Rückkehr in die Fremde - Tereza Vanek - E-Book

Rückkehr in die Fremde E-Book

Tereza Vanek

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Beschreibung

Ost und West im 17. Jahrhundert Zwei Welten, zwei Frauen, ein gemeinsames Schicksal: Klara, Tochter einer holländischen Mutter und eines spanisch-japanischen Vaters, steht vor der Herausforderung, das Erbe ihrer Familie in einer Welt voller Intrigen und Gefahren zu bewahren. Auf der anderen Seite der Welt kämpft Meihua, die als Floortje in Taiwan aufwuchs, um ihren Platz zwischen den Kulturen. Nach dem tragischen Verlust ihrer Eltern wird sie in die Wirren von Handelskonflikten und Machtspielen gezogen, die sie von Taiwan bis in die Gassen Rotterdams führen. Während Klara und Meihua ihre eigenen Wege in einer sich ständig verändernden Welt suchen, kreuzen sich ihre Schicksale in einem dramatischen Wendepunkt. Beide Frauen müssen herausfinden, wo sie wirklich hingehören, und ob es möglich ist, in der Fremde ein Zuhause zu finden. Ein packender historischer Roman, der die Leser in eine Welt voller Leidenschaft, Mut und der Suche nach Identität entführt – perfekt für Liebhaber epischer Geschichten und starker Frauenfiguren.

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Seitenzahl: 585

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile.

Alle Akteure dieses Romans sind fiktiv, eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und von sind von der Autorin nicht beabsichtigt.

Copyright © 2024 bei Edition Carat, ein Imprint des Bookspot Verlags

1. Auflage

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Covergestaltung: Nele Schütz Design, München

Lektorat: Yvonne Schmotz

Korrektorat: Anne-Sophie Kahnt

eISBN 978-3-95669-208-6

www.bookspot.de

Formosa, um 1640, Maßstab o. A. Die Kartendarstellung ist nicht, wie heute üblich, nach Norden ausgerichtet. In dieser Abbildung zeigt der Nordpfeil nach unten.

© Wikipedia/Wikicommons

Holland, um 1658

© Wikipedia/Wikicommons

1. Kapitel

Taiwan, 1681

Sind alle Frauen in Europa so schön wie meine Mutter?«, fragte Meihua und legte ihre Schreibfeder zur Seite. Mit schräg geneigtem Kopf musterte sie Giacomo in seiner dunklen Robe und mit dem von kurzen schwarzen Locken bedeckten Kopf. Neben ihrer Mutter war er der einzige Europäer, den sie kannte.

Nun räusperte er sich, wie immer, wenn sie vom Inhalt der Unterrichtsstunden ablenkte.

»Nein, natürlich nicht. Daheim in Siena hatte ich zwei Schwestern, die … etwa so aussahen wie ich, also unscheinbar. Nun aber sollten wir uns weiter der Heiligen Schrift widmen.«

Meihua bemerkte zwei Falten auf seiner sonst glatten Stirn und die Einkerbungen an seinen Mundwinkeln. Er gab sich große Mühe, wie ein echter Gelehrter aufzutreten, doch wusste sie inzwischen, dass ihre aufmerksamen Blicke ihn leicht in Verlegenheit brachten. So wie jetzt, da seine helle Haut von einem feinen Rot überzogen wurde. Zufrieden widmete sie sich nun dem Buch, das aufgeschlagen zwischen ihnen auf dem Tisch lag. Die Schrift der Europäer war einfach, wenn man einmal ihr Prinzip begriffen hatte. Die lateinische Sprache hingegen hatte ihre Tücken, da sie auf zahlreichen, im Grunde völlig sinnlosen Regeln basierte. Warum mussten Wörter sich entsprechend ihrer Rolle in einem Satzgefüge ändern, wenn ihre Bedeutung doch dieselbe war? Konzentriert begann sie zu übersetzen:

»Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt, und mit den Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie verschlossen, dass sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.«

»Offenbar hatte der Sohn des Christengottes ähnliche Probleme, sich Gehör zu verschaffen wie etliche Herrscher«, murmelte sie und sah den jungen Jesuitenpater abwartend an. Gleich würde er sich wieder räuspern und dazu auch noch am Kopf kratzen, um sein Erschrecken über ihre dreiste Aussage zu überspielen.

Er verhielt sich ganz wie erwartet und warf ihr gleich darauf einen seiner bemüht ernsten Blicke zu.

»Zwischen unserem Herrn Jesus und den nun wieder wechselnden Herrschern dieser Insel gibt es wesentliche Unterschiede«, dozierte er.

»Ja. Natürlich. Der Herr Jesus besuchte niemals Taiwan«, erwiderte Meihua mit einem möglichst unschuldigen Lächeln. Giacomo zu provozieren war ein ebenso schändliches wie reizvolles Vergnügen. Er bemühte sich, zornig und streng aufzutreten wie jene Machthaber, mit denen Meihuas Vater oft zu tun hatte. Aber sie konnte seine Unsicherheit riechen wie seinen Schweiß. Er war ein Fremder auf dieser Insel, jung, verwirrt und häufig ratlos.

»Gott der Herr hat die ganze Welt erschaffen. Auch diese Insel. Sein Sohn starb, um die gesamte Menschheit zu erlösen.«

Nun hatte Giacomo eine aufrechte Haltung angenommen, die ihn älter wirken ließ als 20 Jahre. Meihua spürte seine Überzeugung wie eine Kraft, die ihn stützte, wenn er ins Schwanken geriet. Dennoch konnte sie die aufmüpfigen Gedanken nicht im Zaum halten.

»Wenn wir alle erlöst wurden, warum hungern immer noch so viele Menschen? Warum gibt es Kriege und Leid?«

»Weil die Menschen schwach und sündhaft sind und das Wort Gottes nicht hören wollen«, erwiderte Giacomo sogleich. »Eben so, wie es an der Stelle im Evangelium des Matthäus beschrieben wird, die Ihr übersetzt habt.«

Er streckte das Kinn hoch, offenbar zufrieden, eine so passende Erklärung gefunden zu haben.

Meihua begann zu überlegen. Eben das gefiel ihr an dem Unterricht mit Giacomo. Er ging stets auf ihre Fragen und Einwände ein.

»Aber das war es, was ich vorhin meinte«, sagte sie. »Mein Vater erzählte mir, dass der chinesische Kaiser uns immer wieder vorschlägt, sich seiner Herrschaft zu unterwerfen. Zheng Jing ist aber davon überzeugt, der bessere Herrscher dieser Insel zu sein. Dann sind da noch die Holländer, die bei jeder Gelegenheit versuchen, sich Taiwan zurückzuholen. Alle behaupten, das Beste für uns Bewohner von Taiwan zu wollen.«

Sie lächelte, als sie wieder einen rosigen Ton auf Giacomos Wangen bemerkte.

»Es gibt einen Unterschied zwischen der Botschaft Christi und dem Gerede machtgieriger Herrscher«, begehrte er auf, diesmal mit viel Gefühl in der Stimme. Meihua bereute ihre Frechheit fast schon, denn sie konnte spüren, wie tief sie Giacomo verletzt hatte.

Da ging die Tür hinter ihnen auf.

»Verzeiht bitte«, flüsterte eine Dienerin und verbeugte sich vor Giacomo. »Die Hausherrin wünscht ihre Tochter zu sehen.«

Meihua verspürte einen Stich von Ärger. Ihre Mutter ließ sie oft wegen Kleinigkeiten zu sich rufen, wollte ihr erklären, wie eine Frau sich vorteilhaft kleidete oder welche Möbelstücke miteinander harmonierten. Meihua vermochte für beides keine Begeisterung aufzubringen, obwohl sie wusste, dass sie ihre Mutter dadurch enttäuschte. Dennoch erhob sie sich ohne Widerspruch. Es war ein ungeschriebenes Gesetz im Hause ihres Vaters, dass niemand seine schöne, holländische Gemahlin enttäuschen durfte.

Sie folgte der Dienerin durch den prächtigen Garten, in dem ihre Mutter Seerosenteiche und Rosensträucher hatte anlegen lassen. Bunte Vögel flatterten in den Bäumen herum, auf dem Wasser schwammen Mandarinenten. Sie suchten sich Gefährten fürs Leben, hatte der Vater Meihua einmal erzählt. »So wie deine Mutter und ich, als wir einander fanden.«

Die erste und einzige Gemahlin des Hausherrn bewohnte mehrere Gebäude, die um einen Innenhof platziert waren. Ihre geliebten Hunde tollten auf einer Grasfläche neben dem Brunnen herum, während sie unter einem Sonnendach ihren Tee trank. Die Dienerin verbeugte sich, als sie Meihua präsentierte.

»Eure Tochter, edle Herrin.«

Meihuas Mutter Sophie bedankte sich bei dem Mädchen. Inzwischen wusste Meihua, dass so ein Verhalten bei einer Hausherrin ungewöhnlich war. Wenn neue Bedienstete kamen, waren sie davon irritiert oder befürchteten gar, etwas falsch gemacht zu haben und bald schon bestraft zu werden. Aber das gehörte zu den seltsamen Gewohnheiten ihrer Mutter, die sie stur beibehielt und die der Vater tolerierte.

»Ich hatte gerade meine Bibelstunde mit Fra Giacomo«, sagte Meihua missmutig und setzte sich ihrer Mutter gegenüber hin. In ihrem Rücken spürte sie den tadelnden Blick der Dienerin wie einen Hieb. Anständige Mädchen behandelten ihre Mütter mit mehr Respekt. Doch Meihua wusste, dass ihre Mutter ihn nicht bedingungslos einforderte.

Sophie sah bezaubernd aus wie immer in ihrer bestickten Robe und mit dem kunstvoll frisierten Haar, dessen Farbe an die Strahlen der Sonne erinnerte. Ihre Augen waren blau wie das Wasser der Seerosenteiche an hellen Tagen. Nichts von beidem hatte sie ihrer Tochter vererbt, aber Meihua war stolz, eine so wunderschöne Mutter zu haben.

»Du kannst deinen Unterricht später fortsetzen«, sagte Sophie und schenkte ihrer Tochter Tee ein.

»Am Nachmittag soll ich Kalligrafie lernen«, murrte Meihua. »Und wenn Vater abends zurückkommt, lesen wir gemeinsam die Texte des Konfuzius. Aber die Bibelstunden sind mir am liebsten.«

Sie hoffte, ihrer Mutter würde dies gefallen, aber Sophie warf ihr einen spöttischen Blick zu.

»Liegt das an der Bibel oder deinem Lehrer?«

Nun spürte Meihua, dass sie rot anzulaufen begann.

»Ich mag Giacomo«, gab sie zu. »Würde es dir nicht gefallen, wenn ich einen Europäer heirate?«

Giacomo stand im Dienst ihres Vaters und genoss seine Gunst.

»Er ist ein Jesuit«, erwiderte ihre Mutter allerdings. »Er darf keine Frau haben. Das ist wie bei buddhistischen Mönchen.«

»Du hast mir erzählt, dass dein Vater ein christlicher Priester war«, widersprach Meihua. »Dennoch hatte er eine Frau und zwei Töchter.«

»Er war Protestant. Jesuiten sind Katholiken und für sie gelten andere Regeln«, erklärte ihre Mutter. Meihua versetzte dem zarten Tisch einen wütenden Tritt. Die Teekanne schwankte, eine Dienerin kam herbeigeeilt, um ein Unglück aufzuhalten. Wieder spürte Meihua den unausgesprochenen Tadel wie Nadelstiche auf der Haut.

»Warum haben Europäer so seltsame Sitten?«, begehrte sie auf. »Warum kann Vater Giacomo nicht zu seinem Erben bestimmen, nachdem wir vermählt worden sind?«

Nur ein Narr würde ein solches Angebot ablehnen. Meihuas Vater gehörte zu den engsten Beratern des Herrschers Zheng Jing und verfügte über zahlreiche Besitztümer.

»Weil nicht alles in deinem Leben so laufen wird, wie du es dir wünscht«, antwortete ihre Mutter sanft. »Du hattest bisher sehr viel Glück. Ich wünsche dir, dass es so bleibt, aber niemand kann das garantieren. Würdest du nicht gern einmal deine Verwandtschaft kennenlernen?«

Staunend sah Meihua ihre Mutter an.

»Welche Verwandtschaft?«

Die stets bettlägerige Tante ihres Vaters war schon vor fünf Jahren gestorben. Ansonsten gab es niemanden außer Fenzhi, der Schwester Zheng Jings, die in einem buddhistischen Kloster lebte und manchmal Meihuas Mutter besuchte. Aber sie war nur eine Vertraute, keine Verwandte.

»Ich habe eine Schwester in Batavia, der holländischen Niederlassung in Asien«, berichtete Sophie. »Heute habe ich zum ersten Mal seit vielen Jahren einen Brief von ihr erhalten. Es fahren nur selten Schiffe, da wir mit den Holländern verfeindet sind.«

Sie seufzte wehmütig.

Aus diesem Grunde also war der Unterricht unterbrochen worden.

»Und was schreibt meine Tante?«

Batavia war so weit entfernt, dass Meihua nur eine vage Vorstellung von diesem Ort hatte.

»Emma würde sich freuen, dich einmal kennenzulernen«, meinte Sophie sanft. »Sie hat selbst mehrere Kinder. Würdest du vielleicht nach Batavia fahren wollen, wenn die politische Lage es zulässt?«

Die Beziehung des Herrschers Zheng Jing zu den Holländern schwankte zwischen offener Feindseligkeit und dem Bemühen um Handelsbeziehungen, die für Taiwan von Vorteil wären, insofern seine Unabhängigkeit akzeptiert würde.

»Falls es irgendwann möglich ist, fahre ich«, stimmte Meihua zu, um ihrer Mutter eine Freude zu machen. Sie ging nicht davon aus, dass es in den nächsten Jahren dazu kommen würde. »Kann ich jetzt wieder zu Giacomo?«

Die Mutter nickte mit einem feinen Lächeln.

»Vergiss nicht, Kind, er ist ein katholischer Priester.«

Aber wir sind hier sehr weit weg von Europa, dachte Meihua, als sie zu ihrer Unterrichtsstunde hastete. Warum sollte Giacomo nicht bereit sein, fremde Sitten anzunehmen? So wie ihre Mutter es einst um ihres Vaters willen getan hatte.

»Bring mir noch eine Kanne Tee«, wies Sophie das Dienstmädchen an und wedelte mit ihrem Fächer, um gegen die Mittagshitze anzukämpfen.

Zwei ihrer Hunde kamen herbeigeeilt und sprangen auf ihren Schoß. Sie vergrub ihre Hände in ihrem weichen Fell, genoss es, ihr zufriedenes Grunzen zu hören. Tiere waren weitaus unkomplizierter als Kinder.

Nach fast 20 gemeinsamen Jahren hatte sie Bai Jun nur eine Tochter geboren. Die meisten chinesischen Männer hätten in einer solchen Lage schon längst Zweitfrauen genommen, um den für das Fortbestehen der Familie notwendigen Sohn zu bekommen. Sophie hatte ihm selbst versichert, dass sie eine solche Entscheidung hinnehmen würde, aber er hatte empört abgewunken. Ich bin Christ, mein Herz. Es gab aber auch genug chinesische Christen, die Konkubinen hatten. Sophie wusste, dass sie der wahre Grund für seine Ablehnung dieser uralten Tradition war. Seit Bai Jun und sie einander gefunden hatten, ließ ihre Vertrautheit keine Konkubinen mehr zu. Er war kein Mann, der Abwechslung suchte. Die Insel, auf der sie lebten, lag fernab ihrer jeweiligen Heimat, was ihnen ungewohnte Freiheit schenkte. Bai Jun konnte selbst entscheiden, wer sein Erbe antreten würde.

Er liebte Meihua oder Flora oder Floortje, wie Sophie ihre Tochter nannte. Das verwöhnte, dickköpfige, aufgeweckte Mädchen war sein kostbarer Juwel, den er vor allem Übel der Welt bewahren wollte. Er unterwies sie in jenen chinesischen Klassikern, mit denen er einst als Kind geplagt worden war, und lobte ihre Auffassungsgabe. Fra Giacomo hatte ebenfalls erwähnt, wie schnell die junge Dame alle Texte begriff. Darin glich sie eher Tante Emma als ihrer Mutter, die als Schülerin meistens versagt hatte.

Aber was sollte aus ihrer frechen Floortje werden, wenn sie erwachsen war? Nur wenige chinesische Männer würden ihre Eigenwilligkeit akzeptieren, daher hoffte Sophie, das Mädchen nach Batavia schicken zu können. Floortje könnte für Emma als Lehrerin arbeiten, falls sie die Geduld dazu aufbrachte. Aber das würde bedeuten, dass Bai Jun und sie das geliebte Kind weggeben müssten. Im Grunde wünschte auch Sophie jene Lösung herbei, von der ihre Tochter gesprochen hatte. Aber würde der junge Jesuit wirklich zustimmen, sein Gelübde zu brechen und als chinesischer Würdenträger weiterzuleben?

Sophie hörte Schritte hinter sich und wandte sich um. Ein halbwüchsiger Junge aus dem Volk der Siraya kam auf sie zugeeilt.

»Eine Botschaft des Herrn Bai Jun«, murmelte er nach einer ehrfürchtigen Verbeugung und überreichte ihr eine Schriftrolle, bevor er wieder davoneilte. Sophie verspürte Unruhe. Für gewöhnlich schickte Bai Jun ihr keine Nachrichten, sondern kam zum Abendessen nach Hause, um ihr von neuen politischen Entwicklungen zu erzählen.

Zheng Jing ist unerwartet an einem Fieber verstorben, las sie in lateinischer Schrift und atmete tief durch. Sie hatte den Sohn Zheng Chenggongs nur einmal zu Gesicht bekommen, als sie nach der Vertreibung der Holländer seine Gefangene gewesen war. Er war ihr wie ein Tyrann erschienen, doch hatte er sich später großzügig gezeigt, indem er ihre Schwester nach Batavia reisen ließ. Unter seiner Herrschaft hatte sie sich sicher gefühlt. Nun drohte ein Unwetter über die Insel zu fegen, das heftiger werden könnte als alle bisher erlebten Stürme.

Sie stand auf und hob die zwei Hunde hoch, um in ihr Haus zu flüchten. Würden sie nach Batavia aufbrechen können, wenn Taiwan unter die Herrschaft des chinesischen Kaisers geriet? Oder würde man sie so weiterleben lassen wie bisher? Sie drehte unruhig Runden in ihrem Gemach, verjagte alle Dienstmädchen, die nach ihren Wünschen fragten, und wartete auf die Rückkehr von Bai Jun. In all den Jahren, die sie als seine Gemahlin verbracht hatte, war er stets ihr Halt und ihre Stütze gewesen. Ein Chinese, der als erster Mann nach ihren Gefühlen und Wünschen fragte, anstatt einfach über sie zu bestimmen. Sobald er wieder bei ihr war, würden die Sorgen an Gewicht verlieren.

Als er endlich kam, hatte bereits die Abenddämmerung eingesetzt. Sophie kauerte in ihrem Sessel, unfähig, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Zum Glück war Meihua nach dem Unterricht bei Giacomo zu anderen Aktivitäten aufgebrochen, über die sie ihre Mutter nicht informiert hatte. Eigentlich hätte Sophie sie dafür tadeln sollen, aber nun gab es dringlichere Probleme.

»Ich werde in der Küche Bescheid geben, dass sie dir etwas zu essen bringen«, begrüßte Sophie ihren Gemahl, um ihm ein Gefühl der Normalität zu vermitteln. Er winkte ab.

»Das ist nicht nötig. Wir haben bereits etwas im Palast bekommen.«

Mit einem Seufzer ließ er sich ihr gegenüber nieder. Sein vertrautes, gutmütiges Gesicht kam ihr plötzlich grau vor und gab ihr eine Ahnung davon, wie er als alter Mann aussehen würde. Ohne Zögern streckte sie ihm ihre Hand entgegen, die er sogleich ergriff.

»Du mochtest ihn«, stellte Sophie leise fest.

»Er war ein guter Herrscher«, stimmte Bai Jun ihr zu. »Nicht so kriegerisch und unbeherrscht wie sein Vater. In den letzten Jahren lebte er leider sehr ausschweifend, was seiner Gesundheit schadete.«

»Wer soll denn nun sein Nachfolger werden?«

Sophie musterte ihn erwartungsvoll.

»Sein ältester Sohn Kezang wurde bereits von ihm zum Nachfolger bestimmt, als er zu seiner letzten Schlacht aufbrach, um Fujian zurückzuerobern.«

Dies war vor wenigen Jahren gewesen, und das ganze Unternehmen hatte sich als Fiasko erwiesen. Danach hatte Zheng Jing sich auf diese Insel beschränkt, auf der er nun zu Grabe getragen werden würde.

»Hältst du diesen Kezang für fähig, unser neues Königreich Tungning weiter bestehen zu lassen, obwohl es von allen Seiten bedrängt wird?«, fragte Sophie und kämpfte mühsam gegen ihr Unbehagen an. Wenn es keinen Grund zur Sorge gäbe, würde ihr Gemahl ein anderes Gesicht machen. Oder hatte der Tod Zheng Jings ihm derart zugesetzt?

»Mir scheint er dazu besser geeignet als sonst jemand im Palast. Er bemüht sich, alle Stämme der Ureinwohner für sich zu gewinnen. Sogar mit dem König von Middag will er verhandeln«, erwiderte Bai Jun und starrte dabei auf den Boden zu seinen Füßen. »Aber dieses Vorgehen gefällt nicht allen. Es sind Machtkämpfe im Gange, obwohl Zheng Jing noch nicht einmal beigesetzt wurde. Kezang wollte nach seiner Übernahme der Regentschaft die Ausgaben des Palastes verringern, indem er einige Staatsbeamte und Diener entließ. Sein Vater hielt ihm deshalb später eine Standpauke und machte diese Entscheidung wieder rückgängig. Aber die Leute haben es nicht vergessen.«

So, wie Sophie die Palastanlage in Erinnerung hatte, klang Kezangs Verhalten überaus sinnvoll. Etliche Leute hatten dort ohne eine klare Aufgabe gelebt. Aber wo sollten sie alle hin, wenn sie hinausgeworfen wurden?

»Wer genau will dem neuen Herrscher denn schaden?«, fragte sie leise.

Bai Jun seufzte.

»Jene, die das Gerücht in die Welt gesetzt haben, er sei nicht der leibliche Sohn seines Vaters«, erklärte er schließlich. »Zheng Jing hatte mehrere Kinder mit Konkubinen, doch waren es hauptsächlich Töchter. Nun heißt es, Kezang sei gegen eines dieser Mädchen ausgetauscht worden.«

»Wenn Zheng Jing Kezang als seinen Sohn anerkannt hat, müsste dessen Stellung doch sicher sein«, wandte Sophie ein.

Mit einem betrübten Lächeln schüttelte Bai Jun den Kopf.

»Im Moment hat die Königinwitwe Dong das Sagen, denn sie hat die meisten Würdenträger um sich geschart. Viele von ihnen sind gegen Kezang. Er war ungeschickt in seinem Vorgehen, hat sich Feinde gemacht.«

Sophie hatte Zheng Chenggongs erste Gemahlin Dong im Palast nur selten zu Gesicht bekommen. Niemals hätte sie geahnt, dass diese winzige, faltige Gestalt so viel Macht in ihren feinen Händen hielt.

»Wenn die Königinwitwe sich gegen Kezang entscheidet, was geschieht dann?«, fragte Sophie.

»Der nächste Sohn kommt an die Macht. Jing hatte zwei andere, die er anerkannte. Doch beide sind noch Kinder. Sie wären leichter zu beeinflussen, was einigen Leuten gefällt.«

»Wir müssen einfach abwarten«, meinte Sophie und versuchte, ihren Mann aufzumuntern. »Wovor hast du Angst? Dass wir von dem chinesischen Kaiser Kangxi eingenommen werden? Oder von den Holländern?«

Letzteres wäre ihr persönlich lieber gewesen, aber sie ahnte, dass Bai Jun dann seinen Besitz verlieren könnte. Er war zwar Christ, aber Katholik und zudem Chinese.

Bai Jun starrte eine Weile auf den Tisch, dann auf die Wand und schließlich musterte er das Teegeschirr.

»Krieg«, murmelte er. »Ich fürchte, es gibt wieder Krieg. Ich bin mit Schlachten aufgewachsen und hoffte, ihnen hier entkommen zu sein. Aber diese Insel wird von vielen Seiten bedroht.«

Kriege hinterließen Leichen. Während der Kämpfe um Fort Zeelandia waren zahlreiche Männer gefallen. Sophie hatte als kleines Kind die Mutter verloren, später den Vater, und hatte dennoch ihr Leben weitergeführt. Die Vorstellung, Bai Jun könnte eines Tages nicht mehr zu ihr zurückkommen, nahm ihr den Atem.

»Was sitzt ihr zwei denn da und macht Gesichter, als hätte ein Taifun unsere schönste Pagode zerstört?«, ertönte die Stimme ihrer Tochter.

Meihua stürmte herein wie eben jener Orkan, von dem sie eben gesprochen hatte, rempelte den Tisch an und fiel ihrem Vater um den Hals.

»Es tut mir leid, dass ich nicht rechtzeitig zum Unterricht gekommen bin, aber ich wollte Giacomo zeigen, wie gut ich im Bogenschießen bin. Er traute es mir nicht zu, jedes Ziel zu treffen! Danach sah er wieder einmal aus, als würde er die Welt nicht verstehen.«

Sie lachte fröhlich, steckte dadurch auch ihre Eltern an.

»Es ist schon gut. Ich war länger im Palast«, erklärte Bai Jun und strich seiner Tochter liebevoll übers Haar.

»Ist etwas vorgefallen?«

Verwirrt blickte Meihua von Vater zu Mutter. Als sie vom Tod Zheng Jings erfuhr, schien sie nicht besonders erschüttert.

»Ich mag Zheng Kezang«, erzählte sie, nachdem sie von Sophie eine Tasse Tee erhalten hatte. »Er will auch die Siraya, die Ureinwohner Taiwans, in höhere Ämter aufsteigen lassen. Jedenfalls hat das meine Amme erzählt, die jemanden kennt, der im Palast arbeitet. Glaubst du, es stimmt?«

Erwartungsvoll sah sie ihren Vater an, der die Hände hob.

»Es wäre mir neu, aber ein solches Denken würde zu ihm passen. Es wird nicht einfach sein, es durchzusetzen.«

»Du musst ihn unterstützen«, plapperte Meihua weiter. »Du bist klug, mit deiner Hilfe schafft er es. Wir sind doch Christen. Giacomo sagt, dass Gott der Herr alle Menschen gleich liebt. Hat mein Großvater, der Missionar, auch so gedacht?«

Nun wurde Sophie neugierig gemustert. Sie seufzte. Ihre stürmische Tochter hatte die Wahrheit verdient.

»Nein, das tat er nicht«, gestand sie. »Kein europäischer Missionar, den ich kannte, sah andere Völker als den Europäern ebenbürtig.«

Meihua hatte die Stirn gerunzelt.

»Das verstehe ich nicht. Mein Großvater hätte meinen Vater nicht als gleichwertig anerkannt?«

»Das ist jetzt nicht wichtig«, mischte Bai Jun sich ein. »Menschen haben überall auf der Welt ihre eigenen Vorstellungen.«

Meihua begann, die Früchte auf dem Tisch zu inspizieren, konnte sich aber für keine davon begeistern.

»Was ist eigentlich mit meiner Tante in Batavia? Fühlt sie sich auch allen überlegen, die nicht Europäer sind?«

»Sie denkt nicht wie unser Vater«, erklärte Sophie mit Erleichterung.

»Na, dann fahre ich vielleicht doch mal zu ihr«, rief Meihua und stopfte sich ein paar Melonenkerne in den Mund, die sie genüsslich zerbiss. »Aber nicht zu bald. Zunächst will ich sehen, wie Zheng Kezang seine Pläne verwirklicht.«

Über ihren Kopf hinweg sahen Sophie und Bai Jun einander an. Für einen Moment hatte die Welt ihr Gleichgewicht wiedergefunden.

2. Kapitel

Batavia, 1681

Was die Holländer in Formosa nicht geschafft hatten, war ihnen in Batavia gelungen. Sie hatten ihre Heimat über den Ozean in die Fremde getragen, unter gleißender Sonne eine Stadt aus steinernen Häusern und Grachten geschaffen, wie Griet es aus Rotterdam kannte. Eine Mauer trennte die europäisch anmutende Oststadt von dem überbordenden, heißen, von zahllosen Gerüchen geschwängerten Rest Batavias, in dem sich neben den Ureinwohnern auch Chinesen, Japaner und andere Asiaten angesiedelt hatten. Sie wohnten in ihren jeweiligen Vierteln, befolgten Regeln, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, führten Fehden gegeneinander und taten sich auch manchmal zusammen.

Nun war Griet in diese Welt eingedrungen. Sie kämpfte sich durch eine enge, laute, nach Garküchen riechende Gasse der Chinesenstadt, ihr Bündel mit Büchern dicht an sich gepresst. Normalerweise hätte Diego, ihr Gemahl, sie bei solchen Ausflügen begleitet. Er hatte einen spanischen Vater, dem er seinen Namen verdankte, aber seine Mutter war Japanerin gewesen, was ihn hier weniger fremd machte. Trotz dieser asiatischen Wurzeln lag er seit Wochen krank darnieder wie viele Angestellte der holländischen Handelsgesellschaft. Die Hitze tötete Europäer in Scharen. Griet hatte sie nicht geschadet, ihrem Bruder Ruben ebenso wenig. Wieso musste ausgerechnet Diego, der noch niemals in Europa gewesen war, von einem Fieber niedergestreckt werden? Der von Ruben gerufene holländische Arzt vermochte nicht zu helfen. Griet hoffte, dass asiatische Heiler eine rettende Medizin hätten, doch durften sie in der Oststadt nicht praktizieren. Und so musste sie in der Chinesenstadt nach Hilfe suchen.

Emma Hambroek bewohnte ein kleines Haus am Ende der Gasse. Da sie sich geweigert hatte, auf ihre Beziehung mit einem Nichteuropäer zu verzichten, war sie aus der Oststadt verbannt worden. Doch entsprach das ihren Wünschen, denn dort, wo Christen lebten, wurden keine Missionare gebraucht.

Griet wurde von dem einheimischen Jungen vor der Eingangstür höflich begrüßt, dann ins Innere begleitet. Der Raum, in dem Emma ihren Unterricht abhielt, befand sich neben einem kleinen Garten. Zu ihren Schülerinnen gehörten Mädchen, die Männer der holländischen Handelsgesellschaft mit einheimischen Frauen gezeugt hatten und auch einige Töchter asiatischer Christen. Das Schulgeld reichte offenbar, um der Familie ein Auskommen zu verschaffen. Frans, Emmas Ehemann aus Formosa, betrieb irgendwelche Geschäfte, die aber nicht viel abzuwerfen schienen.

»Wie schön, dass du uns besuchst. Ich habe meine Schülerinnen gerade nach Haus geschickt«, sagte Emma und kam Griet mit einem strahlenden Lächeln entgegen.

»Ich habe Bücher mitgebracht«, verkündete diese. »Sie kamen mit dem letzten Schiff aus Holland.«

Emmas Augen leuchteten auf.

»Religiöse Schriften?«

Griet schüttelte den Kopf.

»Gedichte. Aber von Jakob Cats. Es ist nichts unchristliches daran.«

Der Dichter galt als moralisch absolut integer, weshalb Griet seine Werke für Emma ausgesucht hatte. Sie musste ihren Schülerinnen ja nicht ausgerechnet das bekannte Zitat »Kinderen zijn hinderen – Kinder sind ein Ärgernis« vorsetzen.

»Es ist sehr nett, dass du an mich denkst«, redete Emma weiter und winkte sie herein. »Meine Mädchen werden sicher froh sein, einmal etwas anderes zu lesen als immer die Bibel.«

Als Lehrerin war Emma sicher anstrengend, doch geschah dies aus Begeisterung für ihre Aufgabe. Wenigstens schlug sie ihre Schülerinnen nicht, wie ihr Vater es in Formosa mit seinen Untergebenen manchmal getan hatte.

»Möchtest du Tee? Ich habe noch ein bisschen übrig.«

Ein schmales, einheimisches Mädchen in der buntgewebten, leichten Kleidung ihres Volkes brachte ein Tablett mit Früchten und dem Teegeschirr. Griet und Emma hatten an einem kleinen Tisch Platz genommen.

»Was machen deine Kinder?«, fragte Griet. Emmas Gesicht leuchtete auf, denn sie redete sehr gern über ihre Familie.

»Unser ältester Sohn hilft mir mit der Leitung der Schule. Ich hoffe, dass wir bald auch Jungen unterrichten können. Unter seiner Aufsicht. Meine zwei Töchter sind noch zu jung, um die Botschaft des Herrn zu verbreiten, aber ich glaube, sie werden es beizeiten tun.«

Griet hoffte, dass diese Wünsche sich erfüllten und keines von Emmas Kindern von dem ihm vorgegebenen Weg abwich. Der Ärger, den dies verursachen würde, wäre für alle Beteiligten sehr bedrückend.

»Was ist mit deiner Tochter?«, begann Emma nun. »Sie ist schon fast erwachsen. Wird dein Bruder einen Mann für sie suchen?«

Es wäre das übliche Vorgehen gewesen, zudem Klara wie eine dunkelhaarige Europäerin aussah. Eine stattliche Mitgift, die sie ihr nun geben könnten, würde die meisten Ehemänner darüber hinwegsehen lassen, dass ihre Großmutter Japanerin gewesen war. Doch glücklicherweise zog Ruben, der sich in vieler Hinsicht den Erwartungen der Handelsgesellschaft angepasst hatte, hier eine Grenze.

»Sie soll selbst entscheiden, wen sie heiraten will«, sagte Griet. »So wie ich es tat, obwohl meine erste Wahl eine falsche war.«

Emma nickte und nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe.

»Das wünsche ich mir auch für meine Kinder. Selbst, wenn sie keine Christen heiraten, dann … dann werde ich mich wohl damit abfinden müssen.«

»Kennst du einen guten chinesischen Arzt?«, kam Griet schließlich auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen. »Oder einen Heiler aus Batavia?«

»Ich weiß nicht …«, begann Emma. »Frans holte eine einheimische Frau, als ich die Kinder gebar, aber später haben wir zum Glück keine solche Hilfe mehr gebraucht. Es gibt viele Chinesen, die Kräuter und Tränke verkaufen. Frans kann sich für mich umhören. Um wen geht es denn«?«

»Diego.«

Griet stieß einen tiefen Seufzer aus.

»In all den Jahren, da ich ihn kenne, ist er niemals ernsthaft krank gewesen. Aber nun hat dieses Fieber, unter dem sonst nur Europäer leiden, ihn erwischt und will einfach nicht nachlassen.«

»Ich werde Frans fragen. Er hat den meisten Umgang mit den Leuten hier«, versprach Emma Griet, die sich bedankte und aufstand.

»Ich muss leider wieder zurück. Ruben erwartet mich zum Abendessen.«

Bald darauf hastete Griet durch das Eingangstor zur Oststadt und erreichte ihr Zuhause, einen soliden Steinbau. Ruben war geschäftlich unterwegs, seine chinesische Gefährtin Qianqian malte vermutlich, sodass Griet ungehindert in ihre eigenen Gemächer hochlaufen konnte.

Eines der einheimischen Dienstmädchen kam ihr mit einem Tablett entgegen.

»Wie geht es meinem Gemahl?«, fragte Griet.

Das Mädchen lächelte auf jene asiatische Art, die viele verschiedene Dinge aussagen konnte.

»Er hat etwas Tee getrunken und geschlafen. Er scheint mit seinem Schicksal zufrieden.«

Dann setzte sie ihren Abstieg ins Erdgeschoss fort, ohne Griet weiter zu beachten.

Im gleichen Schlafgemach, in dem ihre Tochter gezeugt worden war und sie viele Nächte Seite an Seite gelegen hatten, konnte Griet Diego nun mit eingefallenem, bleichem Gesicht unter einem Baldachin liegen sehen. Die Luft war stickig, denn der Arzt hatte verboten, die Fenster zu öffnen, da so schädliche Dämpfe eindringen könnten.

»Ich habe Emma besucht«, sagte Griet bemüht fröhlich und setzte sich an seine Seite. »Ihre Schule läuft gut. Wer hätte gedacht, dass so viele Asiaten ihre Töchter freiwillig zu einer holländischen Missionarin schicken.«

»Sie ist wahrscheinlich eine gute Lehrerin.«

Diegos Stimme klang schwach und er musste gleich darauf husten, als hätten diese Worte ihn zu sehr angestrengt.

»Die Leute wissen, dass Holländer über sie herrschen, daher sollen ihre Kinder von diesen lernen.«

Er wandte den Kopf ab und atmete röchelnd. Griet bemerkte den glänzenden Schweiß auf seiner Stirn. Ihr Magen wand sich, als alte Erinnerungen hochkochten. Aert, ihr erster, holländischer Gemahl hatte ähnlich ausgesehen, als er während der Belagerung von Fort Zeelandia sein Leben ausgehaucht hatte. Aber Aert war niemals ein Kämpfer gewesen, ermahnte sie sich. Er hatte den Tod herbeigesehnt, um zu seiner wahren Liebe zu gelangen, die bereits vor vielen Jahren in Rotterdam gestorben war.

»Emma wird uns einen chinesischen Arzt empfehlen«, verkündete Griet hoffnungsvoll. »Der wird dir sicher helfen können.«

»Auch asiatische Ärzte können keine Wunder vollbringen«, flüsterte Diego. Seine Hand legte sich auf die ihre. Sie erschrak darüber, wie heiß seine Berührung sich anfühlte.

»Wir haben 20 gemeinsame Jahre gehabt. Vielen Paaren ist nicht so viel Glück vergönnt«, sagte er leise.

»Und es werden noch mehr Jahre werden!«, rief Griet aufgebracht.

»Meine Mutter nahm den Tod an, als er kam«, redete Diego unbeirrt weiter. »Ich sollte es auch tun, wenn es notwendig ist. Denke an unsere Tochter. Sie braucht dich.«

Griet schnaubte wütend und stampfte mit dem Fuß auf.

»Was soll dieses Gerede? Du wirst wieder gesund, hast du mich verstanden? Klara braucht dich ebenso wie mich. Und ich, ich weiß nicht, wie …«

Der Tod ihres ersten Gemahls Aert hatte sie traurig gemacht. Aber die Vorstellung, Diego zu verlieren, glich dem Sturz von einer Klippe in tiefes, stürmisches Gewässer. Sie würde darin hilflos ertrinken.

»Du wirst zurechtkommen«, sagte Diego und schloss die Augen. »Jetzt lass mich bitte eine Weile schlafen. Um am Leben zu bleiben, wie du es dir wünschst, brauche ich Ruhe.«

»Ja, natürlich.«

Griet stand auf und schlich zur Tür. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich noch einmal um und musterte den Mann, den sie trotz aller Widerstände zu ihrem Gefährten gewählt hatte. Die Jahre hatten ihm wenig anhaben können, selbst sein Haar war noch tiefschwarz und bis vor einigen Wochen hatte er mit seinem bartlosen, glatten Gesicht völlig dem geheimnisvollen Außenseiter geglichen, der damals in Formosa verbotene Leidenschaften in ihr geweckt hatte. Nun hatten dunkle Augenringe und eingefallene Wangen ihn rasant altern lassen. Aber das alles wäre sicher bald vorbei, redete Griet sich hartnäckig ein. Der chinesische Arzt würde ihn heilen, und falls das nicht gelang, würde sie sich auf die Suche nach einem einheimischen Heiler machen, denn diese Leute kannten die Krankheiten Batavias wirklich. Das Leben hatte Griet gelehrt, dass Schwierigkeiten durch Entschlossenheit bekämpft werden konnten.

Sie machte sich auf den Weg ins Erdgeschoss, um nach den anderen Mitgliedern der Familie zu suchen, doch konnte sie dort niemanden entdecken. Ruben war nun meistens geschäftlich unterwegs, um Waren zu beschaffen und ihren Transport nach Holland zu organisieren. Vielleicht war seine Liebe zu Qianqian der Auslöser gewesen oder aber die Umstände, die ihn in Batavia zum einzig akzeptablen Familienoberhaupt gemacht hatten. Woran es auch immer liegen mochte, er hatte sich vom leichtsinnigen Abenteurer in einen ehrgeizigen Geschäftsmann verwandelt.

Griet setzte sich im Speisesaal an den Tisch. Eine beflissene Dienstmagd stellte Früchte vor sie hin. Gedankenverloren biss Griet in eine Mango. Würde Emma ihr eine Nachricht schicken, wenn sie einen Heiler gefunden hatte? Oder wäre es besser, in ein paar Tagen bei ihr nachzufragen?

Eine Tür in ihrem Rücken öffnete sich.

»Wie geht es Vater?«, fragte ihre Tochter Klara und trat langsam auf Griet zu.

»Nicht … schlechter als gestern«, versicherte Griet. »Er wird sicher wieder gesund. Wir brauchen nur den richtigen Arzt.«

»Ja, natürlich Mutter«, sagte Klara. »Du wirst es regeln.«

Bildete Griet es sich ein oder klangen diese Worte ein wenig spöttisch? Sie wurde manchmal nicht schlau aus ihrer Tochter.

Das sechzehnjährige Mädchen stand in einem luftigen Hauskleid aus einheimischer Baumwolle da, ohne Halskrause, aber mit bodenlangem Rock und züchtig hochgeschlossenem Oberteil. Griet bevorzugte inzwischen die Wickelröcke einheimischer Frauen, solange sie sich im Haus aufhielt. Qianqian unterdessen verweigerte sich konsequent der europäischen Mode, die sie schwer und hinderlich fand. Aber Klara wollte aussehen wie eine holländische Dame.

»Mutter, bitte entschuldige mich jetzt. Ich möchte noch an einem Bild arbeiten, das ich Tante Qianqian schenken will. Wir sehen uns beim Abendessen«, sagte sie nun leise und entfernte sich wieder.

Griet nahm es hin, obwohl sie die Tochter gerade jetzt lieber bei sich gehabt hätte. Sie hatte mit Diego vier Kinder gezeugt, aber nur dieses eine Mädchen hatte überlebt. Klara war das Juwel der ganzen Familie, daher durfte sie sie nicht für sich allein beanspruchen. Mit Qianqian teilte Klara die Leidenschaft für das Malen, wofür Griet niemals das geringste Talent gezeigt hatte.

In der kleinen Kammer, die sie bewohnte, setzte Klara sich wieder vor ihren Arbeitstisch. Sie wollte eine Tuschezeichnung ihrer Tante anfertigen, deren feine, wie aus Elfenbein geschnitzte Gesichtszüge sie faszinierten. Von früher Kindheit an hatte sie gespürt, wie die Gesellschaft in Batavia die Gemahlin ihres Onkels ablehnte. Warum waren alle außer Ruben blind für den Zauber dieser Andersartigkeit?

Das Bild wollte sie ihrer Tante zum nächsten Weihnachtsfest schenken. Sie hatte stets gewusst, womit sie Qianqian eine Freude machen konnte. Bei der eigenen Mutter war es nicht so leicht. Griet war so sehr von sich überzeugt, dass sie nichts und niemanden zu brauchen schien. Wer sich ihr in den Weg stellte, den schubste sie einfach zur Seite. Dass Klara ein solches Verhalten schwerfiel, verstand sie nicht. Tante Qianqian hingegen schon.

Klara malte angestrengt weiter. Erst als die Dienstmagd klopfte und sie zum Abendessen rief, legte sie seufzend den Pinsel nieder. Sie verspürte keinen Hunger, hatte denn sie hatte keinen anderen Wunsch als den einen: Ihr Werk zu vollenden.

»Man soll einen Teller zu meinem Gemahl hochbringen«, wies Griet die Dienstmagd an, als sich alle außer dem Vater zum Abendessen eingefunden hatten. Es gab Reis und Fisch wie meistens. Dazu tranken Ruben und auch ihre Mutter holländisches Bier, während Tante Qianqian sich auf Tee beschränkte.

»Gibt es Neuigkeiten von Albert aus Rotterdam?«, fragte Klaras Mutter. »In letzter Zeit scheint der Verkauf unserer Waren nicht mehr so gut gelaufen zu sein. Er hat jedenfalls kaum noch Geld geschickt und auch nichts, das wir hier verkaufen könnten. Ich hatte ihn um Bücher gebeten, aber auch die sind bisher nicht eingetroffen.«

Unzufrieden sah sie ihren Bruder Ruben an.

»Ich habe schon seit Monaten kein Schreiben mehr von ihm bekommen«, erwiderte dieser. »Mit dem letzten Schiff habe ich wieder Stoffe und Gewürze zu ihm gesandt und ihn gebeten, uns einen Teil des Erlöses zukommen zu lassen. Ich würde gern unser Lager weiter ausbauen.«

Klaras Mutter stimmte begeistert zu und machte sogleich Vorschläge, welche Waren sie dort unterbringen könnten. Beide debattierten angeregt weiter, bis die Dienstmägde den Tisch abräumten. Klara fragte sich, warum sie selbst keine solche Begeisterung für das Familiengeschäft aufbringen konnte. War sie selbstsüchtig oder leidenschaftslos?

»Wenn du willst, zeige ich dir morgen, wie man Schattierungen bei Tuschezeichnungen vornimmt«, flüsterte Qianqian ihr ins Ohr. »Wir können im Garten nach Motiven suchen. Du hast einen guten Blick für kleine Details.«

»Ja, sehr gern«, erwiderte Klara und lächelte die Tante dankbar an.

Wenn sie an einer Zeichnung arbeitete, hörte sie auf, an ihre Schwächen zu denken und über den Zweck ihres Daseins nachzugrübeln. Sie spürte einfach, was sie tun sollte, und ihre Welt bekam dadurch ein festes Gefüge.

Qianqian und Klara hatten sich gleich nach dem Frühstück im Garten getroffen und saßen gemeinsam über der Zeichnung, als Klara plötzlich ihre Mutter herbeieilen sah. Sie konnte vom ersten Moment an spüren, dass etwas nicht stimmte. Griet klang für gewöhnlich selbstsicher und entschlossen, doch nun war ihre Stimme hell wie die eines jungen, ängstlichen Mädchens.

»Qianqian, bitte, komm!«, haspelte sie, völlig außer Atem.

»Ist etwas vorgefallen?«, fragte die Tante und erhob sich ohne Zögern.

»Diego! Er … er sieht so seltsam aus. Er spricht nicht mehr.«

Sie musste kurz innehalten, um Luft zu holen. »Es ist als … als wäre er nicht bei Bewusstsein«, fügte sie dann hinzu und wrang die Hände.

Klara fror in der schwülen Hitze Batavias.

»Ich komme mit dir«, hörte sie ihre Tante sagen. »Mache dir keine Sorgen. Wir werden nach dem Arzt schicken lassen.«

Ihre Miene war sanft und freundlich wie immer, aber Klara kannte sie gut genug, um zu wissen, dass es nichts bedeutete. Selbst, wenn ganz Batavia eines Tages vom Ozean verschlungen werden sollte, würde ihre Tante dabei eine gefasste Miene aufsetzen.

Mit einer unguten Ahnung schlich sie den zwei älteren Frauen hinterher.

Später hatte sie nur noch verschwommene Erinnerungen an die nächsten Stunden. Ihre Mutter schrie immer wieder, als hätte das Fieber des Vaters auch sie ergriffen und um ihren messerscharfen Verstand gebracht. Sie wollte wissen, warum sie selbst, eine Fremde, gesund geblieben war und ihr in Asien geborener Ehemann stattdessen reglos dalag. Tante Qianqians Beruhigungsversuche waren erfolglos, denn Griet wollte eine Erklärung für alles haben, auch wenn es keine gab.

Klara wartete im Hintergrund, um nicht zu stören. Von dort aus starrte sie auf das Gesicht ihres Vaters und spürte, dass er bereit war, sich von ihnen zu verbschieden. Die Versuche des in aller Eile herbeigerufenen Medikus, ihn Aderlass ins Leben zurückzuholen, fügten ihm nur unnötigen Schmerz zu. Ruben schickte schließlich nach dem Priester, damit sein Schwager die letzten Sakramente erhielt. Zu diesem Zeitpunkt lag Griet bereits laut schluchzend in den Armen von Tante Qianqian. Es war verstörend, sie so hilflos zu erleben. Der Tod war Klara vorher nur selten begegnet, da man sie von Kranken ferngehalten hatte. Aber nun war er in ihr Leben eingedrungen, um es aus seinen Angeln zu heben.

Sie wusste, dass ihr Vater nicht mehr aufstehen, lachen und mit ihr durch die Stadt laufen würde, wie er es früher gern getan hatte. An seiner Seite hatte sie sogar die sichere Festung der holländischen Oststadt verlassen, um in das wahre Batavia einzudringen, ohne sich dort fremd zu fühlen. Am liebsten hätte sie geschrien und geweint wie ihre Mutter, vermochte es aber nicht. Ebenso wie bei ihrer Tante waren ihre Empfindungen in ihrem Inneren eingesperrt, als hätte jemand eine Flasche zugekorkt.

Onkel Ruben zog ein Laken über das Gesicht ihres Vaters, als er aufgehört hatte zu atmen. Dann legte auch er seine Arme um Griet und forderte die Dienstmägde auf, eine Flasche Arrak aus dem Keller zu bringen. Klaras Mutter trank etwas davon. Ihr Toben ließ nach, sie fiel stattdessen in einen Sessel, als sei auch aus ihr das Leben gewichen. Qianqian legte einen Seidenschal um ihre Schultern und forderte dann die Dienstmägde auf, den Raum zu verlassen.

»Diegos Leichnam muss schnellstmöglich beigesetzt werden«, beschloss ein aschfahler Onkel Ruben. »Bei diesen Temperaturen geht es nicht anders. Er wird noch vor Sonnenuntergang abgeholt.«

Er tat ein paar Schritte auf seine Schwester zu und strich ihr sanft über die Schulter.

»Er wird auf dem holländischen Friedhof begraben werden. Dafür sorge ich persönlich, denn er war ein Mitglied meiner Familie.«

Griet hob zögernd den Kopf. Ihre Augen waren rot vom Weinen, und Klara bekam plötzlich eine Ahnung, wie ihre Mutter als alte, gebrechliche Frau aussehen könnte.

»Ich danke dir«, murmelte Griet leise, wandte sich dann wieder ab. »Ich will so lange hier bei ihm bleiben«, fügte sie flüsternd hinzu.

Ruben öffnete den Mund, als wollte er widersprechen, aber Qianqian brachte ihn mit einem einzigen Blick zum Schweigen.

»Gehen wir«, sagte sie und schob ihren Mann sanft zur Tür hinaus. Dann wandte sie sich zu Klara.

»Komm mit. Du brauchst eine Stärkung.«

Dankbar, dass jemand auch an sie dachte, stand Klara auf. Sie musterte ihre Mutter kurz, die reglos auf dem Sessel saß und auf das Laken starrte, unter dem sich der Leichnam ihres Gemahls abzeichnete. Im Augenblick hatte nichts und niemand sonst in Griets Leben irgendeine Bedeutung. Also folgte Klara ihrer Tante aus dem Zimmer wie ein Hündchen.

Qianqian wies die Dienstmagd an, eine Suppe zu kochen, und führte Klara dann in ihre Kammer.

»Ich habe meine Eltern sehr plötzlich verloren, da es in meiner Heimat einen Bürgerkrieg gab«, erzählte sie ihr, als sie beide auf dem schmalen Bett Platz genommen hatten. »Ich weiß, wie völlig verlassen man sich in einem solchen Moment fühlt. Vergiss nicht, dass du noch deine Familie hast.«

Klara nickte. Ihr Körper fühlte sich taub an, aber sie empfand erstaunliche Ruhe.

»Mein Vater war müde. Das Fieber hat ihn ausgezehrt. Ich glaube, er war bereit zu sterben«, flüsterte sie.

Zu ihrem Erstaunen nickte die Tante nur.

»Du spürst diese Dinge. Deine Mutter kann es nicht. Sie glaubt, dass sie alles im Leben nach ihrem Willen lenken kann. Lange hat sie es geschafft, aber nun hat der Himmel ihr eine Grenze aufgezeigt.«

Verwirrt schüttelte Klara den Kopf.

»Meine Mutter wird zurechtkommen. Nichts und niemand zwingt sie in die Knie.«

Der Vater war stets ein ruhiger, verlässlicher Schatten im Rücken seiner Frau gewesen. Wie er auch immer hinter ihr gestanden und sie beschützt hatte. Im Moment glaubte Griet, ohne diesen Schatten nicht leben zu können, aber sie würde es auch ohne ihn schaffen.

»Deine Mutter wurde von Diego aufrecht gehalten«, sagte die Tante aber. »Er war ihre Stütze. Jetzt wird sie dich brauchen. Sie kann sehr viel bewegen, aber allein schafft sie es nicht.«

»Sie hat doch noch Onkel Ruben und dich«, wandte Klara ein. Sie wusste nicht, wie sie selbst irgendetwas tun könnte, um ihrer Mutter zu helfen.

»Ja, natürlich hat sie uns«, erwiderte Qianqian. »Aber du bist ihr Kind. Aus ihr selbst und Diego entstanden. Niemand kann dich ersetzen.«

Sie drückte Klaras Hand und sah aus irgendeinem Grund plötzlich traurig aus.

»Iss die Suppe, wenn sie kommt, denn du wirst Kraft brauchen. Dann hilf deiner Mutter«, sagte sie, strich Klara über den Kopf und stand auf. »Ich muss nun zu meinem Gemahl, der mit der neuen Lage ebenfalls überfordert ist.«

Danach verließ sie den Raum. Klara wartete folgsam, bis ihre Suppe kam. Sie verspürte keinen Hunger, aber eine Leere, die sie mit der warmen Flüssigkeit zu füllen hoffte.

Ihr Vater war tot. Sie hatte nur noch ihre Mutter, die sie bewunderte – aber wirklich nahe fühlte sie sich ihr nicht.

3. Kapitel

Batavia, 1681

Du hast immer gesagt, dass ich zu ungeduldig bin, dachte Griet und starrte auf Diegos Grab. Warum musstest du vor mir gehen? Ich fühle mich ebenfalls alt und müde.

Ihr Haar wies seit etlichen Jahren graue Strähnen auf und ihr Körper war weicher geworden, doch das hatte sie nie daran gehindert, sich mit Begeisterung in jeden neuen Tag zu stürzen. Zusammen mit Ruben und Diego hatte sie in Batavia eine erfolgreiche Handelsniederlassung aufgebaut und die Mitgliedschaft in der VOC, der Ostindienkompanie, erworben. Die Geschäfte waren ihr Lebenselixier gewesen. Nun kam sie sich jeden Morgen wie eine Greisin vor, die kaum genug Energie aufbrachte, um aus dem Bett zu kommen.

Sie konnte Diegos Stimme nicht mehr hören, doch spürte sie seine Antwort auf ihre Fragen in ihrem Inneren. Es gab Dinge, die sie erledigen musste. Vor allem die Zukunft ihrer Tochter musste gesichert sein, was nun ihr allein oblag. Klara war liebreizend und fügsam, wie die Welt es von Frauen erwartete. Doch hinter dieser Fassade verbarg sie ein tiefgründiges Wesen, das Qianqian besser zu erfassen vermochte als die leibliche Mutter.

Griet sah Diego weiterhin in jeder Ecke des Hauses, streckte nachts manchmal die Hand aus, um nach ihm zu tasten, und kämpfte mit den Tränen, wenn sie in der Morgendämmerung allein erwachte. Aber immer wieder konnte sie seine Nähe fühlen. Er würde ihr auch weiterhin beistehen, versicherte sie sich, als sie den Rückweg in ihr Zuhause antrat.

Sie betrat das Kontor, das gleich neben ihrem Wohnhaus lag. Bevor das Fieber Diego niedergezwungen hatte, waren mit seiner Hilfe noch einige Geschäfte mit japanischen Händlern zustande gekommen. Ruben wartete auf eine Gelegenheit, Seide und Tee nach Holland zu verschiffen, aber es war schon seit längerer Zeit kein Geld von Albert mehr eingetroffen, um den Transport zu bezahlen. Seit zwei Tagen jedoch lag ein Schiff der Handelsgesellschaft im Hafen von Batavia, das aus Rotterdam gekommen war. Also gab es Anlass zur Hoffnung.

Griet hastete zu dem kleinen Raum, in dem ihr Bruder seine Bücher führte, und trat ein, ohne anzuklopfen.

»Hat Albert geschrieben?«

Inzwischen mussten alle auf dem Schiff geladenen Güter und Briefe verteilt worden sein.

Ruben blickte auf. Auch an ihm waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen. Er war deutlich breiter geworden und musste nun eine Brille auf seinen Nasenrücken klemmen, um die Geschäftsbücher lesen zu können.

»Ich habe ein Schreiben von ihm erhalten«, sagte er mit einem Seufzer. »Leider erfüllt es nicht meine Erwartungen.«

»Warum denn nicht?«

Griet schob einen Schemel herbei und setzte sich.

»Wir haben ihm kostbare Waren geschickt. Pfeffer, Muskat und andere Gewürze. Die muss er doch gewinnbringend verkauft haben!«

Ruben nahm die Brille ab und rieb seine Stirn.

»Er behauptet, dass weitaus weniger ankam, als ich ankündigt hatte. Vielleicht sind während des Transportes einige Kisten bei einem Unwetter über Bord gegangen. Oder der Kapitän hat einen Teil der Ware unterschlagen.«

»Da muss man nachforschen! Wir beschweren uns bei der VOC. Immerhin sind wir Teilhaber«, beharrte Griet. »Weißt du, welcher Kapitän es war?«

»Ja, aber der ist in Holland. Angeblich lässt seine Gesundheit keine weitere Schiffsreise mehr zu. Aber ganz gleich, woran es liegt, Albert hat nicht genug Geld geschickt, damit wir unser Lager wie geplant ausbauen können. Ich überlege, einen Teil unserer Waren nun vor Ort zu verkaufen.«

»Damit andere Handelshäuser damit Gewinn machen?«

Entschlossen schüttelte Griet den Kopf.

»Irgendetwas stimmt nicht«, stellte sie nach kurzem Überlegen fest. »Über zehn Jahre lang haben wir gute Geschäfte gemacht und jetzt fallen plötzlich so viele Kisten vom Schiff, dass es nicht mehr geht?«

»Daran allein liegt es sicher nicht«, sagte Ruben. »Die Zeiten haben sich geändert. Es lassen sich immer mehr Händler, die Gewürze nach Holland verschiffen, in Batavia nieder. Dadurch sinken die Preise. Abgesehen davon mischen die Briten zunehmend mit.«

»Was kümmern mich die Briten?«, rief Griet. »Konkurrenz gab es schon immer. Ein guter Kaufmann kämpft gegen sie an. Wir liefern hervorragende Ware! Diego hat dafür gesorgt. Albert macht irgendwelche Fehler, fürchte ich. Er ist auch nicht mehr der Jüngste.«

»Er hat vor zwei Jahren eine deutlich jüngere Frau geheiratet«, sagte Ruben mit einem Grinsen. »Vielleicht lenkt sie ihn von den Geschäften ab.«

Das konnte Griet sich kaum vorstellen, denn ihr ältester Bruder war stets pflichtbewusst und ernsthaft gewesen. Aber sie hatte ihn seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gesehen. Es war möglich, dass er sich verändert hatte.

»Jemand sollte nach dem Rechten sehen«, murmelte sie. »In Rotterdam.«

Zu ihrem Erstaunen nickte Ruben ohne Zögern.

»Ich habe überlegt, einen meiner Angestellten zu schicken. Aber ich weiß nicht, ob Albert auf ihn hören und ihm Einblick in seine Bücher gewähren wird.«

Wahrscheinlich nicht, denn Albert war schon als junger Mann etwas borniert gewesen. Griet überlegte einen Moment. Der Gedanke kam plötzlich, aber er fühlte sich richtig an. So hatte sie schon immer Entscheidungen getroffen.

»Ich könnte fahren.«

Ruben musterte sie fassungslos.

»Diese Schiffsreisen sind lang und beschwerlich.«

»Das weiß ich. Ich habe es schon einmal hinter mir.«

Allerdings war sie damals weitaus jünger gewesen, voller Neugier und der Sehnsucht nach Abenteuer.

»Du warst diejenige, die sich von Anfang an in Asien wohlgefühlt hat«, redete Ruben weiter. »Wenn du erst in Holland bist, wirst du dann noch genug Kraft für die Rückreise haben?«

Griet biss sich auf die Lippen, weil sie keine Antwort wusste. Während Schiffsfahrten verloren auch immer einige Leute ihr Leben, wie sie selbst damals mitbekommen hatte. Würde sie eine solche Gefahr noch zweimal auf sich nehmen wollen?

Es hinge wohl von den Umständen ab. Sie wusste nicht, ob sie in Holland noch zurechtkommen würde. Die Winter waren war dort furchtbar kalt gewesen. Sie liebte die Wärme von Batavia.

»Du hast Freunde hier«, wandte Ruben weiter ein. »Qian-qian und Emma. Du liebst das Essen und die Menschen und …«

»Und ich habe Diego verloren«, unterbrach Griet. »Er war es, der mich mit Asien vertraut gemacht hat. Ohne ihn fehlen mir hier die Wurzeln. Ich kann ebenso gut wieder zurückfahren. Die Tochter meines ersten Mannes, Mia, lebt irgendwo in Holland. Mein Stiefsohn Pieter reiste mit seiner chinesischen Frau später ebenfalls mach Amsterdam.«

All das lag viele Jahre zurück. Auf einmal verspürte Griet echte Neugier herauszufinden, was aus all diesen Leuten geworden war.

»Es gibt hier für mich nichts mehr zu tun ohne Diego«, sagte sie. »Ich brauche eine Veränderung.«

Zu ihrem Erstaunen nickte Ruben.

»Ja, das verstehe ich. Aber was ist mit Klara?«

»Sie ist meine Tochter. Natürlich werde ich sie mitnehmen.«

Griet hatte gesprochen, ohne nachzudenken, aber gleich darauf kamen ihr Zweifel. Würde Klara die lange, beschwerliche Reise wirklich auf sich nehmen wollen?

»Das Mädchen kennt nur Batavia. Sie hängt an den Menschen in diesem Haus«, gab auch Ruben zu bedenken.

Er brauchte nicht auszusprechen, was er damit meinte. Zwischen Qianqian und Klara war ein sehr enges Band entstanden, das durch eine Abreise des Mädchens zerrissen werden würde. Qianqian litt unter ihrer Kinderlosigkeit, doch Klaras Zuneigung hatte sie zu trösten vermocht.

»Unser Handelshaus hat keine anderen Erben außer deiner Tochter«, hörte Griet Ruben weiterreden. »Vergiss nicht, wie wichtig sie für uns alle ist.«

»Albert wird vielleicht noch Kinder von seiner neuen Frau bekommen«, wandte Griet ein. Sie hatte stets damit gerechnet, dass ihr ältester Bruder Nachkommen zeugen würde, denn Albert tat, was sich gehörte. Dadurch war Rubens Verbindung mit einer Chinesin akzeptabel geworden, ebenso wie Griets Ehe. Zunächst war niemand davon ausgegangen, dass ihre Nachkommen eines Tages das Handelshaus leiten könnten, da Alberts zukünftige Söhne Vorrang hätten, doch bis jetzt gab es niemanden außer Klara.

»Sie wird eine passende Ehe eingehen müssen«, sagte Ruben. »Alle erwarten es. Sie braucht einen Mann, der eines Tages die Geschäfte übernimmt.«

Der Einwand, dass auch eine Frau ein Handelshaus führen konnte, war in Klaras Fall hinfällig. Griets Tochter zeigte keine derartigen Neigungen, wäre wahrscheinlich froh, dies ihrem Gemahl anzuvertrauen. Dennoch fand Griet die Worte ihres Bruders unangenehm

»Es würde mir missfallen, wenn meine Tochter zu einer Ehe gezwungen wird«, sagte sie nach kurzem Zögern. »Bitte bedenke, welche Freiheiten wir beide uns herausnahmen. Ich kann dies meiner Tochter nicht verweigern.«

Im Moment hatte Klara nichts als ihre Bilder im Kopf. Aber sie war in einem Alter, da sich dies schnell ändern konnte.

Ruben stieß einen Seufzer aus.

»Ich rede nicht von Zwang, nur von einer gewissen Einsicht. Um ehrlich zu sein, habe ich von zwei hier ansässigen holländischen Familien bereits entsprechende Angebote erhalten. Klara ist trotz ihrer japanischen Großmutter keine schlechte Partie.«

Er sah Griet aufmunternd an. Sie rutschte auf ihrem Schemel herum.

»Erwartest du, dass ich mich über diese Aussage freue?«, fragte sie und sah dem Bruder gerade ins Gesicht.

»Ich erwarte nur, dass du die Tatsachen anerkennst. Klara wird demnächst heiraten müssen. Sie ist im richtigen Alter. In dieser Welt brauchen Frauen Ehemänner, die sie beschützen und …«

Mit erhobenen Händen versuchte er, Griets Wutausbruch abzuwehren.

»Ich weiß, dass du auch allein zurechtkommst. Aber deine Tochter ist nicht wie du.«

Die offensichtliche Wahrheit dieser Worte nahm Griet den Wind aus den Segeln. Sie nickte kurz.

»Dennoch würde ich ihr gern das Recht geben, sich ihren Ehemann selbst auszusuchen.«

»Das kann sie ja.« Ruben räumte mit einem Murren seine Bücher zur Seite. »Sie muss nur eine vernünftige Wahl treffen. Da wäre die Unterstützung ihrer Mutter wichtig.«

Oder die von Qianqian, dachte Griet. Sie erwog aus eben diesem Grund, Klara in Batavia zu lassen. Hier war ihr Zuhause. Europa kannte sie nicht und würde es vielleicht nicht einmal mögen.

Aber nun kam es ihr vor, als wäre ihre zarte, versponnene Tochter in Bedrängnis. Qianqian hätte sicher Klaras Bestes im Sinne und Ruben würde auf sie hören. Aber als Chinesin war Qianqian mit der ansässigen holländischen Gesellschaft zu wenig vertraut, um wirklich zu wissen, was in den jeweiligen Familien vor sich ging.

Ich lasse unsere Tochter nicht allein, versicherte Griet Diego im Geiste und erhob sich.

»Klara soll mich nach Rotterdam begleiten«, teilte sie ihrem Bruder mit und hob die Hand, um seinen Widerspruch abzuwehren. »Ich weiß, für Qianqian wird es hart. Doch nach einer Heirat würde Klara dieses Haus auch verlassen. In Holland hat sie eine viel größere Auswahl an möglichen Ehemännern. Dort weiß auch niemand, dass ihr Vater kein Holländer war.«

Dies war der einzige Makel, den angesehene Familien an ihrer liebreizenden Tochter sehen konnten. Griet beschloss, dass Klara selbst entscheiden sollte, ob sie ihrem Bräutigam die Wahrheit über ihre Herkunft sagen würde.

In Rotterdam wäre es unwichtig, denn Asien war sehr weit weg.

Aufmerksam wartete sie auf Rubens Reaktion. Als Familienoberhaupt hatte er das Recht, ihr zu verbieten, Klara mitzunehmen. Streng genommen hätte er ihr sogar die ganze Reise untersagen können, aber ihrer beider Verhältnis war niemals von solcher Art gewesen.

Er zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf und öffnete wieder sein Buch.

»Tu, was du für richtig hältst. Aber vergiss nicht, dass in Rotterdam nun Albert den Vorsitz hat.«

Griet nahm den unausgesprochenen Hinweis, dass der älteste Bruder weniger umgänglich wäre, schweigend zur Kenntnis. Sie würde mit Albert schon fertigwerden. Es war ohnehin an der Zeit, dass jemand seine Leitung des Handelshauses überprüfte.

Entschlossen rauschte sie aus dem Raum. Ihre Lebensgeister waren zurückgekehrt, denn es gab noch viel zu erledigen, bevor sie Diego nachfolgen konnte.

Nach dem Gespräch mit ihrer Mutter saß Klara lange da und starrte auf ihre Zeichnung, auf der Tante Qianqians Gesicht langsam deutlichere Züge bekommen hatte. Würde sie es im fernen Europa noch schaffen, dieses Bild zu vollenden? Würde es dort jemanden kümmern, wie jene Chinesin aussah, an der Onkel Ruben allen Widerständen zum Trotz festhielt?

Ihre Tante würde das fertige Werk nicht sehen können. Außer es würde auf ein Schiff geladen werden, das viele Monate lang unterwegs wäre. Aber selbst dann würde Klara nicht mitbekommen, ob Qianqian ihr feines Lächeln aufsetzte oder jenes glatte Gesicht beibehielt, hinter dem sie Missfallen oder Enttäuschung verbarg.

Sie stand auf, lief zu ihrem Bett und rollte sich darauf zusammen. Allein in ihrem Zimmer trug sie manchmal einen Wickelrock mit Bluse wie die einheimischen Frauen, was in der Hitze bequemer war als holländische Kleidung. Würde sie das in Rotterdam noch tun können? Wahrscheinlich wäre es dort die meiste Zeit kalt. Sie würde ungewohntes Essen bekommen, von Menschen umgeben sein, die ihr fremd waren, und könnte niemals mehr mit Tante Qianqian im Garten sitzen, um die richtige Technik beim Zeichnen zu besprechen.

Klara erstickte ihre Tränen im Kissen, wie sie es seit dem Tod ihres Vaters oft getan hatte. Er war ihr nicht ganz so nahe wie Qianqian, aber sie hatte in seinem Gesicht sehen können, dass auch ein Teil von ihr in diesem Kontinent verwurzelt war, während ihre Mutter und Onkel Ruben vom Ozean angeschwemmt worden waren. Jetzt würde sie selbst ein Schiff besteigen müssen und ihre Wurzeln aus jener Erde reißen, auf der sie aufgewachsen war.

Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht willst, hatte ihre Mutter gesagt. Sie redete gern so, als hätten andere Menschen eine Wahl, doch dann stürmte sie los und zerrte alle mit sich.

Konnte Klara sich nicht einfach irgendwo verstecken, wo sie kaum auffiel? Außerhalb der Mauern der Oststadt gab es so viele verschiedene Menschen. Vielleicht würden sie sich einfach an Klaras Gegenwart gewöhnen. Sie begann im Geiste einen Plan zu schmieden, wie sie mit Qianqians Hilfe untertauchen könnte, bis ihre Mutter abgereist war. Onkel Ruben würde sie nicht allein nach Holland schicken.

Sie feilte an dieser Idee, bis die Tür aufging und sie das feine Schlurfen der Pantoffeln ihrer Tante vernahm, die sich auf ihren winzigen Füßen sehr mühsam fortbewegte. Klara wandte sich um, erfreut, dass Qianqian sie unaufgefordert aufsuchte.

»Ich möchte nicht weg«, sagte sie, bevor die Tante sich hatte äußern können. »Batavia ist mein Zuhause. Holland kenne ich nicht.«

Sie richtete sich auf. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie eine klare Entscheidung getroffen, die den Wünschen ihrer Familie widersprach. Sie fürchtete, Qianqian würde es ihr zum Vorwurf machen, aber die Tante setzte sich nur an ihre Seite und ergriff ihre Hand.

»Ich verstehe, wie schwer es ist. Als ich so jung war wie du, musste ich aus meinem Zuhause fliehen und wusste nicht wohin.«

»Aber du hattest damals keine Wahl«, widersprach Klara. »Unser Haus hier hingegen wird nicht angegriffen. Ich könnte einfach bleiben. Bei dir. Wir sitzen im Garten und malen Bilder. Vielleicht kommt meine Mutter wieder zurück.«

»Ich denke nicht, dass sie das tun wird.«

Qianqian richtete mit ein paar Handbewegungen die Falten ihres Seidenkleides. Keine der holländischen Frauen Batavias schaffte es, auf so mühelose Weise elegant auszusehen.

»Deine Mutter will in ihre Heimat. Es gibt nach Diegos Tod nichts mehr, das sie hier hält. Und du bist ihr Kind«, mahnte Qianqian sanft.

»Aber bin ich deshalb ein Hund, der ihr hinterherlaufen muss?«

Klara hatte lauter gesprochen als gewöhnlich. An dem Zucken von Qianqians feinen Augenbrauen erkannte sie deren leisen Tadel.

»Du wirst in Holland eine bessere Zukunft haben. Eine größere Auswahl an möglichen Ehemännern. Du kannst auch europäische Malerei kennenlernen.«

»Die brauche ich nicht!«, widersprach Klara. »Mir reicht, was du mich lehren kannst. Ich will an deiner Seite bleiben. Wenn es notwendig ist, lebe ich wie eine Chinesin.«

Die Augen ihrer Tante leuchteten auf, was Klara beruhigte. Auch Qianqian wollte keine Trennung. Ihre zarten Finger strichen über Klaras Hand.

»Du bist keine Chinesin. Dein Gesicht ist das einer europäischen Frau. Chinesen vermählen sich mit ihresgleichen, wie auch die Holländer. Du weißt nicht einmal, was es bedeutet, in einem asiatischen Haushalt zu leben. Folge deiner Mutter, Klara. Sie führt dich an den Ort deiner Herkunft.«

Diese Worte waren eine schmerzhafte Zurückweisung, aber Klara hatte der sanften, leisen Art Qianqians stets mehr vertraut als dem energischen Gerede ihrer Mutter.

»Dann komme mit mir!«, rief sie und umklammerte das schmale Handgelenk der Chinesin. »Du und auch Ruben, ihr könnt doch ebenfalls nach Holland segeln. Pieter Maas, der Stiefsohn meiner Mutter, nahm auch eine chinesische Frau mit nach Holland.«

Nun senkte Qianqian den Blick und machte sich daran, die Laterne im Zimmer anzuzünden, da es langsam zu dämmern begann.

»Pieters Frau war anders als ich«, erzählte sie unterdessen. »Sie hatte große Füße wie eine Europäerin und so viel Kampfgeist wie deine Mutter. Ich will mich nicht an eine neue, fremde Welt gewöhnen müssen. Ruben wird weiterhin das Handelshaus in Batavia leiten und ich bleibe hier bei ihm. Du wirst mir fehlen. Aber die Reise ist zu deinem Besten, daher lasse ich dich gern ziehen.«

Sie zog ein besticktes Säckchen aus ihrem Ärmel und legte es neben Klara auf das Laken.

»Hier ist mein Schmuck, den ich gern einer Tochter geschenkt hätte. Der Himmel gönnte mir keine eigenen Kinder, aber ich bekam dich und bin dankbar dafür. Es hat keinen Sinn, gegen sein Schicksal zu kämpfen. Halte stattdessen die Augen offen, welche unerwarteten Geschenke es dir macht.«

Mit diesen Worten schloss sie Klara in die Arme und drückte sie mit mehr Kraft an sich, als ihrem zarten Körper zuzutrauen war.

»Hör nicht auf zu malen. Zeige den Europäern, was du von mir gelernt hast.«

Sie drückte einen Kuss auf Klaras Scheitel, erhob sich dann und glitt auf ihren winzigen Füßen aus dem Raum.

Klara umschloss das Säckchen mit ihren Fingern. Ein Teil von Qianqian würde mit ihr fahren, nicht nur wegen des Schmucks, sondern aufgrund all dessen, was die Tante sie gelehrt hatte.

Mit einem Seufzer ließ Klara sich auf ihr Bett fallen.

Sie schob das Säckchen unter ihr Kissen und schloss die Augen. Vor ihrem Fenster zirpten die Grillen, und sie atmete die warme, feuchte Luft Batavias ein.

Was sie in Holland erwartete, wusste sie nicht, aber sie würde sich darauf einstellen müssen. So wie ihre Tante Qianqian das neue Leben in Batavia angenommen hatte.

4. Kapitel

Taiwan, 1682

Die Brutalität des Vorgehens war bedauerlich«, erzählte Giacomo und faltete die Hände auf dem Tisch. »Ein junger Mann wurde in seinem Schlafgemach ermordet, weil er angeblich den falschen Vater hatte.«

Meihua nickte und griff nach den Melonenkernen. Es war beruhigend, sie zwischen ihren Zähnen knackend zu zerbeißen. Ihr Vater hatte ihr diese Geschichte schon vor einem Jahr erzählt, als er eines Tages mit fahlem Gesicht nach Hause gekommen war. Zheng Kezang war das Opfer einer Palastintrige geworden und hatte daher sterben müssen. Ihr neuer Herrscher hieß nun Zheng Keshuang, Favorit der Königinwitwe Dong. Es hatte Machtkämpfe gegeben, einige Menschen hatten ihr Leben gelassen, während andere in höhere Ämter aufgestiegen waren.

»Mein Vater konnte seine Stellung halten«, wandte sie ein. »Er kümmert sich weiterhin um die Schulen auf dieser Insel.«