Geburnoutet - Michael Krüger - E-Book

Geburnoutet E-Book

Michael Krüger

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Beschreibung

Malte Kampe, frenetischer Fan von Depeche Mode und auch sonst ganz seiner wilden Jugend verschrieben, wird wider Willen von seiner Vergangenheit eingeholt, als er seinem Freund Norbert im Zuge einer Sperrmüllaktion einige alte Tagebücher abkauft. Was er nicht erwartet hätte: Die Lektüre ruft nicht nur Erinnerungen an eine langjährige Freundschaft wach, sondern auch an eine Familie, in der Bratpfannen als Argumentationsverstärker fungieren, Manipulation genauso an der Tagesordnung ist wie Fremdgehen in der Sauna und einige Streiche die Ehe der Eltern beinahe in ein Armageddon führen. Selbst die aufkommende Nostalgie beim Rekapitulieren der zahlreichen Anekdoten kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ehemaligen Ereignisse ihren Schatten bis in die heutige Zeit werfen - und so bleibt Malte nichts anderes übrig, als sich noch einmal in die verrückten 1990er und 2000er Jahre zurückzubegeben, um Norberts und auch seinem eigenen Verhalten auf den Grund zu gehen.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Zum Buch:

Malte Kampe, frenetischer Fan von Depeche Mode und auch sonst ganz seiner wilden Jugend verschrieben, wird wider Willen von seiner Vergangenheit eingeholt, als er seinem Freund Norbert im Zuge einer Sperrmüllaktion einige alte Tagebücher abkauft. Was er nicht erwartet hätte: Die Lektüre ruft nicht nur Erinnerungen an eine langjährige Freundschaft wach, sondern auch an eine Familie, in der Bratpfannen als Argumentationsverstärker fungieren, Manipulationen genauso an der Tagesordnung ist wie Fremdgehen in der Sauna und einige Streiche die Ehe der Eltern beinahe in ein Armageddon führen.

Selbst die aufkommende Nostalgie beim Rekapitulieren der zahlreichen Anekdoten kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ehemaligen Ereignisse ihren Schatten bis in die heutige Zeit werfen – und so bleibt Malte nichts anderes übrig, als sich noch einmal in die verrückten 1990er und 2000er Jahre zurückzubegeben, um Norberts und auch seinem eigenen Verhalten auf den Grund zu gehen.

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhalt

Alles Sperrmüll, oder was?

Der Schülerpraktikant

Die Clique

Das Häschen in der Grube

Fasching

Schuldig im Sinne der Anklage!

Sauna

Himbeergeist mit Sahne

Das Altstadtfest

Salvatore

Silvester

Karneval

Wilder Westen

Butter

Schützenfest

Der Freizeitpark

Das Freibad

Die Walpurgisnacht

Adam und Eva

1, 2, 3, vorbei!

Lehrjahre

Oma

Das Osterfeuer

Bammel

Titanic

Freunde

Sandra

Musterung

Hamburg

Frauenliebe

Das Zelt

Pizza Norbert Speciale

Norwegen

Norbert Morgana

Verliebt

Die Uhr

Verschollen

Rückblick

Alles Sperrmüll, oder was?

Hallo, ich bin Malte Kampe! Eines Tages saß ich gemütlich mit meinem besten Kumpel Norbert in seinem gerade frisch renovierten Hobbyzimmer. Jedenfalls bis zu jenem Moment, in dem sein Vater fast vor Aufregung die Zimmertür eintrat. Er bat uns hektisch, ja fast panisch, schnell einige alte Möbelstücke auf die Straße zu stellen, da der Sperrmüllwagen schon zu hören sei und er dringend seine Ehefrau, Norberts Mutter, vom Zahnarzt abholen müsse.

»Wenn ich nicht pünktlich bin, kann ich dort gleich als Patient im Wartezimmer Platz nehmen!«, scherzte er in seiner lustigen Art.

»Ist ja wieder typisch für Paul, sich vor der Arbeit zu drücken!«, meinte Norbert, während sich sein Vater mit quietschenden Reifen nach dem Motto ›Gib Gummi!‹ aus dem Staub machte.

»Jedes Mal der gleiche Mist!«

»Was meinst du, Norbert?«

»Immer, wenn Sperrmüll ist, wartet unser selbsternanntes Familienoberhaupt bis zum letzten Moment, da sonst angeblich irgendwelche Sperrmüllsammler ein Schlachtfeld hinterlassen oder etwas dazustellen. Das habe ich nur noch nicht gesehen!«, schimpfte Norbert, worauf ich mir die Frage stellte, ob mein bester Kumpel überhaupt noch rausging, um es überhaupt sehen zu können.

Wir stellten unter anderem einen kleinen, alten, mit Spinnweben überzogenen Nachtschrank an die Straße. Ich zog aus reiner Neugierde eine Schublade heraus und fand darin einige DIN-A5-Schreibhefte. Wie sich schnell herausfinden ließ, handelte es sich dabei um Tagebücher seiner Mutter, da auf der Innenseite des Heftes ihr Name stand. Ich nahm drei Hefte mit in Norberts Zimmer und fragte ihn, ob er die restlichen nicht besser noch schnell aus der Schublade holen sollte. Norbert wollte von all dem nichts wissen und war sich dem Anschein nach über die Tragweite der Bedeutung dieses Fundes nicht im Klaren! Er wusste wohl nicht, was für ein persönliches und bedeutsames Zeitdokument ein Tagebuch für den Verfasser ist. Es ging ihm wahrlich an seinem dicken und mittlerweile recht naiven Hintern vorbei! Anders konnte man die Coolness und Gleichgültigkeit durch seinen in den letzten Jahren erlernten und an jenem Tag fortgeführten Familien-Frustrations-Alkoholkonsum nicht deuten. Es wurde sogar noch besser: Norbert verkaufte mir die guten Stücke ungelesen für zehn Euro und freute sich an diesem Nachmittag tierisch über seinen Geschäftssinn, da er aus alten und für ihn ziemlich unwichtigen Sperrmüllsachen unerwartet noch etwas Geld machen konnte.

»Na, wenn das kein guter Deal war!«, meinte mein Freund zu mir, worauf er lachend das leicht verdiente Geld in seine Brieftasche steckte.

Getrieben von Neugierde, machte ich mich rund eine Stunde später zu Hause sofort über die Tagebücher her. Leider erfuhr ich dabei Dinge, die unsere langjährige und bis dahin als dick empfundene Freundschaft in ein ganz anderes Licht rückten. Jener Moment der ersten fassungslosen Nachdenklichkeit, auch des Kaufes wegen, war gleichzeitig die Geburtsstunde für mein Manuskript, da diese schier unglaubliche Geschichte einfach niedergeschrieben werden musste. Außerdem möchte ich aufdecken und gleichzeitig davor warnen, was alles passieren kann, wenn problembehaftete Eltern ihr Kind nicht rechtzeitig von der Leine lassen, was man in Norberts Fall glatt als lebenslange Freiheitsstrafe bezeichnen könnte – aber ich möchte noch nicht zu viel verraten…

Der Schülerpraktikant

Auszug aus Renates Tagebüchern

27.02.1994: Liebes Tagebuch,ob wir Norbert zum Praktikum bekommen, wage ich zu bezweifeln, er hat ja immer so eine Angst vor Neuem. Ich habe ihm so eine neuartige Spielstation versprochen. Mal sehen, ob es gewirkt hat. Norbert läuft vor Aufregung vor morgen in seinem Zimmer schon einen Kreis in seinen Flokati Teppich!

Es war der 28. Februar 1994 und ich arbeitete in einer Gärtnerei, zwanzig Kilometer von meinem Wohnort Gifhorn entfernt.

Vor Arbeitsbeginn saßen wir Kollegen in gemütlicher Runde in unserem Aufenthaltsraum und tranken Kaffee. Es war ja schließlich auch noch nicht Zeit, um härtere Sachen zu trinken, was in dieser kleinen, aber feinen Gärtnerei, diesem alteingesessenen Familienbetrieb, oft, vor allem bei Erntearbeiten, vorkam. Solch eine meist staubige und vor allem anstrengende Arbeit konnte man in nüchternem Zustand auch nicht lange ertragen!

Die Gärtnerei bestand aus vier großen Gewächshäusern und sechs kleineren, insgesamt waren es rund zweitausend Quadratmeter Kulturfläche unter Glas.

»Moin, Moin«, rief unser Chef inmitten eines für ihn typischen Raucherhustenanfalls, der ihn just in dem Moment traf, als er zur Einteilungsbesprechung in unseren Aufenthaltsraum kam.

»Na, Erich, haste dich wieder an deiner Zigarette verschluckt? Beim Essen sollte man auch nicht sprechen, mein Bester!«, lachte ihm Helga, eine Mitarbeiterin der ersten Stunde, entgegen.

»Jou, meine Beste, du hast ja wie immer recht!«, hustete er ihr entgegen.

Von uns Auszubildenden wurde unser Chef hinter vorgehaltener Hand in Anlehnung an die Kindersendung ›Sesamstraße‹ liebevoll Oskar genannt. Er war nämlich der Gärtner, der nie etwas wegwarf und alles schlecht Getarnte wieder aus der Mülltonne holte, wobei er einmal sogar gekonnt kopfüber hineingerutscht war. Normalerweise sollte eine Mülltonne durch die Verlagerung des Gewichts umkippen, doch Oskar schaffte das auch anders. Ich werde das Bild nicht mehr vergessen, wie seine Frau die Mülltonne schimpfend durch Ziehen an Oskars Füßen umkippte. Danach erhielt er eine Predigt, gewissermaßen das Wort zum Sonntag, und wurde an diesem Tag nicht mehr gesehen. Dumm nur, dass wir alle gerade Frühstückspause hatten und uns natürlich die Nasen lachend am Fenster plattdrückten.

Oskar erzählte uns jedenfalls, dass wir an jenem Tag einen Schülerpraktikanten bekommen würden, und fragte mit dem nächsten gehusteten Atemzug leicht schmunzelnd natürlich mal wieder mich, ob ich diesen jungen Herren an die Hand nehmen könnte. Ich nickte natürlich, da ich von meinen Azubi-Kolleginnen, den Lästertanten vom Dienst, schon ein Augen verdrehendes Schnaufen vernehmen konnte. Außerdem war das Füllen von Pikierkisten mit Pikiererde recht monoton und nicht gerade meine Lieblingsarbeit. Da kam mir ein Praktikant ganz gelegen.

»Wie heißt er eigentlich?«, fragte ich meinen Chef, doch dieser konnte sich an den Namen nicht mehr erinnern.

»Kein Wunder, Erich, du merkst dir ja auch nur Frauennamen!«, frotzelte Herbert, langjähriger Freund des Chefs und Mädchen für alles in der Gärtnerei.

Um Punkt sieben Uhr stand ich wie so oft an meinem Arbeitsplatz und freute mich der Dinge, die da wohl kommen würden.

Die Dinge kamen – und wie sie kamen! Ein riesiger Schatten bewegte sich auf mich zu und ich dachte im ersten Moment, dass André the Giant, ein weltbekannter französischer Wrestler, der leider ein Jahr zuvor recht jung an Herzversagen verstorben war, auf mich zukommen würde. Wie sich schnell herausstellte, handelte es sich um den Vater des Praktikanten. Wer nun allerdings glaubt, einen Spargeltarzan, wie ich einer bin, hinter ihm hervorspringen zu sehen, der wurde enttäuscht. Der Sohnemann besaß die gleiche Statur. Der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm!

Oskar schob den kleinen Giganten mit dem sichtlich höheren Babyspeckanteil gleich in meine Richtung ab, um dessen Papa – wie jeden anderen Besucher, Freund oder Kunden – mit seinen heldenhaften Kriegsgeschichten vollzulabern.

Da stand er nun, der Praktikant, seine Frisur war ein wohl von Mama geschnittener vorkriegsähnlicher Kochtopfhaarschnitt, der sein Antlitz erst recht wie ein rundes Pfannkuchengesicht aussehen ließ. In seinen braunen Augen stand gut erkennbar die blanke Angst, wohl jene vor dem Ungewissen.

»Hallo, ich bin Malte!« sprach ich ihn an, doch wer dachte, nun würde eine tiefe Riesenstimme ertönen, der sah sich erneut getäuscht.

»Ich... ich bin der Norbert«, antwortete er stotternd und mit hoher Stimme, als habe man ihm etwas abgeschnürt.

»Komm, lass uns mal deine Sachen in die Umkleide bringen!«, antwortete ich in meiner freundlichen, pädagogisch wertvollen Art.

Angezogen war Norbert mit einer recht weit geschnittenen blauen Jeans und einem Alternative-Rockband-Shirt. Sicherheitsschuhe trug er zwar nicht, aber sein festes Schuhwerk war für den Anfang schon mal ganz in Ordnung.

Ich wusste erst nicht, wie ich den großen, sehr schüchtern wirkenden Burschen etwas auftauen lassen könnte, doch als wir beim Thema Musik anlangten, wurden wir sehr schnell warm. Norberts Lieblingsband war R.E.M., deren letzter Hit ›Man on the Moon‹ aus dem Jahr 1992 noch in aller Munde war. Meine musikalische Richtung umfasste vor allem die New-Wave-Band Depeche Mode, die gerade mit einem sehr erfolgreichen Album und darauffolgender Welttournee, der Devotional-Tour, aufhorchen ließ.

»Sag mal, Norbert, wie groß und schwer bist du eigentlich?«

»Ich bin 1,98 Meter groß und wiege 109 Kilogramm. Geboren wurde ich am 31.03.1979!«

Ich schaute wohl etwas komisch aus der Wäsche, da ich überrascht war, dass Norbert mir, ohne dass ich danach gefragt hätte, seinen Geburtstag nannte, und das auch noch mit einer ganz besonderen Betonung.

»Ich wurde nur ein paar Minuten vor dem ersten April geboren«, meinte er obendrein leicht drucksend, worauf mir plötzlich ein Licht aufging.

»Dann bist du also ein sogenannter Glückspilz, dass du dem besonderen Tag knapp entkommen bist, nicht wahr?«, fragte ich ihn. Norbert meinte darauf unter gemeinsamem Gelächter ganz trocken, dass man mit Geld viel regeln könne und sein Vater deswegen pleite sei.

»Du bist also eigentlich ein Aprilscherz, nicht wahr, Norbert?«, schoss es aus mir heraus.

»Genau vor solch einem Spruch hatten meine Ollen immer Angst, gut, dass ich um fünf vor zwölf auf die Welt kam«, kicherte Norbert zwinkernd.

Zu dem überaus verkrampften Füllen der Pikierkisten, die für das Vereinzeln von Eisbegonien aus den Aussaatkisten benötigt wurden, dem Mischen der speziellen Pikiererde, begleitet von tierischen Schweißausbrüchen und dem leicht überdreht wirkenden Lachen, kamen auch Phasen, gerade beim Schieben der Schubkarre, in denen Norbert ein Sauerstoffzelt wohl gutgetan hätte.

Ich hatte bis zu jenem Tag noch nie jemanden gesehen, der so verkrampft eine Schaufel in der Hand hielt, geschweige denn in seinem Alter solche motorischen Schwierigkeiten beim Schieben einer Schubkarre hatte. Rückwärts zu gehen, war auch nicht gerade seine Paradedisziplin und das Schaufeln der Erde auf den Topftisch wurde an diesem Tag zu seiner absoluten Spezialität. Bei zehn Schaufeln aus der Karre musste ich später mindestens fünf wieder vom Boden hoch schaufeln. Die Karre komplett auf den Tisch zu kippen, war leider nicht möglich, da Norbert dem Anschein nach nur Pudding in den Armen hatte und die Karre mit Inhalt nicht hochbekam. Ich wollte ihn erst fragen, ob er denn stattdessen eine 50-Kilo-Sahnetorte hochbekommen würde, verkniff es mir aber lieber, wollte ich doch nicht gleich als Stänkerkopf auftreten.

Die Feierabendglocke ertönte und unser Praktikant wirkte sichtlich erleichtert, genau wie nach jedem Toilettengang, von denen es an diesem Tag wohl zwanzig gegeben hatte! Da erwachte in mir wieder ›Mr. Kontrollfreak‹ Malte Kampe!

Der kleine, große Norbert wurde von seinem Papa abgeholt, doch bevor die beiden an diesem ersten Praktikumstag zur Tür herauskamen, fing Oskar sie zu einem kleinen Feierabend-Smalltalk ab, welcher in der Regel zwischen fünf Minuten und zwei Stunden dauerte, je nachdem, wann Oskars Frau zum Kaffee oder Abendbrot rief.

»Hallo Herr Wunderlich, ihr kleiner Norbert lebt noch!«, schrie Oskar mitten in einer Raucherhustenpause durch das vordere Arbeitsgewächshaus.

»Wunderlich, du heißt Wunderlich, ich lach mich schlapp!«, meinte ich scherzend zu Norbert, der gerade in diesem Moment, sich den Rucksack ins Gesicht drückend, an mir vorbei schleichen wollte.

»Ich würde lieber Kloschüssel heißen, wurde immer mit dem Namen Wunderlich gehänselt, weil wir wohl allen immer genauso rüberkommen, zum Heulen ist das Ganze!«, grummelte Norbert noch, bevor er sich von mir verabschiedete.

Nach diesem ersten Tag unserer Bekanntschaft gab es gleich zwei positive Dinge, zum einen die Überraschung darüber, dass sich mein Chef einen männlichen Namen merken konnte, und zum anderen die faszinierende Erscheinung Norberts, denn er war nach meinem Gefühl irgendwie positiv anders und ich wollte unbedingt wissen, weswegen ich diesen Eindruck hatte!

Auszug aus Renates Tagebüchern

28.02.1994: Liebes Tagebuch, Norbert hat an seinem ersten Praktikumstag gleich mit dem dortigen Gärtnergehilfen, Malte ist sein Name, Freundschaft geschlossen, mal sehen, was daraus wieder wird. Es ist der erste neue Kontakt, seit wir vor vier Jahren hierhergezogen sind, bis auf seine ehemaligen Klassenkameraden natürlich, doch es ist eh besser, wenn er zu denen Abstand gewinnt, damit er seine furchtbaren Grundschuljahre endlich vergisst. Ich finde es überraschend, dass er sein Praktikum angetreten hat, na ja, habe eben an den richtigen lockeren Schrauben seines Gemüts gedreht und außerdem ist er ja mein Sohn und Bestechung funktioniert bei ihm immer!

»Na, Norbert, du hast einen tierischen Muskelkater, stimmt‘s?«, fragte ich ihn, als er am nächsten Tag mit versteinerter Miene vor mir stand.

»Mir tut sogar das Lachen weh, aber Renate und Paul werten es als Fleiß und das ist mir das Wichtigste!«

Ich fragte ihn, ob Renate und Paul die Vornamen seiner Eltern seien.

»Ja, klar, Geschwister habe ich ja keine!«, antwortete er und fügte noch hinzu, dass es laut seinen Eltern in einer modernen Familie heutzutage üblich sei, diese mit Vornamen anzusprechen.

Auszug aus Renates Tagebüchern

06.03.1994: Liebes Tagebuch,Norbert ist schon den ganzen Nachmittag in der Garage und bastelt an seinem Fahrrad herum, wusste ja gar nicht mehr, dass er eins hat! Malte hat ihn wohl gefragt, ob er ein Radfahrlegastheniker sei, weil er die paar Meter bis zur Gärtnerei nicht selbst fahren könne. Jetzt will Norbert morgen mit dem Rad zur Gärtnerei, na, da werde ich ihm noch einen Strich durch die Rechnung machen! Das fehlt ja noch, der Bursche landet bei seiner Orientierungslosigkeit noch in Lüneburg und das nur, weil er Malte irgendetwas beweisen will! Mit dem Fahrrad zum Sportplatz, drei Straßen weiter, hat ja letztes Jahr schon nicht funktioniert!

07.03.1994: Liebes Tagebuch,Norbert musste heute doch gefahren werden, da sein Fahrrad einen Plattfuß hatte. Hat er wohl gestern zu stark aufgepumpt, oder der Innenschlauch war zu porös, oder meine Nadel zu spitz, na ja, egal, sicher ist sicher!

Norberts Praktikumswochen zogen sehr schnell ins Land und am Ende der dritten Woche rutschte ihm sogar die Hose etwas vom Hintern, da er in dieser Zeit sage und schreibe fünf Kilo abgenommen hatte.

Seine Schäden in diesen drei Wochen hielten sich in Grenzen, so fuhr er nur eine Glasscheibe mit einer Schubkarre kaputt und kippte einen Rolltisch, gefüllt mit Töpfen, komplett um, da er ›halb vollstellen‹ missverstanden hatte. Er stellte alle Kisten auf eine Seite und nicht quer über den Tisch, sodass dieser, als von hinten eine nichtsahnende Aushilfskraft die gleichreihig stehenden Rolltische verschob, überlastig wurde und von den feststehenden Standbeinen kippte. Somit waren gute drei Stunden Arbeitszeit für die Katz und dem wohl sensiblen Norbert liefen nicht gerade Freudentränen die Babypopowangen hinunter!

Es wäre toll, wenn man festhalten könnte, dass Oskar daraus gelernt hätte, denn es gab damals schon diverse Kippsicherungen, die man für kleines Geld hätte anbauen können. Deswegen blieb dieses Ereignis nach Norberts Praktikum leider auch kein Einzelfall, nur blöd, dass dort gut acht Monate später, kurz vor Weihnachten, verkaufsfertige Weihnachtssterne für den Stückpreis von sechs DM standen! Einzig die Lebewesen im Komposthaufen freuten sich über diese gebrochenen, fast geschreddert aussehenden Pflanzen!

Als Herbert unserem Chef leicht schmunzelnd erzählte, dass der Verlust ja nicht so hoch sei, da wir die Sterne im übernächsten Jahr wieder verwenden könnten, nämlich als gute Blumenerde, biss Oskar vor lauter Wut über das Geschehene beinahe in den umgekippten Rolltisch und verschwand wutschnaubend im Wohnhaus.

Auszug aus Renates Tagebüchern

10.03.1994: Liebes Tagebuch,Norbert hat bei seinem Praktikum ein wenig Schaden gemacht, hat er mir gerade unter Tränen gebeichtet. Paul hat schon mit Herrn Reiter, dem Besitzer der Gärtnerei, gesprochen, ob er ihn irgendwie finanziell entschädigen könne, doch Herr Reiter meinte nur, dass seine Mitarbeiter ja auch hätten aufpassen können und wir ja so gute Kunden wären. Wo er recht hat, hat er recht!

An Norberts letztem Praktikumstag tauschten wir unsere Telefonnummern aus und ich lud ihn zu meinem Geburtstag im Juni ein, um ihn meinen Freunden vorzustellen. Ich dachte mir, dass junges Blut in breiter Form von Norbert mit seiner Komik und erkennbaren Tollpatschigkeit garantiert viel Spaß bringen würde und er sich sicherlich ebenfalls an uns Experten erfreuen würde.

Ich fuhr ihn nach Hause, da er nur einen Katzensprung von der Gärtnerei entfernt in einem Neubaugebiet wohnte. Norbert stellte mich seinen Eltern, den Vater kannte ich ja bereits flüchtig, nun auch einmal richtig vor. Seine ›Ollen‹, wie er sie nannte, standen bei unserer Ankunft bereits in der Haustür. Norberts Mutter war gut zwei Köpfe kleiner als ihre ›beiden Männer‹, wie sie ihre Bande bei einer Tasse Tee titulierte, hatte allerdings denselben Bauchumfang. Norberts sehr nett wirkende Eltern boten mir zu meiner großen Verwunderung gleich das Du an.

Das Teetrinken nahm ein schnelles Ende, da Norbert sich tierisch an einem von seiner Oma gebackenen Keks verschluckte und Renate ihm sofort hysterisch auf der Schulter herumschlug.

Da Norbert, noch immer hustend, frische Luft brauchte, machten wir uns zu einer kleinen Gartenbesichtigung auf. Ich war doch sehr beeindruckt von der Größe des ganzen Areals.

Norbert meinte, dass seine Eltern gleich zwei Grundstücke gekauft hatten, damit er sich später auf dem anderen, dem noch als Wiese brachliegenden Land, ein Haus bauen könne. Ich fragte Norbert, woher sie so viel Geld hätten, um sich gleich zwei Grundstücke kaufen zu können, und Norbert meinte, dass sie ihr altes Haus mit noch größerem Grundstück zwei Dörfer weiter sehr gut verkauft hätten. Dem Käufer, einem Abteilungsleiter aus dem Radkappen-Werk, gefiel der riesige Partykeller damals total gut, da er, wie er augenzwinkernd anmerkte, vorhatte, den berühmten Ballermann in diesen Keller zu holen.

Voller Vorfreude auf meine kleine Geburtstagsparty mit Norbert als Gast machte ich mich nach einer noch folgenden Jugendzimmer-Besichtigung, in dem sich seine Comic-, CDund Videokassetten-Sammlung befand, auf den Heimweg.

Auszug aus Renates Tagebüchern

18.03.1994: Liebes Tagebuch,Norbert ist an seinem letzten Praktikumstag von Malte zum Geburtstag eingeladen worden, hoffentlich gibt es da nicht so ein Komasaufen wie bei uns früher, nicht, dass er sich, wie Paul damals, betrunken, orientierungslos und splitterfasernackt in irgendeinem Garten verläuft und am nächsten Morgen von der Polizeistation abgeholt werden muss!

Nachdem Familie Wunderlich aus ihrem Osterurlaub in Dänemark zurück war, ließen Norbert und ich die Telefondrähte glühen.

Zu Beginn eines jeden Telefonats wirkte er immer – genau wie an seinem ersten Praktikumstag – sehr schüchtern, doch von Minute zu Minute taute er mehr und mehr auf, bis wir uns zum Ende hin geplagt von Bauchschmerzen und nach Luft ringend vor Lachen nicht mehr halten konnten. Es schien, als würde Norbert eine kleine Abwechslung in Form meiner Person ganz guttun, da ihn dies ein wenig aus seinem familiären Trott herausbrachte. Ebenso tat es mir gut, sehr belustigt ein wenig in die normale und eigentlich schöne jugendliche Naivität zurückzurutschen.

Auszug aus Renates Tagebüchern

10.04.1994: Liebes Tagebuch,der Urlaub war richtig schön, ich habe immer, wenn meine beiden Plagegeister aus dem Haus waren, Jonny getroffen und er hat mich jedes Mal umgehauen! Norbert rennt jetzt schon eine halbe Stunde um das Telefon und traut sich nicht, Malte anzurufen. Ich habe ihn eben gefragt, ob der Hörer zu schwer sei oder ob ich anrufen solle! Norbert braucht auch bei allem einen Anschub, genau wie sein Vater, der Geizkragen, der Elendige!

Die Clique

Auszug aus Renates Tagebüchern

10.06.1994: Liebes Tagebuch,Norbert hängt schon wieder eine halbe Stunde am Telefon, ich möchte echt gerne wissen, was er und Malte immer zu sabbeln haben, die sind ja schlimmer als so manche Weiber!

15.06.1994: Liebes Tagebuch,Norbert ist wegen morgen sowas von aufgeregt, dass er wieder Durchfall hat, ich würde ja am liebsten die Geburtstagsfeier absagen, aber Paul soll hier in meinem Aufenthaltsraum mal sämtliche Spinnweben (auch meine) entfernen und das geht nicht, wenn der Kleine da ist!

Im Jahr 1994 fiel mein 21. Geburtstag für mich so unglücklich, dass er nicht während des Gifhorner Schützenfestes war. Deshalb gab es in jenem Jahr keinen Biergarten auf dem Fest, sondern nur den eigenen Garten, aber natürlich auch mit Bier!

Ich wohnte damals noch zu Hause, da ich es nicht einsah, irgendwo in der Fremde Miete zu zahlen, während in meinem Elternhaus zeitgleich eine Wohnung im Obergeschoss leer stehen würde. Ich musste meinen Eltern nur die Unkosten zahlen und habe das Haus – mittlerweile mein Eigentum – bis zum heutigen Tag nicht verlassen. Mein Opa sagte einmal, dass er nur in einer Holzkiste zum Friedhof umziehen würde; es geschah so und genauso halte ich es auch! Außerdem war meine Arbeitsstätte nur vierzehn Kilometer von meinem Wohnort entfernt und mit meinem Auto sehr gut über die Bundesstraße 188 zu erreichen.

So saßen mein Kindergartenfreund Torben, Tim, unser ehemaliger gemeinsamer Klassenkamerad und ebenfalls großer Depeche-Mode-Fan, meine Freundin Josy und meine Wenigkeit an einem Samstag bei mir zu Hause unter dem Überdach und tranken schon das ein oder andere Bier.

Gespannt warteten wir nicht nur auf das Eintreffen von Norbert, sondern auch auf das Abmischen unserer Spezial-Bowle. In diese Bowle, in dieses Meisterwerk der Party-Mixgetränke, kamen alle Sorten Erfrischungsgetränke, Anisschnaps, ein Orangenlikör und ein leichter Weißwein. Das Mischverhältnis war jedes Mal anders, da wir immer nach Lust und Laune panschten. Einzig der Schädel am nächsten Tag war immer gleichbleibend! Verheerend an dieser Bowle war, dass man am Anfang keinen Alkohol schmeckte, aber bei Ebbe in der großen Schale leichten bis ganz starken Kreisverkehr bekam. Alles in Butter halt, da halb betrunken ja rausgeschmissenes Geld ist, nicht wahr!

Plötzlich klappten Autotüren und ich ging nach vorne, wo auch schon ein leicht zitternder Norbert mit seinem Vater am Gartenzaun stand. Nach einer kurzen Begrüßung sowie einem Glückwunsch von beiden fragte Paul nach meinem alten Herrn! Hallo?

Da mein Vater nach seinem Parteiaustritt und dem damit verbundenen Rücktritt von der politischen Bühne gerade sein ›Rote Socke‹-Parteibuch in die Mülltonne hinter der Garage warf, kam er zur kurzen Begrüßung an den Zaun. Während unsere Väter sich kennenlernten und ein paar Worte austauschten, gingen wir nach hinten, um eine neue Zeitrechnung zu starten, die Zeitrechnung mit unserem neuen Cliquenmitglied Norbert.

»Darf ich vorstellen, das ist Norbert!«, rief ich hocherfreut.

Der Tisch bebte durch das Klopfen und Jubeln, alle Augen waren auf ihn gerichtet und er wirkte im ersten Moment, als würde er am liebsten im Boden neben mir versinken wollen. Als wäre ein Vorhang gefallen und er stünde vor tausend Leuten ohne Hose da und alle starrten nur auf seinen Piepmatz!

»Tag auch, i... ich bin Norbert«, stotterte er etwas schüchtern und stellte sich mit seiner ganzen Masse direkt vor Tims lange Nase, von uns oft provokant Windsegel genannt, doch von diesem ertönte nur ein trockenes »Hallo«. So war unser stets schwarz gekleideter Tim halt; wortkarg, defensiv, wohl seiner Grufti-Gesinnung wegen, aber trotzdem ein klasse Typ als Kumpel.

»Ja, und ich bin der Torben und das ist mein Bier und das ist dein Bier... hier!« witzelte Torben, mein langjährigster Freund und Klassenkamerad, auf seine gewohnt lockere Art und drückte Norbert ein Bier in die Hand.

Im Bruchteil einer Sekunde war bei Norbert, wohl dank Torben und des Bieres, das Eis gebrochen. Seine Gesichtszüge entkrampften sich sichtlich und man spürte nach kurzer Zeit schon eine weitere Freundschaft gerade ihren Anfang nehmen.

»Es gab noch nicht einmal Kuchen und ihr habt schon eine Flasche Bier am Hals, kann ja wohl nicht wahr sein!«, frotzelte mein Vater, bevor er erzählte, dass Norberts Chef darum gebeten hatte, dass man seinen Sprössling am späten Abend nicht wegen Trunkenheit ins Auto tragen müsse.

»Kein Problem, das bekommen wir auch eher hin!«, meinte ich, worauf mein Vater nur scherzend meinte, dass ich gerne mal an seiner Faust riechen dürfe. Norbert bekam sage und schreibe zwei Bier von uns, da wir alle ja ohnehin die ganze Zeit die Bowle genossen.

Am Abend schmissen wir den Grill an und ich probierte dabei gleich Norberts Geschenk aus. Es war, passenderweise, ein schönes Grillset, das aus einer Grillzange, einer Grillgabel sowie einer Grillschürze mit einem Bild der Familie Simpson bestand, der mittlerweile weltberühmten Comic-Familie aus Springfield, deren Zeichentrickserie seit 1991 in Deutschland ausgestrahlt wird. Ich war über dieses Geschenk sehr erfreut, da sich Norbert offenbar gemerkt hatte, dass ich diese Serie mochte und auch generell ein leidenschaftlicher Sammler von Merchandise-Artikeln rund um Film und Fernsehen war.

Nach seiner fünften (!) Bratwurst und dem vierten (!) Steak fragte Norbert später doch tatsächlich, wo denn der Nachtisch sei! Wir anderen schauten uns wegen dieser Gefräßigkeit im ersten Moment ziemlich baff an, dann meinte er ganz locker: »Tja, Leute, von nichts kommt nichts!« und strich sich über seine erkennbar dicke Wampe.

»Dein Nachtisch sitzt am Teichrand und quakt, fang dir einen!«, gab ich mit dem Finger zu unserem großen Gartenteich zeigend, zum Besten.

»Wenn ich beim Fangen in den Teich falle, dann ist kein Wasser mehr drin! Das ist dir doch bewusst, Malte?«, lachte Norbert.

Auszug aus Renates Tagebüchern

16.06.1994: Liebes Tagebuch,Paul hat Norbert zu Malte gebracht und installiert gerade eine neue Telefonanlage, mit der wir hausintern telefonieren können, mal sehen, ob der liebesfaule Paule heute noch den richtigen Stecker in die richtige Dose bekommt. Mensch, ich bin aber auch gerade wieder scharf!

Später gesellte sich noch Stau-Udo, ein ehemaliger Berufsschulkollege von mir und Torben, zu unserer Runde. Udo war auch so ein Vogel, immer, wenn er Langeweile verspürte, machte er sich auf die Suche nach einem Stau, da er dort jedes Mal mit irgendjemandem ins Gespräch kam! Er hörte sich vorher im Radio die Staumeldungen an und fuhr umgehend dorthin. Ich behaupte einfach mal, dass er im Umkreis von mindestens zweihundert Kilometern schon auf jeder Autobahn oder Bundesstraße aus reiner Langeweile im Stau gestanden hatte!

»Du, Udo, ich habe gerade einen Stau, fährst du da jetzt auch hin?«, meinte Torben provozierend, als er Udo an diesem Abend das erste Mal sah.

»Torben, du altes Ferkel, vergiss es und fang nicht an, zu stänkern!«, fauchte Udo zurück. Norbert konnte sich vor Lachen kaum halten. Mit seinem Dauerlachen, wie ich es selten zuvor bei einem Menschen erlebt hatte, steckte er uns alle dermaßen an, dass es doch glatt zu Bauchkrämpfen kam.

Norbert erzählte an diesem Abend von den Baueskapaden seines Ollen, der vieles im neuen Haus selbst gemacht hatte, zum Beispiel das Fliesenlegen im Bad, wobei er leider erst hinterher bemerkte, dass man ja vorher die Kabel für die Steckdosen hätte verlegen müssen. Paul musste einen Teil der Fliesen wieder abschlagen, die es dann natürlich nicht mehr in derselben Farbe zu kaufen gab – und die Restfliesen hatte er zuvor stolz entsorgt!

»Tja, so ist das, wenn man immer die günstigen Restposten kauft!«, meinte Norbert trocken. Ebenso hatte Paul insgesamt dreimal den Neubau geflutet, zweimal im Untergeschoss und zum krönenden Abschluss noch einmal in der oberen Etage, da er die Fußbodenheizung nicht richtig zusammengesteckt hatte. Als er im Obergeschoss Druck auf die Leitung gab, lenkte ihn just in diesem Moment eine nette Nachbarin von gegenüber ab und es kam, was kommen musste. Während Paul ihr Playboylike etwas aus dem Kofferraum hob, wurde die Treppe im Haus zu einem schönen Wunderlich-Wasserfall.

»Deswegen heißt Paul jetzt bis zum nächsten Fiasko Niagara«, kicherte Norbert.

Später fingen Norbert und Torben an, sich über unterschiedliche Arten von Blähungen zu unterhalten, worauf Norbert richtig angestachelt meinte, dass durch das reichliche Essen schon etwas Bestimmtes beinahe rausdrücken würde und er dazu auf dem dann nicht mehr stillen Örtchen die deutsche Nationalhymne in unterschiedlichen Furztönen zum Besten geben könne.

»Wisst ihr was? Richtig peinlich wird ein Furz erst, wenn andere Leute davon Wind bekommen!«, meinte Norbert, bevor er uns für seinen musikalischen Vortrag auf dem Klo verließ.

Die Nationalhymne wurde es zwar nicht, aber er sprengte mit seinem Erdbebenpupser die Kloschüssel und ob ihr liebe Leser es glaubt oder nicht: Es haben doch glatt die Frösche im Gartenteich zu quaken begonnen.

Norbert meinte nach seiner Rückkehr von der WC-Front, dass ihm Fremdsprachen wie unter anderem Pupsen liegen würden und die Vier in Englisch und die Fünf in Französisch von der Lehrerin gewürfelt worden seien.

»Ich kann auch Französisch!«, meinte Udo, worauf Torben erwiderte, dass er Russisch sprechen könne, wenn es nach Udos Französisch ginge.

»Wodka, Wodka!« sagte er, den Mittelfinger zeigend, und Udo, der manchmal seltsam reagierte, war eingeschnappt. Udo, muss man wissen, war nicht die hellste Kerze auf der Torte. Wenn etwas ihn geistig überforderte, wurde er grantig sowie stoffelig und als Nächstes schlug er gerne mal stumpf mit der Faust zu.

Als Tim darauffolgend noch meinte, dass er der Bundeskanzler sei, wenn Udo Französisch könne, war Udos Laune auf einem gefährlichen Tiefpunkt angekommen.

»Welches Französisch meint ihr eigentlich die ganze Zeit?«, fragte Norbert und man merkte in unserem erneuten Gelächter, dass er sich innerhalb einiger Stunden richtig in unsere versaute Clique eingefunden hatte. Er erzählte, dass seine Eltern früher einen Beagle hatten, der, als er mal vor dem Supermarkt im Auto warten musste, die komplette Rückbank von Pauls Neuwagen dermaßen zerfetzt hatte, dass er unter dem Sitzbezug sowie dem Polstermaterial fast nicht mehr zu sehen war, als die Familie zu ihrem Auto kam. Paul brachte den Hund danach vor Wut sofort ins Tierheim zurück. Nachdem der damals noch kleine Norbert eine Nacht weinte und sich mehrfach erbrach, durfte Paul bereits am nächsten Morgen als geprügelter Köter, mit Beule am Kopf durch Renates Pfannenschlag, den Hund zurückholen.

Die Stunden zogen an diesem Abend in Windeseile an uns vorbei und aus dem ersten Treffen wurde ein richtig schöner, lustiger Geburtstag, an dem wir viele Gemeinsamkeiten zwischen uns entdeckten. Die meisten zwischen Norbert, Torben und mir, da wir drei in Sachen Außerirdische, Mystery und Science-Fiction auf einer Wellenlänge schwammen. Erich von Däniken und seine seit 1993 bei SAT.1 ausgestrahlte 25-teilige Fernsehserie spielte in unseren Gesprächen eine gewichtige Rolle.

Tim verabschiedete sich bereits um 22.00 Uhr, da er sich noch mit einem Mädel in unserer Gifhorner Kultdisco, dem Moorkater, treffen wollte, und auch Udo suchte ziemlich früh das Weite, da er am Sonntag sehr früh aufstehen wollte, um zu einem Flohmarkt zu fahren.

»Nur der frühe Vogel fängt den Wurm!«, waren seine letzten Worte an diesem Abend.

»Udo, verfahr dich nicht! Ach, du liebst ja die Straße!«, rief Torben ihm noch stänkernd hinterher, was dieser aber durch Norberts Blecheimerlache nicht mehr hörte – oder hören wollte.

Norberts Vater wirkte ganz glücklich, als er seinen Sohnemann um fünf vor zwölf abholte, da er schnell merkte, dass der Kleine nicht unter dem Tisch lag. Es war wohl eher der Stuhl! Doch nein, im Ernst, Norberts Promillewert hielt sich vermutlich wirklich in einem akzeptablen Rahmen.

Wir noch Verbliebenen waren uns später einig, dass Norbert unsere Clique allein schon durch seine lustige Art bereichern würde, und lachten uns noch bis in den frühen Morgen hinein über viele Witze, die Norbert bei dieser Feier erzählt hatte, schlapp.

Auszug aus Renates Tagebüchern

17.06.1994: Liebes Tagebuch,Norbert kam heute mit einer leichten Alkoholfahne von dieser Geburtstagsfeier, typisch, haben sie meinen Kleinen erst mal ein wenig zur eigenen Belustigung abgefüllt, und dass, obwohl Paul, wie er mir versicherte, darum gebeten hatte, Norbert nichts zu geben! Bei diesem Geburtstag hat er noch ein paar Freunde von Malte kennengelernt. Torben, der Älteste in dieser Runde, wirkte laut Norbert wie ein leicht zerstreuter Professor, der nach eigener Aussage jeden unter den Tisch trinken kann. Dann war da noch Tim, ein schwarz angezogener Grufti. Hoffentlich begegnet der mir nicht hier, der stiehlt mir noch meine Kanarienvögel, um sie später zu opfern! Hört man ja immer wieder, dass solche Nachtschwärmer bei Ritualen auf einem Friedhof Tiere opfern. Mir gruselt es ja jetzt schon! Ach ja, dann war da noch so ein gewisser Udo, der soll eine richtige Radkappe sein, dem wegen seiner angeblichen Blödheit schon jemand selbige poliert hat! Eigentlich mag ich ja blöde Radkappen, denn wenn ich an den Blödmann denke, der für viel Geld unsere alte Bruchbude gekauft hat, geht mir fast vor Lachen einer ab! Maltes Freundin Josy war auch da. So, wie Malte aussieht, muss das Mädel eine gewaltige Geschmacksverirrung haben! Vielleicht hat er andere Qualitäten, Qualitäten, die mein Paulchen Panther, der alte Pantoffelheld, nicht mehr hat.

Das Häschen in der Grube

Da seit dem Winter 1993/94 durch die Kellerwand meines Elternhauses immer wieder Wasser eindrang, entschlossen sich meine Eltern dazu, eine neue, bessere Drainage rund um unser Haus zu legen. Eine Firma war ihrer Ansicht nach zu teuer, deshalb aktivierten wir ein paar schaufelwütige Verwandte und Bekannte zum Arbeitseinsatz. So kam es auch, dass ich Norbert, wohl wissend um seine Ausdauer und Schaufelqualität, fragte, ob er bei uns seine Schaufelmotorik verbessern und obendrein etwas Geld verdienen wolle.

»Ey, Malte, man nennt mich Mister Schaufelbagger, ja, ich bin dabei!« schrie Norbert euphorisch ins Telefon.

Schmunzelnd wegen seiner Praktikumszeit und bereits mit einer leichten Vorahnung freute ich mich auf das anstehende Wochenende und jenes erste Mal, das Norbert uns helfen würde.

Norbert wurde überpünktlich von Paul gebracht, da Gifhorn ohnehin auf dessen Weg zur Arbeit lag. Paul besaß in der nächstgelegenen großen Stadt einen kleinen, nicht gerade gut laufenden Teppich- und Tapetenladen, den er mit Hilfe seiner Schwiegermutter, von ihm auch ›Aufpasserin‹ genannt, führte. Komplettiert wurde unsere Runde von Onkel Eddi, dem Cousin meines Vaters. Onkel Eddi war immer dort, wo seine Hilfe gebraucht wurde und wo es etwas zu essen und zu trinken gab. In seinem Leben als Single blieb die Küche gerne kalt, da er dazu neigte, Küchen durch gewagte Koch- oder Backversuche in Brand zu setzen.

Bereits bei den ersten Spatenstichen sah man, dass Norbert es an diesem Tag nicht weit bringen würde. Seine Ungelenkigkeit und das Problem der Körperbreite ließen es nicht zu, einen einen halben Meter breiten Graben in zwei Meter Tiefe zu bringen. Nach einer recht kurzen Grabung ergab sich obendrein ein ernstes Konditionsproblem.

»Ich habe es ja geahnt, dass bei dir mit deinen Traummaßen nach kurzer Zeit Schicht im Schacht ist, mein Freund!«, witzelte ich, während Norbert wie ein alter Gaul in seinen letzten Zügen schnaufte.

Wir entschlossen uns, erst mal etwas zu essen, als Norbert wie ein gestrandeter Wal auf dem Rasen lag. Doch in dem Moment, in dem meine Mutter die Brote auf den Tisch legte und ich die erste Flasche Bier öffnete, erhob sich Norbert zu unserer großen Verwunderung wie vom Blitz getroffen in die Senkrechte. Beim Essen und vor allem beim Biertrinken wurde er wieder so richtig wach, es wirkte gerade wie bei Popeye, dem bekannten Spinatesser, der sich immer mit diesem grünen Gemüse dopte und somit jede drohende Niederlage in einen klaren Sieg verwandelte.

Nach diesem Snack bildeten wir Zweierteams, einer schaufelte und der andere fuhr die Erde weg. Norbert übernahm aus gutem Grund das Schieben der Karre.

Bereits nach der fünften Karrenladung blieb Norbert auf dem Rasen stehen und schaute jammernd auf seine Hände.

»Ich glaub es nicht, ein bisschen Schaufeln und Karre schieben und Norbert hat trotz Handschuhen schon Blasen an den Fingern!«, meinte mein Vater lachend.

»Norbert, du müsstest doch eigentlich Hornhaut vom vielen ›Fünf gegen Willi‹ und Spielen an der Spielkonsole haben!«, meinte ich zu ihm. Norbert fragte mich, was ich gerade gemeint hätte, doch ich beendete das Gespräch lieber und schwang voller Arbeitseifer weiter die Schaufel.

Einen Teil der Erde, den guten Mutterboden, fuhren wir in die hinterste Gartenecke zum späteren Wiedereinbau und der schlechte Unterboden kam gleich in einen zuvor bestellten Container. Zum Glück hatte dieser eine tiefere Rückseite, in die man gut über eine breite Bohle, die wir vorher auflegten, hineinfahren konnte. Zu meiner Verwunderung hatte Norbert trotz bekannter leichter Koordinationsstörungen kein Problem damit, die Bohle zu treffen sowie in den Container zu fahren und nachher wieder rauszukommen. Nach der nächsten Pause stellte er sich provokant neben die volle Karre an den Grabenrand.

»Wird das mit euch noch was, oder macht ihr heute nur Pause?«

Ich drehte mich zu meinem Vater um und wir schauten uns an, gerade in diesem Moment kam aus Norberts Richtung ein wahrer Urschrei und ich spürte ein leichtes Beben der Erde, mein Vater verzog das Gesicht und ich ahnte, was geschehen war. Norbert war mitsamt der Karre in den Graben gerutscht und lag nun mit ungefähr drei Kubikmetern mitgenommener Grabenranderde, halb bedeckt von der Schubkarre, in der nun zu breit gewordenen Ausschachtung.

»Das musste ja passieren, so ein Mist!«, schimpfte mein Vater. Norbert lag wie ein Maikäfer auf dem Rücken in der Grube, mit einem Gesichtsausdruck, als wäre dies gerade seine Beerdigung! Ich glaube, in diesem Moment wäre ihm das auch das Liebste gewesen.

Nachdem wir Norbert geborgen hatten und er zustimmte, dass sein Tagebauunfall ihn eine Runde kosten würde, nahmen wir die Arbeit wieder auf, um den Schaden zu beheben. Dabei wirkte er einen Moment lang so, als würde ihn etwas quälen.

»Du, Malte, ob dein Vater mir nun böse ist wegen eben?«, fragte er mich ernsthaft, doch mit einem kurzen »Nee, niemals!« konnte ich ihn schnell beruhigen.

Beim Mittagessen platzte Norbert nach einigen Sticheleien bezüglich seiner Kondition und der Erdverschiebung der recht weite und bereits leicht angeheiterte Kragen:

»Das Loch für den Brunnenring schaufle ich ganz allein, ist das klar?«, rief er in die Runde.

»Es sind aber drei Brunnenringe«, meinte mein Vater.

»Mir doch egal!«, rief Norbert daraufhin ziemlich unüberlegt und auf verhängnisvolle Weise. Gesagt ist gesagt! Ich zeigte ihm, wo das Loch geschaufelt und wie breit es für die Brunnenringe werden sollte. Der selbsternannte Schaufelbagger startete mit Volldampf und ich übernahm das Wegfahren der Erde.

Der erste Meter wurde noch in einem ordentlichen Tempo mit nur leichten, für Norbert typischen Niagarafall ähnlichen Schweißausbrüchen abgearbeitet. Beim zweiten Meter flossen ihm aber schon förmlich die Klamotten vom Körper.

Als ich mit der Schubkarre an Norberts Grube anlangte, sah ich ihn völlig fertig auf dem Boden sitzen.

»Ich kann nicht mehr, Alter, ich bin so fertig!«, schnaufte er. Daraufhin brachte ich ihm erst einmal einen Norbert-Energiedrink, also ein Bier, nach dessen Konsum er nach kurzer Pause wohl zum ersten Mal in seinem Leben richtig die Zähne zusammenbiss, seinen inneren Schweinehund überwand und weiter schaufelte. Als Norbert am späten Nachmittag knapp die Drei-Meter-Marke erreichte, stand nicht nur er vor einem Problem. Ihm fiel – im Loch stehend – ein, dass er ja unter einer Leiterphobie litt, also panische Angst davor hatte, Leitern zu sehen, geschweige denn, sie zu besteigen.

»Malte, wie soll ich hier bloß rauskommen?«, fragte er mich verzweifelt und mit großen Augen aus dem Loch nach oben schauend.

Ich dachte im ersten Moment, er würde mich veräppeln, denn ich hatte bis zu diesem Tag noch nie etwas von einer Leiterphobie gehört oder gelesen. Außerdem fragte ich mich, weswegen er sich, wohl wissend um seine Angst, in diese Gefahr begeben hatte? Lag es etwa am Bier? Wollte er uns oder sich selbst irgendetwas beweisen?

Bevor er noch etwas sagen konnte, stellte ich einfach eine Leiter gegen die zur Absicherung des Grabenrandes dienenden Verschalungsbretter in das Loch, wünschte ihm noch einen schönen Nachmittag und ging.

Nachdem er dort ungefähr eine Viertelstunde geschmort hatte, gingen Onkel Eddi, mein Vater und ich an das Loch, in dem Norbert wie das ›Häschen in der Grube‹ aus einem bekannten Kinderlied hockte. Er schnaufte, stöhnte und jammerte, dass er einen Muskelkater habe, der so schlimm sei, dass er sich überhaupt nicht bewegen könne. Obendrein dann auch noch dieses bescheuerte Problem mit der blöden Leiter! Alle Beteiligten konnten sich hinter vorgehaltener Hand ein Lachen nicht verkneifen, doch uns wurde schnell klar, dass wir etwas tun mussten. Norbert wirkte ziemlich verzweifelt und von uns konnte sich keiner mehr vorstellen, dass er nur schauspielerte. Dazu war sein Tunnelblick zu panisch! Also begann die Aktion ›Hebt Norbert!‹.

Wir stellten eine zweite Leiter in das Loch und Norbert bekam von mir mit einem Schal die Augen verbunden. Danach führte ich ihn auf der einen Leiter gehend fest am Arm haltend von der einen Sprosse zur nächsten. Nachdem Norbert jammernd die fünfte Sprosse erreicht hatte, zogen ihn Onkel Eddi und mein Vater, natürlich auf dem Schalbrett stehend, damit das Loch nicht einstürzte, ruckartig hoch. Nach dieser großen Kraftanstrengung unsererseits war die Aktion beendet. Ich nahm Norbert den Schal ab, worauf dieser nur äußerte, dass er ganz schnell ein Bier bräuchte, da er sonst schreiend durch den mit Drainagegräben durchzogenen Garten rennen würde. Seine Betonung machte die Frage, ob er das eben Gesagte ernst meinte, überflüssig. Noch nie zuvor sah ich jemanden in Norberts Alter, der beim Abendbrot eine Flasche Bier so schnell wegzog. Er jammerte und zeterte jedes Mal, wenn er seinen Arm zum Essen oder Trinken heben musste. Auf dieses Jammern folgte stets ein Lachen der anderen ›Drainagisten‹, wie wir uns an diesem Tag nannten.

Nachdem Norberts Abholdienst erst einmal eine Baubegehung mit meinem Vater durchgeführt hatte, widmete sich Paul dem großen auf unserer Gartenbank sitzenden Elend. Mein alter Herr drückte Norbert als kleine Muskelkater-Entschädigung noch fünfzig DM in die Hand. Norbert wurde untergehakt und jammernd, aber auch erleichtert in das vor einer Woche neu gekaufte Auto, von Norbert auch Pauls neue Eierschaukel genannt, verfrachtet. Unser Häschen hob bei der Abfahrt noch einmal die Hand und man konnte einen Moment lang klar erkennen, wie er den Mund zu einem schmerzverzerrten Jaulen öffnete.

Eine Stunde später rief ich Norbert an, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen, doch ich bekam ihn nicht ans Telefon, denn Renate sagte, dass er in der Wanne gelegen habe und nachher nicht mehr dort herausgekommen sei. Beim Versuch, ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien, tat Paul es seinem Sohn gleich und fiel auf den eh schon vor Schmerzen jammernden Norbert. Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein: Zwei Walrösser in einer Badewanne, von der Wasserverdrängung oder dem anschließenden Tsunami ganz zu schweigen!

Renate fügte noch hinzu, dass Norbert nun im Bett liege, schnarchen würde, dass die Wände wackelten, und Paul gerade ihr geflutetes Bad trockenlegen dürfe.

Ich glaube, dass dieser Tag auf ewig in Norberts Erinnerung bleiben wird, denn so einen Muskelkater, der zudem noch die ganze nächste Woche anhielt, hatte er nicht einmal in seiner Praktikumszeit gehabt. Gerade aus diesem Grund verzichtete ich darauf, danach zu fragen, ob er uns am nächsten Tag, an dem das Drainagerohr, die Brunnenringe und die Steine für die Steinschüttung eingebaut werden sollten, noch einmal unterstützen könnte. Allerdings musste man Norbert, dem ehemaligen Häschen in der Grube, eines wirklich lassen: Er zog gewaltig mit und dass bis zur totalen Erschöpfung und sogar darüber hinaus. Tja, was Spinat, ich meine Bier, doch bewirken konnte!

In diesem ersten Jahr unserer Bekanntschaft erlernte Norbert den Umgang mit Alkohol, obwohl ich mir bis heute nicht sicher bin, ob er nicht schon Jahre vorher ein wenig getrunken hatte, da er die Flasche an meinem Geburtstag mit einer so großen Sicherheit weggezogen hatte, wie ich es bei noch niemandem in seinem Alter zuvor gesehen hatte. Außerdem fiel mir auf, dass er vonseiten seines Elternhauses sehr verwöhnt war. Er brauchte nur mit dem Finger zu schnipsen und seine Wünsche nach den unterschiedlichsten materiellen Dingen wurde ihm erfüllt. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass ich mit 16 Jahren niemals eine Party mit derart viel Alkohol und so wenig Aufsicht hätte feiern dürfen. Es ist schon irgendwie paradox – oder sind das einfach nur die modernen Familien von heute?

Auszug aus Renates Tagebüchern

01.07.1994: Liebes Tagebuch,Norbert hat bei Malte beim Legen der Drainage geholfen, mein kleiner Junge war laut Maltes Vater so fleißig, ich frage mich manchmal, warum er hier nicht so ist. Liegt wohl an Paul, da er ihm ja auch einfach alles aus der Hand nimmt, andererseits kann der müde Gaul ja auch mal was machen, wenn er schon nicht mit mir durch die Prärie reiten will!

Fasching

Wir in Niedersachsen leben zwar nicht in einer Faschingshochburg, die Mainzer Welle schwappte allerdings in den letzten drei Jahren mehr und mehr in unsere Richtung, und so kam es, dass Norbert, wohlbemerkt mit Renates Hilfe, auch eine Faschingsparty schmeißen wollte.

Da der 11.11.1995 ein Samstag war, sagten alle, die Norbert nach einem Mutter-Sohn-Gespräch einladen durfte, zu.

Torben verkleidete sich als Cowboy, was ihm natürlich den Namen ›Mr. Village People‹ einbrachte, worauf er nur antwortete, dass er gleich sein Lasso schwingen würde, sollten die Lästereien nicht aufhören.

Josys Kostüm ähnelte Cindy Lauper, einer Disco Queen aus den 1980er Jahren, und ich ging schlicht und einfach als Grufti, als Malte, der kleine Vampir.

Ein Problem hatten wir an diesem Tag nur mit Stau-Udo: Da dieser von Geburt an so stupide und chronisch ideenlos war, wusste er natürlich nicht, als was er sich verkleiden sollte. Torben meinte im Scherz, dass er ihm so lange die Fresse polieren wolle, bis er als Radkappe durchgehen würde.

Letztlich entschieden wir uns dann – zu Udos Glück – aber doch für ein altes Bettlaken, in das wir auf Augenhöhe zwei Löcher schnitten. Fertig war das Schlossgespenst mit Namen ›Udo-Bu‹, in seinem Fall besser ›Buh Udo‹.

Nach einem kleinen gemeinsamen Fotoshooting bei meiner Freundin Josy fuhren wir von ihr in Stau-Udos Schichtauto, von Torben als Radkappenschleuder bezeichnet, zu Norbert. Josy wohnte im selben Dorf wie Norbert, nur am anderen Ende, und da sich Udo als Fahrer anbot, sagten wir natürlich nicht nein!

»B... B... Bist du Tim?«, fragte Renate, als sie sichtlich erschrocken die Tür öffnete.

»Nein, ich bin Malte!«, erwiderte ich belustigt, da dies natürlich den Beweis dafür lieferte, dass ich gut verkleidet war. Vielleicht lag der Grund für Renates Stottern aber auch in der Angst um ihre Kanarienvögel, da sie in einem Tagebucheintrag Gruftis mit Tieropferungen in Verbindung gebracht hatte!

Doch was war das? Ich traute meinen Augen nicht!

»Norbert, das ist ja jetzt nicht wahr, oder?«, fauchte ich selbigen, in Jeans und Bandshirt vor mir stehend, an.

»Ist ja gut, beruhige dich, Malte, wenn alle da sind, ziehe ich mich natürlich um!« entgegnete er.

Nachdem wir es uns in seinem recht geräumigen Zimmer zwischen den Comicbuch- und CD-Regalen auf den Sofas gemütlich gemacht hatten, kamen nach und nach die anderen Gäste. Einen Gast tauften wir auf den Namen Blaumann, da er ziemlich schnell betrunken, also blau war. Einen Klempner-Blaumann trug er ebenfalls, er war eben ein Mann, vielmehr ein Männchen, aus dem Bereich Gas, Wasser, Scheiße. Ebenso schnell durch Bier abwesend waren Norberts Kindergartenfreund Axel, der sich als Maler verkleidet hatte, und die Nachbarn Wuttke und Philipp, die als Kiffer kamen und wohl auch genau das waren.

Als wir nun alle beim Begrüßungstrunk saßen, kam Norbert zur Tür herein, und bevor er etwas sagen konnte, fauchte ihn das komplette Zimmer an, dass wir uns alle um seine Verkleidung kümmern würden, wenn er beim nächsten Mal nicht verkleidet auf der Matte stehen sollte. Dies sollte dann nach dem Motto ›Runter die Lumpen‹ geschehen, was aus Norbert splitternackt einen Flitzer gemacht hätte. Als er erneut das Zimmer betrat, trug er eine Augenklappe, hatte ein Kopftuch auf und meinte, er sei nun Kapitän Iglu. Dies ließen wir nur gelten, da er in seinen Händen eine weitere Kiste Bier trug, die wir ihm natürlich sofort wohlwollend abnahmen.

Plötzlich öffnete sich erneut die Tür:

»Norbert, dein Nackt-Badekumpel Marko ist da!«, rief Paul mit leicht provokant kichernder Stimme.

Norbert schoss wie vom Blitz getroffen hoch und rannte an seinem Erzeuger und Marko vorbei.

»Komm bitte sofort mal her!«, schrie Norbert seinen Vater an. Die Tür schlug hinter Marko zu und hinter ihr wurde kurz, laut und kräftig diskutiert. Kurz darauf kam Norbert zurück, umarmte Marko, der noch immer ängstlich im Türrahmen stand und stellte ihn als seinen Banknachbarn aus alten Schultagen vor.

»Huhu, ich lach mich schlapp, der kleine süße Badekumpel von dir sieht ja aus wie der Clown vom Zirkus Fliegenpilz!«, meinte ich unter großem Gelächter. Das saß, Marko konnte darüber mit seiner süßen roten Clownsnase überhaupt nicht lachen! Norbert wirkte, als wäre ihm die ganze Sache sehr peinlich. Dazu schaute ihn Marko, sogar durch die Schminke hindurch eindeutig rot geworden, mit einem richtigen Todesblick an.

Jenes Nacktbaden drückten wir Norbert den ganzen Abend aufs Auge. Es kam bei jeder Gelegenheit, einfach ständig!

Bei den von Renate wirklich lecker gemachten Kanapees sahen wir Norberts Eltern an diesem Abend, was uns natürlich nicht störte, zum letzten Mal.

Irgendwann kam der Punkt, an dem wir ein wenig Bewegung brauchten und deswegen zum nahegelegenen, schlecht beleuchteten Spielplatz gingen. Da es zuvor einen Regenschauer gegeben hatte, waren einige Geräte noch nass bis vollständig unter Wasser gesetzt, so auch die Rutsche. Am Ende dieser Rutsche, in der Beuge, war eine riesige, schlecht erkennbare Pfütze. Ich rief, wohl wissend um diese Bademöglichkeit, dass Udo sich nicht trauen würde, hinunterzurutschen. Als Besagter meinte, dass er rutschen würde, wenn ich es als Erster täte, nahm ich mir ein Herz und rutschte hinunter. Was Udo beim Hochklettern nicht sah, war, dass mich unten an der Rutsche, noch vor der Pfütze, Axel, der Blaumann und Norbert festhielten.

»Etwas feucht, aber alles okay!«, rief ich und Udo rutschte siegessicher ebenfalls durch die Dunkelheit. Platsch! Das Wasser spritzte, soweit man es im Halbdunkeln sehen konnte, nur so zur Seite hoch und unser stupides Gespenst wurde richtig nass!

»Udo, wenn man mal pinkeln muss, geht man in die Büsche und macht sich nicht in die Hose!«, meinte ich noch zu einem recht stinkig und bedient wirkenden Udo.

»Hahaha, Udo braucht ‘ne Windel«, grölte Torben, worauf er von Udo eine Ladung Matsch abbekam.

Rechts neben der Rutsche befand sich eine schöne, große Pfütze und ich dachte mir, dass auch unser kleiner Norbert sein Fett wegbekommen sollte.

»Norbert will Pfützentauchen machen, auf ihn!«, schrie ich, woraufhin Axel, der Blaumann und sogar Josy nicht lange fackelten und ihm in Wrestling-Manier auf den Rücken sprangen. Der Koloss fiel wie eine Bahnschranke nach vorne und saugte diese Pfütze mit seinen Klamotten regelrecht leer.

»Seid doch nicht so kindisch und hört mal auf damit!«, meinte Marko.

»Kindisch, kindisch, wer war denn kindisch, wer wollte denn unbedingt nackt baden, wer von uns beiden ist denn wohl mehr verklemmt, kindisch und schwul, du oder ich?«, fauchte Norbert seinen Kumpel aus ehemaligen Badezeiten an. Wir konnten kaum glauben, was wir da hörten, doch Norbert hat in diesem Moment einen echten Sprung in puncto Mut und Verteidigung gemacht, vielleicht auch nur durch seinen Promillewert bedingt, wer weiß!

Später, nachdem alle trockengelegt waren, bildeten sich ständig andere Gruppen. Lediglich Marko saß einsam und betrübt in der Ecke von Norberts Zimmer, nippte an seinem Malzbier und zählte dem Anschein nach den Inhalt von Norberts Comicbuch-Sammlung. Punktgenau um fünf vor zwölf stand Markos Mutti in der Tür, um ihren kleinen märchenhaften Engel im Clownskostüm abzuholen und ihn somit von uns zu erlösen.

»Endlich ist diese schwule Landplage weg!«, meinte Norbert, der wohl lange auf diesen Befreiungsschlag, der ihm ein bisschen mehr Ansehen bei seinen anderen Kumpels brachte, gewartet hatte. Kurz darauf schlief der Blaumann nach ungefähr sechzehn Bier ein und fiel kopfüber vom Sofa auf den Teppich, um laut schnarchend in einer fast perfekten stabilen Seitenlage dort liegenzubleiben.

In den frühen Morgenstunden gingen Torben und ich zum Schlafen zu Josy, der Blaumann schlummerte noch immer tief und fest auf dem Teppich, Axel schnarchte im Partyraum auf dem Sofa und Udo legte sich ins Wohnzimmer. Unsere beiden Kiffer hatten sich irgendwann klammheimlich und ohne ein Abschiedswort in Rauch aufgelöst.

Es war eine gelungene Faschingsfeier gewesen, allerdings nicht für Marko und vielleicht auch nicht so ganz für Norbert, denn das Nacktbaden sollte ihn noch eine ganze Zeit verfolgen.

Na dann: Helau, Nackedei alaaf!

Auszug aus Renates Tagebüchern

12.11.1995: Liebes Tagebuch,