Wintergrün Trilogie: Band 1-3 - Kerstin Rachfahl - E-Book

Wintergrün Trilogie: Band 1-3 E-Book

Kerstin Rachfahl

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Beschreibung

WINTERGRÜN - Die komplette Trilogie Sie waren jung, talentiert und eroberten als Wintergrün die Musikwelt im Sturm – bis ein verhängnisvoller Unfall alles zerstörte. Sechs Jahre später kämpfen die drei einstigen Bandmitglieder noch immer mit den Folgen jener Nacht. Jasmin hat nach einem Drogenentzug als Landschaftsgärtnerin einen Neuanfang gewagt. Frieda verbüßte eine Haftstrafe und muss sich nun als alleinerziehende Mutter beweisen. Anina sitzt im Rollstuhl und hat sich in die Welt der klassischen Musik zurückgezogen. Drei starke Frauen, deren Wege sich wieder kreuzen. Drei Geschichten über zweite Chancen, unerwartete Liebe und den Mut, sein Leben neu zu erfinden. Doch die Schatten der Vergangenheit sind lang, und nicht alle Wunden sind verheilt. Können die einstigen besten Freundinnen die Scherben ihrer zerbrochenen Freundschaft wieder zusammenfügen? Und welche Rolle spielt Liam, der Mann, der damals unwissentlich ihr Band zerstörte? Eine bewegende Trilogie über Freundschaft, Vergebung und die heilende Kraft der Musik. Enthält die vollständigen Romane: - Band 1: Jasmins my Voice - Band 2: Friedas Geschichte - Band 3: Aninas Geschichte

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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WINTERGRÜN TRILOGIE

BUCHBOX BAND 1-3

WINTERGRÜN

KERSTIN RACHFAHL

INHALT

Jasmin my voice

Liedtext von Evelyn Wolf

1. Herzenswunsch

2. Stardust Konzert

3. Strafe folgt auf dem Fuß

4. Rechtsberatung

5. Die Grundschule

6. Ein Angebot

7. Der Hausmeister

8. Erinnerungen

9. Ein Date

10. Wiedersehen

11. Dissonanzen

12. Weiter in Dur

13. In Moll

14. Lovesong

15. Bitterer Nachgeschmack

16. Brücken bauen

17. Überraschungseinlage

18. Shitstorm

19. Abgekartetes Spiel

20. Mutprobe

Epilog

Wie geht es weiter?

Frieda my Beat

Liedtext von Evelyn Wolf

1. Nach Hause

2. Der Klassenlehrer

3. Wettkampf

4. Konfrontation

5. Wochenende

6. Unerwartet

7. Du bist frei

8. Verwirrung

9. Neptun

10. Begegnung

11. Grünes Klassenzimmer

12. Gemeinsames Essen

13. Ein Treffen

14. Entdeckung

15. Ein Foto

16. Zur Goldenen Gans

17. Freunde

18. Hauskonzert

19. Einweihungsparty

20. Wunden

21. Der Morgen danach

22. Zwei und eins ergibt vier

Epilog

Wie geht es weiter?

Anina my Music

1. Nächtliche Begegnung

2. Liam

3. Zu Hause

4. Werkstatt

5. Edith

6. Matinee

7. Gespräche

8. Eine Massage

9. Konfrontation

10. Besuch

11. Pflasterarbeiten

12. Eine Freundin

13. Wieder zu Hause

14. Eine Wohnung

15. Das Anwesen

16. Wohin?

17. Familienbande

18. Ein Anruf

19. Wiedersehen

20. Pläne

21. Geständnisse

22. Zweifel

23. Abschied

24. Neubeginn

Epilog

Nachwort

Bücher von Kerstin Rachfahl

Anmerkungen

Impressum

Deutsche Erstausgabe Februar 2024

Copyright © 2024 Kerstin Rachfahl, Hallenberg

Lektorat, Korrektorat: Martina Takacs, dualect.de

Buchcover: Florin Sayer-Gabor - 100covers4you.com

unter Verwendung von Grafiken von Adobe Stock: Rymden, chalyshevae und Artsiom P

Sensitiv Reading von Band 3 erfolgte durch J.K.

Die Liedtexte von Evelyn Wolf und mir

Kerstin Rachfahl

Heiligenhaus 21

59969 Hallenberg

E-Mail: [email protected]

Webseite: www.kerstinrachfahl.de

Alle Rechte einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

JASMIN MY VOICE

LIEBESROMAN

Für meinen Onkel Adi und Tante Renate, die mir bei meinen Fragen rund um eine Landschaftsgärtnerei hilfreich zur Seite standen.

Wie gerne hätte ich denselben grünen Daumen wie ihr.

LIEDTEXT VON EVELYN WOLF

Chorus:

Mach die Augen auf und fang an, mal wieder richtig hinzusehen. Diese Farben, Formen, kannst du so nur hier und jetzt wahrnehm’. Mach die Augen auf und leg das Handy mal beiseite. Denn echte Erinnerungen schaffst du genau hier und heute.

Vers 1:

Nimm dir jetzt mal diesen Augenblick, komme bei dir an mit einem tiefen Atemzug. Blicke dich um, was kannst du sehen? Ist diese Welt nicht einfach wunderschön?

Vers 2: Nimm dir jetzt mal diesen Augenblick, schließe deine Augen und lehn dich mal zurück. Lausche genau hin, was kannst du hören? Ganz nah, hier bei dir, und ganz weit in der Ferne?

Bridge:

Wir haben verlernt im Hier und Jetzt zu leben, sind ständig damit beschäftigt, etwas Großes anzustreben. Dabei vergessen wir manchmal, dass es nur Hier und Heute gibt, die Zukunft können wir nur erahnen, in die Vergangenheit gibt es kein Zurück.

Vers 3:

Bist du hier in diesem Augenblick? Dann spür mal in dich rein und erforsche Stück für Stück, wie dein Körper sich in dem Moment fühlt, was in dir lebendig ist und was dich bewegt.

1

HERZENSWUNSCH

Jasmin schrubbte sich die Hände mit Kernseife, bis ihre Haut von der groben Behandlung rot leuchtete. Zuletzt kam der Dreck unter ihren kurz gehaltenen Fingernägeln dran. Nach dem Abtrocknen cremte sie die Hände ein. Jeder Finger wurde sorgfältig bearbeitet. Am Ende betrachtete sie das Resultat. Trotz ihrer Mühen sah man ihren Händen die Arbeit an.

»Jasmin?«

Seufzend tappte sie auf Socken durch die Tür von der Gärtnerei ins Haus. Sie ahnte, was ihr als Nächstes bevorstand, und wappnete sich innerlich. Der dunkelblonde Haarschopf ihrer Schwester, durchsetzt mit goldenen Haarsträhnen, genau wie bei ihrem Vater, tauchte prompt vor ihr auf. Carlas Gesicht war geschminkt: dramatische Smokey Eyes und die Lippen in einem dunklen Rotton. Diva hieß der Lippenstift. Passender hätte Carla es sich nicht aussuchen können.

Jasmin schüttelte den Kopf über sich selbst. Seit wann stopfte sie sich den Kopf mit solchen lapidaren Dingen wie der Bezeichnung eines Lippenstifts voll? »Meine Antwort lautet Nein.«

»Bitte, Jasmin.« Mit weit aufgerissenen Augen sah ihre Schwester sie an und machte einen Schmollmund.

»Nein.«

»Ich hab auch gekocht. Wirsing mit Kartoffeln und Hackfleisch. Eins von Papas Lieblingsgerichten. Die Spülmaschine ist eingeräumt, und die Waschmaschine läuft. Du brauchst nichts mehr zu machen. Bitte.«

»Nein.«

»Du warst doch auch mal jung und bist ständig auf Konzerte gegangen. Ich möchte doch nur ein einziges Mal zu Stardust. Es ist ewig her, dass sie hier aufgetreten sind. Sie sind seit zwei Jahren auf Europatournee, und es heißt, dass sie eine Pause einlegen wollen. Wer weiß, ob sie zusammen bleiben. Vielleicht ist es das letzte Konzert überhaupt, das sie geben.«

»So was nennt sich Marketing. Man erzeugt bewusst eine Knappheit, damit sich die Tickets für das Konzert zu einem höheren Preis verkaufen lassen.«

»Bitte, bitte, Jasmin. Nur dieses einzige Mal.«

Sie ließ ihre Schwester stehen und ging in Richtung Küche, aus der es köstlich duftete. Wenn Carla es wollte, war sie die beste Köchin in der Familie. Jasmin lief das Wasser im Mund zusammen, und ihr knurrte der Magen.

Ihr Vater deckte gerade den Tisch und hielt den Blick nach unten gerichtet. Klar, dass er sich aus der Diskussion heraushielt. Seit ihre Mutter sie im Stich gelassen hatte, war sie diejenige, die Carla Grenzen setzte.

»Papa, bitte«, wandte sich Carla an ihren Vater. »Ich verspreche auch, dass ich mir nie wieder etwas anderes wünsche.«

Jasmin setzte sich auf ihren Platz. »Du meinst, wie bei deinem neuen Handy, dem Piercing im Ohr und dem Tattoo auf der Schulter?«

Die Augen ihrer Schwester blitzten zornig auf. »Mit welchem Recht spielst ausgerechnet du dich als Moralapostel auf? Wer von uns ist denn mit sechzehn durch die Weltgeschichte getourt, hat Drogen genommen, Alkohol getrunken und rumgehurt?«

»Carla«, mahnte ihr Vater.

»Ein Konzert. Nur ein Konzert, und ihr macht einen Affenaufstand, als würde die Welt untergehen. Ich hasse euch beide! Ich hasse euch! Ich hasse euch!«

Ihre Unterlippe fing an zu zittern, Tränen stiegen ihr in die Augen, kullerten die Wange hinunter und zogen Spuren durchs Make-up. Bevor einer von ihnen etwas erwidern konnte, drehte Carla sich auf dem Absatz um, rannte aus der Küche und knallte die Tür hinter sich zu.

Noch während sie die Treppe hochstampfte, hörte man sie bis in die Küche schreien: »Gott, bin ich froh, dass ich bald achtzehn werde! Dann packe ich meine Koffer, so wie Mama, und ihr seht mich nie wieder!«

Jasmin häufte sich Wirsingeintopf auf den Teller und schob sich die erste Portion mit der Gabel in den Mund. »Mhm, lecker. Da hat sie sich mal wieder selbst übertroffen.« Hungrig, wie sie war, schlang sie das Essen hinunter und mied den Blick ihres Vaters, der sein Besteck hin und her schob.

Er hielt inne.

»Nein.«

»Wenn du nicht gehst, gehe ich mit ihr.«

»Verdammt, Papa, wann lernst du es endlich? Das ist doch alles nur eine Show, was Carla da abzieht, und du fällst darauf rein. Die beruhigt sich schon wieder. Spätestens wenn sie Geld von dir will, weil ihr Kleideretat mal wieder nicht ausreicht. Denkst du, ich merke es nicht, wenn du ihr einen Schein aus der Haushaltskasse zusteckst?«

»Mama und ich waren nie so streng mit dir.«

»Ja, das stimmt …« Den Rest des Satzes verkniff sie sich, weil sie wusste, dass es ihm gegenüber nicht fair wäre. »Du verwöhnst Carla schon genug. In sieben Monaten kann sie machen, was sie will. Dann kann sie immer noch auf ein Konzert gehen.«

»Aber nicht auf eins von dieser Band – wie heißt sie noch gleich?«

»Stardust.«

»Sie schwärmt für den Sänger. Du weißt, wie das ist.«

»Ja, und genau deshalb sollten wir es dabei belassen.«

»Es gehen Gerüchte um, dass er aussteigt.«

Sie hatte sich den Teller zum zweiten Mal vollgeladen und hielt mit der Gabel vor ihrem Mund inne. »Woher willst du das wissen?«

Auf den Wangen ihres Vaters zeichnete sich eine feine Röte ab. »Ich habe es im Internet recherchiert.«

»Du hast im Internet nach Stardust und Liam Dust gesucht?«

»Geht ganz leicht. Computer einschalten, Webbrowser öffnen und Suchwort eingeben. Soll ich es dir zeigen?«

Jasmin verdrehte die Augen. »Haha. Wieso interessierst du dich für die Band?«

»Carla ist ein Fan, und es ist mir wichtig, dass ich mit meinen Töchtern im Gespräch bleibe.«

»Ach, Papa.« Stöhnend legte Jasmin das Gesicht in ihre Hände.

»Mach dir keine Gedanken. Wie gesagt, ich gehe mit ihr hin. Ich wollte es vorhin schon anbieten, aber wenn ihr zwei erst mal in Fahrt kommt …«

»Ich bin ganz ruhig geblieben und habe nur Nein gesagt. Mehr nicht. Sie hat rumgeheult und ist hoch in ihr Zimmer gerannt.«

»Du hättest es erklären können, anstatt sie so kurz abzufertigen. Sie hat nicht nur gekocht, sondern auch die Wäsche gemacht.«

»Wenn ich arbeite, koche und den Haushalt schmeiße, sagt niemand was.«

»Du weißt, wie dankbar ich dir bin.« Er legte eine Hand auf ihre, drückte sie. »Ohne dich hätte ich das alles niemals geschafft.«

Sie drehte ihre Handfläche zu seiner und verschränkte ihre Finger miteinander.

»Ist dir klar, was für ein Lärm das ist, wenn vierzigtausend Mädchen kreischen und in Ohnmacht fallen?«

Er zog die Nase kraus.

»Ganz zu schweigen von all den BHs, die auf die Bühne geworfen werden, und den Mädchen, die umkippen, weil sie seit Stunden ganz vorn ausharren, und von der Security rausgezogen werden müssen?«

»Die Fans bringen Unterwäsche zum Werfen mit?«

»Nein. Sie ziehen sie beim Konzert aus.«

Ihr Vater versuchte, seine Hand unter ihrer herausziehen, doch sie hielt sie fest.

»Das erzählst du mir nur, damit ich es mir anders überlege.«

Sie legte den Kopf schief. »Funktioniert es?«

»Ich werde der Älteste dort sein.«

»Mit Sicherheit.«

»Wie lange dauert so ein Konzert?«

»Mit der Vorband drei Stunden oder vier.«

»Das geht ja noch.«

»Vergiss nicht das Anstehen vor dem Einlass.«

»Puh.«

»Du solltest auch daran denken, dir Ohrstöpsel zu besorgen.«

Diesmal sah sie ihm direkt in die Augen und las die Frage darin – die Bitte. Sie liebte ihn mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt. Sie löste ihren Griff und zog ihre Hand unter seiner heraus, ergriff die Gabel und nahm eine Portion Wirsing darauf. »So schlimm wirds schon nicht werden. Nun iss. Carla hat sich diesmal selbst übertroffen.«

Jasmin lag im Bett. Obwohl sie von der körperlichen Arbeit ausgelaugt war, schaffte sie es nicht, einzuschlafen. Beständig ging ihr die Szene vom Abendessen durch den Kopf. Sie hörte die schlurfenden Schritte ihres Vaters auf dem Flur, sein leises Klopfen an Carlas Tür. Seine Stimme, als er um Einlass in das Zimmer ihrer Schwester bat. Sie erinnerte sich gut an die Tage, als er an ihre Tür geklopft hatte, um die Wogen zwischen ihr und ihrer Mama zu glätten. Sie seufzte. Er war einfach viel zu gut für diese Welt. Geduldig klopfte er noch einmal, wiederholte seine Bitte, bis sich ihre Schwester schließlich dazu herabließ, ihn reinzulassen. Sie lauschte, wartete auf den Aufschrei der Freude. Es blieb still. Verdammt, Carla, sei nicht so eine verfluchte Zicke. Freu dich, dass er mit dir zum Konzert geht. Kapierst du nicht, was für eine Tortur das für ihn wird?

Die Selbstgespräche tönten so laut in ihrem Kopf, dass sie das leise Klopfen erst überhörte.

»Darf ich reinkommen?«

Jasmin schaltete ihre Nachttischlampe an. »Ja, klar.«

Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet. Er zögerte, bevor er ihr Zimmer betrat, betrachtete ihren Schreibtisch, den Stuhl, die kahle Wand, an der kein einziges Poster mehr klebte. Stattdessen stand dort ein Lesesessel aus einem Billigmöbelhaus, den sie nur selten benutzte.

Sie rückte ein Stück zur Seite und klopfte auf ihre Bettkante.

Er lächelte, setzte sich ganz an den Rand. »Es ist lange her, dass ich in deinem Zimmer war.«

»Sieben Jahre, fünf Monate und dreiundzwanzig Tage.«

»Du hattest die Jalousien am Fenster runtergelassen, dich völlig in deinem Bettzeug vergraben und wolltest nie wieder daraus hervorkommen.«

»Du hast gesagt, dass ich mich nicht ewig vor dem Leben verstecken kann.«

»Frau Schneider ist begeistert von ihrem Garten. Das war kein einfaches Projekt.«

»Eigentlich nicht. Ich musste halt nur herausfinden, was sie wirklich mit ihrem Garten anfangen will.«

»Ich lobe dich viel zu selten.«

»Du bist der beste Vater auf der Welt.«

Ein kurzes Lachen. Er streckte die Hand aus und strich ihr über den Kopf. »Ich bin froh, dass du bei mir geblieben bist.«

»Du hast uns ein Zuhause gegeben, das werde ich nie vergessen.«

»Du bist meine Tochter.«

»Wieso hat Carla sich nicht gefreut?«

»Ich dachte mir schon, dass du nicht schläfst.« Er zog seine Hand weg und verschränkte die Hände in seinem Schoß. »Nun, sie hat sich natürlich gefreut, dass sie zu dem Konzert darf. Nur dass ich sie begleite …«

Sie schwieg, wartete, dass er seinen Satz beendete.

»Ist nicht so doll, mit seinem achtundfünfzigjährigen Vater auf ein Konzert von Stardust zu gehen.«

»Papa …«

»Ich weiß. Ich denke, ich war einfach nur ein wenig enttäuscht, aber ich kann es verstehen.«

Er beugte sich vor, gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Schlaf. Der Tag morgen wird anstrengend. Das Gelände ist steinig. Henrik braucht den kleinen Bagger morgen bei der anderen Baustelle, und Karl sagt, er wird frühestens nachmittags bei deiner sein.«

»Kein Problem. Ich kann mit den Vorbereitungen für die Beete anfangen.«

Sie schaltete das Licht aus, nachdem sich die Schlafzimmertür hinter ihrem Vater geschlossen hatte, rollte sich auf die andere Seite zur Wand und legte die gefalteten Hände unter ihren Kopf. Sie hörte seine schlurfenden Schritte ins Bad, das fließende Wasser, als er sich die Zähne putze, zuletzt, wie er über den Flur zurück ins Schlafzimmer schlappte. Im Haus wurde es still. Carla würde morgen in der ersten Stunde eine Deutschklausur schreiben. Ihre kleine Schwester war viel schlauer als sie, ein echtes kleines Genie, vor allem, was die Gesellschaftswissenschaften anbelangte. Nächstes Jahr im Sommer würde sie das Abitur machen. Im Januar davor stand ihr achtzehnter Geburtstag an. Sie erinnerte sich genau an den Tag, als sie sich zu der elfjährigen Carla ins Bett gelegt, sie in den Arm genommen und getröstet hatte.

Drei Wochen später sprach Carla noch immer kein Wort mit ihr. Das war ein Rekord. Anfangs hatte sich Jasmin darüber amüsiert, aber langsam wurde es ihr zu viel. An dem blassen Gesicht ihres Vaters erkannte sie, wie sehr ihm der Streit zwischen ihnen zu schaffen machte. Carla kochte weiterhin für alle, nahm ihr Essen jedoch mit hinauf in ihr Zimmer, weil sie angeblich lernen musste. Jeder Versuch von Jasmins Seite, mit einem Scherz, einer Blume oder etwas Süßem die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, war von ihr abgeblockt worden. Es reichte. Jetzt war Schluss damit. Ohne anzuklopfen, riss sie die Tür zu Carlas Zimmer auf, aber statt wütend aufzuspringen, blieb ihre Schwester auf dem Bett liegen. Das Tablet vor sich aufgestellt schaute sie sich ein Musikvideo an. Sie drehte den Kopf aufreizend langsam zu ihr und zog die Ohrstöpsel heraus. Leise erklang der Nummer-eins-Hit von Stardust, bis Carla auf den Bildschirm tippte und der Song erstarb. Sie richtete sich vollends in eine sitzende Position auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Augen waren rot gerändert und ihre Wangen glänzten feucht.

Jasmin vergaß, weshalb sie ins Zimmer ihrer kleinen Schwester gekommen war. Stattdessen keimte Sorge in ihr auf. Egal wie sehr sie sich stritten, niemand durfte Carla etwas antun. Dann wurde sie zu einer Löwin, die ihr Junges verteidigte.

»Was ist passiert?«

Sie setzte sich zu ihrer Schwester aufs Bett und wollte ihr den Arm um die Schultern legen. Carla rückte jedoch sofort von ihr ab. Der Stich in ihr Herz nahm Jasmin für einen Moment die Luft.

»Okay«, sagte sie dann, »du hast gewonnen. Ich gehe mit dir in das Konzert.«

Carlas Unterlippe fing an zu zittern. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie schlug die Hände vors Gesicht und fing an, bitterlich zu weinen. Das Schluchzen klang nach purer Verzweiflung. Jasmin starrte sie verständnislos an. Was hatte sie jetzt falsch gemacht? Sie wagte einen zweiten Anlauf.

»Darf ich dich in den Arm nehmen?«

Statt ihr zu antworten, warf sich Carla in ihre Arme, und nur im letzten Moment konnte Jasmin verhindern, dass sie beide rückwärts aus dem Bett flogen. Sie streichelte ihrer Schwester den Rücken, während diese ihren Oberkörper fest umschlang und ihr Schlafshirt mit ihrem Tränenfluss durchweichte. Es dauerte, bis sich Carla einigermaßen gefangen hatte, und noch länger, bis sie sie endlich losließ.

Jasmin sah sich suchend um, bis sie die Papiertaschentücherbox fand. Sie stand auf, zupfte ein paar Taschentücher heraus und füllte von dem Wasserkrug auf dem Schreibtisch ein Glas voll. Beides brachte sie Carla ans Bett und reichte es ihr.

Carla schnäuzte sich die Nase und trank in großen Zügen das Glas leer.

»Ich sehe schrecklich aus.«

»Wie ein aufgequollenes Monster.«

Indem sie halbherzig die Mundwinkel verzog, warf Carla ihr eines der gebrauchten Taschentücher an die Schulter.

»Dein Schlafshirt kannst du in die Wäsche packen.«

»Egal. Das waren keine Freudentränen.«

»Weil dein Angebot zu spät kommt. Es ist vorbei. Liam …«

Erneut begannen die Tränen zu fließen. Statt weiterzureden, drehte Carla ihr Tablet zu Jasmin um. Über das Touchpad ließ sie die Videoaufnahme, die jemand auf einem Social-Media-Kanal gepostet hatte, zurück zum Anfang springen.

Die Bühne versank in Dunkelheit. Leuchtstäbe wurden mit dem Intro des Songs im Takt geschwungen. Ein Frösteln lief über Jasmins Körper und ließ sie erschauern, während sie der Melodie und den Akkorden lauschte. Die weiblichen Fans kreischten, doch kaum, dass die Stimme des Sängers erklang, als er den ersten Vers sang, verstummten sie. Ein Kameraschwenk in die vorderen Reihen des Publikums. Langsam bewegte sich Liam beim Singen von der Hauptbühne über eine Brücke auf den vorderen Steg. Eine Nahaufnahme von seinem Gesicht, dann auf seine Hand, als er mit dem Zeigefinger eine lockende Bewegung ausführte. Die Kamera schwenkte dem Hinweis folgend zu zwei Security-Leuten, die eine junge Frau auf die Bühne hoben. Eine Nahaufnahme von ihr: rundes Gesicht, braune Augen, lange blonde Mähne, üppig geschminkt und die vollen Lippen in einem apricotfarbenen Ton in Szene gesetzt. Bildhübsch. Ungläubig sah sich die junge Frau auf der Bühne um, bis ihr Blick auf Liam fiel, der mit ausgestreckten Armen auf sie zukam. Ihre Hände fanden sich und er zog sie in seine Arme. Die Menge fing an zu kreischen, wiegte sich rhythmisch im Takt der Musik, während er den Refrain des Lovesongs sang. Schweiß strömte. Unwillkürlich rümpfte Jasmin die Nase. Dann löste sich Liam auf dem Video von der jungen Frau, und sie küsste ihn. Er erwiderte den Kuss – ohne Zunge, immerhin. Der Lärmpegel im Publikum erreichte einen Höhepunkt. Das Lied endete. Liam schob die Frau aus seinen Armen, und zwei Security-Beamte, die wie aus dem Nichts bei der jungen Frau auftauchten, begleiteten diese von der Bühne, die komplett abgedunkelt wurde. Ein Schlagzeug-Intro folgte, und die Bassgitarre läutete einen schnelleren Song ein. Der Clip endete damit, dass die Scheinwerfer zurück auf die Hauptbühne gerichtet wurden. Hunderttausende von Likes, Tausende von Kommentaren.

Carla zog die Beine an und legte das Kinn auf die Knie. Keine Träne floss mehr. Sie hatte sich sprichwörtlich ausgeheult.

»Sie hat ihn geküsst«, stellte Jasmin mit einem vorsichtigen Blick auf Carla fest.

»Sie hat sich ihm an den Hals geworfen.«

»Er kennt nicht einmal ihren Namen.«

Carla ging auf die Knie, scrollte durch ihren Social-Media-Account zu einem Post von Liam.

»Da.«

Jasmin betrachtete das Foto. Es war ein gelungener Schnappschuss, auf dem er mit der Frau auf der Bühne tanzte. Darauf stand in verschnörkelter Schrift: »So sweet. My Guardian Angel.«

»Okaaay?«

»Verstehst du es nicht? Guardian Angel, das ist der Titel von dem Lied, das er gesungen hat. Sie ist seine große Liebe. Es ist zu spät. Du hast gewonnen.«

»Carla, glaubst du allen Ernstes, dass Liam selbst seinen Social-Media-Kanal bedient?«

»Ja, natürlich macht er das. Er schickt Fotos von Backstage, wie sie sich vorbereiten. Wie er sich in der Umkleide einsingt. Videos vom Tourbus mit der schlafenden Crew. Wie die Fans sein Hotel belagern. Klar hat er das selbst geschrieben. Du und Papa, ihr denkt, sobald jemand berühmt ist und auf einer Bühne steht, kümmert er sich nicht mehr um seine Fans. Aber so ist Liam nicht. Er sieht uns. Er hat sie in der Menge entdeckt, auf die Bühne geholt, und jetzt ist er vergeben, und ich habe meine große Chance verpasst.«

»Also möchtest du nicht mehr zum Konzert?«

»Nein. Wozu noch? So was passiert nur einmal im Leben.«

Jasmin küsste Carla auf die Stirn. »Ach, mein Mäuschen. Es tut mir echt leid. Ich wäre gerne mit dir gegangen. Du hast recht damit, dass ich in deinem Alter viel mehr durfte als du. Ich bin nur so streng mit dir, weil du so unglaublich klug und sensibel bist. Ich möchte einfach nicht, dass dir jemand wehtut.«

»Das sagst du jetzt nur, weil ich nicht mehr zum Konzert möchte.«

»Ich liebe dich, und ich wäre mit dir hingegangen. Nicht weil ich scharf darauf gewesen wäre, sondern aus Mitleid mit Papa. Bei all den Mädchen, die rumkreischen und heulen – den armen Kerl würde es völlig fertigmachen.«

Carla ließ sich mit einem Stöhnen zurück auf ihr Bett fallen.

»Die Klausur morgen wird eine Katastrophe.«

»Ach Quatsch, das schaffst du mit Links.«

Jasmin erhob sich, froh, dass die Mauer des Schweigens zwischen ihnen gebrochen war.

2

STARDUST KONZERT

Dieses Gedränge und Geschubse! Jasmin hatte kein Problem mit Menschenansammlungen, aber diese dicht gepackte Menge im Stadion? Carla war viel zu aufgedreht, um etwas davon zu bemerken. Rücksichtslos schob sie sich in jede Lücke, die sich vor ihnen auftat. Immerhin kreischte sie nicht herum wie ein Großteil der anwesenden Fans. Jasmin kontrollierte, ob sich ihre Ohrstöpsel auch wirklich noch im Ohr befanden. Warum hatte sie sich auch nur breitschlagen lassen, auf das Konzert zu gehen? Gleichzeitig spürte sie die Erregung, das Adrenalin, das durch ihre Adern gepumpt wurde. Aus den Lautsprechern dröhnte Musik, ein Mischmasch von Stardust und der Vorband. Auf den Leinwänden liefen abwechselnd Musikvideos und Bilder von der Bühne mit ihrem ovalen Aufbau und dem Steg, der wie eine Brücke gebaut war und in einer vorgelagerten kleineren Bühne endete, ganz wie in dem Videoclip, den ihr Carla ein paar Abende zuvor gezeigt hatte. Die Lautsprecher waren im gesamten Stadion verteilt. Die Menschenmasse erzeugte zusammen mit den Scheinwerfern eine solche Hitze, dass Jasmin die Jacke auszog und um die Taille band.

Carla war nicht davon zu überzeugen gewesen, eine Jacke anzuziehen. Ihr bauchfreies schwarzes Top mit zwei gekreuzten Bändern betonte ihre schmale Taille. Die Tuchhose – oben eng, unten im Marlene-Dietrich-Stil weit, passte super dazu. Tatsächlich war sie so schlau gewesen, Turnschuhe anzuziehen. Sie sah zum Anbeißen aus. Das Rotkehlchen-Tattoo auf ihrer rechten Schulter leuchtete in dem gedimmten Licht. An ihren Ohren hingen goldene Loops, während in den vier Piercings, die sich an ihrem linken Ohrrand aneinanderreihten, kleine Diamanten in goldener Fassung blitzten – ein Geschenk von Jasmin zu Carlas siebzehntem Geburtstag. Sie hatte ihren Kussmund in demselben Apricotton in Szene gesetzt wie die Frau im Clip.

Neben ihrer kleinen Schwester kam sich Jasmin in ihrem weiten weißen, mit gelbem Löwenzahn geblümten T-Shirt, der Jeanslatzhose und ihrer Jeansjacke underdressed vor. Die Haare hatte sie oben auf dem Kopf zu einem hochsitzenden losen Bunny zusammengebunden. Kurz blickte sie auf das geknüpfte braun-grün-rote Band mit der metallenen Plakette an ihrem Handgelenk. Ein flüchtiges Lächeln glitt über ihr Gesicht und sie umfasste das Band mit der anderen Hand.

Carla drehte sich zu ihr um, packte ihre Hand und zog daran. »Los, komm, wir müssen uns nach vorne durchkämpfen.«

»Das hat keinen Sinn«, brüllte Jasmin gegen den Lärm an. »Du siehst doch, wie rappelvoll es ist. Lass uns in Richtung der kleinen Plattform gehen, wo die Brücke endet. Da ist auch eine Leinwand und du kannst alles super sehen.«

»Bist du bescheuert? Da geht er nur für zwei Songs hin, und das wars. Nein, ich will zu Hauptbühne.«

Jasmin verdrehte die Augen, ließ sich aber von Carla mitzerren. Wieso hatte Liam auch überall in den Social-Media-Plattformen klarstellen müssen, dass er weiterhin Single war? Zugegeben, er hatte es auf eine charmante Weise getan, ohne dieser – wie sie auch immer hieß – vor den Kopf zu stoßen. Sein PR-Manager oder seine Managerin war hervorragend. Carla war total ausgerastet, und natürlich konnte sie ihr Angebot nicht mehr zurückziehen, dass sie statt Papa mitkommen würde. Der hatte sie heute umarmt, ihr ein »Danke, mein Spatz« ins Ohr geflüstert und ihr das Versprechen abgenommen, dass sie gut auf Carla aufpassen würde, damit sie keinen Blödsinn anstellte. Na toll, das war genauso, als würde man einer Katze erklären, sie dürfe keine Maus fangen.

Ein Ellenbogen traf sie unsanft auf dem Nasenrücken. »Hey!«, schrie sie wütend, doch der Delinquent war bereits nach vorn verschwunden.

Der Adrenalinpegel in der Menschenmenge stieg an. Das Gekreische nahm zu. Am Rand zogen Sanitäter zwei Jugendliche aus der Menge und flößten ihnen etwas zu trinken ein. Jasmin spürte, wie warmes Blut über ihre Oberlippe floss. Scheiße, das hatte noch gefehlt! Sie blieb stehen, kramte mit der freien Hand in ihren weiten Hosentaschen nach einem Papiertaschentuch, das es dort nicht gab. Sie legte den Kopf in den Nacken, zerrte ihr T-Shirt ein Stück heraus, zog es nach oben und presste sich die Ecke vom Saum unter die Nase. Der Zug an ihrem Arm, wo ihre und Carlas Hand verschränkt waren, wurde schmerzhaft.

»Scheiße, scheiße, scheiße!«

Jasmin schaffte es nicht, ihren lang ausgestreckten Arm wieder anzuwinkeln, um ihre Schwester zurückzuziehen. Sie spürte, wie ihr deren Hand entglitt. Carla, die sich, von anderen eingezwängt, nach ihr umdrehte, wurde weiter nach vorn geschoben und ihre Augen weiteten sich. Jasmin winkte ab und deutete zum Rand, wo sich die Sanitäter aufhielten. Jedes Wort wäre ohnehin in dem Lärm untergegangen. Die ersten Akkorde der Bassgitarre von der Vorgruppe erklangen, und das Stadion verwandelte sich in einen Hexenkessel. Jasmin ließ es zu, dass sie von der Menge weiter nach hinten gedrängt wurde, wo sie endlich wieder mehr Luft bekam. Stück für Stück kämpfte sie sich zum Rand vor. Ein Mann bemerkte sie, hob die Hand und winkte den Sanitätern zu. Da er sie um einen halben Kopf überragte, war es für ihn ein Leichtes, deren Aufmerksamkeit zu erlangen. Ein neues Lied wurde gespielt. Die Menge drängte nach vorn, und da Jasmin nur einen Arm einsetzen konnte, driftete sie wieder ab. Ihr Helfer erkannte die Situation, setzte rücksichtslos seine Ellenbogen ein, um zu ihr zu gelangen, packte sie am Oberarm, schob sie hinter sich und blockte sie so vor den anderen ab. Ein Fels in der Brandung. Jasmin war schweißgebadet.

»Das nenne ich Muckis«, sagte ihr Retter und grinste. Er hielt immer noch ihren Oberarm fest, und sie spannte unbewusst die Muskeln an. »Bodybuilding?«

»Gärtnerin«, brachte sie gedämpft durch das T-Shirt hervor. Sie zog die Ohrstöpsel raus, da der Lärm hier am Rand für die Ohren erträglich war.

»Ah, daher der Löwenzahn.«

Sie starrte ihn an, verblüfft, dass ihm die Pflanzen auf ihrem T-Shirt aufgefallen waren. Bevor sie etwas erwidern konnte, schob der Mann sie zu dem Sanitäter, der neben ihm auftauchte. Dieser nahm sie noch ein Stück weiter zu seinem Kollegen mit.

»Ist Ihnen schwindelig oder schlecht?«

»Nein. Alles okay. Das Nasenbluten kommt nicht vom Kreislauf, und getrunken habe ich auch genug. Meine Nase blutet, weil ich einen Ellenbogen abgekommen habe.«

Er grinste. »Da sind Sie nicht die Einzige.«

Die erste Strophe eines Songs ertönte. Das Gekreische verebbte. Der Stresspegel sank. Sie hörte, wie ein Teil der Menge den Refrain mitsang.

Sie nahm eine Kühlkompresse entgegen und drückte sie sich auf den Nasenrücken.

»Wenn Sie das T-Shirt wegnehmen …«

»Klar.«

Der Sanitäter schob ihr zwei Wattetampons in die Nasenlöcher. Sie öffnete den Mund, um weiter zu atmen. Alles roch und schmeckte nach Blut. Ekelhaft. Übelkeit stieg in ihr auf.

»Besser?« Ein alarmierter Blick. »Ist ihnen schlecht?«

»Nein«, log Jasmin. Sie wusste, dass sie womöglich komplett aus dem Konzert fliegen würde, wenn sie jetzt Schwäche zeigte. Um sich abzulenken, fing sie an, durch die leicht geöffneten Lippen ein Lied zu summen, das erstbeste, das ihr durch den Kopf ging. Langsam ebbte die Übelkeit ab, was auch daran lag, dass das Blut nicht mehr ihre Kehle hinunterlief, sondern in die Tampons in der Nase.

»Kann ich mir mal den Nasenrücken anschauen?«

»Nichts gebrochen, war nur der Schlag.«

Er hob eine Augenbraue. »Sind Sie Profiboxer?«

»Nein. Wieso?«

»Weil Sie sehr durchtrainiert wirken und sich mit gebrochenen Nasenrücken auskennen.«

»Alles von meiner Arbeit. Ich glaube, es geht wieder.«

Sie zog einen der Tampons aus der Nase, und tatsächlich kam kein Blut mehr. Mit einem Wattestäbchen schmierte der Sanitäter ihr eine Salbe auf die Nasenschleimhaut, zog den zweiten Tampon heraus und wiederholte die Prozedur im anderen Nasenloch. Jasmin drehte die Kühlkompresse um.

»Möchten Sie noch eine?«

»Nein. Ich denke, es ist wieder okay.«

»Das Lied, das Sie vorhin gesummt haben … Sind sie Sängerin?«

Sie stieß ein halbherziges Lachen aus. »Quatsch. Wie kommen Sie darauf?«

»Ich hab ’ne Freundin, die singt, und die sagt, dass Summen echt schwer ist. Bei Ihnen hört es sich voll professionell an, und irgendwie kam es mir auch bekannt vor.«

»Danke.« Sie reichte ihm die Kühlkompresse zurück, obwohl sie gern noch den letzten Rest Kälte herausgezogen hätte. Er öffnete den Mund, doch da wurde bereits die nächste Patientin von einer heulenden Freundin herangeführt.

Jasmin verschaffte sich einen Überblick von der Situation. Hier im hinteren Bereich war das Gedränge erträglich. Vorn, vor der Bühne, besonders im Zentrum, quetschten sich Menschen dicht an dicht. Noch spielte die Vorband. Die Situation würde sich verschärfen, sobald Stardust die Bühne übernahm. Die Menge bei der Nebenbühne stand weniger dicht gedrängt zusammen. Das Geschehen auf der Hauptbühne wurde auf eine große Leinwand übertragen. Davor war ein winziger Leerraum. Jasmin kannte das von ihren früheren Konzerten und hatte mit Carla im Vorfeld vereinbart, dass sie sich entweder dort oder ganz hinten treffen würden, sollten sie sich verlieren. Aber sie kannte ihre Schwester. Niemals würde sie ihren Platz vorn aufgeben, sofern sie es dorthin geschafft hatte, um sich mit ihr an der Nebenbühne oder hinten zu treffen. Jasmin blickte über die Köpfe der Menge hinweg auf die Leinwand, wo man verfolgen konnte, wie die Kamera immer wieder auch ins Publikum schwenkte. Die Menschen wurden vom passend zur Musik arrangierten Lichtspiel rhythmisch in verschiedenen Farben erleuchtet. Die Sequenzen waren viel zu kurz. Keine Chance, Carla da zu finden.

Langsam bahnte sie sich einen Weg zur Nebenbühne, ein mühseliges Unterfangen, das sie mit Beharrlichkeit und Rücksichtslosigkeit verfolgte, bis sie endlich nur noch fünf Meter davon entfernt stand. Die Security-Mannschaft behielt die Menschenmenge wachsam im Auge. Ein Scheißjob, ging es Jasmin durch den Kopf. Doch dann erinnerte sie sich an ein Gespräch mit einem Security-Mann vor ziemlich genau sechs Jahren, einem Soziologiestudenten und Kraftsportler, der gern bei Veranstaltungen für die Sicherheitsfirma arbeitete. Erstens erhielt er exzellentes Anschauungsmaterial für sein Studium und zweitens kam er kostenlos in den Genuss von Konzerten, und zwar in der ersten Reihe.

Sie runzelte die Stirn, als einer der Security-Männer am Absperrband ihr zuwinkte. Galt das ihr? Sie drehte sich um, aber die Blicke der Frauen hinter ihr waren auf die Leinwand gerichtet.

Gekreische. Frenetischer Applaus. Sie duckte sich vor dem Geräuschpegel, ohne in der Lage zu sein, ihm zu entfliehen. Gott, wie hatte sie es geliebt. Ein schriller Pfiff. Nicht nur sie riss den Kopf zu dem Geräusch herum. Der Security-Mann legte die Hände zum Trichter an seinen Mund.

»Jasmin!«

Erneut schaute sie nach rechts und links. Meinte er wirklich sie? Sie stieß ihren Zeigefinger gegen ihre Brust. Ein wildes Nicken, und wieder winkte er sie zu sich. In ihrer Verwirrung zögerte sie, sich weiter nach vorn durchzudrängeln. Dann wurde ihr die Entscheidung von den beiden Frauen rechts und links von ihr abgenommen, die sie energisch nach vorn schoben. Die Leute weiter vorn bemerkten die Gestik des Security-Mannes und drehten sich zu ihr um. Die einen lächelten selig, während andere anfingen, hemmungslos zu schluchzen. Eine schmale Gasse wurde gebildet, durch die sie sich nach vorn quetschte, diesmal aus eigenem Antrieb. Ehe sie sichs versah, stand sie vorn vor dem Security-Mann, der ihr zusammen mit seinem Partner half, die Barriere zu überwinden. Sie sah den Typen an, der ihren Namen gerufen hatte, und versuchte, sein Gesicht einzuordnen.

»Letztes Jahr?«, sagte er. »Ferienjob bei euch? Deine Schwester Carla hat ihn mir organisiert.«

»Leonhard.« Sie grinste. »Hey, was machst du hier?«

»Ist das nicht offensichtlich?«

»Zusätzliches Geld verdienen für deine geplante Weltreise nach dem Abi?«

»Das wohl nicht mehr, aber fürs Baby. Meine Freundin ist schwanger.« Er grinste ein Stück breiter.

»Wow.« Sie riss die Augen auf. »Du wirst Vater?«

Hinter ihr entstand Bewegung. Sofort wandte er seine Aufmerksamkeit von ihr weg auf die Menge.

»Achtung, es geht los«, warnte sein Kollege neben ihm, kurz bevor das Stadion explodierte.

Ein wildes Lichtspektakel. Die Menge brach in ekstatisches Gekreische aus. Jasmins Plus stieg schlagartig an. Das Adrenalin pumpte durch ihre Adern. Am liebsten wäre sie auf die Bühne gesprungen. Sie unterdrückte den Impuls und half den Security-Leuten, dem zunehmenden Druck auf die Absperrung entgegenzuwirken. Als die ersten Töne einer Bassgitarre erklangen, sank der Lärmpegel spürbar. Jasmin blickte unwillkürlich zur Leinwand, die sich rechts von ihr befand. Die Lichter gingen aus. Spannungsgeladene Stille, untermalt von der Musik. Ein Spot ging an und beleuchtete den Mikrofonständer, der mittig auf der Bühne stand, und dann – wie aus dem Nichts – tauchte Liam an der Stelle auf und umfasste mit beiden Händen das Mikrofon.

»Hallo, Heimatstadt, seid ihr bereit für das ultimative Event des Jahres?«

Es gab kein Halten mehr. Die Menge schrie sich die Stimme aus dem Leib. Jasmin hielt sich die Ohren zu. Mist, sie hatte vergessen, die verfluchten Ohrstöpsel wieder hineinzustecken.

Liam lachte, hob den rechten Zeigefinger und legte ihn an seine Lippen. Die Geste reichte aus, dass es im Stadion wieder leiser wurde.

»Uhu … mhm. Uhu … mhm« Er schloss die Augen, während er das Intro des Liedes summte.

Einzelne Stimmen wurden laut: »Ich liebe dich!« – »Ich will ein Kind von dir!« – »Heirate mich!« – »Just fuck me!« Erste BHs und Stringtangas flogen auf die Bühne. Daneben landeten Blumensträuße und ein einsamer Teddybär.

Der Rhythmus des Songs gewann an Fahrt. Ein Schlagzeugsolo setzte ein. Das Keyboard spielte die Melodie, und gemeinsam mit der Gitarre setzte Liam ein und begann zu singen. Der rasche Sound fing perfekt die Stimmung des Publikums auf. Der Druck auf die Absperrung ließ nach. Die Aufmerksamkeit der Menge richtete sich auf die Hauptbühne und die Leinwände, die überall verteilt standen.

Leonhards Partner deutete auf Jasmin. »Dir ist hoffentlich klar, dass du damit deinen Job bei der Security los bist. Niemand außer uns hat etwas hinter der Absperrung zu suchen.«

»Nur wenn du mich verrätst, und außerdem bist du mir noch was schuldig.«

Jasmin mischte sich ein. »Keine Sorge, ich gehöre nicht zu dem ausgeflippten Fanclub der Band. Ich begleite nur meine kleine Schwester.«

»Was auch immer. Dein Problem, Leo.« Der Security-Mann trat zur Seite, um die Lücke in der Reihe der Sicherheitsleute, die durch das Zusammenrücken entstanden war, zu schließen.

Leonhard korrigierte ebenfalls seine Position. »Wo ist Carla überhaupt?«

»Die habe ich vorhin in der Menge verloren. Ich bekam einen Ellenbogen ab und musste mich kurz verarzten lassen.«

»Na, dann habt ihr hoffentlich nach dem Ende des Konzerts einen Treffpunkt ausgemacht.«

»Haben wir. Nicht für das Ende, sondern allgemein, wenn wir uns verlieren. Nur, dass sie da nicht hinkommen wird. Ich hoffe, dass ich sie bei einem Schwenk der Kamera ins Publikum lokalisieren kann.«

»In der Menschenmasse? Vergiss es. Genieß lieber das Konzert.«

Liam war zum dritten Mal bei dem Refrain des Songs angekommen. Er hielt sich eine Hand hinters Ohr und erzielte damit den gewünschten Effekt: Das Publikum stimmte lauthals ein.

Jasmin betrachtete die Gesichter der Menschen vor sich. Ihre glänzenden Augen und das selige Lächeln. Gesellschaftliche Grenzen existierten bei einem Konzert nicht. Die Begeisterung und die Liebe zur Musik vereinte sie alle. Die Karten für das Konzert waren ruckzuck ausverkauft gewesen. Auf dem Schwarzmarkt waren die Preise ins Dreistellige gegangen und trotzdem laut Carla weggegangen wie warme Semmeln. Der nächste Song wurde angestimmt. Jasmin überlegte, ob sie in die Menge zurückgehen sollte, um sich zur Hauptbühne durchzudrängeln, in der Hoffnung, irgendwo auf Carla zu stoßen. Später, entschied sie, als sie die verschwitzten Körper betrachtete. Es war schön, Platz und Luft um sich herum zu haben. Von dem geschrienen Gespräch mit Leonhard war ihr Hals trocken. Ihm schien es nicht anders zu gehen, denn er schnappte sich seine Wasserflasche und reichte ihr ebenfalls eine, die sie dankbar annahm.

Der nächste Song übertraf das Tempo des zweiten, und auch der vierte Song war nicht langsamer. Die Menge klatschte, tanzte und sang. Aus den Reaktionen vor ihr erkannte Jasmin, dass jetzt der Moment gekommen war, dass Liam sich auf den Weg zur Nebenbühne machte. Kurz darauf bebte die Plattform. Die Security-Leute spannten sich an, der Druck auf die Absperrung erhöhte sich. Diesmal zog Jasmin sich ein Stück weiter durch das Kabelgewirr der Technik in eine Nische zurück. Niemand nahm Notiz von ihr, und auch Leonhard schien sie vergessen zu haben. Sie ließ ihren Blick über das Publikum schweifen. Den Kopf in den Nacken gelegt sangen die Fans die Strophen mit. Einige Frauen waren von ihren Partnern auf die Schultern genommen worden. Das Publikum bestand überwiegend aus Frauen, ganz anders als bei Wintergrün, wo alles gleichermaßen vertreten gewesen war. Der Song endete. Applaus brandete auf.

»Geht es euch gut?«

»Ja!«

»Bereit für einen langsamen Song?«

Wildes Gekreische war die Antwort. Das Lichterspektakel wurde ruhiger. Der Farbton veränderte sich zu einem Gelborange. Die Beleuchtung des Stadions wurde gedimmt, ebenso die der Scheinwerfer. Leuchtstäbe, die man beim Einlass hatte kaufen können, wurden angemacht.

Jasmin schnaubte. Liam hatte sein Showprogramm verändert. Carla würde sich schwarzärgern. Nicht auf der Hauptbühne, sondern hier auf der Nebenbühne würde er seinen Liebessong singen. Die Frage war nur, ob er sich erneut jemanden aus dem Publikum herauspicken würde, eine Frau, die er zu Marketingzwecken betören konnte, um sie dann aus dem Rampenlicht wieder ins Nichts zurückzuwerfen. Sie ließ ihren Blick über die aufgedrehte Menge schweifen. Tränen flossen in Strömen, verschmierten geschminkte Gesichter. Einige Mädchen in der vierten oder fünften Reihe – wenn man bei dem Gedränge überhaupt von Reihen sprechen konnte – hoben die Hände oder schrien sich die Lunge aus dem Leib. Wäre sie an Liams Stelle, würde sie einen Fan herauspicken, der cool wirkte, um nicht zu riskieren, dass das Mädel auf der Bühne umkippte oder sich gar auf ihn stürzte. Überhaupt ging er mit dieser Masche das Risiko ein, einen Shitstorm in den Social Media auszulösen, der sich gegen ihn richten würde. Sie nahm eine Bewegung links von sich wahr. Leonhard wechselte den Platz, um seinen Kollegen bei etwas zu helfen. Es dauerte, bis sie begriff, was es war.

Eine Frau lag lang auf dem Rücken, die Arme überkreuzt, und wurde über die Köpfe der Menge hinweg in Richtung Bühne weitergereicht. Fasziniert beobachtete Jasmin den Prozess. Alle halfen bei dem achtsamen Crowdsurfing, niemand versuchte, die Frau festzuhalten, obwohl bestimmt einige der Fans gern die Auserwählte gewesen wären.

Was für eine Macht. Der König wählt, das Volk gehorcht. Noch nie war ihr das so bewusst geworden wie in diesem Moment. War es ein Wunder, dass einem dieser Ruhm irgendwann zu Kopf stieg? Dass man dem Druck irgendwann nicht mehr standhielt? Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper. Ein Showprogramm abzuziehen wie Stardust, das ließ sich gleichsetzen mit Hochleistungssport.

Die Frau erreichte die Absperrung, und die Security-Männer halfen ihr hinüber. Leonhard und ein weiterer Kollege bildeten mit ihren Händen eine Trittleiter. Liam war an den Rand der Bühne getreten und reichte der Frau seine Hand. Sie packte sie und wurde mit Schwung auf die Plattform hinaufgezogen. Der Sänger musste seine Oberarme auch nicht vor ihren verstecken.

Jasmin blinzelte. Moment … die Klamotten, die Haare … Ihr Kopf ruckte herum, sie schaute zur Leinwand. Ihr Blickfeld wurde von einem breiten Rücken vor ihr eingeschränkt. Sie versuchte vorbeizuschauen. Nein, unmöglich! Das konnte nicht sein! Auf keinen Fall hatte er gerade ausgerechnet ihre kleine Schwester ausgesucht, um sie bei seinem Liebessong zu umgarnen.

Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich zu Leonhard um, der sie angrinste.

»Da hätten wir die Verlorene. Ausgerechnet Carla, ich fass es nicht. Ich hoffe, sie flippt jetzt nicht aus.«

»Carla?«

Der Song, bisher nur instrumental gespielt, ging über in die Reprise, und Liams Stimme erklang.

»O mein Gott, o mein Gott«, rief eine Frau hinter der Absperrung, bei der Leonhard stand, und schlug sich die Hand vor den Mund. Sie begann zu schluchzen, wobei ihr ganzer Körper zitterte.

Alarmiert trat Leonhard näher zu ihr. Die Frau schüttelte den Kopf. »Sie ist perfekt. Sie passt einfach zu ihm, schau doch nur.«

In Jasmins Kopf rastete etwas ein. Die Leute verschwammen vor ihr. Der Lärm reduzierte sich zu einem dumpfen Dröhnen. Sie duckte sich, lief unterhalb der Tribüne zu den Technikern, von wo aus eine Metalltreppe hoch auf die Plattform führte.

Liam hatte Carla mit einem Arm an sich herangezogen, während seine andere Hand das Mikrofon hielt, in das er die nächste Strophe sang. Carla hatte die Stirn an seine Brust gelegt, ihre Arme um seine Taille geschlungen. Schweiß rann Liam in Strömen über den Körper, sein Tanktop war nass. Ihre Schwester störte das offensichtlich nicht im Mindesten.

Die Kameras, die oben und seitlich an den Verstrebungen befestigt waren, nahmen die beiden auf. Zusätzlich kniete ein Kameramann vor ihnen, der eine Nahaufnahme von unten herauf filmte. Carla veränderte die Position ihres Kopfes und legte eine Wange an Liams Brust. Sie blickte direkt in die Kamera, ein seliges Lächeln auf den Lippen. Beim nächsten Refrain legte Liam den Zeigefinger unter Carlas Kinn und drehte ihr Gesicht zu ihm, sodass er ihr in die Augen sehen konnte.

Ihre kleine Schwester warf den Kopf in den Nacken, lachte, bewegte sich im Rhythmus des Liedes und packte mit beiden Händen seinen Hintern. Er grinste, legte eine Hand an ihren Hinterkopf, zog sie zu sich und küsste sie auf die Lippen. Carla erwiderte den Kuss und knabberte an seiner Unterlippe.

Schlagartig änderte sich die Art des Kusses, als hätte jemand einen Schalter in Liams Hirn umgelegt. Er drehte den Kopf, öffnete den Mund, als wollte er Carla mit Haut und Haar verschlingen. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie löste die Hände von seinem Hintern, riss die Augen auf, als sie sich von ihm lösen wollte und er sie festhielt.

Jasmin stürzte vor, packte Liam an der Schulter, riss ihn zurück und verpasste dem völlig geschockten Sänger eine Ohrfeige. Sie sah, wie Carla sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Dann wurde sie von drei Security-Männern überwältigt und zu Boden geworfen.

3

STRAFE FOLGT AUF DEM FUSS

Das Licht auf der Nebenbühne ging aus, ein Spot auf der Hauptbühne an. Jasmin hörte, wie die Vorband einen Song anstimmte. Klar, jemand musste die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich lenken. Auf der Nebenbühne wurde die Notbeleuchtung eingeschaltet. Eine mit schwarzem Tuch bespannte Wand schirmte sie alle im Bühnenbereich vor den Blicken des Publikums ab.

Ihr Kopf wurde seitlich auf der Plattform fixiert, in ihrem Rücken spürte sie ein Knie, und jemand hatte ihre Hände gepackt. Jasmin versuchte, jeden Muskel in ihrem Körper zu entspannen, um zu zeigen, dass sie keinen Widerstand leisten wollte. Es gelang ihr nicht. Zu viel Adrenalin schoss durch ihre Adern.

Sie sah Carla, die von einem Security-Mann festgehalten wurde. Ihre Augen waren weit aufgerissen und ihre Pupillen vergrößert. Liam war aus ihrem Blickwinkel verschwunden. Was für ein Feigling! Aber was hatte sie anderes erwartet? Sie versuchte, ihrer Schwester mit den Augen und einem Lächeln zu zeigen, dass bei ihr alles in Ordnung war. Nur ihre Nase blutete wieder. Auf dem Boden bildete sich eine kleine Blutlache. Sie atmete flach durch den Mund.

Carla verlor die Fassung und fing hysterisch an zu weinen. Jemand legte ihr einen Arm um die Schulter und führte sie fort. Jasmin bekam Panik und kämpfte gegen den Haltegriff an, doch das Knie in ihrem Rücken ließ ihr keinerlei Spielraum.

»Hey, Jasmin, halt verdammt noch mal still«, hörte sie Leonhards Stimme an ihrem Ohr.

»Wo ist Carla?«

»Deiner Schwester geht es gut. Sie wird gerade die Treppe runtergebracht. Kann einer verdammt noch mal einen Sanitäter holen? Sie blutet!«

»Mann, was hast du nur für eine Scheiße gebaut!«

»Ach, halt die Klappe!«, fuhr Leonhard seinen Kollegen an.

»Bring sie verdammt noch mal von der Bühne!«, schrie jemand.

Sie wurde von vier kräftigen Händen gepackt und zu der Metalltreppe gehoben.

»Lasst mich los. Ich geh selbst die Treppe runter.«

Nach einem kurzen Zögern lockerte sich der Griff, Leonhard schob sich vor sie, und sie folgte ihm durch den Unterbau der Bühne hin zu der Tür, die in den Gang zum Backstagebereich für die Bands und die Crew führte. Er klopfte an einer Tür. Niemand antwortete. Dann wurde sie hineingeschoben und die Tür geschlossen. Erschöpft ließ sie sich mit dem Rücken an der Wand auf den Boden rutschen. Ihr Kopf pochte. Der Security Mann hielt ihr zwei Tampons hin, die sie in ihre Nase steckte. Er entfernte sich wieder von ihr und behielt sie von der Tür aus im Auge, als wäre sie eine Verrückte, die jeden Moment ausrasten könnte. Sie grinste müde. So unrecht hatte er ja nicht. Sie fragte sich, wann der Manager das Konzert beenden würde. Lauter Jubel, Gekreische … Das Stadion tobte.

»Li-am! Li-am! Li-am!«, skandierte ein Sprechchor, der sich gebildet hatte, und ein neuer Song von Stardust begann.

Jasmin schüttelte den Kopf. Money, money, money! Die Kuh wird gemolken, bis sie zusammenbricht. Bittere Galle stieg in ihr hoch. Von dem vielen Blut, das sie geschluckt hatte, war ihr übel.

»Kann ich Wasser haben?«

Ihr Bewacher öffnete die Tür einen Spaltbreit. »Hey, Jen, kannst du mir ein Wasser holen?«

Es dauerte eine Weile, dann klopfte es und eine kräftige Brünette mit kurzen Haaren reichte zwei Wasserflaschen herein. Ein Blick zu ihr, ein Kopfschütteln, dann schloss sich die Tür wieder. Langsam näherte sich ihr der Security-Mann. Sie streckte den Arm aus, damit er nicht so dicht zu ihr kommen musste. Er spiegelte ihre Haltung. Erleichtert stieß er die Luft aus, als er wieder an seinem Platz stand und seine Flasche öffnete. Jasmin drehte die Kappe von ihrer ab und trank in winzigen Schlucken, immer wieder Pausen einlegend. Verdammt, verdammt, verdammt. Wieso hatte sie sich auch nur zu diesem dämlichen Konzert überreden lassen?

Die Tür wurde wieder geöffnet. Ein älterer Mann im Anzug, ein Polizist und eine Polizistin betraten den Raum. Nur eine Kopfbewegung von dem Anzugträger, und der Security-Mann zog sich zurück. Jasmin erhob sich vom Boden. Die Tampons ließ sie in der Nase, obwohl sie nicht mehr blutete. Besser, sie sah wie ein Opfer aus und nicht wie die Täterin.

»Wie geht es Ihrer Nase?«, fragte sie der Polizist.

»Okay.«

»Fühlen Sie sich schwindelig? Ist Ihnen schlecht?«

»Nein.« Sie zog die Augenbrauen hoch, überrascht von seinen weiteren Fragen.

»Haben Sie etwas eingenommen?«

»Nein.«

»Alkohol getrunken?«

»Nein.«

»Wären Sie bereit, einen Alkoholtest zu machen und Blut abzugeben?«

Sie streckte den Arm aus. »Nur zu.«

»Moment«, mischte sich die Polizistin ein. »Sie müssen das nicht. Vielleicht möchten Sie jemanden hinzuziehen? Einen Anwalt?«

Jasmin klappte den Mund auf, sah von ihr zu ihrem Kollegen.

»Ich fass es nicht«, empörte sich der Anzugträger. »Was wird das hier? Die Frau ist irre. Womöglich eine Stalkerin. Sie hat Liam angegriffen. Sie hat ihn verletzt. Tun Sie verdammt noch mal Ihren Job und verfrachten Sie die Frau in den Knast.«

Der Polizist blockierte den Mann, der zwei Schritte auf sie zugegangen war.

»Herr Lehmann, bitte verlassen Sie diesen Raum und lassen Sie uns unsere Arbeit machen.«

»Einen Teufel tue ich. Sie fassen diese Frau mit Samthandschuhen an, dabei ist sie gefährlich. Ist Ihnen klar, was es mich gekostet hätte, wenn ich das Konzert hätte abblasen müssen? Ganz zu schweigen von dem Shitstorm, der uns erwartet?«

»Das Mädchen, das sie auf die Bühne geholt haben, ist minderjährig.«

»Minderjährig? Dass ich nicht lache. Die ist mindestens achtzehn, wenn nicht älter.«

Jasmin schob die Brust raus und stellte sich ein Stück breiter hin. »Meine Schwester Carla ist siebzehn, aber das spielt auch keine Rolle. Ihr Protegé hat auf der Bühne eine Grenze überschritten. Das war sexuelle Belästigung.«

»Sexuelle Belästigung? Dass ich nicht lache. Wer hat denn Liam an den Hintern gepackt und eindeutige Bewegungen vollführt? Das war dieses Mädel, nicht er. Kein Wunder, dass er da etwas mehr wollte. Wer kann ihm das verdenken?« Er wandte sich wieder dem Polizisten zu. »Die ist ja auch ein echtes Sahneschnittchen. Die würden wir beide ja auch nicht von der Bettkante stoßen, nicht wahr?«

Jasmin schnappte nach Luft, ballte die Fäuste und machte einen Schritt auf Lehmann zu, um ihm sein fettes Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen. Diesmal baute sich der Polizist vor ihr auf. Sie hob beide Hände hoch, wich zurück. Die Polizistin hingegen ging zur Tür, öffnete sie, sah dem Manager fest in die Augen, der mit einem letzten wütenden Blick auf Jasmin der Aufforderung folgte.

»Ich dachte, Polizisten müssten neutral sein.«

»Das sind wir«, erklärte der Polizist mit einem mahnenden Blick zu seiner Kollegin, die die Arme vor der Brust verschränkte. »Sie haben Liam Dust tätlich angegriffen.«

»Es war eine Ohrfeige.«

»Er ist eine Person des öffentlichen Lebens.«

»Die Cashcow für diesen schmierigen Manager, der Frauen als Sexobjekte betrachtet.«

»Er wollte Sie provozieren, und es ist ihm gelungen.«

»Na super. Warum stecken Sie mich nicht gleich in den Knast, wie er es vorgeschlagen hat?«

»Dazu besteht kein Grund, oder sehen Sie das anders?«

Jasmin atmete tief durch. »Nein. Lassen Sie mich zu meiner Schwester und wir beide verschwinden nach Hause.«

»Ganz so einfach ist die Sache nicht.«

Die Polizistin gesellte sich zu ihnen. »Sie können Liam Dust anzeigen.«

»Kollegin Freudenberg …«

»Neutralität. Gehört es da nicht dazu, dass wir beide Parteien informieren, welche Rechte sie haben?«

»Möchten Sie Liam Dust anzeigen?«, wandte sich ihr Kollege an Jasmin.

»Nein, kein Interesse. Wo ist meine Schwester?«

»Im Raum nebenan. Einer der Sanitäter ist bei ihr.«

»Ist sie verletzt?«

»Sie ist dehydriert und zeigt Anzeichen von Schock.«

»Ich möchte zu ihr.«

»Selbstverständlich.« Der Polizist ging voraus, öffnete die Tür. Seine Kollegin und Jasmin folgten ihm. Er klopfte an der benachbarten Tür, wartete kurz und trat ein. Bevor Jasmin ihm folgen konnte, versperrte ihr die Polizistin den Weg.

»Sie ist meine kleine Schwester.«

»Wir können Sie nicht gegen ihren Willen hineinlassen.«

Ihr Kollege kam zu ihnen zurück und nickte. »Es ist in Ordnung. Sie möchte Sie sehen.«

Jasmin trat ein und blieb abrupt stehen. Diesen Raum hatten die Sanitäter zu einer Notaufnahme umfunktioniert. Wie bei einem Blutspendetermin waren mehrere Liegen nebeneinander aufgebaut. Vier Frauen hingen an einer Infusion. Carla gehörte nicht dazu. Sie lag auf der fünften Liege, deren Rückenteil hochgestellt war. In der Hand hielt sie einen Softdrink, an dem sie nippte. Sie sah blass aus. Schwarz-braune Schlammflüsse bedeckten ihre Wangen.

Jasmin betrat langsam den Raum. Carla verfolgte mit dem Blick ihren Weg. Ihre Pupillen waren noch immer geweitet, als hätte sie Drogen eingeworfen. Jasmin griff nach der Hand ihrer Schwester, die diese ihr entzog.

»Es tut mir leid, was passiert ist.«

»Du hast alles, was ich mir jemals erträumt habe, ruiniert. Bist du jetzt glücklich?«

»Er hat dich für seine Zwecke missbraucht.«

»Blödsinn. Er hat mich gesehen und wollte, dass ich zu ihm auf die Bühne komme. Ich, nicht jemand anderes, sondern ich.«

»Du glaubst nicht ernsthaft, das Liam sich in dich verknallt hat!«

»Nein. Jetzt ganz bestimmt nicht mehr, nachdem meine durchgeknallte Schwester ihm eine gelangt hat. Ganz zu schweigen von dem Riesenstreit, den er deinetwegen mit seinem Manager hatte. Der Typ hat ihm gedroht, dass er ihn fallenlässt wie eine heiße Kartoffel, wenn er nicht wieder auf die Bühne geht. Gedroht.«

»Keine Sorge, Lehmann ist nichts ohne Liam Green, nicht andersherum.«

»Natürlich, du kennst dich ja bestens damit aus. Wie war das noch? Du hast alles ruiniert. Deinetwegen ist Mama abgehauen. Du bist an allem schuld, und jetzt hast du dich gerächt.«

Jasmin sah sich im Raum um. Alle lauschten ihrem Gespräch, selbst die Sanitäterin, die all die Mädels hier betreute, egal wie sehr sie vorgab, die Tropfgeschwindigkeit der Infusionen zu überprüfen.

»Das ist Blödsinn, und das weißt du genau. Die Polizei will wissen, ob du Anzeige gegen Liam erstatten möchtest.«

»Anzeige?« Carla drehte den Kopf und sah die Polizisten an, die hinter Jasmin standen. Ihre Augen feuerten Laserblitze ab, als sie sich wieder auf Jasmin fokussierten. »Gegen Liam? Spinnst du? Du bist diejenige, die durchgedreht ist.«

»Weil ich gesehen habe, dass er dir Angst gemacht hat.«

»Hat er nicht. Ich war nur überrascht, mehr nicht.«

»Er hatte kein Recht, dich auf der Bühne in dieser Art und Weise zu küssen.«

»Er liebt mich.«

»Du meinst so wie die letzte Frau, die er für das Lied und die Show auf die Bühne geholt hat? My Guardian Angel?«

»Ich stand nicht vorne in der ersten Reihe und habe mich angeboten. Ich stand noch nicht mal in der dritten oder vierten Reihe. Er hat mich gesehen, nicht irgendjemanden, sondern mich.«

»Ja, weil du vermutlich eine der wenigen warst, die nicht völlig hysterisch waren. Das ist Kalkulation. Jemand hat ihm in sein Headset gesagt, wen er nehmen soll. Womöglich sogar sein Manager selbst.«

»Ich hasse dich.«

»Eines Tages wirst du mir dafür dankbar sein.«

»Niemals.«

Die Sanitäterin kam an ihre Seite.

»Ich denke, es ist besser, wenn Sie gehen.«

»Ich kann nicht gehen, solange meine Schwester nicht mitkommt.«

»Ich will dich nie wieder sehen oder in einem Raum mit dir sein. Verschwinde, und ich hoffe, die Polizei steckt dich in den Knast, so wie deine Freundin.«

Jasmin packte ihre Schwester am Handgelenk. Carla schrie auf. Der Polizist legte ihr eine Hand auf die Schulter und sie ließ Carla los. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und stürmte aus der Tür, wobei ihr die Polizistin auf dem Fuß folgte.

»Warten Sie!«

Jasmin blieb stehen. Wie dämlich war sie? Was hatte sie erwartet? Tränen brannten in ihren Augen, aber sie weigerte sich, zu heulen. Oh ja, Carla wusste genau, wo sie sie am meisten treffen würde. Sie kannte all ihre Schwächen, so wie Jasmin ihre kannte.

»Sie dürfen die Worte Ihrer Schwester nicht persönlich nehmen. Die Fans träumen doch Tage, Wochen, Monate vorher genau davon, dass ihr Idol sie in der Masse von Besuchern auf dem Konzert entdeckt und sich Hals über Kopf in sie verliebt.«

»Standen Sie mal auf einer Bühne? Haben Sie mal versucht, auch nur ein einziges Gesicht in einer Masse von Tausenden von Menschen gegen das Scheinwerferlicht zu sehen? Ganz zu schweigen von dem Adrenalin in ihren Adern, das es gar nicht zulässt, dass Sie sich in Ruhe auf etwas konzentrieren?«

»Nein. Kennen Sie sich damit aus?«

»Ich möchte Blut abgeben.«

»Sind Sie sich sicher?«

»Absolut. In meinem Blut ist nicht die winzigste Spur von Alkohol oder sonst irgendeiner Substanz.«

Der Kollege der Polizistin trat zu ihnen. »Ihre Schwester steht völlig neben sich. Sie sollten es nicht …«

»Ach verdammt, ich weiß selbst, dass Carlas Hirn gerade schockgefroren wurde.«

»Kein Grund, mich anzufauchen.«

»Nein. Tut mir leid, aber …«

»Ihr Vater müsste jeden Moment hier sein.«

»Mein Vater?« Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, ging im Kreis. »Scheiße, scheiße, scheiße. Wer, verflucht noch mal, hat den angerufen?«

»Ich. Ihre Schwester hat mir die Nummer gegeben. Keine Sorge, Ihr Vater machte auf mich nicht den Eindruck, als wäre es eine Überraschung für ihn, dass Sie beide auf dem Konzert sind.«

»Nein.« Sie blieb stehen, hob beide Arme in die Luft und ließ sie frustriert wieder fallen. Der Mann konnte ja nichts dafür. »Was haben Sie ihm gesagt?«

»Was passiert ist.«

»Na super.« Jasmin raufte sich die Haare und nahm ihre Wanderung wieder auf.

»Was halten Sie davon, wenn wir beide für die Blutentnahme ins Krankenhaus fahren und meine Kollegin bei Ihrer Schwester bleibt, bis Ihr Vater hier ist?«

»Er hat keine Karte für das Konzert, und dann die vielen Menschen im Stadion … Wie soll er meine Schwester hier unten finden?«

»Keine Sorge. Unsere Kollegen warten auf ihn und bringen ihn zu ihr.«

»Okay. Bitte lassen Sie niemanden außer meinem Papa zu ihr. Kann ich mich darauf verlassen?«

Die Polizistin nickte.

Jasmin schloss die Tür auf. In der Küche brannte Licht. Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick zur Treppe, die in die obere Etage hinaufführte, straffte sie die Schultern und betrat die Küche. Ihr Vater saß am Esstisch und löste ein Kreuzworträtsel. Oder er tat nur so. Er hob den Kopf und sah sie über die Lesebrille hinweg, die vorne auf seiner Nasenspitze saß, an.

»Da bist du ja. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«

»Nach der Blutentnahme im Krankenhaus bin ich noch mit zur Polizeiwache gefahren, um meine Sicht der Geschehnisse zu Protokoll zu geben. Es hat länger gedauert, als ich dachte, sonst hätte ich dir eine Nachricht geschickt.« Sie ging zur Abstellfläche, auf der die Thermoskanne stand. »Ist da noch Tee drin?«

»Ja. Ich weiß nur nicht wie viel.«

Sie nahm einen Becher aus dem Schrank, füllte ihn und setzte sich zu ihrem Vater. »Es tut mir leid. Ich hätte besser auf sie aufpassen müssen.«

Er legte ihr die Hand auf den Unterarm. »Nein. Mir tut es leid. Ich hätte dich nicht bitten dürfen, mit ihr auf das Konzert zu gehen. Du wolltest nicht, und du hattest deine Gründe dafür. Das hätte ich respektieren müssen.«

»Hey, Papa, es ist nicht deine Schuld. Du hast Liam Dust keine Ohrfeige verpasst. Das war ich.«

Es zuckte um seine Mundwinkel. »Eine, die sich gewaschen hat.«

»Das ist nicht lustig.«

»Nein, ist es nicht.«

»Papa, kannst du einmal wütend auf mich werden und mich in den Senkel stellen?«

»Ach, Jasy«, sagte er und drückte ihren Arm, »du solltest nicht immer so hart zu dir sein.«

»Wie geht es Carla?«

Ihr Vater nahm einen tiefen Atemzug. »Du weißt, wie sie ist. Sie leidet. Immerhin darfst du nicht vergessen, dass du der Grund bist, weshalb Liam Dust nicht um ihre Hand anhalten wird. Manchmal wünschte ich mir, sie hätte wenigstens einen kleinen Prozentsatz von deinem Pragmatismus.«

»Sie lag auf dem Feldbett wie ein Schluck Wasser.«

»Weshalb ich sie nächste Woche zu einem Untersuchungstermin beim Hausarzt angemeldet habe. Nur sicherheitshalber.«

»Ja, klar.« Sie wusste, er würde bis zu diesem Termin und der Bestätigung, dass alles in Ordnung war, nicht mehr ruhig schlafen.

Er zog die Hand von ihrem Unterarm weg. »Nun, dann wollen wir beide mal zu Bett gehen. Schlaf dich aus. Ich gieße morgen die Pflanzen in der Gärtnerei.«

Sie trank ihren Tee aus und räumte den Becher in die Spülmaschine. Dann ging sie zu ihrem Papa, legte die Arme von hinten um ihn und gab ihm einen Kuss auf sein lichtes Haar. »Ich liebe dich, Paps. Versuch auch ein wenig zu schlafen.«

Auf Socken schlich sie die Treppe hoch. An Carlas Tür blieb sie stehen und drückte ein Ohr an das Holz. Leise lief der Liebessong von Stardust, zu dem Liam ihre Schwester geküsst hatte.

»Ich kann es dir gar nicht beschreiben. Es war unglaublich. Ich meine, natürlich war ich aufgeregt, als er mich auf die Bühne holte, aber eigentlich dachte ich, ach was, das ist halt alles nur sein Show-act und ich habe Glück gehabt. Doch als er mich küsste, da wusste ich – es war kein Zufall. Es war Schicksal. Der Funke sprang sofort über, und … du hast es ja selbst gesehen. Er hat völlig vergessen, dass er mit mir auf der Bühne stand. Da waren nur noch wir beide. Genau wie in einem Film. Du weißt es einfach.«

Klar, dass sie es ihrer besten Freundin erzählen musste. Jasmin schlich mit gemischten Gefühlen weiter zum Badezimmer. Auf der einen Seite war sie froh, dass Carla den Schock überwunden hatte, auf der anderen Seite bereitete es ihr Unbehagen, dass sie ihrer Freundin gegenüber die Situation schönredete und die Panik, die sie empfunden hatte, verdrängte. Was für ein Glück, dass ihre kleine Schwester keine Möglichkeit hatte, mit Liam in Kontakt zu bleiben. Die Social-Media-Kanäle bediente er mit Sicherheit nicht selbst, und wenn doch, dann war Carla dort eine unter vielen. Mit der Zeit würde sie bestimmt ihren Sinn für die Realität wiederfinden, vor allem wenn ihr klar wurde, dass sich Liam nicht die Spur für sie interessierte.