Perlen vor die Säue… - Inge Elsing-Fitzinger - E-Book

Perlen vor die Säue… E-Book

Inge Elsing-Fitzinger

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Beschreibung

Ein egozentrischer, sexbesessener Macho bringt durch intrigante Spiele zwei gänzlich unterschiedliche Frauen fast zum Wahnsinn. Besessen von Selbstherrlichkeit geht er über Leichen, treibt sein diabolisches Spiel genussvoll ad absurdum. Mit frenetischer Leidenschaft bricht er Schwüre, treibt Menschen ins Verderben, lässt die beiden Rivalinnen mit geheuchelter Liebe und satanischen Ränkespielen in den Abgrund schlittern. … verliert sich in aufsteigender Lust, ein gebrochenes Herz, ein gebrochener Schwur, ein gebrochener Mensch, Mord, das Böse triumphiert…

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inge Elsing-Fitzinger

Perlen vor die Säue…

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Pure Lust

Ein Märchen wird war

Verzauberung

Rückblendung

Jahre später

Alexa, die Rivalin

Jahre vorher

Der Traummann, ein Naturereignis

Eine wundervolle, aufregende Epoche.

Alexas Geburtstag

Furioso pur

Eine fiese Lösung, Blamage

Ein Lichtblick

Eine gelungene Täuschung

„Perfektes Timing“,

Lukrative Geschäfte

Ein Lotterleben

Ein Märchen wird war

Verzauberung

Überraschung

Jürgens fieser Plan

Alexa Rache ist greifbar

Überraschung

Das ersehnte Lebenszeichen

Ein überraschender Fund

Onkel Hermann

Verwöhnte Gören unter sich

Jürgens zweifelhafter Antrag

Das Goldfieber ist ausgebrochen

Perlen

Endlich! Allgemeine Begeisterung!

Fieberhafte Hektik

Der große Tag

Alexas verrückter Entschluss

Reich sein, um jeden Preis!

Ein tolles Fest

Kinderwunsch?

Zwei Tage später, der Unfall.

Gespräch mit Papa

Jürgens abnorme Ansichten

Mut zur Realität

Erleichterung

Gute Vorsätze

Die Flucht

Gemeinheiten häufen sich

Versuch fehlgeschlagen!

Onkel Hermann Ratschlag

War sie krank?

Wer war dieser Mann?

Ein Hilfeschrei!

Böses Erwachen

Eiserne Willenskraft

Die rätselhafte Einladung

Die Überraschung

Wilde Erotik durchzieht den Raum.

Ein lukratives Geschäft

Das Haus von Maurizio de las Callas

Freund Max und Drogen

Großvater und Enkel

Vater Wiesinger hat einen Herzanfall

Depression!

Fortsetzung bei Achim

Aninas Geschenk an die Zulu

Aninas Besuch in Wien

Der Rückfall

Alexas diabolischer Plan

Jürgens Schicksal

Ein Mann sieht rot!

.Vater und Jürgen

Jürgen und Dr. Reichenau

Nach Jürgens Tod

Zwei Tage vorher

Beweise? Untersuchungen!

Im Kommissariat

Die Verhandlung

Wochen später

Impressum neobooks

Pure Lust

Fachkundig taxiert Alexa von Breest den Schönling. Sprühende Augen, hochgezogene Brauen, breite Schultern, knackiger Hintern. Eine Zehntelsekunde genügt. Geschlechtsrollenidentifikation positiv! Ihr Urteil ist gefällt.

Die Interpretation von Blicksignalen werfen im Allgemeinen kaum Probleme auf. Einschüchternd? Aufmunternd? Eine unmerkliche Vergrößerung seiner Pupillen, das Aufleuchten seiner Augen vertieft den Blick. Der attraktive Mann wird zum Spiegel, verstärkt ihre Überzeugung, unwiderstehlich zu sein. Diesen Mann kann man nicht besitzen, neben dem kann man nur sein. Und das werde ich, denkt sie einen Moment lang.

„Es ist längst nicht mehr das Privileg der Männer, mit den Augen den Partner abzutasten“, lacht Alexa kehlig, als sie sich ihm nähert, ein Glas Champagner entgegenhält. Ihr Entschluss steht fest. Dieser Mann gehört mir. Egal was er ist, woher er kommt, was er macht. Eine Frau in ihrer Preisklasse kann sich jeden Mann leisten, wenn er ihren Vorstellungen entspricht. Und das tut er, vom ersten Augenblick an.

Jürgen findet ihre Argumente unwiderstehlich. Eine sprühende Unterhaltung. Eine leidenschaftliche Nacht in einer traumhaften Hotelsuite. Diese Frau übertrumpft all seine Erwartungen. Ein Marathon der Lust. Perverse Praktiken werden zur Selbstverständlichkeit. Sie überbieten einander an Einfallsreichtum. Jürgens Liebesdiener macht ihm alle Ehre. Ein Prachtstück, mit ungeahntem Stehvermögen.Zwei Verdurstende, nach wilder Leidenschaft lechzend. Obszöne Sprüche. Wahnsinn pur. Betörendes Rauschen. Masochistisches Hinauszögern des Orgasmus, raffinierte Worte überschäumender Libido. Gekonntes Wechselspiel des Wann und Wie, seufzen, hecheln, sich verlieren und finden… sich hingeben… ganz im Liebesrausch verglühen... sich gegenseitig erfüllen… ein Taumel von Illusionen… hemmungslos, bedingungslos… kraftvoll in rasender Leidenschaft.In einem wilden Furioso übertrumpfen sie einander an perverser Anomalie. Befriedigung pur… sehrirdisch und doch himmlisch …

Eine wundervolle, aufregende Epoche folgt. Jürgen Sandmann nimmt Alexas Einladung nach Wien freudig an, setzt alles auf eine Karte. Es hat sich gelohnt.

Über den Dächern von Wien, dem blauen Himmel ganz nah, hat Zeit für die Beiden nicht mehr dieselbe Bedeutung. Nackt tanzen sie stundenlang eng umschlungen zwischen den letzen Strahlen der herbstlichen Abendsonne, lieben einander in feuriger Extase.

Sex ist für Alexa seit jeher von großer Wichtigkeit. Mit diesem Mann scheinen all ihre Träume eingetroffen. Sie wetteifern, überbieten sich an Einfallsreichtum. Er kniet über ihr, reibt sein steifes Glied an ihrem Bauch, zwischen ihren Brüsten. Sie hebt den Kopf, beginnt gierig seine Eichel zu lecken. Immer intensiver. Seine Finger umkreisen ihre nasse Klitoris. Jetzt reißt er sich los. Dreht sie brutal auf den Bauch. Sein Griff ist hart. Ein erfüllender Schmerz. „Gib mir mehr, mehr.“ Er stößt zu, dringt tiefer in sie ein. Mit festem Griff umfasst er ihren Bauch, zwingt sie auf die Knie und stößt weiter, immer heftiger, immer schneller. Ihre Leidenschaft wird flammender, verbrennt sie. Die kreisenden Bewegungen ihres Beckens rotieren in seinem Rhythmus, wild, lustvoll. Enthusiastische Erregung entflammt, lodernde Begierde, tagelang, nächtelang.

Im Gegensatz zu dem verzweifelten Rhythmus überarbeiteter Menschen, die nach Illusionen streben, erfüllen diese sich für Jürgen und Alexa wie von selbst. Der Hochzeitstermin wird für den Sommer festgesetzt. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Alles was Rang und Namen hat, soll eingeladen werden.

„Findest du es nicht etwas verfrüht, dich sofort mit diesem fremden Mann zu verheiraten? Wir wissen doch praktisch nichts über ihn?“ Vergeblich hat der Vater seine Verbindungen spielen lassen. „Dieser Jürgen Sandmann hat sichtlich keine Vergangenheit“.

„Dafür ist seine Gegenwart umso reizvoller, mein liebes Papschilein“. Heroisch übergeht sie die Bedenken des alten Herrn, stellt ihn mit Schmollmund und Augenzwinkern vor vollendete Tatsachen.

„Ich liebe ihn, genügt das nicht?“ Sie ist überzeugt, eine Vermählung mit diesem himmlischen Mannsbild muss einfach so etwas wie eine Liebesversicherung von Lloyds mit Erlebensgarantie sein.

Ihrer beider Anderssein ist wie ein Dorn in ihrem Fleisch, der Gefühle und Seele masochistisch durchbohrt. Sie ignorieren die Zerbrechlichkeit. Ihre Stärke offenbart sich in der Widerstandskraft, alle Hindernisse des Lebens zu ignorieren. Schwierigkeiten werden in Chancen gewandelt. Bedenkenlos setzen sie sich über Konventionen und Skrupel hinweg, reflektieren ihre Einzigartigkeit als gegenseitigen Spiegel.

Ein Märchen wird war

Sind Claudia und Alexa auch gänzlich unterschiedlich, eines haben die beiden Frauen mit Sicherheit gemeinsam: die Leidenschaft für denselben Mann.

Nach dreijähriger Ehe beschließt der hinreißende Beau, Alexa endgültig Adieu zu sagen, um mit Charme und Überzeugungskraft bei der zurückhaltenden, aber für ihn umso reizvoller scheinenden Claudia anzudocken.

Ein vergängliches Märchen. Er machte Alexa den Hof. Sie kürte ihn zu ihrem Favoriten, nahm ihn mit nach Österreich. Dank des Einflusses des Familie de Breest stiegen sie zum glamourösen Paar der Wiener Gesellschaft auf. Mit teuren Geschenken verwöhnt, lebte er wie die Made im Speck. Schlaraffenland pur.

Überfütterung macht satt. Alexa stopft unaufhörlich die schönsten Dinge in ihn hinein, fordert dafür zu viel. Qualvolle Eifersuchtsszenen. Besitzansprüche lassen den Glanz vom sorgenfreien Leben matt werden. Ehelicher Schiffbruch ist vorprogrammiert.

Jürgen ist ein Mann, der alles für sich beansprucht. Seinerseits jedoch keinesfalls bereit ist, auch nur einen Bruchteil davon zurückzugeben. Er gehört zu jener Spezies Mensch, die geradezu meisterhaft verbal Belangloses zum Partygag erheben kann. Spielerisch gelingt es ihm, jedermann an Unverbindlichkeiten zu übertreffen. Mit solcher Wichtigkeit formuliert, muss man einfach zuhören. Seine Leitdevise: Nur kein Tiefgang. Derlei Themen langweilen, machen uninteressant. Sein Evangelium: Im Mittelpunkt stehen, sich wenn nötig prostituieren, gewinnen.

Und dann trifft er Claudia, die Tochter des Schmucktycoons Wiesinger, den härtesten Konkurrenten seines kürzlich an einem Herzinfarkt verstorbene Schwiegervaters de Breest. Zauberhaft, begehrenswert. Endlich eine Abwechslung in diesem trüben Fischteich von wohlhabenden Weibern, die sich mir bereitwillig an den Hals werfen, wenn ich nur den kleinen Finger krumm mache.

Die Situation erlaubt kein Ausweichmanöver. Ihre Blicke haken sich fest. In den Gläsern perlt Champagner, sein Lächeln ist wohldosiert, seine Worte ebenfalls. Ein kurzes Aufflackern. Verflossene Erinnerungen.

„Wir haben schon einmal mit einander getanzt, erinnern sie sich noch“. Spielerisch klinkt er sich in den kleinen Kosmos von Nichts ein.

„Ja doch. Es war sehr schön. Sie sind ein hervorragender Tänzer, Jürgen.“ Ein Schauer überrieselt sie. Die Decke des Ballsaals könnte einstürzen – sie würde es nicht bemerken.

„Wollen wir es heute wieder versuchen?“ Jürgens Stimme klingt einnehmend, zwingend. Widerstand ist zwecklos. Er fühlt ihren federnden Körper, der sich noch etwas zurückhaltend an den seinen schmiegte. Ein herrlich natürlicher Duft. Diese Frische. Ihre beinahe schüchterne Zärtlichkeit. So muss sich Liebe anfühlen, träumt sie wie in Trance. Liebe, Verliebtheit? Wo ist da der Unterschied?

„Wo haben sie denn die ganze Zeit gesteckt. Ich habe sie ehrlich vermisst.“

„Schwindler!“, flüstert Claudia dümmlich. „Sie hatten sicher alle Hände voll zu tun mit Alexa. Ich kenne sie viel zu gut, schon aus unserer Zeit im Internat.“

„Na dann brauche ich ihnen ja nichts zu erzählen. Sie ist ziemlich anstrengend. Welche Wohltat, sie getroffen zu haben.“

Jürgen knipst den Charmeschalter an, mit sicherer Überzeugung, unwiderstehlich zu wirken. Claudias Engelslächeln, entrückt, trunken, bestätigt seine Vermutung.

„Es ist einfach toll mit ihnen zu plaudern, ohne Eiszapfen an den Ohren zu bekommen.“ Unverschämt starrt er sie an. Tag und Nacht, diese beiden Frauen. Alexa ist etwas größer, hat einen volleren Busen, eine bronzefarbene Haut und wundervolles kastanienrotes Haar. Eine klassische Schönheit. Herb und von leidenschaftlicher Vollkommenheit. Unabar, kaltschnäuzig, eisig, mit einem eigenen Willen, den kein Mensch auf Gottes weiter Flur zu brechen vermag. Die zierliche, weizenblonde Claudia hingegen wirkt anziehend, weich, verständnisvoll. Eine Frau, die man manipulieren kann. Von bedingungsloser Hingabe, ist er überzeugt.

Ein paar verirrte Strähne kräuseln sich an ihren blassrosa Wangen. Ihre Grünschimmernden Augen sind forschend und neugierig zugleich. Die schmale Nase. Ihre Lippen schillern feucht, sind leicht geöffnet. Ihr Körper sinnlich. Die zarte Taille, leicht geschwungenen Hüften, makellose Gazellenbeine. Das Lamméekleid schmiegt sich eng an ihren Körper. Den Ansatz ihres Slips kann er schemenhaft erkennen. Musik rauscht, heiteres Lachen, sinnliches Geflüster. Entrückt in eine fremde, noch nie gesehene Welt lässt sie schaudern. Krampfhaft bemüht sie sich ihre Verwirrung im Zaum zu halten, ihre Sinne zu sortieren.

Jürgen hat seine Entscheidung bereits gefällt: Von der „Bösen“, dem Beziehungsspaltenden Biest, der Eiskönigin, direkt zur „Guten“, dem blonden Engel wechseln. In der Rolle des Seelenklempners würde er förmlich zu Höchstform aufblühen, diese neue Traumfrau mit liebevoller, berechnender Zärtlichkeit umgarnen. Ein Schauspiel, das mit mehreren Oskars prämiert werden müsste. Er schwelgt in Zukunftsvisionen.

Geschickt manövriert er das holde Geschöpf wenig später aus dem Gedränge, öffnet galant die Tür des ersten Taxis, schubst sie impulsiv hinein. „Machen sie schnell, oder haben sie wirklich Lust mit all den Menschen beisammen zu sein.“ Eine einfache Feststellung, die ihr keine Sekunde Zeit lässt, eine eigene Entscheidung zu treffen.

Dem Taxichauffeur nennt er eine ihr völlig unbekannte Adresse. Etwas überrumpelt, fühlt sich Claudia dennoch wie auf Wolken gebettet. Sie schließt die Augen, lehnt sich in den weichen Ledersitz zurück, abwartend, aufgeregt.

Verzauberung

Vor drei Jahren schon hatte sie sich hoffnungslos in Jürgen verliebt. Schlaflose Nächte, quälende Sehnsüchte. Ihr Wirtschaftsstudium in Amerika, eine Flucht. Hals über Kopf hatte sie sich in dieses Vorhaben gestürzt. Abgelenkt durch die zahlreichen Vorlesungen, gelang es ihr tatsächlich den eigentlichen Grund ihrer Flucht zu verdrängen.

Wilde Leidenschaft flammt in ihr auf, die sie tapfer zu unterdrücken versucht. Immer wieder kommt es zu Feuerproben von Freundschaften, denkt sie mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. Besonders wenn ein Mann wie Jürgen auf das Spielfeld tänzelt.Das muss wahre Liebe sein, wenn sie nach so langer Zeit immer noch gegenwärtig, ja vielleicht noch mächtiger ist, sinniert sie verträumt.

Das Taxi hält vor einem unbeleuchteten Tor. Jürgen führt sie mehrere Stufen hoch zu einem Nebeneingang. Die Tür springt auf. Ein Lichtschalter knipst. Ein riesiger Raum. Etwas düster aber romantisch. Mehre Tische mit schwarzen Samttüchern bedeckt.

„Mein Atelier“, strahlt er. „Ich habe es mir bescheiden aber gemütlich eingerichtet, um ungestört meine Kreationen entwickeln zu können. Ein wahrer Künstler braucht die Einsamkeit. Sie sind der erste fremde Mensch, der mein Heiligtum betritt.“ Claudia fühlt sich privilegiert. Sphinxenhaftes Lächeln umspielt ihren Mund.

Eine zierliche Sitzgruppe, ein graziöses Empiretischchen, ein siebenarmiger Leuchter, brennende Kerzen. Eben entzündet, kaum abgebrannt. Eine lachsfarbene Orchidee. In einem silbernen Kübel zwischen Eisbrocken eine Flasche Champagner. Zwei Kelche, eine Kristallschale mit frischen Beeren. Magie pur. Romantische Musik ertönt, wie von Zauberhand eingeschaltet. Sie fühlt Jürgens weiche Hand in der ihren. Zaghaft folgt sie seinem Drängen. In ihren Augen glimmen unzählige Fragen, die ihre Lippen nicht auszusprechen wagen. Sein Gesichtausdruck wirkt einnehmend. Die trügerische Glätte, will sie nicht sehen. Seine Bewegungen gleichen dem eines Wiesels, vorsichtig, flink, wachsam. Jürgen schwelgt in Illusionen, die er um jeden Preis zu realisieren gedenkt. Ihr perlendes Nachtigallenlachen fasziniert. Sie ahnt nicht wie erotisierend es auf ihn wirkt.

„Der Abend könnte vielleicht doch noch spannend werden“, meint Claudia mit funkelnden Augen.

„Was wirklich Spannendes kann ich mir schon lange nicht mehr vorstellen, aber vielleicht etwas weniger Langweiliges.“ Eine Kränkung, die sie einfach überhört. Die Situation ist viel zu aufregend, um an Worten hängen zu bleiben. Sein offensichtliches Machogehabe spornt sie zu ungeahnter Aktivität an. Solch einen Mann hat sie sich immer gewünscht. Brillantes Aussehen, umwerfend anziehend, undurchsichtig, unberechenbar – aber letztlich doch bezwingbar, ist sie überzeugt. Dass sie sich bis über beide Ohren in ihn verliebt hat, will sie sich keinesfalls eingestehen.

Sein kräftiger Arm umschlingt besitzergreifend die schlanke Taille. Ihre Wangen berühren sich. Claudia lehnt den Kopf einen Augenblick lang an seine Schulter. Ein berauschendes Gefühl von Geborgenheit. Ihre Augen versinken in einander. Sein Drängen wird begehrlicher.

„Ich kann nicht“. Ein zärtlicher Kuss.

„Ich bin noch nicht so weit, lass mir bitte etwas Zeit“.

Wieder küsst er sie auf die brennenden Lippen.

„Ich…ich…Oh Gott, mir gehen die Ausreden aus.“

„Bravo, mein großes Mädchen“. In aufgespeicherter Gier reißt er ihr das Kleid auf. Mit der Zunge leckt er lüstern ihren Hals. Hemmungslos fasst er mit der rechten Hand nach ihren Brüsten. Wundervolle Äpfel. Erregung pur. Adam im Paradies. Der Sündenfall. Absolut verständlich. Kein Kostverächter, dieser Kerl schießt es ihm ins aufgeheizte Hirn. Was weiß der Herrgott schon von irdischen Genüssen. Seine linke Hand gleitet von den Schultern zum Bauch. Die heißen Lippen folgen dieser Spur, tiefer und tiefer. Er schiebt den zarten Slip zur Seite, dringt in ihre feuchte Scheide ein. „Wie herrlich nass du bist, lass es zu, mein Engel“. Besitzergreifend liebkost er ihre Schamlippen. Ein brillanter Pianist, auf einer sinnlichen Klaviatur. Lust, Begehren, hektisches Stöhnen.

In diesem Moment ist Claudia alles egal. Sie lässt sich treiben. Ein ruderloses Boot im tosenden Sturm unbekannter Leidenschaft. Erfüllung pur - für beide. „Wunderbar, mein Engel“, keucht er gierig. „Ich spüre, wie du dich total fallen lässt und meine französische Zärtlichkeit genießt - und jeder deiner Gefühlsausbrüche macht es für mich noch schöner. Zu spüren, wie du am Höhepunkt deiner Lust anlangst“.

Ein schwerer Samtvorhang. Das breite Bett. Herber Männerduft. Ein schlafender Panther, ruhig, lauernd, männlich, geil. Die Haut glänzt vor unterdrückter Erregung. Zwei Körper verschmelzen in tobender Zärtlichkeit, in wilden Bewegungen bis - ja bis . . .

Aufpeitschende Wogen schlagen über ihren erhitzten Körpern zusammen. „Ich quäle mich, ich brauche dich, deine animalische Stärke.“ Flammende Leidenschaft, glühende Küsse, beinahe die Besinnung verlieren. Versunken in einem Strudel überirdischer Euphorie. Heißer Sex, ein Traum. Nie zuvor hat sie solch überschäumende Gefühle, solch leidenschaftliches Werben, solche Erfüllung erlebt. Seine Küsse brennen, seine Hände liebkosen jeden Quadratzentimeter ihrer alabasterfarbenen Haut, immer und immer wieder. Feurige Schmeicheleien. Aufreizende Fertigkeit. Verführerische Sicherheit. Sie schmilzt dahin, löst sich auf in überbordenden Sinnesreizen. „…dein Samen brennt wie Feuer auf meiner Haut, sinnlich – übersinnlich …jaaaaaaaaaaahhhhhhhhh!“

Rückblendung

Claudia ist Frühaufsteherin. Der blasse Schein des anbrechenden Tages dringt durch die duftigen Vorhänge. Rasch huscht sie aus dem warmen Bett, rennt hinaus in den Garten. Barfuss. Frischer Tau kühlt ihre brennenden Füße. Nach etwa einer Stunde kehrt sie zurück.

Ihr Zimmer nimmt langsam Gestalt an. Die Konturen der Möbel. Die Gesichter der Bilder an den Wänden. Vertraute Bilder. Bisweilen führt sie endlose Gespräche mit ihnen, um ihrem schweren Herzen Luft zu machen. Großmutter in schwarzer Robe, perlenbestickt, mit weißem Spitzenkragen, der ihren schlanken Hals liebkost. Heute lächelt sie besonders gütig, als wollte sie ihr Mut zusprechen.

Auf dem Bord liegen zwei braune Lederkoffer. Aufgeklappt. Gierige,

alles verschlingende Ungeheuer. Bedrohlich. Traurigkeit mischt sich mit Angst. Die Ferien sind zu Ende. Eine unabwendbare Tatsache, so sehr sie sich auch dagegen sträubt. Heute ist der Tag X, seit Wochen gefürchtet. Sie muss zurück ins Internat. Ein grässlicher Gedanke, den sie gewaltsam zu verdrängen sucht.

Nur wenige Stunden noch, dann würde Alfred, der Chauffeur, die schwere Limousine durch die breite Einfahrt kutschieren, ihr Gepäck sorgfältig verstauen. Vater würde sie ein letztes Mal in die Arme nehmen, Mutter mit rügendem Blick die Undankbarkeit der zickigen Tochter lautstark kritisieren. Ein sich regelmäßig wiederholendes Ritual, dem sie nicht entkommen kann, wie sehr sie auch an Vaters Verständnis appelliert, sie nicht mehr ins Internat zurückzuschicken. Gegen Mutters dominant vorgefasste Meinung sind alle machtlos. Auch die ihre ist völlig unmaßgeblich. Sie muss das Dilemma lediglich ausbaden. Ärgerlich schlüpft sie in das Reisekostüm, wirft die Schottenpelerine über, die ihr Papa von seiner letzten Geschäftsreise mitgebracht hat.

Es schellt an der Haustür, diskret, kurz. Claudia lugt durch den Türspalt. Josef, der Hausdiener, schlürft durch den Gang. Vaters Sekretär verschwindet lautlos im Herrenzimmer. Die Nervosität des Mannes ist unverkennbar. Eine schwarze Mappe. Krampfhaft presst er sie an seine Brust. Und das an einem Sonntag, denkt sie besorgt. Seltsame Unruhe flackert auf.

Während Claudia noch den ängstlichen Gedanken nachhängt, tritt Mama Henrietta, Komtesse von Reichenau, perfekt gekleidet aus ihren Räumen.

„Welch eine Überraschung“, meint die elegante Dame eher zynisch als freundlich. Groß und schlank. Das wundervolle blonde Haar quillt üppig unter der neuesten Hutkreation hervor.

„Kommst du etwa mit zur Messe?“ Ihr kritischer Blick bleibt an Claudias farbenprächtiger Pelerine hängen. „Doch nicht in diesem Aufzug, Kind. Wir gehen ja nicht in den Zirkus.“ Madame fegt eilig die Treppe hinunter.

„Eigentlich wollte ich…“

„Ja, ja, ich weiß schon“, ruft Mutter ungeduldig über die Schulter zurück. Der schwarze Hut mit Schleier hüpft bei jeder Stufe auf und ab, was der gewünschten Würde einen eher heiteren Akzent verleiht. „Nimm den grauen Kaschmirumhang und setz eine Kappe auf, Kind. Aber beeile dich bitte. Emmy das Frühstück um zehn Uhr im großen Salon. Das Fräulein wird um elf vom Chauffeur abgeholt. Sie wissen schon.“ Übergangslos erteilt sie dem Personal diverse Anordnungen. Jetzt trommelt sie ungeduldig mit dem schwarzen Schirm auf das Parkett.

„Kind, wo bleibst du denn. Ich möchte nicht erst zum Sanctus in der Kirche eintreffen.

Jahre später

Claudia Wiesinger ist eine weiche, liebenswerte Frau geworden, rundum zufrieden, eins mit sich selbst, ihren Freunden, dem Leben. „Unkompliziert“ bezeichnet sie sich oft selbst. Sie ist sechsundzwanzig, könnte aber, wenn man sie nur hört, auch fünfundvierzig sein. Erstaunlich reif, zielstrebig und vernünftig.

„Manchmal möchte ich tatsächlich auch so abgedreht sein wie meine Mutter.“ Erstaunt über diesen seltsamen Wunsch lacht sie plötzlich auf.

Vor etwa drei Jahren hat die umtriebige Mama beschlossen, Haus und Hof den Rücken zu kehren, Tochter und Mann ihrem eigenen Schicksal zu überlassen. Das Theater ihres vorgetäuschten Glücks in der elitären Gesellschaft wollte sie radikal beenden, sich ins sonnige Spanien absetzen, ihr Leben erfüllen.

Papa schien dies mit stoischer Ruhe hingenommen zu haben. Claudias Entsetzen über eine solche Entscheidung tat er mit einer beiläufigen Handbewegung ab, als sie Händeringend vor ihm stand.

„Wie konnte es zu diesem Eklat überhaupt gekommen“, hat sie unter Tränen gestammelt.

Alleine, seltsam entspannt, holt Papa sie vom Flughafen ab. Sie hat das Wirtschaftstudium abgeschlossen, mehrere Praktika in Amerika absolviert. Während Claudias Alltag streckenweise ausschließlich zwischen Fulltimejob, Konferenzen, Fremdsprachinstituten und Computerkursen dahinraste, schien die einst so sittenstrenge Mama völlig neue Perspektiven für ihre Lebensplanung angepeilt zu haben.

„Es war Mutters Entscheidung. Sie hat mich eines Tages vor vollendete Tatsachen gestellt. Reisende soll man nicht aufhalten.“ Stoisch gelassen, mit einem Anflug von Erleichterung klangen Papas Worte. Für ihn schien die Angelegenheit eher Erlösung als Pein.

Jetzt hält Claudia den Hörer ans Ohr gepresst, lauscht der sich überschlagenden, bestgelaunten Mutter.

„Kind, ich hoffe es geht dir gut, und du machst dir nicht all zu viele Gedanken. Ich wollte es so, und bin einfach hingerissen von meinem neuen Leben.“ Ihre Stimme klingt plötzlich angespannt. Ein seltsames schmatzendes Geräusch tönt aus der Muschel, ein Hecheln. „Wart doch noch einen Augenblick, Henry, ich telefoniere gerade mit meiner Tochter“ zischt Mutter erregt. Eine kurze Pause. Claudia hört wieder dieses Stöhnen. Es wird lauter, drängender. „Ja, mach weiter so, schneller, schneller, ja, ich komme“. Ein tierischer Schrei. Pause. Eine erschöpft befriedigte Männerstimme. „Gut gemacht, meine geile Teufelin, warst wieder einmal so richtig scharf!“

Claudia weiß nicht recht. Hörer auf die Gabel schmeißen oder der sichtlich völlig durchgeknallten Mama weiter zuhören?

„Liebling horch zu. Alt werden kann ich später auch noch“, haucht diese jetzt etwas atemlos in die Muschel, „Ich will einfach alles nachholen, was ich ein Leben lang versäumt habe. Solltest du auch tun. Glaube mir, die Welt ist viel zu schön, um sie hinter dem Schreibtisch zu verbringen.“

Wieder dieses Keuchen, das Hecheln, schallendes Lachen. „Komm mich doch ganz einfach einmal besuchen. Du wirst sehen, ich habe Recht. Das Wetter, herrlich warm, erfüllender Sex, einfach wunderbar.“

Claudia schaltet die Freisprechanlage ein. Den Hörer legt sie vor sich auf den Tisch. Ein leichter Wind pfeift durch die Bäume im Garten. Ein Schwall Blätter segelt herunter. Bald würden die Tage kürzer, die Nächte länger werden und dunkel. Plötzlich fröstelt sie. Sie fühlt sich unendlich einsam, während Mutter in übermütigem Tonfall weiterplaudert. „Ich feiere gerade meinen Geburtstag. Wir sind in ausgelassener Champagner-Laune. Ohne diesen blöden Torten- und Gedichte- Schmarren, mit einem richtigen Mann im Bett.“

Das hab ich gerade mitbekommen, denkt sie frustriert. Claudia kann nicht fassen, was Mutter da von sich gibt. Ist diese Mittfünfzigerin in einer Krise? Hat ihr ein Burnout – Syndrom das Gehirn tatsächlich verbrannt. Und sie klingt gar nicht verrückt. Sie klingt entspannt, richtig glücklich.

„Mein Auserwählter ist ein Universitätsprofessor, der ganz auf meiner Wellenlänge schwimmt. Er ist leidenschaftlich, unersättlich. Wir verstehen uns prächtig.“

„Mama, nichts für ungut, aber ich werde in zwei Minuten auf einer Konferenz erwartet. Ich rufe dich bald zurück.“ Sie beißt sich auf die Lippen. Kurz darauf lächelt sie. Ein Lächeln voll verhaltener Wut, keineswegs bewältigtem Schmerz, den Mutter ihr antat.

Als Claudia einige Wochen später tatsächlich versucht, sie unter der gespeicherten Nummer zu erreichen, erfährt sie, die Dame sei mit unbekanntem Ziel abgereist.

Das neueste Objekt von Mutters Begierde hieß Eduardo Fernandez. Er hatte sie auf die Kanaren entführt, wo sie gemeinsam auf seiner Hazienda dem „Dulce Vida“ frönten, wie Claudia bei einem späteren Gespräch erfuhr. Es war Mutters letzter Anruf. Die beiden stürzten kurz darauf mit einem Privatjet über dem Atlantik ab.

Wie lange ist das schon her.

Mutters Geruch, ihre gepflegten Hände, ihre eleganten Bewegungen. Sie hört ihr Lachen, ihr Weinen, fühlt ihren Spott und ihre Liebkosung überwältigend stark, vertraut, als wäre sie persönlich im Raum. „Warum überkommt mich gerade heute diese Erinnerungen mit solcher Intensität?“ War es das kurze Gespräch mit Alexa, der einstige Schulkameradin und ewige Konkurrentin? Seit Ewigkeiten nervt sie mit ihren hirnrissigen Tiraden.

Alexa, die Rivalin

Alexa von Breest ist die Tochter eines bekannten Juweliers und Branchenkollegen ihres Papas, Dr. Gert Wiesinger. Empört über die jüngsten enormen Preisanstiege auf der Diamantenbörse in Amsterdam, hat sie ihr eben aufgebracht die Ohren vollgeträllert. Ihr gutgläubiger Mann, Jürgen Sandmann, hätte sich das Fell über die Ohren ziehen lassen. „Wenn man nicht alles selbst erledigt, fressen einem diese Raben noch die letzen Krümel weg.“

Von wegen Krümel, denkt Claudia erheitert. Die Millionenschwere Alexa nagt nun wirklich nicht am Hungertuch, wenn auch die Verhaltensweise ihres Mannes nicht immer ihren Vorstellungen entspricht.

Manchmal hätte ich auch gerne solch jähzornige Ausbrüche wie sie, überlegt sie fast neidisch. Tatsächlich steuert Alexa stets blindwütig auf ihre Ziele los, schlägt alles krumm und klein, wenn sich ihren Plänen etwas entgegenstellt. Aber dazu bin ich wohl zu harmoniebedürftig, ist sie überzeugt. Claudia ist ein Kamerad zum Pferdestehlen. Sie liebt Spontanentscheidungen, nicht vorgeplante Reisen, Einladungen. Auf privaten Partys kann sie tanzen, als gäbe es kein Morgen. Die Bedenken des Vaters ihre Zukunft betreffend, einen festen Freund, womöglich eine Ehe, Kinder, zerstreut sie stets mit einem hinreißenden Lächeln.

„Solange es klappt, klappt es eben Papa. Und sollte ich einmal ans heiraten denken, würde ich vorher bestimmt mit keinem Menschen darüber reden. Du kennst mich doch Papa. Bitte dränge mich nicht. Du bekommst schon noch ein Enkelkind. Indianerehrenwort.“

Tief in ihrem Herzen hat sie sich natürlich eine Grenze gesetzt. Fünf Jahre könnte sie sich vorstellen, dann wäre ihrer Meinung nach das Limit des Singledaseins erreicht. Dann würde die biologische Uhr zu ticken beginnen. Bis dahin will ich meine Lebensplanung abgeschlossen haben. Darauf muss mit Bedacht hingearbeitet werden. Drängen will sie sich dennoch nicht lassen.

Wohlbehütet aufgewachsen, war sie eine ausgezeichnete Schülerin, die ihre Pflichten gewissenhaft erfüllte. Entwaffnend strahlt sie jetzt alle Bedenken von Vaters Stirn.

Sein Mädchen ist erwachsen geworden, das hätte er beinahe übersehen. Wie schön sie ist, wie vernünftig, wie… Ein zufriedener Blick streift seine Tochter. Braun. Helles Braun. Frisch gefällte Eichen, und Grün. Ein mildes, weiches Grün, denkt er liebevoll. Das sind die Farben die sie heute trägt, die ihr melancholisches Lächeln umspielen. Adagio, nicht mehr Allegro oder gar Allegretto, wie einst, vor einer kleinen Ewigkeit. Stille Reife, Erhabenheit strahlt sie jetzt aus. Ein wenig Abgeklärtheit. Sein Kind hat das Leben mit viel Schönem, doch auch vielen Schattenseiten kennen gelernt, konnte sich sammeln, stählen. Sie hat gelernt zu leben, denkt er mit Vaterstolz.

Verlegen, wie ein Brautwerber, schreitet er zum Sekretär. Zögerlich greift er nach einer kleinen Samtschatulle. Claudia betrachtet fasziniert den Brillantring, den Vater ihr ansteckt.

„Der Verlobungsring deiner Mutter. Sie hat ihn da gelassen, wollte wohl, dass du ihn einmal trägst.“ Vaters Stimme nimmt einen seltsam brüchigen Klang an, den er krampfhaft überspielt.

„Ist dir eigentlich klar, dass dieses Steinchen mindestens hundertachtzig Millionen Jahre alt ist“, meint er mit bemühter Leichtigkeit und blickt seine Tochter vielsagend an. Was jetzt kommt, ist Claudia klar. Papa muss wieder einmal eine seiner Geschichten loswerden, wie immer, wenn sein Herz vor Traurigkeit überquillt.

„Darüber hab ich ehrlich gesagt noch gar nicht nachgedacht“, flüstert sie lächelnd. „Erzähl mir mehr darüber Papa, dir zuzuhören ist wesentlich amüsanter, als in Fachbüchern zu schmökern.“

„Also meinetwegen. Wenn es dich wirklich interessiert“, lächelt der reife Mann. Genüsslich pafft er an einer dicken Zigarre. Ein herzhafter Schluck Whisky. Claudia kuschelt sich auf einen Polster zu seinen Füßen. Die wundervollsten Geschichten hat sie solcherart stets gehört.

„Wie oft in der Geschichte war es ein Zufall, der zu einer großen Entdeckung führte.“ Papa tut schrecklich geheimnisvoll. „So war das auch vor etwa viertausend Jahren. Bewohner der südostindischen Golconda- Region entdeckten den ersten Diamanten. Den Koh-i-Nor, was soviel bedeutet wie „Berg des Lichts“. Sein Wert ist unschätzbar, wie du weißt. Ein Prunkstück von außergewöhnlicher Reinheit und einer Größe von mehr als einhundertacht Karat.“

„Er gehört zu den Kronjuwelen Englands und befindet sich im Tower

von London“. Mit etwas Allgemeinbildung konnte sie doch aufwarten. „Entschuldige Paps, ich wollte dich nicht unterbrechen.“ Claudia zupft am Hosenbein ihres Vaters, ermutigt ihn ungeduldig weiter zu erzählen.

„Ist schon in Ordnung, Kleines. Der „Stern von Afrika“ ist übrigens auch dort zu finden. Mit seinen mehr als fünfhundertdreißig Karat, der größte Brillant der Welt.“ Wenn es um edle Steine geht, ist Wiesingers Begeisterung kaum zu bremsen. „Ewig und noch länger lagen diese Kostbarkeiten unentdeckt in den Tiefen unserer Erde, genauer gesagt beinahe dreieinhalb Millionen Jahre.“

„Arme Steinzeit- Frauen“, grinst Claudia jetzt amüsiert, „Arme Neandertalerinnen. Ihr musstet euch noch mit glanzlosem Schmuck aus Stein und Knochen begnügen.“

„Kannst du auch einmal ernst sein, Kind“, rügt sie der Vater mit gespielt-strengem Blick.

„Dank persischer Handelsreisender kamen die ersten Göttertränen zu uns nach Europa. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war damals eine erlesene Seltenheiten, die sich nur die Vornehmsten und Reichsten leisten konnten. Erst 1866, mit sensationellen Funden in Südafrika begann ein richtiger Boom. Es entwickelte sich ein wichtiger Wirtschaftzweig, der Unmengen von Dollars weltweit umsetzt.

„Diamonds are the Girls best Friends“, trällert Claudia begeistert vor sich hin. „Aber heute besitzt doch fast jede Frau zumindest ein solches Prachtstück. Sogar ich, und ich finde es einfach wundervoll.“ Sie streckt ihren Ringfinger von sich und strahlt mit dem neuen Glitzerstein um die Wette.

„Aber vergiss nicht, mein Kind, das Schicksal der Diamanten könnte auch höchst unglamourös enden. Heute zieren diese Hochkaräter längst nicht nur Hals und Dekolletee der Schönen und Reichen. Schneidewerkzeuge für moderne Hochpräzisionsskalpelle oder Bauteile für Bohrmaschinen werden aus diesem härtesten aller Steine gefertigt. Das nennt man Fortschritt.“ Etwas Nachdenklich erhebt sich Wiesinger, beginnt im Salon auf und ab zu gehen. Claudia blickt ihm erstaunt nach. Verloren schaut der Vater aus dem Fenster, als suche er nach einer Erklärung für die folgenden Sätze.

„Schade“, seufzt er schließlich, „aber irgendwann werden die Minen versiegen. Die Entstehung des Diamanten war eine Laune der Natur im Teenager-Alter unseres Planeten. Es wird in der nächsten Zeit keinen Nachschub dieses begehrten Rohstoffs mehr geben. Heute sind die Bedingungen für eine Diamantengenese leider nicht mehr vorhanden. Bleibt nur zu hoffen, dass der Zusammenstoß mit einem anderen Himmelskörper die Reserven der Erde auffrischt.“

„Das könnte aber reichlich ungemütlich werden Paps, da verzichte ich lieber auf die ganzen Klunker.“ Claudia springt auf, streift hastig den Ring von ihrem Finger.

„Nicht doch, mein Schatz. So dramatisch ist die Lage nun wirklich nicht. Einige Steinchen werden wir bestimmt noch aus der Erde holen, damit auch du deine Freude daran haben kannst. Ich wollte dich doch nicht beunruhigen. Aber ein bisschen Nachdenken schadet ja nicht, findest du nicht auch?“

Etwas besorgt geworden, lächelt die junge Frau ihren Vater an. „Danke, dass du mir das erzählt hast. Von Heute an sehe ich diese funkelnden Steine mit ganz anderen Augen. Leicht verärgert denkt sie an die Stars der Kinoleinwand. An ihren Hälsen blitzen täglich neue und noch wertvollere Klunker. Die Queen und ihre Kronenjuwelen. Die zahllosen putzsüchtigen reichen Frauenzimmer, die mit ihrer Gier nach Wohlhabenheit womöglich eine Katastrophe auslösen könnten, ohne auch nur einen Schimmer davon zu haben. Ihr klarer Blick verdüstert sich ganz plötzlich

„Warum handeln wir dann überhaupt mit dieser Kostbarkeit?“ Die Frage kommt für den Senior überraschend, verunsichert ihn beinahe.

„Wenn wir es nicht tun, tun es eben andere. So einfach ist das. Vorläufig gibt es ja noch genug Nachschub. Der Diamantenrausch wird nie versiegen. Und sei ehrlich. Ist es nicht wunderbar solch einen kostbaren Stein zu besitzen?“

Claudia kehrt zurück auf ihr Zimmer. Ganz seltsam ist ihr zumute, nach diesem Gespräch mit Papa. Ob sie wirklich in die Schmuckbranche einsteigen würde, wie Papa es von ihr erwartet?

„Kommt Zeit kommt Rat, seufzt sie aus tiefstem Herzen. „Ich werde jedenfalls versuchen das Beste aus meinem Leben zu machen.“ Immer wieder fällt der Blick auf den Ring an ihrem Finger. Faszination pur. Dieses funkelnde Feuer.

Jahre vorher

Das Schweizer Internat am Genfersee. Alexa und Claudia besuchten vor Jahren gemeinsam diese altehrwürdige Institution. Seit Jahrzehnten versucht man hier, Töchtern aus vornehmen, vor allem wohlbetuchten Familien die entzückenden, mitunter sogar klugen Köpfe zurechtgesetzt. Vorrangiges Ziel: Hohe Politik adäquater Lebensplanung. Elitäres Ausbildungsprogramm: Sei stets so hübsch wie nur irgend möglich, gebildet und finde schleunigst einen gut situierten Ehemann. Kurz gesagt, kokett beschwingter Sexappeal zwischen Belesenheit und angestrebter Hausfrauenidylle.

Claudia war damals eher unglücklich. Großgewachsen und gertenschlank, verbrachte sie ihre wohl bemessene Freizeit viel lieber mit sportlichen Aktivitäten. Sie lief kilometerweit in den Auen rund um den Genfersee, ruderte mit Begeisterung oder vergrub sich stundenlang in für junge Damen eher ungewöhnliche Lektüre. Die anderen hievten sich mit lüsternen Jungmädchenbüchern in wilde Liebesabenteuer. Sie schmökerte in Geschichtsbüchern, blätterte in Atlanten, ließ sich in ferne Länder beamen. In Gedanken kämpfte sie mit Überzeugung gegen des Elend und die Unwissenheit minder privilegierter Menschen an, deren Schicksal sie sehr bewegte.

Während der Ferien versuchte sie Papa, ihren bei fast allen Problemen favorisierten Verbündeten, tunlichst zu überreden, sie auf eine andere Schule zu schicken.

„Dieses Einkochen in intellektuell- kulinarischer Art mag ich einfach nicht, Papa. Das Gehabe dieser hochgestochenen Gören geht mir maßlos auf die Nerven.“

Jeder Versuch des liebenswerten Papas die Wünsche der Tochter zu unterstützen, schlug fehl. Mama, Komtesse von Reichenau, hatte ebenfalls in diesem Haus die Schulbank gedrückt, und kurz darauf Gert Wiesinger, Sohn eines europaweit anerkannten Schmuck- und Diamantenhändlers kennen gelernt. Ein absolutes Plus für diese Anstalt. Kommentarlos überzeugend.

Mama hatte immer Recht. Kritik duldete sie keinesfalls. Papa liebte diese Frau tatsächlich sehr. Claudia kehrte also jeden Herbst planmäßig zurück in die Schweiz, um noch mehr dieser oft ausgeklügelten Wissenschaften, bezüglich „Männer um den Finger wickeln“, über sich ergehen zu lassen.

Dennoch enttäuschte sie Mamas eigentliches Ziel. Sie hatte ihren eigenen Kopf, stellte Studium und Wissbegierde absolut vor eine Ehe mit irgendeinem charismatischen Mann.

„Wer glaubt den Mond erreichen zu können, landet irgendwann auch dort oben“, meinte sie überzeugt. Eine Vision? Das Leben. Die Liebe. Das Geheimnis ihres inneren Glücks. Sie lächelt – ein untrügliches Seelenmorsezeichen. Sie wollte ein selbstständiger, interessierter Mensch werden, der die schönen Künste nicht nur als willkommenes Smalltalk-Thema sieht, um dem Göttergatten in spe zu imponieren.

Ihre Erzrivalin Alexa hingegen entwickelte sich zu einem rassigen Teufelsweib. Ihr Leben, ein einziges Tohuwabohu. Nachtschwarze Augen, wiegender Schritt, betörend aufreizende Bewegungen. Leidenschaftliche Blicke männlicher Bewunderer, die sie in vollen Zügen genießt. Charmante Worte gelten eher ihren provokant zur Schau getragenen Brüsten, als ihren Augen.

Früher schon hatte sie stets für gruppendynamischen Zunder in der Klasse gesorgt, sprühte über vor mitreißenden Ideen. Sie steigerte die Begeisterung der Mädchen und des Lehrpersonals gleichermaßen. Besondere schulische Leistungen wurden zur Nebensache. Erotischer Einsatz hatte stets Priorität. Äußerte sie doch einmal einen sinnvollen Beitrag zu einem ernsten Thema, schienen Gott und die Welt, vor allem aber die Lehrer, regelrecht überrascht.

„Wenn ein wohlsituierter Mann es schafft, mich vor Lachen unter dem Tisch zu kugeln, kann er mich auf der Stelle ins Bett schleifen.“ Kurzfristig helles Entsetzen. Dann platzten die Gören vor Lachen. Die überraschte Professorin verzog die Lippen zu einem triumphierenden Lächeln. Absolute Überzeugung. Der Lehrplan, die ausgeklügelten Theorien waren auf fruchtbare Erde gefallen.

„Schönheit kann Sicherheit verleihen, wenn sie naturgegeben ist. Vermessen wärs, alles auf die Schönheit zu setzen. Sie vergeht. Wichtig ist Selbstvertrauen, den Menschen ohne Angst in die Augen schauen können.“ Claudia meint, was sie sagt.

Verträumt lächelnd erinnert sie sich an ihr erstes Liebesabenteuer. Ein schlanker Jüngling, Marcel. Nie würde sie seinen Namen vergessen. Sie hatte damals Mühe zu atmen. Herzklopfen bis zum Hals. Hilflos stand sie vor ihm, fühlte seine warmen Hände auf ihren Wangen.

„Was hast du denn?“ Marcels Worte klangen liebvoll, berauschend. Eine Hand glitt zaghaft vom Hals über ihre Schultern, blieb auf ihrem zarten Busen liegen. Mit der anderen hielt er sie innig umschlungen. Ihr wurde schwindelig, die Knie gaben nach. Sein Gesicht, ganz nahe bei ihrem. Sie fühlte seinen Atem. Seine Lippen liebkosten ihre Augen, streiften über die Wimpern ihrer geschlossenen Lider, ihre Mundwinkel. Eine liebevolle, berauschende Berührung. Sie aber begann sinnloses Zeug zu quasseln, riss die Augen auf, wollte sich aus seiner Umarmung lösen und blieb regungslos.

„Sei still“, hatte er mit heiserer Stimme geflüstert und ihren Hals geküsst. Dann presste er behutsam seine Lippen auf die ihren. Alles war wunderbar still. Mit seiner Zunge versuchte er zaghaft ihre Lippen zu öffnen, dabei streichelte er zärtlich ihren Nacken. Sie hielt den Atem an vor Entzücken.

Endlich, nach unendlich langer Zeit haben die beiden engagierten Mädchen ihre Reifeprüfung geschafft. Claudia mit sensiblem Idealismus, Alexa als unbezähmbarer Freigeist und der Trophäe Verlobungsring.

„Könntest du nicht versuchen einen Gang zurückzuschalten?“ Claudias vergebliche Versuche, das Temperament der Freundin etwas zu zähmen, missglückten kläglich.

„Wenn ich noch weiter zurückschalte, bleibe ich stehen! Ich werde heiraten und ich bin im Gegensatz zu dir glücklich, du Langweilerin.“

Wie lange ist das schon her? Wie viele Tragödien sind seither geschehen, und immer noch sehnt sie sich nach ihren unerfüllten Träumen. Sie ist eine hoffnungslose Romantikerin, die leichtfüßig durchs Leben geht. Ein seelisches Punching- Band bewahrt sie davor, von Überforderung und Stress auf den Boden geschleudert zu werden. Ein Paradies bürgerlichen Alltagsrituals.

Irgendwann einmal ist sie aus dem Frust ins Surreale gekippt, stellte dadurch die bourgeoise Scheinheiligkeit an den Pranger. Ein menschlicher Prozess, der zum Positiven mutiert, hofft sie innig.

Der Traummann, ein Naturereignis

Jürgen Sandmann ist einundzwanzig. Seine Lehre als begabter Goldschmied hat er mit reichlicher Verzögerung abgeschlossen. Jetzt ist er auf dem Weg in ein neues Leben. Erstes Ziel, eine Reise in den Süden. Ein Traum seit Kindertagen. Höchste Zeit von zu Hause auszubrechen. Die Mutter, eine frustrierte, vom Ehemann verlassene Künstlerin, ist seit er denken kann auf der Suche nach neuen Vätern für ihren Sohn. Der leibliche Vater war schon vor seiner Geburt entsorgt worden, nachdem er versucht hatte seine schwangere Freundin kurzerhand vom Balkon des Mietpunkers zu stoßen. Wie durch ein Wunder überlebten beide. Mutters einziger Wunsch war, ihr Sohn sollte es einmal besser haben als sie.

Doch wie das Leben so spielt, Jürgen hat die Gene seines Vaters geerbt. Anstatt brav zu Hause zu büffeln, schwänzt er häufig die Schule. Später hängt er mit falschen Freunden ab. Dann und wann kifft er ein Tütchen, um die Scheiße zu ertragen, die ihm allerorts entgegen stinkt.

So verfrachtet er eines Tages seine dürftigen Habseligkeiten in einen klapprigen geliehenen Ford, fährt los. Eigentliches Ziel noch unbekannt. Nur die Richtung weiß er. Der sonnige Süden. Angenehmes Wetter. Fort aus dem frostigen Deutschland, wo es dauernd regnet und die Preise für Heizmaterial unerschwinglich sind.

Eine turbulente Reise mit jeder Menge Hindernissen. Erst verschwindet die hintere Stoßstange, in Folge sein Reisepass, den ein andere sichtlich dringender benötigte. Schließlich verliert er seine Hemmungen.Zu guter Letzt auch noch sein Herz an eine feurige Schöne, die ihn mit lasziven Schmeicheleien um sein kärglich Erspartes bringt. Der Notgroschen. Gerade mal genug, Benzin für die Rückfahrt zu tanken. Nach Hause will er nicht mehr, dazu ist er zu stolz. Doch eines weiß er mit Sicherheit. Er muss raus aus der Provinz, hinein in die pulsierende Großstadt.

Da steht er nun, mitten in Berlin, läppische zweihundert Mark in der Tasche, die er Gottlob noch auf seinem Sparbuch findet. Ein Nichts, unter Tausenden anderen Nobodys. Eine Adresse im Beutel, hochtrabende Pläne und ein tolles Aussehen. Eine Mischung von Präsens und Power.

Erscheint ihm auch zu Beginn Vieles unübersichtlich, eines steht fest: Er muss Fuß fassen. Und das tut er, schneller als er es sich je erträumt hat. Seine von Natur aus satanische Ader zieht die faulen Motten scharenweise an. Dank zwielichtiger Freunde findet er rasch Anschluss. Man feiert, kifft, besäuft sich solange die Moneten reichen.

Nach einigen wüsten Escarpaden lernt er sogar ein nettes Mädchen kennen. Das erste Date. Desaster pur. Er schleppt die zierliche Blondine auf die hinteste Bank eines Kinosaals, fackelt nicht lange, geht ihr brutal an die Wäsche. Mit gierigen, gefühllosen Händen packt er zu. Aus seinem Blick spricht Lüsternheit und Begierde. Sein unberechenbares Temperament. Brodelnder Zorn. Die plötzliche Explosion eines Vulkans in seinem Schädel. Er fühlt sich stark. Hysterisches Kreischen der völlig überrumpelten Kleinen hetzt ihm mehrere Kinobesucher an den Hals. Der kurzsichtigen Billeteuse entkommt er mit einem gewagten Sprung über drei Sitzreihen. Im letzten Augenblick entwischt er der Polizei.

Schweißtriefend hockt er reichlich angeschlagen wenig später im Hinterhof eines abgewrackten Hauses. Verfluchter Idiot. Glück hatte er bei all dem Missgeschick dennoch. In seinen Taschen schleppt er einige Tütchen Heroin mit sich herum, die das sichere Gelingen des Abends garantieren sollten.

„Das ist nun wirklich nicht der Beginn einer großen Karriere“, flucht er verzagt. Er will mehr, viel mehr. Die Welt aus den Angeln heben, Macht, Frauen, Geld.

Der Zufall kommt ihm zu Hilfe. Ein Veranstaltungskalender der Stadt. Zielstrebig sucht er nach passenden Namen in der Schmuckbranche, erscheint in einen viel zu engen, geliehenen Abendanzug gezwängt, auf einer der nächsten Partys. Eine ultra konservative Krawatte als Krönung. Dennoch, der Grundstein für seine reichlich zweifelhafte Karriere ist gelegt.

Seit sich der Mensch vom Nasentier, das noch schnüffelnd auf Partnersuche war, auf zwei Beine erhob, zum Augentier wurde, fassen Männer ganz instinktiv Frauen ins Auge. Primärer Grund: kommt sie als Geschlechtspartnerin in Frage? Wäre das nicht so, gäbe es unsere Spezies wohl nicht mehr.

Berühmt war er nie, berüchtigt auf jeden Fall: Der männliche Blick. Jürgen hatte ihn. Zielsicher und kritisch zog er seine Gespielinnen mit leidenschaftlichen Blicken erst einmal aus.

Jetzt hat Jürgen eine ganz bestimmte Person ins Auge gefasst. Alexa von Breest, Tochter eines bekannten Juweliers aus Wien, millionenschwer, verwöhnt, selbstherrlich, egoistisch. Sie stellt diese Theorie in Frage, als sie den Traummann zum ersten Mal erblickt. Außergewöhnlich, impulsiv, drängend, voll Übermut und Lebensfreude. Pure Laszivität. Sie ist erregt. Der Körper pulsiert. Der Bauch zieht sich zusammen. Funken sprühen aus jeder Pore. Geil, maßlos geil. Das Zielobjekt, geballte Sinnlichkeit.

Alexa schlägt an diesem Morgen die Augen auf. Alles ist wie immer. Übliche Routine, auch heute. Genau wie gestern. So wie morgen. Jetzt plötzlich tritt das Unerwartete ein. Ein Abenteuer, für das es sich lohnt zu kämpfen. Eine Hoffnung, dieser trostlosen Langeweile für einige Stunden zu entkommen.

Sie bedrängt Papa mit Engelszungen, mitkommen zu dürfen nach Berlin. Eine Weltstadt, bedeutend interessanter als Wien, redet sie sich ein. Mit flehendem Augenaufschlag bekniet sie den alten Herrn, mit ihr diesen Ball zu besuchen. Jetzt weiß sie warum.

Fachkundig taxiert sie den Schönling. Sprühende Augen, hochgezogene Brauen, breite Schultern, knackiger Arsch. Eine Zehntelsekunde genügt. Geschlechtsrollenidentifikation positiv! Ihr Urteil ist gefällt.

Die Interpretation von Blicksignalen werfen im Allgemeinen kaum Probleme auf. Einschüchternd? Aufmunternd? Eine unmerkliche Vergrößerung seiner Pupillen, das Aufleuchten seiner Augen vertieft den Blick. Der attraktive Mann wird zum Spiegel, verstärkt ihre Überzeugung, unwiderstehlich zu sein. Diesen Mann kann man nicht besitzen, neben dem kann man nur sein. Und das werde ich, denkt sie einen Moment lang.

„Es ist längst nicht mehr das Privileg der Männer, mit den Augen den Partner abzutasten“, lacht Alexa kehlig, als sie sich ihm nähert, ein Glas Champagner entgegenhält. Ihr Entschluss steht fest. Dieser Mann gehört mir. Egal was er ist, woher er kommt, was er macht. Eine Frau in ihrer Preisklasse kann sich jeden Mann leisten, wenn er ihren Vorstellungen entspricht. Und das tut er, vom ersten Augenblick an.

Jürgen findet ihre Argumente unwiderstehlich. Eine sprühende Unterhaltung. Eine leidenschaftliche Nacht in einer traumhaften Hotelsuite. Diese Frau übertrumpft all seine Erwartungen. Ein Marathon der Lust. Perverse Praktiken werden zur Selbstverständlichkeit. Sie überbieten einander an Einfallsreichtum. Jürgens Liebesdiener macht ihm alle Ehre. Ein Prachtstück, mit ungeahntem Stehvermögen. Zwei Verdurstende, nach wilder Leidenschaft lechzend. Obszöne Sprüche. Wahnsinn. Betörendes Rauschen. Masochistisches Hinauszögern des Orgasmus, raffinierte Worte überschäumender Libido. Gekonntes Wechselspiel des Wann und Wie, seufzen, hecheln, sich verlieren und finden… sich hingeben… ganz im Liebesrausch verglühen... sich gegenseitig erfüllen… ein Taumel von Illusionen… hemmungslos, bedingungslos… kraftvoll in rasender Leidenschaft. In einem wilden Furioso übertrumpfen sie einander an perverser Anomalie. Befriedigung pur… sehr irdisch und doch himmlisch …

Eine wundervolle, aufregende Epoche.

Jürgen Sandmann nimmt Alexas Einladung nach Wien freudig an, setzt alles auf eine Karte. Es hat sich gelohnt.

Über den Dächern von Wien, dem blauen Himmel ganz nah, hat Zeit für die Beiden nicht mehr dieselbe Bedeutung. Nackt tanzen sie stundenlang eng umschlungen zwischen den letzen Strahlen der herbstlichen Abendsonne, lieben einander in feuriger Extase.

Sex ist für Alexa seit jeher von großer Wichtigkeit. Mit diesem Mann scheinen all ihre Träume eingetroffen. Sie wetteifern, überbieten sich an Einfallsreichtum. Jetzt kniet er über ihr, reibt sein steifes Glied an ihrem Bauch, zwischen ihren Brüsten. Sie hebt den Kopf, beginnt gierig seine Eichel zu lecken. Immer intensiver. Seine Finger umkreisen ihre nasse Klitoris. Jetzt reißt er sich los. Dreht sie brutal auf den Bauch. Sein Griff ist hart. Ein erfüllender Schmerz. „Gib mir mehr, mehr.“ Er stößt zu, dringt tiefer in sie ein. Mit festem Griff umfasst er ihren Bauch, zwingt sie auf die Knie und stößt weiter, immer heftiger, immer schneller. Ihre Leidenschaft steigert sich, wird lodernder, verbrennt sie. Die kreisenden Bewegungen ihres Beckens rotieren in seinem Rhythmus, wild, lustvoll. Enthusiastische Erregung entflammt, tagelang, nächtelang.

Im Gegensatz zu dem verzweifelten Rhythmus überarbeiteter Menschen, die nach Illusionen streben, erfüllen diese sich für Jürgen und Alexa wie von selbst. Der Hochzeitstermin wird für den Sommer festgesetzt. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Alles was Rang und Namen hat, soll eingeladen werden.

„Findest du es nicht etwas verfrüht, dich sofort mit diesem fremden Mann zu verheiraten? Wir wissen doch praktisch nichts über ihn?“ Vergeblich hat de Breest seine Verbindungen spielen lassen. „Dieser Jürgen Sandmann hat sichtlich keine Vergangenheit“.

„Dafür ist seine Gegenwart umso reizvoller, mein liebes Papschilein“. Heroisch übergeht sie die Bedenken des Vaters, stellt ihn mit Schmollmund und Augenzwinkern vor vollendete Tatsachen.

„Ich liebe ihn, genügt das nicht?“ Sie ist überzeugt, eine Vermählung mit diesem himmlischen Mannsbild muss einfach so etwas wie eine Liebesversicherung von Lloyds mit Erlebensgarantie sein.

Alexas Geburtstag

In ein raffiniertes Cocktailkleid gehüllt, strahlt Alexa in die Runde. Reichlich Stoff, dennoch ein flatterndes Nichts.

Jürgen trägt einen Smoking. Diesmal maßgeschneidert, perfekt sitzend. Das weiße Hemd streng geknöpft. Ein kämpferisches Lächeln. Die Lockerheit kommt nicht von ungefähr. Pracht und Genialität sind von gleichem Rang in seiner neuen Welt.

Alexas Geburtstag. Der Anlass zu dieser beschwingten Sause. Eine gelungene Generalprobe für die sommerliche Theaterpremiere, die Hochzeit. Er, ganz spendabler Galant. Sein dürftiger Kassenstand würde sich dank der Verbindung zu der elitären Familie de Breest bald mehren, ist er überzeugt. Von seinen eher dunklen, besser im Verborgenen bleibenden Geschäfte ganz zu schweigen. Gönnerhaft legt er seiner Angebeteten ein faszinierendes Collier um den Hals, hält vor versammelter Gästeschar kniend seine Laudatio.