Astrologie der Reformationszeit - Jürgen G. H. Hoppmann - E-Book

Astrologie der Reformationszeit E-Book

Jürgen G.H. Hoppmann

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Beschreibung

Rezension Dr. Rüdiger Plantiko zur Druckausgabe von 1998: Es gibt viele Wege, die Astrologie kennenzulernen. Einer davon ist, sich mit einer Kulturepoche zu befassen, in der die Astrologie in voller Blüte stand. Über das Studium der Biographien einzelner Gestalten der Astrologiegeschichte darf man hoffen, der Praxis der Astrologie näherzukommen. Wer diesen Weg gehen will - oder wer sich einfach von dem bunten und lebensfrohen Panorama bezaubern lassen will, das der Verfasser von der Zeit des Humanismus und der Renaissance vor unseren Augen enthüllt, - dem sei die Astrologie der Reformationszeit wärmstens empfohlen. In zwölf Kapiteln - den Tierkreiszeichenthemen entsprechend - führt uns der Autor zwölf verschiedene Blickwinkel vor, unter denen sich das Thema Astrologie zur Reformationszeit darbietet. Es ist die Zeit wahnwitziger Sintflutprognosen, die Zeit gewaltiger politischer und religiöser Umbrüche. Die Bauernkriege sind der Anfang vom Ende der Feudalherrschaft. Mit der Reformation erlebt das Christentum die seit seiner Gründung wohl schwersten Erschütterungen.

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Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Astrologie der Reformationszeit
Faust, Luther, Melanchthon und die Sternendeuterei
Vorwort
Von Planeten vnd Zeichen dess himlischen Cirkeln vnd der 12. Zeychen Qualitäten.
Zwei Gesichter hat die Zeit
Elektionshoroskop der Leucorea
Freiheit oder Schicksalszwang
Die großen astronomisch-astrologischen Kirchenuhren
Von dem Wassermann
Saturno
Glaube, Ahnungen, Gewissheit
Legendäre Sintflutprophezeiung
Pioniere der Gestirnsprognose
Erste Geburtshoroskope
Roms Wahrsager und die Gnostik
Toleranz des Islam
Iudicia – wie Christen Horoskope deuten dürfen
Von den Fischen
Von dem Jupiter
Pionierarbeit in der Diaspora
Kämpfe der Hohenzollern
Geheimdiplomatie eines Sternendeuters
Die Obrigkeit entgeht dem Weltuntergang
In diplomatischen Diensten
Ein fiktiver Epitaph
Kontinuität astrologisch-politischer Beratungspraxis
Die Gesandten
Ehrenrettung posthum
Von dem Widder
Von dem Mars
Standpunkte
Tücken der Rektifikation
Das Erstgeburtsrecht für eine Bibliothek
Lichtenbergers Vaticinum
Zwei Briefe nach Nürnberg
Prominentenastrologen als Plagiatoren
Immer mehr Horoskopvarianten
Und was war er nun wirklich für ein Mensch?
Noch einmal: Luthers Horoskop
Von dem Ochsen oder Stier
Von dem Planeten Venus
Spielarten des Intellekts
Praktik contra Praxis
Das Geschäft mit der Schuld
Bildung, die neue Finanzquelle
Das Täuferreich von Münster
Praeceptor Germaniae
Ein physikalisches Verständnis der Astrologie
Initia doctrine physicae
Rantzau und die Iatromathematik
Die zweite Universitätsgründung
Des Nolaners schönste Zeit
Von den Zwillingen
Von dem Mercurio
Volkskalender und Herrscherhoroskope
Das Denken im Kreise
Der Weißkönig
Hekate und Triglav
Der kleine Tod
Traumwelten
Besoffene Sternendeuter
Von dem Krebs
Von dem Mon
Der Künstler, ein Abbild Gottes
Sol Justitiae
Das Abendmahl
Christuspose und Künstlermelancholie
Dort Mäzene, hier Bildersturm
Von dem Löwen
Von der Sonnen
Freude und Pflicht
Die Freiheit der Huren
Seuche des Himmels
Buchstabengläubigkeit
Rettung der Phänomene
Tabulae Pruthenicae
Von der Jungkfrawen
Von den Häusern
Modelle kosmischer Harmonie
Das Sternenschloß
Protestantische Bigamie
Himmelskunde – ein Frondienst
Diplomatisches Königshoroskop
Ein ästhetisches Himmelsmodell
Kosmisches Mysterium
Buchstabenrätsel aus Italien
Von der Wagen
Von den Aspecten
Schattenthemen
Ausrottung des „Bösen“
Heilkundige Hexen
Der Gang in die eigene Tiefe
Im Zeichen der gekrönten Fledermaus-Schlange
Religion – ein Machtspiel
Dem Geist auf die Schnauze
Sieben Todsünden
Von dem Scorpion
Von dem Aderlasse
Himmlische Sphärenklänge
Eine moderne Planetensinfonie
Sirenen- und Mönchsgesänge
Okkulte Musiktheorien
Ut Sol inter planetas ...
Kastratengesänge
Saturnalien - ausschweifende römische Sternenkultorgien
Sächsisches Planetenballett
Sieben Planetenlustbarkeiten
Astraler Herrscherkult
Von dem Schützen
Von Sonnenuhren und der 12. Zeychen Qualitäten
Astralmythen - Wissenschaft grenzt sich ab
Forschung und Ethik
Erschlichene Doktorwürden
Ein Ort absoluter Normierung
Der englische Merlin
Ich studierte es - ihr nicht!
Christentum als Astralkult
Glückliches Ende eines Forscherlebens
Von dem Steinbock
Von den Stunden Regenten und Erwehlungen in allen Anfängen
Anhang
Literatur
Bislang vom Autor erschienen

Astrologie der Reformationszeit5

Faust, Luther, Melanchthon und die Sternendeuterei5

Vorwort6

Von Planeten vnd Zeichen dess himlischen Cirkeln vnd der 12. Zeychen Qualitäten.8

Zwei Gesichter hat die Zeit10

Elektionshoroskop der Leucorea11

Freiheit oder Schicksalszwang18

Die großen astronomisch-astrologischen Kirchenuhren19

Von dem Wassermann22

Saturno24

Glaube, Ahnungen, Gewissheit26

Legendäre Sintflutprophezeiung26

Pioniere der Gestirnsprognose28

Erste Geburtshoroskope31

Roms Wahrsager und die Gnostik34

Toleranz des Islam36

Iudicia – wie Christen Horoskope deuten dürfen37

Von den Fischen40

Von dem Jupiter42

Pionierarbeit in der Diaspora44

Kämpfe der Hohenzollern45

Geheimdiplomatie eines Sternendeuters45

Die Obrigkeit entgeht dem Weltuntergang49

In diplomatischen Diensten51

Ein fiktiver Epitaph53

Kontinuität astrologisch-politischer Beratungspraxis54

Die Gesandten56

Ehrenrettung posthum60

Von dem Widder63

Von dem Mars65

Standpunkte67

Tücken der Rektifikation68

Das Erstgeburtsrecht für eine Bibliothek68

Lichtenbergers Vaticinum71

Zwei Briefe nach Nürnberg74

Prominentenastrologen als Plagiatoren77

Immer mehr Horoskopvarianten78

Und was war er nun wirklich für ein Mensch?79

Noch einmal: Luthers Horoskop81

Von dem Ochsen oder Stier82

Von dem Planeten Venus84

Spielarten des Intellekts86

Praktik contra Praxis87

Das Geschäft mit der Schuld88

Bildung, die neue Finanzquelle91

Das Täuferreich von Münster92

Praeceptor Germaniae93

Ein physikalisches Verständnis der Astrologie94

Initia doctrine physicae96

Rantzau und die Iatromathematik97

Die zweite Universitätsgründung98

Des Nolaners schönste Zeit99

Von den Zwillingen102

Von dem Mercurio104

Volkskalender und Herrscherhoroskope105

Das Denken im Kreise105

Der Weißkönig106

Hekate und Triglav111

Der kleine Tod112

Traumwelten113

Besoffene Sternendeuter115

Von dem Krebs117

Von dem Mon119

Der Künstler, ein Abbild Gottes121

Sol Justitiae122

Das Abendmahl125

Christuspose und Künstlermelancholie127

Dort Mäzene, hier Bildersturm129

Von dem Löwen133

Von der Sonnen135

Freude und Pflicht137

Die Freiheit der Huren137

Seuche des Himmels139

Buchstabengläubigkeit140

Rettung der Phänomene151

Tabulae Pruthenicae154

Von der Jungkfrawen156

Von den Häusern158

Modelle kosmischer Harmonie160

Das Sternenschloß160

Protestantische Bigamie161

Himmelskunde – ein Frondienst163

Diplomatisches Königshoroskop164

Ein ästhetisches Himmelsmodell165

Kosmisches Mysterium165

Buchstabenrätsel aus Italien168

Von der Wagen170

Von den Aspecten172

Schattenthemen174

Ausrottung des „Bösen“175

Heilkundige Hexen176

Der Gang in die eigene Tiefe178

Im Zeichen der gekrönten Fledermaus-Schlange181

Religion – ein Machtspiel181

Dem Geist auf die Schnauze183

Sieben Todsünden185

Von dem Scorpion188

Von dem Aderlasse190

Himmlische Sphärenklänge192

Eine moderne Planetensinfonie192

Sirenen- und Mönchsgesänge194

Okkulte Musiktheorien196

Ut Sol inter planetas ...198

Kastratengesänge199

Saturnalien - ausschweifende römische Sternenkultorgien201

Sächsisches Planetenballett203

Sieben Planetenlustbarkeiten205

Astraler Herrscherkult206

Von dem Schützen208

Von Sonnenuhren und der 12. Zeychen Qualitäten210

Astralmythen - Wissenschaft grenzt sich ab212

Forschung und Ethik213

Erschlichene Doktorwürden214

Ein Ort absoluter Normierung220

Der englische Merlin221

Ich studierte es - ihr nicht!222

Christentum als Astralkult223

Glückliches Ende eines Forscherlebens225

Von dem Steinbock227

Von den Stunden Regenten und Erwehlungen in allen Anfängen229

Anhang231

Literatur231

Bislang vom Autor erschienen240

Jürgen G. H. Hoppmann

Astrologie der Reformationszeit

Faust, Luther, Melanchthon und die Sternendeuterei

mit einem Vorwort von Günther Mahal

Meinen Kindern Heide-Leocardia, Fion-Jasper und Jarla-Finela

© 2021 ArsAstrologica, Krischelstraße 13, 02826 Görlitz

Erstauflage 1998 Verlag Clemens Zerling, Berlin

Buchsatz und Gestaltung: ArsAstrologica

ISBN 978-9403630892

Vorwort

sive astrologia sit ars sive scientia

cert una pulchra fantasia

Sei Astrologie nun Kunst oder Wissenschaft, a

uf jeden Fall ist sie eine wunderschöne Fantasie

[Philipp Melanchthon]

Man muß nicht zu den Proselyten der Sternendeuterei zählen, um dieses Buch an- und aufregend zu finden: eine historisch grundierte und differenzierte Darstellung, wie der Mann neben Luther – ganz im Gegensatz zu diesem – die Botschaften am Himmel las, Verbindlichkeiten wahrnahm und Handlungsanleitungen beherzigte. Philipp Schwarzerdt, genannt Melanchthon, deutet Horoskope, freilich nicht so professionell wie ein von ihm nicht sehr verehrter Zeitgenosse, der legendäre Doktor Faustus aus Knittlingen.

Mitten in der Geister-Wasserscheide der Epoche, innerhalb deren man längst Humanismus, Renaissance und Reformation als vielfach miteinander verquickte Leitgrößen jeweils nur temporärer Dominanz zu erkennen sich angewöhnt hat, mitten in einer Ära ostentativen (weniger freilich immer sachlichen) Abschieds vom vorgeblich dunklen Mittelalter und dessen postulierten Homogenitäten hält der kleine große Mann aus dem 1504 kurpfälzisch gebliebenen Bretten, der Nachbarstadt Knittlingens, an einem Großkoordinatendenken fest, das man heute noch in argen Verwässerungen in jeder Bunt-Postille wiederfindet und das immer neu wiederholte Wegsortierungen in den Papierkorb bloßen Aberglaubens doch überlebt hat.

Melanchthons Astrologie: das ist kein individueller Sonderweg eines verhockt Verblendeten. Seinen Glauben (denn so muß man eine über das Epistemische hinausreichende astrale Vergewisserung wohl nennen) teilt er mit vielen berühmten Zeitgenossen, ebensowenig wie mit leicht zu übertölpelnden Schlichtgemütern, oft Wissenschaftlern, die in ihren nüchternen Fächern Bedeutendes leisteten.

Daß das, was am Himmel beobachtet und für oft weitreichende Schlußfolgerungen herangezogen wurde, im frühen oder mittleren 16. Jahrhundert noch nicht säuberlich in Astrologie und Astronomie zu trennen war, in Dumpf-Gläubiges und Hell-Szientifisches (wie die mehrfach aufgeklärten Zuweisungen sich heute lesen): das weiß man mittlerweile ebenso wie das Ineinander von Alchemie und Chemie in denselben Jahrzehnten.

Daß Gold ein Element und mithin nicht synthetisierbar sei: hierfür ist der Beweis erst im 19. Jahrhundert unwiderlegbar geliefert worden. Die sich an der Vier-Elementen-Lehre und an der Permutierbarkeitsdoktrin des Aristoteles orientierenden Alchemisten allesamt als betrügerische Dummköpfe hinzustellen, entspricht wissenschaftsgeschichtlich einer verkrampft-nachgereichten Propheten-Attitüde. Ähnliches hat von der Astrologie der Luther-Zeit, der Faust-Zeit, der Zeit Melanchthons zu gelten: wer hier rasch mit den Zensuren aus heutigen Notenbüchern zur Hand ist, verabschiedet sich von einer Geistes-Historie, um deren aktuelle Gewißheiten es auch nicht zum Besten bestellt ist.

Luthers oft zitiertes Diktum, es handle sich bei der Astrologie (auch jener seines Freundes Melanchthon) um „eine heillose schebichte kunst“ – man sollte es weniger als Urteil eines intellektuell Arrivierten nehmen, vielmehr als eher bauchige Aversion eines ansonsten manchem Dunklen zeitlebens Verhafteten. Die Grenzlinie zwischen den Astrologie-Befürwortern und den Astrologie-Gegnern markierte keineswegs eine Trennung von Zurückgebliebenen hier und Gescheiten oder Fortschrittlichen dort. Daß der Befürworter Philipp Melanchthon Anstrengungen unternahm, den Sternenglauben mit seiner protestantischen Religiosität in Einklang zu bringen und zu halten – das macht seine Position der Sternendeuterei desto spannender, auch für Leserinnen und Leser des auslaufenden 20. Jahrhunderts. Der vielgerühmte und auch auf der katholischen Gegenseite respektierte praeceptor Germaniae, der tolerante und toleranzweckende Kirchendiplomat, der versierte Altphilologe und gesuchte akademische Lehrer – er kann schwerlich als ein von irgendwelchen Dubiositäten leicht Verführbarer angesehen werden. Sein gelebtes Plädoyer für ein auf Erden und im Menschen folgenreiches siderisches Leitsystem erbringt über den Individualfall hinaus ein Stück transpersonaler Orientierungsgeschichte.

Jürgen G. H. Hoppmanns Buch bietet hierzu und darüber hinaus für die ganze Entwicklung der Sternendeuterei von der Reformation bis zur Aufklärung in Wort und Bild (hier staunenswert gut sortiert) Unterlagen gründlich recherchierter und eigene Einlässigkeit erlaubender Art.

Von Planeten vnd Zeichen dess himlischen Cirkeln vnd der 12. Zeychen Qualitäten.

Die alten weisen der himlischen ding / von stäten brauchs wegen der 12. Zeichen Zodiaci / das ist / Himlischen vmbcirckels / haben sie ihnen eigen Charakter vnd Zeichen solcher erdacht / damit sie die ohn verdruß einbildeten. 7. Planeten. 4. Aspect, Trachenkopff vnd schwantz.

Dann so sie den Widder bezeichnen gewöllt / habens allein die Hörner desselben also x fürgebildet. Für den Ochsen / haben sie den Kopff mit den Hörnern fürgemakt. Die Zwilling haben zween solche strich bedeut. Den Krebs seind zwey hörner.

Den Löwen zeiget an ein solcher Löwenschwantz. Für die Jungfraw haben sie solche Kleyder gefalten gemacht m. Die Wag bezeigt ein Wagbalcken. Scorpion ein knöpffechter Scorpion schwantz. den Schützen ein Pfeil. den Steinbock ein Steinbock schwantz / also. Für den Wasserman machen sie zwey solche Bächlin. Die Fisch / zween Fisch / also dieweil im Himlischen Bild die Fisch als mit einem faden in der mitte zusamen gethan / habens etliche also fis. Außgetruckt.

Ferner Trachenkopff vnd schwantz zu bezeichnen / haben sie zween halbe Cirkkel gemacht / beyder seit mit jren knöpfflin geendet / damit diß das haupt / das den schwantz des Trachen bedeute.

Darnach an statt Saturni / haben sie ein Alten gemalet / an ein stecken gesteuret . Fürn Jupiter einen König mit einem Scepter. Fürn Mars ein kriegischen Pfeil. Die Sonn ein runde Figur der Sonn / also Den Mon deß Mons zwey Hörner. Venus ein Frawenbildt. Mercurius / ein Junger der ein breyten Hut auff einem runden Baret tregt.

Wider / Löw / Schütz / seyn feurige Zeychen / warm / trucken / männlich / tägig / Cholerisch / bitter / von Augang.

Zwilling / Wag / Wasserman / seind lüfftig / warm / feucht / männlich / tägig / Sanguinischer Complex / süß / vnd von Nidergang / etlich sagen von Mittag. Krebs / Scorpion / Fisch / wässerig / kalt vnnd feucht / weibisch / nächtlich / Phlegmatisch / herb / von Mitternacht / etlich sagen von Nidergang.

Ochs / Junkfraw / Steinbock / seind jrdisch / trucken / weibisch / nächtlich / Melancholisch / lüfftig / von Mittag / etlich sagen von Mitternacht.

Zwei Gesichter hat die Zeit

Aber dass die Bewegung der Gestirne eine Uhr ist, mit deren Hilfe sich Veränderungen auf der Erde messen lassen, ist so leicht nicht von der Hand zu weisen. Die Dinge spielen sich in komplizierten Mustern offensichtlicher Koinzidenzien ab, die der wache Blick des Künstlers gewahrt ...

[Camille Paglia – Die Masken der Sexualität]

Der Planetengott Saturn wird nach klassischer Manier des Mittelalters den Zeichen Steinbock und Wassermann zugeordnet. Die Entdeckung des Planeten Uranus zur Zeit der Französischen Revolution durch den kauzigen Militärmusiker Herschel aus Hannover, der nach England auswanderte und dort in seinem Vorgarten ein riesiges selbstgebasteltes Fernrohr errichtete, das jenes der Royal Astronomical Society zu deren Mißbehagen technisch um Längen schlug [Zinner 1951, Filbey und Filbey 1986], diese Entdeckung also führte nun keineswegs – auch wenn heutige Astronomen dies immer wieder behaupten – zum Zusammenbruch des astrologischen Glaubensgebäudes.

Vielmehr erweiterte und verfeinerte man die Deutungskunst [Paris 1977, Arroyo 1980]. Uranus wurde in zweiter Reihe, später dann alleinig dem unkonventionellen und experimentierfreudigen Wassermann zugeordnet, dort zum Zeichenherrscher erhoben. Dies soll nicht gegenständlich verstanden werden. Heutige Astrologen glauben nicht an irgendwelche Götter, die dort oben auf den Sternen sitzen und die armen Menschlein auf der Erde je nach Lust und Laune beglücken oder malträtieren. Das war auch nicht im Mittelalter so, auch nicht vor über 2.000 Jahren bei den Griechen und Römern. Und um was geht es denn dann eigentlich bei der Sternendeuterei?

Nun, zugrunde liegt die Idee einer Zusammengehörigkeit von Zeit und Raum. Die Menge, die Quantität der Zeit, läßt sich in Tagen, Stunden, Minuten, Litern und Metern messen: Astronomie. Und wie ist es mit der Art und Weise, der Qualität? Ein Körper kann groß oder klein, leicht oder schwer, dick oder dünn sein. Gilt das auch für die Zeit, und wenn ja, läßt sich dies an den täglichen und jährlichen Rhythmen ablesen, also an Sonne, Mond und Wandelsternen?

Astrologie, das wäre dann also die Qualität der Zeit – ein faszinierender Gedanke. Und vielleicht haben gerade deshalb in allen Ländern und in allen Kulturen der Welt Menschen geistige Systeme entwickelt, um Himmelsbewegungen und irdische Geschehnisse in einen Zusammenhang zu setzen.

Elektionshoroskop der Leucorea

Im Mittelalter gehörte Astrologie zu den Liber artes, den freien Künsten, und wurde regulär an den Universitäten gelehrt.

Martin Pollich von Mellerstadt gehörte zu den Professoren der Leipziger Universität. Er hatte sich als Autor zahlreicher Jahreshoroskope einen Namen gemacht. In der Bestrebung, klug und maßvoll zu arbeiten, schrieb er seine Jahresvoraussagen aus „pflicht des gehorsamß“. Er nennt es geradezu ein „unmenschlich Ding“, aus der Geburtsstunde eines Fürsten „alle leiblichen Zufälle und Mißstände künftiger Krankheiten und das vorbestimmte natürliche Ende“ absehen zu können. In seinen astrologischen Arbeiten berief er sich auf arabische und griechische Klassiker der Astrologie, als da wären Abumasar, Alfons von Kastilien, Ptolemäus und Alcabitius [Eis 1954:103, Koch 1982:69]. Als Leibarzt begleitete er den sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen auf eine Pilgerfahrt nach Palästina.

Es geht die Sage, daß Pollich auf dieser Reise seinem schwer erkrankten Fürsten das Leben retten konnte. Deshalb sei ihm der Wunsch gewährt worden, in Wittenberg eine Universität zu gründen – nur kosten dürfe sie nichts [So der Astrologe Ernst-Jürgen Thieme-Garmann, dessen Vorfahren in Wittenberg studierten]. Er soll auch selbst schwer krank gewesen sein, das Ende gespürt haben und Iatromathematik, d.h., all sein astromedizinisches Wissen möglichst weit verbreiten wollen.

Diese Schußfolgerung ist falsch. Der Historiker, Rektor an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg, hatte das Horoskop einfach nicht nachgerechnet und konnte sich wohl überhaupt nicht vorstellen, welch eine Bedeutung ihm einst zukam [6) Hahne 1919].

Er hielt selbst wohl auch nicht so viel von Astrologie, bezeichnete sie als „eine Sache, die nach Erfahrungen von Jahrtausenden die armen, schwitzenden Menschenhäupter mit und ohne Hieroglyphenmützen nie lassen werden“. Sternengläubigkeit ja oder nein – Ein Blick in das Statutenbuch der Universität zeigt klar, daß der Historiker die Zeichen Krebs und Löwe verwechselte und alle daraus gezogenen Schlußfolgerungen entsprechend irren. In dem Gründungshoroskop steht tatsächlich der Krebs-Saturn im Trigon zu Sonne und Mars im Skorpion. Dies ist astrologisch eine sehr positive Konstellation. Sie deutet auf Mut, Kraft und ein gutes Verhältnis zur Obrigkeit hin. In der Tat wurden die großen Reformen der Leucorea stets von der Obrigkeit gedeckt. Es wäre ein gutes Elektionshoroskop. Alles deutet darauf hin, daß der Zeitpunkt von Martin Pollich absichtlich nach den Gestirnsständen ausgewählt wurde. [Hoppmann 1997:91]

Martin Pollich richtete die Universität zunächst einmal sehr bescheiden ein. Schwerpunkt der akademischen Bildung war die medizinische Ausbildung unter besonderer Berücksichtigung der Astrologie. Einige Jahre später wurde im Augustinerkloster eine theologische Fakultät eingerichtet. Dort studierte ab 1509 ein junger, zuerst ziemlich ernster und braver Mönch namens Martinus. Jener promovierte 1512 zum Doktor der Theologie und übernahm die Bibelprofessur, bekam zunehmend Zweifel an Papst und Kirche in Rom, veröffentlichte aufrührerische Thesen und und und ...

Die Zahl der Studenten wuchs, das Städtchen Wittenberg erstickte fast am Zustrom der Söhne wohlhabender Bürger und Adliger. Im Jahre 1517 hatten sich 232 Studenten immatrikuliert, 1520 waren es bereits mehr als doppelt so viele [Diwald 1982:155]. Luther meinte schon bald: „Wie sammelfleißige Ameisen umgeben sie mein Katheter“. Ab August 1518 hielt einer der namhaftesten Humanisten Deutschlands, der als jugendliches Genie bekannte Magister Philippus, Vorlesungen in Griechisch und Latein. Der hatte dann noch größeren Zulauf und bildete mit Dr. Martinus ein schlagkräftiges Gespann im Kampf um eine Er-neuerung der Kirche. Und außerdem lehrte er – und davon handelt dieses Buch – in Wittenberg an der Elbe jahrzehntelang vor Hunderten von Studenten das Deuten der Sterne.

Doch Halt, liebe Leser! Wie kommt man überhaupt dazu, den Zeitpunkt z.B. solch einer Universitätsgründung nach den Sternen zu wählen, welche Motive trieb die Menschen damals, und wieso, weshalb, warum denn jetzt noch einmal diese alten Geschichten erzählen?

Grundideen der Sternendeutung

Man sagt, Tiere hätten keine abstrakte Vorstellung von Zeit, daß dies ein wesentlicher Punkt sei, in dem wir uns von ihnen unterscheiden. Sicherlich – es gibt Tag und Nacht, Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Doch auch ganz unabhängig von Jahreszeiten und Wetter spüren wir, daß es uns in gewissen Phasen besser oder schlechter geht, und unsere Mitmenschen zur gleichen Zeit ähnlichen Stimmungen unterworfen sind. Egal, ob es sich um politische, wirtschaftliche oder persönliche Ursachen handelt: Diese Zeitstimmungen können sich über viele Monate hinziehen, und in gleich großen Räumen bewegt sich unsere Empfindungswelt.

Beim schönsten Sonnenschein können wir dunkle Wolken in uns spüren, kurze Wintertage können für unser subjektives Empfinden recht lange dauern. Mal rast die Zeit im Sauseschritt, mal scheint sie einfach nicht zu vergehen. An manchen Tagen klappt einfach alles, an anderen steht man mit dem linken Fuß auf und weiß, daß einem einfach nichts gelingen wird.

Vieles davon läßt sich mit Psychologie und Biologie erklären, doch nicht alles. Unsere eigene Lebensbiografie beschreiben wir in anderen Kategorien. Manchmal haben wir das Gefühl, just in time zu sein, manchmal scheint die Zeit an uns vorbei zu gehen.

Dann wieder gibt es diese plötzlichen Momente, in denen wir den Kristallisationspunkt einer langjährigen, vorausgegangenen Entwicklung sehen. Manchmal scheint es, als hätte das Geschehen selbst aus der Zukunft heraus eine Sogwirkung ausgelöst, Gegenwart und Vergangenheit beeinflußt. Man sagt, große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus – gibt es dann auch eine rückwärtsgerichtete Kausalität? [Elwell 1988]

Das klingt alles ein wenig verrückt, aber: Wer aus rationalen Gründen solche mystischen Vorstellungen ablehnt, dem ist oft überhaupt nicht bewußt, wie sehr seine eigene vernunftbetonte Haltung von Glaubensmotiven bestimmt ist vom Glauben an den Zufall. Daß kein Phänomen zwischen Himmel und Erde nach anderen als rein logisch-rationalen Gründen, nach beweisbaren Abläufen von Ursache und Wirkung erklärt werden darf, gehört zu den Dogmen der Wissenschaftsgläubigkeit.

Doch bietet diese Denkweise für viele wichtige Ereignisse unseres eigenen Lebens keine Erklärung. Plötzliche Erkrankung, Todesfälle, Verlust von Geld oder Arbeitsplatz, aber auch die Geburt eines Kindes, unverhoffter Lottogewinn, Scheidung, ein Flirt – wer glaubt in solch einer Situation schon an Zufälle! Das Begreifen und Meistern des eigenen Lebens beginnt oft erst jenseits aller Zufallsgläubigkeit. Besonders in Krisensituationen suchen die Menschen nach Erklärungsmustern, welche die verschiedenen Zeitpunkte des eigenen Lebens zueinander in Beziehung setzen. Auf diese Weise erhofft ein jeder, für sich das Sinnhafte hinter der glatten Oberfläche der Ereignisse zu erkennen.

Völlig unabhängig von der stets gleichförmigen, quantitativen Zeitmessung der Naturwissenschaft verläuft auch unsere persönliche Chronologie. Mit 17 Jahren kann man sich sehr, sehr alt fühlen, eine alte Seele in einem jungen Körper. Und es gibt genauso Menschen, die in hohem Alter sagen, ihr müder Körper passe so gar nicht zu ihrem wachen Geist. Ja, wer hat nicht schon einmal an seinem Geburtstag erlebt, daß er sich gar nicht so jung bzw. so alt fühlt, wie es die Zahl seiner Jahre vorzugeben scheint? Sprichwörter wie „Jedes Ding braucht seine Zeit“ zeigen, daß für uns Menschen das Leben nicht geradlinig verläuft, eingeteilt in feste Größen wie Minute, Stunde, Monat und Jahr. Der Geruch, die Farbe, der Geschmack der Zeit – das sind viel passendere Beschreibungskriterien.

Naturwissenschaftlicher Ansatz

Das Empfinden einer nicht mit Uhren meßbaren Eigenschaft, einer Qualität der Zeit, dies ist ein Phänomen, welches zu unserem Menschsein gehört. An was kann es in der Außenwelt festgemacht werden? Es gibt da den sich alljährlich wiederholenden Lauf der Sonne am Himmel und die sich daraus ergebenden Jahreszeiten. Doch viele Entwicklungen in unserem Leben, in der Familie, der Wirtschaft und Politik scheinen nach anderen Rhythmen abzulaufen – wenn nicht nach dem Sonnenlauf, dann vielleicht nach dem des Mondes? Und wenn durch dessen Phasen nicht alle Zeitphänomene erklärt werden können, dann vielleicht durch den Lauf der Planeten, die sich so unendlich langsam am nächtlichen Himmel bewegen? Ihre Bahnen blieben, von ganz leichten Schwankungen abgesehen, seit der Entstehung der Erde stets gleich. Alles Leben hier wuchs in diese Rhythmen hinein. Es ist bekannt, wie stark geringe, aber stets gleichförmige Kräfte wirken. Man denke nur an die Kraft des Wassertropfens in einer Tropfsteinhöhle oder die des Windes in Wüstengegenden. So winzig, wie die Massenkräfte der weit entfernten Planeten auch auf uns wirken – durch ihre schier ewige Kontinuität könnte ein großer Einfluß auf uns Menschen bestehen.

Auf der hier abgebildeten Grafik erscheint die Bewegung des Sonnensystems dreidimensional. In der Mitte bewegt sich die Sonne auf ihrer Bahn durchs Universum, drum herum kreisen die Planeten, und auch unser Heimatplanet Erde mit seinem Mond. Da sich ferner die Sonne selbst durch den Raum bewegt, schrauben sich die kreisenden Planeten also spiralförmig durch den unendlichen Weltraum. Als eine Spirale, in ihrer nach innen und außen drehenden Dynamik Metapher und Symbol zugleich, kann auch der Verlauf und das Erleben von Zeitläufen begriffen werden. [Seifert 1996:33]

Das Horoskop als Augenblickskonstellation z. B. bei der Geburt eines Menschen, der Grundsteinlegung eines Hauses oder bei einem Unfall kann man sich als Querschnitt durch diese Raum-Zeit-Spirale vorstellen. Rein technisch entspricht dieses Modell der modernen Astronomie, und sie ist stimmig mit den Vorstellungen moderner Astrologie. Ein Kind seiner Zeit zu sein, nichts Statisches, sondern ein Prozeß, sich lebendig in der Zeit fortwährend weiterentwickelnd: so zeigt sich das Menschenbild der modernen Astrologie in ihrer Rückbindung an die Astrophysik. [Robert Hand auf dem ersten gesamtdeutschen Astrologie-Kongress 1993 in Berlin]

Wir sehen, die Idee von einer Qualität der Zeit orientiert sich auch heutzutage an den jeweils gültigen wissenschaftlichen Modellen. Dafür, daß eine solche Vorstellung nicht an modernen Universitäten und Forschungseinrichtungen diskutiert wird, bietet sich eine ganz einleuchtende Erklärung an: Natürlich gibt es dort überwiegend Intellektuelle, die aus Angst um ihre wissenschaftlichen Pfründe die Finger von der Astrologie lassen – und oft begreifen solch technisch orientierte Menschen die psychische Komponente des Sternenmythos auch ganz einfach nicht.

Der moderne Wissenschaftler ist ein Spezialist und selten in ganzheitlichem Denken geübt. Die Astrophysiker hingegen wollen bei der Beobachtung der Vorgänge im Weltall allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten entdecken. Sie erforschen organisierte Materie wie interstellares Gas und Staub, ferne Sonnen, Supernovae, Galaxien. Mit ihren Teleskopen und Radiowellenempfängern können sie immer weiter in die Unendlichkeit hinausschauen. Dabei brauchen sie stets feste Bezugsgrößen, um messen, gewichten und einordnen zu können. Unter der ungeheuren Vielzahl von Informationen und Daten, die sich in ihren Computern sammeln, müssen sie genau den Gegenstand ihrer Forschung herausfiltern.

Ceteris paribus, unter ansonsten gleichbleibenden Bedingungen: Da der Astrophysiker in das Experiment des Kosmos nicht eingreifen kann, hilft ihm selbst diese Standardanmerkung naturwissenschaftlicher Formeln nicht weiter. Um mathematisch verifizierbare Formeln aufstellen zu können, muß er sich also auf sehr, sehr wenige Faktoren konzentrieren.

Um den Bezug zum Menschen herzustellen und somit die Thesen der Astrologie zu überprüfen, hat man psychologische Tests entwickelt. Doch welcher Mensch läßt sich mit all den vielschichtigen Schattierungen seiner Psyche schon als Fragebogenergebnis beschreiben? Märchen, Lieder, Gedichte und Bilder bleiben geeignetere Werkzeuge. Niemand brennt in physikalischem Sinne. Aber wir verstehen sofort, was mit einem feurigen Charakter gemeint ist, einem galligen, d. h. cholerischen. Die uralte Lehre von den Elementen hat viele gemeinsame Wurzeln mit Astrologie, Psychologie und Medizin. Dort denkt man nicht kausal, sondern analog, in Entsprechungen.

Kairos, der rechte Moment

Märchen sind eine weitere uralte Methode, das Seelische im Menschen zu beschreiben und ihr in krisenhaften Situationen Nahrung zu geben. Moderne Astronomen finden die Mythen der Sternbilder oft lächerlich, naiv sowie schlichtweg überholt. Die Tiefenpsychologie hingegen hat längst erkannt, welche Heilkraft für die Seele diesen Urbildern der Menschheit innewohnt. Beispielhaft genannt seien Fritz Riemann und C. G. Jung. Und viele moderne Astrologen wie Hermann Meyer, Liz Greene und C. F. Frey schufen moderne therapeutische Ansätze. Da diese Denkweise auf Analogieketten aufbaut, läßt sich keine Verbindung zur etablierten Physik herstellen. [Schäfer 1993]

Wenn im folgenden von Ouranos berichtet wird, dann meint dies zugleich den altgriechischen Gott des Himmels, die Qualität der Zeit, der durch Astronomen entdeckte und zufällig von ihnen so benannte Planet Uranus, sowie die diesem Planeten von astrologischer Seite zugeordneten Eigenschaften [Greene 1985]. Und Kronos (griechisch) bzw. Saturn (römisch) ist zugleich der Sohn dieses Gottes, die Quantität der Zeit, und bis zum Beginn der Neuzeit für die Astronomen-Astrologen (damals noch nicht getrennte Berufe) der äußerste Planet. Die Erdgöttin Gäa bzw. Gaia repräsentiert als Schwester und Geliebte des Ouranos zugleich die Erde. Folgende uralte Geschichte findet sich in der griechischen Mythologie:

Am Anfang aller Zeiten gab es nur Himmel und Erde. Jeden Abend, wenn die Sonne versunken war und sich die Wolken hinabsenkten, umarmte der Himmelsgott Ouranos seine Schwester, die Erdgöttin Gäa. Des Nachts zeugten sie gemeinsam Kinder und am Morgen, als der helle Tag begann, rissen Himmel und Erde wieder auseinander, gingen auf Distanz, trennten sich. Tag für Tag wiederholte sich das gleiche Spiel. Es entstand das Universum, und viele Kinder wurden geboren. Doch aus der Perspektive des Himmelsvaters sahen sie alle zu plump, zu roh und unbeholfen aus. Keines genügte seinen Ansprüchen und er stopfte sie zurück in den Bauch der Erdmutter.

Gäa wurde immer wütender, konnte diese Zurückweisung nicht ertragen. War sie nicht immer fruchtbar gewesen, hatte sie nicht immer das ihrige zur Entstehung des Universums getan? Heimlich fertigte sie eine Sichel an und schloß einen Pakt mit dem jüngsten und wohlgeratensten ihrer Söhne. Kronos sollte nach dem Sturz des Vaters die Herrschaft über die ganze Welt antreten. „Nur“ zwei Dinge wollte Gäa für sich behalten: Macht über Geburt und Tod.

Kronos wartete im Bauch seiner Mutter auf die Nacht. Als Ouranos sich wie gewohnt zu seiner Schwester-Geliebten legte, wurde er von seinem Sohn mit einem Schnitt entmannt. Kastriert und blutend floh er gen Himmel, während sein abgeschnittenes Glied ins Meer fiel.

Daraus entstand dann Venus-Aphrodite, die Schaumgeborene. Saturn befreite all seine Geschwister. Kronos heiratete eine seiner Schwestern. Aus Angst, wiederum vom eigenen Kind gestürzt zu werden, verschlang er seine Nachkommen sofort nach der Geburt.

Letztlich war es dann Zeus’ Sohn Jupiter, der mit Hilfe seiner Geschwister den Vater übermannte und die Herrschaft antrat. Seine Mutter Gäa behielt aber weiterhin die Macht über zwei Dinge: Geburt und Tod.

Wir alle werden durch die Zeit geboren und vergehen mit ihr auch wieder. Kronos/Saturn hält auf alten Drucken die Sichel des Kastrierers bzw. die Sense des großen Schnitters in der Hand, welcher die Kornähren des Lebens mäht. Im Horoskop bezeichnete er den Punkt größten Unglücks, von Armut, Krankheit und Gefängnis. Es ist damit auch der quantitative Aspekt der Zeit gemeint, die Minuten, Stunden, Tage und Jahre, mit denen die eigene Lebenszeit unerbittlich zerrinnt. Wer sich seine Vergänglichkeit verdeutlicht, die zur Verfügung stehenden Kräfte bewußt einteilt und Selbstdisziplin übt, kann Großes leisten.

Zu den Schattenseiten von Kronos, dem stets gleichförmigen Zeitbegriff, gehören die stupiden Dogmen der Konvention, ewig gleiche Handlungsabläufe und stets aufs neue zu absolvierende Pflichten, die völlig unabhängig vom individuellen Lebensrhythmus zu bewältigen sind. Seine alte Zuordnung zum Zeichen Wassermann weist auf große geistige Konzentrationskraft hin, aber auch auf seine konservativen, spießigen Seiten.

Uranus steht für die Qualität der Zeit, ihre subjektiv empfindbare Eigenheit, und ist heutzutage diesem Zeichen zugeordnet. Es heißt, daß Wassermanngeborene extreme Differenzen zwischen ihrem inneren Rhythmus und den äußeren kontinuierlichen Zeitvorgaben erleben. Zeiten tiefer Lethargie wechseln sich ab mit Momenten konzentrierten Erlebens, in denen blitzartig viele Handlungsfäden zusammenlaufen. Solche Charaktere fühlen sich erst dann frei, wenn sie nach ihrer inneren Uhr leben können – und diese wirklich starken Schwankungen unterliegt.

Saturn/Kronos als Quantität und Uranus als Qualität der Zeit – gebündelt werden sie in Kairos, dem rechten Moment. Dieser alte griechische Begriff wurde im Mittelalter hauptsächlich für die Alchemie benutzt. Er bezeichnete die astrologisch richtige Zeit, zu der ein chemisches Experiment gelingen kann. Arbeitete man z. B. mit Quecksilber (Mercurius), dann mußte der hierzu analoge Planet Merkur günstig stehen. Kairos ist also der rechte Moment, Brennpunkt saturniner Quantität und uranischer Qualität der Zeit.

Freiheit oder Schicksalszwang

Im Jahr 1478 versammelte die Florentiner Regierung, geleitet von Lorenzo de Medici, die bedeutendsten Astrologen. Sie sollten herausfinden, welche der zu jener Zeit praktizierenden Schulen die vielversprechendste sei. Auch die neuplatonische Gruppe um Marsilio Ficino sowie sein Kontrahent Pico della Mirandola waren eingeladen. Für die Medici wird sich das Gelehrtentreffen gelohnt haben. Denn dem damals gerade drei Jahre alten Giovanni de Medici war prophezeit worden, einmal Papst zu werden.

Und tatsächlich: Als Leo X. machte jener dann Kirchengeschichte – in ständiger Abstimmung mit seinen Hofastrologen. Noch 100 Jahre betreibt dieses Florentiner Kaufmannsgeschlecht Politik mit Hilfe der Sterne. Katharina de Medici hörte als Frau des französischen Königs Heinrich II. auf den Rat der Astrologen Nostradamus und Gauricus. Letzterer trat mit Melanchthon in Kontakt, deutete (korrigierte, fälschte?) Luthers Horoskop und wurde dank seiner Erfolge sogar zum katholischen Bischof ernannt. Der italienische Renaissance-Philosoph Marsilio Ficino wurde mit Mars und Saturn im intellektuell-disziplinierten Zeichen Wassermann geboren, in Quadraturspannung zur Sonne im leidenschaftlichen Zeichen Skorpion. Diese Konstellation soll er gegenüber Freunden für seine ständige Niedergeschlagenheit verantwortlich gemacht haben. Andere sprechen davon, daß Ficino zeitlebens unter einer starken Saturnfürchtigkeit litt, weil Saturn auf seinem Aszendenten stand. [Braunsperger 1928]

Man könnte dies als innere Spannung zwischen Körper und Geist, zwischen Schicksal und Freiheit interpretieren. Ficino wird in der Geschichtsschreibung meist als ausgesprochener Gegner der Astrologie zitiert. Tatsächlich kämpfte er jedoch nur entschieden gegen deterministische Prophezeiungen. Er entwickelte eine auch aus heutiger Sicht modern und emanzipatorisch wirkende Auffassung von astrologischer Prognose. Er war der Meinung, daß auch sogenannte Spannungstransite (ungünstige Winkel der aktuellen Gestirne, bezogen auf die Konstellation zur Zeit der Geburt) Kairos seien, also rechte Momente für die persönliche Weiterentwicklung.

Ficino konnte mit seinen klugen Gedanken weder das Niveau der Straßenastrologen heben, noch seinen gebildeten Fürstenfreund Pico della Mirandola für die Sternendeuterei begeistern. Pico schrieb: „Wie versteht es doch die Astrologie, die Hoffnung aufzustacheln! Mit welcher Dreistigkeit gesellt sie sich dem Kreis der Wissenschaften zu! Sie ist die Verderberin der Philosophie, beschmutzt die Medizin und legt die Axt an den Stamm der Religion.“ [Sementowski-Kurilo 1970]

Der Sage nach starb Pico mit schon 31 Jahren genau an dem Tag und zu der Stunde, welche ihm von mehreren Astrologen prophezeit worden sei [Zur Prophezeiung s. a. Eugen Garins Vorwort zu Picos Büchern gegen die Astrologie]. Der Vergleich von Geburts- mit Todeskonstellation zeigt ein gradgenaues Quadrat zwischen Saturns Quadrat zum Radix-Drachenkopf. Allerdings arbeitete man damals auch viel mit Primärdirektionen. Ob sich diese Geschichte tatsächlich so abspielte oder ob es sich nur um die Legende geschäftstüchtiger Horoskop-Wahrsager handelt, die durch diese gruselige Geschichte Respekt bei ihrer fürstlichen Kundschaft erheischen wollten?

Die großen astronomisch-astrologischen Kirchenuhren

In seiner Kurzen Geschichte der Zeit hofft Stephen Hawking, ein renommierter Physiker und Mathematiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts:

„Wenn wir jedoch eine vollständige Theorie entdecken, dürfte sie nach einer gewissen Zeit in ihren Grundzügen für jedermann verständlich sein, nicht nur für eine Handvoll Spezialisten. Dann werden wir uns alle – Philosophen, Naturwissenschaftler und Laien – mit der Frage auseinandersetzen können, warum es uns und das Universum gibt. Wenn wir die Antwort auf diese Frage fänden, wäre das der endgültige Triumph menschlicher Vernunft – denn dann würden wir Gottes Plan erkennen.“

Wie sehr ähneln diese Gedanken doch der mittelalterlichen Auffassung, wonach Gott Erschaffer des Weltalls und folglich auch Herr der Zeit sei. Schon im Altertum sprach man vom Primum mobile, dem unbewegten Beweger, in dessen Händen das ganze Uhrwerk von Zeit und Raum liegt!

Vor über 600 Jahren begann man in den Kirchen der reichen Hansestädte, vor allem rund um die Ostsee, riesige astronomisch-astrologische Uhren zu errichten. Durch die Erfolge im Handel mit Salz, Pelzen, Fischen und Gewürzen waren Städte wie Straßburg, Münster, Lübeck, Stralsund, Wismar, Prag, Danzig und Lund zu großem Reichtum gekommen. Eine solche Uhr kostete ein Vermögen, stellte zweifelsohne ein Prestigeobjekt dar. Dies dürfte aber nur einer der Gründe für die Erbauung gewesen sein.

Wir müssen uns beim Blick in die Geschichte immer vergegenwärtigen, daß die Menschen früher gar nicht so materialistisch ausgerichtet waren. Das geistige und philosophische Moment genoß eine viel größere Bedeutung. Solche Uhren demonstrierten die Stellung des Menschen im Kosmos, stellten einen Kontakt zum Namenlosen her. Was könnte die damalige Einheit von Wissenschaft und Religion besser veranschaulichen als diese riesigen, hochkomplizierten Maschinen in direkter Nähe des Altars? Das älteste gut erhaltene Werk findet sich in der Rostocker Marienkirche [Schukowski 1992, 1997]. Es ist komplett restauriert und zeigt viele astrologisch-astronomische Details wie Aszendent, Medium Coeli, Sonne und Mond in den Tierkreiszeichen, Planetenregent der aktuellen Stunde usw. In Lübeck setzte man sich 1405 bei der Konstruktion sogar über gewisse theologische Grenzen des Christentums hinweg. Die dortige Uhr (im 2. Weltkrieg zerstört, nur noch auf Fotografien zu erkennen) zeigte als einzige auch die Stellung der Planeten an, so daß mit einem Blick das komplette Horoskop errechnet werden konnte. Ein ähnliches Modell, allerdings inzwischen ohne Mechanik, steht in der Stralsunder Nikolaikirche.

Vollständig erhalten und bis in das letzte Zahnrädchen hinein generalüberholt ist inzwischen die Farnesische Uhr im Vatikan. Ihr Restaurator Ludwig Oechslin, 1952 im Zeichen des Wassermann geboren, nennt die ursprünglichen Erbauer Priestermechaniker, da es fast alles Theologen waren, die diese komplizierten Planetenmaschinen und die Inschriften Weltmodelle konstruierten [Meier 1995]. Es gab nur wenige Magistri orlogii (Uhrenmeister), welche die notwendigen Kenntnisse hierfür besaßen.

Der Erbauer der Danziger Uhr, welche jüngst restauriert und wieder in Bewegung gesetzt wurde, soll nach Fertigstellung des Räderwerks geblendet worden sein, um an keinem anderen Ort ein ähnliches Meisterstück anfertigen zu können. Solche Fabeln ranken sich allerdings auch um die Straßburger Münsteruhr. Sie entstand in einer Zeit, als protestantische Theologen die Stadt zu einer Hochburg der Reformation machten. Sogar Kopernikus, auf den wir auch noch zu sprechen kommen, und das Planetenmodell des Tycho Brahe bildete man dort ab [Oestmann 1993 (1)]. Der Bildersturm der Reformationszeit verbannte allen Schmuck und alle Heiligenbilder aus den Kirchen. Wollten Straßburgs Bürger so ihr neues religiöses Selbstverständnis demonstrieren?

Nicht vergessen werden sollen in diesem Zusammenhang die vielen astrologischen Sonnenuhren mit ihren prächtigen Gitternetzlinien. Die Arachne an der alten Görlitzer Ratsapotheke am Haus Untermarkt Ecke Peterstraße trägt die Inschriften Solarium und Arachne. Letztere besteht aus einer Vielzahl an geraden und gebogenen Linien mit zahlreichen Symbolen der Lichter Sonne und Mond sowie der Planeten, an der über die Polhöhe der Sonne auch ihre Stellung im jeweiligen Tierkreiszeichen und sogar der aktuelle Stundenregent abgelesen werden kann.

Sie wurde vom Görlitzer Mathematiker und Astronomen Zacharias Scultetus im Jahre 1550 geschaffen. Eine barocke Sonnenuhr mit astrologischen Datumslinien findet sich auch am Dresdner Zwinger, entstanden in einer Zeit, als der sächsische Hof die Astrologie mit höchster Wertschätzung beachtete.

All diese Uhren zeigen also nicht nur die Quantität der Zeit, sondern auch deren Qualität. Ein sensibler und in der Kunst der Astrologie geschulter Mensch kann anhand der Darstellung des Zifferblattes vielleicht auch heute noch die aktuelle Konstellation erkennen und sich so in die Stimmung des Augenblicks hineinfühlen, d. h. Uranus erspüren, die Qualität der Zeit, und vielleicht sogar Kairos bestimmen, jenen rechten Moment.

Es ist Ausdruck unseres heutigen Zeitgeists, diese Uhren nur noch als Chronometer, als Meßwerkzeuge für Kronos /Saturn zu sehen, für die Quantität der Zeit. Man braucht sich persönlich dieser Haltung jedoch nicht anzuschließen. Gott ist (auch) Zeit – dieser mittelalterlichen Vorstellung kann sehr leicht nachgegangen werden: Man stelle sich einfach vor das Altstädter Rathaus in Prag oder dicht neben die Uhr der Rostocker Marienkirche, des Domes in Münster, der Nikolaikirche in Stralsund, des Domes zu Lund oder der Straßburger Münsteruhr, höre das gar nicht so leise Ticken und Rattern, schaue auf das Zifferblatt und spüre sich hinein in die Stimmung des Augenblicks.

Zwei Gesichter hat die Zeit, ein meßbares und ein spürbares. Früher wußte man dies noch zu schätzen – und wählte sogar den Gründungstermin einer Universität danach aus.

Von dem Wassermann

Der Wassermann ist zimlich gut

Zulassen / wers begeren thut.

Doch hüt der schinbein / folg du mir /

Die däwend krafft sterck / rat ich dir

Artzney gemeyn / das haar beschneid /

Solt sähwen / pflantzen auch bey zeit.

Wassermann das eylfft Zeychen / Warm vnd feucht / Saturnus tegliches hauß. Hat am Menschen die schinbein vnnd waden. Wann die Sonn darinn ist, gibts schnee vnnd regen. So der Mon darinn / ist bös schinbein vnd waden Artzneyen / weit reysen / newe kleyder anlegen / mit Herren handlen / fundamant legen / äcker bawen / sähwen /Ehelich werden / vber wasser faren / mit vögel beyssen / haar abschneiden / schuld fordern / vnd was ein schnellend begert. Das zeychen ist warm vnd feucht / vnd macht guten wind / vnd das alles / so das Zeychen von Orient auffgeht. Wer vnder disem Zeychen geboren oder empfangen / hat zugleich glück vnd vnglück / leidet offt armut.

Ein Knab geborn zwischen dem 20. tag Jenners / biß auff den 18. Hornungs / ist der natur vnnd eygenschafft deß Zeychens Wassermann / langen haupts vnd angesichts / bald zornig / sanffter reden / stiller geschefft / hertzlich bey den leuten / leichten muts / Er leidet armut / vnd nimpt sich doch sein nicht an / wovon er trawret. Nach 30. jaren kompt er zu guter ruhe.

Sein lust ist wanderung. Im werden angezeygt zwey Eheliche Weiber / wirt von Weibern lieb ge-halten / hat ehr von jhnen / ist etwan karg / träg / fantasiert vnd redt mit jm selbs. Durch seinen bruder kompt er in widerwertigkeyt / wirt bald graw / eins guten alters / Hat lust zu schwartzen farben. Sein kranckheit deß leibs eräuget sich an den knien vnd schenckeln / vmb das haupt / brust / miltz / vnd bauch.

Sein glück seind die Land der Sonnen Nidergang / vnnd gegen Mitternacht / der Auffgang ist mittel / nicht vollkommen. Aber die Land deß Mittags seind jhm vnglücksam / bös / tödtlich / vnnd widerwertig. Sein glückhafftige farben sind / braun / grün / Aber schwartz / weiß / blaw / gemenget / Seyn vnglückhafftig / die andern mittel.

Sein höchste nutzung / seind alle lufftige wässerechte ding / Weiher / Wisen / Mülen / vnd dergleichen. Die übung deß feurs seind mittel / nicht böß. Aber alle übungen deß felds seind jhm vnglücksam.

Ein Meydlin geboren zwischen obbestimmter zeit / ist auch der selbigen natur. Wirt weise / vnn kompt zu grossen ehren / samlet viel guts / Ist eins bösen gehörs / Zeychen oder massen im angesicht. Ihr glück vnd vnfall / farben vnd anders / schicken sich wie oben gemeldet.

Saturno

Ein Alt / Kalt / Fauler / Wendt den schimpff / Unflätig / hässig / han keinn glimpff. Mein kind feindselig / neidig / herb / Metall / Bley / Eisen / mein gewerb.

Saturnus ist der erst vnd oberst Planet / Ein verderber vnnd feind der natur / gifftig von natur / katl vnnd trucken / bezeychner der arbeyt / auß den farben schwartz / sawr an dem geschmack. Auß den tagen den Sambstag / vnnd nächten Dinstags nacht.

Er lauffet so hoch am Himmel / daß er in 30. Jaren / 5. tagen vnnd 6. stunden durch die 12. zeychen laufft / ist inn jedem Zeychen dritthalb Jar.

Von wegen seiner höhe sihet man jhn selten. Die Wag ist sein erhöhung / darinn er grossen gewalt hat / Der Steinbock vnd Wassermann seine heuser. Im Krebs vnnd Widder hat er kein glück. Der Widder ist sein fall.

Saturnus ist einer verderbten natur / wie die Sonn einer lebend machenden.

Wann Saturnus so nahe bey der Erden wer als der Mon / so were es allezit Winter. Die grösse Saturni ist ein achttheyl der Sonnen.

In den stunden Saturni ist gut schwere ding kauffen vnnd verkauffen / als Eisen / Bley / vnnd allerley Metall vnnd schwer Ertz / schwere stein / schwartzgewandt / gut Gärten bawen / Weiher grab en / Ertz graben / vnd was in der Erden zuhandlen ist / gut seine feind mit list bekriegen / graw thier reiten / als Esel / Rossz vnnd Maulesel / gut allerley speiß einkauffen / gut sähwen vnd äcker bawen.

In der stund Saturni ist nit gut Artznei nemme / newe kleyder schneiden noch anlegen / haar beschneiden / gehe in kein Schiff / reyse nicht vber feld / such kein feind / mach kein Ehe / wirff oder scheuß niemandt / nit aderlasse / nit schrepffe / Ist nit gut gley fordern noch nemmen / er geneußt sein nicht. Wer in der stund kranck wirt / ligt lang / stirbt zuletzst. Es ist bös mit grossen / besonders Geystlichen Herrn handlen / mit Fischern / Jägern / vnnd freunden / böß anfahen zu bawen maurwerck / nit gut gesellschaft machen / Weiber nemmen / sie leben sonst inn vnliebe.

Ein Kind geborn in Saturnus stund / Wirt ein träger / schwermütiger Mensch / mit eim dünnen bart / bleycher gelben farb / dick / hart / schwartz haupthaar / Ist hochmütig / fahet viel an / richt nichts recht auß / wil vber andere leut seyn / wirt selten reich / wonet gern bey wassern / Ist von natur diebisch / räubisch / neidisch vnd hässig / er sticht gern / vnglückhafft inn allen seine sachen / hat viel vnreiner hitz / wirdt schnell kranck / zürnet nicht leichtlich / helt lang zorn / seines guts vnmildt / lügenhafft / hat tieffe mörderische augen / ist vngern bey vilen leuten / tregt gern schwartz / grawet bald / ist kein frawen mann / redet gern mit jm selbst / ist wol beredt / sihet gern vndersich.

So die Sonnen im Christmon inn Steinbock / oder im Jenner inn Wasserman laufft / ist Saturnus viel kräftiger inn seinen stunden dann zu anderer zeit. Item / so der Mon new wirt in Saturnus stund / derselbige Monat wirt fast kalt / vnd das mehrer theyl feucht. Saturnus hat am Menschen innen das miltz / darumb so artzney das miltz nit / so es in Saturnus stundt ist. Das recht ohr / vnd blasen / frawen vnnd manns besitzt er auch / vnnd zum theyl Phlegma.

Glaube, Ahnungen, Gewissheit

Die Weltuntergangsprophezeiung ist also häufig nur der in die Zukunft projizierte, subjektive Zerstörungswunsch des Prognostikers.

[Hermann Meyer, Befreiung vom Schicksalszwang]

Zu den Fischen gehörte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Tierkreiszeichenherrscher der Planet Jupiter, der zugleich das Schütze-Zeichen regiert. Der von den Astronomen dann entdeckte ferne Planet Neptun wurde von den Astrologen bald als Mitherrscher oder Alleinregent den Fischen zugeordnet. An die Philosophie mittelalterlicher Auslegungen knüpft heutzutage der Astrologe Wolfgang Döbereiner an, wenn er in seiner Münchner Rhythmenlehre das Schütze-Zeichen anhand eines lautstark kanzelpredigenden Priesters, und im Gegensatz dazu die Fische am Beispiel eines zurückgezogenen, seine Wahrheit durch sich selbst lebenden Heiligen beschreibt. [Döbereiner 1978]

Während die moderne westliche Astrologie kaum noch eine Verbindung zur Religion hat und eher für die Börsenspekulation eingesetzt wird, ist dies in Asien noch ganz anders. Um die Wiedererrichtung eines Hindu-Tempels im Norden Indiens ging es im Jahre 1997, als es zu blutigen Straßenschlachten zwischen Hindu-Fundamentalisten und Moslems mit einer ganzen Reihe von Toten kam. Die Moslems wollten keinen Neuaufbau auf dem geweihten Grund und Boden ihrer Moschee. Indische Astrologen aber hatten ausgerechnet, daß der günstigste Zeitpunkt, das alte Heiligtum neu einzuweihen, gekommen sei und nicht verpaßt werden dürfe. Die Hindus standen im wahrsten Sinne des Wortes unter Zeitdruck!

Geht man davon aus, daß die Zeit tatsächlich auch eine Qualität besitzt, wenn sich folglich anhand astronomischer Berechnungen Kairos, der rechte Moment, errechnen läßt, dann darf man diesen natürlich auch nicht verpassen. Und da jedes Ding zwei Seiten hat, muß es also auch einen ungünstigen Zeitpunkt geben, vielleicht sogar einen gar grausig fürchterlichen, d. h. einen, an dem die Welt untergeht. Und somit wären wir mitten drin im Jahrhundert der Reformation.

Legendäre Sintflutprophezeiung

Melanchthons Lehrer Johannes Stoeffler galt zu seiner Zeit, also vor 500 Jahren, als unangefochtene graue Eminenz der Sternenwissenschaften. Sein Horoskop zeigt eine starke Betonung des Tierkreiszeichens Fische durch Jupiter sowie die analoge Konstellation Neptun am Medium Coeli und Venus im zwölften Haus. Dies kann als große Sensibilität und Ahnungsfähigkeit gedeutet werden. Rückzug in mönchische Abgeschiedenheit ist für solch einen Charakter notwendig, um jenseits der gesellschaftlichen Normen die eigene innere Wahrheit leben zu können. Zugleich deuten Sonne, Mond, Drachenkopf, Merkur und Aszendent im Schütze-Zeichen auf ein starkes prophetisches Element hin, das nur in der Öffentlichkeit ausgelebt werden kann, beispielsweise in der Rolle des Predigers oder des Lehrers.

Seine genaue Herkunft ist ungewiß. Vermutlich unehelicher Sohn schwäbischer Adliger, lebte er einen großen Teil seines Lebens völlig zurückgezogen als Pfarrer einer kleinen ländlichen Gemeinde. Sein Amt ließ ihm genug Zeit, um sich der Berechnung und Deutung Gestirnsbewegungen zu widmen [Oestmann 1993 (2)]. Hochgestellte Persönlichkeiten aus Adel und Klerus gaben bei ihm astrologische Gutachten in Auftrag. Zugleich war er handwerklich und mathematisch hochbegabt.

Berühmt ist sein von Kaiser Maximilian in Auftrag gegebener Himmelsglobus: ein einmaliges Prunkstück, welches die gesamten damaligen Erkenntnisse der Astronomie beinhaltet [Oestmann 1993 (1)]. Solche Globen hatten auch eine tiefe symbolische Bedeutung. Sie sollten den geistigen Herrschaftsanspruch des Kaisers als Mittler zwischen himmlischen Mächten und irdischem Volk unterstreichen und festigen.

Erst in betagtem Alter erhielt er den Ruf an die Tübinger Universität - ohne jemals ordentlich die Professorenlaufbahn eingeschlagen zu haben. Zu seinen Schülern zählten neben dem jungen Sprachgenie Philipp Schwarzerdt (gräcisiert: Melanchthon) unter anderem Sebastian Münster sowie Johann Nägelin (latinisiert: Carion). Dieser Kreis von Astrologen/Astronomen hatte auch später, zur Reformationszeit, Kontakt zueinander behalten und brachte die Sternenwissenschaften zu ihrer Blüte. Die damals wieder neu konzipierte Verbindung von Astrologie und Christentum, wie sie an der Wittenberger Universität Leucorea gelehrt wurde, hat in ihm ihren geistigen Urheber.