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Was haben Maria, Petrus, die kanaanäische Frau, der Hauptmann von Kafarnaum und der Verbrecher am Kreuz neben Christus miteinander gemeinsam? Sie geben Antworten auf Gott, die zunächst für sie selber, aber ebenso für alle Zeiten kostbar und bedeutungsvoll sind. In diesem Buch geht es um Antworten, die Menschen Christus in Tat und Wort geben. Es ist ein Buch für alle, die das Evangelium neu lesen wollen, ohne den sicheren Boden der Lehre der Kirche zu verlassen. Was verrät uns der Text über das Alltägliche, Bekannte hinaus? Was bedeuten die großen Antworten der Laien vor 2000 Jahren für uns heute? Exemplarisch sind einige Begebenheiten ausgewählt worden. Immer geht es aber um die freie Antwort der Menschen auf Christus und die Veränderungen, die sie bewirken.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Vorwort:
Die Antwort als Teilhabe am Wort
Alles ist Beziehung. Die Elementarteilchen zueinander, die Kräfte des Weltalls, die Pflanzen, das Licht, das biologische Leben und die Menschen miteinander. Vor allem aber die Beziehung zwischen Gott und Mensch.
Ohne Gott bleibt der Mensch einsam. Wärme, Schutz, Geborgenheit bei anderen suchend, die aber ebenso verloren scheinen im Leben, das kurz genug ist, um als flüchtig zu gelten. Im Wasser Treibende, die bewusst große Einheiten bilden, in der Hoffnung, Gefahren so besser begegnen zu können. Wirkliche Sicherheit gibt es nicht.
Der halb unbewusst lebende heidnische Mensch mag sich in der Natur heimisch gefühlt haben, trotz vieler Bedrohungen. Für den modernen Menschen, der sich der Natur entfremdet hat, ist das nicht möglich.
Und Gott? Interessiert er sich für den Menschen? Ja, das ist allen Religionen gemeinsam. Bereits die heidnischen Götter interessieren sich für den Menschen, nehmen Anteil an seinem Leben, zumindest an dem Geschick herausragender Einzelner, wie Achilles oder Odysseus; aber die Anteilnahme ist willkürlich und spielerisch. Hinter den Göttern selbst steht das Schicksal, teils vom höchsten Gott bestimmt, teils selbst ihn verpflichtend.
Beruhigender sind da die monotheistischen Religionen. Gott kümmert sich, sorgt sich um die Menschen, schließt sogar einen Vertrag mit ihnen wie im Judentum. Im Monotheismus gibt es Geborgenheit, Vertrauen und eine berechtigte Hoffnung für alle. Das Heidentum ehrt im Grunde nur den Helden, die Heldin.
Dennoch bleibt eine gewisse Ohnmacht des Menschen gegenüber dem Allmächtigen, wenn auch barmherzigen Gott, die im Islam besonders durch den Niederfall deutlich wird, der Ausdruck völliger, im Grunde sklavischer Abhängigkeit ist. Der allmächtige Schöpfergott, auch wenn er den Menschen Bund und Hilfe anbietet - ist er nicht so absolut, dass es sinnlos ist, von Freiheit zu sprechen oder zu träumen?
Im Christentum kommt im Vergleich zum Judentum und Islam etwas Einzigartiges hinzu: Gott wird Mensch. Als hilfsbedürftiges Kind tritt er in seine Schöpfung ein. Damit beginnt das Abenteuer der menschlichen Freiheit. Nun befiehlt Gott nicht allein, er bittet auch. Er schützt nicht nur, er braucht auch Schutz. Und wenn Gott bittet, sich freiwillig seiner Macht entäußert, ist damit nicht die Freiheit des Menschen im Tiefsten begründet?
Man hat die Wahl, Gott in seiner Schwachheit anzunehmen oder nicht. Das neugeborene Kind anzubeten, wie die drei Weisen aus dem Morgenland, oder es zu verfolgen wie Herodes. Gott verzichtet auf seine Allmacht und liefert sich den Menschen aus. Nun hat die freie Antwort des Menschen einen Sinn und wird ein Teil der Gestaltungskraft und Schöpferkraft des wahren Wortes, das von Anfang an bei Gott war.
Das Christentum ehrt das Wort. Es heißt ja im Prolog des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ (Joh 1, 1)
Die Kraft des Wortes wirkt in Christus, der selbst das Wort ist, und sie wirkt in der Kirche, die kraft des Wortes von Christus durch das Wort schöpferisch ist. Am deutlichsten bei der Wandlung von Brot und Wein zu Fleisch und Blut. Es ist das ausgesprochene Wort, das wandelt und die Realität verändert. Es reicht nicht, dass der Priester es denkt. Es muss ausgesprochen werden, ähnlich einer Liebeserklärung.
Und so wie es ein zweifaches Liebesgebot gibt, ‚Gott zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst‘, so hat auch das Wort eine zweifache Beziehung: als Wort und als Antwort. Das Wort ist das Erste, denn es geht von Gott aus; aber das Zweite ist ihm vergleichbar: die Antwort des Menschen, ausgesprochen oder durch eine Handlung erkennbar.
Es sind nicht allein die Jünger Jesu, die antworten und handeln. Vieles im Neuen Testament geht von Nicht-Jüngern aus, die ich der Einfachheit halber und um des Bezuges zu unserer Zeit willen Laien nenne. Das sind Juden, das sind Heiden, das sind Römer, Arme und Reiche, Mächtige und Ohnmächtige, die auf ihre Weise bedeutungsvolle und wirkmächtige Antworten auf Christus geben. Ihre Antworten sind oft großartig in ihrer Einfachheit; sie überraschen Jesus. Und sie bewirken Veränderung. Davon handelt dieses Buch.
Die Einzigartigkeit der Laien geht im Neuen Testament aus der besonderen Leistung und Verantwortung der Apostel hervor. Versteht man recht, wie groß die Antworten von Maria und Petrus sind, erkennt man den Wert der Antworten der Laien besser. Deshalb beginnt dies Buch mit Marias Antwort auf den Engel Gabriel. Darauf folgt das Messiasbekenntnis von Petrus, danach die Laien, seien sie Juden oder Heiden.
1 „Mir geschehe“
Gibt es das wirklich, dass Gott bittet? Können wir auch ‚Nein‘ sagen und würde das etwas ändern?
Am Anfang des Evangeliums nach Lukas sendet Gott seinen Engel zu Maria:
Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. […] Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabeth, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel. (Lukas 1, 28-38)
Auf den ersten Blick scheint es klar, dass geschieht, was Gott durch seinen Boten verkünden lässt. Oft heißt diese Begebenheit daher einfach: ‚Maria Verkündigung‘. Das Wort Verkündigung erinnert an einen Kaiser, der ein Verdikt erlässt. Jede Art von Misstrauen oder Zweifel wäre dann ein Affront.
In der Einheitsübersetzung steht als Überschrift allerdings nicht Verkündigung, sondern Verheißung der Geburt Christi und das öffnet den Blick auf die Schattierungen der Begegnung. Etwas, was verheißen wird, kann geglaubt werden oder nicht. Das Unabänderliche ist gegenüber dem Wort Verkündigung gemildert. Etwas, was verheißen ist, ist in Aussicht gestellt, und das schließt die Möglichkeit ein, dass es unter Umständen nicht geschieht.
Unabhängig von diesen nachträglich beigefügten Überschriften im Evangelium, geht es um folgende wichtige Frage: Stellt der Engel Gabriel mit seiner Ankündigung eine Tatsache fest oder wirbt er um Zustimmung, um das ‚Ja-Wort‘ der Braut?
Was würde denn eigentlich geschehen, wenn Maria zweifelte oder Ausflüchte suchte, wie es durchaus in anderen bedeutsamen Begegnungen in der Bibel vorkommt? Bei Moses zum Beispiel, den Gott zum Pharao sendet, oder bei Sarah, der Frau von Abraham, die heimlich lacht, als Gott ihrem Mann die Geburt eines Kindes ankündigt. Und nicht nur das Alte Testament kennt Beispiele mangelnden Glaubens und fehlender Zustimmung. Vergleichbar verhält es sich in demselben Evangelium von Lukas, unmittelbar vor dem Besuch des Engels bei Maria.
Dort wird Gabriel zu Zacharias gesandt, um ebenfalls die Geburt eines Sohnes anzukündigen. Aber das Gespräch verläuft nicht ideal. Zacharias kann sich nicht vorstellen, dass er und seine Frau im hohen Alter noch ein Kind bekommen werden. Er drückt seine Zweifel in der Frage aus: „Woran soll ich erkennen, dass das wahr ist?“ Er tut, was viele im Alten Testament vor ihm getan haben: Angesichts der unvorstellbaren Allmacht Gottes fordert er ein Zeichen.
Der Engel jedoch ist ungehalten und bestraft ihn mit Stummheit, bis zur Geburt des Kindes, bis zur Namensgebung genauer gesagt, bei der Zacharias durch Gestik den von Gott gewählten Namen bestätigt und damit widerspruchslos die Autorität Gottes anerkennt. Das Kind soll Johannes heißen und es wird als Johannes der Täufer den Weg für Christus bereiten. (Lukas 1, 5-22)
Es ist also keineswegs klar, dass die Kommunikation problemlos gelingt, zwischen Gott und dem Menschen oder dem von ihm gesandten Engel.
Für Maria war es inhaltlich gesehen sogar schwerer zu glauben, was ihr durch Gabriel verheißen wurde, als für Zacharias. Denn es gab bereits vor Zacharias und seiner Frau Elisabeth Paare, die im hohen Alter noch ein Kind bekommen hatten.
Bei Maria aber wird das Biologische überhaupt außer Kraft gesetzt. Allein durch den Geist Gottes wird sie schwanger werden. Daher ist die Frage der jungen Frau: „Wie soll das geschehen …?“ sehr verständlich und beinhaltet nicht automatisch einen Zweifel.
Es gibt noch weitere Unterschiede zwischen den beiden Begegnungen.
Zacharias gehört als Priester dem Alten Bund an. Der Engel zeigt sich ihm im Tempel beim Opfer, und die Ankündigung seines Sohnes, der Geburt von Johannes dem Täufer, scheint fast großartiger als die von Jesus bei Maria, zumindest ist sie länger und der Engel gibt bereits viele Details. Doch der Priester Zacharias scheint kein rechtes Vertrauen zu haben. Der Engel zürnt ihm dafür und bestraft ihn. Jede Infragestellung der Allmacht Gottes ist inakzeptabel. Daher erweckt diese Begegnung nicht unbedingt den Eindruck von Freiheit, obwohl die Gebete von Zacharias vom Engel als Ursache der Gnade genannt werden: „Dein Gebet ist erhört worden. (Lukas 1, 13)“
Aber es bleibt eine eindeutige Richtung: Der Mensch bittet oder fleht, Gott gewährt. Der Entscheid ist unabänderlich.
Immerhin gibt es einen Gott, der wahrhaft erhört, aber es gibt keine Diskussion und keine Einspruchsmöglichkeit. Es ist ähnlich wie bei einer Petition an einen Kaiser. Wenn darauf eine Gnade folgt, wer darf es wagen, an dieser zu zweifeln oder sie gar zurückzuweisen?
Doch die Begegnung des Engels Gabriel mit Maria ist anders. Zunächst grüßt der Engel freundlich (was er bei Zacharias nicht tut) „Sei gegrüßt, du begnadete.“ Er lässt Maria Zeit, sich von dem Schrecken zu erholen und fährt dann fort: „Fürchte dich nicht; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen […] Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden […] und seine Herrschaft wird kein Ende haben.“
Maria fragt erstaunt: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Und der Engel erklärt: „Der Heilige Geist wird über dich kommen […]. Auch Elisabeth, deine Verwandte (die Frau von Zacharias), hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen […], denn für Gott ist nichts unmöglich.“
Gabriel gibt sich Mühe, etwas Unerwartetes und Überwältigendes so plausibel wie möglich darzustellen. Das erweckt den Eindruck, es liegt ihm an Zustimmung. Er verkündet nicht wie bei Zacharias, er wirbt um Gottes Verheißung. Er wirbt um die Zustimmung der Braut und erhält sie. Die Frage von Maria, die auf den ersten Blick ähnlich der von Zacharias scheint, hat eine andere Intention.
Interessant ist, dass Gabriel sich bei der Begegnung mit Maria deutlich anders verhält als bei Zacharias. Die souveräne, autoritäre Rede des Engels beim Priester fordert die Frage nach einem Zeichen fast heraus, gerade weil der Anspruch von Allmacht so offen liegt. Was soll der Mensch noch fragen oder erbitten als ein Zeichen dieser Macht?
Fast scheint es, menschlich gesprochen, als habe der Gabriel aus dem unbefrie-digenden Ergebnis seines ersten Gespräches gelernt. Höflich und sanft tritt er an Maria heran. Er begegnet ihr in ihrem Alltag, nicht im Tempel, und das Wunder, aus Sicht des Engels, geschieht: Maria verzichtet auf jegliches Zeichen. Gottes Bote muss sich nicht ausweisen. Die junge Frau fragt lediglich, fast neugierig, nach Details, was den Glauben an die Richtigkeit der Botschaft bereits voraussetzt.
Der Engel verlässt sie, mit sich und dem Erfolg seiner Mission sicherlich zufrieden, und ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte beginnt. Stellvertretend durch Maria tritt der Mensch in eine neue Beziehung zu Gott, denn Gott stellt sich mit ihm auf eine Stufe. Er tritt dem Menschen nicht primär als Allmächtiger entgegen, wie zuvor. Er grüßt, erklärt, wartet die Zustimmung ab. So wird Gott Mensch. Und in diesem Abstieg liegt das Geschenk der Freiheit.
Denn was vermag der Mensch gegenüber Gott, dem Schöpfer von allem? Er kann sich nur unterwerfen und anbeten. Das ist die Erfahrung des Buches Hiob. Denn trotz des Vertrages, den Gott mit dem Volk Israel geschlossen, bleibt auch der gläubigste und treueste Israelit völlig abhängig. Hiob erfüllt alle Gesetze und doch trifft ihn schweres Unheil. Die Liebe Gottes erweist sich am Ende darin, dass er sich Hiob offenbart und ihm antwortet. Seine Allmacht bleibt davon völlig unberührt und Hiob fügt sich darin.
Das Neue Testament setzt einen Neubeginn, weil Gott als Mensch in die Welt kommt. Man kann sagen: Die Abhängigkeit des Menschen wird mit der selbst gewählten Abhängigkeit Gottes multipliziert. Zwei Abhängigkeiten treten miteinander in Beziehung und das Ergebnis ist etwas Positives, nämlich Freiheit. Das mag seltsam klingen, aber es verhält sich ähnlich wie in der Mathematik. Minus mal Minus ist bekanntlich Plus.
Diese Freiheit, die aus der Verschmelzung zweier Beschränkungen hervorgeht, gilt interessanterweise sowohl für Gott als auch den Menschen. Ja, man kann sagen, dass sie wie bei einer chemischen Reaktion als Nebenprodukt entsteht.
Das mag zunächst absurd scheinen, aber man erkennt den tieferen Sinn, wenn man das christliche Gottesbild mit dem des Islams vergleicht. Im Islam kann und darf der Allmächtige nicht klein werden und Mensch sein. ER ist der Allmächtige und das soll er bleiben. Man kann sagen, es ist eine Einschränkung im Gottesbild des Islams, die fundamental ist und die Ablehnung des Christentums beinhaltet. Allah darf nicht Mensch werden, obwohl er der Allerbarmer ist; sich aber so weit zu erbarmen, dass er sich erniedrigt, Mensch wird und gekreuzigt, ist inakzeptabel. Anders gesagt: Im Islam hat Gott nicht die Freiheit, sich seiner Allmacht zu entäußern um aus Liebe bei den Menschen zu wohnen.
Deshalb ist es richtig zu sagen: Erst wenn Gott Mensch wird, befreit er den Menschen zur Göttlichkeit und sich selber zur Menschlichkeit. Minus mal Minus ist Plus. Zwei Mängel multipliziert ergeben Gewinn. Anders, radikal formuliert: Aus Sicht der Liebe ist Allmacht ein Mangel. Es ist eine einseitige Liebe, die dadurch nicht alle Möglichkeiten, die im Wesen der Liebe liegen, in sich trägt. Wenn Gott wirklich ‚die Liebe‘ ist, dann will er sich seiner Allmacht entäußern. Nur dadurch wird die Liebe vollkommen und wahrhaft Allmächtig. Aber das nur nebenbei.
Nichts erhebt den Menschen so sehr wie die Menschwerdung Gottes; nichts konstituiert so überzeugend die oft missbrauchte Würde des Menschen. Wenn der Mensch nur ein zufälliges, flüchtiges Lebewesen unter Milliarden anderen wäre, worin bestünde seine Würde? Sie wäre nur behauptet, letztlich angemaßt. Sobald aber Gott Mensch wird, hat es Sinn, von Würde zu sprechen und von Freiheit.
Weiterhin ist klar, dass es für die Geburt von Gottes Sohn bestimmter Voraus-setzungen bedarf. Es ist schwer vorstellbar, dass Christus in Maria heranwächst, wenn es nicht in völliger Übereinstimmung geschieht. Dieses vollkommene ‚Ja‘ von Maria kann daher vorbereitet, aber nicht erzwungen werden.
Die Tatsache, dass die Kirche Maria so hoch ehrt und sie als neue Eva bezeichnet, hängt davon ab, dass es ein freies ‚Ja‘ ist, das sie spricht. Der Katechismus sagt dazu:
Die Jungfrau Maria „hat in freiem Glauben und Gehorsam zum Heil der Menschen mitgewirkt.“ Sie hat „als Vertreterin der gesamten Menschennatur“ ihr Jawort gesprochen. (Kurztexte 511)
Das Jawort, das zur Eheschließung gehört, setzt Freiheit voraus. Bei der kirchlichen Trauung fragt der Priester und versichern die Brautleute, dass sie freiwillig zur Eheschließung bereit sind. So auch bei der Vermählung Gottes mit Maria. Bei der Verheißung von Christi Geburt geht es also, um die vollkommene Übereinstimmung des Menschen mit Gott. Deshalb gibt es keine konkrete Frage (willst du …), sondern es bleibt auf besondere Weise schwebend, wie eine zarte Liebeserklärung.
Erst im nächsten Abschnitt sehen wir, wie eine konkrete Frage Gottes eine eindeutige Antwort erfordert.
2 „Du bist der Messias“
Als Jesus zum letzten Mal auf dem Weg nach Jerusalem war, fragte er seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Sie sagten: „Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.“ (Mt 16, 13-14)
Es sind ausweichende Antworten, die Jesus als einen großen Propheten unter anderen einordnen. Entsprechend fragt Jesus weiter: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Simon Petrus antwortete: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16, 15)
Alle drei synoptischen Evangelien überliefern diese Begebenheit. Markus, Matthäus und Lukas. Aber Matthäus berichtet darüber hinaus von der Reaktion des Messias:
„Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmels geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16, 16-18)
Für die Kirche war immer klar: Petrus bekennt Christus als Erster, und dafür ruft Jesus ihn auf besondere Weise heraus aus der Jüngerschaft der Zwölf, erklärt ihn zum Felsen seiner Kirche und gibt ihm überaus große Gnaden zum Heil der Menschen und der Verantwortung der Kirche.
Man hat sich daran gewöhnt, es entweder anzuerkennen oder abzulehnen. Es ist daher interessant, einmal nach der Motivation zu fragen, wie in einem Kriminalfall. Wem nützt das?
Wozu eigentlich diese außerordentlichen Gnade der Schlüsselgewalt? Wäre es nicht besser, naiv gesprochen, Gott allein vergibt oder nicht, schließt auf oder zu? Braucht es einen schwachen Chefverwalter? Ein Stellvertreter von Christus? Welchen Vorteil hat das? War es nicht absehbar, dass es zu Problemen führt, bis hin zur Ablehnung der Gnade der Sündenvergebung selbst, die doch Jesus mit einigem Pathos schenkt?
Genau das ist geschehen. Das Papsttum wurde für viele Menschen unerträglich. So unerträglich, dass man sogar auf die Sündenvergebung verzichtet, um die Autorität der Kirche, besonders verkörpert im Papst, ledig zu werden.
Darum ist es gut, sich zu fragen: Warum tut Jesus es? Warum stellt er diese Frage überhaupt? Die Antwort ist überraschend einfach: Weil Gott die Mitarbeit des Menschen und damit seine Verantwortung und sein Wachsen auf ihn hin will. Der Mensch ist nicht vollkommen, aber er ist aufgefordert und eingeladen, es zu werden. Zu werden, wie der Meister. Und dazu braucht es Verantwortung. Niemand wächst ohne Verantwortung. Tatsächlich: Wer Freiheit, Entscheidungsfreiheit, leugnet, verneint die Möglichkeit des Wachsens und Reifens der Menschen.
Und weiter kann man fragen: Warum Petrus? Warum spricht Jesus ihn selig und verleiht diese außerordentliche Gabe der Schlüsselgewalt? Was ist so besonders an dem, was Petrus sagt?
Als Jesus diese Frage nach seiner Identität stellt, waren die Jünger bereits drei Jahre mit ihm umhergezogen, alles zurücklassend. Wofür denn, wenn sie nicht hofften, dass ihr Meister die Messiaserwartung, die im Volk Israel präsent war, erfüllen könne? Lag die Antwort: „du bist der Messias“ nicht nahe? Warum konnte Petrus es Jesus zufolge nur aussprechen, weil es ihm der Vater im Himmel offenbart hatte?
Noch grundlegender bleibt aber die Frage nach der Frage von Jesus. Hat er nicht gesagt, er nehme von niemandem Zeugnis an? (Joh 5, 34) Obendrein verbietet er den Jüngern, es irgendjemandem zu sagen. Was haben Sie sie also von der richtigen Antwort? Wozu fragt Jesus?
Oberflächlich gesehen bleibt da zunächst die Möglichkeit einer Testfrage: ‚Mal sehen, wer von meinen Jüngern mittlerweile verstanden hat, wer ich bin. Den werde ich zum Felsen und zum Ersten unter ihnen ernennen.‘ Das scheint aber seltsam lapidar. Der Sohn Gottes als Schulmeister, der einen Klassenprimus ins Zentrum stellt?
Der Zusatz, dass Petrus es nur wissen konnte, weil es ihm vom Vater offenbart wurde, passt ebenfalls nicht zu einer Art von Testfrage. Es wäre völlig sinnlos, eine Frage zu stellen, deren Antwort nur durch göttliche Eingebung möglich ist. Es muss um etwas anderes, ja um viel mehr gehen. Vor allem die Reaktion von Christus, „Selig bist du, Simon Barjona,“ zeigt, meine ich, dass die Frage für Christus bedeutungsvoll war. Es ist eine echte Frage, die eine echte Antwort braucht. Nur das kann die außerordentliche Reaktion darauf überzeugend erklären. Und das führt zur eigentlichen Frage, die sich von selbst einstellt, wenn man den Text ernst nimmt: Wieso war die Frage für Jesus bedeutungsvoll?
Einen wichtigen Hinweis gibt der Satz im folgenden Text, der bei Markus und Matthäus inhaltlich gleich ist: „Von da an begann Jesus seinen Jüngern zu erklären […] er müsse vieles erleiden; er werde getötet werden …“ (Mt 16, 21)
Die ungewöhnliche Frage von Christus steht von Anfang an im Zusammenhang mit seinem Leiden und Sterben in Jerusalem. Erst nach der Antwort von Petrus, spricht Jesus seinen Leidensweg und seine Kreuzigung offen an. Von diesem Moment an, vom Bekenntnis des Petrus, beginnt der Aufstieg zum Kalvarienberg.
Das zeigt den großen Mut des Jüngers. Es geht nicht allein um Erkenntnis, es geht um Verantwortung. Denn wenn Petrus sagt: „Du bist der Messias“, dann legt er sich fest. ‚Ich folge dir bedingungslos, egal was geschieht.‘ Petrus übernimmt die Verantwortung, und das könnte der psychologische Grund sein für seine Ernennung zum Felsen der Kirche oder die Gründung des Papsttums auf ihn und seine Nachfolger. Er ist der Mutigste, der bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen.
Doch selbst der bewunderungswürdige Mut von Petrus erklärt nicht hinreichend den Ausruf von Christus: „Selig bist du, Simon Barjona, […] denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“
Man kann es drehen und wenden, wie man will, und so unwahrscheinlich es auch zunächst klingen mag - der Text im Ganzen lässt keinen anderen Schluss zu, als dass Christus genau diese Antwort brauchte. Zu niemandem außer zu Maria wird etwas vergleichbar Großes gesagt wie hier zu Petrus. Das Petrusbekenntnis und die Reaktion von Christus darauf werden stimmig, wenn man die Antwort von Petrus: „Du bist der Messias“, als eine für Christus notwendige Antwort auffasst. Notwendig für sein Erlösungswerk. So wird der emphatische Ausruf von Christus verständlich: „Selig bist du ...“
Es hat vor und nach Christus Menschen gegeben, die sich aus Überzeugung oder Liebe geopfert haben und dabei großes Leiden auf sich genommen haben. Aber nur der Sohn Gottes, kann die Sünden aller Menschen auf sich laden und stellvertretend für uns leiden. Das Kreuzesopfer von Christus hat Sinn, wenn er der Sohn Gottes ist, sprich der Messias, somit als Mensch und Gott für uns leidet. Wer Jesus nicht als Sohn Gottes erkennt und anerkennt, wird immer zu dem Schluss kommen, dass Jesus zwar ein großartiger Mensch gewesen sein mag, ein Prophet möglicherweise in der Terminologie Israels, aber letztlich doch gescheitert ist. Christus’ Weg nach Golgatha ist nur sinnvoll als Sohn Gottes. Denn nur Gott kann die Sünden aller Menschen auf sich laden.
Was wäre aber, wenn ihn niemand als den Christus erkennt? Stellen wir uns vor, Petrus hätte geschwiegen. Alle Jünger hätten geschwiegen. So etwas kommt ja vor, bei derartigen Fragen: ‚Was haltet ihr von mir?‘ Was hätte Jesus getan? Es heißt ja im Folgenden: „Von da an begann Jesus, offen zu ihnen von seinem Leiden zu sprechen.“ Also nach dem Zeugnis von Petrus. Vorher hatte es offenbar keinen Sinn. Und hätte es Sinn gehabt, wenn es dieses Zeugnis von Petrus nicht gegeben hätte?
Jesus beginnt, seine Jünger vorzubereiten auf das für sie im Grunde Unbegreifliche seines Todes und das Unfassbare seiner Auferstehung. Wir wissen, wie schwer es für die Jünger war, das Selbstopfer von Jesus zu verstehen und an seine Auferstehung zu glauben. Petrus verzweifelt schier daran, dass er nicht versteht, was sein Meister da tut, der sich ohne Kampf ausliefert.
Wenn vor diesen Ereignissen niemand seine Einzigartigkeit als Messias erkannt und bekannt hätte, wären die Jünger von den Ereignissen abgehängt worden. Ein Wachsen und Reifen auf Christus hin wäre unmöglich gewesen. Deshalb ist das Bekenntnis von Petrus fundamental. Ohne diesen Satz gibt es keine Kirche, denn worauf sollte Christus sie bauen? Er baut sie auf das Fundament des Bekenntnisses.
Man sieht also, dass das Messiasbekenntnis als freie Antwort von Bedeutung ist. Und ohne diese Antwort gibt es keine Erlösung und keine Kirche. Petrus gibt Jesus den Schlüssel zu seinem Werk, öffnet ihm gewissermaßen die Tür, die Christus selber nicht öffnen kann. Das ist der Glaube an ihn, ohne den es nicht weitergehen kann, weil es sinnlos wäre. Der Glaube muss vorausgehen, sonst ist es eben kein Glaube. Das ist der Schlüssel, den Jesus braucht. Daher fragt er seine Jünger. Einer muss ihn bekennen, damit er nicht als irgendeiner gekreuzigt wird.
Und demgemäß ist die Verheißung von Christus an Petrus die Bestätigung dessen, was bereits geschehen ist. Gott hat Petrus den Schlüssel gegeben zum Erlösungswerk seines Sohnes und Jesus bestätigt es: ‚Du hast die Schlüssel von meinem Vater erhalten und du behältst sie.‘ Gott ist treu, er nimmt nicht zurück, was er gegeben hat. Die Antwort von Petrus ist ähnlich der von Maria.
Die Kirche hat eine großartige Formulierung gefunden, wenn sie sagt: Maria hat im freien Glauben und Gehorsam zum Heil der Menschen mitgewirkt. Bei Petrus spricht Jesus diesen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen der freien Zustimmung des Menschen und der Gnade Gottes, die diese ermöglicht, deutlich aus.
Der Ausruf von Christus: „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“, hat nun einen wunderbaren, tiefen Sinn, während er im Kontext einer Testfrage übertrieben wirkt, letztlich widersprüchlich ist.
Petrus gibt seine freie Zustimmung durch sein Bekenntnis zu Gottes Erlösungswerk und steht damit ganz in Übereinstimmung mit Gott, und ohne dass Petrus spricht, gibt es keine Sündenvergebung am Kreuz, genauso wenig wie es ohne das ‚Ja‘ von Maria eine Menschwerdung Gottes gibt. Nicht, weil es unmöglich wäre, sondern weil Gott die Zustimmung des Menschen ersehnt. Er will nicht vollendete Tatsachen schaffen, wie er es jederzeit kann, er will die Übereinstimmung in Liebe. Was nichts anderes ist als die Übereinstimmung mit ihm.
So kann man sagen: Gott braucht die Übereinstimmung mit den Menschen, um Mensch zu werden. Sonst wäre die Erlösung, die unabhängig vom Menschen geschieht, zwar eine Gnade, aber gleichzeitig Unterwerfung, nicht liebevolle Hingabe. Sie könnte keine Freiheit schenken. Denn im Tiefsten hat Gott den Menschen als ein freies Gegenüber, als ein echtes Du geschaffen, dessen Wort er ernst nimmt, dessen Wort wirkmächtig ist, dank der Gnade des Schöpfers. So ist es mit Abraham, dem Gott von seiner Absicht, Sodom zu vernichten, erzählt und auf dessen Verhandlungstaktik er sich einlässt. So ist es mit Moses, der für das Volk Israel eintritt und Gottes Zorn von ihm abwendet. So ist es mit Maria, so mit Petrus. Das freie ‚Ja‘ von Maria ermöglicht die Menschwerdung Gottes, weil Gott es so will. Das freie Bekenntnis von Petrus ermöglicht die Sündenvergebung am Kreuz, weil Gott es so will.
Worin liegt aber nun eigentlich das Verdienst des Apostels Petrus, der so mit Lob und Gnaden überhäuft wird? Wie schon gesagt: im Mut.
Petrus ist der mutigste der Jünger, die alle mutig waren. Er wagt es, das auszusprechen, was wahrscheinlich alle geahnt haben, was in der Luft lag, was aber gesagt werden muss, damit es real wird. Ganz so wie eine Liebeserklärung und ein Heirats-antrag. Was nützt es, eine Frau zu lieben, wenn es einem nicht gelingt, es auszusprechen? Sie wird früher oder später einen anderen heiraten oder, enttäuscht, niemanden.
Wir Christen haben Petrus sehr viel zu verdanken, denn er hatte den Mut, seinen Glauben und seine Liebe zu bekennen. Als Erster etwas Ungeheuerliches, absehbar Folgenschweres auszusprechen, das erfordert allerdings den allergrößten Mut. Und es ist wohl wichtig, diesen Mut in Petrus zu sehen und anzuerkennen.
Das Kreuz ist der Weg, uns zu retten, ohne uns unsere Freiheit zu nehmen, mehr noch, sie überhaupt zu etablieren. Es tut sehr weh, wenn Menschen das Kreuz ablehnen, weil sie angeblich die Freiheit lieben. Sie haben es nicht verstanden. Unsere Freiheit besteht dank des Kreuzes. Denn da Gott immer Gewalt über uns hat, vollkommene Macht, kann nur sein völliger Verzicht darauf uns wirklich befreien.
3 „Hört auf!“
Die Bibel ist unter anderem ‚das Buch‘, weil es das Buch der Freiheit ist. Überall und besonders im Neuen Testament zeigt es, wie Menschen durch ihre Initiative und ihre besonderen Antworten auf Gottes Gegenwart die Richtung der Gnade beeinflussen. Mit Christus beginnt das Paradies gewissermaßen neu. Nicht in seinem Frieden und seiner Harmonie, aber in seiner Wahlmöglichkeit. „Ihr könnt von allen Bäumen essen.“ Das heißt für uns: ‚Meine Gnade ist für euch da und wartet auf die Türen, die ihr für sie öffnet.‘
Wir haben dazu die beiden ‚Großen‘ des Neuen Testaments, Maria und Petrus, betrachtet, deren Antworten ewig bedeutsam sind. Antworten können aber auch in Handlungen bestehen oder in der Reaktion auf eine Begebenheit. Wenn mich beispielsweise jemand schlägt und ich schlage nicht zurück, dann ist das eine mutige Antwort. Und manchmal geht die Initiative auch ganz von einer Person aus. Hier kommen nun die Laien ins Spiel, die nicht direkt Jünger sind oder zum Kreis der Apostel zählen. Auch deren Antworten oder Initiativen haben die Geschichte Gottes mit den Menschen verändert und Möglichkeiten eröffnet, die vorher nicht bestanden. Sie haben Christus zu einer Aussage veranlasst, die gültig bleibt.
Betrachten wir dazu ein Ereignis in Betanien, wo Jesus bei einem Gastmahl, nur sechs Tage vor seinem Tod, von einer Frau mit kostbarem Öl übergossen wird. Diese Geschichte wird mehrfach von Markus, Matthäus und Johannes erzählt, mit jeweils kleinen Unterschieden.
„Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goss das Öl über sein Haar. Einige aber wurden unwillig und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie machten der Frau heftige Vorwürfe. Jesus aber sagte: Hört auf! Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch, und ihr könnt ihnen Gutes tun, so oft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer. Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im Voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat.“ (Markus 14,3-9)
Ebenso wie Markus erwähnt auch Johannes, dass es ein kostbares Nardenöl war, das für mehr als 300 Denare hätte verkauft werden können. Das ist sehr viel. In einem Gleichnis von Jesus einigt sich der Besitzer eines Weinberges mit Arbeitern auf einen Denar als Tageslohn. Grob geschätzt und in der Logik des Evangeliums bleibend kann man sich also vorstellen, dass es mindestens den Jahreslohn eines Arbeiters entsprach, was die Frau Jesus über die Haare goss, wobei auch der eine Denar als Tageslohn aus dem Gleichnis im Allgemeinen als bereits sehr hoch angesehen wird.
Dann folgen drei wesentliche Unterschiede, was die Reaktion der Menschen auf die großzügige Handlung der Frau betrifft. Markus schreibt: „Einige aber wurden unwillig.“ Dabei bleibt offen, in welcher Beziehung diese Personen zu Jesus und der Frau stehen. Matthäus hingegen schreibt ausdrücklich: „Die Jünger wurden unwillig, als sie das sahen und sagten: Wozu diese Verschwendung?“ Und Johannes schließlich rückt Judas in den Mittelpunkt, der als einziger den nämlichen Unmut äußert.
Im Kern bleibt die Geschichte aber gleich: Eine Frau bringt ihre Liebe zu Christus auf großzügige Weise zum Ausdruck, die von anderen als Verschwendung kritisiert wird.
Bleiben wir bei den Jüngern, die die zwölf Apostel sein können, aber auch andere, die Jesus folgen und zugegen sind. Sie meinen, das Rechte zu tun, indem sie für die Armen eintreten und der Frau, als es ohnehin zu spät ist, Vorwürfe machen. Ein bisschen Selbstgerechtigkeit und Bevormundung schwingt dabei mit, denn es war ja nicht ihr Öl, sondern offensichtlich das der Frau, was zwar nicht ausgesprochen wird, aber umgekehrt auch nicht problematisiert wird.
Es heißt bei Markus und Matthäus: „Da kam eine Frau mit einem Alabastergefäß.“ Sie scheint gar nicht direkt zu den Gästen zu gehören oder kam später. Offenbar in der Absicht, Jesus auf diese Art zu salben. Und dieser unabhängige Entschluss ihrerseits wird von Jesus verteidigt: „Hört auf, warum lasst ihr sie nicht in Ruhe?“
Das allein, so lapidar es zunächst klingen mag, ist ein wunderbares Wort gegen Menschen, die die Moral benutzen, um andere zu bevormunden, wo es sie nichts angeht? Und weiter sagt Jesus dazu: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“
Wieder begegnet uns hier ein Gegensatz, der zunächst irritiert. Jesus hat doch die Armen seliggepriesen! Er hat gesagt, „was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Warum lobt er in dieser Situation die Frau, die ihn mit kostbarem Öl übergießt?
Manchmal begütigt ein Priester in seiner Predigt. ‚Die Frau habe es gut gemeint, Jesus erkenne ihre Liebe an und verteidige sie gegen die Aggression der anderen. Im Grunde hätten die Kritiker allerdings schon recht und Jesus selbst habe es so gelehrt, also die Sorge für die Armen.‘
Das verkennt aber, denke ich, die Einzigartigkeit von Christus und seine Autorität. Es gibt keinen Einzelfall im Evangelium, sobald es um Christus geht. Wie bei einem obersten Gerichtshof eines Landes bleibt ein Urteil, das zu einem besonderen Fall ausgesprochen wurde, maßgebend für alle Fälle vergleichbarer Art. Es gibt da kein ‚nur‘.
Bei der Salbung in Betanien geht es um viel. Es geht um einen grundsätzlichen Umgang mit Gott. Es heißt ja: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und mit allen deinen Kräften. Es stammt aus dem Alten Testament und Jesus selbst bezeichnet dies als das erste Gebot.
Genau das tut die Frau mit den Mitteln, über die sie frei verfügt. Was einige sagen, wie bei Markus, die Jünger, wie bei Matthäus, oder selbst Judas bei Johannes, ist nicht grundsätzlich falsch, denn es heißt ja ebenso: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, was besonders die Sorge um den Ärmsten einschließt. Dies ist das zweite Gebot, wie Jesus den Pharisäern erklärt. Aber das schließt die Liebe zu Gott „mit allen unseren Kräften“ nicht aus. Es soll kein Gegensatz entstehen. Jesus bricht hier eine Lanze für das Primat des ersten Gebots. Er fügt seinem Urteil die Erklärung hinzu:
„… die Armen habt ihr immer bei euch und könnt ihnen Gutes tun, so oft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer. Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im Voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt.“
Doch auch diese Erklärung wird von voreiligen Auslegern benutzt, um den vermeintlichen Vorrang des Karitativen hochzuhalten. Aber ähnlich wie beim Messiasbekenntnis legt Christus nach:
„Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat.“
Das ist mehr als eine bloße Vorhersage, es ist eine Verheißung. Da Christus es sagt und mit „Amen“ bekräftigt, ist es nicht nur eine Rechtfertigung, sondern eine Aufforderung, ebenso zu handeln. Die Frau tut nicht nur etwas, was man mehr oder weniger ‚durchgehen‘ lassen kann. Sie verhält sich vorbildlich.
Das passt dem ‚modernen‘ christlichen Geschmack nicht recht. Wir haben uns daran gewöhnt, die Nächstenliebe als die eigentliche Aufforderung an die Christen zu sehen.
