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Man muss jetzt etwas bedrückt einsehen und sich zerknirscht eingestehen, dass es absolut hinfällig und vergeblich wäre, sich diesbezüglich überhaupt noch kundig machen zu wollen oder auch nur kundig machen zu wünschen.
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Adieu, du geordneter Verlauf! Den Würmern indessen ist das vollkommen egal, wie alles andere auch, so egal wie nur irgendwas; das ist nicht ihr Problem und auch nicht ihr Programm. Genau dies geben sie der Meise denn auch sofort und gleich als erstes zu verstehen. Statt sich für ihr selbstverschuldetes Zuspätkommen zu entschuldigen, murmeln sie nur gelassen und gleichgültig: „Ist nicht mein Bier.“ Oder kurz und bündig: “Fuck den Fahrplan!“ Oder: „Geht mich einen Scheißdreck an.“ Oder, kurz: „Kratzt mich nicht.“
Sie, die sie eigentlich immer nur von teuren Stretchlimousinen voller scharfer Chicks zum freien Abgreifen träumen, wie es ihnen auf MTV vorgeführt wird, interessieren sich überhaupt nicht für Ankunfts- und Abfahrtszeiten von öffentlichen Verkehrsmitteln, haben sich noch nie dafür interessiert und werden sich wohl auch nie dafür interessieren, muss man zerknirscht annehmen und eingestehen, ebenso, wie sie sich grundsätzlich nicht dafür interessieren, was mit der Meise und mit der Unternehmung überhaupt im Zusammenhang steht und was allein deshalb weit außerhalb ihres würmischen Interessebereiches und würmischen Empfindungsvermögens, ja, ihres bescheidenen würmischen Wahrnehmungsvermögens liegen muss. Da macht sich weder die konsternierte Meise etwas vor, ganz klar, noch der diebische, betrügerische und verschlagene Wurmausschuss selber, der sich im Zuge der gegenwärtigen Unternehmung hauptsächlich und fast ausschließlich für teure Klamottenläden, Elektronikshops und prallvolle Warenhäuser, für unbeaufsichtigte Kioskauslagen, leere Toilettenanlagen, leicht zu knackende Getränke- oder Zeitungsautomaten, für versteckte Passbild-, Parkkarten- oder Fahrkartenautomaten und natürlich auch und vor allem für die zahlreichen, flinken Strassendealer, für minderjährige, fliegende Drogenkundschaft oder auch nur für unbeaufsichtigte Münzwechsel- und einsame Kreditkartenautomaten interessiert, in der vagen Hoffnung, übriggebliebenes Klein- und Rückgeld zu finden oder auf einer Ablage gar vergessene Kreditkarten oder Geldbörsen zu entdecken, oder aber die Handtaschen alter, wehrloser Mütterchen, oder hinter der Gepäckaufbewahrung abgestellte Gepäckstücke plündern oder gar im Gewimmel der eiligen Passanten die rückseitige Abdeckung eines Fahrkartenautomaten knacken zu können, um an die fetten Geldbehälter zu kommen, die ja in jedem dieser blechernen Kisten zwangsläufig stekken müssen und nur darauf warten, von flinken Händen geplündert zu werden.
Auch dieser Ausschuss hat den automatisierten Kontrollgriff aller Würmer drauf, ein offenbar angeborener Reflex, vielleicht sogar genetisch bedingt, den er im Vorbeigehen flink bei jedem denkbaren Automaten anwendet, ein schneller, geübter Griff in die kleine, manchmal sogar innenbeleuchtete Münzablage oder Rückgeldabgabe, wohin jeweils das allfällige Rest- oder Rückgeld purzelt, wenn man sich eine Fahrkarte, einen Kaugummi, einen Parkschein, ein Getränk, eine Platzkarte, eine Zeitung, eine Schokolade, ein Billett oder eine Packung Zigaretten kauft.
Die Meise steht jetzt also mit einem halbwegs kompletten Wurmausschuss nutzlos auf einem leeren Bahnsteig herum und sinniert wieder einmal über die Sinnlosigkeit allen meisischen Tuns, sowie über die unausweichliche Vergänglichkeit allen gefiederten Trachtens, über die Vergeblichkeit allen vögelischen Strebens und über die Hinfälligkeit allen gut gemeinten, ornithologischen Wollens nach, eine durch und durch frühbarocke Haltung als ausdrucksstarker Ausdruck einer mehr als hinfälligen Meisenhaftigkeit, wie wir selber feststellen können. Es ist alles eitel! wiederholt sie immer wieder. Vanitas vanitatum et omnia vanitas! Nichts als schlechte Nichtigkeit! Tand ist das Gebilde aus Meisenhand!
Keine Philosophie der Welt kann die Meise jetzt noch davon abhalten, den üblen Tag zu verfluchen, an dem sie diese blödsinnige Unternehmung gegen ihren eigenen, zudem massiv unterdrückten und deshalb nicht ausgesprochenen Willen und nur auf Grund der unterschwelligen Drohung der Katzenwelt, sie ansonsten wegen beruflichen Unvermögens, wegen professionellen Versagens und wegen unerfüllter, amtlicher Anforderungen schlicht und einfach zu entlassen, also definitiv zu entwürdigen, zu ermorden und zu guter Letzt auch noch anlässlich eines geselligen Anlasses mit üppiger Sättigungsbeilage aufzufressen, wohl oder übel geplant, vorbereitet und schließlich widerwillig begonnen und danach zügig ausgeführt, jedoch nicht zu Ende gebracht. Zudem stellt die Meise erschrocken fest, dass sie gar keine Rückfahrkarte mehr besitzt. Das verunsichert sie jetzt zusätzlich, denn sie hätte schwören können, dass sie eigentlich eine gültige Fahrkarte, ein so genanntes Kollektivbillett dabei haben müsste, eine längst angeforderte, also bestellte und übrigens in aller Besessenheit seit langem bar bezahlte Rückfahrkarte nämlich, gültig für die gesamte Wurmbüchse, eine nicht unwichtige Beweislage für eine gewöhnliche Meisenexistenz in der Ausübung ihrer eindeutigen und von außen auferlegten Pflicht. Sie findet zwar die alte, längst abgestempelte, bzw. durch eine Knipszange angelochte und somit vollständig entwertete Hinreisefahrkarte, flüchtig gefaltet, zerknittert und zerknüllt zuunterst in ihrer Jackentasche, doch es steht fest, dass diese Fahrkarte nur für die eine Richtung gegolten hat, nicht aber für die andere.
Doch Richtungen sind ausschlaggebend, weil Richtungen den weiteren Verlauf eines jeden Unternehmens nun mal entscheidend beeinflussen. Sie wäre somit, so stellt sie jetzt ernüchtert und fast etwas amüsiert fest, ohnehin zu spät auf dem Bahnsteig angekommen, denn sie hätte sich ja erst eine neue Fahrkarte besorgen müssen, und dazu hätte sie erst in die Eingangshalle dieses ungewohnt unterirdischen Bahnhofes gelangen müssen, woselbst sich wahrscheinlich, wie fast überall, die langen Reihen der Fahrkartenschalter befunden hätten, an einem Ort, wo Hunderte von abreisebereiten Vögeln zusammen mit vielen unauffälligen Taschendieben und äußerst geübten Trickbetrügern in langen Schlangen geduldig angestanden und gewartet hätten. Doch so, wie die Dinge nun mal liegen, hätte sie diese Eingangshalle in der Eile womöglich gar nicht erst gefunden, denn sie entsinnt sich nicht, an einer breiten Eingangshalle vorbeigeeilt zu sein oder eine lange Schalterhalle durchquert zu haben, noch kann sie sich daran erinnern, sonstwo Fahrkartenschalter gesehen zu haben.
Sie muss also durch einen der vielen langgezogenen Ein-, Aus-, Zu-, Auf- und Abgänge unter Umgehung besagter Eingangshalle in das weit verzweigte, unterirdische System von blanken Korridoren, Querverbindungen und langen Bahnsteigen gelangt sein, die sie tatsächlich zu einem Bahnsteig geführt haben, wenn auch zum falschen, wie sich nachträglich herausgestellt hat und wie auch wir mittlerweile anzunehmen geneigt sind, und dies erst noch viel zu spät. Und jetzt kommt hinzu, dass ihr auch noch eine gültige Fahrkarte fehlt; sie hätte also so oder so zusätzlich und nahezu unausweichlich endlosen Ärger in einer fruchtlosen Auseinandersetzung mit einer unnachgiebigen Fahrkartenkontrolle bekommen. Es wäre zu heftigen und zudem völlig sinnlosen Diskussionen mit dem Zugspersonal auf dem Bahnsteig vor Scharen schnell dahineilender Bahnreisender gekommen, womöglich zu lautstarken Auseinandersetzungen mit uneinsichtigen Bahnbeamten und enorm sturem Kontrollpersonal, das in lauterster Pflichterfüllung hartnäckig auf seine internen Anweisungen gepocht, auf seine betrieblichen Vorschriften beharrt und auf seine amtlichen Verfügungen bestanden hätte, als ob all das Missgeschick für die Meise nicht bereits Unbill genug bedeutet hätte. So gesehen, muss sie die Würmer jetzt auch noch dazu kriegen, sie in die nur angedachte, also unverbindlich hinzugedachte und reichlich unschlüssig herbeigedichtete, vielleicht nicht einmal konkret vorhandene Eingangshalle zu begleiten, wo sie eventuell tatsächlich die gesuchten Fahrkartenschalter behufs Erwerbs eines nur vorübergehend gültigen, also eines provisorischen, kollektiven Fahrscheins finden würde. Möglicherweise ist es sogar so, dass es in dieser modernen, also zeitgemäßen Organisation eines effizienten, elektronisch geregelten Bahnverkehrs gar keine traditionellen Fahrkartenschalter mit ihren mehrheitlich mürrischen Beamten mehr gibt, dass die ferroviale Nutzungsberechtigung schon längst mittels Kreditkarten, Short Messages, kurzer Telefonanrufe oder aber blitzschneller Internetbestellungen und praktischer Online-Reservierungen beglichen wird. Alle übrigen Reisenden wüssten dies längst und kennten diese Tatsache ganz selbstverständlich, seit Jahren schon, nur die rückständige Meise nicht; niemand hätte ihr jemals beigebracht, wie der moderne Vogel heutzutage zu seiner korrekten und legalen Fahrkarte für eine Fahrt im öffentlichen Verkehrsmittel kommt, und sie wäre gewiss – wie auch für uns, die Unbeteiligten, allmählich ab- und voraussehbar – definitiv in der ausweglosen Sackgasse der unentschuldbaren Zurückgebliebenheit, der selbstverschuldeten Desinformation, des vielleicht sogar angeborenen Unwissens und somit in der hoffnungslosesten Rückständigkeit gelandet. Nicht wahr?
Nun aber ist es endlich geschafft; sie hat die gültige Fahrkarte doch noch erstehen können, ganz banal mittels Direktzahlung, also mittels klassischer, althergebrachter Barzahlung, mit ihrem eigenen Bargeld aus ihrer eigenen Geldbörse, wohlverstanden, mit klingender Münze also, à fonds perdu, wie es hierzulande seit gut zweihundert Jahren heißt, guter Brauch ist und schon immer bestens funktioniert hat, an einem herkömmlichen Fahrkartenschalter mitten im Bahnhofgebäude, in Verhandlung mit einem ganz gewöhnlichen, also mürrischen und brummeligen, aber nicht explizit unfreundlichen Bahnbeamten.
Doch ist es wirklich, wahrlich und wahrhaftig geschafft? Hat die Meise tatsächlich die richtige Fahrkarte endlich erstanden? Für den ordnungsgemäßen Zug? Mit dem genauen Ziel? Zur korrekten Abfahrtszeit? In der einwandfreien Ausführung eines kostengünstigen Kollektivbillets womöglich? Gültig für die gesamte Strecke und die lückenlose Wurmhaftigkeit und ihre schusselige Begleitung? Die Meise hat sich mit dem jetzt unerwartet vollzähligen Wurmausschuss auf dem diesmal wahrscheinlich passenden Bahnsteig eingefunden, und zwar rechtzeitig. Doch befindet sie sich wahrhaftig auf dem richtigen Bahnsteig? Sind die Würmer wirklich vollzählig? Und steht der Zug auch tatsächlich da? Ist dies der fahrplanmäßige Zug? Sie mustert ihn misstrauisch: Ja, er steht eindeutig da; er scheint sogar geduldig auf die Meise und die Würmer zu warten, ein freundlicher Zug also, ein hilfsbereiter Zug, ein hilfreicher Zug gar, segensreich und geradezu unabdingbar in seiner ganzen physischen Ausführung und transportablen Bestimmung. Doch wird er tatsächlich warten, bis alle eingestiegen sind? Und kaum sind sie alle drin, muss sich die Meise erneut sehr ernsthaft fragen: Ist das bestimmt der richtige Zug? Sollte sie nicht besser gleich wieder aussteigen, also aussteigen lassen, sicherheitshalber, also das ganze, desinteressierte Gewürm die Bahn wieder barsch und resolut verlassen heißen, bevor der Zug abgefahren ist?
Die Würmer haben sich natürlich gleich keilend und kreischend in die Zugsabteile gestürzt, zum gewaltigen Schrecken der übrigen Fahrgäste, und der ernüchterten Meise ist sofort klargeworden, dass sie nimmer umkehren und wieder aussteigen können wird, umso mehr, als sich der Zug jetzt langsam, doch unaufhaltsam in Bewegung setzt. Die Sache ist endgültig gelaufen, merkt sie konsterniert und achselzuckend, die leeren Bahnsteige ziehen vorbei, die weitläufigen Geleiseanlagen, die blinkenden Bahnsignale und die verkommenen Innen- und Außenquartiere der Stadt; sie ergibt sich kampflos den äußeren Umständen und lässt dem Schicksal seinen Lauf. Längst weit jenseits der an sich wichtigen Frage angekommen, ob dies endlich und tatsächlich der richtige Zug gewesen sein könnte oder nicht, muss sie es wohl oder übel darauf ankommen lassen, fürchtet sie. Man wird ja sehen.