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Die Gegenwart als kataklystisches Trauma-Gedächtnis.
Die Zukunft als dystopisch unverheilte, tiefe Verwundung.
Die Zahl 17 als biblische Zahl der Zerstörung …
17 Autorinnen und Autoren erschufen – auf der Grundlage vollkommener künstlerischer Freiheit – eine Anthologie gespiegelter Szenarien, eine Anthologie, die ebenso ein neuzeitlicher Fleischfresser wie ein avantgardistisch vorbeischleichender Schatten ist. Literarischer Fortschritt und literarische Setzkasten-Gewissheit vereinen sich hier zu einem vielfach pochenden und in der Essenz des Horrors widerhallenden Herz. Was ist Konnotation, was ist persönliche Bindung? Was ist vorhersehbar, was scheinbar unsagbar, unschreibbar? Hinter welchen Geschichten, hinter welchen Kreaturen lauert das unreine Böse, das möglicherweise von größerem Übel ist als der Tod selbst? Welche Interpretation verdreht die Geschichten nach dem Willen des Lesers? Denn: Nicht jede Horror-Story bewohnt ein Spukhaus; nicht jede Horror-Story stellt ein entstelltes Grinsen zur Schau oder bedient sich des quälenden Surrens der Kettensäge. Horror, die düsterste aller Fiktionen, die möglicherweise spekulativste aller kreativen Formen, beunruhigt, verunsichert, steigt wie eine unerbittliche Vogelscheuche von ihrer Sitzstange, um den Leser bis in den letzten sicher geglaubten Winkel zu verfolgen und auf ewig heimzusuchen; Horror ist die Axt, die der ruhelose Killer aus einem gespaltenen Schädel reißt – und Anatomie des Traumas schneidet schon während des kreativen Prozesses das Fett vom Textkörper, sodass dem Leser ausschließlich der jeweils eindrucksvollste Teil der Geschichten bleibt; Anatomie des Traumas lässt die Worte, die Wendungen in den Formulierungen für sich arbeiten, um den größtmöglichen Schrecken zu erzeugen. Die Umgebung wird zum Leben erweckt, und nur der Leser entscheidet, wie groß und grotesk die mit Blut gefüllte Chrom-Badewanne letzten Endes ist...
Anatomie des Traumas vereint 17 Top-Autorinnen und –Autoren in einer bemerkenswert originellen und eindringlich-düsteren Anthologie; ein musterhaftes Beispiel dafür, wie profund die Kreativen es vermögen, Angst und Schrecken zu arrangieren, wenn sie ein Verlag – hier: BÄRENKLAU EXKLUSIV – von der figurativen Kette lässt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Marie Kamp, Andreas Ellefred, Stefan Hensch, Christian Gallo,
John Crowe, Antje Ippensen, Christopher T. Dabrowski, Alexander Merow,
Roland Heller, Heinrich Goetz, Christian Dörge, Bernd Teuber,
Michael Harte, Thorsten Roth, Benyamen Cepe, Paul Brandl & Hubert Hug
Anatomie des Traumas
Horror-Erzählungen
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Steve Mayer nach Motiven von edeebee (KI), 2025
Korrektorat: Maria Altberg, Peter Friedel und Bärenklau Exklusiv
Die Erzählungen von »Kavárna« – von Heinrich Goetz, »Rotes Museum« – von John Crowe, »Das Buch« – Paul Brandl, »Todesarten (Konzeptblatt, 1976)« – von Christian Dörge, »Der Legionär« – von Alexander Merow Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Signum-Verlags/
der Literatur-Agentur Dörge.
Kontakt: [email protected]
Korrektorat: Dr. Birgit Rehberg
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Zum Buch
Anatomie des Traumas
Das Tattoo
Blutbande
Kraut aus dem Loch
Kavárna
Die Gefilde der Seligkeit
Rotes Museum
Neu geboren – oder: Be
Das Buch
Die Zombie-Spiele
No-Way-Castle
Eine Entscheidung mit Folgen
Höhle in die Vergangenheit
Todesarten (Konzeptblatt, 1976)
Das Buch der Finsternis
Der Legionär
Das Porträt
Vier Pfoten
Die Gegenwart als kataklystisches Trauma-Gedächtnis.
Die Zukunft als dystopisch unverheilte, tiefe Verwundung.
Die Zahl 17 als biblische Zahl der Zerstörung …
17 Autorinnen und Autoren erschufen – auf der Grundlage vollkommener künstlerischer Freiheit – eine Anthologie gespiegelter Szenarien, eine Anthologie, die ebenso ein neuzeitlicher Fleischfresser wie ein avantgardistisch vorbeischleichender Schatten ist. Literarischer Fortschritt und literarische Setzkasten-Gewissheit vereinen sich hier zu einem vielfach pochenden und in der Essenz des Horrors widerhallenden Herz. Was ist Konnotation, was ist persönliche Bindung? Was ist vorhersehbar, was scheinbar unsagbar, unschreibbar? Hinter welchen Geschichten, hinter welchen Kreaturen lauert das unreine Böse, das möglicherweise von größerem Übel ist als der Tod selbst? Welche Interpretation verdreht die Geschichten nach dem Willen des Lesers? Denn: Nicht jede Horror-Story bewohnt ein Spukhaus; nicht jede Horror-Story stellt ein entstelltes Grinsen zur Schau oder bedient sich des quälenden Surrens der Kettensäge. Horror, die düsterste aller Fiktionen, die möglicherweise spekulativste aller kreativen Formen, beunruhigt, verunsichert, steigt wie eine unerbittliche Vogelscheuche von ihrer Sitzstange, um den Leser bis in den letzten sicher geglaubten Winkel zu verfolgen und auf ewig heimzusuchen; Horror ist die Axt, die der ruhelose Killer aus einem gespaltenen Schädel reißt – und Anatomie des Traumas schneidet schon während des kreativen Prozesses das Fett vom Textkörper, sodass dem Leser ausschließlich der jeweils eindrucksvollste Teil der Geschichten bleibt; Anatomie des Traumas lässt die Worte, die Wendungen in den Formulierungen für sich arbeiten, um den größtmöglichen Schrecken zu erzeugen. Die Umgebung wird zum Leben erweckt, und nur der Leser entscheidet, wie groß und grotesk die mit Blut gefüllte Chrom-Badewanne letzten Endes ist...
Anatomie des Traumas vereint 17 Top-Autorinnen und –Autoren in einer bemerkenswert originellen und eindringlich-düsteren Anthologie; ein musterhaftes Beispiel dafür, wie profund die Kreativen es vermögen, Angst und Schrecken zu arrangieren, wenn sie ein Verlag – hier: BÄRENKLAU EXKLUSIV – von der figurativen Kette lässt.
***
In diesem Band sind folgende Geschichten enthalten:
› Das Tattoo – von Marie Kamp
› Blutbande – von Andreas Ellefred
› Kraut aus dem Loch – von Stefan Hensch
› Kavárna – von Heinrich Goetz
› Die Gefilde der Seligkeit – von Christian Gallo
› Rotes Museum – von John Crowe
› Neu geboren – oder: Be – von Antje Ippensen
› Das Buch – Paul Brandl
› Die Zombie-Spiele – Michael Harte
› No-Way-Castle – von Thorsten Roth
› Eine Entscheidung mit Folgen – von Benyamen Cepe
› Höhle in die Vergangenheit – von Hubert Hug
› Todesarten (Konzeptblatt, 1976) – von Christian Dörge
› Das Buch der Finsternis – von Bernd Teuber
› Der Legionär – von Alexander Merow
› Das Porträt – von Christopher T. Dabrowski
› Vier Pfoten – von Roland Heller
***
von Marie Kamp
1.
Der einsame Reiter durchquerte eine, von hohen Felsen gesäumte Schlucht und sein Augenmerk war unstet auf seine Umgebung ausgerichtet. Er war weit weg von jeglicher Zivilisation und hier lauerte überall Gefahr. Ein raschelndes Geräusch erregte seine Aufmerksamkeit und er erblickte einen großen Sandskorpion, der sich rasch in den Schatten der Felsen verdrückte.
Die Gestalt des Reiters war in ein glänzendes, silbernes, leichtes Kettenhemd gehüllt, welches er unter einem leichten Cape trug und sein großes Schwert, das er an seinem Sattel befestigt hatte. Beides wies ihn als einen Krieger aus. Sein Schimmel war ebenfalls leicht gepanzert und ging im Schritt, ohne jegliche Furcht zu erkennen, auf den Ausgang der Schlucht zu, hinter der sich eine weite, steinige Ebene erstreckte.
Der Reiter zog ein schmales Pergament hervor, verglich die Landmarkierungen und nickte zufrieden. Er war zweifellos auf dem richtigen Weg. In der Ferne erblickte er inmitten von steinigem Geröll eine kleine Erhebung und seine Augen leuchteten. Ja. Das musste der Ort sein, an dem sich der Schatz, den er zu finden hoffte, befand. Gleichzeitig fuhr sein Adrenalinspiegel in die Höhe. Es war ruhig. Zu ruhig für seine Begriffe, und als er sich der unnatürlichen Steinformation näherte, sah er vier Kreaturen, die sich im Schatten des Steinhügels aufhielten, ihn misstrauisch beobachteten und nun ihre Keulen in ihre Hände nahmen. Es waren Felsentrolle und genau die hatte der Reiter auch erwartet. Als er sich ihnen auf etwa zwanzig Metern genähert hatte, zog er sein Schwert aus der Scheide und stieg von seinem Pferd. Die Felsentrolle wirkten zwar bedrohlich, aber er selbst hatte keinerlei Zweifel, mit ihnen fertig zu werden. Das hatte er schon oft erledigt und vier dieser Gestalten stellten kein Problem für ihn dar. Körperlich waren sie ihm unterlegen und auch ihre Waffen waren nicht dazu geeignet, ihm sonderlich zu Schaden, aber sie waren zu viert und kannten gegenüber einem Gegner keinerlei Gnade. Es waren Geschöpfe der Hölle und genau dorthin wollte er sie zurückschicken.
Der Krieger erwartete ihren Angriff, der fast Augenblicklich erfolgte und den er fast mühelos abwehrte. Einer der Trolle sank von seinem Schwert tödlich getroffen in den Staub und die anderen wurden nun vorsichtiger. Auf einen krächzenden Zuruf hin drangen nun alle drei gemeinsam auf ihn ein und nun musste er aufpassen, dass er nicht von einem wilden Hieb erwischt wurde. Ein weiterer Troll wurde von ihm in die Hölle geschickt, als er ein lautes Gelächter vernahm und die Erde unter seinen Füßen leicht erbebte. Ein riesiger Troll stapfte auf ihn zu und zeigte ein höhnisches Grinsen. In seiner Pranke hielt er einen großen Flegel, der am Ende der Kette mit einer, von Zacken bespickten Eisenkugel versehen war, die fast so groß war wie der Kopf des Kriegers.
Eine solche Gestalt hatte er noch nie zuvor gesehen und er stellte sich mutig der Bedrohung. Geschickt wich er den Schlägen des Riesen aus und landete einen Treffer auf dessen rechten Oberschenkel, der das Wesen aus der Hölle kurz zusammenzucken ließ, aber dann erwischte ihn ein Schlag an seiner Schulter. Wie von einer Urfaust gepackt taumelte der Krieger nach hinten und dort empfing ihn der Schlag eines der kleineren Felsentrolle. Der Krieger sank zusammen und wusste, dass er verloren hatte. Verzweifelt hielt er sein Schwert hoch, doch der Schlag mit der Eisenkugel, den er nun erhielt, beendete sein Leben.
»Verdammte Axt«, stieß Kevin aus, und warf voller Wut sein Headset auf den Computertisch, als in großen Buchstaben SIE SIND GESTORBEN auf dem Monitor erschien.
»Fast hätte ich ihn erwischt«, murmelte er, als er auf die Leiche seiner Spielfigur starrte, um die sich nun ein paar schwarze Geier stritten. Gerade, als er das Spiel neu starten wollte, wurde sein Krieger wieder neu belebt. Kevin ballte seine Faust und stieß ein lautes YES aus, als er einen Level-80-Zauberer erkannte, der ihn in seine Gruppe einlud und kurzen Prozess mit dem Bergtroll und seinen beiden Begleitern machte.
»Danke für die Wiederbelebung«, schrieb Kevin in den Gruppenchat.
»Keine Ursache«, meldete sich Sidomsa, der Nickname des Spielers. »Der Bergtroll ist für einen Level-50-Char eine echt harte Nuss.«
»Kann man wohl sagen. Viermal hab ich es jetzt schon versucht und dank deiner Hilfe ist er endlich draufgegangen.«
»Lust, bei uns in den Clan zu kommen?«, fragte Sidomsa. »Wir suchen immer nach engagierten Spielern.«
Kevin überlegte kurz.
»Warum nicht. Würde ich gerne machen.« Und Sekunden später erhielt er eine Einladung, die er freudig annahm.
»Haben wir ein Erkennungszeichen?«, fragte er.
»Alle Chars haben eine Tätowierung auf dem Unterarm«, meldete sich Sidomas.
Ein Fenster öffnete sich und Kevin blickte auf eine Assassine, die zwei gekreuzte Dolche vor ihrer Brust hielt.
»Die findest du im Shop und ist kostenlos.«
»Geiles Tattoo«, schrieb Kevin. »Das hab ich dort noch nicht gesehen.«
»Ist relativ neu. Ein paar von unserem Clan haben sich das sogar auf den Arm tätowieren lassen.«
»Ich wollte mir immer schon mal ein Tattoo stechen lassen, aber dafür hab ich keine Kohle.«
»Wo wohnst du denn?«, fragte Sidomas.
»Düsseldorf.«
»Echt jetzt? Dort betreibt eine Bekannte von mir einen Tattoo-Shop. Die macht dir einen Sonderpreis. Nenn einfach meinen Nickname. Für ’nen Hunderter sticht sie dir eins und glaube mir. Sie ist echt gut.«
Kevin überlegte nicht lange.
»Schau ich mir mal an. Gibst du mir die Adresse?«
»Klar doch. Für einen Clanbruder immer«, schrieb Sidomsa im Chat und fügte ein Smilie hinzu.
2.
Kevin betrat eine kleine Gasse in der Düsseldorfer Altstadt, die ihm vorher noch nie aufgefallen war, obwohl er sich dort recht gut auskannte.
Sieht ein bisschen aus wie die Winkelgasse aus Harry Potter, dachte er bei sich und erspähte einen kleinen Laden, über dem sich ein Schild Naamah´s Tattoo Studio befand. Der Laden selbst war mit getönten Scheiben verkleidet, und als er ihn betrat, blendete ihn ein grelles Neonlicht.
»Hallo«, rief er, da sich niemand in dem Laden befand.
»Was kann ich für dich tun?«, hörte er eine klangvolle, dunkle, weibliche Stimme hinter sich.
Kevin wandte sich um und blickte in ein paar katzenhafte, fast bernsteinfarbene braune Augen, die ihn sofort in ihren Bann zogen. Die Frau, welche diese Augen besaß, war von außerordentlicher Schönheit. Ihre hohen Wangenknochen formten ein herzförmiges Gesicht um das sich ihr wallendes, langes schwarzes Haar legte, und ihr vollen roten Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.
»Ich … ähh … ein Tattoo, ja, ein Tattoo«, stammelte Kevin und kam sich in diesem Moment wie ein Idiot vor.
»Sidomsa hat mich zu dir geschickt. Er meinte, dass ich …«
»Geschenkt. Du kommst von Sidomsa. Hast du dir schon ein Motiv vorgestellt? Ich bin übrigens Naamah.«
»Kevin. Nein, nicht wirklich. Irgendwas Martialisches, dachte ich.«
Naamah ging hinter den Tresen und legte eine Klarsichtmappe auf die Theke.
»Such dir was aus. Es geht nur um den Stil und was du davon wirklich haben möchtest besprechen wir dann. Meine Standard-Tattoos sind natürlich preiswerter als Sonderwünsche. Die kosten dich einen Hunnie, weil du ein Bekannter von Sidomsa bist.«
Kevin blätterte die Seiten um und dann entdeckte er das Tattoo mit der Assassine und den gekreuzten Dolchen.
»Das wäre nicht schlecht«, sagte er und deutete auf das Foto.
»Also das hier«, grinste Naamah, schob den Ärmel ihres Shirts nach oben und auf ihrer blassen Haut prangte genau dasselbe Tattoo.
»Du spielst auch Last of Knights? Dachte ich mir. Okay. Kann ich dir für einen Hunderter stechen. Wann willst du es machen?«
»Hm. Wenn du Zeit hast?«
»Hast Glück. Ein Kunde hat für heute abgesagt. Wenn du willst, können wir sofort loslegen.«
*
Eine halbe Stunde später lag Kevin in einem bequemen Liegesessel und Namaahs Nadel ging über seine Haut. Kevin hatte sich die ganze Sache viel schmerzhafter vorgestellt, aber er spürte die Einstiche der Nadel kaum. Verstohlen blinzelte er auf seinen Unterarm, wo sich schon ein paar Konturen der Assassine bildeten, und dann machte sich ein schläfriger Zustand in ihm breit. Seine Augen fielen zu und plötzlich schreckte er auf.
»Du kannst aufstehen Schlafmütze. Wir sind fertig«, hörte er Naamahs dunkle Stimme an seinem Ohr.
Leicht verwirrt öffnete Kevin seine Augen und schaute auf Naamahs Antlitz, das sich direkt über ihm befand.
»Schau es dir an, und wenn es dir nicht gefällt machen wir es wieder weg«, kicherte sie.
Kevin schaute auf seinen Unterarm und konnte nicht glauben, was er sah.
»Das … das ist fast Fotorealistisch«, stammelt er.
»So soll es sein. Ich bin eben die Beste«, grinste Naamah.
Das Tattoo war einfach grandios gestochen und Kevin hatte das Gefühl, auf ein dreidimensionales Foto zu blicken. Die Frau hatte dieselben bernsteingelben Augen wie Naamah und irgendwie glich sie auch der Tätowiererin, die jetzt aufstand und die Nadeln in ein Desinfektionsbad legte.
»Macht hundert Mäuse«, sagte sie und Kevin gab ihr den grünen Schein.
»Nach zwei Tagen machst du die Schutzfolie ab und danach immer schön eincremen«, sagte sie, wobei sie ihm eine Tube mit einer Tattoo-Creme in die Hand drückte. »Und wenn du ein weiteres haben möchtest … du weißt wo du mich findest«, zwinkerte Naamah ihm zu und verschwand hinter einem Vorhang.
*
Drei Tage waren vergangen, seitdem Kevin sich das Tattoo hatte stechen lassen. Die Schutzfolie hatte er inzwischen entfernt und nun strahlte es erst so richtig in seinem vollen Glanz. Fasziniert schaute Kevin auf das Meisterwerk, welches von seinen Freunden, sofern er überhaupt welche hatte, bestaunt wurde.
Kevin war schon immer ein Einzelgänger gewesen, ein Nerd halt, der sich in seine eigene Computerwelt zurückgezogen hatte.
Von der Statur her war er eher ein Strich in der Landschaft, mit Brille und strähnigen Haaren ausgestattet und in der Schule war er immer das Opfer gewesen, über das sich seine Klassenkameraden lustig gemacht hatten. Aber in der Welt der Computerspiele, wo er eine gewisse Anonymität wahren konnte, war er der Held, derjenige der das Sagen hatte und im Counterstrike war er ein gefürchteter Killer, der, sobald er auf dem Server unter seinem Nickname erschien, mit Achtung und Respekt behandelt wurde.
Immer wieder schaute er auf das Tattoo, was ihm merkwürdigerweise ein gewisses Selbstwertgefühl gab, und er es schon jetzt nicht mehr missen wollte.
*
Es war spät geworden, als er sich von einer LAN-Party kommend auf den Heimweg machte.
Die Stadt schien wie ausgestorben, als Kevin den Bilker Bahnhof erreichte, und er noch ein kurzes Stück Fußmarsch zu seiner Wohnung hatte. Sein Weg führte an der Düssel, die der Stadt seinen Namen gegeben hatte, vorbei, als er vor sich drei junge Männer sah, die nun langsam und provozierend auf ihn zukamen. Kevin schwante Unheil auf sich zukommen und wechselte die Straßenseite, aber die drei taten es ihm nach und versperrten ihm den Weg.
»Na. Ganz alleine unterwegs? Ist gefährlich nachts«, grinste ihn einer der drei an.
»Kommt schon, Jungs. Ich hab nichts dabei, was euch interessieren könnte«, entgegnete er und machte Anstalten, sich an der Gruppe vorbeizuschieben.
»Das wollen wir doch erst mal sehen«, baute sich einer von ihnen vor ihm auf. »Taschen leeren.«
Kevin machte sich vor Angst fast in die Hose, als er plötzlich eine Stimme in seinem Kopf hörte.
»Soll ich das für dich erledigen«, fragte sie und erschrocken stellte er fest, dass es die von Naahma, der Tätowiererin war.
»Was ist jetzt? Oder soll ich dir Beine machen«, hörte er die Stimme eines der Typen, der plötzlich ein Messer in seiner Hand hielt.
»Du musst es nur wollen«, hörte er wieder die Stimme in seinem Inneren.
»Hilf mir. Bitte«, stammelte er und die drei Typen brachen in ein Gelächter aus.
»Wer soll dir hier helfen?«, kicherte einer von ihnen, als sich plötzlich ein dunkelblaues Licht um sein Tattoo legte. Ungläubig schaute Kevin auf seinen Unterarm, von wo aus das Leuchten immer heller wurde, von seinem Arm ausstrahlte und sich eine astrale Gestalt manifestierte, die nun auf die drei Angreifer zuschwebte. Kevin stand wie angewurzelt da und sah die Panik in den Augen der drei. Plötzlich breitete die unheimliche Gestalt ihre Arme aus und Kevin erkannte zwei Messer in ihren Händen. Einer von den dreien wandte sich um und wollte die Flucht ergreifen, als die Gestalt kurz ausholte und eines der Messer nach im warf. Zielsicher drang es in dessen Nacken ein, und der Junge fiel wie von einem Hammer getroffen zu Boden. Die anderen beiden starrten die Erscheinung fassungslos an und das wurde ihnen zum Verhängnis. Blitzschnell fuhr der Arm der Kreatur nach vorne und mit dem verbliebenen Messer durchtrennte sie die Kehlen ihrer Opfer. Blut spritzte aus den Hälsen der beiden jungen Männer, die röchelnd zu Boden gingen und deren Körper wie unter Stromschlägen zuckten. Dieselbe blaue Aura, die von der Kreatur ausging, legte sich um die Körper der getöteten, bündelte sich, und fuhr dann gen Himmel.
»Ich wache über dich«, hörte Kevin Naamahs Stimme wieder in seinem Kopf und dann verblasste die Erscheinung wieder.
Es war totenstill und Kevin erwachte langsam aus seiner Erstarrung. Sein Blick fiel auf die drei toten jungen Männer und dann auf seinen rechten Unterarm, auf dem das Tattoo der Assassinin noch immer in leuchtenden Farben prangte, und für einen Moment glaubte er, dass sie ihn mit einem Auge zuzwinkerte.
Nur weg hier, schoss es ihm durch den Kopf und wie von Furien gehetzt rannte er das kurze Stück an der Düssel entlang zu seinem Zuhause, schloss mit fahrigen Bewegungen seine Wohnungstüre auf, warf sich auf das abgenutzte Sofa und atmete tief durch.
»War dies gerade wirklich passiert?«, fragte er sich halblaut und schaute sich erneut das Tattoo an, welches ihm nun völlig normal erschien. Und wo war die Stimme von Naamah hergekommen? Hatte ihn die Frau so in ihren Bann gezogen, dass sie ihn in seinen Gedanken nicht mehr losließ?
Kevin schüttelte kurz seinen Kopf, und langsam fuhr sein Körper wieder herunter.
Das alles ist nicht passiert, nur in deiner Fantasie, schalt er sich selbst. Entgegen seiner Gewohnheit, den Rechner hochzufahren, warf er sich eine Schlaftablette ein und nach kurzer Zeit setzte deren Wirkung ein.
Das ist die Realität, beruhigte er sich, als er ins Land der Träume überwechselte.
*
Am nächsten Morgen wurde Kevin von einem Sonnenstrahl geweckt, dessen Licht durch einen Spalt in den Gardinen genau auf sein Gesicht fiel. Blinzelnd öffnete er seine Augen, und verwundert stellte er fest, dass er nicht in seinem Bett, sondern auf seiner Couch lag. Er konnte sich noch daran erinnern, dass er gestern bei einem seiner Freunde auf einer LAN-Party gewesen war, und danach erschienen ihm seine Erinnerungen wie durch Watte. Irgendetwas hatte ihn aufgewühlt und dann hatte er eine Schlaftablette genommen und war wohl direkt hier auf dem Sofa eingeschlafen.
Kevin schälte sich vom Sofa, schlich zu seiner Portionskaffeemaschine mit Kaffeepads, brühte sich einen Kaffee auf und bewegte sich wie in Trance zur Dusche. Das lauwarme Wasser weckte seine Lebensgeister, und relativ erholt setzte er sich mit dem Kaffee bewaffnet vor seinen Rechner und fuhr diesen hoch.
Als Erstes öffnete er den Provider für die Nachrichten einer überregionalen Zeitung und als er den Headliner las, prallte er zurück.
Messermord in Düsseldorf. Drei tote junge Männer an der Düssel aufgefunden. Polizei tappt im Dunkeln
Schlagartig setzte seine Erinnerung wieder ein, und ihm wurde auf brutale Art und Weise bewusst, dass er den Tod der drei Jugendlichen auf dem Gewissen hatte. Aber war er das überhaupt? Wieder fiel sein Blick auf das Tattoo, das sich im Augenblick der Gefahr verselbstständigt und die drei getötet hatte. Es war Kevin bewusst, dass ihm niemand glauben würde und bestimmt hatte ihn irgendjemand auf seinem Heimweg gesehen. Hektisch überprüfte er seine Kleidung, aber er fand keinerlei Blut auf ihr. Im Grunde genommen konnte ihn niemand mit dem Mord in Verbindung bringen, und sein Adrenalinspiegel fuhr herunter. Kevin zappte auf einen der Nachrichtenkanäle und auch dort wurde von dem Mord berichtet.
Mach dir keine Sorgen. Du warst es nicht, hörte er wieder die Stimme in seinem Kopf.
»Nein. Ich war es nicht. Was willst du von mir?«, fragte er.
»Ich erfülle deine Wünsche. Du hast um Hilfe gebeten und ich habe sie dir gewährt.«
»Aber doch nicht, dass du die Typen umbringst. Wer bist du überhaupt? Du sprichst mit Naamahs Stimme.«
»Ich bin Naahma. Und du wirst lernen, mit mir zu leben. Ich erfülle dir alle deine Wünsche, aber dafür wirst du mir die Seelen von Menschen besorgen.«
»Das blaue Licht das gen Himmel fuhr. Das war dein Plan?«
»Ja. Die Seelen werden meinem Meister zugeführt. Das ist der Preis.«
»Dein Meister? Ist es Sidomsa?«
»Ja. Natürlich. Und nun gehörst du zu dem Kreis der Auserwählten. Aber wir verlangen Loyalität. Verstößt du dagegen, wirst du mit den Konsequenzen leben müssen.«
»So wie die drei von gestern?«, fragte Kevin skeptisch.
»Nicht so. Nicht auf diese Art und Weise.«
»Also bin ich eine Art Träger, ein Wirt.«
»Nein. Ich werde dich nicht beeinflussen. Alles liegt in deiner Entscheidung. Du kannst so weiterleben wie bisher, kannst deine Spiele spielen, dich mit Freunden treffen, dein bisheriges Dasein fristen und dich an deinem Tattoo erfreuen. Aber andererseits stehen dir alle Möglichkeiten offen, von denen du bisher nicht zu träumen gewagt hast. Reichtum, schöne Frauen und Macht. Was glaubst du, wie viele sich für diesen Weg entschieden haben? Sie es einmal so: Drei Menschen sind gestorben, weil sie dich angegriffen haben und im Grunde genommen hast du dich nur verteidigt, wenn auch auf eine andere Art und Weise«, kicherte Naamah. »Aber es hätte auch böse für dich ausgehen können, und sie hatten ihre Strafe verdient. Das war aber nicht deine Schuld.«
»Du stellst mir also frei, wie ich mich entscheide. Ich lebe mein langweiliges Leben weiter oder stellst mir Macht und Reichtum in Aussicht mit der Konsequenz, dass ich dir liefere, was du brauchst oder besser gesagt willst.«
»Ja. Aber bedenke. Schlägst du diesen Weg ein, musst du ihn weitergehen. Bedingungslos. Fasse das Geschehen von gestern Nacht als eine Demonstration unserer Macht auf. Ich lasse dich jetzt in Ruhe, aber du kannst mich jederzeit rufen. Ich bin in dir«, hörte er Naamahs verführerische Stimme.
3.
Eine Woche war vergangen und langsam verschwand der Mord in Düsseldorf aus den Schlagzeilen der Presse.
Niemand hatte ihn aufgesucht oder gar vorgeladen und Kevin lebte sein Leben wie bisher. Der Mord an den drei Jugendlichen wurde als Konflikt zwischen rivalisierenden Gruppen abgetan und Kevin betrachtete das Ganze mittlerweile als bösen Traum. Die Stimme in seinem Kopf hatte sich nicht mehr gemeldet und allmählich schob er es auf seine übermäßige Spielsucht, die seine Fantasie einfach überstrapaziert hatte. Kevin hatte stattdessen wieder Kontakt zu alten Freunden gesucht, mit denen er sich in ein paar Szenekneipen getroffen hatte. Er hatte sich optisch etwas verändert und kam wieder unter reale Menschen, was in den letzten Jahren nicht der Fall war, außer natürlich auf seiner Arbeitsstelle bei einer Versicherung. Aber dort hatten sich seine sozialen Kontakte arg in Grenzen gehalten, da er eben als Nerd immer außenvor stand.
*
Eines Abends saß er im Lets go, einer Szenekneipe in seiner Nähe und wartete auf seinen Freund Dominik, als zwei Frauen das Lokal betraten, von denen eine von ihnen ihn sofort in seinen Bann zog. Die Frau hatte langes, schwarzes Haar besaß ein rundes, hübsches Gesicht, aus dem zwei stahlblaue Augen blickten, welche die anwesenden Gäste musterten. Ihr Blick traf auf den von Kevin, und ein bezauberndes Lächeln huschte kurz über ihre blutroten Lippen.
Kevin war wie vom Blitz getroffen, und im selben Moment betrat Dominik die Gastronomie und winkte ihm kurz zu.
»Na, Alter. Endlich aus deinem Mauseloch gekrochen?«, grinste er ihn fröhlich an und setzte sich zu ihm an den Tisch.
»Ja. Wurde mal langsam Zeit wieder unter Menschen zu kommen. Und wenn ich mich so umgucke, war das eine meiner besten Entscheidungen«, grinste Kevin und schaute zu den zwei Frauen, die sich tatsächlich am Nebentisch der beiden niedergelassen hatten.
»Die müssen sich verlaufen haben«, raunte Dominik ihm zu. »Solche Geschosse hab ich hier noch nie gesehen.«
»Die Schwarzhaarige hat mir sogar zugelächelt«, sagte Kevin in leisem Tonfall und führte sein Bierglas zum Mund, als er von der Seite angerempelt wurde und der Inhalt des Glases über sein Hawaiihemd schwappte.
»Oh Scheiße. Tut mir unglaublich leid«, hörte er eine weibliche Stimme und blickte der Schwarzhaarigen direkt ins Gesicht.
»Macht doch nichts«, sagte Kevin mit einem breiten Lächeln im Gesicht, froh darüber, dass ihn solch eine Frau überhaupt angesprochen hatte.
Inzwischen hatte ihre Begleiterin ein Tuch vom Tresen besorgt und die schwarzhaarige Frau tupfte das Bier von seinem Shirt.
»Ich bin Karla und das ist meine Freundin Lea«, stellte sie sich vor.
»Kevin und der junge Mann hier ist mein Freund Dominik. Seid ihr öfter hier?«, fragte er, als sich beiden Frauen zu ihnen setzten.
»Nein, das erste Mal«, sagte Lea, die neben Dominik saß und diesen verstohlen musterte.
Lea war wie auch Karla gertenschlank, trug ihr honigblondes Haar kurz und ihre blauen Augen blitzten Dominik an.
»Wir sind diese Woche auf der CPD tätig und laufen dort für De la Salle. Den Tipp für die Bar haben wir von Tripadvisor.«
»Ihr modelt?«, echote Kevin.
»Ja und wir beißen nicht«, kicherte Karla, die nun für alle eine Flasche Dom Pérignon orderte.
Kevin schielte auf die Preisliste und ihm wurde schlecht, als er sah, dass die Flasche zweihundert Euro kostete.
»Kein Problem. Das ist doch das Mindeste«, sagte Karla, und als sie mit ihren Fingern über seinen Handrücken strich, traf es Kevin wie einen Stromschlag.
Einmal mit solch einer Frau …, schoss es ihm durch den Kopf und dann sah er, wie sein Tattoo kurz in einem hellen Blau erstrahlte. Sofort blickte er in die Runde, aber niemand schien das Aufleuchten bemerkt zu haben.
»Wir wollten noch zu einer Promotion-Party. Habt ihr Lust, uns zu begleiten?«, hörte er Karlas dunkle Stimme.
»Wir haben zufällig nichts anderes vor«, grinste Dominik, der sein Glück ebenfalls nicht fassen konnte.
»Dann los. Die Party steigt im Lions. Kennt ihr den Club?«, fragte Lea.
»Nicht wirklich«, murmelte Kevin, als er von seinem Stuhl aufstand und ein »Ja klar« herausquetschte.
Das passiert jetzt nicht echt, dachte er, als Karla sich bei ihm unterhakte.
»Doch. Das tut es«, hörte er plötzlich Naahmas Stimme in seinem Kopf. »Das ist real. Genieße es«, fügte sie mit spöttischem Tonfall hinzu.
Falls Kevin noch irgendwelche Bedenken gehabt hatte … diese waren förmlich durch die Anwesenheit von Karla hinweggewischt worden.
*
Das Lions kannten Kevin und Dominik eigentlich nur vom Hörensagen, weil der Club in keinster Weise ihrer Preiskategorie entsprach und sie vom optischen alleine überhaupt nicht in diese Gesellschaft passten. Aber mit ihren beiden neuen weiblichen Begleitungen hatten sie keine Probleme, den mondänen Club im Hafen von Düsseldorf zu betreten. Die beiden wurden von den wummernden Bässen der lauten Technomusik empfangen und die beiden Frauen steuerten zielsicher auf den VIP-Bereich zu, wo ein Mann des Sicherheitsdienstes kurz nickte, als er die Akkreditierung der beiden Frauen prüfte.
»Ich bin im falschen Film«, raunte Dominik seinem Freund zu, als er auf die Models starrte, die in Gruppen mit einem Glas Champagner bewaffnet ihren Körper zu den Technoklängen bewegten.
Lea führte sie zu einer kleinen Sitzgruppe, wo sich zwei Männer und eine Frau befanden, die sie herzlich begrüßten. Es gab Kevin einen leichten Stich, als Karla einen der Männer mit einem flüchtigen Kuss bedachte und dieser seine Hände um ihre Hüften legte.
Der Mann war groß, dunkelhaarig, hatte ein markantes männliches Gesicht und sein Auftreten war mehr als selbstsicher. Sein kritischer Blick fiel auf Kevin, nachdem Karlas Hand wieder in der seinen lag.
»Deine neueste Eroberung?«, fragte er mit einem spöttischen Grinsen an Karlas Adresse.
»Noch nicht, aber was nicht ist kann ja noch werden«, antwortete diese mit einem bissigen Unterton. »Genau deswegen habe ich mich von Jan getrennt«, wandte sie sich an Kevin. »Toleranz ist nicht gerade seine Stärke, wenn er überhaupt eine hat«, fügte sie hinzu.
Kevin sah, dass sich Jans Miene verzog, er sich abrupt umwandte und sich wieder auf die Couch verzog.
»Komm, lass uns tanzen«, sagte sie zu Kevin und zog ihn auf die volle Tanzfläche, wo Dominik und Lea ausgelassen feierten.
Kevin war glücklich wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er befand sich im angesagtesten Club Düsseldorfs und tanzte ausgelassen mit einer Frau, die für ihn einfach unerreichbar schien und die ihn mit ihren großen hellbraunen Augen anschaute. Aber was würde später sein? In seine Bude konnte er sie unmöglich mitnehmen, da diese eher einer Höhle als einer Wohnung glich.
»Mach dir darüber keine Gedanken«, hörte er Naamahs Stimme wieder und Kevin erschrak.
»Du weist immer was ich denke?«
»Natürlich. Ich bin immer bei dir. Das habe ich dir doch schon gesagt. Amüsiere dich und ich erfülle dir alle deine Wünsche, die du schon immer hattest.«
Kevin blickte Karla nach, die zur Toilette verschwand, um sich frisch zu machen, und er suchte ebenfalls die Herrentoilette auf, wo er auf Jan traf, der ihn mit einem abfälligen Blick betrachtete.
Jan kam auf ihn zu, packte Kevin an seinem Hemdkragen und schob ihn an die Wand.
»So, Freundchen. Du hattest deinen Spaß und jetzt seh’ zu, dass du von hier verschwindest. Du lässt deine schmierigen Finger von Karla, ist das klar?«, zischte er ihn an.
»Warum sollte ich? Auf solche Looser wie dich steht sie ja wohl nicht mehr«, grinste Kevin ihn an und im selben Moment erschrak er. Das hatte er nicht wirklich gesagt. Jan schaute ihn an, holte aus und in dem Moment leuchtete das Tattoo hellblau auf. Ein Strahl schoss aus seinem Tattoo und verschwand in Jans Oberkörper. Ungläubig schaute dieser nach unten und im nächsten Moment stieß Jan ein lautes Stöhnen aus.
»Was zum Teufel …«, keuchte er und dann sank er zusammen. Das Leuchten wurde stärker und Jan krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden. Er zerriss sein Hemd und seine Hände legten sich auf seine Brust um die Schmerzen zu lindern, aber das nutzte ihm nichts. Voller Panik sah er Kevin an und dann brachen seine Augen. Das Licht verblasste und verschwand dann endgültig, während eine blaue Aura sich um Jans Körper legte und nach oben in die Decke fuhr.
»Was hast du gemacht?«, dachte Kevin, der dem Ganzen fassungslos zugeschaut hatte.
»Ihm die Blutzufuhr zum Herzen gestoppt. Man wird einen Herzinfarkt feststellen. Er hat Karla gedemütigt, geschlagen und sonst noch einiges andere angetan. Er hatte es verdient.«
»Er ist tot«, schrie Kevin innerlich.
»Ja. Das ist er. Aber das hast du nicht zu verantworten. Trotzdem. Du hast deinen Deal erfüllt und ich erfülle meinen.«
»Wie meinst du das«, fragte Kevin lautlos, aber Naamah blieb stumm.
Kevin überlegte kurz, griff unter die Achseln des Toten, schleppt ihn zu einer der Toiletten und verschloss von außen die Türe mit einem Geldstück. Anschließend wandte er sich, ohne jegliche Gefühlsregung zu zeigen, nach draußen, wo er auf Karla traf und seinen Arm um ihre Hüften legte.
»Lass uns von hier verschwinden«, raunte er ihr ins Ohr und gemeinsam verließen die beiden das Lions.
4.
Drei Monate waren seit dem Zwischenfall im Lions vergangen und Kevin aalte sich in einem Liegestuhl in der untergehenden Sonne der Karibikinsel Guadeloupe.
Es waren in der Folgezeit einige Jans gewesen, die in seinem Beisein ihr Leben ausgehaucht hatten und der Kevin von früher gehörte der Vergangenheit an. Der Bann, in dem Naamah ihn gefangen hielt, hatte längst die Hoheit über sein Handeln und Tun gewonnen und sein Blick wanderte zu Karla, mit der er auf der Karibikinsel seine Zeit verbrachte.
Als sie ihm damals in seine Wohnung gefolgt war, hatte er diese nicht wiedererkannt.
Das Interieur war vom Feinsten und nichts, aber auch gar nichts war von seiner alten Höhle übriggeblieben. Und als Karla nackt wie eine Göttin aus dem Bad kam, hatte Kevin alle Bedenken gegen den Deal mit Naamah über Bord geworfen. Die Nacht, die er mit Karla verbracht hatte, würde er nie mehr vergessen und alle Wünsche, die er hatte, wurden ihm von Naamah auf wundersame Weise erfüllt. Er besaß nun eine Villa in Düsseldorf Lohausen, sein Fuhrpark umfasste von Mercedes bis Lamborghini alles, was das Herz begehrte, er schwamm im Geld und um seine Freundin beneidete ihn die gesamte Männerwelt, was ihm hinsichtlich des Deals mit Naamah zugutekam, da er so manchen Konkurrenten mit ihrer Hilfe aus dem Weg räumte. Skrupel hatte er schon lange nicht mehr, und er tat es mit dem biblischen Spruch ›Begehre nicht des nächsten Weib‹ ab, was in seinem Fall unweigerlich zum Ableben der Person führte.
Von all dem ahnte Karla, die sich hoffnungslos in den Nerd verliebt hatte, den sie zufällig in einer Szenekneipe kennengelernt hatte, nichts. Sie wunderte sich selbst darüber, da sie genau wusste, wie sie aussah, aber es gab außer Kevin keinen anderen Mann, zu dem sie auf wundersame Weise solche Gefühle hegte. Er bot ihr ein Traum von einem Leben und ihren Job als Model hatte sie längst an den Nagel gehangen. Karlas Blick ging zu der gecharterten Segeljacht, mit der sie am kommenden Tag zusammen mit Kevin zu einer Kreuzfahrt zu den anderen Inseln der Antillen aufbrechen würde. Und sie freute sich auf ihre Freundin Lea, die Kevin zusammen mit Dominik auf die Jacht eingeladen hatte. Kevin unterstützte seinen besten Freund in allen materiellen Dingen, wobei sie sich manchmal fragte, woher der ganze Reichtum kam. Aber merkwürdigerweise interessierte sie das nicht besonders. Er war einfach da und sie genoss ihr Leben. Es war einfach ein Traum, der für sie zur Realität geworden war.
»Freust du dich auf Dominik, Schatz?«, fragte sie Kevin, der neben ihr auf der weichen Poolliege lag und einen Caipirinha schlürfte.
»Na klar freue ich mich auf meinen Best Buddie. Und ich freue mich auch für dich, dass du Lea wiedersiehst. Besser kann es gar nicht laufen«, lächelte er ihr zu.
»Manchmal frage ich mich, womit ich das verdient habe«, murmelte Karla.
»Das frage ich mich auch«, dachte Kevin.
»Deal ist Deal«, hörte er Naamahs Stimme in seinem Kopf, was für ihn schon Alltag war. Er hinterfragte nicht, wo sie herkam und was sie eigentlich war. Sie war einfach das Wesen, das ihm alle Wünsche erfüllte und das reichte ihm. Ihre Opfer waren nur Fremde, irgendwelche Personen zu denen er keinerlei Beziehung hatte und die ihm mehr oder weniger zufällig über den Weg gelaufen waren.
*
Am nächsten Tag holten die beiden ihre Freunde vom Flughafen Pointe a Pitre ab und fuhren direkt zum Porte De Basse Terre, wo sich die gecharterte Segelyacht befand.
»Drei Wochen faulenzen«, sagte Dominik zufrieden, als er die Segelyacht in Augenschein nahm und legte Kevin seinen Arm auf seine Schulter.
»Unser Leben hat sich krass verändert«, fügte er hinzu. »Meine Firma boomt und im Grunde weiß ich gar nicht warum. Es gibt so viele IT-Unternehmen und das sich ein Weltkonzern wie ABS-Consulting ausgerechnet für mich entschieden hat, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Angefangen hat eigentlich alles mit den beiden«, lächelte er und schaute auf Lea und Karla, die munter miteinander plauderten.
»Ja. Das Leben schreibt schon merkwürdige Geschichten«, murmelte Kevin, der über Naamah dafür gesorgt hatte, dass Dominiks kleines IT-Unternehmen derart expandierte, sodass er sich ein luxuriöses Leben leisten konnte.
*
Zwei Tage lang segelten sie durch die Inselwelt der unteren Winde, als der Kapitän des Seglers nach dem Auslaufen vom Hafen der Insel Martinique seine Gäste aufsuchte, die sich auf dem Vordeck auf ein paar Liegen in der Sonne aalten.
»Der Wetterbericht hat eine unruhige See angekündigt. Nichts, womit wir nicht fertigwerden, aber wenn sie möchten, können wir nach Martinique zurückkehren und dort im Hafen Schutz suchen. Allerdings ist es bis St. Lucia nicht mehr weit und wir können das Ziel erreichen, bevor es ungemütlich wird«, eröffnete er der kleinen Gruppe.
Kevin sah seine Begleiter an und diese nickten kurz.
»Wenn es geht steuern wir St. Lucia an«, sagte Kevin.
»Ich wollte es Ihnen nur mitteilen. Wir werden die Motoren des Schiffes starten, sodass es zu keinen Unannehmlichkeiten kommt.«
Der Kapitän verschwand wieder auf die Brücke und nach etwa einer Stunde Fahrt sahen die vier dunkle Wolken am Horizont aufsteigen.
»Das sieht mir aber nicht nach nur einer unruhigen See aus«, sagte Dominik mit belegter Stimme, als sie die ersten Blitzgewitter beobachteten.
»Die Besatzung weiß schon, was sie tut«, beruhigte Kevin ihn, »aber ich geh mal zur Brücke und frage nach.
Als Kevin die Brücke betrat, sah er in die sorgenvollen Mienen des Kapitäns und seines Stellvertreters.
»Sieht nicht gut aus«, murmelte Kevin.
»Nein, Sir. Das Wetter hat sich zu einem Sturm entwickelt. Eben kam die Nachricht rein. Aber wir befinden uns etwa zwanzig Seemeilen vor St. Lucia. Hoffen wir, dass wir rechtzeitig einlaufen, sonst wird es ungemütlich. Ich möchte Sie bitten, die Schwimmwesten anzulegen und unter Deck zu gehen.«
Mit einem mulmigen Gefühl ging Kevin zurück zu den anderen und hörte in sich hinein, aber Naamah blieb stumm, was ihm einige Sorgen bereitete.
Der Sturm wurde immer heftiger und entwickelte sich allmählich zu einem Orkan. Der Segler stampfte durch die aufgewühlte See und langsam breitete sich Angst unter den Passagieren aus. Kevin kämpfte sich unter dem Schwanken des Schiffs nach oben und erblickte große Wellen, die der Segler mit Mühe abritt.
»Bleiben Sie unter Deck«, fuhr ihn der Kapitän an. »Wir haben das im Griff. Machen Sie sich keine Sorgen. St. Lucia ist zehn Seemeilen voraus und die Küstenwache weiß Bescheid.«
Kevin nickte und wollte sich wieder unter Deck begeben, als er auf eine riesige Wasserwand starrte, die sich seitwärts in rasender Geschwindigkeit auf das Schiff zubewegte. Kevin wusste genau, dass das Schiff dem Aufprall dieses Klabautermanns nicht standhalten würde, und im nächsten Moment wurde der Segler von dieser Monsterwelle erfasst. Einer der Masten knickte um wie ein Streichholz, und das große Schiff legte sich auf die Seite.
Voller Panik dachte er an seine Freundin, an Dominik und Lea, die hilflos im Inneren des Schiffs gefangen waren und dem sicheren Untergang geweiht waren. Er selbst wurde wie ein Gliederpuppe in die aufgewühlte See gewirbelt und nur dank seiner Rettungsweste, die ihn von dem sinkenden Schiff wegtrug, trieb sein Körper auf der gigantischen Welle wie ein Korken. Und natürlich war ihm sofort bewusst, dass er nicht sterben würde. Sein Körper trieb rasch ab und er sah den Kiel des Schiffes, der steil nach oben ragte, bevor der Segler endgültig von der kochenden See verschlungen wurde.
»Alle Neune«, hörte er Naamahs kichernde Stimme.
Kevin wusste, was sie meinte, da die Besatzung aus sechs Männern bestand, die nun in der Tiefe der See zusammen mit seinen Freunden ihr Grab gefunden hatten.
»Warum?«, löste sich ein lautloser Schrei in seinen Gedanken.
»Der Meister braucht Seelen«, antwortete Naamah emotionslos, bevor eine Welle über ihm zusammenbrach und ihn in eine gnädige Ohnmacht beförderte.
5.
Als Kevin die Augen aufschlug, umfing ihn die Schwärze der Nacht.
Er lag, soweit es ihm die Sicht durch das Mondlicht gestattete, auf einem langgezogenen Sandstrand und in der Ferne erblickte er ein paar Lichter. Fetzen von Musik drangen an sein Ohr und mühsam rappelte er sich auf. Er trug immer noch die gelbe Schwimmweste und hatte überhaupt keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Langsam setzte seine Erinnerung wieder ein und ein Strom von Tränen lief über sein Gesicht. Karla, Lea, Dominik, alle tot und ertrunken an Bord dieses vermaledeiten Seglers, aber gleichzeitig wunderte er sich darüber, dass der Himmel über ihm sternenklar war und je näher er dem Licht zuwankte, erkannte er, dass es sich um eine Strandbar handelte, die recht gut besucht war, und die Menschen ausgelassen unter den Klängen der Reggaemusik tanzten. Nichts deutete auf einen gerade überstandenen Orkan hin und erschöpft warf er sich in einen der Korbsessel.
»Vom Boot gefallen?«, hörte er eine amüsierte, weibliche Stimme, die ihn in Englisch ansprach und als er dem Klang der Stimme folgte und die Frau anblickte, traf ihn fast der Schlag. Vor ihm stand Karla, jedenfalls glich die Frau ihr bis ins kleinste Detail.
»Ich … ähhh … ja. Könnte man so sagen. Ich war mit einem Segler unterwegs und wir haben während des Sturms Schiffbruch erlitten. Ich bin dann hier am Strand aufgewacht, aber meine Freunde sind …«
Kevins Stimme brach und er verbarg sein Gesicht in den Händen.
»Welcher Sturm?«, fragte die Frau, setzte sich neben ihn und legte ihm ihren Arm um seine Schultern.
»Na der über den Inseln getobt ist«, sah Kevin sie verständnislos an.
»Wir haben schon seit Monaten keinen Sturm mehr erlebt, oder siehst du hier irgendwelche Trümmer?«
Kevin schaute sich um.
»Aber …«, stammelte er, und ein fürchterlicher Verdacht stieg ihn ihm auf.
»Du … ihr … ihr habt?«, formten sich seine Gedanken.
»Wie ich dir schon sagte: Der Meister braucht Seelen, die du ihm verschaffst. Aber was grämst du dich? Du hast eine neue Karla«, hörte er Naamahs amüsierte Stimme.
»Ich bin Rosa. Komm erst mal mit. Du wirkst sehr verstört«, riss ihn Rosas Stimme aus seinen Gedanken.
Wie in Trance folgte er der jungen Frau, die ihn zu einem kleinen Haus in einer der Gassen von Soufriere führte und er sich auf einer alten Couch niederließ.
»Wo kommst du her?«, fragte Rosa ihn, während sie einen Kaffee aufbrühte.
»Meine Freunde und ich waren mit einem Segler von Guadelupe unterwegs, als uns ein Sturm traf und die Yacht unterging. Ich wurde über Bord geschleudert und dann gingen bei mir die Lichter aus.«
Mit skeptischem Blick musterte Rosa ihn.
»Glaube mir: Es gab keinen Sturm.«
»Und warum renne ich mit einer gelben Schwimmweste herum? Ich bin übrigens Kevin«, lächelte er.
»Deutscher?«
»Ja. Wir haben hier Urlaub gemacht und jetzt …«
Verflucht nochmal. Wieso sprach er fließend Englisch?
»Ruh dich aus. Ich muss zurück in die Strandbar. Ich sehe später nach dir. Wenn du Lust hast? Da liegt ein Joint. Vielleicht bringt dich das wieder runter«, lächelte sie und verschwand nach draußen.
Kevin lehnte sich zurück und seine Gedanken gingen zu Karla, Dominik und Lea. Sie waren seine Freunde gewesen, Karla die Liebe seines Lebens und von einem auf den anderen Moment waren sie nicht mehr da. Einfach verschwunden. Weg.
»Ich will das nicht mehr.«
»Du hast dich entschieden, und es gibt keinen Weg zurück, ohne Konsequenzen«, hörte er Naamah, deren Stimmlage nicht wie sonst erschien, sondern drohender, bestimmender. »Das ist der Preis für dein neues Leben. Nichts gibt es umsonst.«
Kevin griff nach dem Joint und steckte ihn an. Seit diesem einen Abend hatte er keinen mehr geraucht und auch nicht, wie früher, das Verlangen danach gehabt, aber jetzt hatte er es bitter nötig seinen Verstand zu betäuben.
»Warum sieht Rosa wie Karla aus?«
»Weil du sie dir so vorstellst. Auch Karla sah in Wahrheit nicht so aus, aber sie entsprach deiner Vorstellung der idealen Frau. Nur du hast sie so gesehen und ich habe sie natürlich manipuliert. Sie sah in dir das Idealbild eines Manns, so wie jetzt bei Rosa. Sie wird sich unsterblich in dich verlieben. Sie kann gar nicht anders«, kicherte Naamah.
»WER BIST DU?«
»Ich bin Naamah, und ich erfülle die tiefsten und sehnsüchtigsten Wünsche der Menschen.«
»Und wer ist Sidomsa?«
»Errätst du es nicht? Lies seinen Namen rückwärts.«
»ASMODIS«, echote Kevin.
»Mein Herr und Gebieter. Alle Dämonen dienen ihm und er gewährt uns seine Gunst, wie auch dir. Aber Untreue wird auf das Grausamste bestraft.«
Kevin merkte, wie Naamahs Stimme in seinem Kopf leiser wurde und er starrte auf den Joint. Gleichzeitig spürte er die Wirkung des Cannabis und seine Gedanken wurden freier. Wie aus einem Nebel hörte er Naamahs Stimme, die zu Wortfetzen wurden und schließlich verstummten.
Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich Kevin frei und seine Gedanken wurden, trotz der Droge, klarer. Naamah war weg. Das spürte er und gierig zog er erneut an seinem Joint. Sein Blick fiel auf das Tattoo und es erschien ihm, als wenn es etwas verblasst wäre. Kevin sprang von der Couch auf und schwankte leicht, aber er fühlte sich wie befreit. Er nahm einen weiteren Zug von seinem Joint, verließ das Haus und rannte zu der Bar, wo er Rosa wusste.
»Ich habe noch zwei Stunden. Kannst du es nicht abwarten, mich zu sehen?«, schmunzelte sie, als Kevin auf sie zukam und ihre Schultern packte.
»Einen Tätowierer. Ich brauch einen Tätowierer, aber einen echt guten. Er muss mir das hier entfernen.«
Kevin hielt Rosa sein Tattoo hin und sie schaute ihn erstaunt an.
»Das ist das geilste Tattoo das ich je gesehen habe, und das willst du entfernen?«
»Es ist der Grund allen Übels«, stieß Kevin hastig hervor. »Ich kann es dir jetzt nicht erklären, aber es muss weg. Und ich brauche einen Joint. Sofort.«
Rosa schaute ihn mit einem schrägen Blick an.
»Warte einen Moment«, sagte sie, sprach kurz mit einem Mann hinterm Tresen und kehrte zu Kevin zurück. »Komm mit.«
*
»Steven? Mach auf«, rief Rosa, die vor einer Ladentüre stand und mit ihren Fäusten dagegenhämmerte.
Das Licht im Laden ging an und die beiden hörten schlurfende Schritte, die sich zur Tür hinbewegten. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss und eine verschlafen wirkende Gestalt erschien im Türrahmen, die sich einen Spalt weit öffnete.
»Bist du irre? Weißt du, wie spät es ist?«
»So spät nun auch wieder nicht«, grinste Rosa. »Und du hast doch nicht gepennt, wenn ich das richtig rieche.«
»Was willst du?«
»Lass uns erst Mal rein und dann erklärt Kevin dir, worum es geht.«
»Wer ist Kevin?«, murmelte die Gestalt, die nun zur Seite trat und die beiden einließ, während Kevin ihm kurz zuwinkte.
»Kannst du ein Tattoo entfernen?«, fragte Rosa ihn direkt.
»Jetzt? Sofort? Und deshalb kreuzt ihr hier mitten in der Nacht auf? Hat das nicht Zeit bis morgen?«
»Du kannst es also«, stellte Kevin fest.
»Ja. Aber …«
»Wie lange dauert das?«
»Kommt drauf an. Zeig mal her«, brummelte Steven. »DAS willst du wegmachen? Das ist ein Meisterwerk«, stieß er aus und war sofort hellwach, als er das Tattoo begutachtete.
»Ja. Jetzt und sofort und gib mir einen Zug von deinem Joint. Ich brauch den dringend.«
Wortlos reichte Steven Kevin seinen Joint und dieser nahm einen tiefen Zug.
»Aber du brauchst mehrere Sitzungen. Das kann ich nicht mit einem Mal …«
»Ist mir egal. Es muss weg, selbst wenn es Narben gibt. Notfalls nimm einen Kartoffelschäler.«
Steven schüttelte nur mit dem Kopf und nickte Kevin zu, dass er Platz auf dem Tätowierstuhl nehmen sollte, während Rosa sich mit einem Kuss auf die Wange von Kevin verabschiedete und zu ihrer Bar zurückkehrte.
»Na dann los«, sagte er und warf den Laser an.
*
Kevin lag entspannt in dem weichen Sessel und ließ Steven seine Arbeit machen. Er war total stoned, und so fühlte er den Schmerz nicht so intensiv, da der Laser seine Epidermis förmlich verbrannte.
»Vom Tattoo zum Branding. So was hab ich auch noch nicht gemacht«, murmelte Steven, der den Laser über Kevins Haut führte. Kevin schielte auf seinen Unterarm, der jetzt wieder von einem blauen Licht umgeben wurde, was allerdings nicht von Naamah ausging. Sie hatte sich nicht wieder gemeldet und Kevin war sicher, dass, wenn das Tattoo entfernt war, er sie endgültig loswerden würde. Steven arbeitete recht schnell und schon nach einer Stunde war die Hälfte des Tattoos entfernt.
*
»Hast du wirklich geglaubt, dass du auf diese Weise deinem Schicksal entkommen kannst?«, hörte Kevin plötzlich eine donnernde, männliche Stimme. Er erstarrte und Panik kam in ihm auf. Die Stimme war nicht in seinem Kopf, sondern sie schallte durch den ganzen Raum. Er vernahm eine Art von Schwefelgeruch und plötzlich manifestierte sich eine Gestalt, die aus einem Albtraum entsprungen hätte sein können. Das Gesicht der Gestalt war länglich und hatte ein ziegenhaftes Aussehen, wobei sich zwei Widderhörner an den Seiten des Schädels der Kreatur befanden. Die Ohren waren spitz und sie schaute Kevin aus zwei hellblauen, punktförmigen Augen an.
Kevin hörte Steven laut aufschreien, der nun wie von einer Urfaust gepackt durch den Raum gewirbelt und sein Körper an die Wand geschmettert wurde, an der er leblos herunterrutschte.
»Naamah hatte keinen Kontakt mehr zu dir. Schlau angestellt. Da habe ich mich in dir nicht getäuscht, aber für mich gilt so etwas natürlich nicht.«
»Du bist Asmodis«, stammelte Kevin.
»Der bin ich und deshalb werde ich dich für deine Ungehorsamkeit bestrafen«, kicherte das unheimliche Wesen.
Kevin sah, wie Stevens Körper mit einer blauen Aura umgeben wurde und dann traf ihn selbst ein Lichtblitz, der Kevin sofort ins Reich der Finsternis beförderte.
6.
Der Felsentroll beobachtete aus seiner Höhle, wie sich ein Reiter der Felsenformation näherte.
»Kundschaft, Leute«, raunte er seinen beiden Spießgesellen zu, die sich jeder eine Keule schnappten. Er selbst griff zu einem blitzenden Schwert, welches sich blutrot färbte, als er es in seine Pranken nahm. Er hatte es während seiner Streifzüge durch die Wüste in einer Kiste gefunden und rasch festgestellt, dass es magische Fähigkeiten hatte.
Der Reiter in seiner blitzenden Rüstung hatte nun die schroffen Felsen erreicht, als die drei Trolle sich ihm in den Weg stellten und ihn feindselig anblickten.
»Ein Mid-Level«, grinste einer der Trolle, als der Ritter auf sie zukam und eine Axt in seinen Händen hielt. Ohne Verzögerung griff er die drei Trolle an, von denen einer, nachdem er einen Hieb mit der Axt erhielt, sich sofort ins Jenseits verabschiedete. Der Troll mit dem Schwert jedoch wich geschickt den Angriffen des Kriegers aus und es wäre ihm ein Leichtes gewesen ihn niederzustrecken, aber dafür war er nicht hier. Er fügte dem Krieger beträchtlichen Schaden zu und verletzte ihn dermaßen, dass er auf die Knie sank, als plötzlich ein Mann auftauchte, der mit seinem Stecken in der Hand unschwer als Zauberer zu identifizieren war. Er tauschte einen kurzen Blick mit dem Troll aus und dann fuhr ein blauer Strahl aus seinem Stab auf den Troll zu, worauf dieser sich wie durch einen Stromschlag wand und langsam zu Boden sank, wo er sich nicht mehr rührte, um sich dann gänzlich aufzulösen. Der Zauberer hingegen widmete sich dem am Boden liegenden verletzten Krieger zu, gab ihm ein Elixier zu trinken, worauf sich dieser rasch erholte.
»Glück gehabt, dass ich gerade vorbei kam«, sagte er zu ihm und streckte ihm seinen Arm entgegen.
»Ja. Danke. Geiles Tattoo. Gibt es das im Shop?«, fragte der Spieler, der hinter der Kriegerfigur steckte.
»Ja. Und ich kenne jemanden der es dir stechen kann, wenn du es willst und du in unseren Clan möchtest«, erwiderte der Zauberer.
*
»Wie lange noch, Meister«, seufzte Kevin, als er wieder in der Gestalt des Felsentrolls spawnte und sich das Schwert schnappte.
»Du machst dich gut, und ich denke, dass du deine kleine Lektion gelernt hast. Nicht mehr lange, aber ein bisschen leiden musst du schon noch«, grinste Asmodis, für den Zeit überhaupt keine Rolle spielte. Er stieg auf sein Pferd und ritt in die Richtung der Felsenschlucht, während Kevin auf seinem Schwert gestützt, ihm sehnsüchtig nachblickte. Aus der Ferne bemerkte er erneut eine Gestalt auf einem weißen Pferd, welche langsam näher kam und ihm erneut einen immer wiederkehrenden Albtraum bescherte, aus dem er niemals wieder aufwachen würde.
ENDE
von Andreas Ellefred
Argwöhnisch drehte ich die Karte in den Händen, hielt sie näher an die Petroleumleuchte. Eine geschwungene, elegante Herrenhandschrift. Dunkle Tinte, die sicher mit einer Stahlfeder aufgetragen worden war, zeichnete sich deutlich auf dem feinen kartonartigen Papier in beiger Farbe ab. Ich achte gerne auf solche Details.
»Werter Mr Timothy Abanathy,
ich erlaube mir hiermit, Sie zu einem geschäftlichen Rendezvous, Ihre Kunst betreffend, einzuladen. Es wäre mir eine Freude, sollten Sie mir die Ehre Ihres Besuches zuteilwerden lassen.
In fester Hoffnung auf Ihre Zusage, entsende ich Ihnen eine Kutsche, welche Sie zu mir bringen mag. Erwarten Sie diese bitte etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang.
Es wäre wünschenswert, könnten Sie Stillschweigen über die ganze Angelegenheit bewahren. Sehen Sie mir diese etwas ungewöhnlich anmutende Bitte nach, denn im Verlaufe unseres Gesprächs werden Sie verstehen, was mich hierzu veranlasst hat.
Seien Sie versichert, es wird Ihr Schaden nicht sein, selbst wenn Sie kein weiteres Interesse an meinem Auftrag zeigen sollten.
Sie in aller Form grüßend,
D.«
Das gezeichnete Gesicht einer Dame mittleren Alters zierte die Vorderseite der Karte, welche ich in einem ebenfalls beigen Umschlag erhalten hatte. Dieser wies nur meinen Namen, aber weder meine noch eine andere Adresse auf. Ein Bote musste die geheimnisvolle Einladung unter meiner Tür hindurchgeschoben haben, während ich mich nicht daheim befunden hatte.
Gedankenverloren ließ ich meinen Blick durch das Fenster in dem Dachgeschossraum, welchen ich hochtrabend ›mein Foto-Atelier‹ zu nennen wagte, schweifen. Der rauchverhangene Himmel über London ließ keinen Zweifel an der fortschreitenden Industrialisierung und ihrem Preis aufkommen. Angeblich mied selbst Queen Victoria den Moloch so gut es ihr möglich war …
Einen Moment später rang ich mich zu einer Entscheidung durch. Auch wenn ein Arrangement dieser Art doch eher unüblich in meiner Branche war, konnte ich nicht ausschließen, es mit dem ernstgemeinten Angebot eines finanzkräftigen Auftraggebers zu tun zu haben.
Allein die Karte kostete mehr als ich für die Mahlzeiten eines Tages zu zahlen in der Lage wäre. Der finanzielle Aufwand, mir erst einen Boten und später am Tag auch noch eine Kutsche zu schicken, zeugten von einer Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit, die mir in der Art noch nicht untergekommen waren.
So kam es, dass ich mich ein weiteres Mal an diesem Tage rasierte und mir mein feines Halstuch umband, bevor ich mich in das helle Hemd zwängte. Dieses hatte ich vor einem Jahr in gutem Zustand und nur eine Winzigkeit zu klein bei einem Trödler erstehen können. Den Riss am Rücken, welchen ich nur notdürftig zu flicken in der Lage gewesen war, würde man nicht sehen, solange ich meine Weste nicht ablegte.
Nachdem ich meine Stiefel, so gut es mir ohne Fett möglich war, geputzt hatte, zog ich sie, die graue Weste und auch meinen schwarzen Gehrock an. Mit leichter Anspannung schaute ich erneut zum Fenster und schätzte, dass mir nur noch wenige Augenblicke blieben, um pünktlich auf die Straße hinauszutreten. Eine Fluse vom Zylinder wischend, betrat ich die schmale Treppe.
Der allgegenwärtige Geruch von Kohlefeuern und Kaminschloten lag über der Stadt und machte mir das Atmen schwer. Auch wenn es bereits dunkel war, wusste ich, ohne es sehen zu können, dass die meisten Bewohner der Hauptstadt unseres ruhmreichen Empires Schwarz als Bekleidungsfarbe vorzogen. So war es wenigstens zum Teil möglich, die vielen unumgänglichen Rußflecken zu kaschieren.