er mich haben wollte.

Die Erkenntnis half mir nicht. Sie brachte mich nicht dazu, zu gehen, weil ich dann allein dastand.

Der Bus kam zum Stehen, und nacheinander drängten wir uns in den feuchtwarmen Abend. Der Himmel, ein Mix aus sanftem Blau und Orange, die ineinanderflossen, als hätte jemand zu viel Wasser zu den Farben gemischt. In meinen Ohren dröhnte das laute Motorengeräusch eines abhebenden Fliegers.

Nicht nur ich duckte mich automatisch, was mir mich etwas weniger lächerlich vorkommen ließ.

Zum Glück war der Eingang zur Flughafenhalle nicht weit entfernt. Nacheinander schlüpften wir durch die Automatiktüren in den abgetrennten Bereich. Schon wenige Sekunden später trocknete die auf Hochtouren laufende Klimaanlage die Schweißperlen auf meinem Gesicht. Die Hitze zwischen Rücken und Rucksack verflüchtigte sich ebenso rasch. Meine Situation wirkte mit einem Mal viel weniger schlimm als noch vor fünf Minuten.

Wie enorm die richtige Umgebungstemperatur doch mein Leben beeinflussen konnte.

In New York, meiner Heimat, war ich der Willkür des Wetters kaum jemals so ausgesetzt wie hier. Ich konnte mich mit einem persönlichen Fahrer problemlos zwischen Apartment, College und jeglichem Ziel fortbewegen. Etwas, auf das meine Eltern bestanden und gegen das ich auch nichts einzuwenden hatte. Wenn sie mich schon kontrollieren wollten, konnte ich immerhin einen Vorteil daraus schlagen.

Das bedeutete keineswegs, dass ich den Sommer hasste, den Regen oder den Schnee.

Ich hasste es bloß, zu einem Termin aufzutauchen, wenn ich nass geschwitzt oder vom Regen durchnässt war.

Einen Sommer lang hatte ich auf einer Ranch verbracht, hatte hart gearbeitet und mich in sechs Wochen nicht ein einziges Mal richtig sauber gefühlt, aber es waren die besten sechs Wochen meines Lebens gewesen.

Die High Society von New York war das Leben meiner Eltern, meiner Schwestern und meiner Nonna – meine italienische Großmutter. Ich war bloß das Anhängsel, das mitkommen musste, das aber eigentlich niemand so richtig haben wollte.

Ich war keineswegs zynisch, sondern realistisch. Mittlerweile machte sich niemand mehr Mühe, die wenig vorteilhaften Gedanken über meine Wenigkeit zu verschleiern. Meine Eltern, die das italienische Fast-Food-Imperium führten, erwarteten sogar, dass ich froh war, nach dem College einen Job als Assistentin meiner ältesten Schwester zu bekommen.

Als wäre mein Studium nichts wert. Als würden sie kein Vertrauen in meine Fähigkeiten setzen.

»Urgh«, stieß ich aus, weil ich mich über mich selbst ärgerte. »Bleib positiv, Cleo«, sprach ich mir selbst Mut zu.

Das hier war voraussichtlich für sehr lange Zeit meine einzige Auszeit. Ich hatte sie mir hart erarbeitet. Bezahlt mit meinem eigenen Lohn aus Nebenjobs, von denen meine Familie nichts gewusst hatte. Zwei Monate Italien. Das war mein Traum, weil ich das Land meiner Vorfahren kennenlernen wollte.

Einzig Nonna hatte mich unterstützt, während alle anderen bloß betonten, dass sie mir keinen Cent zukommen lassen würden.

Ich brauchte sie nicht. Zumindest nicht während meines Sommers.

Da es sich bei meinem Flug lediglich um einen Inlandsflug handelte, ging die Passkontrolle recht schnell. Bevor ich meinen Koffer an der Gepäckausgabe abholte, machte ich einen Abstecher in die Waschräume.

Eine zierliche Brünette lächelte mir beim Hinausgehen zu, weil ich ihr die Tür aufgehalten hatte. Ich reagierte einen Moment zu spät, und mein Lächeln traf mein eigenes zerzaustes Spiegelbild.

Charmant.

Ich suchte zunächst eine freie Kabine. An Board hatte ich fast anderthalb Liter Wasser getrunken. Aus Nervosität. Gleichzeitig war ich zu ängstlich gewesen, meinen Gurt zu lösen und auf die enge Kabinentoilette zu gehen. Da ich einen Sitz in der Mitte belegt hatte, hatte ich mich nicht dazu imstande gesehen, meinen Sitznachbarn zu bitten, mich vorbeizulassen. Was, wenn er ein Nickerchen hatte machen wollen? Was, wenn er mich dafür hasste, dass ich ihn gerade aus einer gemütlichen Sitzposition verscheuchte?

Nein, danke.

Der Flug war letztlich nach einer Stunde vorbei gewesen, und ich hatte meine Unterleibsschmerzen fast schon verdrängt.

Nachdem ich meine Hände gewaschen und mir Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, vibrierte mein Handy. Ich fischte es aus den Tiefen meines Rucksacks, bevor ich die Jacke wieder reinstopfte.

Summer. Meine beste Freundin.

Ein echtes Lächeln stahl sich dieses Mal auf meine Lippen.

Summer: Nach meiner Berechnung müsstest du jetzt gelandet sein. 🤔 Meld dich, Babe.

Ich: Vor 10 min. Hier ist es noch heißer als in Rom. Was habe ich mir nur dabei gedacht? 😳

Summer: Du wolltest mehr als nur die Stadt der 7 Hügel sehen. So beeindruckend das Schätzchen auch ist. 😉 Ist Oliver schon da?

Ich: Stimmt. Hatte ich fast wieder vergessen. 😝 Hoffentlich ist das kein Reinfall hier. 🙈

Ich: Nope. Ich rufe ihn gleich an. Er müsste schon losgefahren sein.

Summer: Okey dokey. Meld dich, wenn du im Hotel angekommen bist. Miss ya 💋

Ich: Miss ya, too. 😘

Mit neuem Elan trug ich Wimperntusche auf, die meine saphirblauen Augen betonte. Ich war stolz darauf, dass ich als einzige von uns Schwestern die Augen von Nonna geerbt hatte. Anschließend kämmte ich mein Haar, das ich normalerweise zu einem voluminösen, langen Bob föhnte. Davon war nach dem Dutt, den ich wegen der Hitze geknotet hatte, nichts mehr übrig. Also wurde es ein kurzer Pferdeschwanz, aus dem sofort ein paar Strähnen entflohen und im Wind der Klimaanlage um meine Ohren tänzelten.

Zum Schluss zupfte ich meinen braun-weiß karierten Minirock zurecht, zu dem ich ein ärmelloses Rüschenshirt trug. Die Goldkette fiel bis auf meinen üppigen Busen hinab und rundete zusammen mit meinen weißen High Heels das Bild ab, das ich abgeben wollte. So wurde es von Oliver und meiner Familie erwartet: makellos.

Ich lud meinen Rucksack auf und stolzierte erhobenen Hauptes aus dem Waschraum. Vielleicht hätte ich noch mein Parfüm auftragen sollen, doch ich wollte nicht zu spät kommen und meinen Koffer am Gepäckband verpassen.

Dieses Mal sollte alles nach Plan laufen.

Oliver sagte immer, dass mir Desaster auf Schritt und Tritt folgten. Früher mit einem Augenzwinkern. Mittlerweile wurde ich das Gefühl nicht los, dass er hauptsächlich genervt von mir war. Nun, ich war von ihm auch genervt. Immerhin waren wir schon zu zweit.

Es hatte sich bereits eine Menschentraube um das Gepäckband gebildet. Selbst wenn die Anzeige obenauf nicht unsere Flugnummer angezeigt hätte, hätte ich meine Mitpassagiere wiedererkannt. Eines meiner Talente war, dass ich mir sehr gut Gesichter merken konnte.

Manchmal brauchte ich ein, zwei Minuten, aber generell fiel mir immer ein, wo ich jemanden zuletzt gesehen hatte.

Ich platzierte mich in zweiter Reihe hinter eine Frau, die vielleicht zehn Zentimeter kleiner war als ich mit meinen ein Meter zweiundsiebzig, sodass ich das laufende Band gut im Blick behalten konnte. Sie unterhielt sich in lebendigem Italienisch mit dem Mann neben sich, der gar nicht in ihre Richtung sah und immer nur nickte oder den Kopf schüttelte. Ich spürte die Müdigkeit, die von ihm in Wellen ausging, als wäre sie meine eigene.

Obwohl der Flug nur eine Stunde gedauert hatte, schlauchte doch der gesamte Prozess von Ankunft über Gepäck- und Passkontrolle, Flug und bis zu dem Moment, da man den Flughafen am Zielort schließlich verlassen konnte.

Endlich wurden die ersten Koffer aufs Band geladen, und selbst wenn meiner noch nicht dabei war, fühlte es sich nicht länger an, als wäre ich in der Zeit stecken geblieben.

»Laggiù!«, rief die Frau vor mir so laut, dass ich zusammenzuckte, und deutete auf einen knallpinken Koffer.

Dort drüben!, hatte sie gesagt. Mit meinem etwas eingerosteten Italienisch war ich in Rom ziemlich gut zurechtgekommen. Ich hatte jedoch gehört, dass im Süden Italiens die Dialekte ausgeprägt waren und ich Schwierigkeiten beim Verständnis bekommen könnte. Darauf würde ich mich einstellen müssen, aber ich war fest entschlossen, mein Bestes zu geben.

Nachdem die beiden vor mir den pinken und den schwarzen Koffer danach vom Band gehoben und davongestürmt waren, stellte ich mich nach vorn.

Nur wenige Sekunden später erblickte ich meinen schwarzen Koffer mit den weißen Griffen und machte mich bereit. Ich hievte ihn mit zitternden Armmuskeln vom Band und stellte ihn mit einem dumpfen Schlag auf dem blank polierten Boden ab. Anschließend steuerte ich zielstrebig den Ausgang an, am Zoll vorbei und in die hell erleuchtete Flughafenhalle.

Obwohl die Decke niedrig war, wirkte der Raum durch die hellen Wände und Böden nicht gedrungen. Die Fensterfront auf der gegenüberliegenden Seite ließ außerdem ausreichend Licht der Straßenlaternen ein. Mittlerweile war die Sonne längst über den Horizont geschritten, und in ihrem Schatten breitete sich ein dunkles Blau aus.

Ich setzte mich auf einen der neongrünen Plastikstühle gegenüber eines Eingangs. Den Koffer stellte ich schräg hinter mir ab, damit er niemandem den Weg versperrte. Als ich mein Handy hervorholte, setzte sich jemand neben mich. Immerhin ließ er einen Sitz zwischen uns frei und platzierte seinen Koffer davor als zusätzliche Abgrenzung. Nur kurz warf ich ihm einen Blick zu. Schokoladenbraunes Haar, Dreitagebart und eine gerade Nase in einem kantigen Gesicht, dazu ein scharf geschnittener Kiefer.

Eilig sah ich wieder auf mein Handy und tippte auf Olivers Namen. Wir hatten heute Morgen noch gemeinsam den Wagen mit meiner Kreditkarte gemietet, nachdem seine abgelehnt worden war. Dabei hatte ich darauf geachtet, dass das Auto eine Freisprechanlage besaß. Ich gehörte nicht zu denen, die es liebten, zu telefonieren, aber ich wollte nicht, dass sich Oliver auf der langen Fahrt allein fühlte.

Während ich dem Freizeichen lauschte, schlug ich die Beine übereinander und wippte mit dem linken Fuß. Piep. Piep. Piep. Dann wurde der Anruf abgebrochen.

Stirnrunzelnd blickte ich auf das Handy. Hatte Oliver vergessen, das Handy mit der Anlage zu verbinden?

Ich malträtierte meine Unterlippe mit den Zähnen, als ich darüber nachdachte, erst ins Hotel zu gehen und ihn dann anzurufen. Was, wenn ich ihn ablenkte und er deshalb einen Unfall baute?

Andererseits machte ich mir jetzt noch mehr Sorgen, weil ich nicht wusste, ob er überhaupt losgefahren war. Wir hatten eigentlich abgemacht, dass er mir schrieb, wenn er sich ins Auto setzte.

Schließlich wählte ich seine Nummer erneut. Dieses Mal nahm er nach dem dritten Freizeichen ab, und ich seufzte erleichtert. Selbst als ich klar und deutlich Stimmengewirr hören konnte, das nicht aus dem Radio stammte.

Er saß nicht im Auto.

Er hatte sich noch nicht auf den Weg gemacht.

»Oliver?« Ich hasste mich dafür, dass meine Stimme zitterte. Und ich hasste ihn dafür, dass ich bereits wusste, was kommen würde.

Unwillkürlich stand ich auf und begann, vor der Stuhlreihe auf und ab zu laufen. Ich konnte einfach nicht still sitzen, während sich das Grauen in mir festbiss.

»Hey, gut, dass du anrufst, ich wollte mich eh bei dir melden.« Eine Frau lachte. Eine fremde Frau. Mir wurde schwindelig und heiß und kalt gleichzeitig. Einzig, weil ich mich mit einer Hand an einer Säule abstützen konnte, wurde ich vor einem peinlichen Sturz bewahrt.

Die Reisenden um mich herum wurden zu einem Strudel aus Lichtern und Farben, die sich am Rand meines Sichtfelds bewegten. Wie Zuschauer eines Theaterstücks. Nur dass ich keinen dramatischen Tanz aufführte, sondern eine Komödie, bei der man sich beim Hinsehen fremdschämte.

»Bei mir melden?«, echote ich kraftlos. Erst nach und nach fand ich wieder zu mir. Jeder Schritt in meinem düsteren Verstand kostete mich unbeschreibliche Kraft. Als würde ich an einem Steg in der Dunkelheit entlangbalancieren und müsste gegen Wind und Wetter ankämpfen. »Du bist noch nicht losgefahren, oder?«

Ich hätte ihn rundheraus mit meiner Ahnung konfrontieren können, doch die Beschuldigung würde ihn bloß dazu bringen, aufzulegen. Noch wollte ich ihn nicht gehen lassen.

Er hatte kein leichtes Gespräch verdient, verdammt noch mal!

»Hör zu, es ist kompliziert«, begann er eine seiner üblichen Ausflüchte. »Mir gefällt es hier in Rom einfach zu gut. Es spricht ja nichts dagegen, dass du dich da unten amüsierst und ich weiter in Rom. Wir haben doch beide gemerkt, dass es hier im Urlaub nicht zwischen uns passt.«

Ich liebte ihn nicht. Hatte ihn vermutlich nie geliebt. Trotzdem war ich getroffen.

Warum?

Weil er sich gegen mich als Person entschieden hatte. Ich hatte nicht mal groß was von ihm verlangt. So viel hatte ich für ihn getan. Warum wollte er selbst das nicht von mir? War es so schwer, mir Anstand und Respekt entgegenzubringen? War das der Grund, warum ich beides auch vergeblich bei meiner Familie gesucht hatte, bis ich aufgegeben hatte?

»Ist das dein fucking Ernst?«, schrie ich jäh ins Handy und überraschte mich selbst damit am allermeisten. »Wir haben den Urlaub gemeinsam geplant, du beschissener Bastard! Geht’s noch?«

»Jeez, chill doch mal, Cleo«, entgegnete er vollkommen ungerührt.

Ich warf einen kurzen Blick auf meine Umgebung, in der mich niemand misstrauisch oder verurteilend ansah. Vielleicht war meine Stimme doch nicht so laut gewesen, wie sie mir vorgekommen war.

»Ich soll chillen? Ich bin am anderen Ende von Italien, ohne meine Kreditkarte, ohne das Auto, ohne dich! Hast du sie nicht mehr alle?« Ich legte eine Hand um meinen Mund und das Handy, um nicht doch vollkommen die Kontrolle zu verlieren und die gesamte Flughafenhalle zusammenzuschreien.

»Cleo«, sagte er mit unterschwelliger Drohung, die mir auch aus der Distanz Bauchschmerzen bescherte. Ich war nicht schwach. Ich konnte mich wehren. Er würde mir nicht wieder wehtun. Das hier war das Ende. »Deine Eltern sind ekelhaft reich. Ruf sie an. Das sollte eine verwöhnte, kleine Bitch wie du doch hinbekommen, oder nicht? Ruf mich nicht mehr an.«

Das Freizeichen verhöhnte mich einen Moment, ehe der Anruf komplett beendet war.

Sprachlos starrte ich auf den Boden und dann aufs Handy, dessen Display schwarz geworden war.

Er hatte mich verlassen. Oliver hatte mich auf diese feige Art und Weise verlassen.

Ich war fassungslos. So sehr, dass erst nach und nach Panik und Angst in mir aufstiegen.

Es war keine bodenlose Lüge. Ich war allein. Ohne Geld und ohne Auto. Meinen Pass hatte ich immerhin und …

Gott! Mein Kopf schmerzte so sehr, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Dazu kam das Brummen der Klimaanlage und die Kälte, die meinen Körper überzog. Vielleicht stammte sie auch aus meinem Inneren und ließ sich deshalb nicht durch das Reiben meiner Arme vertreiben.

»Verfluchter Scheißkerl«, brummte ich, bevor ich das Handy in meinen Rucksack steckte und zurück zum Sitz stapfte.

Ein Hotelzimmer war das, was mir noch geblieben war. Und mein Koffer.

Ich umfasste den weißen Griff und stolzierte los, als würde in mir kein Chaos herrschen. Der Flughafen war kein guter Ort, um seine Fassung zu verlieren. Ich brauchte vier Wände für mich und meine beste Freundin an meiner Seite. Letzteres würde nur durch einen Videocall zu erreichen sein, doch das war besser, als sie gar nicht zu haben.

Auch wenn es mir davor graute, sie in das Telefonat mit Oliver einzuweihen.

Er hatte mich verlassen.

Diese Tatsache war so absurd, dass ich Schwierigkeiten hatte, sie komplett zu begreifen. Denn bisher hatte ich immer geglaubt, dass letztlich ich es sein würde, die einen Schlussstrich ziehen würde.

Aber warum eigentlich?

Ich winkte ein Taxi heran und half dem Fahrer dabei, mein Gepäck in den Kofferraum zu hieven. Er sah noch älter aus als mein Dad, und ich wollte nicht daran schuld sein, dass er sich verhob.

Mit einem Lächeln dankten wir uns gegenseitig, und ich setzte mich hinten rein. Auf meinem Handy scrollte ich eilig nach der gespeicherten Adresse vom Hotel, das sich ganz in der Nähe befand. Oliver und ich hatten uns nicht für eine fancy Option entschieden, da wir von Anfang an nur eine Nacht hier hatten bleiben wollen.

So viel dazu.

»Devo andare all’hotel Papola Casale«, teilte ich dem Fahrer mit, ehe ich meine Stirn gegen die warme Scheibe lehnte. Ich muss zum Papola Casale Hotel.

Die vorderen Fenster waren runtergekurbelt, und das Innere des gelben Wagens roch nach Zigarillos und geschmolzenem Plastik, vermischt mit dem typischen Geruch eines Duftbaums. Aus irgendeinem Grund wirkte die Kombination vertraut und beruhigte mich.

»Con piacere!«, flötete der Fahrer und drückte aufs Gas. Gern.

In Rom war das Autofahren und speziell das Taxifahren eine Katastrophe gewesen. Niemand hielt sich an die Verkehrsregeln. Oder war das die einzige Regel, die alle befolgten?

Mein Fahrer besaß zwar einen Bleifuß, doch er hielt immerhin an den Ampeln an und sah sich um, während er das Radio aufdrehte. Ein italienischer Song, den ich in den vergangenen zwei Wochen bereits des Öfteren gehört hatte. Wohl ein Chartstürmer.

Ich blickte in den frühen Abend hinaus. Die Lichter der Laternen, Autos und Betonbauten, die zu einem flackernden Hintergrund verschmolzen. Mein Magen meldete sich ganz leicht, doch ich hoffte, dass die Fahrt endete, bevor ich mich übergeben müsste.

Meine Gedanken waren jedenfalls Ablenkung genug. Ja, ich hätte wahrscheinlich damit rechnen müssen, von Oliver verlassen zu werden. Auch in meinen drei Beziehungen davor war ich sitzen gelassen worden, selbst wenn ich vorher darüber nachgedacht hatte, Schluss zu machen. Letztlich hatte ich nie den Mumm dazu besessen.

Aber ich hatte nicht gedacht, dass Oliver es während meines Urlaubs tun würde. Während wir nur einander hatten, in einem fremden Land, auf einem anderen Kontinent.

Nun, zumindest ich hatte nur ihn gehabt. Er war bereits zur nächsten gewandert, um sich sein Ego streicheln zu lassen.

Ich verachtete ihn dafür.

Dann kam mir wie ein Eimer kaltes Wasser, der über mir ausgeschüttet wurde, der Gedanke, dass er meine Kreditkarte hatte und nicht davor zurückscheuen würde, sie auszureizen. Sofort loggte ich mich mit meinem Handy in das Onlineportal ein, nur um zu sehen, dass Oliver es bereits getan hatte. Das Limit war erreicht.

Ich war blank.

Die Lippen zusammenpressend verbat ich mir, im Taxi in Tränen auszubrechen. Auf gar keinen Fall würde ich so klischeehaft zusammenbrechen.

Schließlich erreichten wir das Hotel, als mir siedend heiß einfiel, dass ich mit meinem letzten Bargeld bezahlen musste. Ich hatte zwar noch ein klein wenig dabei, aber ich hätte die kurze Strecke mit dem Bus fahren sollen.

Zumindest, bis ich wusste, wie mein Plan aussah.

Gerade wenn ich an meine unmittelbare Zukunft dachte, konnte ich nur die verurteilenden Gesichter meiner Schwestern sehen, die die Vorstellungen von Palmen und Meer und Weinbergen ersetzt hatten.

»Ciao«, verabschiedete ich mich von dem Fahrer und stapfte in meinen High Heels und mit meinem Rollkoffer die Rampe zum Hotel hinauf.

Das mehrstöckige schmale Gebäude wirkte überraschend edel mit der gelben Fassade und den dunklen Schlagläden. Die Lobby besaß weiß getünchte Rundbögen und einen beeindruckenden Kristallleuchter direkt vor der Rezeption. Sofagruppen, Tiffanylampen und stuckverzierte Wände mit eingebauten Regalen, auf denen sich Vasen mit Blumen befanden. Ich freute mich, dass ich an diesem scheußlichen Tag doch noch so etwas wie Glück hatte.

Nachdem ich an der Rezeption eingecheckt hatte, suchte ich mein Zimmer im dritten Stock auf. Es war im Gegensatz zur Lobby moderner und schlicht eingerichtet. Das Badezimmer war klein, aber sauber.

Ich hievte meinen Koffer auf die gelbe Sitzbank und zog als Allererstes meine Schuhe aus, um meine armen Füße zu massieren, während ich darum kämpfte, weiter Haltung zu bewahren. Selbst wenn hier niemand mehr meine Tränen sehen konnte, wollte ich nicht loslassen. Ich fürchtete mich zu sehr davor, in ein dunkles Loch zu fallen, aus dem ich allein nicht mehr herauskäme.

Nach kurzer Überlegung rief ich die Rezeption an und bestellte ein Glas Rotwein zusammen mit der Tagesempfehlung. Dafür würde ich sicherlich noch genug in meinem Geldbeutel finden.

Ich zögerte das Gespräch mit Summer hinaus, bis meine Bestellung ankam. Während ich gewartet hatte, war ich die Fotogalerie der letzten zwei Wochen durchgescrollt.

Mir war schleierhaft, wie ich so naiv hatte sein können. Es gab bloß ein einziges Selfie, auf dem ich mit Oliver zu sehen war, und er hatte nicht mal den Anstand besessen, zu lächeln oder in meine Richtung zu schauen. Sonst hatte er nie ein Problem mit Fotos gehabt. Ganz im Gegenteil, auf Instagram war er der Aktivere von uns beiden. Er postete ständig etwas und interagierte mit anderen, die seine Fotos kommentierten.

Apropos … Ich nahm einen kräftigen Schluck Rotwein. Mein Daumen schwebte über seinem Profilbild. Was würde ich finden, wenn ich sein Profil anklickte? Hatte er mich bereits ausradiert? Zum Glück hatten meine Schwestern kein Social Media, sonst hätten sie sich unter Umständen schon bei mir gemeldet, wenn Oliver tatsächlich unsere gemeinsamen Fotos gelöscht hätte.

Ich beschloss, mir das selbst jedenfalls nicht anzutun und stattdessen Summer anzurufen. Da sie gerade in London lebte und arbeitete, war es bei ihr noch eine Stunde früher als bei mir. Sie nahm den Call sofort an, und ihr sorgenvolles Gesicht erschien auf dem Display.

Strohblondes Haar, das sich bei jeder Gelegenheit kräuselte und jedem Haarband widersetzte, kleine meerblaue Augen und ein geschwungener, großer Mund, den sie am liebsten zum Lachen geöffnet hatte. Sie war die wärmste Person, die ich kannte, und hatte mir schon durch mehr Krisen geholfen, als ich zählen konnte.

Auf dem College war sie meine Tutorin gewesen, und wir hatten uns auf Anhieb verstanden. Ihr war es durch ein Stipendium möglich gewesen, an der New York University zu studieren. Auch wenn ich nie schlecht gewesen war, war sie das Genie. Deshalb war es auch keine Überraschung gewesen, als sie gleich mehrere Jobangebote aus dem Ausland erhalten hatte.

Nach reiflicher Überlegung und unzähligen Gesprächen hatte sie sich für eine Stelle am Natural History Museum in London entschieden, wo sie als Kuratorin arbeitete. Seit einem Jahr lebten wir nicht mehr in derselben Stadt, und es war gelinde gesagt ein Schock gewesen. Dazu kam der Zeitunterschied zwischen London und New York.

Bevor Oliver und ich nach Rom geflogen waren, hatten wir einen Abstecher nach London gemacht, um sie zu besuchen. Weil sie aber keinen Urlaub hatte, war unsere gemeinsame Zeit knapp gewesen. Sie hatte mir jedoch versprochen, in den kommenden zwei Monaten irgendwann nach Italien zu kommen, um mich zu sehen.

»Was ist passiert? Du siehst aus, als hätten sich die Jonas Brothers getrennt.«

Ich verdrehte die Augen. »Von uns beiden bist wohl du diejenige, die in einen Hungerstreik treten würde.«

»Möglich. Was ist es dann? Oliver?«

»Oliver«, bestätigte ich mit einem düsteren Unterton und kippte mir auch den restlichen Wein hinter die Binde. Sofort breitete sich wohltuende Wärme in meinem Körper aus. Meine verkrampften Muskeln entspannten sich, weil ich mich nicht länger an eine unsichtbare Reling klammerte. »Er kommt nicht nach Brindisi.«

»Was?«, schrie sie, und ich musste das Handy weiter wegschieben. »Sorry.«

Ich winkte ab, bevor ich mich rücklings aufs Bett fallen ließ, das Handy über mein Gesicht haltend. »Er hat wohl eine neue Bekanntschaft gemacht. Was weiß ich? Jedenfalls bin ich jetzt auf mich allein gestellt.«

»Das tut mir leid, Babe.« Ich rechnete es ihr hoch an, dass sie nicht sagte, sie hätte mich vor ihm gewarnt.

»Ach, und das Beste habe ich dir noch gar nicht erzählt: Er hat meine Kreditkarte ausgereizt. Ich bin offiziell pleite, wenn ich meine Eltern nicht anpumpen will.« Ich legte das Handy mit der Kamera auf meine Nase.

»Deine Poren wollte ich gerade nicht sehen, aber ich verstehe deine Verzweiflung. Brauchst du was? Soll ich dir einen Flug buchen?«

Ich hob das Handy wieder an und blickte in Summers schönes Gesicht, auf dem ihre Sommersprossen deutlich hervorstachen. Im Hintergrund sah ich die gelb gestrichene Wand ihres Wohnzimmers und die gemütliche Couch, auf der Oliver und ich übernachtet hatten.

Es war ein seltsames Gefühl, wenn es keine gemeinsame Zukunft mehr gab. Wenn man das letzte Mal mit seinem Partner im Bett gelegen hatte, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Und jetzt … jetzt wirkte mein Leben einerseits unvollständig und andererseits voller Möglichkeiten.

»Soll ich denn nach Hause fliegen?«

»Was hast du sonst vor?« Sie klang nicht verurteilend, als sie das fragte. »Ich meine, ich kann dir auch noch mehr Geld leihen, wenn du bei deinen Hexenschwestern nicht anrufen willst.«

Hexenschwestern. So nannte Summer meine älteren Schwestern Alba und Blanca, nachdem sie mehr als einmal mitbekommen hatte, wie herablassend sie sich mir gegenüber verhielten.

»Das ist lieb, aber … ich weiß auch nicht. Mein Kopf dröhnt. Ich glaube, ich muss erst mal heiß duschen und dann eine Nacht drüber schlafen.« Ich raffte mich vom Bett auf und steuerte meinen Koffer an, als mir das Adressschild ins Auge fiel. Dunkelbraunes Leder.

Stirnrunzelnd hielt ich inne. War ich jetzt vollkommen abgedreht und konnte mich nicht dran erinnern, dass ich ein blaues, sondern ein braunes Schild angebracht hatte, oder …

»Fuck«, rief ich aus. Ich drehte das Schild um, und es war nicht mein Name, der dort in Druckbuchstaben geschrieben stand. »Fuck, fuck, fuck.«

»Was ist los?« Alarmiert setzte sich Summer auf.

»Das ist der falsche Koffer. Fuuuuuck.« Stöhnend sackte ich zu einem Häufchen Elend auf dem Boden zusammen. »Ich bin doch zum Klischee mutiert: inkompetent, naiv und tollpatschig.«

»So schlimm ist es doch sicher nicht …« Summer war auch schon mal besser darin gewesen, mich aufzumuntern.

Ich zwang mich zu einem zittrigen Lächeln. »Das Urteil steht im besten Fall noch aus.«

2. Kapitel

Cleo

Oliver schlief sicherlich den Schlaf der Gerechten. Er nahm nicht ein einziges Mal ab, als ich am nächsten Morgen terrormäßig anrief. Er konnte doch nicht mein Kreditkartenkonto leer räumen und dann erwarten, dass ich das einfach so auf mir sitzen ließ, oder?

Mir kam natürlich der Gedanke, dass er mich geblockt hatte. Das war vermutlich das Nächstliegende aus seiner Sicht. Damit ich ihn in den Flitterwochen mit seiner neuen Flamme nicht nerven konnte.

Wie lächerlich ich war und wie wenig Selbstwertgefühl ich besessen hatte!

Mit den Fingern tippte ich nachdenklich auf das Adressschildchen des vertauschten Koffers. Dante Marinotti. Ansässig in Tursi. Ein kleines Dörfchen gar nicht weit von hier, wie eine schnelle Google-Suche ergeben hatte.

Ich hatte mich die gesamte Nacht hin- und hergewälzt und überlegt, wann und wo ich den Koffer vertauscht hatte. Entweder hatte ich direkt den falschen vom Band genommen, oder der Mann, der sich neben mich gesetzt hatte, hatte das gleiche Gepäckstück gehabt. Ich erinnerte mich nur noch an seinen scharf geschnittenen Kiefer, für den er einen Waffenschein vorweisen sollte, nicht aber daran, was ich getan hatte. Und wenn ich nach seinem Koffer gegriffen hatte, wieso hatte er das nicht zumindest bemerkt?

Das Telefonat mit Oliver hatte mich dermaßen aufgewühlt, dass in meinem Kopf gähnende Leere geherrscht hatte.

Oder ein solches Chaos, dass sich mein Desaster noch verschlimmert hatte.

Nachdem ich widerwillig in meine gestrige Kleidung geschlüpft war, weil ich nicht mit dem flauschigen Hotelbademantel rausgehen wollte, suchte ich die Rezeption auf. Ich hatte kurz darüber nachgedacht, den Koffer zu öffnen, doch abgesehen davon, dass er abgeschlossen war, wollte ich nicht in Dantes Privatsphäre eindringen. In der Hoffnung, dass er es auch nicht bei mir tun würde.

Ich zog den Koffer, der sich rückblickend leichter anfühlte als meiner, in den Lift und presste den Knopf für die Lobby. Es roch nach Desinfektionsmittel und Orange. Eine Mischung, die mich seltsamerweise an das Penthouse meiner Eltern erinnerte.

Wenn ich nur daran dachte, dass sie mich jetzt anrufen könnten, wurde mir speiübel. Wie sollte ich ihnen sagen, dass ich von einem Moment auf den anderen nichts mehr hatte? Von meinem Freund verlassen worden war, vor dem sie mich ohnehin gewarnt hatten?

Es gab keinen Zweifel daran, dass sie mir einen Rückflug buchen würden, doch nicht, ohne mir eine lautstarke Standpauke zu halten.

Ich erreichte die Rezeption, an der ein anderer Typ stand als gestern Abend – in livrierter Uniform und mit einer Reihe goldener Knöpfe an der Jacke. Er lächelte mich so breit an, dass Grübchen auf seinen glatt rasierten Wangen erschienen.

»Buongiorno, Signora, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?« Seine Stimme war angenehm warm.

»Buongiorno, ich würde gerne auschecken und meine Rechnung von gestern Abend begleichen«, sagte ich ebenfalls in Englisch. Man hörte seinen Akzent raus, aber ich konnte ihn gut verstehen.

Vorhin hatte ich noch mein übriges Bargeld gezählt. Dreihundert Euro, mehr nicht.

Nachdem ich bloß zwanzig Euro für das Abendessen und den Wein blechen musste, atmete ich erleichtert auf. Ich reichte dem Rezeptionisten einen Moment später die elektronische Türkarte, bevor ich zögerlich innehielt.

»Könnten Sie mir vielleicht weiterhelfen? Ich muss dringend nach Tursi, habe aber kein Auto, und Google Maps zeigt mir keine öffentlichen Verkehrsmittel an.« Leider hatte Dante Marinotti auf seinem Adressschildchen keine Handynummer eingetragen, sonst hätte ich ihn einfach kontaktiert und darum gebeten, dass er mir meinen Koffer brachte. Oder dass wir uns auf halber Strecke träfen.

»Tursi, sagen Sie?« Er wirkte hellauf begeistert. Mehr, als es die Situation gerechtfertigt hätte, wie ich fand. »Ah, mein Freund fährt gleich dahin. Er arbeitet hier als Weinsommelier. Ich würde meine Hand für ihn ins Feuer legen. Vertrauen Sie mir. Mit Bussen sind Sie viel zu lange unterwegs!«

»Wirklich? Und er könnte mich mitnehmen?« Es war nicht optimal, zu einem Fremden ins Auto zu steigen, aber meine Möglichkeiten waren begrenzt. Und wenn Fabrizio hier, wie es auf seinem goldenen Namensschildchen stand, für ihn bürgte …

»Ich rufe ihn an. Uno momento!« Er zog sein Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer. Das darauffolgende Gespräch war hauptsächlich auf Italienisch, und ich konnte ausreichend Sätze aufschnappen. So schlimm wie befürchtet war der Dialekt überhaupt nicht. Er sprach auf jeden Fall über mich und dass ich eine Mitfahrgelegenheit nach Tursi benötigte.

Ich sah mich abwartend in der Lobby um, ein Ohr weiterhin gespitzt.

Obwohl es noch früh am Morgen war, war es draußen bereits strahlend hell. Durch die Klimaanlage konnte ich allerdings nicht bestimmen, wie heiß es draußen war. In Rom war es in den letzten zwei Wochen nie richtig abgekühlt.

»Es geht alles klar«, sagte Fabrizio begeistert. »Mein Freund, Leano, kommt in fünf Minuten vorbei. Ich habe ihn gerade noch erwischt. Sie können sich gern dorthin setzen und warten.«

»Vielen Dank, Fabrizio. Das rettet mir den Arsch«, antwortete ich etwas salopp und lächelte entschuldigend.

Er winkte ab. »Hauptsache, Sie geben eine gute Bewertung ab.«

»Wird sofort erledigt«, versprach ich und setzte mich auf einen freien geblümten Sessel, um das direkt online zu erledigen.

 

Leano war ein lächelnder rotwangiger Mann in den Vierzigern mit üppigem Bauch und Ehering am Finger. Sein lockiges stahlgraues Haar verlieh ihm zusammen mit den einzelnen Falten das Aussehen eines gut gelaunten Onkels, der immer mit einem schlechten Witz aufwartete.

Wir verstanden uns auf Anhieb, selbst wenn meine italienische Grammatik furchtbar war. Immerhin fielen mir die meisten Worte ein.

Nachdem ich auf der Beifahrerseite seines schmalen Vans in den Sitz gesunken war, erzählte er mir, dass er tatsächlich nur bis nach Ponte Masone fahren würde. Eine Stadt vor Tursi. Von dort aus würde er mir aber jemanden vermitteln, der mich bis zu meinem Ziel brachte, versprach er mir hoch und heilig.

Während der restlichen Fahrt schmetterte er – ähnlich wie der Taxifahrer gestern – einen Song nach dem anderen. Dabei traf er erstaunlich viele Noten, was das Ganze erträglicher machte. Zwischendurch telefonierte er mit seiner Gattin, die ihn daran erinnerte, etwas zu essen. Als sie mich durch die Kamera sah, war sie ganz entzückt und winkte mir zu.

»Ich habe genug für euch beide eingepackt. Lass dir ja nichts anderes sagen von ihm.« Sie wedelte in die ungefähre Richtung, wo sie ihren Mann vermutete, der gerade nicht im Bild war.

Leano lachte rau, ehe er mir zwei Lunchboxen mit verschiedenen Fächern hinhielt. Es gab darin kalte Nudeln mit Pesto, Speck, Käse und Gurken auf kleinen Spießen, gegrillte Paprika und aufgeschnittene Feigen. Eine kleine Gabel lag ebenfalls dabei.

»Sie hat mir zwei Boxen zubereitet für eigentlich zwei Pausen«, sagte Leano. Wir hatten gerade kurze Rast eingelegt, weil ich die Toilette an der Tankstelle hatte benutzen müssen. »Buon appetito.«

»Buon appetito«, wiederholte ich und machte mich dann über das Festmahl her. Ich hatte unter meinen strapaziösen Umständen völlig ignoriert, wie hungrig ich war. Einen Kaffee hatte ich mir immerhin in dem kleinen Geschäft der Tankstelle besorgen können.

Zehn Minuten später bereute ich meine Entscheidung zu essen jedoch. Bis dahin hatte sich meine Übelkeit in Grenzen gehalten. Jetzt schlug sie mit aller Macht zu.

»Wie lange fahren wir noch ungefähr?«, presste ich hervor.

Er warf mir einen kurzen Blick zu, ehe er sich wieder auf die Straße konzentrierte. Der Verkehr war nicht nennenswert, und auf dem Asphalt befanden sich kaum Schlaglöcher. Dennoch konnten wir nicht mit hundert Sachen durch die Gegend düsen, weil die Kurven tückisch waren und wir das eine oder andere Dorf passierten.

Die Landschaft war sehr grün und bergig. Mit Weinplantagen und Mischwäldern dazwischen. Ganz anders als in Rom.

Hätte sich mir mit jeder Minute weiter nicht der Magen umgedreht, hätte ich die Aussicht genossen.

»Übelkeit?«

»Etwas«, gab ich zu.

»Ah, noch eine halbe Stunde«, versicherte er mir in gebrochenem Englisch.

Ich blickte aus dem geöffneten Fenster und betete zu Gott und dem Heiligen Geist, es mich überstehen zu lassen. Hätte ich meinen Koffer gehabt, hätte ich längst meine Reisetabletten einwerfen können.

Aber nicht mehr lange, dann wäre ich mit meinem Gepäck wieder vereint.

Ponte Masone war eine wirklich kleine Stadt mit süßen Gässchen und weißen Häuschen. Sie befand sich im Tal zwischen zwei Hügeln und breitete sich an der Hauptstraße entlang aus.

»Da oben ist Tursi. Nur zehn, fünfzehn Minuten Fahrt«, sagte Leano und zeigte mit dem Finger durch die Windschutzscheibe irgendwo nach vorne.

Ich war froh, dass sich mein Magen beruhigt hatte und es nicht mehr unangenehm vor meinen Augen flimmerte. Noch glücklicher wurde ich jedoch, als Leano den Wagen in eine Parkbucht lenkte und ich aussteigen konnte.

Meine Beine zitterten, und ich musste mich für ein paar Sekunden an der Beifahrertür abstützen. Er kümmerte sich derweil um mein Gepäck, das er aus dem Kofferraum des Vans hievte.

»Trink das.« Er reichte mir eine Wasserflasche. Die Sonne prallte vom wolkenlosen Himmel auf meinen Kopf. Dabei fühlte ich mich durch die fehlende Klimaanlage im Auto längst wie gebraten. Meine Kleidung klebte unangenehm an meiner Haut. »Ich hole meinen Freund. Er bringt dich hoch. Warte hier, bambina.«

Kind. Ich war wohl kaum ein Kind, auch wenn ich mich gerade so hilflos wie eines fühlte.

Irgendwann brachte ich genug Willenskraft auf, um mich in den Schatten eines Baumes zurückzuziehen. Ich setzte mich auf die Bordsteinkante und ignorierte die neugierigen Blicke der vorbeischlendernden Einheimischen.

Das Wasser aus der Flasche war zwar lauwarm, erfrischte mich dennoch und drängte die Übelkeit weiter zurück.

Nach ungefähr zehn Minuten, in denen ich, völlig neben mir stehend, auf meine High Heels gestarrt hatte, hörte ich ein lautes Scheppern und Brummen. Neugierig geworden sah ich auf und erblickte einen Traktor, der sich im Schneckentempo über den Asphalt kämpfte.

Jeder Meter zählte.

Neben dem jungen Fahrer saß Leano und winkte mir heftig zu, als er meinen Blick auffing.

»Heilige Scheiße«, murmelte ich. Und ich hatte gedacht, schlimmer könnte diese Reise nicht mehr werden.

Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, warum ich so unaufmerksam gewesen war, meinen Koffer zu vertauschen. Oder war es gar nicht meine Schuld gewesen?

Schlimmer noch, was, wenn Dante meinen Koffer gar nicht mitgenommen, sondern am Flughafen abgegeben hatte?

Fuck! Warum hatte ich nicht daran gedacht, erst dort vorbeizuschauen?

Ich war so was von geliefert.

Der Traktor kam direkt hinter dem Van zum Halten, und Leano sprang trotz seines Gewichts behände aus der Fahrerkabine.

»Das ist mein Freund Antonio. Er wohnt in Tursi und kann dich mitnehmen«, sagte Leano mit einem Lächeln und ausgebreiteten Armen. »Komm mit, bambina.«

»Danke, Leano, aber ich denke …«, begann ich, weil allein die Vorstellung, von dem Traktor durchgerüttelt zu werden, mich ins Schwitzen brachte.

»Es wird alles gut. Nur ein paar Minuten«, beschwichtigte er mich und reichte im selben Atemzug Antonio den Koffer. Irgendwie passte dieser in die fensterlose Kabine hinter die Sitze.

Bevor ich mich weigern konnte, war ich mit Leanos und Antonios Hilfe nach oben geklettert und fand mich auf dem aufgeheizten Ledersitz wieder. Gefühlt zehn Meter über dem Boden, was sicher nicht stimmte.

»Ciao, Leano!«, verabschiedete sich Antonio und winkte nach unten. Der Traktor setzte sich ruckelnd in Bewegung.

»Ciao! Und danke!«, beeilte ich mich zu sagen, bevor Leano mich nicht mehr hören konnte.

Ich packte mit einer Hand meinen Rucksack auf meinem Schoß, und mit der anderen klammerte ich mich an dem Sitz fest.

»Du hast dir einen guten Tag ausgesucht. Gestern hat es nur geregnet hier oben«, sagte Antonio bemüht langsam auf Italienisch und grinste breit. Kleine Fältchen bildeten sich um seine dunkelbraunen Augen. Er musste ungefähr in meinem Alter sein.

»Ich wollte gar nicht herkommen«, sagte ich ebenso langsam. Allerdings nicht aus Rücksicht, sondern weil ich mir im Kopf zuerst jedes italienische Wort zurechtlegen musste.

Stirnrunzelnd sah er mich an. Das dunkle Haar kräuselte sich an seinen Schläfen, und ein dunkler Schatten auf den Wangen deutete an, dass er sich am Morgen nicht rasiert hatte. Er trug ein kariertes Holzfällerhemd über einem grauen Achselshirt und dazu zerrissene Jeans. Wahrscheinlich waren das seine normalen Arbeitsklamotten, bei denen er sich nicht um Schmutz oder neue Löcher sorgen musste.