Suite zwei - Alex Gfeller - E-Book

Suite zwei E-Book

Alex Gfeller

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Beschreibung

Dieses Land braucht keine Künstler; es hasst und verachtet sie von ganzem Herzen, weil es ihnen ihre innere Freiheit missgönnt, denn es ist einfach nicht gemacht für Kultur, das Land der Schweden oder der Swaziländer im Herzen Europas, das man in Amerika drüben ständig mit Switzerland oder mit der Slowakei oder Slowenien verwechselt, weil es nämlich selber gar keine hat, Kultur nämlich; das ist das ganze, dunkle Geheimnis dieses komischen, extrem künstlichen Rand- und Restgebietes, das nach langen Verhandlungen des Wiener Kongresses 1815 einfach übrig geblieben ist, als man den großen Kuchen endlich neu verteilt hatte, und eigentlich gar nicht aus sich selber existiert, noch jemals selbständig existieren kann, denn nicht einmal ernähren kann es sich selber. Es ist nichts als eine völlig kulturlose Steinwüste, die allmählich zugeschüttet wird, ein übler Steinhaufen bloß, der sich selber andauernd bescheisst, ohne wesentliche eigene Verdienste, ohne eigene Attraktivität oder besondere Leistungen, besessen und beherrscht von einem sehr kleinen Klüngel von Überhunden und ihren vielen gekauften, also willfährigen Unterhunden, bestenfalls getragen vom Kitsch und Schrott der Jahrhunderte und einzig geleitet vom alleinseligmachenden Profit, das ist alles.

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Seitenzahl: 723

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Anfänge einer jeden neuen Geschichte ziehen sich immer unglaublich lange hin, und wir unterschätzen oder überschätzen sie ständig, denn uns verfolgt dabei jeweils das hinderliche, aber unerlässliche und verständliche Gefühl, immer wieder von vorne anfangen zu müssen, und wir stellen gleichzeitig verwundert und ernüchtert fest, dass wir trotzdem nicht vom Fleck kommen. Diese unabwendbare Tatsache müssen wir jederzeit in unsere reichlich schmalbrüstigen Berechnungen einbauen oder in unsere breithüftigen Unberechenbarkeiten mit einbeziehen können, erklären wir uns jeweils entschuldigend.

Darauf stellen die beiden verehrungswürdigen Literaten auf einmal hocherfreut fest, dass sie tatsächlich unberechenbar geworden sind und deshalb zukünftig nur noch auf Singhalesisch wie mein Zahnarzt, oder auf Lingala wie mein Orthopäde singen werden, oder allenfalls, der Not gehorchend, auf Kikongo oder Kituba, wie mein Hausarzt.

Dies hängt damit zusammen, dass es die beiden liebenswürdigen Kuschelhasen Koni und Toni damals in ihrem dörflichen Brillenladen allzu oft mit unangenehm arroganten Kunden zu tun gehabt haben, denen sie es aber unwillkürlich gleichtun wollen. Diese Anpassung oder Angleichung haben sie immer wieder an sich selber beobachten können, und sie entschuldigen diese Verfehlung damit, dass sie sich damals eben irgendwie angleichen wollten und dass sie es ihren Kunden vielleicht sogar unbewusst gleichtun wollten. So gerieten indes die beiden verwunschenen Buschpieper unfreiwillig in eine Endlosschlaufe von lauter ungerechtfertigten Vorhaltungen und unerwarteten Vorwürfen, von unvorhergesehenen Vorgaben und überraschenden Eingaben, von unkalkulierbaren Vorwegnahmen, von versteckten Vorausnahmen und verborgenen Voreinnahmen, von erschreckenden Auswürfen, illegitimen Einwürfen und unlauteren Vorstellungen, von vergessenen Einstellungen und vorgefassten Vorbehalten, von hinhaltenden Mumifizierungen, verschrobenen Einbalsamierungen und vergessenen Einmarschplänen, die sie gar nicht selber ausgewählt hatten und die sie bestimmt nie selber auswählen haben könnten, falls sie jemals danach gefragt würden. Sie sind gewiss keine Strategen, denn Strategien gehören nicht zu ihren Obliegenheiten, noch zu ihren Wunschvorstellungen.

Sie müssen also aufpassen, so wie gerade jetzt, gleich zu Beginn, da sie feststellen müssen, dass sie aus Versehen am falschen Apparat arbeiten. Hurtig und verlegen wechseln sie ihre unbequemen Plätze vom einen unbequemen Bürostuhl zum anderen unbequemen Bürostuhl, denn am Apparat des andern können sie gar nicht richtig arbeiten; das käme einem unvorteilhaften und unfrohen Arbeiten in aller räumlichen Enge und ideellen Beengtheit gleich, obschon beide Apparate identisch sind. Ein weiterer, älterer Apparat am Rande der großen Wohnzimmers ist nur für die Mails und das Banking zuständig, also für die ganze Administration, und da ist es egal, ob es genügend Platz für alles hat, oder nicht, denn wenn sie sich beim Schreiben erst mal eingeengt fühlen, läuft gar nichts mehr oder zumindest nichts mehr richtig, genau wie beim Malen, denn dann stottert der Motor nur noch lustlos vor sich hin, hinkt voller Fehlzündungen und Ruckelbewegungen in dicken Abgaswolken, obschon sie schon viel und oft in dieser geistigen und räumlichen Enge gearbeitet haben, ohne es allerdings bisher im Eifer überhaupt jemals bemerkt oder beachtet zu haben.

Sie haben in der Tat schon Jahrzehnte lang in der geistigen Enge dieses kleinen Dorfes gelebt und gearbeitet, so dass sie sich gleich wieder wie damals in England fühlen möchten, so eng war das dort, und sie stellen sich vor, sie säßen wieder in einer dunklen Nische in Cheltenham und müssten sich erneut restlos alles aus den Fingern saugen, in welcher Sprache auch immer, am besten auf Walisisch, weil das außer dem englischen König garantiert niemand versteht und der englische König ihre Bücher bestimmt nie lesen wird. Doch so übel kann es hier und jetzt gar nicht erst sein, noch kann es schlechter werden, und mehr als so verstellt und verstockt wird es nimmermehr werden wie damals anlässlich ihres Englandaufenthaltes in jungen Jahren, denn hier, direkt am Fenster mit Blick auf die belebte Dorfstrasse, ist es wesentlich besser und vor allem kontinentaler und deutlich binnenländischer, also etwas erleichternder zumindest als damals in Cheltenham mit Blick auf das grüngraue Silbermeer mit den endlosen Wogen und Weiten, die immer fugenlos in den silbergrauen Himmel übergingen, ein Küstenort, der ihnen als solcher so abgrundtief fremd, abweisend, kalt und wenig versprechend erschien, dass man ihn gar nicht erst sehen mochte, um ehrlich zu sein. Wenn man nämlich ein Meer sieht, merkt man schnell, dass man das Meer gar nicht wirklich mag oder vermisst; man braucht es einfach nicht, denn man möchte bloß zügig vorankommen mit seiner Arbeit – das ist alles. Doch genau das war dort damals jeweils schneller gesagt als getan.

Der Belpberg auf der anderen Seite der Ebene mit dem lokalen Flugplatz sieht übrigens wie ein riesiger, schlafender Braunbär aus erdgeschichtlichen Urzeiten aus, und vielleicht ist er ja einer, denn wer sagt denn, es sei keiner? Ein voreiszeitlicher, titanisch-gigantischer Höhlenbär scheint das zu sein, vielleicht aus dem Quartär? Wer weiß? Oder aus dem Terziär? Oder aus dem Sekundär? Dieser Bär wacht erst dann aus seinem Winterschlaf auf, wenn es ihm behagt, wenn ihm aufzuwachen beliebt, wenn es ihm passt, wenn es ihm gefällt, wenn er mag und wenn er überhaupt Lust zum allmählichen Aufwachen verspürt. Doch was macht er dann? Na? Was macht ein riesenhafter Höhlenbraunbär aus dem Tertiär nach dem Aufwachen? Leckt er die leckeren Passanten von den Straßen und Plätzen? Zertrampelt er die hässlichen Gebäude? Trottet er gemächlich zum Fluss und säuft sich ordentlich voll? Er hat ja seit Einbruch der vier oder fünf Eiszeiten gar nichts mehr getrunken? Und wohin wendet er sich danach? Geht er ins weite Gürbetal zu den Spargelfeldern, zu den Kohl- und Kabisfeldern hinaus, oder klettert er gleich die Voralpen hoch? Sucht er sich die leckersten Bienenstöcke und die fettesten Schafherden aus dem Guggisbergischen aus? Oder wendet er sich gleich den zarten Kälbern, den saftigen Rindern und den gehaltvollen Kühen in den Maiensäßen des Gantrischgebiets zu, so wie die Angesprochenen, die Nachdenklichen, die Grüblerischen zwei, die sich deshalb gleich morgen zwei schöne Kalbshaxen kaufen werden, wie sie beschließen? Lecker Ossobuco mit Knoblauch, vielen Pilzen und Karotten? Zwei gelochte Knochen in reichlich Tomatensauce mit kleinen Kartoffeln und grünen Bohnen? Man weiß es noch nicht genau; man hat es heuer noch gar nicht ausprobiert, stellt man überrascht fest.

Das Wichtigste für den Mann von heute ist allerdings die richtige Umhängetasche; das ist gewissermaßen matchentscheidend, sagt er sich. Sie muss eindeutig und unwiderruflich aus kastanienbraunem Leder sein, keinesfalls aus schwarzem oder dunkelbraunem oder violettem, und sie muss zudem zwei kleine, verschließbare Außentaschen aufweisen, je eine für die Hausschlüssel und für die Töffschlüssel, denn das ist elementar und essenziell und für jeden Kenner der Materie eine Selbstverständlichkeit. Zudem muss der Zugang zur Brieftasche sicher und einfach und jederzeit überprüfbar sein, dann muss auch noch ausreichend Platz für einige andere wichtige Dinge des Lebens vorhanden sein, zum Beispiel für die wichtigen Werkausweiskarten in Postkartenformat, die möglichst komplett Auskunft über ihr Gesamtwerk erteilen sollen, verbunden mit allen persönlichen Daten wie Blutgruppe, Telefonnummer, Geburtsdatum und Konfessionszugehörigkeit, sowie für die zwei üblichen Taschentelefone und die stets geladene Uzi für alle Fälle. Man weiß ja nie, was einem zustoßen kann, und im Alter fühlt man sich notgedrungen etwas unsicher.

Doch diese Tasche darf gleichzeitig nicht zu groß und nicht zu klein sein; sie muss handlich bleiben, und der Trageriemen muss breit genug wirken, damit ihn die Polizei beim flüchtigen Hinsehen als umgelegte Sicherheitsgurte akzeptiert, sollte man im Auto sitzen. Allein deshalb darf der Riemen nicht auch aus braunem Leder sein, denn die Sicherheitsgurten im Auto sind aus einem dunklen Textilmaterial, das es zu imitieren gilt. Seine Aufhängung muss stabil genug sein und dauerhaft intakt bleiben können, und erst wenn all diese Bedingungen erfüllt sind, kann die Schultertasche für den Herrn käuflich erworben werden, vorausgesetzt, die Anmeldeformalitäten sind nicht zu schwierig. Einige Schultertaschen würde man zwar durchaus gerne kaufen, wenn man nur die viel zu komplizierten Anmeldeprozeduren für die unsäglich umständlichen Bezahlungs- und Versandformalitäten schaffen würde, denn immerzu werden Passwörter abverlangt, die man gar nicht hat und die man gar nicht kennt.

Nicht wenige Male ist ihnen dies schon gründlich misslungen; die Probleme beginnen sehr oft bereits bei unbekannten Passwörtern, wie gesagt. Da werden oftmals Passwörter abgefragt, von denen man keine Ahnung hat, und es führt zu nichts, wenn man irgendwas anderes einfüllt oder ausfüllt oder auffüllt. Meist gibt man es sofort wieder auf und bricht den Bezahlvorgang enttäuscht ab, denn wenn man gar nicht erst ins Geschäft kommt, weil allein für die Passwörter ein zweiter Apparat fällig wäre, verzichtet man lieber auf einen Kauf, und zwar sofort, das ist klar, als dass man weiterhin vergeblich alle erdenklichen Versuche unternimmt, zumal man längst in Erfahrung gebracht hat, dass gerade in diesem Bereich vielerorts ausgefuchste Gauner und listige Betrüger am Werk sind, die es nur auf die Kreditkartennummern abgesehen haben, die man ständig und überall eintippen müsste.

Man sollte also gut aufpassen und lieber ein Geschäft sofort abbrechen, noch bevor man hereingelegt worden ist, als sich in reichlich komische und sehr befremdliche Verhalte einwickeln zu lassen, denn man hat in seinem Leben insgesamt vielleicht schon zehnmal solche Umhängetaschen bestellt. Davon sind allerdings nur etwa sechs angekommen, und von diesen sechs waren mindestens fünf ziemlich oder gleich völlig unbrauchbar. Daraus wird ersichtlich, dass die Erfolgsquote äußerst gering ist, und deshalb sollte man auf einen Kauf lieber verzichten, vor allem dann, wenn man seiner Sache doch nicht ganz sicher ist, oder wenn der Verkäufer auch nur entfernt unseriös wirkt, denn auch hier gilt: Lieber keinen Kauf tätigen, als einem angeblichen oder offensichtlichen Betrug zu unterliegen.

Es besteht zudem bereits jetzt, wenn auch nur ansatzweise, die Möglichkeit, dass allein durch diese eher notizenhafte Schreibweise jeglicher Zusammenhang und aller Zusammenhalt gänzlich verloren gegangen sind und dass man die Übersicht längst verloren hat, gleich von Beginn weg. Eine üble Sache zeichnet sich nämlich allmählich ab, und wenn das wirklich so ist, dann hat das Weiterschreiben sofort keinen Sinn mehr. Verstehen Sie? Das Konzept besteht nicht darin, dass beliebige Notizen aller Art einfach aneinandergefügt werden dürfen oder aneinandergereiht werden können, denn auch hier unterliegt der ursprüngliche und effektive Sinn des Ganzen ausschließlich den Gesetzen des Surrealismus, des Strukturalismus oder des Absurdismus, und nicht dem beliebigen Schreibismus der unprofessionellen Allerweltsklasse.

Man muss sich allerdings erst allmählich wieder auffangen und abtasten und angleichen, und man muss darauf erneut ansetzen können und von vorne beginnen dürfen, denn sonst geht aller Sinn endgültig verloren, und dann wäre der literarische Wert gleich null. Von null kommt nichts, und von Mull gibt’s auch nichts Bemerkenswertes; doch vom Mull kommen alle, und zum Mull gehen alle. Der Mull ist überall und in überhaupt allem und bedeutet nicht einfach nur Müll, Kehricht, sondern ist ursprünglich der Begriff für «sehr weich». Diese Bezeichnung für ein feinfädiges, weitmaschiges Baumwollgewebe wurde aus dem Englischen mull übernommen, das seinerseits aus Hindi mul oder Persisch malmal entlehnt ist. Der Begriff kann auch für lockeren, weichen Humusboden verwendet werden, und zudem ist der Mull auch noch ein maulwurfähnliches, überaus hässliches Tier ohne Pelz, das ausschließlich unter der Erde lebt und uns alle allein deshalb überleben wird.

Somit ist die Aufgabe der beiden angesagten Lockenwickler gleichzeitig die Abgabe und die Eingabe der beiden, ganz einfach. Nur erwachsene Personen sollen darin Verwendung finden, die dafür geeignet sind, seien sie nun singular oder plural, seien sie maskulin, feminin oder neutrum, und keine bösen Erinnerungen und schon gar keine überflüssige Erläuterungen oder entbehrliche Erklärungen sollen den durchaus sorgfältig ausgewählten Wortfluss noch stören dürfen, auch nicht persönliche Affinitäten irgendwelcher Art unangemessen Einfluss nehmen können. Mehr vorgezogene Auflagen als diese drei Dinge sind allerdings nicht vorgesehen. Es gibt zwar ein paar kleinere Einzelheiten, die zu erwähnen hier noch nicht der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt bilden, denn sie sind alle eher unwichtig und unbedeutend, wie zum Beispiel das Wörtchen «ja», das laut Korrekturprogramm von Word möglichst vermieden werden soll und kann und muss, weil es nur darum gehe, wo es stehe und wo es wehe, da es völlig überflüssig sei, nämlich nichts als ein lindes Lüftchen, wie mir das Stilistikprogramm von Word schlank und rank erklärt, und sei es nur als ein geruchloses Fürzchen im gesamten Textfluss. Das Ja als Bekräftigung gibt es gar nicht erst in der klinisch sauberen Welt von Word united; es kommt einfach nirgendwo mehr vor.

Dem betroffenen Aquamariner scheint indes, dass gerade auf diese Weise einer gepflegten Ausdrucksweise ausreichend Genüge getan werden könnte, da auch die stilistischen Schnitzer KI-gestützt laufend ausgefeilt werden können, und nicht nur die grammatikalischen und die orthographischen Plattheiten. Doch somit sind die wichtigsten Vorgaben, die bedeutendsten Vorhaben und sogar die grundlegendsten Vorlagen und vielleicht auch die einzigen Voraussetzungen, Umstände, Einwände und Abgrenzungen bereits ausreichend abgesteckt und gleichsam schon zu Beginn zur Diskussion gestellt und wohl schon endgültig abverreckt, denn es soll gewiss nicht der Eindruck entstehen, als verberge gerade dieser Text ein besonderes Geheimnis oder ein ausgeklügeltes Rätsel, denn das tut er bestimmt nicht. Es ist sogar eine grundsätzliche Voraussetzung, dass gerade diese sehr einfach gehaltene Textlichkeit nichts Wesentliches verbirgt und verhüllt, nichts Bedeutendes verbergen will und kann, nichts Wichtiges verstecken soll oder muss, niemals in die Unkenntnis der Unverfänglichkeit sich selber auflösend abtaucht und auch über nichts Unumgängliches verfügt oder veranlasst, noch etwas Ausführliches verbrämt oder gar unwissentlich verheimlicht, geschweige denn verklebt oder verpflastert oder vergewissert und vergewässert, und sie will sich gewiss auch nicht unnötig wichtigmachen und blitzblank gebleechte Zähne zeigen, sobald eine Kamera in der Nähe ist.

Es handelt sich hierbei nur um eine leicht surrealistische Textur, um mehr gewiss nicht, glauben Sie mir, um eine Textur ohne alle üblichen Ansprüche. Sie wird auch so die Welt nicht erobern, keine Angst, wie alle Surrealismen, Subrealismen, Metarealismen, Datarealismen, Ikonorealismen und Protorealismen, versprochen, und es werden somit und hierbei auch keine sensationellen Enthüllungen gemacht, keine generelle Erfahrungen aller Art mitgeteilt, keine bedeutende Erkenntnisse erbracht und keinerlei überraschende Erleuchtungen offenbart, die das intellek-tuelle Vermögen leichterhand übersteigen könnten, keine Angst. Wer nicht sehen mag, was die Zeitenwende ergibt, soll sie einfach beiseite lassen, denn eigentlich und ursprünglich schätzen nur die geschätzten, aber vergessenen Verfasser und die vermissten Verpasser, die verpissten Vermassler und die vermasselten Verschisser, wenn nicht gar ihre flüchtigen Vermisser und ihre anständigen Behacker und Versacker allein ihre versteckten Quellen oder offensichtlichen Qualitäten. Es gibt also keinen Grund zur Panik.

Allein diese Erkenntnis ist selbstredend so selbstverständlich, dass man darüber gar nicht erst zu schreiben bedarf, zumal gerade diese flotte Anmache und flötistische Einstellung ausreichend selbsttragend ist, und die forsche Schreibhaltung bleibt somit annehmbar selbstgerecht und ist auf jeden Fall ausreichend befriedigend voreingenommen und zudem unbestritten einseitig gehalten, so einseitig wie möglich. Somit ist vorauseilend bereits alles Wesentliche gesagt, und alle denkbaren Voraussetzungen sind ausreichend in Erwägung gezogen, zur freien Auslegung vorgebracht und zur allfälligen Erwähnung vorgeschlagen, also hinlänglich zur Strecke gebracht und angemessen zur Betrachtung hingeführt oder sogar leidlich in ausreichender Frische vermittelt und zugleich zufriedenstellend zertrampelt worden.

Mehr gibt es dazu eigentlich gar nicht zu sagen, denn um dem neuerlichen Affront, der sich bereits am Horizont abzeichnet, Herr zu werden, muss gewissermaßen didaktisch, faktisch und taktisch klug oder zumindest strategisch sauber vorgegangen werden, wenn nicht gar orthopädisch makellos oder sogar metabolisch einwandfrei, nur um lauter ungeliebte Begriffe aus der Belletristik, aus der Ballistik aus der Ballonistik und aus der Balkonistik zu bemühen, was die geneigten Informatiker durchaus als erneute stilistische Provokation betrachten möchten, wenn sie nicht längst wüssten, dass kaum noch etwas wirklich provokativ und auch noch von Belang sein könnte, was da auf dem sterbenden Erdenrund kreucht und fleucht.

In der Tat ist die ganze, vergebliche Mühe eigentlich zum Vornherein umsonst, doch wer beginnt nicht immer wieder mit all der Anstrengung im gesicherten Wissen, dass gerade sie in keiner Weise zielführend sein könnte, noch jemals sinnhaftig oder zweckmäßig wäre? Sie ist nicht einmal einträglich, und nur ein Narr würde so etwas tun, wie die beiden Protagonisten in ihrer guten Stube nahe am Fenster gegen die Dorfstraße hin völlig zu Recht vermuten mögen. Doch was soll’s? Die Wartezeit bis zum finalen Abgang muss nun mal zügig herumgebracht werden; sie muss ständig und von Neuem eingegeben, angegeben, ausgegeben, angereichert, aufgegeben, zertrampelt, verrührt, zerhackt und gleich anschließend sicher vernichtet oder aber auf Händen getragen werden, damit sichergestellt werden kann, dass sie nimmer wiederkehren möge, all die vertrödelte Zeit, noch als Zombie wiederkäme und qualvoll niederkäme, die Verruchte, denn es geht hierbei eindeutig nur noch um eine reine Zeitverschwendung und effektive Zeitvernichtung in der ganzen, überflüssigen Zeitenrechnung, und allein dies ist doch bereits irgendwie sündig oder sogar todsündig, nicht wahr? Frevelhaft zumindest? Verwerflich gar? Unanständig?

Unangebracht ist sie auf jeden Fall, denn Zeiten dürfen sich eigentlich nicht wiederholen, ebenso, wie auch ein Zeitenfluss nicht immer derselbe ist. Nichts fürchtet der moderne, aber mittelmäßige Maschinist mehr als immerzu wiederkehrende Ereignisse gleich welcher Art, denn alle Ereignisse müssen umgehend einmalig und zudem recht selten bleiben, sonst verlieren sie sofort ihren ursprünglichen Wert und ursächlichen Sinn, und wertlose Zeitzeugnisse gibt es geradezu massenhaft und trotzdem nicht wirklich, nie und nirgendwo. Ist das nicht ergreifend? Ist das nicht erschütternd? Wir könnten laufend Probebohrungen vornehmen und trotzdem nichts finden.

Die wahren Zeitzeugen wollen hier indes niemals von Phantomen sprechen, ebenso wenig von Phänomenen oder Phantasien, ganz abgesehen von allen Pharisäern, Philharmonikern, Photolysten und Phonematikern. Doch wie dem auch sei: Es muss jetzt geschehen, was geschehen muss, und das ist in diesem Falle eindeutig ein weiterer Ermessensspielraum in allem Ekklatismus, zudem eine reine Ansichtssache und eine fiese Vorgabenveranlagungsursache dazu, vielleicht sogar eine Ernennungsurkundenbestätigungsvorsorge, allerdings der ganz besonderen Art, wenn diese Beifügung gestattet sei. Wer jetzt aber der Ansicht sein mag, dies alles sei nichts anderes als ein einziges Rätsel oder sogar nur reiner Mist, vergisst, dass es gar keine Rätsel gibt, keine Denkspiele und keine Enigmen, die nicht immer in all ihrer Banalität, allenfalls in all ihrer Perfidie oder bestenfalls in all ihrer Idiotie aufgelöst werden könnten. Diese inhärente Mittelmäßigkeit muss vielleicht sogar in Kauf genommen werden, weil die nachgefragte Qualität so oder so immer darunter leiden wird.

Doch ein Qualitätsverlust muss jederzeit in Betracht gezogen werden können; das ist wahrscheinlich sogar die derzeitige Menschheitsaufgabe in extremis, denn neulich lagen die beiden dickflüssigen Kontrollbeamten hellwach in ihren breiten Betten in ihren getrennten Schlafzimmern, und zwar eine geschlagene Nacht lang und wachen, offenen Auges, wie schon so oft zuvor in ihren Leben, und währenddessen strömten ganze Texturen in vollständig ausgebildeten Sätzen und von erlesener Eleganz durch ihre Köpfe, allesamt Sätze von einem Ende zum andern, die sie gleich auf den ersten Blick gar nicht übel fanden. Ja, sie waren sogar richtig stolz auf sie, wie sie da zügig und ungefragt und in voller Länge hereinwebten und flott wieder hinausschwebten, als kämen sie nicht nur ausschließlich aus ihrer eigenen Küche, sondern von irgendwo her, vielleicht sogar aus dem All oder aus dem Fundus der widersprüchlichsten Bedürfnisse und der absurdesten Gefühlslagen auf den Hesperiden der Hominiden, und nur deshalb mussten sie sich ernüchtert sagen, dass es wohl doch noch nicht ganz vorbei sei mit dem Schreiben, denn sie müssen nach wie vor einfach schreiben, stellen sie ernüchtert fest. Sie müssen immerzu aufschreiben; sie können gar nicht anders, das ist ihnen einfach gegeben oder wird ihnen aufgezwungen, und vielleicht ist das sogar ihr innerer Auftrag oder aber eine ganz schlimme Erkrankung der übelsten Sorte, unkurierbar und unkorrigierbar und unermesslich gewalttätig.

Das Malen indes können sie ohne Weiteres jahrelang einfach unterbrechen, wenn ihnen nichts mehr einfällt, ohne an dieser willkommenen Kunstpause jemals Schaden zu nehmen, also ohne dass ihnen dabei allmählich unwohl und flau würde, ohne dass sie dabei stufenweise unruhig würden wie bei einem akuten Schreibstopp, denn beim Texten läuft das ganz anders ab: Die endlosen Texte fließen bei ihnen in roter Leuchtfarbe über den inneren Bildschirm, wie gesagt, und zwar Tag und Nacht, unaufhaltsam wie die aktuellen Börsenkurse über ein Laufband in Leuchtschrift an der Fassade einer erfolgreichen Bank, an einer sehr modernen Häuserfassade aus Glas und Aluminium also, und zwar beharrlich, ungefragt, also immerfort und ununterbrochen, Tag und Nacht, weil ja Erfolg und Misserfolg auch unablässig vorbeilaufen.

Sie geben deutlich und klar, also eindeutig und unzweifelhaft Auskunft über Gewinn und Verlust, über Bewegung oder über Stillstand, über Hingabe oder Rückgang, über Aufgang, Höhenflug oder Abfall, ohne dass sie diesen bemerkenswerten Vorgang eines Ablaufes des inneren Vorgehens und inneren Abgehens jemals steuern, anhalten oder gar beschleunigen und schon gar nicht zum Verschwinden bringen könnten. Wie ein endloser, breiter Fluss fließen die leuchtend roten, gelben und grünen Sätze voller Satzzeichen zügig auf ihren inneren Breitbandbildschirmen vorbei und schwimmen nahezu endlos dahin und in eine weite, dunstige Ferne hinaus, ziehen an ihnen pausenlos vorüber und über sie hinweg und sinken allmählich weit in der diesigen Fremde draußen dahin, perfekt passend zu der Erdkrümmung, und zwar allesamt gute Sätze, brauchbare Sätze zumal und robuste Sätze dazu, so dass sie sich sagen müssen, während sie auf dem Rücken im Bett liegen und darüber nachsinnen, ob sie sich wohl endlich wieder die Mühe machen sollten oder gar machen müssten loszuschreiben, dass sie sich somit die Zeit nehmen sollten aufzuschreiben, was in ihnen eigentlich ständig abgeht, tagelang, nächtelang, und dass sie sich dieser Aufgabe zu stellen hätten, die sie somit wieder einmal gegen besseres Wissen, gegen alle üblen Erkenntnisse und wüsten Erfahrungen und gegen jegliche Notwendigkeit unfreiwillig angefangen haben.

Es gibt keinen einzigen Grund, dies zu tun oder nicht zu tun, aber es gibt auch keinen Anlass, diesen Drang zu unterdrücken oder sich ihm zu ergeben, sich ihm auszuliefern und ihn auszuleben, denn es ist mit dem Schreiben wie mit dem Brunzen: Der Drang ist da, die Pisse läuft, allerdings im Alter nur noch in stark reduzierter Form, denn die Blase leert sich nie mehr vollständig, vor allem nicht im Sitzen, aber auch nicht im Stehen, denn sie fühlen seit langem nichts Konkretes mehr unterhalb ihrer äquatorialen Gürtelzone und somit an den gefühllos gewordenen Schwanzspitzen, müssen sie eingestehen; sie können also nicht sagen, so wie früher, ob etwas noch nicht läuft, ob etwas schon läuft, ob etwas immer noch läuft, oder ob etwas schon wieder nicht mehr läuft. Wenn sie es unbedingt wissen wollen, müssen sie die Brillen aufsetzen, sich mühsam hinunterbücken und genau hinschauen, und sie müssen zudem ihre Kümmerlinge scharf im Auge behalten und abwarten, was sie sonst noch von sich geben, oder ob sie überhaupt noch etwas von sich geben, ein letzter Piepser vielleicht, ein letzter Seufzer oder ein letztes Stöhnen, ein letztes Aufbäumen, Auflehnen oder Ablehnen, was immer es sein mag, oder ob sie dazu überhaupt noch etwas zu sagen haben, die dreckigen Lümmel, die beschissenen Wurmfortsätze, die lahmen Lurche, die toten Hechte, kurz gesagt, die Pfeifen.

Sie machen aus dieser Voraussetzung, was dort unten überhaupt noch möglich ist mit viel Schütteln und Pressen, allerdings kein Theater mehr, und sie möchten sich nicht mehr sagen lassen müssen, sie hätten etwas verpasst, sie hätten etwas Wichtiges vergessen, sie kümmerten sich zu wenig darum oder hätten gar etwas in sich unterdrückt – was auch immer. Behüte! Dieser falsche und völlig unzutreffende Vorwurf wäre ihnen zudem sehr unangenehm, und er wäre auch völlig unangebracht, ehrlich gesagt, zumal er zunächst und vor allem ausdrücklich fehl am Platze wäre. Sie wissen das seit langem, denn sie sind nun mal Schreibprofis, und sie kennen ihre unterschiedlichen Schreiblaunen längst haargenau und porentief klar und reineweg wie unsichtbar. Dazu und darüber brauchen sie sich nichts mehr vorzumachen, vorzujammern oder vorzuheulen wie in ihren Anfängen, und sie brauchen sich auch nicht mehr von dritter, immerzu völlig unberufener oder gar unbefugter Seite diesbezüglich beeindrucken zu lassen oder belehren zu lassen, zum Beispiel von ärztlicher Seite – dies schon gar nicht.

Diese üblen und ätzenden Anfängerzeiten sind zum Glück definitiv vorbei, denn die beiden lassen sich längst nicht mehr dreinreden, von welcher Seite auch immer, ebenso wenig, wie sie sich überhaupt noch etwas sagen lassen würden, weil sie mittlerweile genau wissen, dass ihnen niemand mehr dreinreden darf und dreinreden kann oder dreinreden soll – auch kein Hausarzt und auch keine besten Freunde, denn beste Freunde haben sie längst nicht mehr. Entweder sind sie bereits gestorben, oder sie haben sich mit ihnen irgendwann mal verkracht. Es gibt einfach niemanden mehr, der dazu geeignet oder gar befugt wäre, außer sie selber, versteht sich.

Nun ist es aber so, dass aus blankem Überlegen allein noch kein brauchbarer Text entstehen kann, denn jeder Text entsteht überhaupt erst mal auf dem Papier, bzw. auf dem Bildschirm, und nirgendwo sonst, erstaunlicherweise auch nicht im Kopf, und zwar in oft mühsamer Form – und nur dort und nirgendwo sonst, zumal sie genau wissen, dass vor allem die schriftliche Form rein inhaltlich eine geistig und formal sehr reduzierte sprachliche Kunstform ist, ein reines Abstraktum, ein dürres Skelett, ein dürftiges Baugerüst, formal zwar mehr oder weniger korrekt, aber eben insgesamt gesehen doch nur ein skizzenhafter Entwurf, meist nur flüchtig hingeschrieben und gespickt mit vielen Lücken und Löchern und fadenscheinigen Stellen, und sonst nichts, eine dürre, abstrakte, blutleere Konstruktion einfach, ein entlaufener, verwirrter, verirrter und deutlich unterernährter Faun, ein unadressiertes Konvolut voller überflüssiger Schnipsel, ein durchaus gut gemeinter, doch eben wiederum nur abstrakter Versuch, einer sehr unbestimmten, aber harten Wirklichkeit annähernd Herr zu werden, mehr gewiss nicht, also nichts Konkretes, nichts wirklich Definitives, nichts Vereinzeltes oder Verbandeltes, nichts Detailliertes, nichts Ausgereiftes und vor allem auch nichts wirklich Endgültiges, wie man immer zu meinen geneigt ist. Vergessen Sie das!

Aber auch das Nachdenken allein und an und für sich wird meist völlig überschätzt, denn nachdenken kann jeder Bodenwichser, und jeder Springinsfeld denkt immer genau so viel nach, wie er überhaupt nachdenken kann, wenn er überhaupt nachdenken kann, der Naseweis, das steht längst fest. Nirgendwo wird übrigens so viel nachgedacht wie im Knast, und diese Erkenntnis sagt über das Wesen und die Qualität des Nachdenkens nahezu alles aus. Verstehen Sie? Vergessen wir das also, und zwar schnell, denn nachdenken führt zu nichts, und wer dabei auch noch im Knast sitzt, bleibt dazu eh im Knast sitzen, das steht fest. Am Nachdenken kann es also nicht liegen; da muss schon mehr her, nämlich tätige Beihilfe, sofern das Beiprogramm überhaupt weiterhilft, und zwar auf irgendeine Weise, egal auf welche, oder zumindest auf jede denkbare Weise, sagen wir mal. Sie entscheidet über Sein oder Nichtsein, und das hat es in sich, denn es geht auch hier immer gleich um Leben oder Tod, um Schnuder oder Choder, um Geld oder Blut, um Wurstfinger oder Pianistenhände.

Da kann man jahrelang manisch Fussel aufklauben oder abwischen, wegsaugen oder einatmen, und trotzdem entstehen überall immer wieder neue Staubfussel ohne Zahl; man weiß nie, woher die überhaupt alle kommen, denn nichts im Raum besteht grundsätzlich aus Fusseln; der Rohstoff für eine nachhaltige Fusselbildung fehlt völlig, und nichts deutet darauf hin, dass bald einmal der ganze Raum von einer gleichartigen, gleichmäßigen, meist gleichbleibend mausgrauen Staubschicht bedeckt sein wird, überall schön gleichmäßig verteilt, sanft und unaufhaltsam, still und leise, stetig und lautlos, und in allen Ecken und Enden werden sich zudem diese unübersehbaren Staubfussel bilden, von denen hier ständig die Rede ist, getrieben von den leisesten Luftströmungen im Raum, von Strömungen, die man gar nicht wahrnehmen kann.

Die Fussel kommen aus dem Nichts, sind einfach irgendwann mal da, kleben an Kleidern und Finken, an Spatzen und Mirabellen, an Mardern und Spitzmäusen und lassen sich nicht einfach wieder vertreiben oder wegwünschen. Der informierte Infirmist muss sie gewissermaßen einzeln behandeln, muss sie mühsam gebückt aufheben und persönlich zur Abfalltonne tragen, denn sie sind leider unübersehbar, obwohl nichts darauf hindeutet, dass ihnen ihre unnütze Existenz überhaupt etwas bedeutet, denn nichts verleiht ihnen jemals die Wichtigkeit, die sie für sich gar nicht beanspruchen und die sie niemals einnehmen und ausfüllen, und es stellt sich unausweichlich die brennende Frage, ob es nicht doch einen Fusselteufel gebe, der irgendwo lauert und laufend Fussel produziert, unsichtbar in einer entfernten Zimmerecke kauernd vielleicht, ohne jegliches menschliche Dazutun, um sie dann heimtückisch, aber gleichmäßig in alle Räume zu verteilen, nur um die Bewohnerschaft zu ärgern und um ihr unerwünschte Arbeit in Form von lärmigem Staubsaugen aufzuerlegen.

So muss dieser Mechanismus endlich funktionieren, zum Leidwesen all seiner Bewohner, die es nicht mögen, im Staub zu leben, und zwar im Wohnungsstaub, im Hausstaub, wie man sagt, in einer ständigen Staubschicht, die zunächst gar nicht erkennbar ist und die sich kaum nachhaltig entfernen lässt, weil sie immer wieder da ist, weil sie einfach immer da ist und vor entsetzten Augen unaufhaltsam und absolut gleichmäßig niederkommt. Das gemeine Leben, so müssen die tranigen Inkubisten somit annehmen, produziert vor allem Staub, und sonst nichts, und zwar unablässig und überall, und wenn man dies bedenkt, erhält das Leben sofort einen ganz anderen Sinn, einen Sinn mit einem deutlichen Geschmack von unausgelebtem Widerwillen und permanent unerwiderter Abscheu, und sogar ständig begleitet von einem Gefühl von deutlich nachfühlbarer Verachtung, von eindeutiger Geringschätzung und von breit ausgewalzter Kotzigkeit, denn Staub ist nicht nur nicht beachtenswert; Staub ist absolut wertlos und vor allem gänzlich überflüssig, wie nichts anderes sonst. Aber Staub gewinnt immer, gewinnt auf allen Ebenen und in allen Ausrichtungen. Staub ist und bleibt überall der Sieger.

Staubbefall ist somit keine gute Wohnidee, ist keine Bereicherung des Wohlfühlvermögens, um es mal direkt und so brutal wie möglich auszudrücken, und es gibt nur wenige Dinge, die diese Eigenschaft mit dem Staub teilen, wenn mal von widerwärtigen Personen abgesehen wird, die der willige Internist bestimmt nicht mag und die er nimmer sehen möchte. Die Inkubisten und die Infanteristen sprechen in diesem Falle von Virencocktails, aber auch von Totalrevisionen, von Foren, Waren, Beeren, Suren, Mixturen, Bohnensuppen, von kirchlichen Gesängen und von abgegriffenen Klarsichtfolien, von deutlich minderwertigen Seren für völlig überflüssige Impfungen, von Verunglimpfungen und Beschimpfungen und von entbehrlichen Schafschuren von bereits geschorenen Schafen aus Wattenwil, Swaziland, oder Seftigen, Sveden.

Damit ist gewiss nicht alles vollständig aufgezählt, doch man kann sich endlich ein Bild von all den Verheerungen machen, die allein diese bescheidenen Anmerkungen aufwerfen werden. Immerhin bleibt anzumerken, dass sie es hierbei und heute mit einem außergewöhnlich schönen, hellen Morgen zu tun haben, obwohl erst Freitag ist. Als die Sonne schon früh am Morgen am Horizont stand, blendete sie nicht einmal sonderlich; sie ging einfach in aller Klarheit majestätisch auf wie eine frisch aufgeschnittene Orange, und nichts und niemand hätte sie jemals daran hindern können, wie wir alle wissen und wie die Infernalisten immer wieder hämisch und anämisch betonen. Eine glutorange Scheibe, die die ganze Landschaft in ein mildes, warmes Morgenlicht taucht wie weiland die orange Sonnenstoren im bernischen Kinderspital die weiten Krankensäle, die ein warmes, wohltuend gedämpftes Licht verbreiteten, das alles hospitalische Geschehen nachhaltig überströmte und fast gänzlich überflutete, selbst die flanellenen Bettdecken und die blütenweißen Uniformen der äußerst aufmerksamen und naturfreundlichen Krankenschwestern und naturgütigen Krankenpflegerinnen. Die stille Bettenlandschaft lag sanft in dieses hereinquellende, warme Licht der aufgehenden Sonne eingebettet, und obwohl sie völlig flach war, besagte kleinkindliche, säuglingshafte Seelenlandschaft, lag sie in einem ebenso flachen Sonnenstand perfekt eingerundet da, mit leicht aufwärts gerichteten Rändern wie in den Beschreibungen von Ludwig Hohl, und war trotzdem bereits deutlich in sich gefestigt.

Es war ganz eindeutig die Zeit, die sich hiermit persönlich zeigte, denn die Zeit ist grundsätzlich rund, und ihre steifen Ränder sind nicht nur unangebracht aufgerichtet, also erigiert; sie sind auch noch ebenso ausgefranst wie bei einem alten, eingetrockneten Bodenlappen, den man irgendwo vergessen hat. Zudem riecht sie etwas komisch, die Zeit, um ehrlich zu sein, zwar nicht unangenehm, doch sie riecht leicht und absolut unverwechselbar, wenn man gut hinriecht. Man erfühlt mit der Nase die feinen Verfilzungen und die fein ziselierten Strukturen, die sie laufend produziert, so genannte Lichtverfilzungen aus lauter milden Pastelltönen und deren dezenten Abweichungen und Ergänzungen, und sie kann zudem überraschenderweise jede gewünschte oder unerwünschte Form annehmen, wenn sie will und muss.

Wenn der geneigte Observant genau hinhört, stellt er zudem überrascht fest, dass sie dazu auch noch ganz leise, betörende Musik abspielt; es sind vorwiegend die feinen Klangfarben, wie sie kurz aus den Autoradios vorbeifahrender Automobile fließen, besonders wenn die französische Neoklassik angesagt ist, seine Lieblingsmusik. Oder wie soll man das anders nennen und erklären? Auch die Musik der Zwanziger- und Dreißigerjahre ist heute längst klassisch geworden, nur sagt man ihr anders, impressionistisch vielleicht, oder kubistisch, expressionistisch oder gar abstrakt, auch wenn sie ausnehmend modern klingt, und besonders in Paris standen die mittellosen Komponisten damals auf dem Montmartre Schlange, um einen verspäteten Anschluss an die bereits vergangene Zeit und damit an die frühe Moderne zu erhaschen, die es zunächst noch nicht einmal in die Salons geschafft hatte. Wer hätte also damals nicht auf dem Montmartre sein wollen, bei all den Verrückten, Verdrängten und Verschrobenen? Bei all den Vergessenen, Verhungernden und Abgesoffenen?

Man kann daraus nur eine Lehre ziehen: Wer es in eine Talkshow am Fernsehen, zu einem Artikel in einer bedeutenden oder unbedeutenden Zeitung, zu einem Radiointerview in einem abgelegenen Regionalsender oder sonst an ein öffentliches Mikrofon geschafft hat, ist für die Kunst fürderhin unwiederbringlich verloren und restlos gestorben, und zwar für immer, weil sich das nicht reimt, weil sich das auf der Rechnung nicht ergibt, weil das nimmer aufgeht, weil sich das nicht ziemt, weil das nicht passt, weil das niemals zusammengehen kann, weil sich danach die eigene Authentizität heillos angeekelt abwendet und weil der Mensch danach nie mehr derselbe sein wird, der er vorher vielleicht mal hätte gewesen sein können, falls er viel Glück gehabt hätte im Leben, geschehe, was wolle, selbst dann, wenn er längst zum Drogenopfer geworden wäre, wie so viele andere gescheiterte Existenzen auch. Er wäre zum Gewählten geworden, zum Auserwählten gar, und das ist eindeutig das Schlimmste, was einem Erhörten, wie auch einem Unerhörten zustoßen kann. Es ist nämlich wie bei den Pippilotikern: Wenn sie erst einmal gewählt sind, diese unerträglichen, nimmersatten Taugenichtse, diese übelriechenden Selbstdarsteller, diese wandelnden Meineide auf zwei Beinen, diese Großmäuler ohne jegliche Bedenken, diese aufsäßigen Aufsaßen, diese ablandenden Absaßen und versandeten Hintersaßen, werden sie nie mehr das sein, was sie einmal vielleicht für kurze Zeit hätten gewesen sein können, wenn sie jemals aufgepasst hätten, und nicht so mittelmäßig und mitläuferisch, so devot, devastatorisch und mitochondrisch geblieben wären.

Man kann es auch so sehen: Sie werden fortan in ihren grauen, dunkelblauen und schwarzen Anzügen als irgendwelche Repräsentanten mit einem eingefrorenen Dauerlächeln nur noch bekackt herumstehen, exakt wie steifgefrorene Schaufensterpuppen, und sie werden in ihren grauen, dunkelblauen, silbernen oder schwarzen Luxusschlitten sinnlos herumgefahren werden, oder aber, ganz im Gegenteil und noch viel schlimmer, wie schreiend bunte, angebrochene Popcornschachteln ohne bleibenden Wert herumtigern oder herumliegen und allen Weicheiern und Warmduschern die Warnleuchten schütteln, wozu auch immer, und sie werden vor allem nie mehr darauf zurückkommen können, worum es eigentlich geht im Leben und allenfalls auch in der Pippilotik, wenn überhaupt, falls sie wider Erwarten jemals an diesem Punkt angelangt sein sollten. Sie werden fortan von nichts mehr eine Ahnung haben, nie mehr, denn sie müssen denken, was man ihnen vorschreibt, und sie müssen handeln, wie man es von ihnen erwartet und verlangt – mehr ist da nicht. Nicht mehr. Nie mehr. Mehr ist da nie.

Darum gilt als erste und eiserne Grundregel und als generelle, unumstößliche Verhaltensregel überhaupt, und zwar für ausnahmslos alle Künstler, wo immer sie sich befinden mögen: Meidet die Masse und meidet im selben Maße die Massenmedien, meidet aber auch und insbesondere die Pippilotik und die Pippilotiker, meidet unbedingt alles, was euch von eurer Aufgabe unerwartet ablenken könnte, was euch ungefragt umschlingen und unausweichlich, doch unnötigerweise verschlingen möchte, was euch unvermittelt einnehmen könnte, was euch unaufhaltsam aufsaugen, was euch abschlecken und einsacken würde, was euch ganz einfach herunterkaufen könnte und absakken lassen dürfte, und zwar bis auf null, was euch kaltblütig an Ganoven ihresgleichen verschachern könnte wie einen bekackten Fußballspieler von einem Fußballklub zum andern, was aus euch ein lukratives Geschäft oder eine wohlfeile Propaganda machen möchte und was aus euch unausweichlich einen weiteren, nutzlosen Kulturtrottel machen könnte und zweifellos machen würde, und zwar mit Leichtigkeit wie nichts auf der Welt, zusammen mit der Glotze, würde können täte, machen wollen würde, sofern es die unüberwindbare Käuflichkeit überhaupt erlaubte, denn nicht ihr entscheidet über eure Käuflichkeit, sondern nur der Käufer selber. Meidet also diese Leute, insbesondere die Journalisten und ihre beschissenen Fotografen; sie sind es generell einfach nicht wert, zur Kenntnis genommen zu werden, und zwar im selben Maße wie die Massenmedien ganz generell mit all ihren Kritikastern und Bürokratikern, mit all ihren Edelbesprechern und Edelfürsprechern, andernfalls werdet ihr es für immer bereuen und für ewig bedauern müssen, denn ihr werdet nie mehr zu eurer angeborenen Unschuld, zu eurer unangetasteten Unerfahrenheit, zu eurer existenziellen Unverwundbarkeit und zu eurer wahrhaft unauthentischen Unersetzbarkeit zurückfinden können, denn ihr werdet sehr schnell bis auf Null heruntergekauft sein und auch heruntergekauft bleiben.

Ihr werdet euch zwar bestenfalls angemessen missbraucht und misshandelt fühlen, klar, und dies völlig zu Recht, aber ihr werdet schon bald abgehalftert und ausgemustert dastehen, nur weil man euch in Blitzesschnelle maschinell und industriell zu Staub und Dreck verarbeitet haben wird, denn ihr werdet danach sehr schnell nur noch wertloser Staub und Dreck sein, merkt euch das! Ihr werdet euch bestenfalls zu einem verdammten Fussel in einer Zimmerecke verwandeln, mehr gewiss nicht!

Und jetzt wissen wir auch, woher all die Fussel kommen: Das sind die verlorenen Seelen all der Dichter und Denker, all der Maler und Bildhauer, all der Musiker und Sänger, all der Schulschwänzer und Seiltänzer, all der Wanderschauspieler und Wanderclowns und auch, ja, zugegeben, all der ausrangierten Pippilotiker, die verzweifelt, doch vergeblich, weil absolut unhörbar, also fruchtlos, sinnlos, kraftlos und geistlos um Hilfe rufen und um Nachsicht betteln – als Strafe eine halbe Ewigkeit lang, ständig getrieben und gepeitscht von einer Horde Drogensüchtiger mit stacheligen Peitschen. Soweit der dringende Aufruf an alle Kunst- und Kulturschaffenden, denn eine öffentliche Kultur ist bereits eine tote Kultur. Merkt euch das, ihr Arschgeigen! Man meidet nämlich Totgeburten völlig zu Recht; man weicht ihnen aus, man verschweigt sie, und man gibt ihnen manchmal nicht einmal einen Namen, wohl eher aus Rache, denn aus Rücksicht, höchstens entstanden aus einer Beleidigung oder aus einer Enttäuschung heraus.

Man verweigert ihnen eine geeignete Identität, und das hat mit der Authentizität zu tun, die sie auf Geheiß höherer Mächte nimmerdar erreichen sollen und erreichen können dürfen, denn man weiß instinktiv, dass mit einer brutalen Öffentlichkeit automatisch auch eine brutale Gleichschaltung daherkommt, nämlich die überaus bösartige Gleichstellung, die enorm hinterlistige Gleichmachung und die absolut unausweichliche Gleichwerdung und somit unweigerlich auch die definitive Herabstufung der Unverwechselbarkeit und der Originalität bis auf null und nichts, die somit augenblicklich verloren und verlustig gehen müssen. Wie mit Schwerthieben wird der Mensch nämlich von einer gnadenlosen Öffentlichkeit in happige Fleischstücke zerlegt, wird bei lebendigem Leibe gevierteilt und in einer Kühlvitrine in der Migros ausgestellt oder gleich den Haien verfüttert. Allein deshalb muss man sich vorsehen, denn die Öffentlichkeit ist nämlich eine mächtige und gefährliche Bärenfalle; sie schnappt gnadenlos nach allem, was sich ihr nähert, sie verhackt und verknackt, vermanscht und verpanscht, vertreibt und verreibt, vermiest und verbiestert rundweg alles, und sie lässt die Beute danach einfach todwund liegen und allmählich verfaulen und verkommen. Das ist alles.

So läuft das, so ist Öffentlichkeit. Sie ist also nicht heilbringend, wie man immer noch meint, sie ist nicht heilsam, wie man immerzu sagt, sie ist wahrscheinlich nicht einmal gewinnbringend, und sie ist vor allem nicht wohltuend. Sie ist in Tat und Wahrheit richtig mörderisch und teuflisch, denn sie frisst laufend ihre kleinen Kinder, die sie im Übrigen immer und ausschließlich für sich alleine beansprucht. Sie missbraucht sie gnadenlos und behauptet nachträglich frech, sie habe damit gar nichts zu tun. So eine ist sie, die so genannte Öffentlichkeit, nämlich eine hinterhältige Lügnerin, eine überaus feindselige Ehebrecherin und eine richtig menschenfeindliche Schlampe voller Bösartigkeit.

Doch hier und heute liegen die Dinge ganz anders: Der Fall ist erledigt, das Publikum ist befriedigt nach Hause gegangen, und die leckeren Zimtsterne von Drohobytsch von Bruno Schulz sind längst verputzt.

Man kann also wiederum von einer erfolgreich erfolgten Ablage sprechen, zumal auch die Tagebücher expediert sind, so dass die neue Ausgangslage lupenrein und die ganze Präsentation wirklich einwandfrei dastehen. Die Posaunisten unter den Evangelisten spüren die Erleichterung, und die Trompetisten unter den Konformisten vergessen allmählich, wie hart die Zeiten vorher gewesen sind; es gibt sogar Leute, denen sie gerne wieder ohne besonderen Anlass ihre Bücher schicken würden, selbst dann, wenn sie wüssten, dass diese Leute sie nie lesen würden; zumindest ein möglichst vollständiges Bücherverzeichnis möchten sie ihnen zugeschickt haben mögen, wie es vielleicht schon bald wieder vorliegen wird. Die Rekordhalter haben alles getan, was in ihrer Macht und Möglichkeit gelegen hat; sie haben all die Möglichkeiten vollkommen ausgeschöpft und sind heute tatsächlich getragen von der Vorstellung, derer sie unbedingt bedürfen und die ihren gewöhnlichen Sitzschnitzern am deutlichsten im Schwitzkasten liegen.

Nur im Netz wollen sich die zwei Kontorsionisten nimmermehr aufhalten, und zwar mit der Begründung, dass sie bereits ein halbes Leben lang mit Idioten in ihrem ehemaligen Brillenladen zu tun gehabt haben und somit einer völlig übertriebenen Fortsetzung füglich nicht mehr bedürfen. Es sind ja in ihrem gegenwärtigen Leben nicht einmal mehr wirkliche Wutausbrüche und eindeutige Schmollrückstände vorhanden, noch wesentliche Schmauchspuren oder überflüssige und unnötige Tauchgänge, auch nicht verräterische Fingerabdrücke, und das ist in der Tat etwas ganz Einmaliges und sogar noch nie da Gewesenes, also etwas Neues, müssen sie gleich anfügen und ausdrücklich betonen. Sie fühlen sich zudem gestärkt in all ihren Vorstellungen, und sie möchten dieses Gefühl der Überlegenheit nie mehr missen müssen, ohne allerdings jegliche Überheblichkeit zuzulassen, auch nicht einen Hauch davon.

Das setzt indessen voraus, dass die beiden Wortakrobaten keinerlei Kontakte mehr pflegen werden, und seien es nur oberflächliche, beiläufige, unbedeutende oder unverbindliche, denn sie haben inzwischen gelernt, dass vor allem die dauerhaften Kontakte die eher problematischen sind, die schwierigen, die bedenklichen und zudem auch noch eindeutig die zweifelhaftesten, wie als Hohn oder Verhöhnung; das liegt in der Natur der Sache. Sie wollen sich keinesfalls jemals wieder in diese vertraulichen Abhängigkeiten begeben, oder in diese abhängigen Vertraulichkeiten, die man reichlich unzutreffend Freundschaften nennt; sie wollen sich nie mehr jemand Unbekanntem in die Arme werfen müssen, weil diese Verbindungen ganz einfach nichts hergeben und noch nie etwas hergegeben haben und somit, alles in allem, wenig überzeugen. So sind sie, diese beiden Akrobaten der Equilibristik und der Kontorsionistik, von denen hier aus unerfindlichen Gründen ständig die Rede geht.

Kein Tisch, kein Bürostuhl und keine Schreibmaschine soll jemals wieder dazwischentreten können, kein Kommentar, kein Ersatz, keine versteckte Fußnote und auch keine Neugier, denn eines ist ihnen mittlerweile klargeworden: Mit der Neugier ist’s endgültig vorbei, denn es gibt nun mal keine Überraschungen mehr, keine Auffälligkeiten, keine Vorzugsbehandlungen und keine Verwunderungen mehr, aber anderseits auch keine Betroffenheiten, keine Verwirrungen und keine Erschütterungen mehr. Das haben sie alles längst hinter sich gelassen, die beiden Ziegenpeter, mitsamt allen falschen Versprechungen, mit allen hohlen Lobhudeleien, mit allen fiesen Verhohnepiepelungen, mit allen schrecklichen Angriffen, zusammen mit allen eidesstattlichen Versicherungen, mit allen herzhaften Beteuerungen, mit allen gloriosen Verheißungen und auch mit allen stillen Totgeburten, um genau zu sein, denn ein jeder ist lediglich das flüchtige Produkt von schnödem Sekundensex, das ist alles, drei Bärensekunden nur, denn alle sind sie das Produkt von billigem Sekundenkleber, wenn man es genau nimmt, gerade die, die ganz selbstverständlich und völlig selbstvergessen voraussetzen, sie seien nun wirklich etwas Besonderes, etwas Außerordentliches, etwas Auserwähltes, etwas, das die Welt bisher noch nie gesehen hat, worauf die Welt aber schon lange gewartet habe und woran der Welt angeblich seit jeher gelegen sei und so weiter und so fort. Vergessen Sie das! Da ändern keine Hinwendung, keine Zuwendung, keine Aufwendung und keine Abwendung etwas daran, das können Sie gleich vergessen; die zwei Exorzisten können nur noch froh sein, dass sie es endlich hinter sich lassen wollen, wenn sie es überhaupt jemals haben hinter sich lassen können, wie gesagt und längst ausführlich erläutert. Und dies ist genau das, was ist, nämlich das, was dies ist, genau das, was auch die beiden Rotarier sich immer wieder vorgestellt haben, und das ist in der Tat etwas Vorhandenes, etwas Voraussehbares und etwas Getriebenes.

Aber das bringt einfach nichts mehr, haben sie festgestellt; sie haben sich nur noch brüsk umgedreht und sind schnell weggegangen, und zwar für immer. So ist der gemeine Induktionsstrom beschaffen, und daran ändert auch keine noch so präzise Erinnerung etwas, denn sie drehen sich nie mehr um und schauen nie mehr zurück, und sie wenden sich nimmermehr um. Sie zögern nicht einmal kurz; sie halten nie inne und schreiten geradeaus voran. Jegliches Zögern wäre ein Verrat an der eigenen Schandtat, jegliches Zaudern eine Preisgabe aller schweren Fehler, die die Schwerenöter angeblich gar nie begangen haben wollen, und jegliches Innehalten wäre zudem ein arger Verlust der eigenen Unzulänglichkeit und alles vergebliche Abwarten bloß eine Unschlüssigkeit mehr oder eine zusätzliche Unentschlossenheit, die noch hinzu kommt, also eine Sorge mehr, die sich zu allem Verderben auch noch zögernd hinzugesellt und sich in die lange Liste der Versäumnisse, der Verderbnisse und der Lückenhaftigkeit einreiht.

Somit bleiben die Nullen friedlich unter sich – und die Nichtsen ebenfalls, also genau das, was sie selber auch so haben wollen. Die Nieten bleiben die Nieten, die sie schon immer gewesen sind, und die vermeintlichen Sieger sind eigentlich immer die wahren Verlierer, nur merken sie es nicht oder nicht mehr, und zwar ihr ganzes, beschissenes Leben lang nicht mehr, besonders dann, wenn sie sich außerdem in völliger Verkennung der einzigen Tatsachen, der wahren Ursachen und der unausweichlichen Folgen und zudem in heilloser Verblendung auch noch als typische Winnertypen sehen möchten und so auch gesehen werden wollen. Das ist die übelste noch vorstellbare menschliche Verwirrung und Verirrung, aber das gibt es alles auch, und zwar in Massen; man kann es nämlich nie verbergen, wenn man innerlich, also geistig, moralisch, ethisch und sozial verkrüppelt ist.

Das hat schon John Lennon besungen, und wenn man innerlich verkrüppelt ist, also mental massiv reduziert ist, ohne aber als Invalider oder Behinderter aufzufallen, sondern eben als der Normalfall gilt, also als ganz gewöhnlicher Durchschnittsfall, dann bleibt man es für immer. Man wird gewissermaßen zum induktiven Sonderfall in aller Normalität, und man sieht es jedem sofort an. Man sieht es übrigens allen Leuten sofort an, meist sogar auf den ersten Blick, wie sie innerlich beschaffen sind oder beschaffen sein müssen. Da gibt es keinerlei Geheimnisse zu vertuschen, noch zu verwischen, noch zu verbergen; das könnte man sich gar nicht erst vormachen. Sowas kann man nämlich nicht einfach verhehlen, singt Lennon völlig zu Recht; man kann es auch nicht verbergen, wenn man innerlich verkrüppelt ist.

Dies wissen allerdings nur diejenigen, die davon nie betroffen sind, und das sind naturgemäß nur sehr wenige. Doch eine solche Einsicht ist nicht einmal fatal, denn das ist der wahre Charakter der Sache und der ewige Lauf der Dinge, wenn man so will. Der Normalfall ist immerzu der Normalfall an sich und wird als solcher zum Krankheitsfall, zum Pflegefall und bald einmal zum Todesfall; das muss man erst mal einsehen. Man darf kein Zauberer sein, um darauf zurückkommen zu können; man darf aber auch kein Zauderer sein, denn das Fortschreiten selber besteht ausschließlich aus fortschreiten – und aus nichts anderem sonst.

Für den wahren Magier ist außer Fortschreiten in knietiefem Chaos und in hüfthohem Unverstand nichts weiter vorhanden, denn das ist sein einziges und wahres und entsprechendes Umfeld. Entweder nimmt er die Chaoshaftigkeit als Ursächlichkeit der Bösartigkeit wahr, oder er lässt es sein, denn das Chaos ist auf jeden Fall da, sei es versteckt oder offen; es umgibt jedes dämliche Arschloch wie ein unsichtbarer Umhang aus dicken, schweren Bleiplatten. Man stellt bestenfalls bloß das Wichtige zum Unwichtigen, setzt es vielleicht sogar vor die Haustüre zum Sperrmüll oder zum Altmetall, und das Wenige, was übrigbleibt, wäre sinngemäß das einzig Wichtige, das einzig Richtige oder das einzig Wahre, allenfalls das einzig Mögliche und bestenfalls das einzig Brauchbare, also dasjenige, worauf die Spatzen alle sehnlichst warten mit ihren zarten Krallen, obschon es längst da ist und sie alle wie dicke Watte oder dichter Nebel umgibt, ohne dass sie es merken oder gar zur Kenntnis nähmen.

Aber selbst das ist nicht ganz so und auch nicht ganz so einfach zu erkennen, zumindest hier nicht, muss der Eklektiker ernüchtert annehmen, und er bietet dem Elektriker unter den Eklektikern großzügig eine Zigarette an, denn auf die Frage, was wirklich wichtig sei, fällt die Antwort gewiss nicht schwer: Jeder weiß sofort, was wichtig ist, und was nicht; er braucht es dazu nicht einmal erst zu formulieren oder zumindest sonderlich deutlich zu fühlen, zu sehen oder gar zu wissen, denn dies ist keine Gefühlssache, sondern eine ausdruckslose Gewissheit ohne jede Körperhaftigkeit. Außer der monatlichen Kontoabrechnung gibt es nämlich weltweit überhaupt nichts, was jemals von Belang und Bedeutung wäre, denn alles andere ist Kitsch und billiges Beiwerk und Schund und Tand und Schrott, allenfalls Geschichte, sei es nun Gefühlskitsch, Gedankenkitsch, schnöder Beifang oder allfällige Beilage, und man kann sich die Pampe ruhig ans Bein streichen, sagt der Lateiner unter den Nilbarschen, denn er weiß, wovon er spricht. Nil sit amet.

Lateinunterricht als solcher ist niemals vergebens, ebenso wenig wie der Altgriechischunterricht. Τίποτα δεν έχει σημασία. Durch ihn müsse man sich angeblich erst hindurchquälen, hört man. So ein Blödsinn! Das ist überhaupt nicht so, und das stimmt gar nicht erst; auch der ahnungslose Anfänger zieht seinen deutlichen Nutzen daraus, denn man bewegt sich darin wie in einer wahrlich wundersamen Welt der grenzenlosen Erweiterung, der umfassenden Erneuerung und der einschließlichen Erfassung einer erhellenden Geistigkeit der Sonderklasse. Hellenisch halt. Man hat zudem lange Zeit keine Ahnung, was man da alles lernt, und zwar gleich fürs ganze Leben, nota bene, und niemand steht herum und sagt es auch noch auf Deutsch, auf Englisch oder auf Französisch, noch auf Italienisch; das ist ganz einfach unbestritten die kulturelle Erste Klasse, das ist die klassische Oberschicht der Gedankenwelt, und man kann sogar die Namen aller Medikamente auf den Schachteln verstehen, die auf Lateinisch oder Griechisch ganz banal und prosaisch klingen wie Füdle-Mage-Haus, wie Ohre-Nase-Muu oder wie Piggr-Secku-Püntu und en vérité überhaupt nichts von einem Geheimnis an sich haben.

Das wahre Geheimnis aller Medikamente sind ihre maßlosen Profite, und diese bestehen ausschließlich darin, dass der banale Profanist, der wichtigtuerische Populist, der eingebildete Kranke und auch der unbedarfte Proletarist nichts von alledem verstehen können soll; er soll es einfach nicht wissen sollen und niemals verstehen können müssen, was er an Sauereien alles schlucken muss, wie also seine Leber auf Griechisch heisst (Συκώτι), noch was sein beschissenes Herz bedeutet (Καρδιά), noch was sein überforderter Magen ankündigt (Στομάχι) oder seine dreimal verfickte Niere (Νεφρός) ausdrücken will; er soll es ganz einfach nicht wissen können, und so soll es gefälligst bleiben, auch seiner eigenen Ansicht nach, und vielleicht ist das sogar klug so, wer weiß das schon?

Selbst dann, wenn er zufälligerweise tatsächlich etwas Griechisch sprechen sollte, ist es trotzdem auf jeden Fall gut so, denn das Nichtwissen und Nichtverstehen schützen nachgewiesenermaßen vor rundweg allen denkbaren Krankheiten. Eines schönen Tages werden nämlich alle Altgriechischwörterbücher dieser Welt vom griechischen Himmel heruntersteigen und allen Schlaumeiern die nötigen Erklärungen abgeben, und alle Lateinwörterbücher werden auf Knien aus der Hölle gekrochen kommen und endlich die nötigen Voraussetzungen zu einem angemessen brauchbaren Verständnis der Welt schaffen und auch liefern. Versprochen! Und erst dann ist medizinisch ausgezaubert, meine Damen und Herren. Die Quacksalber in ihren hoffnungslos überfüllten Praxen werden als Gauner entlarvt werden, und die Tingeltangelmediziner werden kurzum entmündigt werden.

Die ehrlichen und aufrechten Mediziner aber werden sich in ihrer ultimativen Verzweiflung in Pamplona scharenweise vor die wilden und unberechenbaren Stiere werfen, die durch die Straßenschluchten marodieren, die Doctores werden sich überhastet vor die Schnellzüge werfen, die Kardiologen, die Hepatologen und die Biologen von den Klippen springen, und die praktisch veranlagten Hausärzte werden sich, zusammen mit den Onkologen und den Dermatologen auf die Brieftaschen der ahnungslosen Opfer, der Passanten und der Patienten stürzen und mit spitzen Fingern die Kreditkarten heraussuchen und herausklauben. Konten werden radikal geplündert werden; ganze Familien werden sich erschrocken dem Elend anheimgestellt wiederfinden, und selbst die Zahnärzte werden nicht einfach aufgeben; sie werden sich ängstlich hinter Bergen von Formularen und Abgründen von Ordnern verbergen und bis an ihr Lebensende fiktive Rechnungen an fiktive Patienten ausstellen; sie werden ihre unerfahrenen Praxishilfen barsch abkanzeln und brüsk zurechtweisen und die nüchternen Umschläge akkurat frankiert an alle Nasenbohrer versenden, die sich in ihren Akten noch finden lassen, ohne jemals mit der Wimper zu zucken, um gleich anschließend nie mehr eine Praxis jedwelcher Art zu betreten, sondern um sich ein sauteures Rennrad zu kaufen, samt allem farblich modischen Zubehör und angesagtem Schnickschnack, und nur noch zielgerichtet um die drei hässlichen Seen herumrasen, sich die Seele aus dem Leib kotzen und, die Rennsonnenbrille unter den Rennhelm geklemmt, die Rennsocken korrekt hochgezogen, in ekstatischer Erschöpfung ergehen, denn immer, wenn die beiden Buschbürolisten denken, sie seien jetzt endlich am Ende angekommen, stellen sie überrascht fest, dass sie erst am Anfang der Steppenantilopenzählung stehen.

Doch davon ist hier nicht die Rede, denn stark verhangene und äußerlich gesehen langweilige, graue Tage verleiten eindeutig zum Schreiben, das ist bekannt, denn das ist einfach so; das kann man nicht ändern. Das Schreiben ist zudem und zusätzlich eine weitere, extrem belebende Form von atmen. Eine schriftliche Tiefenatmung erleichtert einem jeden Extremisten den lebenswichtigen Sauerstoffzufluss, denn die Atmung an sich ist ja bereits eine wichtige Form von Leben. Einige andere Faktoren kommen noch hinzu: Der Herzschlag, die Pulsfrequenz, der Fahrstil, die Kreditkartennutzung und das Nussbedürfnis. Der Verzehr von Nüssen bewirkt nämlich schnell mal eine Nussinterdependenz; Nüsse benötigen Nussessermassen, um als Nüsse überhaupt Geltung zu erlangen, aber auch die Nüsse selber bedürfen der Nüsse und – was weniger bekannt sein dürfte – auch die Nussknacker bedürfen der Nüsse und der Nussessermassen, und zwar als Nussknacker, um als Nussknacker gelten zu können.

Man ist doch Tag und Nacht daran und dabei und ist somit als Literat ausschließlich mit Literatur beschäftigt, mit seiner eigenen Literatur, nota bene, wenn man nicht eben in der Kneipe sitzt und der hässlichen Serviertochter lüstern nachstarrt, wie seinerzeit Herr Walser, der sie allein mit den Augen gevögelt hat, wie er beschreibt. Man verschickt doch ständig unzählige Bettelbriefe, alle einzeln und persönlich und von Hand geschrieben, ohne aber jemals eine Antwort zu erhalten? Liegt nicht darin die Unsachgemäßheit aller Literatur? Man zerbricht sich andauernd den Kopf über komische Geschichten, direkt aus dem Leben gegriffen und wie von Karl Valentin oder wie von Italo Svevo erfunden, dem italienischen Schwaben, Geschichten, die noch gar nie geschrieben worden sind, und man wiegelt andauernd ab, ob sie sich literarisch überhaupt eignen würden und ob man einen Käufer dafür finden könnte oder nicht. Wo liegt also der verdammte Denkfehler? Doch wohl nicht bei Robert Walser selber? Doch wohl eher bei der Kleinheit der Geister, also bei der Unterdurchschnittlichkeit des faden, bedeutungslosen und öden Landesgeistes selber, der nichts von Literatur hält, der nichts als ein debiles Gebilde von lauter debilen Elementen darstellt, bestenfalls kopiert bei den Amerikanern oder bestenfalls ausgedacht von Debilen für Debile und anderen Idioten, genau wie der Sport? Ist es nur die Enge des Raumes? Ist es die Beschränktheit der Massen? Ist es deren angeborene Imbezillität bei aller Inzucht und bei allem inzestuösen Inzest? Oder ist es der inhärente Schwachsinn einer längst abgehobenen Führungsschicht, der es längst zu wohl geworden ist? Man kann sich wirklich andauernd den Kopf über diese Fragen zerbrechen, und man kommt doch nie auf einen grünen Zweig, denn der Debile an sich stellt sich diese Fragen eigentlich nicht.

Er stellt sie sich in der Tat nie, um ehrlich zu sein; er stellt sich überhaupt keine Fragen, kennt keinerlei Fragen zum Leben und zur Sache, ist einfach nur debil und sagt: «Je suis de Biel!» Das ist alles, und das reicht ihm in der Regel in aller Debilität und in aller natürlichen Genügsamkeit. Der Gesunde hütet sich instinktiv vor nahen und fernen Blutsverwandten, am meisten vor allzu nahen, und meistens schämt er sich auch noch für sie und grämt sich ihrer, und das wäre durchaus normal. Er denkt instinktiv, dass er doch noch gar nicht so tief gesunken sein könne wie all seine Bekannten und Verwandten und vor allem Blutsverwandten, dass er doch noch gar nicht so bekackt, noch gar nicht so behackt, noch gar nicht so beschissen und auch noch gar nicht so beschränkt und bescheuert sein könne wie sie, seine Anverwandten und Onkel und Tanten, so dass es eigentlich nur ein genealogisches Missverständnis sein müsste, dass er mit ihnen überhaupt verwandt sei, denn er denkt fortan über sie nur noch im Komplementär, allenfalls im Depressiv oder gar im Suizidiv, und wenn es hoch kommt im Nekrophilär.

Er denkt: Wäre ich wie sie, dann wäre ich ja ebenso dämlich wie sie, ebenso doof, ebenso bescheuert, ebenso beknackt und vor allem ebenso beschränkt wie sie? Ist es nicht so? Denken wir nicht alle automatisch so? Dann wäre nämlich plötzlich alles in Butter, dann wäre endlich alles gut, denn dann würde es schließlich auch für uns flutschen. Darum bewunderte Robert Walser seinen älteren Bruder Karl so sehr, weil er dachte, Karl sei als Künstler wirklich erfolgreich und überall bekannt, weltbekannt sogar, selbst in Deutschland, also im Dritten Reich draußen – und er, Robert, halt nicht. Sogar seine Schwester Fanny sei der bessere Mensch als er, fand er immer nach langem Nachdenken, obwohl sie nur eine Frau war, eine Käsebrötin für die Kinder der Angestellten in einer Klapse im Jura oben. Sie sei jedoch als Käsebrötin immerhin selbständig, sei Herrin über alle Arten von Belegten Broten, habe eine feste und vor allem festbezahlte Arbeit und helfe ihm immer wieder aus der Patsche, nur weil er ihr mittelloser, jüngerer Bruder ist – sonst wegen nichts, jedenfalls nicht wegen seiner Literatur, denn niemand nimmt seine Bücher zur Kenntnis.

Sonst würde sie ihn gar nicht erst kennen, denn sonst wäre er nur ein weiterer Penner in Biel, von denen es viele gibt. Deshalb seien Fanny und auch Karl viel bessere Menschen als er, Robert. Karl, mit dem er seinerzeit im Berlin zur Belustigung der literarischen Gesellschaft im Salon den Hosenlupf vorgeführt hat, sei allein deshalb der bessere Bruder, weil er erfolgreich sei; er sei nicht nur der bessere Künstler, er sei zudem verdienterweise und verdientermaßen und unbestritten auch der bessere Mensch, denn nur ein erfolgreicher Mensch sei ein guter Mensch, ganz eindeutig, denn ein erfolgloser Mensch könne gar nicht ein guter Mensch sein, aus dem einfachen Grund, da er gar kein richtiger Mensch sei. Karl sei in Deutschland erfolgreich, also im Ausland, und das sei eine richtig wichtige Auszeichnung für einen Künstler, der hier in Swaziland kaum Entwicklungsmöglichkeiten habe.

Das sei somit eine deutliche Ehrung und eine unmissverständliche Anerkennung, die ihm, Robert, indessen seit jeher versagt geblieben sei und auch fürderhin verwehrt bleiben werde, und die ihm somit leider völlig entgehe. Ihn ehre niemand und nichts; er vermisse also jegliche bürgerliche Ehrenhaftigkeit und Ehrbarkeit und folglich jegliche gesellschaftliche Anerkennung, doch auch Karl helfe ihm immer wieder aus der Patsche, muss er gestehen. Karl könne zwischendurch sogar nach Japan reisen, in dieses ferne, fremde und so fremdartige Land, nur wegen der schönen Grafiken der japanischen Künstler, die man in Paris teuer verkaufen könne.

Er aber, Röbi, werde nirgendwo hinreisen, höchstens zu Fuss auf den Gurnigel und wieder zurück, oder auf den steilen Niesen und wieder zurück, und nicht nur seine Schuhe sähen immer ganz danach aus, auch er selber sei gezeichnet von seinem sozialen Elend, ein Penner halt, doch er habe es nicht besser verdient; er habe nicht mehr verdient als das, was er hat, nicht mehr als dieses mickerige Poetenleben in dieser seiner immerzu eiskalten Holzkammer unter dem Dach für die untersten Schichten von Bediensteten, und schließlich und endlich werde er im herisauer Heim für alte, ausgemusterte Bekloppte nur noch die gebrauchten, völlig verknoteten Paketschnüre aufdröseln und für den Wiedergebrauch sortieren, und er werde zudem die zerlesenen Zeitungen bündeln dürfen, das sei alles, dafür sei er gerade noch zu gebrauchen, und sonst für nichts.

Aber die forsche Ausfahrt durch den frostigfrischen, dunkelgrauen Forst gestaltet sich forstig frisch, frisch forstig und frostig-forstig, und es befinden sich die immergleichen, herbstlich gekleideten Spaziergänger am Rande des schmalen Sträßchens, das von Bümpliz aus über Oberbottigen, Chäs und Brot und Matzen