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Der zweite aufregend-prickelnde Roman der neuen Cynster-Reihe!
Thomas Carrick hat das Glück gepachtet. Er ist wohlhabend, führt ein florierendes Unternehmen und kann sich vor Verehrerinnen kaum retten. Bislang aber konnte keine der Damen sein Herz entflammen – zumindest nicht so, wie es Lucilla Cynster einst getan hat. Die schöne und eigensinnige Rothaarige lebt aber weit entfernt in den Highlands, und Thomas hatte sich geschworen, nie wieder in diese raue Gegend, geschweige denn zu seiner dort ansässigen Verwandtschaft, zurückzukehren. Doch dann ereilt ihn ein dringender Hilferuf, und Thomas sieht sich erneut der betörenden Anziehungskraft Lucillas ausgeliefert. Wird er der Versuchung widerstehen können?
Die Reihe »Cynster, eine neue Generation« bei Blanvalet:
1. Eine Liebe in den Highlands
2. Schottische Versuchung
3. Verführt von einer Highlanderin
4. Eine skandalöse Leidenschaft
5. Ein verheißungsvolles Abenteuer
6. Wie zähmt man eine Lady?
7. Der irische Gentleman
Alle Bände können auch unabhängig voneinander gelesen werden.
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Seitenzahl: 606
Veröffentlichungsjahr: 2020
Buch
Thomas Carrick hat das Glück gepachtet. Er ist wohlhabend, führt ein florierendes Unternehmen und kann sich vor Verehrerinnen kaum retten. Bislang aber konnte keine der Damen sein Herz entflammen – zumindest nicht so, wie es Lucilla Cynster einst getan hat. Die schöne und eigensinnige Rothaarige lebt aber weit entfernt in den Highlands, und Thomas hatte sich geschworen, nie wieder in diese raue Gegend, geschweige denn zu seiner dort ansässigen Verwandtschaft, zurückzukehren. Doch dann ereilt ihn ein dringender Hilferuf, und Thomas sieht sich erneut der betörenden Anziehungskraft Lucillas ausgeliefert. Wird er der Versuchung widerstehen können?
Autorin
Stephanie Laurens begann mit dem Schreiben, um etwas Farbe in ihren wissenschaftlichen Alltag zu bringen. Ihre Bücher wurden bald so beliebt, dass sie ihr Hobby zum Beruf machte. Stephanie Laurens gehört zu den meistgelesenen und populärsten Liebesromanautorinnen der Welt und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in einem Vorort von Melbourne, Australien.
Von Stephanie Laurens bereits erschienen
Ein feuriger Gentleman · In den Armen des Spions · Eine stürmische Braut · Ein süßes Versprechen · Ein widerspenstiges Herz · Stürmische Versuchung · Ein sinnliches Geheimnis · Triumph des Begehrens · Duell der Sehnsucht · Eine ungezähmte Lady · Gespielin der Liebe · Meisterin der Verführung · Verwegene Geliebte · Eine Liebe in den Highlands
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Stephanie Laurens
SCHOTTISCHE VERSUCHUNG
Roman
Deutsch von Christiane Meyer
Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »The Tempting of Thomas Carrick« bei MIRA Books, Canada.
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Copyright der Originalausgabe © 2015 by Savdek Management Proprietary Limited
Published by Arrangement with Savdek Management Pty Ltd
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2020 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Ulrike Nikel
Covergestaltung: punchdesign
Covermotive: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (Nagib; Martin M303; Lukasz Pajor) und Romance Novel Cover
JF · Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
LH ∙ Herstellung: sam
ISBN 978-3-641-24156-8V003
www.blanvalet.de
April 1848
Glasgow
»Guten Morgen, Mr. Carrick.«
Thomas, der gerade seinen Regenschirm zusammenrollte, blickte auf und lächelte Mrs. Manning an. Die Empfangsdame saß an ihrem Schreibtisch im Foyer von Carrick Enterprises, das seinen Firmensitz im ersten Stock eines Gebäudes an der Trongate hatte, ganz in der Nähe des geschäftigen Herzens der Stadt.
Fast schon gebieterisch streckte sie die Hand aus.
»Geben Sie her, lassen Sie mich das machen, Sir.«
Während die Tür zum Treppenhaus, durch das er gerade heraufgekommen war, hinter ihm ins Schloss fiel, ging Thomas zu Mrs. Manning und reichte ihr wie ein folgsamer Junge den Schirm.
Die langjährige Mitarbeiterin, eine verwitwete Frau mittleren Alters, verzog die schmalen Lippen zu einem zufriedenen Lächeln, als sie den Regenschirm entgegennahm. Trotz ihres strengen Auftretens hatte sie eine Schwäche für Thomas und herrschte mit fester, aber liebevoller Hand über ihr Reich.
»Sie haben heute Morgen keine Termine, Mr. Carrick, nur die Unterredung mit den Colliers am späten Vormittag.« Mrs. Manning sah sich um. »Und heute Morgen ist auch nichts reingekommen, was Sie erledigen müssten.«
Gegenüber dem Empfang stand ein langer, blank polierter Tresen an der Wand, hinter dem ein Regal mit Fächern eingelassen war, wo Dobson gerade Briefe und Lieferungen sortierte.
Er war ein ehemaliger Soldat und kein Mann vieler Worte, und so nickte er Thomas bloß schweigend zu, als der in seine Richtung blickte, bevor er sich wieder Mrs. Manning zuwandte.
»Wenn das so ist, werde ich die Gelegenheit nutzen und mir die Geschäftsbücher und -berichte des vergangenen Monats ansehen.«
»Sie finden alles auf dem Sekretär hinter Ihrem Schreibtisch, Sir.«
Das Foyer war mit fein gemaserter Eiche verkleidet. Auf der im oberen Teil verglasten Eingangstür waren auf einem kunstvoll gearbeiteten, vergoldeten Schild der Name und das Logo der Firma zu sehen – der Umriss eines Dampfschiffs auf einer quadratischen Kiste. Von der Stuckdecke hingen an schweren Ketten Gaslampen herab, Schalen aus marmoriertem Glas, die einen warmen Schein verbreiteten. Das ganze Ambiente vermittelte einen Eindruck zurückhaltenden Wohlstands, bei dem niemand auf die Idee kam, hier wolle jemand großspurig etwas zur Schau stellen.
So etwas hätte Thomas Carrick auch völlig ferngelegen, denn es stand kein ererbtes Geld hinter Carrick Enterprises. Niall, sein verstorbener Vater, hatte die Import-Export-Firma vor fünfunddreißig Jahren gegründet, da er als zweitgeborener Sohn ohne Anspruch auf das Familienerbe seinen eigenen Weg hatte finden und gehen müssen. Dabei hatte er Unterstützung von seinem Schwager Quentin Hemmings, dem Bruder seiner Frau Katherine, erhalten, der seitdem Miteigentümer der Firma war.
Just in dem Moment, als Thomas sich in Richtung der Büroräume begeben wollte, tauchte er plötzlich im Türrahmen auf, den Blick auf ein Bündel Papiere gerichtet, das er in den Händen hielt.
Quentin war fast so groß wie Thomas und hatte das Auftreten eines betuchten Gentleman, der rundum zufrieden mit seinem Leben war. Und tatsächlich konnte Quentin sich in puncto Ehe, Familie und Geschäft kaum beklagen. Er war erfolgreich, nach wie vor energisch, tatkräftig und in hervorragender körperlicher Verfassung. Lediglich sein braunes Haar war ein wenig schütter geworden.
Seine Miene erhellte sich, als er Thomas sah.
»Thomas, mein Junge. Guten Morgen.« Quentin schwenkte die Papiere, die er in den Händen hielt. »Die Verträge mit der Bermuda Sugar Corporation. Allerdings gibt es da eine Sache …«, fügte er ernst hinzu.
Nachdem Thomas mit ihm gesprochen und der Meinung des Onkels zugestimmt hatte, dass hinsichtlich der Lieferungen von Bermuda Sugar noch weitere Sicherheiten und Zusagen eingeholt werden sollten, ging er fünfzehn Minuten später endlich den schmalen Korridor entlang, der an einer eindrucksvollen Tür endete, die wiederum in ein großes Eckbüro führte. Sein Büro. Das von Quentin befand sich am anderen Ende des Flurs und nahm ebenfalls eine Ecke des Gebäudes ein.
Er war lediglich ein paar Schritte von seinem Büro entfernt, als eine andere hochgewachsene Gestalt mit Papieren in der Hand aus dem angrenzenden Büro kam. Es war Thomas’ Cousin Humphrey, der einzige Sohn von Quentin. Grinsend blieb er stehen.
»Du musst dich entscheiden, welche von Glasgows bezaubernden Damen du bevorzugst«, erklärte er süffisant, »und zwar schnell. Sonst haben wir hier bald einen Krieg unter den Frauen. Und wenn es um Feindseligkeiten geht, sind die Ladys einfallsreicher, als Napoleon es je war. Blut wird auf den Tanzflächen vergossen werden, metaphorisch gesprochen. Merk dir meine Worte, mein Lieber.«
»Wo hast du das denn aufgeschnappt? Oder sollte ich besser sagen, von wem?«, hakte er lachend nach.
»Von der alten Lady Anglesey. Sie hat mich am Kragen gepackt und weichgekocht – es ging um dich und dein reges Interesse an der Damenwelt. Zum Glück«, fuhr Humphrey fort, »war Andrea bei mir und fungierte als mein Schutzschild, sodass ich mir nicht auch einen ihrer Vorträge anhören musste.«
Andrea war Humphreys Zukünftige, obwohl die beiden noch nicht offiziell verlobt waren.
Die beiden jungen Männer hatten am Abend zuvor mit Quentin und seiner Ehefrau Winifred eine Abendgesellschaft besucht. Als einer der begehrtesten Junggesellen Glasgows war Thomas das Ziel von vielen Kupplerinnen und noch mehr von umtriebigen jungen Damen, die sich von seinem Äußeren und seiner Persönlichkeit ebenso angezogen fühlten wie von seinem Wohlstand.
Thomas seufzte. »Ich schätze, ich werde mich irgendwann entscheiden müssen, aber ich hoffe noch immer, dass ich jemanden wie Andrea finde. Eine junge Dame, die nicht allein auf die gesellschaftliche Stellung schaut, sondern mit der ich was anfangen kann und die es vermag, mein Interesse zu wecken.«
»Aha.« Noch immer grinsend, schlug Humphrey Thomas auf die Schulter. »Nicht alle können eben so viel Glück haben wie ich.«
Der Cousin lachte und deutete auf die Papiere in Humphreys Hand.
»Eine Ladung Palisanderholz ist unterwegs nach Bristol.« Aufregung schwang in Humphreys Stimme mit. »Ich denke, ich könnte die Lieferfirma davon überzeugen, dass Glasgow das bessere Ziel wäre.«
»Das wäre in der Tat eine schöne Ergänzung für das Mahagoniholz, das wir bekommen.« Thomas nickte. »Sag Bescheid, wenn es geklappt hat.«
»Oh, das wirst du mitbekommen – das wirst du definitiv mitbekommen.«
Humphrey winkte noch einmal mit den Papieren und machte sich auf den Weg in Richtung Foyer. Zweifellos würde er sich mit einem ihrer Zwischenhändler beratschlagen, wie er den Konkurrenten aus Bristol das Geschäft abjagen, um nicht zu sagen klauen konnte.
Thomas ging unterdessen in sein Büro, hängte seinen Mantel an den Kleiderständer hinter der Tür und begab sich zu seinem Schreibtisch. Bevor er allerdings Platz nahm, blickte er noch eine Weile versonnen aus dem Fenster auf die belebte Durchgangsstraße, die bereits von Kutschen, Pferdekarren und Fußgängern bevölkert war. Der Straßenlärm drang bis zu ihm hinauf, und die Rufe und das Geschrei mischten sich mit dem Knallen der Peitschen. Am Himmel zeigten sich erste Sonnenstrahlen, die vom grauen Wasser des Clyde gespiegelt wurden.
Dieses Büro, dieser Ort …
Thomas hatte sich entschieden, dass dies hier sein Lebensmittelpunkt werden sollte. Zumindest beruflich. Immerhin nahm er als einer der beiden Besitzer von Carrick Enterprises eine wichtige Position ein, die es noch auszubauen galt. Nicht allein geschäftlich, sondern desgleichen gesellschaftlich.
Insofern musste sein nächster Schritt darin bestehen, sich eine passende Ehefrau zu suchen. Eine, die von ähnlicher Herkunft war wie er, die zu repräsentieren verstand, die ihm Glanz verlieh, die ihm Kinder schenkte und sie in seinem Sinne aufzog. Er malte sich das alles schon aus, einschließlich eines seiner Position angemessenen Hauses in der besten Wohngegend und vielleicht einer Jagdhütte in den Highlands.
Das alles sah er deutlich vor sich.
Bis auf eines, das Erste und Wichtigste.
Egal wie viele Damen aus gutem Hause mit einem annehmbaren oder sogar hübschen Äußeren und mit einwandfreien gesellschaftlichen Referenzen seine Tante ihm vorstellte – er sah keine von ihnen an seiner Seite. Es wollte einfach nicht passen.
Nicht solange Lucilla Cynster noch immer so lebhaft und fast mit Händen greifbar vor ihm zu stehen schien und seine Gedanken beherrschte.
Und das, wenngleich er ihr absichtsvoll seit mehr als zwei Jahren aus dem Weg ging. Er hatte gehofft, sich auf diese Weise aus den unsichtbaren Fesseln lösen zu können, mit denen sie ihn gefangen hielt. Selbst wenn seine Augen sie nicht sahen, wenn seine Ohren ihre Stimme nicht hörten, wenn sein Bewusstsein nicht durch ihre Nähe gereizt, aufgewühlt und beeinflusst wurde. Doch diese Erwartung hatte sich nicht erfüllt.
Ihr Bild hatte sich ihm eingebrannt, die Erinnerung an ihr wunderschönes Gesicht mit den leicht schräg stehenden, smaragdgrünen Augen, das von feuerrotem Haar umgeben war und von ihrem makellosen, porzellanfarbenen Teint noch unterstrichen wurde, wollte nicht weichen. Jede andere junge Frau verblasste im Vergleich zu ihr. Gegen sie wirkten die anderen fade.
Farblos.
Und nicht nur äußerlich. Lucillas Leuchtkraft umfasste auch ihre Seele und war etwas, das sie auszeichnete und seiner Meinung nach einzigartig machte.
Wundervoll.
Verlockend.
Faszinierend.
Sie zog ihn magisch an, nahm seine Sinne gefangen und kontrollierte sein Bewusstsein auf einer Ebene, die über den Verstand hinausging.
Zumindest über seinen Verstand.
Nicht umsonst betrachteten sie manche als eine Art Hexe. Und das galt in gewisser Weise sogar für ihn. Irgendwie fühlte er sich von ihr verhext.
Es war nicht schwer, den Grund dafür zu sehen. Wieso sonst musste er unentwegt an sie denken, selbst wenn es definitiv das Letzte war, was er sich wünschte oder was er in seiner Situation brauchte.
Entschieden schüttelte er den Kopf, schüttelte alle Gedanken und Visionen von Lucilla aus seinem Geist, ging um den Schreibtisch herum und nahm in dem bequemen Ledersessel Platz.
Da alle seine Grübeleien fruchtlos waren und blieben, sollte er sich lieber um das Geschäftliche kümmern und das Problem einer passenden Ehefrau vorerst beiseiteschieben.
Die nächsten Stunden verbrachte er damit, die Handelsbilanz des letzten Monats zu überprüfen. Alles lief sehr gut, der Handel florierte, die Firma war gut aufgestellt. Was sein verstorbener Vater und Quentin vor langer Zeit gesät hatten, trug inzwischen reiche Früchte, sodass das Unternehmen einer sicheren Zukunft entgegensah. Noch war Quentin unterstützend an seiner Seite, bald jedoch würde er das Ruder vermutlich an seinen Sohn abgeben.
Als es an der Tür klopfte, blickte er auf. Dobson kam herein mit einem kleinen Stapel Papieren in der Hand.
»Die Post, Sir. Sie ist gerade gekommen.«
Thomas legte seinen Stift beiseite und lehnte sich zurück, während Dobson die Briefe in den Ablagekorb auf Thomas’ Schreibtisch legte und sich mit einem stummen Nicken zurückzog.
Es waren fünf Briefe. Thomas sah sie durch. Drei waren von der Bank, ein dicker Umschlag kam von einem Kapitän, den Thomas kannte und der ihn ab und an über potenzielle Neukunden informierte, die er in irgendwelchen Häfen entdeckt hatte. Wenn der Seemann der Meinung war, dass es für Carrick Enterprises ein Gewinn wäre, Kontakt aufzunehmen, meldete er sich.
Mit dem Schreiben in der Hand wollte er gerade nach seinem Brieföffner greifen, als sein Blick auf den letzten Brief fiel.
Der schlichte Umschlag war an Mr. Thomas Carrick adressiert. Sein Nachname war dabei unterstrichen. In eine Ecke hatte jemand den Absendernamen gekritzelt: Bradshaw, Carrick.
Thomas legte den Brief des Kapitäns erst einmal zur Seite und nahm das Schreiben in die Hand, betrachtete die Briefmarke und den Poststempel.
Carsphairn.
Stirnrunzelnd schlitzte er den Umschlag auf und zog zwei Bogen Briefpapier heraus, strich die Seiten glatt, lehnte sich in seinem Sessel zurück und las.
Von Sekunde zu Sekunde wuchs sein Erstaunen.
Das Schreiben war tatsächlich von Bradshaw, einem Pächter auf dem Anwesen der Carricks.
Sein Onkel väterlicherseits war Manachan, der Carrick, Herr über das Gut und den Clan. Thomas war auf Carrick Manor im südwestlichen Schottland geboren worden, ein Zufall, zugegeben, eine Art Fügung des Schicksals, da die Familie eigentlich in Glasgow lebte, aber üblicherweise die Sommer auf dem Land verbracht hatte. Nachdem sie infolge eines schrecklichen Kutschenunfalls ums Leben gekommen waren, als er zehn Jahre alt war, hatte er ein Jahr lang auch dort gelebt, umsorgt von den Verwandten. Er war Manachan und dem Clan nach wie vor dankbar dafür, denn sie hatten damals viel für ihn getan.
Als die Wunden, die der Verlust der Eltern ihm geschlagen hatten, einigermaßen verheilt waren, hatten die Verwandten einvernehmlich beschlossen, dass er nach Glasgow zurückkehren sollte, um fortan bei Quentin und Winifred zu leben. Trotzdem blieb er Carrick Manor nach wie vor verbunden und verlebte weiterhin die Sommermonate dort mit den Kindern des Onkels. Mehr Zeit hatte er jedoch mit Manachan selbst zugebracht.
Damals waren sich die beiden sehr nahe gewesen, so nahe wie früher Manachan und Niall. Diese besondere Bindung hatte der Chef des Clans nach dem Tod seines Lieblingsbruders auf Thomas, dessen einziges Kind übertragen. Obwohl er länger mit Quentin, Winifred und Humphrey zusammengelebt hatte, verkörperte Manachan für ihn die Familie, die tief in seinem Herzen verankert war. Er verstand den Onkel, und dieser verstand ihn. Und dieses gegenseitige Verständnis erwuchs aus ihrem Innersten.
Und es war genau dieses Verständnis, das es Thomas so schwer machte, Bradshaws Brief zu verstehen.
Er erinnerte sich gut an den kräftigen Bauern, dem er im Laufe der Jahre einige Male begegnet war. Nun schrieb er, dass bisher noch kein Saatgut an irgendeinen der Pächter auf dem riesigen Anwesen geliefert worden war. Dabei sei die Saison für das Ausbringen der Saat auf die Felder längst angebrochen und eigentlich schon viel zu weit fortgeschritten.
Thomas’ Blick verfinsterte sich, während er gedankenverloren an seinem Schreibtisch saß und sich den Rhythmus der Jahreszeiten ins Gedächtnis rief. Das Anwesen der Carricks lag im westlichen Tiefland, und dort war es genau genommen inzwischen zu spät, um die erste Saat des Jahres auszubringen.
Erneut konzentrierte er sich auf den Brief und dachte über Bradshaws inständige Bitte nach, mit Manachan über die Geschichte zu sprechen.
Warum konnte der Pächter nicht selbst mit ihm reden, fragte er sich, denn genau diesen Punkt vermochte Thomas nicht nachzuvollziehen.
Wenn es auf dem Besitz ein Problem gab, dann war Manachan als Oberhaupt des Clans die Person, mit der man es klären musste. Das war schon immer so gewesen, und Thomas hatte nie mitbekommen, dass irgendjemand aus dem Clan sich über diese Regel hinweggesetzt hätte.
Obwohl sein Onkel außerhalb des Clans den Ruf genoss, ein aufbrausender, herrischer Mensch zu sein, hielt der Clan selbst große Stücke auf ihn, mehr noch, verehrte ihn richtiggehend. Dass er bisweilen ein störrischer, zänkischer Mistkerl sein konnte, verzieh man ihm, weil er sich andererseits stets vorbildlich um die Mitglieder seines Clans gekümmert hatte.
Er würde bis zum letzten Atemzug für den Clan kämpfen und ihm immer treu und ehrlich dienen.
Das war seine Aufgabe und Pflicht als Gutsherr. Und Manachan war in diese Rolle hineingeboren worden und hatte sein ganzes Leben danach ausgerichtet.
Allerdings kränkelte er seit einer Weile und hatte im Laufe des vergangenen Jahres seinem ältesten Sohn Nigel einen Teil seiner Verantwortlichkeiten übertragen, vor allem Alltagsdinge, die die Verwaltung des Gutes betrafen, vermutete Thomas. Dass er das Ruder mittlerweile ganz aus der Hand gegeben hatte, schien ihm hingegen unwahrscheinlich.
Zumindest würde der alte Herr sich über alles auf dem Laufenden halten lassen, was den Clan betraf, vermutete Thomas.
Über die partielle Delegation seiner Aufgaben hatte er von Manachan selbst erfahren, und zum ersten Mal, wenn er so darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass er in denen letzten Monaten nichts mehr von seinem Onkel persönlich gehört hatte. Ein kurzes Schreiben vom Anwalt des Gutes war gekommen, eines von Nigel sowie eines von Nolan, dem zweitältesten Sohn. Außerdem hatte sich Niniver, Manachans einzige Tochter, erkundigt, wann er das nächste Mal zu Besuch kommen werde. In keinem dieser Briefe hatte jedoch etwas Konkretes über Veränderungen auf dem Anwesen gestanden.
Thomas war seit zwei Jahren nicht mehr auf Carrick Manor gewesen – Jahre, in denen er vergeblich versucht hatte, sein Leben in die gewünschte Richtung zu lenken. Der einfache Grund für diese selbst auferlegte Zurückhaltung war Lucilla Cynster, die auf einem großen alten Herrenhaus im Vale of Carsphairn lebte, das im Süden an die Ländereien der Carricks grenzte. Vom Augenblick ihrer ersten Begegnung an hatte diese außergewöhnliche junge Frau ihn unumkehrbar in ihren Bann geschlagen.
Seit seinem fünfzehnten Geburtstag war er, wann immer er auf dem Anwesen seines Onkels zu Besuch war, Lucilla über den Weg gelaufen. Manchmal hatten sie sich bloß kurz zufällig getroffen, manchmal waren sie sich auf irgendwelchen Einladungen begegnet. Und vor allem würde er niemals den Heiligen Abend vor zehn Jahren vergessen, an dem sie aufgrund eines Wintersturms gemeinsam auf dem winzigen Hof eines Kleinbauern eingeschlossen gewesen waren.
Als er zuletzt auf Carrick Manor gewesen war, waren sie einander auf dem Ball zum Abschluss der traditionellen Jagd begegnet. Sie hatten sich unterhalten und miteinander getanzt, was ebenfalls ein unvergessliches Erlebnis gewesen war.
Seitdem bemühte er sich, Lucilla aus seinem Gedächtnis zu löschen und sie nicht mehr zu treffen. Daran, ihre Beziehung zu vertiefen, dachte er nicht. Sie gehörte in das heimische Tal, und er war in Glasgow verwurzelt.
Bradshaws Brief nun deutete an, dass auf dem Anwesen der Carricks irgendetwas nicht so lief, wie es sollte. Falls es überhaupt zutraf und nicht eine übertriebene Einschätzung von Bradshaw war.
Er verzog das Gesicht und überflog den Brief noch ein letztes Mal, ehe er die beiden Blätter missmutig auf seinen Schreibtisch warf. Er starrte die Seiten einen Moment lang an, dachte daran, dass er eigentlich den Brief des Kapitäns lesen müsste, der nur darauf zu warten schien, geöffnet zu werden, dann schob er seinen Schreibtischstuhl abrupt nach hinten und stand auf.
Wenn es hart auf hart kam, war der Clan wichtiger als das Unternehmen.
Thomas zog seinen Mantel an und warf einen Blick aus dem Fenster. Der Wind hatte aufgefrischt. Deshalb nahm er den Hut, der für alle Fälle immer hier hing, und verließ das Büro.
Da Mrs. Manning nicht an ihrem Platz war, wandte er sich an Dobson, der noch mit Sortieren beschäftigt war.
»Ich gehe kurz raus.« Die Wanduhr zeigte, dass es kurz vor Mittag war. »Vermutlich werde ich unterwegs zu Mittag essen. Bitte sagen Sie Mrs. Manning Bescheid, dass ich rechtzeitig zum Termin mit den Colliers zurück sein werde.«
Dobson nickte. »Aye, Sir.«
Schnell verschwand Thomas durch die Eingangstür und eilte die Treppe hinunter, trat auf die belebte Trongate hinaus und atmete tief durch. Er brauchte Luft, um über die verschiedenen Dinge nachzudenken und seine Optionen sorgfältig abzuwägen. Eine idyllische Stelle auf dem Low Green am Ufer des Clyde erschien ihm als idealer Platz. Also spazierte er die Trongate hinab, bog rechts in den Saltmarket ab und folgte dem Weg in südlicher Richtung zum grauen Band des Flusses.
In seinem Kopf überschlugen sich bereits die möglichen Konsequenzen von Bradshaws Behauptungen, die erst noch erhärtet werden mussten, sodass er kaum die Leute wahrnahm, die seinen Weg kreuzten.
Dennoch drang eine Stimme zu ihm durch und riss ihn aus seinen Gedanken.
»Ich weiß es nicht. Es ist schließlich braun. Warum ist in dieser Saison alles braun?«
Thomas blieb so unvermutet stehen, dass er mit einem Botenjungen unsanft zusammenstieß, der daraufhin den Kopf einzog und eine Entschuldigung murmelte und eilig weiterhastete.
Er bemerkte den Jungen kaum. Sein Blick war auf die beiden Männer gerichtet, die vor dem Schaufenster eines Herrenausstatters standen. Sie diskutierten über die Hüte, die hinter der Scheibe präsentiert wurden.
Ungläubig blinzelte Thomas, dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
»Nigel. Nolan.«
Als die beiden sich umdrehten, stand ihnen die Überraschung ins Gesicht geschrieben.
»Schön, euch hier zu treffen«, begrüßte er seine Cousins. »Was führt euch beiden denn nach Glasgow?«
Nicht dass es ihn ernsthaft interessiert hätte. Was immer die beiden zu diesem Besuch bewogen haben mochte, sie kamen wie gerufen. So konnte er ohne große Umstände herausfinden, was hinter Bradshaws Brief steckte, und musste nicht persönlich nach Carrick Manor reisen.
Nigel, der ältere der Brüder, sah ihn einen Moment lang mit leerem Blick an, bevor ein Lächeln sein Gesicht überzog und er die dargebotene Hand ergriff.
»Wie schön, dich zu sehen!«
»Dem kann ich mich nur anschließen.« Nolan, der im Gegensatz zum braunhaarigen und braunäugigen Nigel blond war und blaue Augen hatte, schüttelte Thomas ebenfalls die Hand. »Wir wollten dich nicht bei der Arbeit stören, und außerdem hat die Stadt so viel zu bieten.« Nolan machte eine ausholende Handbewegung. »Es gibt hier so vieles, womit man sich die Zeit vertreiben kann.«
»Wie lange seid ihr schon hier?«, wollte Thomas von ihnen wissen.
»Erst seit einem Tag«, erwiderte Nolan.
Da er über Bradshaws Schreiben nicht auf der Straße sprechen wollte, schob er die Hände in die Taschen seines Mantels und erkundigte sich: »Habt ihr bereits etwas zum Lunch gegessen?«
Nigel schüttelte den Kopf. »So weit sind wir noch nicht gekommen.«
Nolan zog eine Taschenuhr hervor, ein hübsches Stück, das Thomas nie zuvor an ihm gesehen hatte, und warf einen Blick auf das Zifferblatt.
»Zwölf Uhr, ich habe gar nicht gemerkt, wie spät es ist, die Zeit ist bloß so verflogen.«
»Wenn ihr nichts anderes vorhabt«, schlug Thomas vor, »könnten wir zusammen in meinem Club den Lunch einnehmen.« Mit einem Kopfnicken wies er in die Richtung, aus der er gekommen war. »The Prescott in der Princes Street. Ist nicht weit von hier.«
Die Brüder wechselten einen Blick.
»Gute Idee«, meinte Nigel, und Nolan nickte zustimmend. »So haben wir die Möglichkeit, von dir zu erfahren, wie es dir so geht – Papa erkundigt sich immer nach dir, und er wüsste gern, wie es läuft.«
The Prescott war der führende Herrenclub in Glasgow, kultiviert und von zurückhaltender Eleganz. In den folgenden zwei Stunden, die sie in den geheiligten Hallen verbrachten – zuerst in einem prächtig ausgestatteten Esszimmer und später in einer Ecke des Raucherzimmers –, fand Thomas heraus, dass Nolans Worte wohl eher eine höfliche Erwiderung als Ausdruck wirklich ernst gemeinten Interesses gewesen waren.
Wenn es darauf ankam, war den beiden nämlich an kaum etwas anderem gelegen als an ihnen selbst. Und alles, was sie sonst so beschäftigte, drehte sich in erster Linie darum, welches Amüsement ihnen geboten wurde und ob irgendetwas darunter war, das ihre vergnügungssüchtigen Seelen reizen und vielleicht zufriedenstellen könnte.
Sie waren seit jeher so gewesen, und Thomas war es früher gewaltig auf die Nerven gegangen, wenn er mit diesen Söhnen Manachans, die etwa im gleichen Alter waren wie er, viel Zeit verbringen musste. Über der ersten Wiedersehensfreude hatte er das beinahe vergessen, wobei es Nigel und Nolan sehr schnell gelang, seine Erinnerung in dieser Hinsicht wieder aufzufrischen.
Wenngleich Thomas und Nigel lediglich dreizehn Monate trennten und Nolan nicht mehr als ein Jahr jünger war als sein Bruder, weckten die beiden in Thomas das Gefühl, wenn nicht ihr Vater, so doch zumindest ein Onkel zu sein. Sie wirkten irgendwie unreifer, schienen den Ernst des Lebens noch nicht wirklich begriffen zu haben und könnten dem ersten Eindruck nach gut und gerne zehn Jahr jünger sein als er.
Im Moment war ihr Interesse vorrangig, wie er ihrem Gerede entnahm, auf Pferde und vor allem auf Pferdewetten gerichtet sowie auf Vergnügungen mit lockeren Weibspersonen, was – wie Thomas fand – eher für junge Männer Anfang zwanzig angemessen war, die sich noch die Hörner abstoßen mussten, aber nicht mehr für Gentlemen von Ende zwanzig und aus gutem Hause.
Die meisten seiner Freunde hatten ebenfalls eine Vorliebe für Pferde und für die damit zusammenhängenden Sportarten. Immerhin war das gesellschaftlich akzeptiert bis hinauf ins Königshaus und insofern ein gesellschaftliches Muss, dem man dann und wann frönte, ohne indes sein ganzes Geld zu verzocken.
Noch mal anders verhielt es sich mit dem zweiten Hobby der Cousins, den leichten Damen und den fragwürdigen Lokalitäten, mit denen Nigel und Nolan sehr vertraut zu sein schienen. Was Frauen betraf, so hätte der Unterschied deutlicher nicht sein können. Während Thomas sich redlich, wenngleich vergeblich bemühte, in den angesehenen Kreisen eine ihm zusagende Frau zu entdecken, vergnügten sich die Brüder nach wie vor in den örtlichen Bordellen.
Worüber sie ausgiebig und stolz berichteten, was Thomas erst recht völlig unpassend für ihr Alter fand.
Deshalb war er auch erleichtert, dass sich gerade nicht viele Mitglieder im Club aufhielten, was ihm ausgesprochen peinlich gewesen wäre. Ganz davon abgesehen, dass die ausschweifenden Schilderungen über ihre Ausflüge ins Halbweltmilieu ihn anwiderten.
Ungeduldig wartete er darauf, dieses Thema unterbrechen zu können, um über wichtigere Dinge zu sprechen wie etwa Bradshaws Brief.
»Übrigens entnehme ich deinen Briefen«, wandte er sich irgendwann an Nigel, »dass du zumindest zum Teil die Zügel auf Carrick Manor übernommen hast.«
»In der Tat, der alte Mann ist inzwischen nicht mehr so weit auf der Höhe, sich um alles zu kümmern und immer auf dem Gut herumzukutschieren und nach dem Rechten zu sehen.«
»Er ist nicht krank«, warf Nolan ein, schob sich eine weitere kandierte Walnuss in den Mund und zuckte mit den Schultern. »Es ist einfach das Alter.«
»Genau«, stimmte Nigel zu. »Es wurde ihm zu viel, also bat er mich, ihn zu unterstützen, mich um die organisatorische Seite zu kümmern, um die Bauern und solche Dinge … Das mache ich nun.«
An den Tagen, an denen er sich nicht gerade herumtrieb, schoss es Thomas durch den Kopf, aber er schluckte die Worte hinunter.
»Ich habe gehört, dass es in diesem Jahr ein Problem mit der Auslieferung des Saatguts gab«, kam er behutsam zur Sache, »anscheinend ist noch nicht gepflanzt worden.«
Nigel schnaubte verächtlich und schob den Einwand großspurig beiseite.
»Alles unter Kontrolle. Wir probieren ein neues System aus, das sich für den Clan auszahlen wird. Leider hat das bisher keiner eingesehen.«
Thomas fragte sich, was sich am Ende auszahlen und zu einer besseren Ernte führen sollte, wenn man das Saatgut nicht in die Erde brachte. Bevor er diesen Punkt ansprechen konnte, kam Nolan ihm zuvor.
»Warum fragst du?«, sagte er misstrauisch und zog eine seiner blonden Brauen hoch. »Mir war nicht klar, dass du genau beobachtest, was so auf Carrick Manor passiert, Cousin.«
Blitzschnell dachte Thomas über seine Optionen nach und beschloss, keine Ausflüchte zu machen. Vielleicht war es ja sogar das Beste, wenn Nigel erfuhr, dass es unter den Bauern, die alle zum Clan gehörten, gewaltigen Unmut und Verunsicherung gab.
Er sah Nolan fest an und widersprach ihm. »Das tue ich ja gar nicht.« Anschließend wandte er sich an Nigel. »Es handelt sich lediglich um Folgendes: Einer der Pächter hat mir geschrieben, dass es ein Problem gebe.«
Bradshaws Namen zu erwähnen oder seine Bitte, er möge sich direkt mit Manachan in Verbindung setzen, hielt er weder für notwendig noch klug. Überdies fragte er sich seit den denkwürdigen Gesprächen mit den Cousins, ob sie überhaupt an dem Gut ein Interesse hatten außer dem Geld, das sie für ihre Vergnügungen mit Sicherheit abzweigten, und ob Nigel seine Rolle als stellvertretender Gutsherr wirklich so gut ausfüllte, wie er es gern glauben machen wollte. Natürlich waren die Fußstapfen seines Vaters groß, sehr groß und vermutlich zu groß für jemanden, der sich noch benahm wie ein grüner Junge.
Nigel war bei Thomas’ Anspielung in nachdenkliches Schweigen verfallen und schien keine Ahnung zu haben, was er damit sagen wollte. War das eine Kritik an ihm?
Schließlich lenkte er ein. »Mir war nicht klar, dass die Bauern darüber verärgert sind. Du kannst die Angelegenheit mir überlassen, ich werde mich darum kümmern.«
Thomas zögerte. »Es könnte gut sein, dass es nützlich und wichtig wäre, wenn du den Bauern deine neue Strategie kurz erklären würdest – wie auch immer sie aussehen mag.«
»Stimmt.« Nigel nickte nachdrücklich. »Ich werde das machen, sobald wir zurück sind.«
»Wir reisen bereits heute Abend ab.« Nolan leerte sein Glas, stellte es ab und suchte über den niedrigen Tisch hinweg den Blick seines Bruders. »Wir sollten jetzt gehen.« Und an Thomas gewandt, fügte er hinzu: »Dann halten wir dich auch nicht länger auf, und du kannst wieder an deinen Schreibtisch gehen.«
Gemeinsam verließen sie den Club und verabschiedeten sich mit einem leicht unbehaglichen Ausdruck auf dem Gesicht voneinander. Während die Brüder sich zu den Stallungen begeben wollten, wo sie Pferde und Kutsche untergestellt hatten, verschwand Thomas im Gewühl der Passanten auf der Trongate.
Kurz darauf war er in seinem Büro zurück, ließ sich in seinen Schreibtischsessel sinken und griff erneut nach Bradshaws Brief.
Er betrachtete das Schreiben einen Moment lang, faltete die Blätter zusammen und legte sie in die unterste Schublade zu seiner Linken, wo er alle Unterlagen aufbewahrte, die Carrick Manor betrafen.
Erneut kam ihm die Frage, was der wahre Grund für den Besuch seiner Cousins in Glasgow sein mochte. Er hatte sich zwar danach erkundigt, jedoch keine wirkliche Antwort auf seine Frage erhalten.
Irgendetwas stimmte da nicht, und Thomas beschlich der Verdacht, ihr endloses Geschwätz über Pferde und leichte Mädchen könnte ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, damit er nicht Dinge ansprach, die ihnen höchst unangenehm gewesen wären. Vor allem weil die Finanzmittel des Clans einen solch verschwenderischen Lebensstil, von dem sie schwadroniert hatten, überhaupt nicht erlauben würde.
Entweder hatten sie stark übertrieben oder gelogen. Vielleicht sogar beides.
Trotzdem blieb die Frage, was sie nach Glasgow geführt hatte. Irgendeinen Grund musste es geben. Warum hätten sie sonst herkommen sollen?
Müßige Überlegungen, auf die er keine Antwort wusste. Vielleicht betraf es ja trotz seiner Skepsis eine ganz harmlose Angelegenheit, die das Anwesen betraf, und das ging ihn genau genommen gar nichts an. Er war weder Miteigentümer noch Aufpasser.
Nach dieser leicht resignierten Feststellung nahm er die oberste Akte von dem Stapel auf seinem Schreibtisch und machte es sich bequem, um sich die aktuellen Geschäfte von Carrick Enterprises mit den Colliers anzusehen, einer Reedereifamilie, deren Schifffahrtsgesellschaft von Manchester aus operierte und die ihre Geschäftsbeziehungen nach Glasgow erweitern wollte. Die Eigner hofften, dass Carrick Enterprises, mit denen sie schon einige lukrative Geschäfte abgeschlossen hatten, ihnen den Einstieg in den hiesigen Markt erleichtern würde.
Zwanzig Minuten später kündigte ein Klopfen an der Tür Besuch an, und gleich darauf stand Quentin im Türrahmen. Lächelnd wies er mit einem Kopfnicken auf die Akte, die sein Neffe in den Händen hielt.
»Die Colliers?«
Thomas legte die Unterlagen beiseite und nickte. »Sie werden um vier Uhr hier sein.«
»Wenn du mit ihnen gesprochen hast und fertig bist, vergiss nicht, dass du heute Abend zum Dinner in der Stirling Street erwartet wirst.« Als Thomas die Stirn runzelte, grinste Quentin. »Deine Tante hat eine Nachricht geschickt für den Fall, dass du es vergessen hast.«
Thomas seufzte und legte den Kopf an die Rückenlehne des Sessels.
»Noch mehr junge Damen, die ich mir ansehen soll, steht zu befürchten.«
»Ohne Zweifel.« Quentin blickte ihn amüsiert an. »Da weder Winifred aufgibt noch du klein beigeben wirst, musst du derartige Veranstaltungen wohl oder übel weiterhin über dich ergehen lassen.«
Könnte er sich wenigstens sicher sein, dass am Ende dieses Brautschaumarathons als Hauptgewinn eine nette junge Lady nach seinem Geschmack winken würde, dann wäre der Aufwand zumindest lohnend. Dabei dachte er an jemanden wie Lucilla Cynster.
Resigniert nickte er. »Ich werde da sein.«
Quentin lachte angesichts seiner Grabesstimme leise, zog sich kopfschüttelnd zurück und verschwand durch den Korridor.
Thomas griff wieder zu seiner Akte, merkte aber schnell, dass seine Konzentration zum Teufel war. Stattdessen hatten die Worte des Onkels ihm einmal mehr zu Bewusstsein gebracht, dass er dringend eine junge Dame finden musste, die stark, lebendig, strahlend und fesselnd genug war, um Lucilla Cynster aus seinem Kopf zu verdrängen.
Zwei Tage später kam Thomas morgens in das Büro von Carrick Enterprises und sah Dobson vor dem Schreibtisch von Mrs. Manning stehen.
Er und die Empfangsdame starrten auf einen Brief, der zuoberst auf der Schreibunterlage lag. Ohne zu wissen, um was es sich handelte, meinte Thomas eine gewisse erwartungsvolle Spannung in der Luft zu spüren.
Die beiden Mitarbeiter blickten ihn an. Dobson wollte nach dem Brief greifen, doch Mrs. Manning kam ihm zuvor, schnappte sich das Schreiben und streckte es Thomas entgegen.
»Guten Morgen, Mr. Carrick. Der Brief ist gerade von einem Kurier gebracht worden.«
»Verstehe.« Thomas trat vor und nahm den Umschlag an sich. »Danke.«
Dobson schnaubte. »Überrascht mich, dass der Junge Sie nicht umgerannt hat.«
In der Tat wäre er um ein Haar mit einem dieser Botenjungen zusammengestoßen, als er die Tür zum Foyer geöffnet hatte. Na ja, Kuriere hatten es immer eilig.
Hingegen fragte er sich, warum dieser Brief für solche Unruhe sorgte.
»Das Schreiben kommt aus Carsphairn, Sir«, fügte Mrs. Manning hinzu.
Thomas erschrak. Was hatte das zu bedeuten? Hoffentlich war nichts Schlimmes passiert mit seinem Onkel. Allerdings war es nicht Manachans Handschrift, wie er auf den ersten Blick erkannte.
War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
»Ich bin in meinem Büro«, sagte er und ging ohne Eile und ohne den Umschlag noch einmal anzusehen, den Flur entlang und betrat sein Büro.
Vor seinem Schreibtisch blieb er stehen, griff nach dem Brieföffner, machte den Umschlag auf und zog ein Blatt Papier heraus. Mit versteinerter Miene, die Emotionen fest im Griff, faltete er den Bogen auseinander und begann zu lesen.
In dem Schreiben stand, dass die gesamte Familie Bradshaw – das Ehepaar, zwei Söhne und drei Töchter – schwer erkrankt sei und dass man nach einer Heilerin des Clans geschickt habe.
Geschrieben hatte die Nachricht ein Nachbar, ein gewisser Forrester, wie Bradshaw einer der Pächter auf dem Land der Carricks. Am Ende des Briefes stand noch zu lesen, dass nach Kenntnis der meisten Bauern das Saatgut bislang nicht einmal bestellt worden sei und dass niemand wisse, wie es weitergehen solle. Außerdem habe Bradshaw ihn ausdrücklich gebeten, einen Brief an Thomas aufzusetzen und ihm das alles mitzuteilen – sie glaubten nämlich, dass es irgendjemandem nicht gefallen habe, dass Bradshaw sich bei ihm über die Probleme mit dem Saatgut beklagt hatte.
Thomas ließ den Brief sinken und starrte auf die Trongate hinaus, ohne wirklich etwas zu sehen.
Logisch betrachtet, gab es keinen Grund, die Krankheit der Bradshaws mit dem Brief über die Probleme mit dem Saatgut in Zusammenhang zu bringen. Allerdings ließ sich unter diesen Umständen auch nicht mit Sicherheit ausschließen, dass es eine Verbindung zwischen den Ereignissen gab.
War es etwa denkbar, dass Nigel und Nolan damit zu tun hatten?
Eigentlich vermochte er sich nicht vorzustellen, dass seine Cousins zu so etwas Verächtlichem in der Lage waren … Sie machten vielleicht des Öfteren idiotische Dinge, doch kaltblütig eine ganze Familie krank zu machen, war etwas ganz anderes. Konkret hieße das nämlich, dass sie den Leuten eine giftige Substanz verabreicht hatten.
Dennoch … Er wusste nicht, was genau seine Cousins im Schilde führten und was auf dem Anwesen der Carricks los war. Obwohl es ihm indes völlig aberwitzig schien, dass ein Gutsherr ein Interesse daran haben könnte, seinen Bauern das Saatgut vorzuenthalten, dachte er mit Unbehagen daran, dass die Cousins auffällig bemüht gewesen waren, das Thema bei ihrem Gespräch vom Tisch zu kriegen.
Und unmittelbar darauf hatten sie auf Aufbruch gedrängt. Seltsam.
Thomas dachte nach. Zwar hatte er Bradshaws Namen nicht genannt, aber für jeden, der die Menschen auf dem Anwesen kannte, wäre es ein Leichtes gewesen, den forschen und ab und an recht streitlustigen Bradshaw als Quelle der Beschwerde auszumachen.
Und dann war die gesamte Familie Bradshaw krank geworden – einen Tag nachdem Nigel und Nolan nach Carrick Manor zurückgekehrt waren.
Dieser zeitliche Zusammenhang vor allem war es, der ihn stutzig machte. Alles andere könnte ein zufälliges Zusammentreffen sein. Immerhin erkrankten in Familien nicht selten alle Mitglieder gleichzeitig, wenn es sich um ansteckende Infektionen handelte. Diesbezüglich vertraute er auf die Fähigkeiten der Heilerin, mit solchen Sachen kannte sie sich aus. Und wenn es doch etwas anderes war? Bei diesem Gedanken sträubten sich ihm die Nackenhaare. Unwillkürlich dachte er daran, denn er war ein Mann, der eher nicht an Zufälle glaubte und bestimmt nicht an ziemlich unwahrscheinliche. Das hatte das Leben ihn gelehrt.
In seinem Büro am Fenster stehend, versuchte er, mehr aus den dürftigen Fakten, die ihm zur Verfügung standen, herauszulesen. Dass auf Carrick Manor irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging oder schiefgelaufen war, nahm er als gegeben hin, selbst wenn er keine Ahnung hatte, was es sein mochte.
Als er feststellte, dass alle seine Theorien ins Nichts liefen, raffte er sich auf und machte sich auf den Weg zu Quentins Büro am anderen Ende des Flurs.
Wenn es hart auf hart kam, stand der Clan als Ganzes an erster Stelle und hatte absolute Priorität. Da durfte es keine falschen Empfindlichkeiten und Rücksichtnahmen geben.
Mehr und mehr gelangte Thomas zu der Überzeugung, dass er nach Carsphairn reisen musste, um sich ein Bild davon zu machen, was auf dem Besitz los beziehungsweise was nicht in Ordnung war. Das schuldete er Manachan ebenso wie den verunsicherten Pächtern.
Seine Einmischung war vielleicht nicht von allen erwünscht und vielleicht sogar unnötig, was er hoffte, andererseits konnte er den erneuten Appell in Forresters Brief nicht einfach ignorieren.
Er musste nach Carrick Manor und tun, was er tun konnte. Musste es wenigstens versuchen.
April 1848
Carrick Manor
Es war Nachmittag, als Thomas auf den Hof vor den Stallungen ritt, die hinter dem Herrenhaus lagen. Das Klappern der Hufe seines Wallachs auf dem Kopfsteinpflaster lockte zuerst einen, dann einen zweiten und schließlich noch einen dritten Mann aus dem Stall.
Sean, der Stallmeister, erreichte Thomas als Erster und packte Phantoms Zügel. Während der große Schimmel sich beruhigte, musterte er Thomas, und die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
»Sie sind wahrlich ein gern gesehener Gast, mein lieber Freund.«
Mitch und Fred traten zu ihnen, und auch sie wirkten erfreut, wie ihre strahlenden Augen verrieten.
»Willkommen zurück, Mr. Thomas«, rief Fred.
»Aye.« Mitch legte den Kopf leicht in den Nacken, um dem viel größeren Ankömmling ins Gesicht sehen zu können. »Es ist gut, dass Sie da sind.«
Thomas lächelte die drei an. »Ich bin ebenfalls froh, mal wieder hier zu sein.«
Es war eine Antwort, die ihm ganz selbstverständlich über die Lippen kam, und keineswegs eine reine Höflichkeitsfloskel, sondern er meinte es ganz genau so. Er freute sich darauf, neben der Familie ebenfalls langjährige Angestellte wiederzusehen, die ihm am Herzen lagen. Und als er von der Straße abgebogen und die lange Zufahrt zum Haus hinaufgeritten war, hatte ihn sogar so etwas wie ein Glücksgefühl erfasst.
Er reichte Mitch die Zügel. »Ich hätte nicht so lange fortbleiben dürfen«, sagte er und wandte sich sodann an Sean, der die Oberaufsicht in den Stallungen hatte. »Forrester hat mir geschrieben und mitgeteilt, was den Bradshaws zugestoßen ist.«
Was immer hier los sein mochte, diese drei Männer steckten nicht dahinter. Sie waren loyal bis auf die Knochen und Manachan und dem Clan treu ergeben.
Keine Macht der Welt würde daran etwas ändern können, zumal sie dankbar dafür waren, dass sie einst als Waisenkinder hier aufgenommen worden waren und Carrick Manor als ihr Zuhause betrachteten.
»Aye.« Sean wirkte mit einem Mal betrübt. »Richtig schlechte Nachrichten.«
»Wohl eher richtig schlechte Taten, wenn ihr mich fragt«, knurrte Mitch.
Sean sah den Stallburschen mahnend an, damit er sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnte. Trotzdem entging Thomas nicht, dass er Mitchs Behauptung, jemand würde ein falsches Spiel spielen, offenbar teilte.
»Ich werde mal hören, was mein lieber Onkel dazu zu sagen hat.«
Fred nickte. »Tun Sie das. Es ist gut, wenn es ihm endlich jemand sagt.«
Thomas, der sich gerade entfernen wollte, hielt inne und sah erst Fred, dann die beiden anderen an.
»Weiß der Gutsherr denn etwa nicht über die Geschichte mit den Bradshaws Bescheid?«
Die drei wechselten erneut einen Blick, und Sean zuckte daraufhin die Achseln.
»Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Wir wissen nur, dass alle im Haus angewiesen wurden, ihm nichts zu erzählen, was ihn aufregen könnte.«
»Angewiesen unter der Androhung, sonst fortgeschickt zu werden«, fügte Mitch mit einem unüberhörbaren Knurren hinzu.
Die Dinge liefen definitiv nicht so wie früher. Jedenfalls komplett anders, als er es angenommen hatte und wie sie seiner Meinung nach laufen sollten.
Thomas nickte knapp. »Ich werde mit ihm reden«, versicherte er.
»Hört sich an, als würden Sie länger bleiben?«, hakte Sean fragend nach.
»Zumindest so lange, bis das geklärt ist. Und als Erstes werde ich wohl zu den Bradshaws reiten.« Mit einem Kopfnicken wies er auf Phantom. »Aber zunächst reibt ihn bitte trocken und führt ihn in den Stall, damit er sich ein bisschen ausruhen kann.«
Sean salutierte kurz, als Thomas die Hände in die Taschen seines warmen Mantels steckte und auf das Haus zuging. Erwartungsgemäß musste er nicht klopfen oder klingeln. Die schwere Eingangstür war wie auf dem Land üblich nicht zugesperrt. Er öffnete sie und betrat die große, etwas düstere Eingangshalle, wo er sich sogleich einer sonderbaren Szene gegenübersah.
Vier Personen standen in der Halle und unterhielten sich leise mit einem sehr ernsten Unterton und wirkten eindeutig bestürzt. Es handelte sich um Ferguson, den Butler, der seine normale Gelassenheit völlig verloren zu haben schien, sowie um die Haushälterin Mrs. Kennedy, die so verstört wirkte, wie Thomas sie noch nie erlebt hatte, und zwei noch recht junge Diener, die sich angstvoll etwas abseits hielten.
Alle starrten sie jetzt Thomas an, den sie im Gegenlicht offenbar nicht sofort erkannt hatten. Erst als er die Tür hinter sich schloss, breitete sich auf ihren Mienen Erkennen und Erleichterung aus.
In diesem Moment hatte Thomas das Gefühl, sein Brustkorb würde in einem Schraubstock stecken, und mit einem Mal überfielen ihn dunkle, sehr böse Ahnungen. Hier musste Schlimmeres vorgehen, als er sich ausgemalt hatte.
»Ich habe von den Bradshaws gehört«, erklärte er, »und bin gekommen, um mir ein Bild von der Lage zu machen und mit meinem Onkel zu sprechen.«
»Was für ein Glück«, murmelte Ferguson und fügte etwas lauter hinzu: »Willkommen zurück, Mr. Thomas.«
Mrs. Kennedy knickste, und die beiden Diener machten eine tiefe Verbeugung. Eine Wiedersehensfreude, die einerseits schön war und andererseits etwas seltsam Beunruhigendes hatte.
Der Butler winkte einem der Diener. »Grant kann Ihr Gepäck schon mal …«
Thomas unterbrach ihn mit gerunzelter Stirn. »Nicht so wichtig, erst mal muss ich zu meinem Onkel. Wo finde ich ihn?«
Ferguson und Mrs. Kennedy wechselten einen unsicheren Blick.
»In seinem Zimmer, Sir. Er kommt nur noch selten nach unten«, rang die Haushälterin sich nach einer Weile ab. »Soll ich Sie nach oben begleiten?«
Wie das? Thomas unterdrückte einen Fluch. Bei seinem letzten Besuch war Manachan noch gesund und munter durch die Gegend gelaufen und geritten.
»Ich kenne den Weg, danke, und gehe allein hinauf.« Er sah in die Runde. »Aber Sie beschäftigt doch etwas anderes. Raus mit der Sprache.«
Die Angestellten schienen froh zu sein, dass er gefragt hatte.
»Es geht um Faith Burns, Sir.« Mrs. Kennedy faltete die Hände vor dem Bauch. »Sie ist unsere älteste Dienstmagd, die seit mehr als zwanzig Jahren bei uns ist.«
Thomas nickte. »Ich erinnere mich an sie.«
»Ja.« Ferguson fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar. »Faith ist verschwunden. Gestern Abend war sie noch hier. Alles war normal und so, wie es sein sollte. Heute Morgen dann ist sie nicht heruntergekommen – und keins der anderen Mädchen hat sie gesehen.«
»Ihr Bett ist gemacht«, ergänzte Mrs. Kennedy. »Wir können allerdings nicht sagen, ob sie darin geschlafen hat oder nicht.«
»Und ihre Schwester, unsere Heilerin Joy, ist gestern Abend zu den Bradshaws aufgebrochen«, erklärte Ferguson. »Also können wir sie nicht fragen, ob sie weiß, wo Faith stecken könnte.«
Mrs. Kennedy verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte ratlos immer wieder den Kopf.
»Es sieht Faith absolut nicht ähnlich, einfach zu verschwinden.«
»Was ist mit dem Rest der Familie, den Eltern etwa?«, erkundigte Thomas sich.
»Die beiden Schwestern sind die letzten lebenden Mitglieder der Familie Burns«, erwiderte Ferguson. »Und da keine von ihnen verheiratet ist, gibt es auch keine Ehemänner und Kinder.«
Thomas dachte nach und verzog das Gesicht. »Ich wüsste nicht, was Sie tun könnten, außer weiter nach ihr zu suchen. Bitten Sie Sean und die anderen, sich umzuhören, falls Faith gestern Abend aus einem bestimmten Grund irgendwo hingegangen ist.«
Ferguson nickte. »Wird gemacht, Sir.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Faith einfach gegangen ist, ohne einem von uns Bescheid zu sagen«, begann die Haushälterin erneut. »Die Watts sind entfernt mit den Schwestern verwandt, fällt mir gerade ein. Die könnte man zuerst befragen.«
Plötzlich wurde Thomas bewusst, was oder vielmehr wer hier fehlte.
»Wo ist Master Nigel?«
Ferguson rümpfte zwar nicht die Nase, das wäre unter seiner Würde gewesen, doch er sah aus, als würde er es allzu gerne tun.
»In Ayr. Zusammen mit Master Nolan. Sie sind gestern Morgen in aller Frühe aufgebrochen.«
Sie waren aus Glasgow zurückgekehrt, um am nächsten Tag gleich wieder abzureisen? Thomas musste sich zusammenreißen, um sich seine Verwunderung nicht anmerken zu lassen. Was spielten die beiden für ein Spiel? Wenn Manachan tatsächlich ans Bett gefesselt war, hatte Nigel, der seinen Vater ja angeblich ohnehin bereits vertrat, die verdammte Pflicht, auf dem Gut zu bleiben und nicht in der Gegend herumzukutschieren.
»Wer kümmert sich eigentlich um meinen Onkel«, fiel Thomas ein. »Ist Edgar wenigstens bei ihm?«
Edgar war Manachans persönlicher Diener, ein schweigsamer und unerschütterlich treuer Mann.
Der Butler nickte. »Edgar ist so oft bei ihm, wie es geht. Wenn er nicht gerade etwas besorgen muss, steht er immer auf Abruf bereit.«
Thomas fand die Sache immer merkwürdiger. Alle redeten über Manachan, als wäre er ein Pflegefall. Er zog seinen Mantel aus und reichte ihn Ferguson.
»Ich werde nach oben gehen. Sie wissen also, wo Sie mich finden können.«
Nachdem er die Eingangshalle durchquert hatte, stieg er die große Freitreppe hinauf, dabei immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
Die Galerie, auf die er kam, war genauso wie früher. Eigentlich hatte sich seit seiner Kindheit in dem Haus so gut wie nichts verändert. Bis auf die Tatsache, dass Manachan nicht mehr präsent war und sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte.
So etwas war bei ihm seines Wissens noch nie vorgekommen. Mit ein Grund, warum er so gut wie nie in den Privatgemächern seines Onkels gewesen war, außer er hatte ihm irgendetwas zeigen wollen. Ansonsten hatte sich das Familienleben in den unteren Räumen abgespielt.
Als er jetzt vor der dunklen Tür aus Eichenholz stand, hielt er kurz inne, um sich für das zu wappnen, was ihn möglicherweise dahinter erwartete. Seine Cousins hatten von kränklich gesprochen, hier hingegen klang das alles ungleich dramatischer. So als wäre Manachan pflegebedürftig und könnte seiner Rolle als Gutsherr und Clanchef praktisch gar nicht mehr gerecht werden.
Das war nicht der Mann, den er kannte beziehungsweise gekannt hatte.
Er hob eine Hand, klopfte an die Tür und wartete. Fast rechnete er damit, Manachans cholerische Stimme zu hören, die »Herein!« bellte. Stattdessen erklangen leise Schritte, und die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet.
Edgar steckte den Kopf heraus. Der kleine Eingangsbereich hinter ihm, von dem das Schlafzimmer sowie ein Salon abgingen, lag im Halbdunkeln.
Der Kammerdiener, der zugleich die Aufgaben eines Privatsekretärs versah, war ein hochgewachsener, schlanker Mann mit einem schmalen Gesicht und blasser Haut. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. Erstaunt blinzelte er Thomas an, und wieder war da eine Erleichterung zu spüren, die ihm allmählich Sorgen bereitete, denn auch Edgars herzlicher Ton war ein Spiegelbild seiner Gefühle.
»Mr. Thomas, Sir! Wie schön, Sie zu sehen.«
Verdammt! Was war hier eigentlich los?
Bevor er darum bitten konnte, Manachan zu sehen, drehte der Diener sich um und ließ die Tür offen, eine unausgesprochene Einladung.
»Sir, schauen Sie nur, wer gekommen ist!«
Thomas wandte sich zur Schlafzimmertür und blieb einen Moment lang stehen, damit sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnten.
Manachan saß halb aufgerichtet auf der Tagesdecke seines Bettes, einen Berg von Kissen im Rücken. Eine Decke lag auf seinen Beinen, doch er war vollkommen angekleidet mit Hemd, Krawatte, Hose und einem langen samtenen Hausrock.
Obwohl er blass war und in der Zwischenzeit viel Gewicht verloren zu haben schien, bot er nicht unbedingt das Bild eines hinfälligen alten Mannes. Dazu wirkte sein Körper noch immer zu kräftig.
Was womöglich täuschte, denn seine Bewegungen waren in der Tat langsam und matt geworden, irgendwie lethargisch, als hätte er keine Lust mehr. Gleiches galt für die hellblauen Augen, deren Schärfe und Gerissenheit, die so typisch für seinen Onkel gewesen waren, zwar nicht gänzlich verschwunden, wohl aber ihre Prägnanz verloren hatten.
Es kam Thomas fast so vor, als würde Manachan die Welt jetzt aus der Distanz betrachten. Oder durch einen Schleier hindurch.
Als er seinen Neffen erblickte, wurde sein Gesicht weicher, und er verzog die Lippen zu einem Lächeln.
»Thomas, mein Junge. Wie schön, dass du uns besuchen kommst«, sagte er und streckte ihm eine kraftlose Hand entgegen.
Er nahm sie und zog sich, ohne loszulassen, einen der hochlehnigen Stühle ans Bett und nahm Platz. Dann musterte er schweigend den Mann vor ihm. Bevor er allerdings seiner Sorge über seinen Gesundheitszustand Ausdruck verleihen konnte, kam der Onkel ihm zuvor.
Manachan verzog das Gesicht. »Keine Sorge, ich liege nicht im Sterben, sondern bin lediglich ein wenig in die Knie gezwungen worden, doch es wird so langsam wieder. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das eigentlich ein Segen oder ein Fluch ist.«
Edgar stieß einen gequälten Laut aus.
»Wie lange geht es dir schon so? Seit wann bist du gezwungen, in deinem Zimmer zu bleiben?«
Der Kranke zog die Augenbrauen zusammen, als müsste er versuchen, sich zu erinnern. Hilfesuchend sah er seinen Sekretär an, der daraufhin das Wort ergriff.
»Zuerst hat es ihn im letzten August erwischt, erst eine langwierige Erkältung, dann ein schwerer Schwächeanfall, der ihm sehr zugesetzt hat«, erklärte Edgar. »Seitdem war es ein ständiges Auf und Ab, und zu seinem alten Ich hat er bisher leider noch nicht wieder zurückgefunden.«
»Zum Teufel, ich bin nicht einmal annähernd der Alte«, schnaubte Manachan. »Es scheint, als wäre mein altes Ich abgerutscht, auf Nimmerwiedersehen verschwunden und hätte mich als leere Hülle zurückgelassen«, stieß er mit unverhohlener Bitterkeit hervor. »In diesem Zustand bin ich zu nichts mehr nutze, da kann ich froh sein, dass Nigel da ist und für mich weitestgehend das Ruder auf dem Gut übernommen hat.«
»Sie sind noch immer der Chef, ob angeschlagen oder nicht, und im Kopf fehlt es Ihnen an gar nichts«, korrigierte sein Diener ihn.
»Unsinn«, widersprach Manachan. »Was ist ein Gutsherr wert, der nicht einmal mehr rausgehen kann, um zu sehen, was los ist.«
Als sein Onkel ihn Beifall heischend ansah, packte Thomas die Gelegenheit beim Schopf.
»Da wir gerade davon sprechen … Warum hast du mir nicht geschrieben und mich informiert, was hier auf dem Anwesen los ist und dass es mit deiner Gesundheit nicht zum Besten steht?«
Manachan zuckte mit den nach wie vor breiten Schultern. »Was soll ich sagen? Ich bin alt, mein Junge. Meine Sünden holen mich ein, und ich muss die Folgen tragen. Das Alter erwischt uns alle irgendwann.«
Thomas warf Edgar einen vorwurfsvollen Blick zu.
»Ich und die anderen, wir wurden ausdrücklich angewiesen, Sie nicht mit der … Schwäche des Herrn zu belästigen«, verteidigte der Kammerdiener sich, woraufhin der Neffe erneut Manachan tadelnd ansah.
»Lass mir meine Würde, Junge«, warf der Onkel ein. »Keiner außer denjenigen, bei denen es sich nicht vermeiden lässt, soll sehen, was für ein elendes Bündel aus mir geworden ist. Sie sollen an mich als den starken, unverwüstlichen Kerl von einst denken.«
Bei diesen Worten stiegen Schuldgefühle in Thomas auf, weil er sich so lange nicht mehr hier hatte blicken lassen. Und das einzig und allein aus der egoistischen Angst heraus, Lucilla Cynster bei dieser Gelegenheit zu begegnen und ihr noch mehr zu verfallen. Er holte tief Luft, atmete dann langsam aus.
»Also gut, ich werde dir deine Würde lassen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich damit einverstanden bin.«
Allerdings gab es vieles, womit er angesichts der Situation auf Carrick Manor nicht einverstanden war, sodass er gar nicht wusste, wo er beginnen sollte. Doch zunächst gab es Dringenderes zu klären. Allen voran die Probleme, die den Clan und die Verwaltung des Gutes betrafen.
Er sah Manachan an. »Ich habe Briefe von Bradshaw sowie von Forrester erhalten. Beide schreiben, dass es Schwierigkeiten mit der Auslieferung des Saatguts für diese Pflanzsaison gebe. Sie haben mich gebeten, dass ich mit dir über diese Angelegenheit spreche und vermittle.«
Manachan runzelte die Stirn, und ein verwirrter Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus.
»Die Auslieferung des Saatguts? Ich verstehe nicht …« Sichtlich konsterniert wandte er sich an Edgar. »Welches Datum ist heute?«
Er stieß die Frage wie ein drohendes Fanal aus und klang dabei fast wieder wie der Manachan, den er kannte. Thomas registrierte es erleichtert, nahm es als Zeichen, dass irgendwo in dem geschwächten Körper noch der alte Haudegen steckte.
»Heute ist der achtundzwanzigste April«, antwortete Edgar.
Kopfschüttelnd sah Manachan zu Thomas hinüber. »Die Saat sollte längst im Boden sein, stimmt’s? Oder zumindest in den nächsten Tagen auf den Feldern ausgebracht werden …«
»Ganz meiner Meinung.« Thomas nickte. »Bloß gab es bislang keine Lieferung, zumindest keine an unsere Bauern. Und da frage ich mich sehr wohl nach dem Warum.«
Sein Onkel hatte keine Ahnung, das war ganz offensichtlich. Weder was die Tatsache als solche anging, noch warum das so war.
»Es muss eine Verzögerung gegeben haben oder etwas in der Art«, brummte er schließlich. »Frag Nigel. Er wird es wissen.«
»Nigel und Nolan sind offenbar gerade in Ayr. Davor waren sie in Glasgow, ich weiß nicht, wie lange. Sie haben die Geschichte runtergespielt, nachdem ich sie auf den Brief angesprochen habe.«
Eindeutig fühlte Manachan sich übergangen, denn sein Blick verfinsterte sich deutlich.
»Und jetzt«, sagte Thomas und erhob sich, »sind die Bradshaws schwer erkrankt. Sehr schwer, heißt es. Die gesamte Familie.«
»Was?« Ungläubig starrte der alte Herr erst Thomas an und schaute dann fragend, beinahe anklagend, zu seinem Diener hinüber.
»Wir sind angewiesen worden, Sie nicht mit beunruhigenden Neuigkeiten zu belästigen«, wiederholte der Sekretär den Satz, den er bereits kurz zuvor zu seiner Verteidigung vorgebracht hatte.
»Zum Teufel …« Manachans Tonfall verhieß nichts Gutes für denjenigen, der dem Personal einen solchen Befehl erteilt hatte. Einige Sekunden lang schwieg er, ehe er Thomas ansah. »Wohin willst du jetzt?«
»Zum Hof der Bradshaws.«
»Gut. Reite zu ihnen und finde heraus, was um Himmels willen dort los ist. Und nimm unsere Heilerin Joy mit.«
»Soweit ich weiß, hält sie sich schon bei der Familie auf. Forrester hat sie entsprechend instruiert, woraufhin sie gleich gestern Abend aufgebrochen ist.«
»Wenigstens denkt einer mit«, knurrte Manachan ungnädig und wirkte mit einem Mal regelrecht energiegeladen. »Geh du statt meiner«, wandte er sich an seinen Neffen. »Sei meine Augen und meine Ohren, mein Junge. Schau, was du herausfinden kannst – nicht allein was mit den Bradshaws passiert ist, sondern auch warum die Lieferung des Saatguts noch immer aussteht. Da Nigel mal wieder nicht vor Ort ist, wenn er gebraucht wird, kann er sich nicht beschweren, wenn niemand ihn fragt.«
Thomas nickte, wenngleich die Bemerkung ihn zugleich beunruhigte. Sie deutete darauf hin, dass die ganze Verantwortung für das Gut inzwischen tatsächlich bei Nigel lag. Entgegen seinen Vermutungen. Schlimm fand er vor allem, dass sein Onkel beinahe ängstlich darauf bedacht zu sein schien, seinem Sohn nicht auf die Zehen zu treten.
Das empfand er im Grunde als alarmierendes Signal und deutete es als mögliches Indiz, dass Manachan absichtsvoll ausgebootet worden war.
Ohne weiter nachzufragen, verabschiedete er sich. »Ich werde zurückkommen und Bericht erstatten.«
Während er die Treppe hinunterging, ließ er das Gesehene und Gehörte noch einmal Revue passieren, wurde aber nicht schlauer als zuvor. Nach wie vor bedrückte ihn die Frage, was für ein Spiel seine Cousins eigentlich trieben.
Kein gutes jedenfalls, fürchtete er.
Nachdem er sich von Ferguson in seinen Mantel hatte helfen lassen, begab er sich zu den Stallungen und ließ sich Phantom bringen.
»Sean ist zu den Watts aufgebrochen, um in Erfahrung zu bringen, ob sie etwas über Faith wissen«, erklärte Mitch ihm, während er sich in den Sattel schwang. »Seltsam das alles … Sie ist eigentlich keine oberflächliche Person, die ohne ein Wort verschwindet. Und wohin sollte sie schon gehen?«
Thomas verzog das Gesicht und nickte. Das war ein wichtiger Punkt bei der Frage, was mit der Dienstmagd geschehen sein mochte.
»Falls irgendjemand nach mir fragen sollte: Ich bin bei den Bradshaws – mein Onkel weiß Bescheid.«
Mitch nickte. »Das ist sehr gut. Ich hoffe, Joy hat sie wieder auf die Beine gebracht. Wir warten dann auf Nachricht von Ihnen.«
Die Sonne verschwand gerade hinter der Hügelkette der Rhinns of Kells, einem Vorgebirge der Galloway Hills, und die Dämmerung brach herein.
»Ich bezweifle, dass ich vor Einbruch der Nacht zurück sein werde«, sagte Thomas. »Ihr müsst nicht auf mich warten.«
»Aye«, erwiderte der Stallknecht, »ich denke, einer von uns wird auf jeden Fall aufbleiben.«
»Wie ihr wollt.«
Thomas neigte den Kopf und trieb Phantom mit einem sachten Beindruck gegen die Flanken an. Der große Schimmel trottete los, wurde schneller und fiel in einen leichten Galopp. Nachdem sie den Hof verlassen hatten, dirigierte Thomas ihn in Richtung Norden und ließ die Zügel locker.
Der Hof der Bradshaws lag an der nördlichen Grenze des Carrick-Besitzes, wo das Land weniger hügelig und offener war. Viele Felder lagen brach, stellte Thomas fest und wunderte sich einmal mehr. Einige waren zwar zum Teil bestellt, doch keines wies ordentlich angelegte Saatreihen auf.
Da auf dem Gut überwiegend Schafe gezüchtet wurden und in geringerem Umfang Rinder und Ziegen gehalten wurden, überließ man den Anbau von Getreide den Pächtern. Sie bewirtschafteten die Felder, um mit der Ernte vor allem die Bedürfnisse des Clans für den Rest des Jahres zu bedienen, den Rest verkauften sie.
Wie aber sollten sie diesen großen Bedarf und einen eigenen Gewinn sicherstellen, wenn sie keine anständige Ernte einfahren konnten. In normalen Jahren wurde sogar zweimal geerntet, da sie eine Fruchtwechselwirtschaft betrieben und übers Jahr unterschiedliche Getreidearten anbauten.
Die Schatten wurden bereits länger, als er die kleine Anhöhe zum Hof der Bradshaws hinaufritt. Es handelte sich um ein lang gestrecktes Haus aus Stein, war also ein einigermaßen ansehnliches Gehöft. Da die Temperatur inzwischen recht frostig war, stutzte er, dass die Haustür ein Stück weit offen stand.
Ungewöhnlich war zudem, dass aus dem Schornstein kein Rauch aufstieg. Wenngleich der Winter vorüber war, konnte hier oben im Norden des Königreichs von warmen Tagen und warmen Abenden noch keine Rede sein.
Er stieg vom Pferd und band Phantoms Zügel an einem der Ringe an, die an einem Pfeiler neben der Tür angebracht waren. Dann warf er einen Blick ins Innere des Hauses. Das Licht, das durch die Tür hineinfiel, reichte nicht besonders weit, sodass er nicht viel erkannte, zumal vor den Fenstern schwere Vorhänge hingen. Dennoch wunderte er sich, so gar nichts zu sehen.
Nicht einmal Geräusche waren zu vernehmen, Stille erfüllte das Haus.
Er hob die Hand und klopfte an die hölzerne Haustür.
»Hallo? Bradshaw?«
Die unheimliche Ruhe hielt an. Dann mit einem Mal hörte er ein Ächzen und einen schwachen Ruf, der aus dem hinteren Teil des Hauses zu kommen schien.
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