Die Tierkriegerin und die Rückkehr der Elfen - Felicity Green - E-Book

Die Tierkriegerin und die Rückkehr der Elfen E-Book

Felicity Green

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Beschreibung

Liebe oder Freundschaft? Menschen oder Trolle? Wie würdest du dich entscheiden?

Alannah mag Jötunheim vorerst entkommen sein, aber die Welt der Menschen ist längst nicht mehr ihr Zuhause.

Die Elfen kehren zurück, angeblich, um den epischen Streit zwischen den Trollwesen und den Menschen zu schlichten.

Doch die Tierkrieger und besonders der magiebegabte Wolfkrieger Sam sind den Elfen dabei im Weg. Und Alannahs Freundin Elin hat ein Geheimnis, das Elfen und Menschen zum Verhängnis werden könnte.

Alannah muss sich endgültig zwischen ihrem Menschenherz und ihrem Trollblut entscheiden.
Denn sie kann nur einen retten: Den Wolfkrieger, den sie liebt, oder die Freundin, von der sie hintergangen wurde;

Finde heraus, wen Alannah wählt: Jetzt »kaufen« klicken und das magische Finale der nordischen Fantasy-Dystopie mit den etwas anderen Gestaltwandlern lesen.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die Tierkriegerin und die Rückkehr der Elfen

Die Troll-Chroniken 3

Felicity Green

Die Tierkriegerinund die Rückkehr der Elfen

Die Troll-Chroniken Band 3

© Felicity Green, 1. Auflage 2020

www.felicitygreen.com

Veröffentlicht durch:

A. Papenburg-Frey

Schlossbergstr. 1

79798 Jestetten

[email protected]

© Covergestaltung: Laura Newman – design.lauranewman.de

Verwendete Stockgrafiken: © Andrew Poplavsky / 123RF.com

Korrektorat: Wolma Krefting, bueropia.de

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Personen und Handlungen sind frei erfunden oder wurden fiktionalisiert. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Website: www.felicitygreen.com

Erstellt mit Vellum

Inhalt

Die Autorin

Prolog

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Kapitel fünfundzwanzig

Kapitel sechsundzwanzig

Kapitel siebenundzwanzig

Kapitel achtundzwanzig

Kapitel neunundzwanzig

Kapitel dreißig

Kapitel einunddreißig

Kapitel zweiunddreißig

Kapitel dreiunddreißig

Kapitel vierunddreißig

Kapitel fünfunddreißig

Kapitel sechsunddreißig

Epilog

Die Tochter der Tierkriegerin

Weiterlesen

Selkie Heart

Das Buch

Liebe oder Freundschaft? Menschen oder Trolle? Wie würdest du dich entscheiden?

Das magische Finale der nordischen Fantasy-Dystopie DIE TROLL-CHRONIKEN: DIE TIERKRIEGERIN UND DIE RÜCKKEHR DER ELFEN.

Alannah mag Jötunheim entkommen sein, aber die Welt der Menschen ist längst nicht mehr ihr Zuhause.

Die Elfen kehren zurück, angeblich, um den epischen Streit zwischen den Trollwesen und den Menschen zu schlichten.

Doch die Tierkrieger und besonders der magiebegabte Wolfkrieger Sam sind den Elfen dabei im Weg. Und Alannahs Freundin Elin hat ein Geheimnis, das Elfen und Menschen zum Verhängnis werden könnte.

Alannah muss sich endgültig zwischen ihrem Menschenherz und ihrem Trollblut entscheiden.

Denn sie kann nur einen retten: Den Wolfkrieger, den sie liebt, oder die Freundin, von der sie hintergangen wurde.

Die Autorin

Felicity Green schreibt Urban Fantasy und Paranormal Mystery-Serien für Leserinnen, die Mythen und Magie, unerwartete Wendungen, Gänsehaut und große Gefühle lieben.

Felicity wurde in der Nähe von Hannover geboren und zog nach dem Abitur nach England. In Canterbury studierte sie Literatur und Schauspiel. Später tingelte Felicity mit diversen Theatergruppen durch England, Irland und Schottland – eine Inspiration für die Schauplätze ihrer Romane. An der University of Sussex schloss sie einen MA in Kreativem Schreiben ab.

Mit ihrem Mann Yannic, Tochter Taya und Kater Rocks lebt sie jetzt an der Schweizer Grenze.

www.felicitygreen.com

Prolog

»Tante Alannah«, rief einer der Jungs aufgeregt, als ich vorsichtig in den Kinder-Schlafsaal spähte. »Wir sind noch nicht müde.«

»Ja«, rief ein anderer – der kleinste, aber vorwitzigste, weshalb man ihm den Spitznamen Keck verpasst hatte. »Wir können gar nicht einschlafen.«

Ich musste ein Schmunzeln unterdrücken, als ich die Kinder wie Sardinen in der Büchse auf der Schlafstätte liegen sah, ein jedes ordentlich eingewickelt in seine Decke. Bei keinem waren die Lider auch nur annähernd auf Halbmast, sondern alle hatten glänzende Augen, gerötete Wangen und kicherten aufgeregt.

»Ingrid hat mich gewarnt, dass das passieren könnte«, sagte ich. »Anscheinend nutzt ihr es gerne mal aus, wenn eure Kinderfrau frei hat und jemand anders dafür sorgen soll, dass ihr pünktlich ins Bett kommt.« Ich stemmte die Hände in die Hüften und sagte scherzhaft drohend: »Was meint ihr, was ich jetzt mit euch machen soll?«

»Erzähle uns eine Geschichte«, rief Keck.

»Ja, bitte«, stimmte Lisanne zu, das Mädchen mit den blonden Haaren, das Magni wie aus dem Gesicht geschnitten war.

»Lasst Tante Alannah in Ruhe«, sagte der Große, der gemeinhin als Anführer galt und auf den die Kinder meist auch hörten. »Sie ist eine wichtige Kriegerin und hat Besseres zu tun, als uns Gutenachtgeschichten zu erzählen.«

Jetzt entwich mir doch ein Lachen. »Heute habe ich nichts weiter zu tun, als euch ins Bett zu bringen. Es ist alles ruhig und friedlich da draußen. Und ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als euch eine Geschichte zu erzählen.«

»Siehst du«, sagte Keck zum Großen.

Andere fielen ihm schon ins Wort. »Au ja!«

»Eine Geschichte über die Götter.«

»Nein, über Drachen.«

»Einhörner!«, rief Lisanne.

Ich hob eine Hand, um sie verstummen zu lassen. »Moment, Moment. Ich erzähle euch keine Märchen. Dafür ist Ingrid zuständig. Von mir könnt ihr etwas lernen. Nennen wir es Geschichtsunterricht.«

Ungläubige, entsetzte und empörte Gesichter wandten sich mir zu. »Och, nö!«

Grinsend kletterte ich auf allen vieren auf die Schlafstatt. Ich zwängte mich zwischen die Kinder, die mir trotz des Protests bereitwillig Platz machten. Die, die am Ende der Reihe gelegen hatten, schälten sich aus ihren Decken und rutschten ans Bettende und näher an mich heran, sodass ich in einer Art Halbkreis zwischen ihnen saß.

»Ich erzähle euch die Geschichte über die zehn Welten.«

»Kennen wir schon«, sagte der Große und kratzte sich am bläulichen Arm. »Haben wir in der Schule gelernt.«

»Aber Joel erzählt es sicher anders als ich. Immerhin bin ich schon in mehr Welten gewesen als er und kann euch sagen, wie es zur Entstehung der zehnten Welt kam«, meinte ich geheimnisvoll. »Wollt ihr die Geschichte trotzdem gerne noch mal von mir hören?«

»Au ja«, riefen alle.

Nur das dunkelhäutige Mädchen mit den ernsten brauen Augen – John und Cassies Tochter Louisa – sah etwas skeptisch aus. »Bekommt man davon Albträume?«, fragte sie. Lisanne stupste sie an. »Sicher nicht.« Sie legte einen Arm um das kleinere Mädchen. »Wir sind doch alle hier.«

»Ja«, sagte Keck. »Es weiß doch jedes Kind, dass wir hier sicher sind und uns keiner etwas tun kann. Auch nicht im Traum.«

»Jetzt lasst Tante Alannah doch schon anfangen«, ermahnte der Große die anderen.

»Vor vielen, vielen Jahren«, begann ich, »gab es die Welten Muspelheim, wo nur Feuer wütete, und Nilfheim, eine Art finstere, kalte Eiswüste. Dazwischen klaffte der Ginnungagap, ein dunkler Abgrund. Und in der Mitte dieser Schlucht, wo Feuer und Eis aufeinandertrafen, da entstand das erste Wesen, der Riese Ymir. Aus dem Nebel wuchs eine weitere Gestalt, die Urkuh Audhumbla. Sie gab ihm Milch und als Ymir satt war und sich schlafen legte, entstanden in seinen Achselhöhlen seine Kinder.«

»Ihgitt!« Einer der Jüngsten verzog angewidert das Gesicht.

»Psst, es kommt noch schlimmer«, meinte Lisanne vergnügt.

»Die Kuh Audhumbla leckte am Eis und darunter kam ein Mann zum Vorschein. Seine Nachkommen taten sich mit den Riesenkindern zusammen und so wurden die ersten Götter geboren: die Brüder Odin, Vili und Ve. Die Götter hassten die Riesen, die sie für bestialisch und chaotisch hielten. Also beschlossen die Götter-Brüder, den Urriesen Ymir zu töten. Es gelang ihnen. In seinem Blut ertranken alle Riesen bis auf einen, den Urvater der Trollwesen. Aus Ymirs Leiche erschufen die Götter dann eine neue Welt. Fleisch wurde Erde, Knochen und Zähne wurden Berge und Felsen, Haare wurden zu Bäumen und Gras, Blut zu Seen, Flüssen und Ozeanen. Der Schädel wurde das Firmament und das Gehirn warfen sie in die Luft, um Wolken zu machen.«

Das kleine Mädchen in Lisannes Armen war ganz grün im Gesicht geworden. »Bäh, du hast gesagt, nichts, das Albträume macht.«

»Ist doch lustig«, meinte Keck.

»Der eklige Teil ist gleich vorbei«, versprach ich. »Erst muss ich noch erzählen, dass aus den Augenbrauen Ymirs eine Mauer um die Welt der Menschen gemacht wurde, die sie Midgard nannten.«

»Und woraus wurde unsere Welt gemacht?«, fragte einer der kleineren Halb-Svartelfen-Jungs ganz ernst. »Aus seinen Zehennägeln?«

Lisanne lachte. »Aus gar nichts von Ymir, du Dummerchen«, sagte sie. »Das kam doch erst viel später.«

»Genau«, sagte ich. »Wir sind ja erst bei Welt Nummer drei. Erst muss ich noch einschieben, dass die Götter aus zwei an Land geschwemmten Baumstämmen die ersten Menschen erschufen. Und für die bauten sie Midgard. Den überlebenden Riesen, die wir heute als Trollwesen kennen, gaben sie das Land jenseits von Midgard. Sie nannten es Jötunheim.«

Die gelben Augen des Großen leuchteten auf. »Und da warst du schon, nicht wahr, Tante Alannah?«

»Ganz genau. Und Achtung, jetzt wird es noch mal ein bisschen eklig. Wer davon schon genug hat, kann sich die Ohren zuhalten.« Ich schaute etwas zerknirscht zu dem braunäugigen Mädchen hinüber. Louisa legte die Hände über die Ohren.

»In Ymirs Fleisch wimmelte es von Maden«, fuhr ich fort. »Ihnen gaben die Götter eine neue Gestalt. Die eine Hälfte wurden die Svartelfen, die sich in einem Teil der Unterwelt mit dem Namen Svartalfheim niederließen. Und die andere Hälfte wurden die Lichtelfen, die in Alfheim lebten. Ja, und dann gab es natürlich auch Asgard, die Welt, in der das eine Göttergeschlecht, die Asen, lebten. Odin, von dem ich gerade erzählt habe, ist der Göttervater der Asen. Ein weiteres Göttergeschlecht, die Wanen, lebte in Wanaheim. Dazu gibt es noch die Unterwelt Helheim, wo die Toten hinkamen. Für viele Jahre existierten diese Welten, die sich auf den Wurzeln und Zweigen des Weltenbaums Yggdrasil verteilten. Es gibt viele Legenden darüber, was die Bewohner der Welten so trieben. Auf jeden Fall verliebten sich die Götter in Menschen oder Trollwesen, Menschen in Elfen, Trolle in Menschen und so weiter, und zeugten so einige Kinder mit gemischter Herkunft.«

»Also Mischlinge, so wie wir?«, fragte ein kleiner Junge erstaunt.

»Ja, so wie manche von euch.«

»Und die durften … leben?«, fragte Louisa zögerlich. »In der Menschenwelt … in allen Welten?«

Die Kinder sahen mich erstaunt an, als ich nickte. »Ja. Es war ganz normal. Aber das Zusammenleben war alles andere als harmonisch. Es gab viel Streit untereinander. Besonders die Götter konnten die Riesen nicht ausstehen. Die Götter schauten auf sie herab und hielten sie für gefährlich. Vor allen Dingen wollten die Götter diese Trollwesen gerne aus Midgard, von ihren geliebten Menschen forthalten. Jötunheim war nicht gerade das Paradies und die Trolle hatten ein Auge auf die Menschenwelt geworfen. Tja, und dann kam die erste Ragnarök.«

Keck hob die Hand und schnipste mit dem Finger. »Oh, ich weiß, was das ist. Das ist ein Weltuntergang.«

»Na ja, so ähnlich«, korrigierte ich ihn. »Eigentlich bedeutet Ragnarök Götterdämmerung, also eher Untergang der Götter. Und das war es auch. In diesem letzten Kampf unterlagen die Götter den Riesen. Die Götter waren nicht mehr, aber es bedeutete nicht das Ende der Welt. Menschen überlebten und einige von ihnen hatten den sogenannten Götterfunken. Das waren Nachkommen der Götter, die sich mit Menschen gepaart hatten.«

»So wie mein Papa«, sagte Lisanne stolz. »Und Papa sagt, der Götterfunke schlummert auch in mir.«

»Ja, das stimmt«, schmunzelte ich. »Aber diese Nachkommen damals, die hatten noch viel mehr Magie. Deswegen nannten sie sich auch Magier. Die Magier taten sich zusammen, um die Trollwesen aus der Menschenwelt zu verbannen. Sie schickten die Trolle durch Portale nach Jötunheim und versiegelten diese dann. Sie wussten, sie würden eine Weile Ruhe vor ihnen haben, aber gänzlich und für immer und ewig verbannen konnten sie die verhassten Wesen nicht. Irgendwann würde die Zeit ablaufen, die Portale würden sich öffnen und die Trollwesen würden die wehrlosen Menschen übermannen. Man nannte es die zweite Ragnarök. Nur wenige wussten davon, die sogenannten Eingeweihten. Eigentlich waren sie eine geheime Gesellschaft, deren Aufgabe es nicht nur war, das Wissen geheim zu halten und an ihre Nachkommen weiterzugeben, sondern auch, die zweite Ragnarök zu verhindern. Leider verschoben sie die Verantwortung von Generation zu Generation. Ja, sie bewachten die Brochs, die Wehrtürme, die Portale markierten. Sie stellten sicher, dass die Auserwählten, die Nachkommen der Magier, auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden. Es gab auch Chronisten, die die Prophezeiung der zweiten Ragnarök auslegten und weitererzählten.«

Lisanne stieß Johns Tochter an. »Deine Mama.« Das Mädchen nickte, mindestens genauso stolz wie Lisanne noch vor einem Moment.

»Aber lange Zeit machte man sich keine Gedanken darüber, wer oder was genau diese Garde sein sollte, die laut der Prophezeiung während der zweiten Ragnarök die Auserwählten, also die Magier-Nachkommen, beschützen sollten.«

»Ich weiß es aber«, krähte Keck. »Tierkrieger, wie meine Eltern.«

»Ja, aber das war damals nicht so klar. Man hatte zwar schon irgendwie eine Ahnung, dass diese Garde aus Berserkern bestehen sollte: die furchtlosen, schmerzunempfindlichen Elite-Krieger, die damals unerbittlich und bis zum Tode auf den Schlachtfeldern der Wikinger gekämpft hatten. Aber von denen gab es schon zu Anfang der Christianisierung in Nordeuropa kaum mehr welche, und man versäumte, ihr Erbmaterial so zu hegen und zu pflegen, wie man es mit den Auserwählten getan hatte. Was diese Magier-Nachkommen anging, da hatte man mit Ach und Krach geschafft, bis zur zweiten Ragnarök die fünf Magie-Elemente zusammenzuhalten, die man dafür benötigen würde, um die Troll-Invasion zu verhindern und die Portale wieder zu schließen.«

»Damit kenne ich mich aus«, sagte Lisanne altklug. »Mein Papa, der hat nämlich Luftmagie.«

»Genau, und dann gab es eine Familie, in der Erdmagie vererbt wurde«, führte ich weiter aus. »Eine weitere, in der die Nachkommen Feuermagie hatte und eine mit Wassermagie.«

»Das sind doch erst vier«, hatte Keck mitgezählt.

»Die fünfte war das mysteriöse Element Äther«, sagte ich in geheimnisvollem Tonfall. »Niemand wusste genau, was damit passiert war oder wo das herkam. Es gab aber eine Vermutung. Man glaubte, das Element könnte man mit einem Nachkommen aus einer Familie mit Lichtelfenabstammung abdecken.«

Die Kinder starrten mich teils fasziniert, teils auch verängstigt an. Keiner sagte mehr etwas, selbst der freche Keck war stumm.

Ich musste mich ein bisschen zurückhalten, schließlich sollte das hier keine Gruselstunde werden – sonst würden mir die Kinder die ganze Nacht auf der Nase herumtanzen. Zwar waren diese Kinder viel näher dran an Monstern, Hexen und anderen furchterregenden Kreaturen, als ich es in meiner Kindheit gewesen war, wo das alles ins Reich der Fantasie gehört hatte. Aber Elfen machte ihnen doch ganz sicher Angst.

Ich bemühte mich um einen Plauderton. »Nun brauchten die Eingeweihten also diese Garde von starken Kriegern, hatten aber keine Ahnung, wie sie diese erschaffen sollten, da die Nachfahren der Berserker nur noch eine so winzige Prise«, ich berührte die Fingerspitzen von Daumen und Zeigefinger bis auf einen winzigen Spalt, »an Berserker-DNA hatten, also das Gen, das sie zu Tierkriegern machte. Kurz vor knapp fanden sie einen brillanten Wissenschaftler, dem es gelang, daraus einige Kinder zu züchten, deren Tierkrieger-Gen er aktivieren konnte. Und er brachte ihnen bei, sich in starke Tierkrieger zu verwandeln.«

Ich hielt es für angebracht, den Kindern zu verschweigen, mit welch seelischen und körperlichen Schmerzen dieser Prozess für uns Tierkrieger verbunden gewesen war. Angefangen von unserem aggressiven Verhalten in der Jugend, das uns zu Außenseitern machte und das Gefühl gab, dass mit uns etwas nicht stimmte. Ein Gefühl, das spätestens dann bestätigt wurde, wenn wir von unseren Adoptiveltern, die wir für unsere leiblichen Eltern gehalten hatten, verlassen oder verstoßen wurden. Über die Enttäuschungen in der Hevera-Klinik, wo man unsere Wutanfälle nicht heilen, sondern uns noch aggressiver machen wollte. Bis hin zur Gehirnwäsche, die schmerzhafte, identitätszerstörende erste Verwandlung in ein Kampfbiest und die schreckliche Erkenntnis, dass man uns nur für diesen Zweck geschaffen hatte und wir unserem Schicksal nicht entkommen konnten.

All das mussten die Kinder nicht erfahren. Für sie waren wir Helden und es schadete nicht, diesen Mythos noch ein bisschen aufrechtzuerhalten.

Ich wollte und konnte ihnen auch nicht den Schock vermitteln, als wir Tierkrieger herausfanden, dass unsere Berserker-DNA in Wirklichkeit Trollgene waren. Es hatte uns in unseren Grundfesten erschüttert, zu erfahren, dass wir etwas von dem Bösen, das wir bekämpfen sollten, in uns trugen. Die Kinder, von denen einige ebenfalls diese Gene hatten, würden es, den Göttern sei Dank, nicht verstehen. Wir hatten viel unternommen und einen hohen Preis dafür gezahlt, dass diese Kinder in dieser Welt sich alle für gleich gut oder schlecht hielten, egal woher ihre Vorfahren stammten. Sie waren nicht komplett ahnungslos und wussten, dass andere ihrer Art woanders verfolgt wurden. Aber wir gaben uns große Mühe, ihnen nicht in den Kopf zu setzen, dass es einen Unterschied machte, ob sie Halb-Troll, Halb-Svartelf, Tierkrieger oder ein Teil Gott waren.

»Als die zweite Ragnarök unmittelbar bevorstand, hatten über dreißig dieser Kinder trainiert, um als Bärenkrieger, Wolfkrieger und Wildschweinkrieger zu kämpfen, um die Auserwählten bei ihrer wichtigen Mission zu beschützen und den Trollwesen entgegenzutreten. Die fünf Teams zogen los und postierten sich an einem der fünf Brochs, die Portale nach Jötunheim waren. Die Tierkrieger attackierten die Trollwesen, als sie aus den Portalen kamen, um Midgard zu erobern. Die Auserwählten gaben alles, um die Trolle erneut zu verbannen und die Portale wieder zu schließen. Den meisten gelang es auch; nur ein Portal, im Norden von Schottland, blieb eine Weile offen. Es gelang einigen Trollwesen, hindurchzukommen, bis Lisannes Papa Magni und sein Freund Martin das Portal schließlich verschlossen.« Ich nickte dem Mädchen mit den hellblonden Haaren zu, das vor Stolz strahlte.

»Meine Mama und mein Papa wurden in eins der Portale gezogen, bevor sie zugingen, und waren eine Weile in Jötunheim gefangen«, sagte Keck etwas wichtigtuerisch.

Der Große rollte mit den Augen. »Aber Tante Alannah hat sie wieder zurückgeholt. Genau wie meine Mutter auch.«

Einige der Kinder, für die das neue Informationen waren, schauten mich mit großen Augen bewundernd an. »Ooooh!«

»Ja, das stimmt. In der Zwischenzeit hatten sich aber die Eingeweihten in einen Bunker unter der Erde Midgards verzogen und Plan B in Kraft gesetzt. Denn obwohl die Portale geschlossen waren, gab es schließlich ein Haufen Trollwesen, der die Menschenwelt unsicher machte. Und da alles andere auch ein bisschen holprig und nicht gerade gemäß Prophezeiung abgelaufen war, hatten sich die Eingeweihten entschlossen, diesen Notfallplan umzusetzen.«

»Was haben Sie gemacht?«, fragte Johns Tochter gespannt.

»Ihr habt doch alle in der Schule die Geschichte der Menschen gelernt, nicht wahr?« Die Kinder nickten. »Da habt ihr die ganzen Technologien erklärt bekommen, die es damals gab?«

Lisanne runzelte die Stirn und sagte: »Du meinst wohl das Innennetz?«

Etwas begriffsstutzig schaute ich sie an. Dann sagte ein anderes Kind: »Internet heißt das.«

»Ach so.« Ich musste grinsen. »Zum Beispiel. Es gab auf jeden Fall ganz weit hoch oben über der Erde kleine Geräte, die dort herumflogen, die man Satelliten nannte. Und die … steuerten diese Technologien, wie das Internet. Die ganze Technik war urkompliziert, aber sie beruhte eben auf diesen Satelliten und anderen kleinen Komponenten, die durch etwas zerstört wurden, was man E-Bomben nennt. Das sind elektromagnetische Strahlen, die für unsere Augen unsichtbar, aber trotzdem sehr zerstörerisch sind.«

Ich bemerkte, dass bei einigen der Kinder die Augen glasig wurden. Wenn ich noch mehr über Technik redete, dann würden sie wahrscheinlich tatsächlich gleich einschlafen und dann hatte ich meine Mission erfüllt. Aber andererseits hatte ich ihnen ja eine andere Geschichte versprochen.

Also kam ich schnell zum Punkt. »Diese Technologien setzen die Menschen ein, um zu kämpfen. Aber die Trollwesen waren dagegen immun. Es hätte deshalb nichts bewirken können. Da die Waffen aber so zerstörerisch waren, hätte sich die Menschheit damit selbst kaputtgemacht. Die Eingeweihten schalteten mit ihrem Notfallplan also diese Möglichkeit aus. Das stürzte allerdings die Welt der Menschen in ein Chaos. Ihre Lebensweise war von diesen Technologien abhängig. Sie wussten nicht, wie man ohne sie überleben konnte. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, wie man Brunnen bohrte, um an Wasser zu kommen. Das Wasser war einfach immer aus ihrer Leitung geflossen – und von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Sie hatten ihr Essen mit elektrischen Geräten gekocht und als die nicht mehr funktionierten, wussten sie nicht, wie man Nahrung zubereitete. Sie wussten noch nicht mal, wo sie die Nahrung herbekommen sollten, denn vorher hatten sie einfach alles schon fast verzehrfertig in Läden gekauft.«

Die Kinder sahen mich erstaunt an. Ich wusste, dass sie so etwas nicht nachvollziehen konnten, obwohl sie von Joel sicher schon Ähnliches gehört hatten.

»Seht ihr, es gab einfach so viele von ihnen, dass sie gemeinsam in riesigen Städten lebten. Nicht so wie hier, in unserer kleinen Gemeinschaft, mit ganz viel Platz um uns herum, um essbare Pflanzen anzubauen und so weiter. Nahrung wurde teils in Fabriken hergestellt und dann über lange Transportwege zu den Menschen in die Städte gebracht. Plötzlich hatten die Menschen das nicht mehr. Sie waren hungrig, schmutzig, verängstigt – ihr müsst verstehen, dass sie vorher die Möglichkeit hatten, sich darüber zu informieren, wie es den Menschen am anderen Ende der Welt ging. Jeden Tag erreichten sie Millionen von Nachrichten. Plötzlich gab es diese Informationsflut nicht mehr. Sie wussten nicht, was los war. Dann hörten sie Gerüchte von menschenfressenden Mo … äh, Trollwesen, die von Schottland her über Nordeuropa einfielen … Es gab ein großes Chaos und besonders in den Städten kamen sehr viele Menschen ums Leben.«

Die Kinder schauten traurig drein. Dennoch wusste ich, dass das Schicksal der Menschheit, das mir natürlich einst so nahe gegangen war, für sie abstrakt blieb.

»Einer der Auserwählten, Nic, wollte die Menschheit retten. Er gab alles, um die Ordnung wieder herzustellen. Er setzte dabei viel Gewalt ein – vielleicht wäre es anders nicht möglich gewesen. Wir wissen nicht, ob er damit viele Menschen rettete oder ob er einfach noch mehr Gewalt säte. Er hielt es für unabdinglich, dass die Trollwesen aus Midgard verschwanden, und glaubte, die Menschheit könnte sich erst wieder erholen, wenn die Gefahr der Invasion der Trollwesen für immer gebannt war. Besonders nachdem ich es geschafft hatte, durch ein anderes Portal nach Jötunheim zu kommen und andere zurückzubringen, hatte man große Angst, dass es den Trollwesen früher oder später auch gelingen würde. Nic war sich sicher, dass wir das nicht allein fertigbringen würden, also holte er sich Hilfe. Er rief die Licht…«. Ich hielt inne, weil ich mich daran erinnerte, welchen Eindruck das Wort gemacht hatte, als ich es das letzte Mal erwähnte.

Allerdings konnte ich nicht von der Entstehung der zehnten Welt erzählen, wenn ich diesen Teil der Geschichte ausließ.

Ich schaute in die Runde und musste feststellen, dass ein paar der Kleinen tatsächlich schon eingeschlafen waren. Ich hoffte für Johns Tochter, dass sie keine Albträume hatte, zumindest sah ihr Gesicht im Schlaf sehr selig aus.

Keck focht noch den Kampf gegen den Sandmann, als er murmelte: »Elfen. Er rief die Elfen, oder, Tante Alannah?«

»Genau.« Ich zog eine Decke über ihn und Keck kuschelte sich an einen seiner Brüder.

»Und die sorgten für Recht und Ordnung und bauten die menschliche Gesellschaft wieder auf. In einem epischen Kampf gegen die Trollwesen gingen sie als Sieger hervor. Aber das kam uns sehr teuer zu stehen.«

Die unzähligen Narben an meinem Körper und in meinem Herzen erinnerten mich nur zu gut daran, welchen Preis ich persönlich gezahlt hatte. Und wir würden auch nie aufhören, den Preis zu zahlen.

Diese Geschichten, die Mythen und Legenden, vermitteln immer den Eindruck, dass etwas lang her und abgeschlossen ist. Dass es ein Ende gab, fein säuberlich abgetrennt von der Gegenwart.

Nichts könnte weiter entfernt von der Wahrheit sein.

Denn unsere Welt war keine Blase, in der wir nun auf immer und ewig, glücklich und zufrieden, unberührt vom Geschehen im Rest der Welten, leben konnten. Wir konnten uns gar nicht abschotten, denn wir mussten weiterhin aufzufinden sein, für die Vertriebenen, die Verfolgten und die Flüchtlinge, für die wir existierten. Wir mussten immer weiterkämpfen und begegneten jeden Tag neuen Herausforderungen, holten uns jeden Tag neue Narben.

Doch als ich in die Gesichter der Kinder blickte, wusste ich, dass der Preis niemals zu hoch sein konnte.

Kapitel eins

Mehrere Jahre zuvor

Das Herz klopfte mir bis zum Halse, als ich die Treppe in den Keller hinunterging. Der Schein der Laterne, die mein Aufpasser trug, reichte nicht bis in alle Ecken, und der Keller selbst lag wie ein großer dunkler Schlund vor mir.

Ich wusste nicht, was hier unten auf mich zukommen würde, aber trotzdem musste ich mich sehr zusammenreißen, nicht in die Dunkelheit zu stürzen. Ich konnte es kaum abwarten, den Raum mit dem ehemaligen Aktivierungskäfig zu erreichen. Wochenlang hatte ich diesem Moment entgegengefiebert.

Die Warterei war nicht nur deshalb quälend gewesen, weil ich nicht wusste, wie es Sam ging.

Was mir noch mehr das Herz zerschnitt, war die Gewissheit, dass er glauben musste, ich hätte ihn vergessen.

Mit jeder Nacht, die verstrich und in der ich mich in meinem Bett leidend hin und her warf, musste Sam mehr und mehr zu dem Schluss kommen, dass ich ihn nur ausgenutzt hatte, um durch das Portal zurück in die Menschenwelt zu gelangen.

Gewiss war er mittlerweile davon überzeugt, dass mir sein Schicksal völlig egal war.

Er kannte mich gut genug, um zu wissen, dass nichts und niemand mich davon hätte abhalten können, ihn zu besuchen – wenn ich das wirklich wollte.

Wir hatten den finsteren Eisenwald überlebt, gemeinsam die gefährliche Reise zur Festung des Trollherrschers unternommen, wir hatten die Gefangenschaft in der Trollfestung überstanden und mit List und Tücke meine Freundin Elin und wenigstens zwei nach Jötunheim verbannte Tierkrieger retten können. Wir hatten einen Plan ausgeheckt, wie wir dem mächtigen Trollherrscher Thrym entkommen konnten. Uns war es sogar gelungen, eine tausende Jahre alte gefährliche Hexe, eine Angrboda, zu täuschen und aus ihren Klauen zu entwischen.

Er war Zeuge gewesen, wie ich alles, wirklich alles gegeben hatte, um meine Freundin Elin zu retten. Zwischendurch gab ich dafür sogar mich selber auf.

Ich hatte Sam gesagt, dass ich ihn liebte, und ihn geküsst. Er konnte annehmen, dass ich auch alles für ihn tun würde.

Und hier waren wir nicht in einer fremden, gefährlichen Welt. Wir befanden uns in der Klinik, die einmal mein Zuhause gewesen war. Wir hielten uns nicht unter riesigen, kannibalischen, unbesiegbaren Trollwesen auf, sondern unter Kameraden, die bei der zweiten Ragnarök an meiner Seite gekämpft hatten.

Hier, auf South Havra, gab es nur Tierkrieger wie mich, Auserwählte, wie Sams Halbbruder Nic, und die Menschen, deren Welt wir gerettet hatten.

Sam konnte sich wahrscheinlich schlecht vorstellen, dass mich hier überhaupt jemand davon abhalten wollte, ihn zu sehen.

Eventuell hatte er keine Ahnung, warum er im Aktivierungskäfig eingesperrt war und wer die Schuld dafür trug.

Vielleicht hielt er sogar mich dafür verantwortlich.

Auf jeden Fall war ich mir ziemlich sicher, dass er sich von mir ausgenutzt, verraten oder vergessen fühlte.

Der Gedanke daran tat so weh, aber ich konnte es ihm nicht verübeln.

Woher sollte er wissen, dass Nic sich als neuer Anführer aufspielte und Sam für einen Trollspion hielt? Woher sollte er die schrecklichen Gründe kennen, warum ich gute Miene zu Nics bösem Spiel machte und mich notgedrungen an seine Regeln hielt?

Niemand durfte den geheimen Grund dafür erfahren, und ich konnte ihn Sam heute auch nicht sagen, denn mein Aufpasser mit der Laterne würde jedes Wort mithören und zweifelsohne an Nic weitergeben.

Aber ich hoffte, dass ich Sam doch wenigstens zu verstehen geben konnte, dass ich ihn nicht vergessen hatte, dass ich ihn immer noch liebte und alles dafür tun würde, um ihn zu befreien.

Ich schluckte schwer, als wir an dem Loch in der Wand vorbeikamen, das einmal die Tür zum Trainingsraum gewesen war. Ich wagte kaum, einen Blick in Richtung der fünf konzentrischen Kreise und der Runen auf dem Fußboden zu werfen, die ich jetzt, im Dunkeln, sowieso nicht erkennen konnte.

Aber dieser Ort, an dem Elin verschwunden war, an dem ich voller Hoffnung auf die Wirkung von Magnis Zauber gewartet hatte, damit ich Elin zurückholen konnte, an dem wir aus der Welt der Trollwesen heimgekehrt waren und an dem ich Sam geküsst hatte, der war für mich mit so vielen Emotionen verknüpft, dass mir allein schon beim Gedanken daran schwindlig wurde.

Ich musste mich auf das konzentrieren, was vor mir lag. Ich musste stark und gefasst für Sam sein. Schließlich hatte ich keine Ahnung, was mich im Aktivierungsraum, etwas weiter den Korridor entlang, erwartete.

Vor der Tür war einer von Nics loyalen Menschen-Anhängern mit einem Maschinengewehr postiert. Er nickte Peter, meinem Aufpasser, zu und machte die Tür auf.

Ich wappnete mich, während Peter vor mir hineinging, konnte aber nicht aufhören zu zittern.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie mein Aufpasser eine zweite Laterne entzündete, und es drang dumpf zu mir durch, wie die Tür mit einem lauten Knall hinter mir zuging. Doch meine ganze Aufmerksamkeit war auf die Panzerglasscheibe vor mir gerichtet.

In den vielen schlaflosen Nächten hatte ich mir immer wieder ausgemalt, wie ein Wiedersehen mit Sam wohl sein würde.

Doch jetzt wollte sich der Jubel in meinem Herzen nicht richtig einstellen.

Ich musste mir selber eingestehen, dass mir der Mann, den ich durch die Glasscheibe erblickte, fremd vorkam.

Schließlich hatte ich ihn nur kurz gesehen, bevor er hier eingesperrt worden war.

In der Trollwelt hatte ich Sam als Wolf kennengelernt und ich wünschte mir, dass er jetzt diese Gestalt haben würde. Natürlich war der Gedanke närrisch, das wusste ich.

Ich sollte froh sein, dass es Sam gelungen war, endlich zu seiner Menschengestalt zurückzukehren. Wir hatten so lange daran gearbeitet, bis er dazu in der Lage war.

Tränen schossen mir in die Augen, als ich jetzt direkt vor der Scheibe stand und der große, muskulöse Mann mit den wuscheligen Haaren, der im Käfig auf dem Boden hockte, nicht mal aufsah.

Verzweifelt suchte ich seinen Blick. Wenn ich doch bloß in diese bemerkenswert türkisblauen Augen blicken könnte, die mir so vertraut waren und die er in jeder Gestalt hatte – selbst in der eines verabscheuungswürdigen hässlichen Trolls, die er in der Trollfestung hatte annehmen müssen. Dann würden wir uns schon verstehen. Dann würde alles gut werden und diese schreckliche dunkle Last auf meinem Herzen sich ein wenig heben.

Doch Sam sah mich nicht an.

Ich musste zweimal einen Anlauf machen, bevor ich meine an Peter gerichteten Worte herausbekam. »Kann ich mit ihm sprechen?«

Der Wolfkrieger zeigte einfach auf die Gegensprechanlage, mit der früher auch Dr. Isbister während der Aktivierungen mit uns kommuniziert hatte. Einiges war hier unten kaputtgegangen, als Joel seine starke, aber untrainierte Magie gewirkt und aus Versehen Elin verbannt hatte. Aber wie so vieles in der Klinik war während meiner Abwesenheit wohl auch die Technik hier unten repariert worden.

Ich drückte auf den Knopf der Anlage, dank der Sam mich im Käfig hören sollte.

Mein Mund war sandtrocken. Ich räusperte mich.

»Sam«, brachte ich heraus. Es war kaum mehr als ein Flüstern, aber Sam schreckte hoch.

Er sprang auf und sah sich hektisch um.

»Sam, ich bin hier. Ich … ich durfte dich endlich sehen«, plapperte ich, obwohl ich mir die Worte so oft zurechtgelegt hatte, die ich in dieser Situation zu ihm sagen wollte.

Als sein Blick meinen traf, spürte ich es wie einen heftigen Stromschlag. Es tat weh und ich musste mich an dem Pult der Anlage festhalten, um nicht zu Boden zu gleiten.

Sam sah mich. Ich wusste, dass er mich sah. Warum bekam ich keine Reaktion von ihm?

»Ich bin es, Alannah«, schluchzte ich.

Verwirrung breitete sich auf Sams Gesicht aus. Er kam auf die Scheibe zu.

Ich befahl mir, mich zusammenzureißen. Wenn ich mich von meinen Gefühlen überwältigen ließ, dann würde ich nichts bewirken können. Dann hätte ich diese kostbare Chance vergeudet, auf die ich so lange gewartet hatte.

Verärgert wischte ich mir mit dem Ärmel über das tränennasse Gesicht.

Als ich Sam wieder im Blick hatte, stand er direkt vor der Scheibe. Eine Hand hatte er dagegen gepresst. Ich beugte mich vor und legte meine eigene dagegen, sodass sie sich berührt hätten, wenn nicht das dicke Glas dazwischen gewesen wäre.

»Ich konnte nicht früher kommen, obwohl ich alles unternommen habe, um es möglich zu machen«, versicherte ich Sam. Ich hatte Nic tatsächlich jeden Tag in den Ohren gelegen, dass ich Sam unbedingt besuchen müsse, bis er es mir endlich erlaubte.

Sam musste so viele Fragen haben, und ich hatte mir schon Antworten zurechtgelegt. Jedes einzelne Wort war mit Bedacht gewählt, damit er möglichst viel zwischen den Zeilen lesen konnte, wenn ich wegen des Aufpassers nicht direkt sagen konnte, was ich meinte.

Aber es kamen keine Fragen. Widerstrebend löste ich meinen Blick von Sam und schaute in Richtung des Wolfkriegers, der mit verschränkten Armen etwas abseits auf einem Drehstuhl saß. »Was ist mit ihm? Er scheint … nicht ganz bei sich zu sein.«

Peter zuckte mit den Schultern.

Meine Stimme wurde schrill, als ich ihn fragte: »Habt ihr ihm irgendwas gegeben? Drogen, Betäubungsmittel?«

»Na klar, was denkst du denn?«, sagte der Wolfkrieger. »Der Typ ist doch gefährlich. Hat dich, Elin, Calixta und Liam durch das Portal zurückgebracht, oder? Nic meint, seine Magie ist stark und es muss unbedingt verhindert werden, dass er sie anwenden kann. So lange, bis wir wissen, ob wir ihm vertrauen können oder ob er tatsächlich ein Spion für die Trollwesen ist.«

»Wir können ihm vertrauen«, brachte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Aber ich wusste, dass es sinnlos war, mit Peter zu diskutieren. Er führte nur Befehle aus. Derjenige, mit dem ich streiten musste, war Nic. Das hatte ich schon getan, aber ich konnte es mir nicht leisten, ihn gegen mich aufzubringen.

Die Wut, die in mir aufgestiegen war, verrauchte schnell, als ich mir bewusst wurde, dass ich Sam nun nicht all das Geplante sagen konnte.

Er würde nichts davon aufnehmen.

Vermutlich würde er sich in einer Stunde gar nicht mehr daran erinnern, dass ich da gewesen war.

Die Lage war schlimmer, als ich mir in meinen dunkelsten Stunden ausgemalt hatte.

Ich sank gegen die Scheibe und fand wieder Sams Blick.

Hoffnungslosigkeit drohte mich zu überwältigen und für einen kurzen desorientierenden Augenblick war ich mir nicht sicher, ob Sam in dem Käfig steckte und ich hineinsah oder andersherum.

Seit ich dem Käfig im Keller meiner Eltern entkommen war, in den ich mich begeben hatte, um andere vor mir zu schützen, wollte sich die ersehnte Freiheit nicht einstellen. Im Gegenteil, die verfluchten Käfige schienen mich zu verfolgen. Die Hevera-Klinik, die meine Rettung hätte sein sollen, stellte sich als großes Gefängnis heraus. Ich war lediglich dahin zurückgekehrt, wo ich erschaffen worden war, um eine Prophezeiung zu erfüllen. In diesem Aktivierungskäfig hier hatte man mich schließlich zu dem gemacht, wozu ich geboren worden war: zu einem Kampfbiest, einer Berserkerin. Beschützerin der Auserwählten in der zweiten Ragnarök. Kanonenfutter im Endkampf gegen die Trollwesen. Selbst meine freiwillige Mission, Elin aus Jötunheim zu retten, hatte mich ironischerweise noch unfreier gemacht. Während ich mich von einen Käfig in den anderen begeben hatte – der Eisenwald, die Kiste, mit der mich Sam zur großen Trollfestung gebracht hatte, Thryms Gefängnis, dann der Käfig in Angrbodas Hütte – wurde ich jetzt auch noch dazu gezwungen, das Erbe der Trollwesen zu retten.

Es war wohl nicht genug, dass ich schon die Last, die Menschenwelt vor dem Untergang zu bewahren, auf meinen Schultern getragen hatte. Jetzt sollte ich mich stattdessen zu dem Biest, zu dem Trollwesen in mir bekennen und dafür sorgen, dass die Herrscher-Kaste der Trollwesen nicht ausstarb. Ja, wenn man es genau nahm, war meine ganze Existenz ein einziger Käfig. Was ich auch unternahm, es gelang mir nicht, frei zu sein.

Bevor ich in Selbstmitleid versank, rief ich mir noch rechtzeitig ins Gedächtnis, dass es Sam viel schlimmer ergangen war als mir.

Immerhin war er auf weitaus üblere Weise instrumentalisiert worden. Im zarten Alter von zwölf war er von der Frau, die ihn großgezogen hatte, im Auftrag einer radikalen Eingeweihten-Fraktion nach Jötunheim geschickt worden, um die zweite Ragnarök rechtzeitig abzuwenden.

Es war wohl geradezu ein Himmelfahrtskommando gewesen und eigentlich ein Wunder, dass Sam das überlebt hatte. Statt sich in einen Troll zu verwandeln und die Portale in der Welt der Trollwesen zu zerstören, sodass die furchterregenden Kreaturen zum Zeitpunkt der zweiten Ragnarök gar nicht in die Menschenwelt einfallen könnten, hatte er sich bei einer Attacke durch ein Wolfsungeheuer im Eisenwald gleich in einen Wolf verwandelt. Nachdem er von der Hexe Angrboda gefangen genommen, gefoltert und gequält worden war, um ihn zu ihrem Vertrautentier zu machen, war er in der Wolfgestalt geblieben. Auch nach seiner Flucht aus der Hütte der Hexe.

Als er mich Jahre später im Eisenwald traf, erinnerte er sich kaum an den Menschen, der er einmal gewesen war.

Wir überstanden gemeinsam so viel und am Ende brachte er ein großes Opfer, indem er sich freiwillig der Angrboda unterwarf, damit ich der Hexe entkommen konnte. Ich hatte noch nicht einmal die Gelegenheit gehabt, von ihm zu erfahren, wie es ihm danach geglückt war, sich doch noch von Angrboda zu befreien. Es war ihm gelungen, sich in die Figur des Jungen zu verwandeln, als der er sechs Jahre zuvor nach Jötunheim gekommen war. Sam hatte immer befürchtet, dass er niemals zu der Gestalt seines erwachsenen Selbst finden würde, weil er für die Verwandlung ein Vorbild, eine Art Muster brauchte.

Nachdem wir durch das Portal gegangen waren, war er endlich ein erwachsener Mensch. Die Transformation hatte geklappt und er war wieder zu Hause. Endlich durften wir zusammen sein.

Es hätte ein tolles Happy End für Sam sein können und niemand, niemand hätte es mehr verdient gehabt als er.

Wenn Nic ihn nicht betäubt und in den Käfig geschmissen hätte.

Ich riss mich zusammen und sammelte all meine Kraft und Entschlossenheit. Ich durfte nicht aufgeben – nicht für mich und mein elendiges Leben, sondern wegen Sam. Für ihn musste ich weiterkämpfen.

»Sam«, sagte ich. »Hör zu.« Ich pfiff die Melodie eines Liedes, das einmal sein Lieblingssong gewesen war. Es hatte schon öfter dabei geholfen, ihn daran zu erinnern, wer er war. »Happy«, von Pharrell Williams.

Etwas schien tatsächlich hinter Sams Stirn vor sich zu gehen, denn für einen kurzen Moment änderte sich der Ausdruck in seinen Augen. Etwas überenthusiastisch rief ich: »Ich freue mich schon darauf, wenn wir zusammen essen gehen können. Kannst du den köstlichen Duft der Würstchen auch schon riechen? Machst du eigentlich einen Krater in den Kartoffelbrei für die braune Soße, so wie ich?«

»Was redest du da eigentlich für einen Unsinn?«, wunderte sich Peter. »Wir haben uns schon gefragt, ob die lange Reise in der Trollwelt etwas bei dir im Oberstübchen durcheinandergebracht hat.«

Ich ließ mich nicht beirren, denn zu meiner großen Freude flackerte immer wieder ein Erkennen in Sams Augen auf.

»Hey, erinnerst du dich, wie du als Kind auf dem großen Spielplatz in Lerwick Fußball gespielt hast?«

Fieberhaft kramte ich in meinem Gedächtnis nach all den kleinen Erinnerungen, die sich in Sams Kopf festgesetzt hatten, auch Jahre nachdem er zum Wolf geworden war. Diese Erinnerungen hatten ihn damals, in der Welt der Trollwesen, wieder zu sich selber zurückgeholt.

Vielleicht gab es mittlerweile noch einiges andere, das sich tief in sein Gedächtnis gebrannt hatte, wo die Wirkung der Drogen nicht hinreichte. Ich legte wieder meine Hand gegen die Scheibe. »Sam«, sagte ich heiser. »Weißt du noch, als wir es durch das Portal nach Hause geschafft und uns geküsst haben?«

Die türkisfarbenen Augen weiteten sich. Sam hielt die Hand kurz an die Scheibe, dorthin, wo meine war, doch dann ließ er plötzlich los, wandte sich ab und drehte sich um.

Ich hielt den Atem an. Was tat er da? Hatte ich etwas Falsches gesagt? War diese Erinnerung vielleicht gleich einem Messerstich ins Herz, weil er sich von mir verraten fühlte?

Peter räusperte sich. »Deine Zeit ist abgelaufen Alannah. Wir sollten jetzt …«

»Noch nicht«, fauchte ich.

Enttäuscht beobachtete ich Sam. Er hatte mir immer noch den Rücken zugekehrt und ließ die Hand sinken.

Blut tropfte aus seinem Handgelenk. Als er sich jetzt zu mir umdrehte, sah ich, dass er auch Blut am Mund hatte. Er lächelte mich an. Seine Zähne waren rot. Erschrocken wich ich einen Schritt zurück. Hatte er sich selbst gebissen?

Sam sank auf die Knie und wischte mit der verletzten Hand über den Boden. Das Blut verschmierte.

Gerade als ich erkannte, dass es Zeichen waren, die er malte, sagte Peter neben mir: »Was zum Teufel?«

Durch die Sprechanlage hörten wir Sam ein paar fremde Worte murmeln.

Peter trat unruhig von einem Bein aufs andere. Wahrscheinlich überlegte er, ob er mich allein lassen und Hilfe rufen oder weiter aufpassen und das faszinierende Ritual beobachten sollte.

Die Verwandlung ging sehr schnell. In dem einen Moment war Sam ein Mensch. Dann im nächsten ein Wolf.

Peter sog scharf die Luft ein und preschte zur Tür, wohl, um den Wächter über die ungewöhnliche Situation zu informieren.

Doch das registrierte ich nur nebenbei.

Ich war voll und ganz auf das schöne Tier hinter der Glasscheibe konzentriert. Der Wolf mit dem schwarzen, glänzenden Fell und den so menschlichen türkisblauen Augen.

»Da bist du ja«, flüsterte ich. »Da bist du. Du hast mir so gefehlt. Ich konnte nicht zu dir kommen. Aber ich tue alles …«

Ich brach ab, weil Peter wieder ins Zimmer stürzte und mich am Arm packte. »Komm, los, raus hier.«

Obwohl mir diese Idee vorher gar nicht gekommen war, rief ich instinktiv in der Trollsprache, die ich in Jötunheim gelernt hatte: »Ich hol dich hier raus!«

»Was sagst du da?«, rief Peter verärgert und wendete jetzt mehr Kraft an, um mich aus dem Zimmer und von Sam wegzuzerren. »Was soll das?«

»Ich hol dich hier raus«, rief ich wieder in der fremden Sprache, die außer uns keiner verstehen konnte, »ich liebe dich und werde dich retten.«

Kapitel zwei

Nic stürmte an mir vorbei, während Peter mich aus dem Keller zog.

Unser neuer Anführer würdigte mich keines Blickes, aber ich wusste, dass er mich nachher ins Verhör nehmen würde.

Ich bewegte mich auf sehr dünnen Eis und es konnte sein, dass er mir meine Privilegien entzog. Das hatte er mehrmals schon angedroht und ich hatte bei anderen erlebt, dass Nic diesbezüglich keine leeren Versprechen machte.

Eine Weile von Brot und Wasser zu leben, konnte ich ertragen, aber ich wollte nicht, dass er mir meinen Job wegnahm.

Ich hatte Nic überreden können, für die Durchsicht der Akten eingeteilt zu werden. Damit hatte ich auch nahezu meine ganze Zeit hier verbracht, seit ich vor ein paar Wochen mit Sam, Calixta, Liam und Elin aus Jötunheim angekommen war.

Nic hatte großes Interesse daran, herauszufinden, wo sich die Eingeweihten befanden. Die Akten, die wir in Mrs Darktowers Büro und im Keller gefunden hatten, könnten möglicherweise einen Hinweis darauf liefern.

Die Schäden, die der Notfallplan der Eingeweihten angerichtet hatte, wie die Zerstörung der Satelliten, das Ende des Internets, das Zunichtemachen von wichtigen technischen Gerätschaften und die Löschung vieler Datenbanken, waren unverhältnismäßig groß gegenüber denen, die ein paar Trollwesen anrichten konnten. Mit den noch herumlaufenden Biestern, da waren sich viele mit Nic einig, wären wir schon fertig geworden.

Wenn es die Absicht der Eingeweihten gewesen war, die Menschheit davor zu bewahren, sich mit Massenvernichtungswaffen selbst zu zerstören, dann waren sie weit über das Ziel hinausgeschossen. Ja, man konnte sagen, dass sie damit ein Szenario geschaffen hatten, das sie eigentlich verhindern wollten. Gerade die Menschen in Ballungszentren waren völlig hilflos. Es herrschte Anarchie, es wurde geplündert und getötet. Hier war die Panik weit größer, als sie wahrscheinlich jemals vor den kannibalischen, unbesiegbar erscheinenden Monstern gewesen wäre. Und auch wenn die Geschwindigkeit, mit der sich Nachrichten in der Welt verbreiteten, jetzt wirklich sehr gedrosselt war, so ließ sich auf lange Sicht nicht verhindern, dass Informationen weitergetragen wurden. So hatte Nic zum Beispiel schon erfahren, dass ohne das Einschreiten der internationalen Streitkräfte Kriege im Nahen Osten und in Afrika ausgebrochen waren, in denen ganze Völker ermordet wurden.

Wenn Nic in Erfahrung brachte, was genau die Eingeweihten angestellt hatten, und ihnen vor Augen führen könnte, wie sinnlos und gefährlich ihre Maßnahmen gewesen waren, dann könnte er sie vielleicht dazu überreden, sie wieder rückgängig zu machen. Er hoffte darauf, einiges zu reparieren und die alte Ordnung wiederherstellen zu können.

Obwohl ich Nic auch andauernd mit diesen Sachen in den Ohren lag, um ihn in seinem Vorhaben zu bestärken, hatte ich doch in Wahrheit ganz andere Gründe, den Bunker der Eingeweihten zu finden. Für meine Freundin Elin war es lebenswichtig, dass wir den Aufenthaltsort von Dr. Isbister in Erfahrung brachten. Der Wissenschaftler, der uns erschaffen und genetisch manipuliert hatte, damit wir zu Tierkriegern wurden, war Elins einzige Rettung.

Meine wahren Beweggründe durfte ich Nic natürlich auf keinen Fall verraten, denn Elins Geheimnis musste unbedingt bewahrt werden.

Wenn die Sache mit Elin nicht wäre, dann hätte ich so ziemlich null Bock darauf gehabt, die Eingeweihten zu finden, geschweige denn wiederzusehen. Wenn es nach mir ginge, konnten sie in ihrem Bunker gerne versauern.

Anders als Elin, die an die Eingeweihten geglaubt und ihnen vertraut hatte, war ich Mrs Darktower, Dr. Isbister und Co gegenüber immer schon skeptisch gewesen. Auch wenn sie die besten Absichten gehabt hatten – die Menschenwelt vor der Invasion der Trollwesen zu retten –, musste man schon eine recht kalkulierende und auch kaltblütige Sorte Mensch sein, wenn man explosives Genmaterial in einer Petrischale züchtete, die daraus resultierenden Kinder dann an ahnungslose Adoptiveltern überall in der Welt vermittelte und darauf wartete, ob sich bei einigen von ihnen ein gefährliches Aggressionspotenzial entwickelte.

Mal ganz davon abgesehen, dass diese Kinder nur dafür bestimmt waren, im Endkampf bei der zweiten Ragnarök die Auserwählten zu beschützen, und aufgrund ihrer Trollartigkeit in der neuen Welt sowieso keinen Platz gehabt hätten. Ja, so viel Mühe man sich auch damit gemacht hatte, uns zu züchten, so waren wir eigentlich nichts anderes als Kanonenfutter gewesen. Dass wir wegen unseres Trollblutes auch von dem Sog der Portale in die Trollwelt erfasst worden waren, hatte den Eingeweihten wahrscheinlich gut in den Kram gepasst. Es wäre eine saubere Sache gewesen, wenn wir alle, die wir nicht beim Kampf ums Leben gekommen waren, nach Jötunheim verschwunden wären.

Also kann man vielleicht verstehen, dass ich keine große Lust hatte, dieser hochheiligen Gesellschaft noch einmal gegenüberzutreten, um ihnen zu sagen: »Hey, ja, wir sind noch hier. Die Welt der Trolle war auch nichts für uns, für die sind wir nämlich so was wie Menschen. Jetzt versuchen wir dabei zu helfen, zu verhindern, dass die Welt im Chaos versinkt, danke dafür. Übrigens, hier ist Elin, die ist vom Trollherrscher Thrym schwanger und trägt damit das Trollerbe in sich. Das wäre die Fähigkeit, sich in ein riesiges Urbiest, einen Creodonten, zu verwandeln. Könnt ihr da noch etwas an dem Embryo herumpfuschen, damit das auch geschieht, und dafür sorgen, dass Elin nicht explodiert, bevor das Riesenbaby so weit ist, zur Welt zu kommen? Für die Hilfe wären wir echt dankbar. Und ihr so?«

Ich hatte also gemischte Gefühle, weil ich auch nach wochenlanger Suche keinen Hinweis auf den Aufenthaltsort der Eingeweihten gefunden hatte. Trotz Elins Verrat fühlte ich mich verpflichtet, ihr zu helfen. Ich konnte sie schließlich nicht sterben lassen.

Andererseits war ich nicht sonderlich scharf darauf, den Bunker zu finden, besonders solange Sam noch im Keller eingesperrt war. Ich hatte sicher nicht vor, ihn hier alleine zu lassen.

Mittlerweile waren Peter und ich vor Nics Kommandozentrale im ersten Stock der Klinik angekommen und ich riss mich los.

»Ich muss mich abreagieren und werde ein bisschen mit Brutus trainieren«, knurrte ich. »Nic weiß ja, wo er mich finden kann.«

Peter schaute unsicher von der Tür der Kommandozentrale zur nächsten, hinter der sich Mr Brutforts Trainingsraum befand. Er hatte sich dort eingerichtet, seitdem der große Fitnessbereich im Keller aufgrund des Portals dort nicht mehr benutzbar war.

Peter stimmte schließlich zu. Wahrscheinlich war es ihm lieber, Brutus beschäftigte mich nebenan, anstatt mit mir am Tisch zu sitzen und gemeinsam auf Nic zu warten.

Brutus nickte mir nur zu, als ich ins Zimmer kam. Er war nicht überrascht, mich zu sehen, denn ich war täglich hier. Wenn ich nicht die Akten durchging, übte ich mich in Nahkampftechniken mit unserem ehemaligen Sportlehrer. Nic war das mehr als recht, denn er wollte, dass wir alle so fit wie möglich waren.

Schon früher, bevor ich überhaupt gewusst hatte, was mit mir los war – als ich noch in einem Käfig im Keller meiner Eltern gelebt hatte –, war Sport ein Segen für mich gewesen. Ich konnte mich auspowern und die Sorgen, die mich plagten, in Schach halten. Auch jetzt war der Unterricht mit Brutus die Rettung, die mich vor dem Durchdrehen bewahrte.

Es brachte mich schier um, dass ich nichts für Sam tun konnte, und so hatte ich zumindest das Gefühl, mich darauf vorzubereiten, ihn aus seinem Gefängnis zu befreien.

Ich drosch auf einen Boxsack ein, bis Brutus mit dem Menschen fertig war, mit dem er gerade trainierte. Im Anschluss übten wir uns in der von Brutus weiterentwickelten Form von Krav Maga, bis ich von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt war.

Das kam mir zupass, als Nic erschien und mit mir reden wollte.

»Ich wasche mich und ziehe mich um«, sagte ich ganz ruhig. »Dann komme ich zu dir.«

Nic zögerte, weil ihm das natürlich gegen den Strich ging, aber er musste einsehen, dass es angenehmer war, nicht mit einer völlig verschwitzten Person an einem Tisch zu sitzen.

Ich ging in den zweiten Stock auf das Zimmer, das ich mir mit Elin teilte, und wusch mich im Bad mit Wasser aus einem Kanister. »Nics Menschen«, wie ich die technisch begabten Leute nannte, die Nic auf die Insel gebracht hatte, um unser Leben einigermaßen komfortabel zu machen, hatten neben einem Windrad und mehreren Stromgeneratoren auch eine Wasseraufbereitungsanlage auf der Insel installiert. Wir hatten also genug sauberes Wasser, jedoch funktionierten die Pumpen in die höheren Stockwerke nicht gut genug, um zu der rücksichtslosen Wasserverschwendung zurückzukehren, die vor der zweiten Ragnarök selbstverständlich gewesen war. Mir machte es nichts aus, den Kanister jeden Tag neu zu befüllen und ihn an der Vorrichtung in der Dusche zu befestigen, um so ein wenig sparsamer mit dem Wasser umgehen zu können.

Ich ließ mir absichtlich etwas Zeit, um Nic zu ärgern.

Im Badezimmerspiegel betrachtete ich eine ganze Weile die Stelle an meinem Arm, wo nur noch ganz blasse Linien an die Rune erinnerten, die Sam in meinen Arm geritzt hatte. Eihwaz, ᛇ, eine mächtige Schutzrune, die Widerstandsfähigkeit, Ausdauer und Stärke verleihen sowie vor böswilligen magischen Einflüssen schützen sollte, hatte Sam im Eisenwald, kurz vor unserer Rückkehr in die Menschenwelt, zu mir geführt. Damals hatte sie geleuchtet, als er nah war. Seit Wochen starrte ich nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, meinen Oberarm an, in der Hoffnung, ein winzigstes Lichtflackern zu sehen. Etwas, das mir signalisieren würde, dass Sam wenigstens gedanklich nach mir suchte. Aber die Rune blieb nichts anderes als eine kaum noch erkennbare Narbe.

Als ich geduscht und in frischer Kleidung die Treppe hinunterging, hörte ich, dass große Aufregung im ersten Stock herrschte.

Als Erstes entdeckte ich Ingrids hellen Krauskopf. Unsere Haushälterin lag einem Mann in den Armen.

Ich verrenkte mir den Hals, um zu erkennen, wer es war. Er hatte grau gesprenkelte Haare und einen Bart.

Meine Augen weiteten sich vor Erstaunen. Es musste Joel sein. Endlich war er zurückgekommen. Ingrid hatte sich schon große Sorgen gemacht.

Er war wochenlang im Auftrag von Nic in Europa herumgereist, um die Lage auszukundschaften. Tatsächlich war er abgereist, kurz nachdem wir hier angekommen waren.

Ich verlangsamte meine Schritte, als ich auf Nics Kommandozentrale zuging.

Nic stand vor der Tür und sah zur Abwechslung richtig glücklich aus. Sein Grinsen erinnerte mich an den Jungen, in den ich mich auf den ersten Blick verliebt hatte, als ich damals hier in der Hevera-Klinik eingetroffen war.

Er hatte einen Arm um eine Frau gelegt, die Nic recht ähnlich sah.

Sie hatte die gleichen unglaublich grünen Augen und ebenfalls wellige weizenblonde Haare, die sie schulterlang trug. Ein rotes Kopftuch, das sie sich im 50er-Jahre-Stil zum Stirnband geknotet hatte, verlieh ihrem einfachen Outfit – dunkle Jeans, weiße Bluse – etwas Stylishes. Sie war schlank und einen Kopf kleiner als Nic.

Konnte das eine von Nics Schwestern sein? Ich glaubte mich allerdings zu erinnern, dass Nic gesagt hatte, sie seien jünger als er. Diese Frau sah ein bisschen älter aus.

Nic schien das Gespräch mit mir vergessen zu haben und verschwand fröhlich plaudernd mit der Frau in seiner Kommandozentrale.

Zögerlich ging ich den Korridor entlang. Mir war es natürlich recht, dass Nic mich nicht ins Kreuzverhör nehmen würde. Andererseits wollte ich ja schon gerne erfahren, was er jetzt mit Sam gemacht hatte – nein, was er überhaupt mit Sam angestellt hatte, dass der so betäubt und völlig neben der Spur war. Vor Wochen, gleich nachdem Nic Sam in den Kerker geworfen hatte, hatten mich meine Freunde beruhigen können. Sie erinnerten mich daran, dass Sam der Hexe Angrboda irgendwie entkommen war – und deshalb mit allem fertig werden würde.

Für ihre Magie hatte die Alte aus dem Eisenwald negative Energie gebraucht. Die zog sie aus der Folter armer unschuldiger Kreaturen, wie den Tieren, die ihre Kinder, die Wolfsungeheuer, für sie im Wald fanden. Damit sie mir eine Wünschelrute machte, die mich zum Ort des Portals führen würde, hatte Sam sich für diese Folter öffnen müssen. Angrboda hatte ihn in seiner Wolfgestalt erkannt – schließlich hielt sie ihn jahrelang eingesperrt, im gescheiterten Versuch, ihn zum Vertrautentier zu machen.

Nachdem Angrboda ihm Unsägliches auf dem Folterbrett angetan hatte, war er in einen Käfig eingeschlossen worden. Ich hatte das Gastrecht beansprucht und vorgeschlagen, im selben Käfig zu nächtigen. Angrboda musste zähneknirschend zustimmen, weil ich damit signalisiert hatte, dass ich noch Macht über Sam besaß – die Macht, die sie gerne haben wollte. Im Käfig hatte ich Sam zum ersten Mal dazu gebracht, sich in einen Menschen zu verwandeln. Als der zwölfjährige Junge, der vor Jahren durch das Portal nach Jötunheim gereist war, hätte er durch die Gitterstäbe gepasst. Wir konnten gemeinsam entkommen.

Doch Angrboda hatte uns erwischt.

Sie hatte Sam in seiner wahren Gestalt gesehen – und er hatte ihr damit das gegeben, worauf sie immer aus gewesen war und was er mit Mühe vor ihr versteckt hatte. Damit ich fliehen und mit der Wünschelrute zum Portal finden konnte, hatte Sam sich ganz geopfert. Er hatte seinen Namen gesagt und wer er war. Eigentlich hätte Angrboda die komplette Macht über ihn haben sollen. Als schwer verletzter Junge ohne eigenen Willen konnte er der bösen Hexe eigentlich nichts entgegensetzen.

Irgendwie war es ihm dennoch gelungen, ihr zu entrinnen. Er hatte sich selber geheilt und war ausgebrochen, um Calixta und Liam aus der Siedlung am Rande des Waldes zu holen und mich dann anhand der Rune, die er mir in den Arm geritzt hatte, zu finden. Gerade noch rechtzeitig, bevor wir von einem Wolfsungeheuer zerfleischt wurden, hatte er das Portal gezeichnet, seine Magie gewirkt und uns alle nach Midgard zurückgebracht.

Jemand, der so etwas zustande bringt, der sollte doch wohl wenig Schwierigkeiten haben, aus einem von Menschen und Tierkriegern bewachten Kerker auszubrechen, in dem ihn ein schwacher Erdmagier wie Nic gefangen hielt, oder nicht?

Mit welcher Droge unterdrückte Nic seit Wochen Sams Magie?

Wenigstens hatte ich jetzt eine Erklärung dafür, warum er noch nicht geflüchtet war. Und ich hatte etwas in ihm hervorholen können, einen Teil seines Selbst, den er wohl vergessen hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---