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Der Rechtsanwalt Doktor Kowalk, der doch noch lebt, eröffnet Friederike das nachgetragene Erbe ihrer Großmutter: Ein Ladenlokal in Berlin unweit der Potsdamer Straße, in dem sich ein Café befindet. So kündigt Friederike mit fünfzig ihre Stelle am Institut für schwindende Idiome und übernimmt das Café. Von ihrem Vorgänger bleiben ihr die große Kasia, der Kioskbesitzer Herr Lehmann und Herr Palun, der Verkäufer, der fliegen kann. Unverdrossen übersteht sie die Kontrollen der Gesundheitsämter, die Anschläge von Heckenschützen, den schwarzen Regen, die Ausläufer der Pandemie. Auch wenn im Keller unter dem Tresen Ratten Szenen der jüngsten Geschichte oder des jüngsten Gerichts nachspielen, hält sie am Glück, anderen zu Diensten zu sein, fest. Es erscheint der wundersame Robert, und eines Tages wird zwischen den Gästen auch ihr verlorener Sohn Florian sein. »Es ist nicht länger die Zeit, den eigenen Platz zu behaupten. Es ist die Zeit, anderen einen Platz zu bieten.« Katharina Hacker »Es geht um Erinnerungen, um geisterhafte Gespräche zwischen Toten und Lebenden, um die Risse in der realen Welt, durch die das Imaginäre, Gefürchtete und leidenschaftlich Ersehnte hervorbrechen kann.« Aus der Begründung zur Verleihung des Droste-Preises an Katharina Hacker, 2021
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2022
Katharina Hacker
Roman
Der Rechtsanwalt Doktor Kowalk, der doch noch lebt, eröffnet Friederike das nachgetragene Erbe ihrer Großmutter: ein Ladenlokal in Berlin unweit der Potsdamer Straße, in dem sich ein Café befindet. So kündigt Friederike mit fünfzig ihre Stelle am Institut für verschwindende Idiome und übernimmt das Café. Von ihrem Vorgänger bleiben ihr die große Kasia, der Kioskbesitzer Herr Lehmann und Herr Palun, der Verkäufer, der fliegen kann. Unverdrossen übesteht sie die Kontrollen der Gesundheitsämter, die Anschläge von Heckenschützen, den schwarzen Regen, die Ausläufer der Pandemie. Auch wenn im Keller unter dem Tresen Ratten Szenen der jüngsten Geschichte oder des Jüngsten Gerichts nachspielen, hält sie am Glück, anderen zu Diensten zu sein, fest. Es erscheint der wundersame Robert, und eines Tages wird zwischen den Gästen auch ihr verlorener Sohn sein.
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Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt am Main, lebt nach mehrjährigem Aufenthalt in Israel als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin und Brandenburg. 2006 erhielt sie den Deutschen Buchpreis für »Die Habenichtse«, zuletzt erschienen der Roman »Skip« (2015) und das Jugendbuch »Alles, was passieren wird« (2021).
[Motto]
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
80. Kapitel
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
84. Kapitel
85. Kapitel
86. Kapitel
87. Kapitel
88. Kapitel
89. Kapitel
90. Kapitel
91. Kapitel
92. Kapitel
93. Kapitel
94. Kapitel
95. Kapitel
96. Kapitel
97. Kapitel
98. Kapitel
99. Kapitel
100. Kapitel
101. Kapitel
102. Kapitel
103. Kapitel
104. Kapitel
105. Kapitel
106. Kapitel
107. Kapitel
108. Kapitel
109. Kapitel
110. Kapitel
111. Kapitel
112. Kapitel
113. Kapitel
114. Kapitel
115. Kapitel
116. Kapitel
117. Kapitel
118. Kapitel
119. Kapitel
120. Kapitel
121. Kapitel
122. Kapitel
123. Kapitel
124. Kapitel
125. Kapitel
126. Kapitel
127. Kapitel
128. Kapitel
129. Kapitel
130. Kapitel
131. Kapitel
132. Kapitel
133. Kapitel
134. Kapitel
135. Kapitel
136. Kapitel
137. Kapitel
138. Kapitel
139. Kapitel
140. Kapitel
141. Kapitel
142. Kapitel
143. Kapitel
144. Kapitel
145. Kapitel
146. Kapitel
147. Kapitel
148. Kapitel
149. Kapitel
150. Kapitel
151. Kapitel
152. Kapitel
153. Kapitel
154. Kapitel
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156. Kapitel
157. Kapitel
158. Kapitel
159. Kapitel
160. Kapitel
161. Kapitel
162. Kapitel
163. Kapitel
164. Kapitel
165. Kapitel
166. Kapitel
167. Kapitel
168. Kapitel
169. Kapitel
170. Kapitel
171. Kapitel
172. Kapitel
173. Kapitel
174. Kapitel
175. Kapitel
176. Kapitel
177. Kapitel
178. Kapitel
179. Kapitel
180. Kapitel
181. Kapitel
182. Kapitel
183. Kapitel
184. Kapitel
185. Kapitel
186. Kapitel
187. Kapitel
188. Kapitel
189. Kapitel
190. Kapitel
191. Kapitel
192. Kapitel
193. Kapitel
194. Kapitel
195. Kapitel
196. Kapitel
197. Kapitel
198. Kapitel
199. Kapitel
200. Kapitel
201. Kapitel
202. Kapitel
203. Kapitel
204. Kapitel
205. Kapitel
206. Kapitel
207. Kapitel
208. Kapitel
209. Kapitel
210. Kapitel
211. Kapitel
212. Kapitel
213. Kapitel
214. Kapitel
215. Kapitel
216. Kapitel
217. Kapitel
218. Kapitel
219. Kapitel
220. Kapitel
221. Kapitel
222. Kapitel
223. Kapitel
224. Kapitel
225. Kapitel
226. Kapitel
227. Kapitel
228. Kapitel
229. Kapitel
230. Kapitel
231. Kapitel
232. Kapitel
233. Kapitel
234. Kapitel
235. Kapitel
236. Kapitel
237. Kapitel
238. Kapitel
239. Kapitel
240. Kapitel
241. Kapitel
242. Kapitel
243. Kapitel
244. Kapitel
245. Kapitel
246. Kapitel
247. Kapitel
248. Kapitel
249. Kapitel
250. Kapitel
251. Kapitel
252. Kapitel
253. Kapitel
254. Kapitel
255. Kapitel
256. Kapitel
257. Kapitel
258. Kapitel
259. Kapitel
260. Kapitel
261. Kapitel
262. Kapitel
263. Kapitel
264. Kapitel
265. Kapitel
266. Kapitel
267. Kapitel
»Aber pst!, die letzten Stunden des Tages sind voller Fieber, man rennt nach rechts und nach links, und nichts geschieht. Die Stunde der Gefahr läßt man vergehen, weil keine Gefahr besteht, und danach ist man wehrlos. Die Leute auf der Straße gehen umgeben von fortschreitenden Katastrophen.«
Samuel Beckett, Mercier und Camier
Am 21. Juni, meinem fünfzigsten Geburtstag, klingelte es, bevor ich ins Institut für schwindende Idiome aufbrechen konnte, um halb acht an der Tür, und ein Bote brachte einen Brief des alten Rechtsanwalts Doktor Kowalk. Der Bote, ein schlaksiger junger Mann in blauem Drillich und weißen Turnschuhen, wartete, dass ich den Brief öffnete und las.
Er bitte mich, schrieb Doktor Kowalk, im Namen meiner Großmutter, noch am selben Tag in seine Kanzlei in der Genthiner Straße zu kommen, noch vormittags, denn er habe mir eine wichtige Mitteilung zu machen.
Meine Großmutter ist tot, sagte ich dem Boten, der gleichgültig mit den Achseln zuckte, mir ein Blatt hinhielt zum Unterschreiben, sogar einen Stift hatte er dabei. Dann eilte er die Treppen hinunter, übersprang zuweilen eine Stufe, wie Florian es oft getan hatte, und war davon.
Ich dachte daran, wie mir Florian früher Blumen gebracht, zum ersten Mal, als er vierzehn war, zum letzten Mal kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag, bevor er fortging und nicht wiederkehrte. Er hatte drei Wochen nach mir Geburtstag, dieses Jahr würde es der einundzwanzigste sein.
Sie hatten auch Kuchen gebacken und den Frühstückstisch geschmückt, nämlich mit den Geschenken, die sie mir machten, Daniel und Florian, so wie ich es für Florian und Daniel tat, dessen Geburtstag im Dezember lag.
In der Wohnung war es still, eine Taube gurrte vom Dach, es war freundlich aufgeräumt. Wo alle fort sind, könnten sie zurückkehren, und wer schwarzsieht, ist nicht besser, als wer die Hoffnung behält. Und wer das nächste Unglück schon kommen sieht, hält es damit auch nicht ab, hatte ich Florian gesagt, wenn er mich fragte, ob er, wenn er erwachsen sei, noch Tiere und Blumen und Bäume sehen werde, oder ob die Hitze und die Stürme und die Ozeane alles verschlingen würden.
Bis es so weit ist, sagte ich ihm, sollten wir eine Lebendfalle für die Maus in der Küche aufstellen. Denn in der Küche sahen wir früh morgens, wenn ich mit Florian aufstand, um ihm vor der Schule sein Frühstück zu machen, an vielen Tagen eine Maus. Sie ist auch ein Tier, sagte ich, und wenn auch nicht das letzte auf Erden, so freut sie sich doch über glimpfliche Behandlung.
Auch eine Maus wäre eine Gesellschaft, dachte ich, und mir fielen die Tischtennisbälle ein, die den älteren Junggesellen Blumfeld in seiner einsamen Wohnung eines Tages erwartet hatten. Ein Mann mit empfindlichen Nerven wie Franz Kafka hat bessere Ideen als andere, die Tischtennisbälle waren zwar laut und übermütig gewesen, aber immerhin hatten sie weder Nahrung gebraucht noch Spuren im Mehl hinterlassen.
Ich schaute auf das leere Regal im Flur, in dem Daniels Bücher gestanden hatten, ich hatte ein paar von Florians alten Kuscheltieren aus dem Keller geholt, ein Igel saß dort und ein äffisches Tier, mit langen, haarigen Armen und einem bekümmerten Gesichtsausdruck.
Bei uns verschwinden die Wörter, bei dir die Männer!, scherzte mein Kollege Alexander, ich wollte den Kopf schütteln und sagen, dass die Menschen wiederkehrten, wenn nur die Wörter blieben. Daniel würde eines Tages eine Ansichtspostkarte schreiben, als plante er, mit dem Ozeandampfer anzureisen, um uns einen Besuch abzustatten, und zwischen unverhofften Gästen würde eines Mittags oder Abends Florian auftauchen, ein Gast wie alle anderen.
Soll ich dich wohl mitnehmen, sagte ich zum äffischen Tier und freute mich, eine Einladung an meinem Geburtstag erhalten zu haben, ich zog dünne Strümpfe an, nahm die Stiefelchen aus durchbrochenem Leder, die ich im Sommer gerne trug, schlüpfte hinein und band sie zu. Die Stiefel klapperten ein bisschen, sie waren nicht leise und nicht laut, aber einen raschen Schritt konnten sie verkünden.
Jetzt bist du fünfzig Jahre alt, das ist der Beginn des Alters, sagte ich mir, sicher ist das eine Erleichterung. Es war ein warmer Junitag, mittags würde es wohl heiß werden. Der längste Tag des Jahres ist immer festlich, zu Herrn Kowalk war es ein Katzensprung, und ich war neugierig, was mir meine Großmutter, die vor siebzehn Jahren gestorben war, wohl ausrichten wollte.
Die schwere Eingangstür drückte ich auf, ging durch einen kühlen Gang an zwei Treppenaufgängen vorbei und durch einen bescheidenen Flur, nur durch ein Bleiglasfenster fiel etwas Licht, zum Eingang der Kanzlei. Als ich gerade klingeln wollte, schwang die Tür von selber auf und gab den Blick frei in ein großes, dunkles Zimmer, fast ein Saal, an dessen Ende hinter einem schwarzen Schreibtisch der zierliche Herr Kowalk saß. So klein hatte ich ihn nicht in Erinnerung. Kleiner nämlich, als ich es war mit meinen Stiefelchen, aber auch ohne, ein schmaler Mann dazu, durchsichtig geradezu vor lauter Schmalheit, nur seine Haare waren stark und schwarz, vielleicht gefärbt, und sein Gesicht darunter blass, es leuchtete aus der Dunkelheit heraus.
Kartons standen im Zimmer, auf einem niederen Tischchen fanden sich fünf leere Blumenvasen, die Regale waren ausgeräumt bis auf wenige Akten.
Da sind Sie pünktlich und rasch gekommen. Er nickte zufrieden und winkte mir mit der Hand, ich solle mich setzen, ich wollte gerne folgen, es hatte dort wohl einmal ein kleines Sofa gestanden, am Staub auf den Teppichen und den Dellen der Füße sah man es, jetzt war dort eine Kiste mit Akten.
Guten Tag, Doktor Kowalk, sagte ich und näherte mich seinem Tisch, während er mich streng musterte.
Da steht das Sofa nicht mehr, merkte er an.
Nein, stimmte ich zu, es hat aber lange dort gestanden.
Er stützte sich auf die Schreibtischplatte und reckte den Kopf, unzufrieden und sogar mit Groll.
Ein ganzes Jahr lang, die Papiere, Sie sind die letzte Klientin, es ist nur Ihretwegen.
Warum ein ganzes Jahr lang, warum nur meinetwegen?, fragte ich verwundert.
Er zog einen Umschlag unter der Schreibunterlage hervor.
Nun suchen Sie sich endlich etwas zum sitzen!
Er schob mir den Umschlag zu und pfiff etwas zwischen den Zähnen, es war eine Melodie, die ich erkannte.
Das ist aus dem Liederkreis!, rief ich.
Ich sitze und sinne und sitze und träume … zischelte Herr Kowalk und schaute auf meine lockigen Haare.
Setzen Sie sich endlich, suchen Sie sich endlich einen Stuhl!, wiederholte Herr Kowalk barsch und wedelte mit der Hand. Ihre Großmutter vererbt Ihnen zu Ihrem fünfzigsten Geburtstag ein Ladenlokal.
Einen Laden?, fragte ich erschrocken. Jetzt?
Ein Café, um genau zu sein, es handelt sich leider um ein Café!
Aber was soll ich mit einem Café!, rief ich aus. Ist es nicht längst pleitegegangen?
Ja, rief er laut zurück, das weiß kein Mensch, was Sie mit einem Café sollen, in diesen Zeiten!
Der Geruch von alten Putzlappen mischte sich mit dem von Staub und verblühten Rosen, ich entdeckte sie auf der vorletzten Fensterbank, die Farbe, Orange mit einem Stich Rosa, war frisch geblieben, obwohl die Köpfe hingen.
Blumen, dachte ich, hätte ich auch mitbringen können. Er war doch der alte Rechtsanwalt meiner Großmutter.
Bald sind die Kisten zu, bald sind die Kisten weg, Sie haben ein Jahr Zeit.
Wofür?, fragte ich erstaunt, aber Doktor Kowalk winkte mich ungeduldig in einen kleinen, halb verborgenen Sessel, ein grünes Lesesesselchen, von einem Tuch zur Hälfte verdeckt.
Setzen Sie sich, ich muss Ihnen das Testament verlesen.
So, sagte ich mir insgeheim, verlesen wird es, hat sich damals verlesen, jetzt muss er es noch einmal tun, das Ganze vorlesen, handverlesen, was macht er da nur, er öffnet einen Umschlag, aus dem ein paar Zettel herausfallen, Zettel in unterschiedlichen Farben, rosa und lila und hellblau auch.
Nein!, rief er aus, das ist ganz und gar unzulässig! Zettel, Zettel von einer Toten, seit Jahren, Flieder von einer Toten!
Er musste sich bücken, fing etwas noch in der Luft.
Nicht üblich, habe ich Ihrer Großmutter gesagt, das ist nicht üblich, aber sie war hartnäckig, Ihre Großmutter, sie hat sich nicht reinreden lassen, von niemandem, obschon ich sagen darf, ich war ihr Vertrauter, keinen entscheidenden Schritt ohne mich hat sie unternommen nach dem Tod Ihres Großvaters, das ist schon lange her, es war eine lange Zeit, die ich ihr Vertrauter war, und Ihre Mutter weiß natürlich fast alles, aber nicht alles. Sie ist ja nun ein anderes Kaliber als Ihre Großmutter, Ihre Mutter, und von Ihnen selbst weiß man ja kaum etwas.
Ich arbeite an der Universität, sagte ich, um doch etwas zu sagen, am Institut für schwindende Idiome.
Ja, erwiderte er. An der Universität arbeiten Sie, was schwindet da schon.
Es verging eine stumme Pause. Nicht eine Fliege summte, die Zeit verging auch so.
Ein Ort, der hält, was er verspricht, taugt nicht, sagte Herr Kowalk schließlich und klopfte auf den Holzboden.
All die Jahre, sagte er und schaute mich an, hatten Sie ein Geheimnis.
Ich habe nie Geheimnisse, wollte ich ausrufen, aber es war nicht wahr, denn Florian hatte geglaubt, er sei unser leiblicher Sohn, und ich hatte ihm, wann immer er etwas aus meinem Schreibtisch holen wollte und um Erlaubnis bat, gesagt: Ich habe keine Geheimnisse, du kannst jede Schublade aufziehen.
Kein Geheimnis, nur eine Verschiebung oder Umbenennung der Tatsachen, oder ein zeitweiliges Verschweigen, das kein Geheimnis war, oder doch erst, da er davon erfuhr und ihn das Geheimnis oder seine Aufdeckung schier um den Verstand brachte oder zu Verstand kommen ließ, wie ich mir später sagte, um mir vor Augen zu führen, dass jedem Menschen der eigene Lebensweg zustand, auch wenn er in die Ferne führte. Ferne ist die unstete Bewegung deiner Gedanken, sagte Daniel, und es gefiel ihm nicht.
Warum willst du übers Meer?, hätte ich gern gefragt.
All die Jahre, sagte Doktor Kowalk, hat dieser Nachtrag auf Sie gewartet, nun ist es so weit, das war ihr Wille.
Der Wille meiner Großmutter, wiederholte ich folgsam.
Er schüttelte unwillig den Kopf, und ich wunderte mich über so viele schwarze Haare auf seinem Schädel. Den Geburtstag Ihrer Großmutter habe ich kein einziges Mal vergessen, in all den Jahren. Nur dies Jahr wäre ich beinahe darüber hinweg.
Ich war schon im Aufbruch begriffen, als Doktor Kowalk mir eine gelbe Tasche gab, eine flache Ledertasche mit einem Reißverschluss, dreißig auf zwanzig Zentimeter etwa, vielleicht für ein kleines Dokument, vielleicht für etwas anderes gedacht, weich und abgegriffen, aus gelbem Kalbsleder, ich hob sie ans Gesicht, um daran zu riechen. Vielleicht war das ein Hauch Parfüm, vielleicht der Duft einer Creme, vielleicht die Einbildung von Lavendel. Das Futter war aus violetter Seide und verschlissen.
Zögernd stand ich in der Tür, mir war, als berührte mich eine Hand.
Das Café!, rief mir Herr Kowalk durch den schmalen Flur hinterher. Das ist auch ein Mittelpunkt der Welt!
Der junge Bote, der mir Doktor Kowalks Nachricht gebracht hatte, stand vor der Haustür und lachte.
Ihre Großmutter ist, um es in aller Liebenswürdigkeit zu sagen, verrückt!, erklärte er mir und drehte sich eine Zigarette.
Rauchen Sie?, fragte ich interessiert.
Seit ein paar Tagen, entgegnete er mit Stolz. Ich hatte es mir so lange vorgenommen. Alle sagen, die Welt brennt, da zünde ich mir wenigstens noch eine Zigarette an.
Warum meinen Sie, dass meine Großmutter verrückt war?
Sie hätte die Remise, die zum Laden gehört, verkaufen können. Oder den Laden verkaufen und die Remise instand setzen. Oder beides verkaufen. Aber sie hat beides behalten, den Laden als Bar vermietet, die Remise vergessen, und weil es ein Hof ist, den keiner betritt, kümmert sich niemand von der Stadtverwaltung darum, was da alles verkommt. Erinnern Sie sich nicht, wie die Leute auf die Straße gegangen sind, weil es keine Wohnungen gab?
Das ist ja ein paar Jahre her, wandte ich ein.
Ja, es war in dem Jahr vor der großen Pandemie. Er zuckte wieder mit den Achseln. Wenn Sie ein Zimmer für mich haben, sagen Sie es mir und meinem Freund. Wir studieren Jura.
Wir wohnen seit Jahrzehnten in der Kurfürstenstraße, jetzt wohne ich dort allein, vielleicht könnte ich zwei Zimmer untervermieten.
Der Mann guckte mich lustig an und sagte: Sie sehen gar nicht aus wie ein Glückspilz.
Warum nicht?, fragte ich.
Sie sind zu klein. Sie tragen Röcke, die noch von Ihrer Großmutter stammen könnten, sogar im Sommer. Sie haben Locken. Ihre Beine sind auch ein bisschen stämmig, mit Verlaub.
Er musterte mich gründlich von oben bis unten.
Ich nickte ihm zustimmend zu und ging meines Wegs, die Papiere von Rechtsanwalt Kowalk in der gelben Tasche.
Wie ein längst bekannter Name war die Adresse, als ich sie las, Pohlstraße 75, das lag auf dem Weg zum Institut oder auf dem Weg nach Hause. Bar hieß das Café seit Jahren, eine Zeitlang waren wir dorthin gegangen, Florian und ich, Daniel und ich, um eine Limonade zu trinken oder Kaffee oder Wein, vor der Tür meist, drinnen waren wir nur selten gewesen. Den Inhaber kannten wir, wie wir viele aus den umliegenden Straßen kannten, aus den Läden und den Cafés und den Häusern überhaupt, weil einige ebenso wie wir seit Jahrzehnten am selben Fleck wohnten, und weil wir uns von Angesicht kennen und grüßen, es begegnen einem ja immer dieselben Leute auf der Straße, und wir freuen uns darüber.
Friedrich hieß er, und ebenso wenig wie ich wusste er, dass uns das Schicksal zusammenführen würde.
Sie sind es, sagte er, als er mich sah, er hatte draußen an einem Tischchen gesessen und die Straße entlanggeschaut. Sie sind es also, wer hätte das gedacht.
Er nahm eine große, schwarze Kellnerbörse und streckte sie mir entgegen.
Ich habe auf Ablösung gewartet, nun sind Sie da.
Dann straffte er sich, als wollte er gleich gehen.
Ich muss erst kündigen, wandte ich erschrocken ein.
Heute ist der 21. Juni. Ich gehe zum 30. Juli, dann können Sie streichen und Ende August eröffnen.
Der Sommer, fügte er hinzu, als wäre damit etwas erklärt.
Da fiel mir erst auf, dass wir alleine waren, wir beide. Kein Gast war im Café. Vielleicht waren morgens Leute da gewesen. Vielleicht war eben erst jemand gegangen.
In der Stille hörte ich Atemzüge, seine und meine und noch welche dazu, die ich nicht zuordnen konnte.
Es ist, dachte ich, zu viel Lebendiges, man könnte sich davor fürchten.
Vorsichtig berührte ich die große Geldbörse. Die Kaffeemaschine zischte.
Herr Kowalk sagt, sagte Friedrich, Sie könnten auch verkaufen. Aber nicht an mich, ich habe kein Geld und denke längst an Aufbruch.
Er wies mit der Hand in den rückwärtigen Teil des Cafés und sagte: Der Hof und die Remise gehören dazu, auch wenn sie verfallen sind.
Einen Kaffee trank ich, ein Croissant aß ich, ein Glas Wasser trank ich, ein Glas Sekt bot mir Friedrich an. Wir saßen an einem Tisch und warteten. Wer hier noch atmet, zeigt sich nicht, dachte ich und wollte nicht danach fragen.
Bevor ich ging, bezahlte ich das Verzehrte.
Es liegen immer schwierige Zeiten hinter einem, sagte Friedrich.
Als ich hinaustrat, sah ich Florian, meinen verlorenen Sohn, er ging vor mir, auf der anderen Straßenseite, in dieselbe Richtung wie ich, nämlich Richtung Potsdamer Straße, hielt an und bückte sich, um seinen Schuh zu binden, immer gingen ihm die Schuhe auf. Mutter, binde mir den Schuh, ich binde ihn dir später, wenn du alt bist!, hatte er früher oft zu mir gesagt, dann war er hochgehüpft vor Freude, weil er das Wort Mutter lustig fand. Daniel nannte er manchmal Den Herrn Papa, weil er, sagte Florian, Professor war und mit viel Würde ausgestattet. So sind wir eine Familie, verkündete er manchmal bei feierlichen Anlässen oder nach einem Streit. Dann sah mich Daniel an, als wollte er sagen: Wer ist dieses Kind, was ahnt er von uns, auf was spielt er an?
Der junge Mann richtete sich wieder auf und drehte sich zu mir um. Wie Florian hatte er dunkelbraunes, gelocktes Haar, wie Florian hatte er dunkle Augenbrauen und eine große Nase im schmalen Gesicht, wie Florian blickte er mich an, zog aus seiner Tasche eine Wollmütze und winkte mir damit. Es war nicht Florian, und mit einem Gruß verschwand der Mann in einem Hausaufgang.
Wir hätten ihm bald schon sagen sollen, dass er unser angenommenes Kind sei, womit nichts verloren und nichts genommen wäre, sondern etwas hinzugefügt.
Früher gab es Klageweiber, die man bezahlte, hatte Florian stolz gesagt. Er legte Geld in ein Kästchen, das auf dem Tisch stand.
Hier ist das Kästchen, und hier ist das Geld – wie bezahlen wir sie?, fragte er Daniel.
Pro Stunde, schlug Daniel vor. Ein ganzer Tag Klagen ist zu lang. Oder pro Toten.
Florian überlegte. Nur Urgroßmutter ist gestorben, sagte er dann. Pro Tote und pro Stunde, beides. Wenn es wieder eine Pandemie gibt, zahlen wir die Hälfte.
Er zeichnete eine Preisliste mit kleinen Urnen und großen Särgen.
Man muss wissen, ob es für die Toten große oder kleine Beweinung gibt und ob sich das nach der Größe der Toten richtet.
Kosten die Großen mehr oder die Kleinen?, wollte ich wissen.
Blättchen flogen, von Trockenheit besiegt, aus den noch frühsommerlichen Bäumen. In Traufhöhe surrten die Drohnen. An einigen Bäumen hingen Kästen für Insekten.
Leben wir in einer sterbenden Welt?, hatte Florian gefragt.
Je nun, hatte Daniel geantwortet.
Leben bald nur noch die Kräuter und Salatpflanzen in den Supermarktschränken vielleicht?
Wirklich, sagte Daniel manchmal, was fressen nur die Amseln?
Da flatterten vor mir zwei Amseln auf. Amsel!, rief ich laut und schämte mich. Es hatte ja keiner nach mir gefragt.
Von fern hörte man ein paar Schüsse, wir hatten uns daran gewöhnt.
Die eine Amsel flog zu mir und landete vor meinen Füßen. Du bist es, sagte ich, das ist gut. Sie drehte den Kopf hin und her, als müsste sie mich mit jedem Auge gesondert betrachten.
Dann sagte sie: Stirb.
Es war ein süßer Ton, er fuhr mir ins Herz.
Kaum war ich auf dem Rückweg, da beorderte mich Herr Kowalk schon zu sich.
Die Leute kommen vielleicht noch, sagte er, aber der Putz fällt ab, die Ecken sind schwarz, über der Heizung ist es schwarz, die Fensterrahmen sind in schlechtem Zustand, alles ist in schlechtem Zustand, durch die Tür kann jeder einbrechen, die Kaffeemaschine ist alt. Einnahmen gibt es wenige oder gar keine. Die nächste Pandemie folgt bestimmt, irgendwann wird alles geschlossen. Was wollen Sie also tun?
Ich behalte das Café, sagte ich. Ich lasse es streichen. Wenn nur wenige Menschen ausgehen, müssen sie doch einen Ort haben, wo sie hingehen können.
Es ist an der Zeit, dass Sie zur Vernunft kommen.
Ja, stimmte ich zu. Vernunft ist immer am besten.
Kowalk nickte zufrieden. Verkaufen Sie das Café!, rief er dann.
Zu Hause ist niemand, dem ich eine Tasse Tee bringen könnte, sagte ich.
Sie haben eine gut bezahlte Stelle, was wollen Sie da bedienen!
Man behält mich, sagte ich, aber man kann auf mich verzichten. Womöglich bin ich eine Last.
Eine Last!, rief Doktor Kowalk und hob die Augen zur Zimmerdecke und zum Himmel darüber. Jeder Mensch ist eine Last, entweder für sich selber oder den anderen oder beides. Was wollen Sie da tun!
Die Pohlstraße ging ich zurück, die Potsdamer Straße ein Stück, vorbei an der Kurfürstenstraße, zur Bülowstraße nämlich, ein kurzer Weg war es, stieg in die U-Bahn und fuhr hinaus nach Dahlem.
Als ich mich vor dreißig Jahren dem Institut zum ersten Mal genähert hatte, war die Villa groß und die Blautanne davor klein gewesen, jetzt war die Blautanne groß, das Institut war klein geworden. Wer sich mit dem befasst, was schwindet, hat irgendwann weniger zu forschen.
Sie nimmt uns die Sonne, hatte Daniel zur Blautanne jede Woche gesagt. Die Sonne fehlt. Er blickte missmutig zu mir. Nur du bist immer zufrieden.
Jetzt habe ich ein Café geerbt und muss kündigen, sagte ich zu Irene, der Institutssekretärin, gleich im Flur. Alle hörten zu und schwiegen und schauten mich an wie ein Jahr zuvor, als alle außer mir schon wussten, dass Daniel eine Stelle in den USA angenommen hatte.
So, sagte Professor Huber, kommen Sie gleich zu mir, sagte er streng, als wolle er einen Tadel aussprechen.
Irene zupfte mich am Ärmel.
Pst, zischelte sie. Kein überflüssiges Wort!
Ich nickte folgsam, Irene war ich immer gern gefolgt.
Maul halten ist auch nicht schlecht, flötete sie mir ins Ohr.
Es muss Auffangstationen geben für Wörter, wie es welche für Tiere gibt, hatte Irene früher in das erschrockene Gesicht Professor Hubers verkündet, der vor sich sah, wie sie Betten und Bettchen aufbaute und kleine Decken nähte für erkrankte Wörter, für missbrauchte Wörter, für erschöpfte oder vermüdelte Redewendungen, für Ausdrücke, die keiner mehr kennen wollte und die in Misskredit geraten, für all das, was abgelehnt und verworfen wurde und doch nicht, sagte sie, von der Erde fiel und verschwand, weil die Erde keine Scheibe, sondern eine haftende Kugel war.
Du bist immer noch zufrieden, hatte mir Daniel vorgeworfen, nachdem Florian gegangen war.
Abends briet ich ein Huhn.
Ich kaufte es auf dem Markt, bei dem Bauern, bei dem Florian und ich oft gekauft hatten.
Der Florian, sagte der Bauer, auch schon ein junger Mann.
Er ist doch weg, sagte ich ihm, doch der Bauer hielt sein Huhn an den Beinen hoch, betrachtete es, wischte einmal mit einem Lappen darüber, tat es in eine Tüte und reichte es mir.
Ist egal, wachsen tun sie überall.
Es war ein gutes Huhn, das sagte auch Daniel.
Fast wäre ich umgesunken, als ich es Irene mitteilte. Der Ventilator blies mich in ihre Arme.
Ein Segen, dass du so klein bist, sagte sie.
Meinen Puls suchte sie lange.
Der Ohnmacht nahe, konstatierte sie, vor Kummer. Ein Glück, dass du eine stämmige Konstitution hast!
Der Herr Valeur, sagte sie ein knappes Jahr später, ist also auch weg.
Ich habe sie nie gefragt, warum sie Daniel Herr Valeur nannte, er hieß ja Valtern.
Ein komplizierter Name, rief Irene jedes Mal aus, wenn sie ihn hörte. Er pfeift mir in den Ohren!
Nu ist er weg, sagte sie noch einmal. Nu is er weg. Sie pustete mir eine Strähne in die Stirn.
Dass du gehen willst!, rief jetzt Irene und schubste mich zur Tür. Geh nur, flüsterte sie.
Alle gehen! Aber wer kommt?
Als ich Florian am Morgen seines achtzehnten Geburtstags sagte, dass er unser adoptiertes Kind sei, schlich er mittags in die Wohnung, legte auf sein Bett einen Zettel, auf dem geschrieben stand, wir sollten ihn nicht suchen, und verschwand.
Daniel packte die Wut. Er brüllte, als wollte er Löwen verjagen.
Was sind die Engel des Herrn!, brüllte er.
Im Körbchen, sagte er später böse, hätte man ihn aussetzen sollen.
Kurz nach meinem neunundzwanzigsten Geburtstag hatte ich die Nachricht erhalten, ich könne im Krankenhaus einen Sohn abholen.
Die Schwester erwartete mich im Flur und gab mir das in Tücher gewickelte Kind in den Arm.
Wir haben ihn, sagte sie, Felix genannt, denn er hat das Glück, gleich eine neue Familie zu finden.
Bei uns heißt er Florian, sagte Daniel.
Zu Hause öffnete Florian die Augen und betrachtete die Welt. Sein Herz schlug voller Wärme.
An seinem ersten Geburtstag wollte er sprechen und konnte es nicht.
Aber ist das denn Ihr Kind?, fragte mich eine Frau empört, als Florian auf dem Boden lag und in den Himmel schrie.
In ihrem Leben hatte meine Großmutter viele Pelzmäntel und nie ein Tier besessen. Sie hatte eine Tochter, meine Mutter.
Was soll ich tun?, fragte ich meine Großmutter, als klar war, dass ich nicht schwanger werden konnte.
Es gibt genug Kinder, sagte sie. Du kannst eines adoptieren. Oder du nimmst ein anderes.
Sie musterte mich streng und hielt eine kleine Rede: Wer von Unglück geschlagen ist, muss getröstet werden, und wer denken will, mit wachsender Zahl der Menschen wachse die Zahl der Unglückseligen, die Aufgabe werde also unlösbar, vergisst, dass jeder Mensch einen Schutzengel bei der Geburt mitbringt. Egal bei welcher. Vermehrung ist, wo keine Materie berücksichtigt werden muss, leicht. Es ist immer genug von allem da. Also erwarte ich von dir gute Laune.
Das Haar meiner Großmutter war in einer Nacht grau geworden, in einer anderen verlor sie alle Haare, die als kleine Locken wieder wuchsen. Von ihr habe ich die Locken.
Sie verriet nie, wie es zu all dem kam. Vielleicht weiß Doktor Kowalk mehr.
An Weihnachten, bevor sie starb, kam meine Großmutter zu mir und sagte: Kind, iss Vanillekipferln. Vanillekipferln habe ich dies Jahr uferlos gebacken.
Als sie starb, verabschiedete sie sich knapp und sagte trocken: Wir sehen uns jetzt nicht mehr. Morgen sterbe ich.
Dann fügte sie hinzu: Die Zukunft bringt auch noch was.
Als müsste er mit Gewalt begreifen, was ich sagte, so schaute mich Professor Huber an.
Herr Huber, ich möchte gehen.
Ich möchte gehen, wiederholte er. Sie möchten gehen, jetzt, nach all den Jahren. Gehen Sie nicht in den Abgrund, nach allem, was Ihnen widerfahren ist, ich warne Sie. Nicht mit Fanfaren öffnen sich die Nebenwelten oder die Pforten des Himmels. Ist es der Himmel? Ich sehe an Ihnen Spuren von Numinosem.
Ich danke sehr, es sind fünfundzwanzig Jahre, dass ich hier arbeite.
Da können Sie doch gleich bleiben den Rest, ich bleibe ja auch noch sieben Jahre, die mageren, die fetten, wer weiß! Er fingerte sich an der Stirn, als wollte er Falten zählen. Pfuuuu, machte er und dachte nach.
Des Menschen Willen und so weiter, sagte er schließlich. Irene wird Ihnen beim Packen helfen. Sie hilft bei allem, auch beim Verrat. Was Sie, er zögerte, was Sie belastet, lassen Sie hier. Es ist viel Vergangenheit in Ihrem Leben.
Ich hüpfte erleichtert auf, die braunen Stiefelchen wie Sprungbretter.
Eine schöne Tasche tragen Sie, sagte Professor Hübner neugierig, fast hätte er die Hand ausgestreckt, aber ich hielt das gelbe Kalbsleder fest, als wäre es mein fliegender Teppich. Das Telefon klingelte.
Festnetz, sagte Huber töricht und winkte mich hinaus, wie um Geheimnisse vor mir zu wahren.
Irenes spitzes Gesicht zog sich auseinander, als ich heraustrat.