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Am Ende eines langen Künstlerlebens angekommen, schreibe ich die Kleine Anmache und die Große Anmache. Die Kleine Anmache soll mir zeigen, ob die Große Anmache funzt, das ist alles. Alex Gfeller, Schriftsteller und Landschaftsmaler, geboren 1947 in Bern, lebt in Biel.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Alex Gfeller, Kleine Anmache
Alex Gfeller, Petite drague
Auf immer und ewig, wenn nicht gar ewigwährend, so schätzen die beiden Schätzchen behutsam und strenggläubig zugleich, doch unbeirrbar und zudem vollkommen unerschütterbar, und seien die karziösen Konstanten unter den karzinogenen Spanten bei ihren kariösen Verwandten und Bekannten noch so präsent, auch wenn alle geläufigen Signale und anerkannten Vorzeichen hartnäckig gegen sie sprechen mögen, ist diese typische, dörfliche Entwicklung nur dem unaufhaltsamen Untergang des ehemaligen Bauerndorfes dienlich, und nichts anderem. Doch auf Vorzeichen geben sie seit jeher rein gar nichts; sie halten nichts von Vorgaben und Vorlagen, von Vorsorgen und Ähnlichem, noch von Vorständen und Abständen, auch nichts von Anläufen und Abläufen, denn sie müssen sich nichts vorwerfen lassen und gehen schon immer frohgemut davon aus, dass alle übrigen Teilchenbeschleuniger auch ihre eigenen Erfahrungen machen müssen und machen werden.
In genau diesem Punkt haben sie einfach recht; sie haben eigentlich immer recht, denn sie haben sozusagen nur recht, und sonst nichts, muss man dazu neidlos anmerken und anerkennen, aber auch das können sie noch gar nicht wissen und begreifen, denn sie können sich überhaupt nichts wissentlich vorstellen und aneignen. Sie begeben sich einzig in die fremde und exotische Welt der Poesie, die sie zunächst gar nicht kennen können, und allfällige Erfahrungen mit der Dichtkunst anderer schütteln sie einfach ab wie Wassertropfen von einem anderen Stern, deren Adhäsion ganz anders gelagert ist als die, die sie kennen.
So sind sie, die Macher und Schacher der Poesie, und so bleiben sie, realitätsfern und realitätsverachtend, die Kracher und Lacher dieser Geschichte und dieser Gedichte, bis sie merken, dass sich die Gegebenheiten ständig ändern, denn nichts ist für immer und ewig in Stein gemeißelt, und nichts bleibt für immer und ewig in den Felsen gehauen, wie sie immer gemeint haben, auch wenn sie sich genau das erhoffen. Nicht einmal das Wettergeschehen und dessen lustige Kapriolen, die immer dazugehören werden, sind gesichert; aber auch die fabulösen Umstände verändern sich ohn’ Unterlass, nicht wahr, denn auch die Abstände bleiben nie dieselben und stellen sich auch nie so dar, wie sie sich und somit auch wir uns das als konservative Nägelkauer jemals wünschen mögen.
Es ist wie beim Radfahren: Ob allem Strampeln vergisst man schnell mal, dass man sich gar nicht wirklich bewegt, dass sich zwar alles ständig wendet und dreht und wandelt neu verbandelt, zugegeben, alles, was die Kaulquappen umgibt und was sich in den seichten Tümpeln der Entwicklung ergibt und abgibt und vergibt, aber eigentlich immer nur weit entfernt vom Schuss und kaum jemals im Blickfeld der neugierigen Naturbetrachter, Hochseefrachter und Militärbeobachter.
Das wäre somit nur eine leichtfüßige Episode in einem weniger als unbestimmten Zeitrahmen, wenn da nicht die blitzartig aufkommenden Bilder wären, die immer schwerfälliger liegenbleiben werden, und die man nie vorhersehen kann, zwar meist nur für Sekundenbruchteile, die man zudem nicht willentlich, noch wissentlich zur Kenntnis nehmen könnte, die aber später nur noch als unerwünschte, unsachgemäße und unwillkürliche Rückblenden klar und deutlich wieder von irgendwoher auftauchen, so dass man sich unwillkürlich fragt, wie denn so etwas überhaupt möglich sein könne.
Es bringt also keinen sichtbaren Gewinn, Rücksichten zu nehmen, Absichten zu umgehen, Aufsichten vorzutäuschen und Einsichten zu verbreiten und dazu auch noch behutsam angemessene Umsichten zu zerstreuen, sagen sie sich, um gegebenenfalls mit Vorsichten vorzugehen, die gar nicht im Sinne der Erzeuger, der Verfasser und der Erzähler liegen; die forsche Bestimmung ist nicht das Zaghafte, noch das Zögerliche, denn nur der einschneidende Werteverlust brächte die Waage wieder ins Gleichgewicht, um genau zu sein.
Eine nachträgliche Korrektur ist nie möglich, wenn man die Authentizität bewahren will, und jeglicher Spott, sei er noch so verdeckt und bedeckt und versteckt, ist ganz einfach zu missachten und zu überhören, denn die Spötter versammeln sich immer bereits im Morgengrauen der nächstgelegenen Zukunft. Sie sind gewissermaßen grauenhaft selbstsicher und felsenfest im Morgentau verankert, doch die Spälten der Spalter haben trotzdem immer den gleichen Umfang, so wie auch die Spötter und Zwänger von Fräulein Rottenmeier in den Ährenmeeren, und zudem auch die Fänger im Roggen.
Einerseits sind die Beweggründe nicht immer sauber nachvollziehbar, weil auch minderwertige Ursachen eine Rolle spielen, und anderseits tragen die Normalbürger immer ein Zeichen der Vergeltung am Hut, am Revers oder am Rücken. Dieses oft verdeckte Zeichen kann zuweilen eine Hand darstellen, einen Fuß oder ein Knie, manchmal auch einen Ellbogen oder eine Achsel, seltener ein Ohr, eine Hüfte oder eine Nase, doch besteht es immer aus reinem Silber und ist nie billig oder gar Massenware, sondern stellt jeweils eindeutig eine silberschmiedemäßige Wertarbeit dar – für alle Umstände und in allen Lagen eines Durchschnittslebens.
Auf jeden Fall bestehen die Elbgoten auf ihren gedrungenen Pferden immer und einzig auf himmlischer Gerechtigkeit, dulden nie Aderlass und dergleichen; eher würden sie die Kühe ihrer Nachbarn melken, als dass sie sich in die Obhut von Fachwerkbaumeistern begäben, denn es ist nicht betörend deutlich und bestrickend klar, dass Kannibalen nie aus den eigenen Reihen stammen, sondern immer von möglichst weit hergeholt, um ihrem schlechten Ruf als Menschenfresser überhaupt erst gerecht werden zu können.
Man fühlt sich immerzu hin und her gerissen, und niemand könnte im Voraus festlegen, wohin die Reise gehen wird, denn niemand weiß es zuvor genau oder hat es genaugenommen schriftlich, denn danach ist man ja immer klüger als zuvor. Doch die Zugpassagiere säßen in ihren Zwangsjacken gefangen im Gepäckwagen fest und wüssten gar nicht, was werden würde, denn man nähme ihnen ganz einfach jegliche Zukunftsaussichten weg, ein probates Mittel der kollektiven Unterdrückung in Diktaturen und in Zwangsdateien von Zwangsstaaten und ihren Datenzwängen in Zwangslagen, Zwangsjacken und Zwangslagern, denn um Unterdrückung dreht sich immer alles Übel, das man überdies bestens kennt; man will die Unwilligen züchtigen und zähmen, und die Zögerlichen zieren sich und zögern immer viel zu lange.
Man will sie womöglich in einem Mörser zermahlen und zerstampfen und anschließend aufs Brot streichen und fertigmampfen, damit die Bedürfnisse endlich geklärt wären und deutlich genug hervorträten wie die Fischgräten nach der Zerlegung. Eine Korrektur wäre nicht mehr vorgesehen, und in allen sprachlichen Versionen und Varianten wäre der Indikativ viel eher angebracht als der Ablativ, der Vokativ oder auch der ganz banale Konjunktiv, der sowieso allerorten verpönt wäre; das stünde schon mal fest.
Nur Berufsquengler, Wurzelseppen und Naturburschen gäben überhaupt noch komische Töne von sich, doch die würden gewiss nirgendwo mehr als nötig auf Gehör stoßen oder in Betracht gezogen werden können, denn ein Ohr wäscht immer gleich das andere. Dieser seifige Grundsatz gilt vor allem in Mauretanien und an der Elfenbeinküste. Man ist sich daran gewöhnt: Die Situation ist allen bekannt, und die Zeichnungen sind perfekt. Alle Konturen und Schraffuren, aber auch alle Tonsuren und Lemuren sind deutlich erkennbar, und vor allem die Atmosphäre in den großen Käselaibern oder in den überaus ausreichend gewässerten Frischwassernieren bliebe immer unvermindert fröhlich, frei und vor allem fromm und froh und frisch und frosch zugleich.
Auch die Geschmäcker wären vorhanden, aber vor allem die Bilder und die Töne stächen dem Betrachter ins Auge, denn sie wären einfach immer da, perfekt in ihrer äußeren und inneren Darstellung, und nie und nimmer könnte man sich die Lage derart genau vorstellen, so wie dies vor allen andern die bengalischen Sodomisten gewöhnlich täten, selbst wenn man sich viel Mühe gäbe.
Der Schrecken liegt somit einzig in der Genauigkeit der Wiedergabe und in der Akkuratesse der Koordinaten in ihrer ganzen Unwiderlegbarkeit, und man ist danach immer wieder richtig überrascht, wie unmittelbar sich die Wirkung der Resultate anfühlt. Man hat es also mit einem Mechanismus zu tun, den man im Wachzustand gar nicht erkennen würde, dem man nirgendwo sonst begegnet und der in seiner ganzen Erscheinungsform, in seiner voll umfassenden Präzision und Präsenz einzigartig ist, denn wiederum stellt sich die Frage nach der dazugehörenden Rezeptur, nachdem ja die erschreckende Erscheinung als solche längst bekannt, erkannt, benannt und verwandt ist – oder zumindest sein sollte.
Man müsste hinter die Geheimnisse der Zusammensetzungen kommen, um die ganze thematische Aufarbeitung und die integrale Struktur zu verstehen; man müsste wissen, woher die Bilder, die Töne und die Gerüche überhaupt stammen, die man ja längst vergessen hat, und nicht nur gerüchteweise, die zudem meist schon viele Jahre zurückliegen und dennoch so präsent sind wie ein zufälliger Fotoblitz einer Blitzfotografie, offenbar unverdorben und offensichtlich ofenfrisch und ausnehmend nigelnagelneu.
Doch das Erstaunen darüber hält immer wieder an, und wenn es wieder einmal soweit ist, fragt man sich jedesmal erneut in völliger Selbstüberraschung und Selbstüberflachung und in instinktiver Selbstverkennung und Selbstverklemmung bei aller Selbsternennung, dass dieser innere Vorgang eigentlich gar nicht möglich sei – wenn man es nicht besser wüsste. Zudem stellt man fest, dass keine direkten Zusammenhänge zu anderen Gedankenformen oder Gedankenformationen bestehen können, denn die psychischen Erscheinungen tauchen immer aus dem absoluten Nichts auf und verschwinden gleich wieder im absoluten Nichts, als hätten sie mit den nach außen geschwungenen Afrikanern überhaupt nichts zu tun, nachdem sie sich in ihrer frappanten Deutlichkeit vor dem inneren Bildschirm plakativ aufgestellt haben.
Man weiß also nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen, man weiß ebensowenig, wie sie innerlich zusammenhängen und äußerlich zusammengesetzt sind, wie sie also gemacht sind, wie sie strukturiert sind, woher sie kommen und woraus sie bestehen. Man weiß einzig, dass es sie gibt und dass sie ein deutliches und unverkennbares Eigenleben führen, denn man kann sie nicht einmal herbeidenken oder sogar herbeizwingen, ebensowenig, wie man sie einfach wegdenken und auslöschen könnte.
Das ausdrückliche Nachdenken und das vorsätzliche Vorstellen oder aber das bezweckte Einreden oder geflissentliche Ausreden bringen uns nie dahin, wo wir sie ständig vermuten, die Scheißalbträume, so dass sie immer wieder auftauchen, diese immergleichen Erscheinungen der Substraktion, der Reduktion und der Konzentration, und doch handelt es sich dabei nur um unterschiedlichen Phänomene der ausschließlich eigenen, originären Imagination. Hat man sie erst einmal erkannt, erkennt man sie jeweils sofort wieder, immerzu und überall, sollten sie erneut auftauchen.
Und das tun sie denn auch geflissentlich und immer wieder, doch immer unvorhersehbar und immerzu unvorbereitet. Dieses scheinbare Paradoxon begleitet sie, wie gesagt, ständig, und man weiß es gleichzeitig ganz genau, obwohl man dessen nie sicher ist. Diese Intensität der Gleichzeitigkeit bei aller Präzision ist einzigartig und durchaus beträchtlich, denn die Erscheinungsformen selber stimmen immer auf sehr überraschende Weise bis ins letzte Detail mit den eigenen Erinnerungen überein – und mehr als das: Sie übertreffen diese Erinnerungen, und zwar in allen Belangen und Bereichen ihrer Erscheinungsformen, sogar deutlicher als vorstellbar, denn man hat es hierbei mit einem reinen Hyperrealismus der Extraklasse zu tun, den man nicht einmal imitieren würde, noch zu imitieren vermöchte und auch nicht nachbilden oder nachbauen oder nachzeichnen könnte, weil einem rundweg alle erinnerungsartigen Grundlagen dazu fehlen.
Selbst ein ausgefeilter Fotorealismus wäre nur eine flachgehaltene Annäherung, und das Adjektiv “einzigartig” passt perfekt dazu; man kann es nur verblüfft zur Kenntnis nehmen und bestenfalls auf der inneren Liste als ein weiteres Phänomenon abhaken, das man nicht versteht, sobald es endlich vorbei ist. Doch jedesmal sitzt der Schock der Überraschung jeweils scheinbar so tief wie nie zuvor, und der Schrecken einer unvorhergesehenen Entdeckung ist beträchtlich. Auch die anschließende Erholungsphase braucht ihre Zeit, denn man bleibt eine Weile paralysiert und fühlt sich wie ertappt.
Nur die Erinnerung daran verblasst glücklicherweise allmählich wieder, nicht aber der Albtraum selber – leider, muss man anfügen. Er kommt immer wieder mit derselben überraschenden Schnelligkeit und Heftigkeit daher, ohne jede Vorankündigung, kommt von irgendwo plötzlich hervorgeschossen, scheinbar ohne alle inneren Zusammenhänge, also ohne erkennbare Gründe oder Ursachen. Er ist allein durch seine spezifische Präsenz ein Thema für sich, und nie gäbe man auch einer anderen psychischen Erscheinungsform diese unvergleichliche Präzision und Intensität. Man kennt gar nichts Vergleichbares, denn es gibt nichts Analoges in der Welt der psychischen Symptome und der physischen Phantome.
Die allfälligen und vielleicht nur zufälligen Entsprechungen sind indes derart außerordentlich, dass man sofort weiß, dass man sie sich nie und nimmer merken könnte oder aus eigenem Vermögen sich vorzustellen vermöchte; man ist somit nicht nur überrascht, man wird von den Ereignissen sogar in ihrer eigenen Vorstellungskraft übertroffen; es ist, als sähe man etwas zum ersten Mal, obschon man genau weiß, worum es sich handelt und weiß, dass man es schon viel zu oft gesehen hat, als man es noch einmal zu sehen gewünscht hätte, stärker als nicht erwünscht jedenfalls, ohne es indessen jemals zur Kenntnis genommen zu haben, denn das ändert nichts an dieser Tatsache.
Somit versteht man, dass es sich dabei nicht einfach nur um banale Erinnerungen handeln kann, um blasse oder blaue, um falsche oder laue, sondern dass sie durchaus in aller Eigenständigkeit existieren, ganz ohne unser Dazutun oder ohne unsere eigene Mitgestaltung. Es handelt sich also um autochthone Schemen, um wahrhaft einzigartige Phänomene von Wirklichkeiten über allen Wirklichkeiten, Vorstellungen und Erklärungen, oder um bildliche Phantasien von einer unglaublichen Präzision, vielleicht um ungegenständliche Luftspiegelungen und deutlich abstrakte Vorspiegelungen von höchst autonomen Erscheinungsformen und Deutungsformen, allerdings voller existenzieller Rechtfertigungen und individueller Bedeutungen, also um wahrhaft einzigartige und völlig autarke Apparenzen ohne jede willentliche Steuerung oder anderweitige Einflussnahme.
Das muss man sich zunächst mal merken; das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen, denn die Fortsetzung ist bekannt: Der Dramenbär läuft zum Tanzbär über, und die Wetterkapriole frottiert die Sahneschnitten bis zur eigenen Erschöpfung. Oder sind es Quarkkuchen? Nur das doppelte Telefongewehr kann die Misere noch halbwegs abwenden, und wenn es die genagelten Winterschuhe aushalten, was auch die kanadischen Wesensbezüger versprochen haben, steht eigentlich einer erneuten Inbetriebnahme der ganzen Karambolage nichts mehr im Wege.
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