Tödliche Intrige - Inge Elsing-Fitzinger - E-Book

Tödliche Intrige E-Book

Inge Elsing-Fitzinger

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Beschreibung

Menschen im Strudel dramatischer Gefühle, zwischen bedingungsloser Hörigkeit und beinharter Korruption. Britt Baumann, wohlbehütete Tochter eines integeren Kunsthändlers aus Wien, verliebt sich in Paris in den Kolumbianer Bob Graven, den Mann ihrer Träume. Bedingungslose, sinnliche Leidenschaft bestimmt fortan ihr Leben. Ein von der Mafia kontrolliertes Imperium lässt Bob Graven als Drogenhändler, Geldwäscher, Scheckfälscher zu Höchstleistungen auffahren. Korruption und Brutalität werden zur Selbstverständlichkeit. Die seriöse Familie steht plötzlich einer Eskalation von Gewalt gegenüber.

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Inge Elsing-Fitzinger

Tödliche Intrige

Verderbliche Leidenschaft

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Epilog

l. Kapitel

Bob ist das erste Mal in Wien

Verlobungsreise

Treffen bei Baumann im Büro

Bob reist zurück nach Wien

Robertos neues Zuhause

„Kolumbien ist ein großes Land“

Erinnerungen holten Bob ein.

Ehe auf Probe!

Britt war restlos glücklich

Nichts ist alltäglich

Die Hochzeit des Jahres

Bobs zweifelhafte Termine

Ein wundervoller Morgen

Britt ist entsetzt und schockiert

2. Kapitel. Schrecken am großen See

Die Ruhe vor dem Sturm

Die perfekte Täuschung

Eine bezaubernde Teufelin

Wer trägt die Schuld? Ein fieser Plan.

Erste Erfolge des Reporters Walter

Ein erbitterter Streit

Tragische Momente

Ein fataler Plan

Portofino, ein Ort zum Verlieben.

Begründetes Misstrauen quälte

Eine beinahe greifbare Lösung

Aus Alt mach Neu, die Verwandlung

3. Kapitel

Der gewiefte Reporter

Der große Coup

Mein ist die Rache, sprach der Herr.

Der letzte Tag

Epilog

Impressum

Epilog

Es ist bitterkalt am 15. Dezember 1999. Der Friedhof liegt unter einer dicken Schneedecke. Eingemummt in Schals und dicke Pelze drängt sich die Trauergemeinschaft dicht aneinander. Arme und Reiche, Einfache und Vornehme, Freunde und Bekannte. Die meisten hören nur mit halbem Ohr die rührenden Worte des Pfarrers, denken sehnsüchtig an den warmen Glühwein, der hoffentlich nach den Feierlichkeiten gereicht würde.

Vor dem offenen Grab steht Berthold Baumann. Kunsthändler in Pension. Elegant wie immer. Unverwandt starrt er auf das dunkle, feindliche Loch. Die zahlreichen Kränze und wunderschönen Gestecke bleiben ungesehen, verschwimmen in einem Schleier ungeweinter Tränen. Sein Leid, die unendliche Hilflosigkeit kann man nur erahnen. Der sonst unbeugsam stolze Mann sucht Halt bei einem zarten, schlanken Persönchen, seiner Enkeltochter. Eine einfache Sonnenbrille verbirgt rot geweinte Augen. Blass und zerbrechlich wirkt sie in dem dunkelblauen Umhang.

Andy, Lisas jüngerer Bruder steht tapfer an der Seite des Großvaters. Hartnäckig kämpft er mit Tränen, die wie ein Kloß in seinem Hals stecken.

Es scheint, als müssten die Kinder den alten Mann unter ihre Fittiche nehmen. Gramgebeugt stützt er sich auf Andrews Schulter, fühlt sich geborgen an Lisas Arm. Unendlich schwer fiel ihm dieser Gang zum Friedhof. Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren war er schon einmal hier gestanden, hatte Abschied genommen von seiner geliebten Gattin Valentina. Schon damals schien die Welt für ihn zusammenzubrechen.

Heute muss er seine einzige Tochter auf ihrem letzten Weg begleiten. Schluchzend schwankt er, kann nur mit Mühe das Gleichgewicht halten.

Ein Knabenchor stimmt das Ave Verum von Anton Bruckner an. Baumann blickt kurz auf. Sein Blick bleibt an einem grauen Augenpaar hängen. Gute, Kraft spendende Augen. Es sind die Augen Wielands, seines Freundes und Gefährten durch alle Höhen und Tiefen. Dr. Kurt Wieland war langjähriger Hausarzt der Familie. Wann immer es Probleme gab, war er zur Stelle, wusste Rat, half.

Vor mehr als fünfzig Jahren. Stalingrad. Der Überlebenskampf in dieser mörderischen Schlacht hatte feste Bande geknüpft. Eine Freundschaft fürs Leben war daraus geworden. Schemenhaft flogen Fetzen der Erinnerung in ihm vorbei. Die dreckige Baracke, die Stunde, da er sich hatte aufgeben wollen, die Gefangenschaft. Das Lager verschwand in der endlosen Schneewüste. Eiskalt wehten die Winde aus der Tiefe des unendlich großen Russland. In die Trostlosigkeit der Kälte und des allgegenwärtigen Todes trat ein Arzt. Dr. Wieland.

Auch heute schaffte es Kurt Wieland, seinem Freund Berthold mit einem verständnisvollen Blick, einem kaum merklichen Lächeln die Fassung zurückzugeben. Ein paar Sonnenstrahlen wagten sich durch die dicke Wolkendecke. Plötzlich schien alles erträglicher.

Es muss weitergehen, denkt Baumann. Ich schaffe auch diese Hürde, schon um meiner Enkelkinder willen.

Die Zeremonie war zu Ende. Der Strauß dunkelroter Rosen verschwand langsam mit dem Sarg. „Die Erde hat dich wieder“, sprach der Pfarrer.

„Schlaf wohl, mein gutes Kind. Ruhe in Frieden. Nun kann dir keiner mehr Böses tun. Für Gerechtigkeit haben wir gesorgt, und werden es weiter tun. Ich verspreche es“, flüsterte er kaum hörbar.

Berthold Baumann fühlt eine starke Hand auf seiner Schulter.

„Komm mein Freund!“, lächelt Wieland. „Du musst die Trauergäste verabschieden.“

Die Honoratioren drängten sich, ihm mit mitleidsvollen Gesten ihre Trauer zu bekunden. Der Bürgermeister, einige Minister, Kommerzienräte und deren Gattinnen, viele Stammkunden, die schon Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte bei den Baumanns ausgesuchte Kostbarkeiten erstanden hatten.

Seit drei Generationen führten die Baumanns das große Geschäft am Graben. Unzählige Kleinodien, erlesene Objekte des Wiener Jugendstils, Skulpturen von Gotik bis Barock, Bilder aus verschiedensten Epochen, ausgesuchte Möbel, wobei ihre besondere Liebe dem Biedermeier galt, alte und antike Orientteppiche, Tapisserien, kostbares Markenporzellan und dazu passende Gläser, hatten Großvater, Vater und er, Berthold Baumann zusammengetragen. Wie nichtig schienen ihm in diesem Augenblick all seine Schätze.

Baumann genoss seit jeher den besten Ruf als integrer Geschäftsmann mit großem Sachwissen und bestem Gespür für Kostbares. Nur allzu oft hatte dieser Gauner seine Seriosität zu untergraben versucht.

Dem alten Mann fiel es schwer, die Prozedur des Kondolierens über sich ergehen zu lassen.

Wesentlich leichter wäre dies meinem Schwiegersohn Bob Graven gefallen, denkt er verzagt.

Bob Graven. Gebürtiger Südamerikaner, über zwanzig Jahre lang mit Britt, seiner einzigen Tochter, verheiratet.

Braungebrannt, mit anthrazitfarbenem Kaschmirmantel und Seidenschal. Ein Hüne. Einsneunzig groß, blauschwarzes Haar, buschige Brauen, tiefkastanienbraune Augen, ein Lächeln auf den vollen Lippen. Dieses Lächeln konnte Eisberge schmelzen lassen, durchzuckt es Baumann. Dieses Lächeln hatte auch mein armes Kind einst betört, und mich viele Jahre hindurch getäuscht. Baumann sah ihn vor sich auf Valentinas Beerdigung, damals vor zehn Jahren. Erinnerte sich an jedes noch so kleine Detail. Wann würden diese quälenden Gedanken aus seinem Gedächtnis verschwinden.

Zärtlich wendete er sich an Lisa. Flüsterte ihr ins Ohr:

„Mach du für mich weiter, Kind. Ich schaffe es nicht mehr.“

Freund Wieland war zur Stelle. Ohne Umschweife dirigierte er den Weggefährten durch die Menge. Es brauchte nie vieler Worte.

„Ich bringe dich nach Hause. Ruhe dich etwas aus. Vielleicht kommst du später nach. Die Trauertafel im Sacher ist ausgerichtet. Wir werden dich entschuldigen. Man wird Verständnis dafür haben.“

Die Sonne strahlte nun kräftig vom Himmel, die Luft prickelte, der Schnee glitzerte, blendete in den Augen. Der Nachmittagsverkehr hatte eingesetzt. Karl, der den verehrten Chef schon viele Jahre fuhr, lenkte auch heute die große Limousine mit Geschick durch enge Gässchen und Straßen. Karl kannte sein Wien, kannte Abkürzungen und Schleichwege.

Baumann wollte nicht in sein Landhaus in der Hinterbrühl. Er wollte in der Stadt bleiben. Die Überprüfung der Bücher, der Post- und der Zollpapiere musste nach Bobs zweifelhaftem Abgang mit größter Sorgfalt durchgeführt werden. Verschiedene Geschäftsverbindungen durften nicht weiter bestehen bleiben, mussten dringend annulliert werden.

Außerdem wollte er den Kindern Gelegenheit geben, die wenigen Tage, die sie vom Internat beurlaubt waren, mit ihm zu verbringen.

Die Innenstadt pulsierte in hektischer Samstagsstimmung. Elegant dekorierte Schaufenster. Spaziergänger. Manche genossen den freien Nachmittag oder stimmten sich auf den Sonntag ein. Andere nützten die wenigen Stunden, um letzte Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Es wimmelte von Menschen mit roten Gesichtern und fröhlichem Blitzen in den Augen.

Der Schnee begann zu schmelzen. Von den Dächern klatschten dicke Tropfen. Der Hausmeister sollte Warnstangen aufstellen, es könnte eine Dachlawine abgehen, überlegte er. Die Realität hatte ihn eingeholt.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte er den Schwur getan, seinen Schwiegersohn zu vernichten. Ihn für all das Leid in seiner Familie zu bestrafen.

Sein Kampf hatte sich gelohnt. Ein teuflisches Schicksal hatte dem Elenden den Gnadenstoß versetzt und Baumann damit von einer schweren Last entbunden. Zu spät für dich mein Kind, dachte er wehmutsvoll. Es tut mir so unendlich Leid. Ich konnte dich nicht vor deinem traurigen Schicksal bewahren. Verzeih mir.

„Kann ich dich jetzt alleine lassen?“, mit besorgter Miene hatte Wieland seinen Freund während der Fahrt beobachtet.

„Lass gut sein, Kurt. Kümmere dich bitte um meine beiden Kleinen. Gib ihnen die Kraft, die ich mir erst wieder holen muss. Morgen sehen wir uns, mein Alter.“

Baumann stieg aus, warf die Wagentür hinter sich zu. Nach zwei Schritten machte er kehrt, hieß Kurt das Fenster öffnen. „Grüße unsere Henni von mir.“

Henriette Wieland, von allen in der Familie kurz Tante Henni genannt, war Kurts Gattin und seine älteste und beste Freundin seit frühester Jugend. Was hätte er ohne sie gemacht, als seine Valentina damals viel zu früh von ihm gegangen war. Henni war da, immer und überall. Tröstete, half, umsorgte Britt, spendete Frieden und Freude. Sie war der gute Geist in allen Lebenslagen.

Seit dem Tod Valentinas ersetzte sie Britt oft die Mutter. In der Firma hatte sie ein schier unerschöpfliches Reservoir an guten Ratschlägen bereit. Es konnte kommen, was oder wer wollte, sie wusste eine Lösung, sprang hilfreich ein. Selbstlos, uneigennützig. Als Chefsekretärin und langjährige Mitarbeiterin war sie eine allseits respektierte Persönlichkeit. Der Weg zum Chef führte ausschließlich über ihren Schreibtisch. Unangemeldet hatte man keine Chance. Angemeldet ließ sie die Kundschaft je nach Sympathie zumindest eine Stunde, manchmal auch länger warten. Mit allen Problemen und persönlichen Eigenarten ihres Chefs hinlänglich vertraut, hatte sie sein volles Einverständnis für ihr Tun. Der engmaschige Terminkalender irritierte sie kaum. War sie einmal nicht da, was tatsächlich höchst selten vorkam, lief zumindest einiges, wenn nicht alles, schief.

Es fiel Baumann schwer, sich aufrecht zu halten. Erschöpft, unsäglich traurig, einsam war er. Aber Henni würde wieder da sein mit ihrer Engelsgeduld und ihrem offenen Herzen. Sie würde die Schatten verjagen helfen.

l. Kapitel

Berthold Baumann war im Frühling 1926 in der Hinterbrühl bei Wien zur Welt gekommen. Hineingeboren in eine gute Zeit, in eine intakte Familie, die es durch Tüchtigkeit und Fleiß zu beachtlichem Besitz und Vermögen gebracht hatte: ein schlossähnliches Herrenhaus am Stadtrand, ein Gärtnerhäuschen, eine in die Landschaft eingebundene Garage, in deren Obergeschoss eine gemütliche Wohnung dem jeweiligen Chauffeur zur Verfügung stand. Ein prächtiges Anwesen mit großem Park, herrlichen Blumenrabatten. Das Herzstück des Gartens: ein Springbrunnen mit großem Auffangbecken, in dem sich im Sommer Dutzende Goldfische tummelten. Fasane und Pfaue spazierten in den weitläufigen Anlagen frei herum. Der Gärtner Fridolin schaltete und waltete in diesem Reich, seine Gattin Marlies diente der Familie als Kinderfrau. Sie stand ihm an Herzensgüte und Selbstaufopferung in keiner Weise nach.

Eine Köchin sorgte für das leibliche Wohl. Mit Liebe und Hingabe zauberte sie stets erlesene Köstlichkeiten auf den Tisch, egal zu welcher Zeit der Herr Gäste nach Haus brachte, oder die gnädige Frau ihre Wünsche äußerte.

Berthold verbrachte seine Kinderjahre in einer Atmosphäre der Ruhe, des Friedens, der Geborgenheit. Geld spielte keine Rolle. Man lebte nicht in Saus und Braus, weil man von Natur aus bescheiden war. Aber man konnte sich alles leisten, was das Herz begehrte und ließ auch die Dienstboten nie zu kurz kommen. Kein Streit trübte die herzliche Atmosphäre

„Was du in der Kindheit erlebst, mein Sohn, prägt dich fürs ganze Leben“, meinte der Vater.

Die Köchin Rosa kniff ihre fröhlichen Augen stets verschmitzt zusammen. Der kleine Bub fand die korpulente Frau wunderschön. Hinter ihren wallenden Röcken konnte er sich so wunderbar verstecken. Am liebsten hockte Berti unter dem großen Küchentisch und wartete geduldig, wie ein kleines Hündchen, auf einen Leckerbissen, der planmäßig für ihn abfiel.

Seine Mutter schimpfte manchmal und Marlies ließ ihren strengen Blick schweifen. Sie war groß und schlank, trug stets hochgeschlossene Kleider in ausnahmslos dunklen Farben. Scheinbar unnahbar, verschlossen, führte sie ein absolut despotisches Regime.

Der kleine Bert wusste es besser. Durch ihre vergoldete Brille blickte sie meist vorwurfsvoll. Sie hatte die amüsante Angewohnheit die Augenbrauen fragend hochzuziehen und unbeweglich, wie eine Schaufensterpuppe, zu ihm hinunterzublicken. Verdutzt dreinschauend, zupfte er sie dann am Rockzipfel und flüsterte mit Engelsstimme.

“Hab deinen Berti wieder lieb, meine gute, beste, allerliebste Marlies.“

Kein einziges Mal misslang ein solcher Versöhnungsversuch. Die Kinderzeit verging in Windeseile. Das Herumtollen mit Fridolin, der über die ausgelassenen Spiele mit dem kleinen Herrn sogar seinen quälenden Rheumatismus vergaß. Der Ernst des Lebens begann. Ein Chauffeur wurde eingestellt, der Berthold in die Volksschule, später dann ins Gymnasium der Piaristen brachte. Papa bestand auf den Besuch einer Privatschule. Er hatte alle Freunde aus der Volksschule verloren und vermisste sie. Mama versuchte ihn schon sehr früh für die edlen Dinge des Lebens zu gewinnen. Theatervorstellungen, sorgsam für den Geschmack des Jungen ausgewählt. Ballettabende und gute Musik.

Was moderne Rhythmen und das Leben an sich betraf: Diesen Bildungsgang absolvierte er zielstrebig mit und bei seinen Klassenkameraden.

Der junge Berthold liebte schon früh die erlesenen Kunstgegenstände im Geschäft, sehr zum Wohlgefallen des Vaters. Mit Geschick weckte er in seinem Kind die Liebe zu Kostbarem.

Auch der schönste Traum hat einmal ein Ende. Der Krieg war ins Land gezogen. Berthold war gerade siebzehn Jahre alt und hatte seine erste große Liebe gefunden.

Auf dem Tennisplatz hatte ihm seine Freundin Henriette dieses wundervolle Geschöpf vorgestellt: Valentina. Sein Herz jubelte. Verwirrt und überglücklich konnte er nicht mehr essen, nicht mehr schlafen.

Valentina. Ein anbetungswürdiges Geschöpf. Lange Beine, eine knabenhafte Figur, blondes schulterlanges, welliges Haar. Ein Gesicht wie aus Porzellan, ein makelloser Körper. Ihre strahlend blauen Augen lachten, schon ehe ihre Lippen sich dazu entschlossen. Sie spielte wunderbar Klavier und nahm Gesangsunterricht.

Ein Lächeln. Mitten im Satz war er verstummt. Starrte sie gebannt an. Den Kopf schräg gestellt, musterte sie ihn kurz. Ein leicht belustigtes Augenzwinkern. Eine eher kühle Kenntnisnahme seiner Verwirrung.

Aus einer vernünftigen, möglicherweise werbenden Konversation wurde lediglich das klägliche Stottern eines Primaners. Sein Gesicht hatte sich mit peinlicher Röte überzogen. Von einem Bein auf das andere zappelnd, suchte er vergeblich nach Worten. Kein brauchbarer Gedanke war zu finden. In seinen Gehirnwindungen tanzte ein verrückter Bienenschwarm.

Seine Freundin Henriette, dieses Biest, genoss den Augenblick in vollen Zügen. Erheiterte sich diabolisch über seine Verlegenheit.

Sie war die Tochter einer der Damen aus Mamas Teerunde. Jeden Donnerstag pünktlich um 16 Uhr 30. Ein Jour Fix mit Tradition. Man führte neueste Modelle aus, trug den kürzlich erworbenen Schmuck mit gespielter Nonchalance, ließ sich bewundern, beneiden.

Hennis Vater, Generaldirektor Fichtenberg, Besitzer und Vorstandsmitglied eines renommierten Geldinstitutes in der Innenstadt, war der beste Freund seines Vaters, schon von Jugend an. Fleißig, ehrenwert und tüchtig, doch mit einem einzigen, gravierenden Fehler. Er war Jude.

Jude sein bedeutete für viele Menschen den sicheren Tod. Durch Glück, mehr noch durch Beziehungen, wurde Herr Fichtenberg auf die so genannte Begnadeten-Liste Goebbels gesetzt. Er überlebte, konnte sich ins Ausland absetzen. Für den Rest der Familie begann eine qualvolle Zeit.

Darum verbrachte Henriette auch die meiste Zeit in der Hinterbrühl. Eifrig wurden Rettungspläne ausgearbeitet und wieder verworfen, um Platz für neue zu schaffen. Offiziell schwieg man und wusste von nichts. Ein falsches Wort zur falschen Zeit hätte Menschenleben gekostet.

An einem Montagmorgen läutete es sehr früh. Ein Eilbote. Dringlich wedelte er mit einem Einschreibebrief der Kommandanturstelle in Wien. „Ich brauche die Unterschrift von Berthold Baumann, Fräulein", ächzte der beleibte Briefträger.

„Und a bisserl dalli, wenn i bitten darf. I hab heut no mehr solche Hiobsbotschaften auszutragen.“ Mama war herbeigeeilt. Verzweifelt hielt sie das bedrohliche Dokument in Händen. Rosi stürzte aus der Küche. Aufgeregtes Geschnatter. Der Junge stand erwartungsvoll am Treppenabsatz.

„Na junger Mann, kommans runter und machens schon eana Kraxen auf des Formular. I habs eilig.“ Das Gesicht des Postmannes erhellte sich. Rosi hatte ihm ein tüchtiges Stamperl Obstbrand gereicht.

Beiläufig kritzelte der junge Herr seine Unterschrift auf die Empfangsbestätigung. Stolz unterzeichnete er den Einberufungsbefehl.

Für Mama stürzte eine Welt zusammen. Erst der Mann, nun der Junge. Sie war einer Ohnmacht nahe. Rosi rannte weg. Marlies lehnte versteinerte an der Marmorsäule. Ihre ernsten Augen füllten sich langsam mit Tränen. Die Arme ausgebreitet, zog sie ihren Jungen innig an sich. Flüsterte Worte, die eher sie als ihn trösten sollten. „Es wird gut, Berti, alles wird wieder gut.“

Doch es sollte viele Jahre dauern, lange, bittere, kaum zu ertragende Jahre. Die schönsten Jahre seiner Jugend sollten vergehen, ehe alles gut wurde.

Bob ist das erste Mal in Wien

Familie Baumann wohnte in einem gediegenen Appartementhaus in Wiens Innenstadt. Zur Jahrhundertwende erbaut. Edel und teuer. Fünf Stockwerke türmten sich vor dem staunenden Bob Graven auf. Der Dachfirst mit teils vergoldeten allegorischen Gestalten geschmückt. Plattgold-Reliefs verzierten die ersten beiden Stockwerke. Im Mitteltrakt schmiedeeiserne Balkone. Gediegenstes Kunsthandwerk.

Gebannt stand er vor dem imposanten Bau, überprüfte nochmals die Nummer, in Stein gehauen über dem mächtigen Portal. Zu beiden Seiten des Tores große Auslagenfenster, kostbare Antiquitäten.

Forsch griff er zur massiven Klinke, drückte das riesige Schmiedeeisentor auf. Zum ersten Mal betrat er das Allerheiligste. Ein Gedicht aus Marmor und Spiegeln. Die Eingangshalle mit Pförtnerloge, ein kleines Büro aus schwerem, dunklen Holz. Ein ältlicher Mann, hager, grauhaarig, blickte kritisch. Wachsame Augen nahmen den Eindringling unter die Lupe: Junger Mann, etwa dreißig, etwa einsneunzig groß, sehr kräftig und muskulös gebaut. Ja, Leopold kannte sich aus im Einschätzen von Menschen. Spekulieren war eines seiner Lieblingshobbys. Der Polizei hätte er einen urteilssicheren, kompetenten Zeugen abgegeben. Die Kleidung: Tweedjacke zu grauen Flanellhosen, ochsenblutfarbene Mokassins. Für Leopold war dieser gut aussehende Mann in Ordnung.

“Kann ich behilflich sein, mein Herr?“ Der typisch wienerische Klang rang Bob ein Lächeln ab. Seit seiner Landung am Flughafen Wien-Schwechat hatte er noch kein einziges Wort in diesem charmanten Dialekt gehört. Der Taxichauffeur war Italiener, der Mann an der Gepäcksaufbewahrung Tscheche, und im Cafe gegenüber, wo er sich bei einer Melange und einem Nusskipferl für seinen großen Auftritt sammeln wollte, bediente ihn eine reizende Japanerin. International, aber nicht wienerisch. Sein Entschluss stand fest. Hier würde er Fuß fassen. Er wollte unbedingt diesen Ort zu seinem neuen Zuhause machen, wenn er auch noch nicht ganz genau wusste, wie er es anstellen sollte.

Mit Britt hatte er leichtes Spiel. Sie liebte ihn bedingungslos, dessen war er sich ganz sicher. Aber wie würde er bei den Eltern ankommen?

„Was wünschen Sie, mein Herr?“, wiederholte der Pförtner etwas forscher.

„Oh, sorry Mister, entschuldigen sie, ich suche die Familie Baumann, besser gesagt das Fräulein Britt Baumann. Sie wohnt doch hier?“

„Gewiss, gnädiger Herr“, entgegnete Leopold mit einem gewichtigen Unterton in der etwas flachen Stimme:

Der Portier machte kehrt, nahm den Hörer ab und wählte die Nummer der Baumanns.

„Gnädige Frau, küss die Hand, hier spricht der Leopold", schnaufte er aufgeregt. „Hier bei mir steht ein fescher, junger Mann und möchte der Gnädigen und dem Fräulein Tochter seine Aufwartung machen.“

Unwirsch drehte er sich nach Bob um: „Na, sagn’s mir scho endlich ihren Namen, junger Mann“.

Bob konnte das Grinsen nicht mehr verbergen. Strahlende Zähne kamen zum Vorschein. Er beeilte sich seinen Namen zu nennen.

„Bob, oh Verzeihung, Robert Graven“.

Leopold schüttelte den Kopf. Wieso entschuldigt sich der Mensch und nennt dann einen anderen Namen.

„ Der Herr heißt Robert Graven“ buchstabierte er nun laut und deutlich.

„Ja, ja, Bob heißt er auch, liebes Fräulein Britt. Darf ich den Herrn weiter bitten.“

Sichtlich zufrieden gestellt durch die freudige Überraschung, die seine Meldung ausgelöst hatte, bat er den Gast zum Lift.

„Die Herrschaften wohnen im ersten Stock.“ Er dienerte höflich und überließ Bob seinem Schicksal.

Der Fahrstuhl war eine Klasse für sich. Wände mit Walnuss paneeliert, ovale, abgeschrägten Spiegel, ein Perserteppich am Fußboden, eine Kristallleuchte an jeder Wand. Ein Glockenton signalisierte die Ankunft. Die Türe öffnete sich gemächlich - vor ihm stand Britt. Hinreißend anzusehen, in jugendlicher Frische, mit leicht zerzausten Locken und sanft geröteten Wangen.

Tausend Gedanken waren Britt in letzter Zeit durch den Kopf geschwirrt. Vergeblich waren die Bemühungen, die wilden Liebesnächte aus ihrer Erinnerung zu löschen. Die Sehnsucht kehrte immer wieder, überflutete sie mit Hitze und Kälte zugleich. Das war kein oberflächlicher Sex, damals, das war viel mehr. Mit jeder Umarmung waren die Gefühle intensiver, leidenschaftlicher aber auch liebevoller geworden. Nun war er da, stand vor ihr, und sie zitterte überwältigt vor Glück.

„Bob, ich freue mich so, dich zu sehen. Warum hast du mir deine Ankunft nicht mitgeteilt? Wann bist du angekommen? Woher kommst du?“

Alle Fragen sprudelten gleichzeitig heraus. Sie plapperte ungereimtes Zeug, um ihre Verwirrung zu überspielen. Hastig stolperten die Worte über ihre Lippen.

Er schwieg, lächelte sie an, machte zwei Schritte auf sie zu und nahm sie in die Arme. Zärtlich strich er durch ihr Haar. Zwei riesige Blumensträuße landeten unbeachtet am Boden. Er küsste sie auf Augen, Stirn und Mund und hielt sie dann etwas von sich.

„Lass dich anschauen, meine Prinzessin!“

„Anschauen kannst du mich später“. Sie hatte sich wieder gefangen und spielte nun auf extrem locker.

„Jetzt heb’ erst einmal das Gemüse vom Boden auf und komm weiter. Mama erwartet uns im Salon. Papa ist auf einer Auktion.“

Eine Tür in der weiträumigen Diele öffnete sich. Fast geräuschlos huschte eine junge Frau neugierig an ihnen vorüber. Wie ein Lauffeuer sprach es sich herum: Ein Kavalier für das gnädige Fräulein ist angekommen.

Mina, die Zugehfrau, zirpte dem geduldigen Chauffeur Friedrich das Trommelfell voll. Aufregung breitete sich im ganzen Haus aus.

„Rosi, wir brauchen Vasen. Große. Bitte setz gleich Kaffee auf. Vergiss den Kuchen nicht.“

„Du magst doch Kuchen, oder?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, stürmte sie weiter und zog Bob hinter sich her. An den Wänden der Diele, alte Landkarten und Stiche. Kunstvoll gearbeitete Leuchten.

Eine große Glastüre führte in den eleganten Salon.

Stuckarabesken am Plafond, prächtige Ölbilder alter Meister in kostbaren Rahmen an den Wänden. Der Glanz der Silberleuchter und Ziergegenstände reflektierten sich in einem riesigen Florentinerspiegel. Vier Fenster reichten vom Erdboden bis fast zur Decke, mit schweren Samtvorhängen dekoriert. Eine dreiflügelige Tür gab den Blick auf die Dreifaltigkeitssäule am Graben frei.

Der Raum war im späten Biedermeier eingerichtet. Bob kannte diese Motive zur Genüge. Während des letzten halben Jahres hatte er sich mit großem Eifer in das Studium der Kunstgeschichte gestürzt. Schwerpunkte waren das achtzehnte, neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert. Nun konnte er mit einem recht ordentlichen Fachwissen aufwarten. Auf einer Chaiselonge ruhte Mama, Valentina Baumann. Zart, durchscheinend, zerbrechlich. Ihre blassen Züge strahlten Eleganz und Vornehmheit aus. Sie lächelte. Streckte ihm ihre schmale, weiße Hand entgegen. Der Hauch eines dezenten Parfums.

„Herzlich willkommen, Herr Graven! Bitte nehmen sie Platz“. Eine Stimme wie Harfenspiel, angenehm, melodisch.

Bob hatte sich als gewandter Geschäftsmann schnell im Griff, brachte eine höfliche Entschuldigung wegen seines überfallsartigen Erscheinens vor: „Eine unerwartete Geschäftsreise führt mich nach Italien. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich meine Reisepläne etwas korrigierte und mir einige Tage in ihrer herrlichen Stadt gönnen wollte.“

Mama nickte freundlich, Britt grinste. Bob saß da und wartete auf die Einladung, die Tage im Hause Baumann verbringen zu dürfen. Doch vorerst schien sich niemand mit diesem Thema beschäftigen zu wollen. Ungezwungen setzte er die Unterhaltung fort. Lobte das traumhafte Haus, die prächtige Lage im Zentrum der Stadt mit überschwänglichen Worten.

Endlich brachte Rosi Tassen, Schalen, eine Kanne und Kännchen auf einem silbernen Tablett. Streifte eine Tischdecke über den Glastisch, legte silberne Gabeln und Löffel auf. Augartenporzellan, Rosa Rose, registrierte das geschulte Auge Bobs. Selbstverständlich, bei Baumanns war das Feinste gerade gut genug.

Das pummelige Mädchen, lustiger Pagenschnitt, blitzsauberes, gestärktes Schürzchen, schenkte Kaffee ein, reichte köstlich duftendes Backwerk.

Geschäftig legte Britt passende Servietten zum Gedeck und arrangierte die Blumen, die mittlerweile in großen Vasen aus zum Kaffeegeschirr passendem Porzellan auf der Anrichte gelandet waren.

Könnte ein Italiener sein, rätselte Rosi. Dabei redet er fast so gut deutsch wie wir. Nun, ich werde es schon noch rauskriegen. Sie knickste etwas unbeholfen.

„Du hast dich an meine Lieblingsblumen erinnert“, strahlte Britt. Verschmitzt zwinkerte sie ihm zu.

„Erinnerst du dich noch an unser erstes Rendezvous im Parc de Luxembourg. Du brachtest einen ganz ähnlichen Strauß mit. Ich hielt es damals schon für ein gutes Omen.“ Zärtlich strich sie über die zartrosa Blüten der Gerbera.

Glück gehabt, dachte Bob insgeheim. Beim besten Willen konnte er sich nicht mehr daran erinnern, welche Blumen er damals für sie gewählt hatte. Lächelnd nahm er das Kompliment an. Valentina errötete etwas. Vergnügt dachte sie, der Kerl sieht ja wirklich gnadenlos gut aus, ist witzig und hat Charme.

„Es tut gut, wieder einmal frischen Wind in die verstaubten Räume zu lassen.“ Sie zupfte an ihrem bunten Chiffonkleid, strich sich mit den gepflegten Händen durchs Haar, ordnete, völlig unnötig, nochmals sorgsam die Tassen.

Britt blickte sie überrascht an.

„Geht es dir gut Mama?“ Ihre Stimme klang besorgt.

Ein glücklicher Ausdruck spielte um Valentinas Mund. „Ich freue mich über ihren Besuch, Herr Graven. Es wäre unverzeihlich gewesen, wenn sie sich nicht gemeldet hätten.“

Sie lehnte sich behaglich in die Brokatkissen zurück und bat Britt, die großen Erkerfenster zu öffnen.

„Lass bitte Frühlingsluft herein, ehe Papa kommt.“ Dann wendete sie sich zu Bob: „Mein Mann hasst den Straßenlärm und das Treiben am Graben. Manchmal ist es ja wirklich zu laut, doch heute scheinen nur artige Touristen unterwegs zu sein“, scherzte sie. Langsam geriet das Gespräch ins Stocken.

“Geht doch auf die Terrasse, ihr habt Euch bestimmt eine Menge zu erzählen. Ich werde mich ausruhen, bis Papa nach Hause kommt.“

Die Beiden waren froh, endlich lang ersehnte Zärtlichkeiten austauschen zu können.

„Sie bleiben doch zum Abendessen“, rief Valentina dem Gast nach.

Bob schritt von hinten an Britt heran, beugte sich charmant über ihre Schultern, küsste ihr glänzendes Haar, sog ihren erregenden Duft ein.

Britt schwebte. Endlich hatte sich ihr Traum erfüllt. Bob war gekommen. Seit Monaten lebte sie zwischen Bangen und Hoffen, zwischen Zweifeln und Sehnsüchten. Jetzt konnte sie ihn fühlen, sich seinen faszinierenden Liebkosungen hingeben. Ein leidenschaftlicher Kuss. Alles Irdische wurde unwirklich. Grenzenloses Glück ließ sie in seinen Armen dahinschmelzen.

Langsam brach die Dämmerung herein. Eine zarte Brise in den Wipfeln der alten Ahornbäume. Blumenbeete mit orangefarbenen Rosensträuchern, das Plätschern des kleinen Springbrunnens, der Abendgesang eines Rotkehlchens. Britt lehnte trunken vor Glück an Bobs kräftiger Schulter. Sie fühlte sich unsagbar geborgen. Mit ihm würde sie alle Tiefen durchtauchen, alle Gipfel stürmen. Niemand würde sie aufhalten mit diesem Mann an der Seite.

Verlobungsreise

Im Frühling war Britt mit Marcus Wieland, dem Sohn des besten Freundes ihres Vaters, nach Paris gefahren. Verlobungsreise. Marc hatte ein umfangreiches Programm zusammengestellt, keine Sekunde sollte verloren gehen, die Stadt mit Haut und Haar verschlungen werden.

Ein Taxi brachte sie ins Ritz. Man hatte reserviert, wurde sofort in eine Suite im zweiten Stock gebracht. Alles perfekt. Die weit geöffnete Balkontüre, der herrliche Raum in glitzerndem Licht. Eine Flasche Champagner, ein bunter Obstkorb mit erlesenen Früchten auf dem Tisch.

Britt verlor keine Zeit. Nach kaum zehn Minuten war sie bereit, die herrliche Stadt zu erobern.

„Für eine Frau bist du bemerkenswert schnell, alle Achtung", lachte Marc heiter, und erhob sich aus dem bequemen Stuhl am Balkon.

„Oh Marc, ich bin so aufgeregt“, stammelte sie atemlos. „Komm, lass uns gehen, ich kann es kaum erwarten.“

Es wurde ein herrlicher Tag. Die Sonne. Ein blitzblauer Himmel. Die Riesenmetropole eingehüllt in warmes, pulsierendes Licht.

Am Nachmittag landeten sie reichlich erschöpft in einem typischen Pariser Bistro. „Sightseeing macht hungrig und durstig!“ Strahlte Britt begeistert und biss in ein knuspriges Baguette.

Britt wollte unbedingt auf den Mont Martre, mit seinen Künstlern und Puppenspielern, seinen engen Gässchen und romantischen Lokalen.

„Wir haben doch auch noch morgen Zeit, mein kleiner Liebling“, versuchte Marc sie zu bremsen. Aber Britt wollte Paris in einem Tag erobern, war nicht aufzuhalten. Gottergeben stapfte Marc hinter ihr her, ließ sich von ihrem, aus dem Reiseführer vorgelesenem Wissen beeindrucken. Oft hörte er nur mit halbem Ohr hin. Seine Beine schmerzten. Britt war mitleidlos.

„Weiter, weiter, mein Alter, keine Müdigkeit vorschützen! Rasten kannst du wieder im Büro. Bei mir findest du keine Gnade. Der Berg wird erklommen.“ Marc stand am Fuße des Hügels, der ihm in diesem Zustand totaler Erschöpfung unbezwingbar schien. Er starrte auf das weiße Wunderwerk. Sacre Coeur. Ein Bauwerk, für die Ewigkeit geschaffen, da kam es doch auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht mehr an. Heute würde er diese Tortour kaum noch bewältigen, überlegte er völlig ausgelaugt. Britts unverschämter Enthusiasmus duldete keinen Aufschub.

Eine Zahnradbahn erleichterte den Aufstieg. Unmengen von Kunstwerken junger Maler, die ihre Bilder den Touristen feilboten. Neben erbarmungslosem Kitsch, auch einige bemerkenswerte Stücke. Britt jauchzte, eilte von einem Stand zum nächsten. Sie sprudelte ihre Bewunderung für Maler, Scherenschneider und Kunsthandwerker in fließendem Französisch heraus.

„Du bist ja das reinste Sprachgenie“, lachte er erheitert. Kurz darauf zerrte er sie in ein winziges Restaurant an der nächsten Ecke. Wacklige Stellagen, eine Vielzahl bunter Meeresfrüchte. Sie wählten Muscheln und Krebse. Vertrieben sich die endlose Wartezeit mit köstlich knusprigem Weißbrot, schlürften Rotwein.

Zu guter Letzt waren sie doch wieder in der geräumigen Suite angelangt. Total ermüdet fielen sie in die Betten. Glücklich. Die schwere Turmuhr, irgendwo, über den Dächern von Paris dröhnte zwölf dumpfe Schläge durch die sternenklare Nacht.

„Nun lass uns aber schlafen, sonst überstehen wir den morgigen Tag nicht.“ Britt kuschelte sich in Marcs Arme und schlief sofort ein.

Vögel stimmten ihren morgendlichen Gesang an. Am glatten Himmel tummelten sich vereinzelte Zirruswölkchen. Paris wartet darauf, von neuem erobert zu werden.

Der Louvre. „Nur der Kunst weih ich mein Leben“, deklamierte Britt mit gespieltem Ernst, und verbeugte sich untertänig vor den mächtigen Steinbüsten hoch über ihren Köpfen.

Britt versank eben in der traumhaften Joan Miro Sammlung, als sie Marc in angeregtem Gespräch mit einer lebhaften, sympathischen Stimme vernahm. Ein ihr unbekannter, sehr attraktiver Mann, unterhielt sich intensiv mit ihrem Begleiter. Lächelnd trat sie näher.

„Liebling!“ Marc streckte ihr die Hand entgegen und zog sie an sich.

„Das ist Bob Graven, er wohnt in unserem Hotel, hat uns heute Morgen beim Frühstück gesehen. Er wollte die Gelegenheit nutzen, sich uns vorzustellen.“

„Mademoiselle!“ Charmant beugte er sich flüchtig über Britts Hand. Keinen Moment verlor er den Kontakt zu ihren schönen Augen.

Britt stand da, starrte ihn gebannt an. Ein interessanter Typ. Aber auch etwas anderes war da, was sie bis zu diesem Augenblick noch nicht gekannt hatte. Liebe auf den ersten Blick!!!

Ihr Mund wurde trocken, die Augenwinkel zuckten, auf den Handflächen bildete sich kalter Schweiß. Der Boden schien unter ihr wegzugleiten. Die großen Meister verschwammen zu abstrakten Bildern, die öligen Farben drohten sich über sie zu ergießen. Marc versuchte sie festzuhalten.

„Willst du dich einen Moment setzen, Liebes. Du bist ja ganz blass. Kann ich irgendwas für dich tun?“

Da gab es nun wirklich nichts, was Marc hätte tun können. Vielleicht eines, diesen Bob Graven aus ihrem Gesichtsfeld zu verbannen. Aber wie sollte der arme Kerl das ahnen. Bob blieb starr und fest auf dem gleichen Fleck stehen und lächelte hinreißend.

„Gnädiges Fräulein, ich hoffe, sie erholen sich bald.“

Forsch dirigierte er sie zu einem gepolsterten Hocker. Marc befeuchtete sein Taschentuch mit kühlem Wasser, legte es auf Britts Stirne.

„Atmen Sie tief durch. Die Farbe kehrt in die zarten Wangen zurück.“

Marcs besorgte Miene hellte sich auf. Nach einer kurzen Pause hatte sie sich wieder einigermaßen im Griff.

„Gehen wir weiter. Es gibt noch so viele Kunstwerke zu bewundern“, schwatzte sie nun etwas zu laut, etwas zu schnell und etwas zu nervös.

Sie musste sich eingestehen, dass alle Kunstwerke neben diesem Kunstwerk von Mann, der nun an ihrer rechten Seite stand, verblassten.

Diese nachtschwarzen Haare, diese breiten Schultern, diese raffiniert gewählte Kombination aus silbergrauer Kaschmirhose und weinrotem Sakko. All das wurde jedoch zur Nebensache bei einem Blick in seine glühenden Augen. Krampfhaft hielt sie sich an Marcs Arm fest, versuchte vergeblich sich auf die Gemälde zu konzentrieren. Ihre Augen suchten unwillkürlich immer wieder nach Bob. Sie verschlangen ihn förmlich. Ein unverschämt wohliges Gefühl breitete sich in ihrem Körper aus.

„Lass uns eine Pause machen, Marc. Ich hab schrecklichen Hunger.“ So eine Dummheit, schalt sie sich im gleichen Augenblick. Ich würde bestimmt keinen Bissen essen können, solange dieser Mensch in meiner Nähe ist.

Doch Bob dachte nicht daran, sich aus dem Staub zu machen.

„Darf ich sie zu einem erfrischenden Imbiss in mein Lieblingsbistro am Quaie de Luxembourg einladen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten öffnete er die Wagentür des nächsten Taxis und bugsierte beide auf die Rücksitze.

„Sie werden es nicht bedauern, meine Einladung angenommen zu haben. Ich garantiere für beste Qualität und gediegenen Service.“

Wenn Marc gewusst hätte, was folgen würde, musste, er hätte nicht nur bedauert, er hätte entschieden abgelehnt. Gemeinsam fuhren sie durch die lebendige Stadt mit hunderten von Ampeln, sechsspurigen Straßen, dem brandenden Verkehr, einem neuen Abschnitt in Britts Leben entgegen.

„Sie sind, verzeihen sie die Frage, kein Europäer, Herr Graven?“ hörte sie Marc plötzlich neugierig fragen.

„Das stimmt, Herr Wieland. Herr Doktor Wieland“, verbesserte er sich. Doch Marc unterbrach ihn bestens gelaunt:

„Nennen sie mich doch einfach Marc. Der Engel an meiner Seite heißt Britt, und Ihren Namen haben wir uns gemerkt. Bob, stimmt das? Wohl die Abkürzung von Robert?“

Britt verstand die Welt nicht mehr. Der allzeit bedachte, zurückhaltende Marc drängte sich diesem Fremden förmlich auf.

„Meine Heimat ist Südamerika, Kolumbien. Allerdings lebe ich schon seit einigen Jahren hier in der Nähe von Paris“, kam die reichlich nüchterne Antwort. „Meine Mutter war Österreicherin, genauer gesagt Wienerin, aus dem vierzehnten Bezirk. Daher auch mein hoffentlich einigermaßen brauchbares Deutsch.“ Bob hatte gewaltig untertrieben. Er beherrschte die deutsche Sprache nahezu akzentfrei und mit einer Perfektion, die jeden studierten Dolmetscher vor Neid hätte erblassen lassen.

„Das erklärt natürlich einiges“, plauderte Marc unbeschwert weiter.

Wie fernes Rauschen hörte Britt die Unterhaltung der beiden Männer. Ihre Gefühle schlugen Purzelbäume, wirbelten in einem Gewirr freudiger Erregung, ängstlichem Erwarten, unbewusster Vorahnung. Keine Chance, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie fühlte sich willenlos.

Bob hatte nicht zuviel versprochen. Die Atmosphäre des lauschigen Lokals mit dem klitzekleinen Gärtchen, seiner Laube, seinen bunten Lampions an den Sprossen einer schattigen Pergola. Britts Appetit kam nun doch wieder. Übermütig naschte sie einmal von Marcs und dann von Bobs Teller.

„Wir müssen zurück ins Hotel, Britt. Wir haben Karten für die Oper heute Abend. Entschuldigen sie uns, Bob.“

„Was gibt es da zu entschuldigen“, lachte dieser ausgelassen. „Wir fahren gemeinsam. Ich erwarte in einer Stunde einen wichtigen Anruf.“

Nicht anzubringen, dieser Klammeraffe, dachte Britt, musste sich allerdings im nächsten Augenblick eingestehen, dass sie die Gegenwart dieses Mannes faszinierend fand.

„Un télégramme pour Monsieur!“ Der Boy schwenkte ein Poststück vor Marcs Gesicht.

„Es liegt schon mehrere Stunden hier, wir konnten sie leider nicht erreichen, Monsieur“.

Marc überflog die Zeilen. Sein Gesicht nahm einen ärgerlichen Ausdruck an. Beinahe wütend wandte er sich an Britt. „Diese unverschämten Kollegen schrecken auch vor nichts zurück. Ich muss mich dringend mit einem Anwalt hier in Paris in Verbindung setzen. Es handelt sich um einen sehr heiklen Fall auf internationaler Ebene. Zu dumm, gerade heute. Hätte ich nur niemandem das Ziel unserer Reise verraten.“ Abermals las er Namen und Adresse der Kanzlei, blickte sie dann entschuldigend an.

„Was machen wir nun mit den Opernkarten? Ich habe mich so darauf gefreut, mein Schatz.“ Ein unheilvoller Geistesblitz durchzuckte ihn. „Bob, würden sie Britt in die Oper begleiten? Du hast doch nichts dagegen, mein Schatz“, wandte er sich zögernd an Britt.

Ohne mich zu fragen, verschachert er mich an diesen Bob. Marc, wenn du wüsstest, was du dir da einhandelst. Im Augenblick schien diese Lösung für Marc die einzig richtige zu sein.

Mit galantem Lächeln willigte Bob ein, warf Britt einen fragenden, gleichzeitig fordernden Blick zu, der sie wohl unbedingt daran hindern sollte abzulehnen. Das wäre ihr auch bestimmt nie in den Sinn gekommen. Sie wollte die Oper besuchen und Bob war nun wirklich kein übler Begleiter. Zögernd akzeptierte sie Marcs Vorschlag. In ihrem Bauch begannen unverschämte Schmetterlinge wie verrückt zu tanzen.

Balkon, 1. Reihe, Mitte. Zwei herrliche Plätze. Bob wie aus einem Herrenmagazin entstiegen. Mitternachtsblauer Smoking, Lackschuhe, blassblaues Hemd. In der Masche an seinem Hemdkragen eine goldene Nadel mit einer Perle. Britt beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Einige Leute starrten das schicke Paar reichlich unverschämt an. Britt hatte das kleine, genauer gesagt, das etwas größere Schwarze gewählt. Die silbergraue Perlenkette. Papas Geschenk zum einundzwanzigsten Geburtstag. Hochgesteckte Haare. Ein paar verirrte Strähnchen an ihrem schlanken Hals. Der eiserne Vorhang hob sich.

„Salvatore Dali hat sich selbst übertroffen“, flüsterte sie erklärend. Bob lächelte. Die Musik setzte ein. Auerbachs Keller lud das Publikum zu einem ausgelassenen Studentenumtrunk. Sie liebte die Musik von Jacques Offenbach. Die meisterhafte Virtuosität. Heute war ihr Glückstag. Ihre Lieblingsoper, der Traummann an ihrer Seite. Bob reichte ihr galant das Opernglas, berührte flüchtig ihre Hand. Ein Schauer. Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Ärgerlich versuchte sie der wunderbaren Musik zu folgen, doch es wollte absolut nicht gelingen.

Donnernder Applaus riss sie aus unverschämten Träumen, die sie ohne Gewissensbisse genoss. In ihren Ohren hallten die Klänge der Barkarole weiter, hüllten sie in einen Strudel von Begierde. „Schöne Nacht, du Liebesnacht, stille mein Verlangen.“

„Und jetzt?“, fragte die wohltuend weiche Stimme nahe an ihrem Ohr. „Müssen sie sofort zurück ins Hotel, oder unternehmen wir noch etwas.“

Pflichtschuldig blickte Britt auf die Uhr und stellte dann nach außen hin völlig kühl fest: „Wir haben Zeit. Marc ist bestimmt noch nicht zurück. Wir können ja später im Hotel anrufen und Bescheid geben.“

„Wir erobern den Eiffelturm. Einverstanden?“ Bob hatte diesen Satz zwar als Frage klingen lassen, doch erwartete er offensichtlich keine Antwort.

Tausend Lichter. Das Wahrzeichen von Paris stand majestätisch vor ihnen. Menschenmassen drängten, stießen, zwangen sie, sich eng aneinander zu schmiegen, sich zu fühlen, sich näher zu sein, als es die Etikette erlaubte. Musik schwang durch die Nacht, die Luft prickelte, unverschämte Schmetterlinge tanzten. Britt schwebte irgendwo im Niemandsland.

Überwältigt versuchte sie, ihre Vermutungen, Gefühle, Empfindungen zu ordnen, das unvermeintliche Glück zu fassen.

Ein Lift brachte sie zur obersten Plattform. Paris lag tief unter ihnen mit all seiner Verführung, seinen Träumen. Der Abendwind kühlte, brachte dennoch keinen Ausgleich zu dem Feuer, das in ihr loderte.

Bobs warmer Atem an ihrem Nacken. So ist es also wenn man liebt, wunderbar, beglückend, berauschend. Britt, was geschieht mit dir?

Unvermittelt drehte er sie zu sich, versuchte sie zu küssen. Sein Atem ging hastig, seine Hände forderten.

„Nein, Bob, ich will das nicht. Noch nicht!“, versuchte sie ihn abzuwehren. Im nächsten Augenblick bereute sie ihre Ablehnung.

„Wir kennen uns doch erst wenige Stunden, ich muss nachdenken.“

„Denk nicht, lass es einfach geschehen.“ Er liebkoste ihr Haar, ihre Wangen. Fuhr mit weichen Fingern über ihre brennenden Lippen, nahm dann den zweiten Anlauf. Nützte ihre Verwirrung schamlos aus.

Die Wirkung seiner Worte war ihm bewusst. Derlei Sprüche hatte er zur Genüge auf Lager. Wer sollte ihm da schon widerstehen. Britt lag in seinen Armen. Er griff nach ihrer Hand und zerrte sie übermütig zu einem riesigen Fernglas. Eine Münze eingeworfen. Er legte ihr Paris zu Füßen.

„Die Stadt der Liebe, nur für uns Beide“, flüsterte er verführerisch. Ein Sternenhimmel, der funkelte und strahlte, heller und schöner als je zuvor, auf Bestellung. Frühlingsduft, kleine Schiffe auf der Seine. Ein silberner Faden, irgendwo dort unten auf der Erde. Britt war dem Himmel ganz nahe.

Ich habe mich mit Haut und Haar verliebt, stammelte sie verträumt. Seine Berührung ist Magie. Noch nie war das Leben so schön. Ihr Innerstes tobte, aufgewühlt von ungekannter Leidenschaft, einer noch nie erlebten Sehnsucht. Zärtlich küsste er ihre Fingerspitzen, strich sanft über ihre Schultern. Wohlige Erregung breitete sich in ihr aus. Gleichzeitig stieg Angst in ihr hoch, kroch von den Zehen in rasender Eile bis zu den Haarwurzeln. Wilde Gereiztheit trat in ihre Augen. Sie wollte davonlaufen. Ihre Beine versagten. Die Gedanken überschlugen sich. Marc, mein armer Marc, was tue ich dir an. Ich liebe diesen Mann, ich kann nicht anders. Ich bin ihm verfallen. Verzeih mir, mein liebster Freund. Ich liebe, zum ersten Mal, bedingungslos.

Später in der Tanzbar verlor sie die letzte Kontrolle über ihre Gefühle. Elektrische Gitarrenklänge vermischten sich mit dem melancholischen Wehklagen eines Tenorsaxophons. Im ekstatischen Rhythmus des Basses vibrierte der willenlose Körper, taumelte in sinnlicher Trance, offenbarte seine innersten Empfindungen. Wendig wie eine Schlange stülpte sie ihre lang unterdrückte Sinnlichkeit an die Oberfläche, war bereit einzutauchen in unbekannte Dimensionen, die sie weit weg trugen, in noch nie betretenes Terrain. Erotik und Erregung, Gefühle die bislang für sie tabu waren, drängten sie in einem Feuer der Leidenschaft hin zu dem einzigen Mann, dem sie von diesem Augenblick an mit Haut und Haar verfallen war.

Über Wien senkte sich die Nacht. Bob unterbrach ihre Erinnerungen nicht ein einziges Mal. Er hing wesentlich weniger romantischen Gedanken nach. Aufs Angenehmste beeindruckt von all dem Glanz und Reichtum kalkulierte, überschlug er kühl und berechnend den Wert der Immobilie am Graben. Wäre es nur möglich dieses Prunkhaus zu veräußern. Ein Vermögen allein an Vermittlungsprovision. Schamlos verhökerte er in seinen wilden Phantasien das Inventar, die Kostbarkeiten, das Porzellan, die Teppiche. Er jonglierte mit Zahlen, stellte sich die ungläubigen Gesichter seiner Geschäftspartner vor, wenn er ihnen ein solches Objekt zum Kauf anböte. So schwiegen beide, in Gedanken versunken.

Britt hatte ihn einen Augenblick lang verliebt angeblickt, schloss dann wieder die Augen, holte die Erinnerungen an jede Minute, jede Sekunde der ersten Nacht zurück. Dieser faszinierenden Nacht, die ihr Leben völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, schlagartig verändert hatte.

Wieder fühlte sie die Wärme seiner Haut, seinen männlich herben Duft, seinen muskulösen Körper.

„Ich habe Frühstück bestellt“, hört sie Bob sagen.

Er stand nackt in der Schlafzimmertür des Hotels, schob mit einer weichen Bewegung die dunklen Haare aus dem Gesicht und strahlte.

„Oder soll ich noch einmal zu dir ins Bett kommen?“

„Raus!“ befahl sie und zog die Bettdecke bis zum Hals. Bei Tageslicht war alles realer, heikler. Gewissensbisse traten auf, die noch vor wenigen Stunden nicht existent waren. Sie verschwand im Bad. Die kalte Dusche kühlte den erhitzten Körper.

Es klopfte. Ein übervoller Servierwagen rollte durch den Raum.

„Merci“, hörte sie Bobs volltönende Stimme.

Kühle Morgenluft vermischte sich mit Sonnenstrahlen, Straßengeräuschen, Blumenduft und Kaffeearoma.

„Kaffe und frische Croissants, Señorita?“ Er arrangierte die üppigen Köstlichkeiten. Leicht und elegant, souverän. Britt strich zärtlich über Bobs Rücken. Er schlang die Arme um ihre Taille, wirbelte sie jungenhaft im Kreis herum.

Der flauschige Bademantel öffnete sich. Lange, schlanke Beine. Zauberhafte Fesseln, grazile Waden, sehnig und drahtig. Errötend wickelte sie den Mantel fester. Bob grinste unverschämt, versuchte ihre Stimmung zu analysieren. Da war die klare und reine Britt, im nächsten Augenblick die sehnsuchtsvolle Frau. In der Nacht wurde sie zur verwegenen Verführerin, die ihn um den Verstand brachte. Unglaublich. Ein Fang, der seine kühnsten Erwartungen noch um einiges übertraf.

Von der alten Turmuhr gegenüber hallten zehn schwere Schläge zu ihnen herüber. Britt blieb der Bissen im Mund stecken. Sie sprang auf. „Mein Gott, Marc.“ Sie hatte ihn völlig vergessen. Im nächsten Augenblick stürmte sie, flüchtig angezogen, aus dem Zimmer. „Ich ruf dich an“.

Der Lift kam nicht. Sie hastete über die Treppen, stolperte, fing sich wieder und stand wenig später atemlos vor Marc.

In seiner Sorge um das geliebte Mädchen hatte er kein Auge zugetan. Der Hotelportier hatte ihm lediglich die Auskunft gegeben, Herr Graven sei auf seinem Zimmer. Marc war in die Suite zurückgekehrt und hatte geweint. Er ahnte, was geschehen war. Britts ungewohntes Verhalten. Der Schwächeanfall im Museum, die Nervosität beim Essen und dann in der Hotelhalle, als er ihr den Vorschlag gemacht hatte, mit diesem Graven in die Oper zu gehen. Sein Herz verkrampfte sich in unsagbarem Schmerz.

Jetzt stand sie vor ihm, zerzaust, übernächtig, völlig aufgelöst. In ihren Augen schimmerte ein seltsamer Glanz.

„Ihr habt euch wohl etwas verplaudert“, versuchte er die entsetzliche Situation zu entschärfen. Britt rang nach Atem.

„Marc, ich habe mich verliebt!“

Marc ignorierte den Satz, beugte sich über sie, wollte ihr einen Kuss geben. Sie entzog sich ihm mit wütender Geste.

„Du willst mich nicht verstehen“, kreischte sie hysterisch. Dann fügte sie flüsternd hinzu:

„Ich habe den Menschen gefunden, der mich bezaubert, fasziniert, der mich mit eisernem Griff festhält, dem ich nicht mehr entfliehen kann.“

Sie suchte nach Worten, erschöpft, verzagt, unendlich glücklich:

„Ich habe nie gewusst, was Liebe ist, was Liebe bedeutet. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man liebt. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann einmal verzeihen.“ Unschlüssig blickte sie im Zimmer umher.

Marcs Augen füllten sich mit Tränen. Er schien ganz ruhig, nur ein klägliches Lächeln auf den zitternden Lippen. Sie standen einander gegenüber. Still. Traurig, dass all das Schöne, das sie seit Jahren verbunden hatte, in diesem Moment wie Staub zerfiel.

„Gib mich bitte frei Marc! Steh meinem Glück nicht im Wege. Ich kann nicht anders. Wenn du mich je geliebt hast...“

Marc unterbrach sie brüsk.

„Lass gut sein. Ich versteh schon, was du meinst. Ich gehe. Ich werde heute noch nach Wien fliegen. Du willst ja vermutlich noch einige Zeit hier bleiben.“ Ungewollt klangen seine Worte mehr sarkastisch als deprimiert.

„Lass dir bitte etwas einfallen für Papa“. Zum ersten Mal dachte sie an zu Hause. An ihre Eltern. An das Unverständnis, auf das sie stoßen würde. Ihr wurde schwarz vor Augen. Eine Katastrophe.

Schluchzend fiel sie Marc um den Hals.

“Du bist mein bester Freund, seit ich denken kann. Du musst mich verstehen. Du musst auch mit Papa und Mama sprechen und sie vorbereiten. Ich kann das nicht allein. Wenn du mir hilfst, wird alles gut.“

Sanft schob er sie von sich, schaute nochmals in das vertraute Gesicht, das er so sehr liebte. Er nahm seinen leichten Mantel.

„Ich gehe jetzt, passe auf dich auf, mein Mädchen.“ Nach einigem Zögern fügte er mit kaum hörbarer Stimme hinzu: „Ich werde es den Herrschaften schonend beibringen, du kannst dich auf mich verlassen, Kleines.“

Aus weiter Ferne hörte sie Bobs flüsternde Worte.

„Träumst du noch lange so vor dich hin oder bekomme ich nun doch wieder einmal einen Kuss.“

Britt schreckte zusammen. „Ach Bob, ich war gerade in Paris. Ich wollte alles Glück, das ich damals erlebte, nochmals herzaubern, mit dir unmittelbar da anschließen, wo wir damals aufhörten.“

Bob zog sie fester an sich.

„Kann Liebe weh tun, Bob?“ fragte sie ihn plötzlich kindlich.

„Ich hab Papa gehört, komm lass uns ihm entgegen gehen. Er wird überrascht sein und wahrscheinlich nicht ganz so begeistert wie Mama. Aber lass dich nicht verwirren, ich wickle ihn immer um den Finger. Er kann mir keinen Wunsch abschlagen, und du bist mein größter Wunsch“.

Treffen bei Baumann im Büro

Kurt Wieland eilte die Treppe hinauf. Henni, seine Frau, blickte überrascht auf.

„Was machst du hier. Ich wusste gar nicht, dass du kommst.“

„Mach uns einen starken Kaffee und bring die Flasche Martell auch gleich mit. Ich habe ein wichtiges Gespräch vor mir.“

„Wer hat dich angerufen“, fragte sie nun ein klein wenig gekränkt, und schüttelte ärgerlich den Kopf.

„Ich muss dich zuerst anmelden. Berthold hat eine Menge zu tun, und ich weiß nicht, ob...“

Weiter kam sie nicht. Der Chef hatte die Tür zu seinem Büro geöffnet und lachte herzlich. „Auf meine Sekretärin kann ich wirklich stolz sein, die macht nicht einmal bei ihrem eigenen Gatten eine Ausnahme.“

Freundschaftlich umarmte er Kurt und bat ihn einzutreten.

Unter der mächtigen Zimmerlinde ließ sich Kurt auf der kastanienbraunen Garnitur nieder.

„Was ist los, Bert?“ Er versuchte, die Sache zu beschleunigen. Baumann ließ ihn zappeln, ließ langsam den herrlichen Cognac in zwei große Schwenker fließen.

Schmunzelnd meinte er dann beiläufig. „Warten wir noch auf Henni, sonst muss ich alles zweimal erzählen und dann wird es vielleicht langweilig.“

Kurt sprang auf, stürzte zur Tür und brüllte hysterisch. “Henni, beeil dich, ich platze gleich vor Neugier, und Berthold will nicht mit seiner Neuigkeit herausrücken, ehe du da bist.“

Baumann wählte seine Worte bedächtig, sah seine Freunde sinnend an. Diese beiden lieben Menschen waren Marcs Eltern. Viel zu frisch waren die Wunden nach der Trennung der Kinder.

„Wie ihr wahrscheinlich wisst, hatten wir in den vergangenen Tagen einen Gast.“ Kein zustimmendes Nicken, nur gespannte Aufmerksamkeit.

„Bob Graven hat uns besucht. Er war für drei Tage in Wien und hat sich bei uns vorgestellt.“ Überraschung lag in Kurts Augen. Henni zuckte unwillkürlich zusammen.

„Der junge Mann war auf einer Geschäftsreise, hat seine Tour kurz unterbrochen, und wollte sichtlich die Stimmung ausloten, die bei uns herrscht. Ein interessanter Mann, allerdings scheint er ein ziemlicher Windhund zu sein.“ Baumann räusperte sich, zündete umständlich eine dicke Zigarre an. Ein missbilligender Blick von Henni. In bewusst lockerem Tonfall erzählte er von seiner ersten Begegnung mit dem möglicherweise künftigen Schwiegersohn.

Henni blickte Kurt an und dieser seine Frau. Das ist nicht unser Berthold. Diese gespielte Art passte so gar nicht zu dem immer besonnen Geschäftsmann. Auch privat hatten die Beiden ihn noch nie so eigentümlich beschwingt über schwerwiegende Dinge plaudern hören. Berthold schaute über sie hinweg ins Leere. Es schien fast, als spräche er zu dem tanzenden Mädchen auf dem Cezanne über seinem Schreibtisch.

„Bob redete wie ein Wasserfall. Sprang von einem Thema zum anderen. Zerpflückte in wenigen Minuten die gesamte Weltpolitik, sämtliche Rassenprobleme und unausweichliche Naturereignisse der letzten Jahrhunderte. Wollte mich sichtlich beeindrucken. Gegen diese rhetorische Dampfwalze hatte ich keine Chance. Vielleicht war der erste Eindruck, den er hinterließ, nicht gerade der Beste, aber immerhin, er hatte die Zuhörer auf seiner Seite. Britt war gefesselt von seiner Erzählung und ließ keinen Blick von ihm. Valentina lächelte amüsiert und geduldig, ihr kennt sie ja.“

„Ich war fürs erste einmal höflich zurückhaltend. Aber ich ahne Schreckliches!“

Er lachte lauthals mit seiner vollen sonoren Stimme und klopfte Kurt freundschaftlich auf die Schulter.

Alles Theater, dachte Kurt mit schwerem Herzen. Sein bester Freund steckte in heilloser Bedrängnis. Er brauchte ihre Hilfe.

„Komm Berthold, machen wir das Beste daraus. Gegen die Liebe und den Dickkopf einer Frau sind wir Männer machtlos, du kennst das doch, oder etwa nicht?“

Erleichtert lehnte sich Baumann zurück.

„Und, wie soll es nun weitergehen?“ Hörte er Hennis zögernde Frage.

„Er will in einigen Wochen nochmals kommen und dann offiziell um Britts Hand anhalten.“

„Und du hast dich natürlich von deinen beiden Damen breit schlagen lassen“, meinte Kurt nun wissend. „Deiner Britt kannst du ja keinen Wunsch abschlagen.“ Etwas traurig aber liebevoll ergänzte er: „Wir wollen alle das Beste hoffen. Die Liebe ist nun mal eine Himmelsmacht, nicht nur in der Operette.“

Nun konnte Henni aber nicht mehr an sich halten.

„Hast du ihn eigentlich gefragt, woher er tatsächlich kommt und wie er seine Brötchen verdient?“

„Typisch Frau“, erwiderte Kurt abwehrend, „aber interessant wäre es schon.“

Baumann hob resigniert die Schultern und meinte bedrückt: „Tja, das ist auch so eine Sache, die mich reichlich stutzig gemacht hat. Er wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Betonte zwar immer wieder, dass er als Großhandelskaufmann und Immobilienmakler Geschäfte mit Okzident und Orient macht, aber wirklich ins Detail wollte er sich nicht treiben lassen.“

Heftiger meinte er dann: „Britt stellte sich schützend vor ihn, ließ nicht zu, dass ich ihn wirklich auf Herz und Nieren prüfte. Schließlich bestand sie sogar darauf, mit Bob in die Hinterbrühl zu fahren und ihn Großmama vorzustellen.“

Er nahm einen Schluck Cognac und sagte mit großer Entschiedenheit in der Stimme: „Ich werde mit der jungen Dame gleich heute Abend ein ernstes Gespräch führen. Für das Mädchen existiert im Augenblick anscheinend nur Glück und eitel Sonnenschein.“

Wieland sprang auf, nahm Henni in die Arme. „Wir werden das gemeinsam durchstehen, du meine tüchtige Frau und du mein alter Freund. Wir wollen doch alle, dass Britt glücklich wird.“