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Er ist kein Gast wie jeder andere im Hotel »Zum Hirschen«, denn er verlangt absolute Diskretion und Geheimhaltung. Nicht einmal seinen wahren Namen will er nennen. Anna, die bildhübsche Nichte der Gastwirtsleute, ist von Anfang an seltsam fasziniert von dem geheimnisvollen Mann. Warum versteckt er sich vor der Welt? Woher kommt diese tiefe Trauer in seinen Augen? Und warum hört er immer wieder diese melancholischen Lieder, am häufigsten das »Ave Maria«? Anna ist entschlossen, dem einsamen Mann zu helfen - und ahnt nicht, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschwört ...
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Ave Maria
Leseprobe
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Impressum
Ave Maria
Wie eine Stimme ein Herz verzaubert und eine Liebe bedroht
Von Carola Martin
Er ist kein Gast wie jeder andere im Hotel »Zum Hirschen«, denn er verlangt absolute Diskretion und Geheimhaltung. Nicht einmal seinen wahren Namen will er nennen.
Anna, die bildhübsche Nichte der Gastwirtsleute, ist von Anfang an seltsam fasziniert von dem geheimnisvollen Mann. Warum versteckt er sich vor der Welt? Woher kommt diese tiefe Trauer in seinen Augen? Und warum hört er immer wieder diese melancholischen Lieder, am häufigsten das »Ave Maria«?
Anna ist entschlossen, dem einsamen Mann zu helfen – und ahnt nicht, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschwört ...
Es war spät am Abend. Sie befanden sich schon tief in den Bergen. Die Straße, über die sie fuhren, war an einigen Stellen recht holprig.
Doch dann wich der Bergwald zurück, und vor ihnen öffnete sich dunkel und geheimnisvoll ein Tal.
Für Anna war der Anblick einfach überwältigend. Gigantisch überragten die Berge das Tal. Der ewige Schnee glitzerte um die Wette mit den Sternen am schwarzen Firmament. Doch die Einsamkeit hier war für das Mädchen aus der Großstadt erschreckend. Schutz suchend schmiegte es sich an den Onkel.
»Was hast du denn, Annerl?«, fragte er und bemerkte die Angst auf ihrem blassen kleinen Gesicht. Rasch nahm er die Rechte vom Lenkrad und streichelte ihr die kalte Wange. »Du musst dich nicht fürchten, Annerl, gut wirst es bei uns haben, ganz bestimmt, wirst schon sehen«, tröstete er sie.
»Wird die Tante auch gewiss nichts dagegen haben, dass du mich mitbringst?«, wollte sie bang wissen.
»Ja, was denn, froh wird sie sein!«, erwiderte der Onkel unsicher. »Schau, immer haben wir uns Kinder gewünscht und leider Gottes keine bekommen. Ein Mädel hätt' ich so gern gehabt. Jetzt hab ich eines, noch dazu ein so bildsauberes wie mein Nichterl.«
Anna unterdrückte ihre Angst vor der ungewissen Zukunft. Der Onkel Edi, der Bruder ihres Vaters, war so gut zu ihr. Gewiss würde seine Frau sie freundlich aufnehmen, das hoffte sie.
Die Fünfzehnjährige hatte ein harter Schicksalsschlag getroffen. Vater und Mutter waren Opfer eines Busunglücks geworden. Beide waren Schauspieler, Kleindarsteller ohne festes Engagement gewesen. Ihrem einzigen Kind hatten sie Verständnis, Liebe und eine gute Schulbildung geschenkt, doch sie hatten die junge Anna mittellos zurückgelassen. Die Versicherung der Busgesellschaft hatte noch nicht gezahlt.
Edi Höllriegel war nach Wien gekommen und hatte den bescheidenen Haushalt aufgelöst. Nun war er mit der Nichte unterwegs nach St. Severin, seinem Heimatort in den Bergen.
Groß und kräftig war der Mann und um die vierzig, seinem derben Gesicht sah man die Gutmütigkeit an. Das blonde Haar wurde schon schütter. Mit einem bangen Gefühl dachte er jetzt an Lois, seine Frau, und fragte sich, wie sie es wohl aufnehmen würde, dass das arme Dirndl nun für immer bei ihnen leben sollte. Dabei müsste gerade sie für die Waise Verständnis und Mitleid haben.
Die Aloisia war das Kind von armen Häuslern. Dass der Edi Höllriegel sich für sie interessiert hatte, war ihre große Chance gewesen, die sie zu nutzen gewusst hatte: Aus der Kellnerin war die Wirtin vom Gasthof »Zum Hirschen« geworden. Dank ihrem Betreiben war aus dem Gasthof ein dreistöckiges Hotel emporgewachsen.
Wenn es nach dem bequemeren Edi gegangen wäre, hätten sie heute noch ihre Gastwirtschaft. Aber der Ehrgeiz hatte ihr keine Ruhe gelassen.
Edi lenkte den Wagen auf eine Seitenstraße. Sie stieg steil bergan und wand sich um eine Felsnase.
»Annerl, pass auf, gleich wirst du unser St. Severin sehen, deine neue Heimat!«
In der Talsenke lag wie ein Nest von funkelnden Lichtern der Ort. Links türmte sich der Hirschenkogel über dem Bergwald auf. Zur Rechten aber lag das Skigelände, die Wiesenhänge am Fuß vom König Laurin, die dem Ort zum Erfolg und zu Wohlstand verholfen hatten.
Die Bauerngehöfte gab es nicht mehr, auch nicht die Wirtschaften. Hotels und Vergnügungslokale hatten sie abgelöst. An ihnen vorbei schlängelte sich die enge Straße im Ort.
»Ja, Onkel, da geht's ja bald zu wie bei uns auf der Kärntner Straße!«, wunderte sich Anna. Auf den Gehsteigen drängten sich die Leute, aus den Lokalen lärmte Musik.
Edi schnitt eine Grimasse.
»Das ist noch gar nix, das sind nur Sommerfrischler und ein paar Narren, die droben auf den Bergen ihr Leben riskieren. Erst wenn wir Schnee haben, ist bei uns richtig was los!«
»Die Eltern haben mir erzählt, wie schön still und einsam es bei euch ist.«
»Ja, das war so, bevor unser Ort bekannt wurde. Einer hat's dem anderen nachgemacht und die harte Bauernarbeit gegen ein bequemeres Leben eingetauscht. Immer mehr Gäste hat's zu uns gezogen. Na ja, und das ist halt jetzt aus unserem braven Bauerndorf geworden.«
Hoffentlich verdienen die Städtischen auch weiter so viel Geld, dass sie zu uns kommen und damit herumwerfen, dachte er, wie schon so oft von bangen Ahnungen erfüllt.
»Hast du noch deinen Gasthof?«, fragte Anna.
»Ich wollt', es wär' noch alles beim Alten«, erwiderte Edi und seufzte tief.
***
Im »Hirschen« saß Aloisia, die Wirtin, in der Küche. Weiß gekachelt war der große, aber niedere Raum. Dort am Tisch addierte sie die Summe der am Tag herausgegebenen Essen und Getränke. Vor Anstrengung hatten sich die Querfalten auf ihrer Stirn noch vertieft, Rechnen war nicht ihre Stärke.
Mit einer nervösen Bewegung strich sie eine Strähne zurück, ihr Haar war im Nacken zu einem Knoten zusammengesteckt. Schon mischte sich frühes Grau in ihr dunkles Haar.
Die Küchendirn war bereits mit dem Abwasch fertig und huschte mit einem schüchternen »Gute Nacht« hinaus. Die Köchin Emerenz watschelte heran, sie war ein kugelrundes Weiblein mit roten Apfelbäckchen und einer schwarzen Zopfkrone.
»Geh, Lois, hör doch schon mit dem Rechnen auf, überlass das doch dem Edi! Kannst ja kaum mehr aus den Augen schauen«, mahnte sie gutmütig. Die Emerenz konnte sich diese Vertraulichkeit erlauben, sie war eine entfernte Verwandte der Wirtin.
»Ich muss noch aufbleiben.« Mit einem Blick auf die Küchenuhr fügte die Lois hinzu: »Gar so spät ist der Edi dran, es wird ihm doch unterwegs nix passiert sein?«
»Mach dir keine unnötigen Sorgen!« Die Köchin brachte zwei Häferln Kaffee zur Wirtin und setzte sich zu ihr. »Er bringt also seine Nichte mit?« Ihre kleinen dunklen Vogelaugen funkelten neugierig.
»Wenn's nach mir gegangen wär', hätt' er das nicht getan. Ich kenn' das Mädel doch gar nicht. Erholen soll sie sich vom Tod der Eltern, hat der Edi am Telefon gemeint.«
»Sie soll also nur während der Ferien dableiben?«, fragte die Emerenz gespannt.
»Ja, was hast du denn geglaubt? Dass sie ganz bei uns bleibt? Niemals! Was soll denn so ein Stadtmädel auf dem Land?«
»Du hättest schon eine Beschäftigung für sie«, erwiderte die alte Köchin nicht ohne Bosheit. Die Wirtin führte ein strenges Regiment, aus ihren Dienstboten presste sie das Letzte heraus. »Bist du denn gar nicht neugierig, wie es ausschaut, das Dirndl?«, forschte sie.
Die Wirtin zuckte die mageren Schultern.
»Ich weiß nur, dass ich ihretwegen heut' aufbleiben muss und dass ich so ein aufgeputztes Stadtdirndl auf dem Hals haben werd'. Aber das eine weiß ich, vor Schulanfang muss sie nach Wien zurück, wohin, das ist dem Edi seine Sache. Schließlich ist sie ja das Kind von seinem Bruder, ich hab die Verwandtschaft nie kennengelernt.«
»Wenn sie sauber aussieht, kannst du sie beim Bedienen aushelfen lassen«, schlug die Köchin vor.
»Ja, wenn's der Edi erlaubt.«
Die Emerenz grinste. Das Sagen hatte die Wirtin und nicht der Wirt. Aus Bequemlichkeit hielt er meist den Mund und ließ seine Frau gewähren.
Das Schiebefenster der Durchreiche zum Lokal war geschlossen. Müde hob Aloisia den Kopf und sah ihr Spiegelbild. Ihr schmaler Mund verzog sich verächtlich. Sie mochte sich nicht und fand sich selbst recht grauslich.
Das Hungerleben daheim war mit schuld, dass die Vierzigjährige schon frühzeitig Falten im hageren Gesicht hatte. Im Dorf hatten sie darüber getratscht, dass der fesche Edi Höllriegel sich seine unansehnliche Kellnerin zum Weib genommen hatte. Der Edi hatte es auch aus gutem Herzen getan, gedauert hatte sie ihn. Tüchtig war sie, eine Fleißige, treu würde sie ihm sein, die schaute kein anderer an.
Schweigend tranken die Frauen ihren Kaffee. Im Haus war es still, die letzten Gäste waren in ihre Zimmer gegangen oder zum Tanzen. Weniger als sonst war heute konsumiert worden.
»Ich darf nicht dran denken, dass bald die stille Zeit anfängt«, sagte Aloisia aus ihren unbequemen Gedanken heraus.
»Aber auch vor der Wintersaison hast du doch Stammgäste, ältere Herrschaften, die zu euch kommen, weil es im Herbst so schön hier ist«, tröstete die Köchin sie.
Plötzlich horchten beide Frauen auf.
»Das ist der Wagen vom Edi!« Lois erhob sich, hinter ihr watschelte die dicke kleine Gestalt der Emerenz in den Flur. Gegen sie wirkte die Wirtin im dunklen Dirndl strichdünn.
Anna war so benommen von der langen Fahrt, dass sie aus dem Wagen taumelte. Die Nachtluft war scharf und würzig. Sie tat einen tiefen Atemzug. Dann sah sie das Hotel vor sich.
Das Herz schlug dem Mädchen hoch im Hals. An der Hand, als wäre sie ein kleines Kind, führte der Edi die Nichte zu den beiden wartenden Frauen.
Aloisia gab es einen Stich ins Herz. Edis Nichte war ganz anders, als sie sich diese vorgestellt hatte. Ein schmales Kind im dunklen Trauerkleid näherte sich ihr schüchtern. Um ein weiches, blasses Gesicht fiel blondes Haar bis auf die Schultern. Im Laternenschein glänzte es golden.
»Ja, so was, ein liebes Engerl ist das ja!«, flüsterte hinter ihr die Emerenz.
Die Bemerkung vertiefte die Abneigung, die die unschöne Frau spontan gegen das liebliche Mädel erfasst hatte.
»Also, das ist mein Nichterl, die Anna!« Edi zwang sich zu einem munteren Ton, er erriet, was in seiner Frau vor sich ging. »Und das ist deine Tante Lois, ja, und das ist unsere Köchin, die Emerenz, eine Cousine ist sie von uns.«
Zögernd streckte Anna ihre Hand aus, eine kleine, zarte Hand. Unwillig ergriff Aloisia sie. Ihre Hand war hart und rau von der vielen Arbeit, denn bei allem fasste sie mit an.
Die Emerenz aber zog das Mädel an ihre Brust.
»Mach kein so ängstliches Gesicht!«, sagte sie warm. »Wir fressen dich schon nicht! Ja, bist du dünn, aufpäppeln werden wir dich, gell, Lois?«
»Ist schon gut«, erwiderte die Wirtin unfreundlich. »Komm halt ins Haus, Anna!«
Sie beobachtete, wie ihr Mann zwei Koffer und eine Tasche anschleppte.
»Was soll das viele Gepäck für die paar Wochen?«, fragte sie in ungnädigem Ton.
»Ich dachte ... der Onkel hat gemeint ...«, stotterte Anna.
»Lass schon, darüber reden wir später!«, beschwichtige der Wirt seine Frau. »Hast du ihr ein Zimmer herrichten lassen von der Sigi?« Das war das Stubenmädchen, das auch die Gäste bediente.
»Ja, die Kammer am Ende vom Gang.« Ihr Ton war herausfordernd. Von dem engen Gang kam man in die Wirtschaftsräume, zu der Hotelhalle verschloss ihn eine Tür.
»Was, in der Kammer soll sie schlafen? Ja, ist denn für meine Nichte kein Zimmer frei?«, polterte der Edi los.
»Sie ist kein Gast, und frei ist nix. Sie wird sich schon mit der Kammer begnügen müssen.«
Wortlos nahm er Annas Gepäck auf, wie protestierend stampften seine Füße über den Boden, sein Schritt hallte vom niederen Deckengewölbe wider. Einen Zorn hatte er auf die Lois, kein Herz hatte sie, nur eine Rechenmaschine war sie!
In der Kammer war die Luft muffig, die Emerenz stieß das kleine Fenster auf.
»Frisch überzogen hab ich das Bett, Edi«, sagte sie. Die alte Köchin hatte mit der Waise Erbarmen.
In dem kahlen Raum stand ein Bett und daneben ein Sessel. Für die Kleider gab es nur Haken. Mit ungewohnter Bestimmtheit wandte der Edi sich an seine Frau.
»Wenn sie schon hier liegen muss, dann gehört ein Schrank her und auch ein Tisch. Eine Schand' ist es, dass wir sie so unterbringen, Lois. Sobald ein Gästezimmer frei wird, kriegt es mein Nichterl, hast du mich verstanden?«
»Onkel, bitt schön, die Kammer ist mir grad recht«, sagte Anna flehend.
Sie wollte nicht, dass die Tante noch mehr gegen sie aufgebracht wurde, ihre feindselige Haltung hatte sie sofort gespürt.
»Danke, dass ich bei Ihnen bleiben darf«, wandte sie sich an die Aloisia, in der Hoffnung, sie zu besänftigen.
Diese hob die Brauen und sah Edi scharf an. Eine bissige Bemerkung verschluckte sie. Kurz wünschte sie Anna eine Gute Nacht.
Die Emerenz aber zog Anna in ihre dicken Arme und drückte sie an ihren Busen.
»Träum was Schönes!«, wünschte sie dem Mädel. »Was man in der ersten Nacht in einem fremden Haus träumt, geht gewiss in Erfüllung.«
***
»Du willst doch bestimmt noch was trinken!«, sagte die Aloisia zu ihrem Mann, und es klang wie ein Befehl.
Ergeben folgte Edi seiner Frau in die große Gaststube. Er schenkte sich ein Bier ein.
»Also, fang schon an, was hast du mir zu sagen, Lois?«, sagte er dann.
Ihre großen dunklen Augen, das einzig Schöne in ihrem Gesicht, funkelten ihn zornig an.
»Hab ich recht verstanden, du willst deine Nichte ganz dabehalten? Ja, hast du denn ganz den Verstand verloren? Was fangen wir mit einer Halbwüchsigen in unserem Betrieb an?«
Nachdem er sich mit einem langen Schluck Mut angetrunken hatte, antwortete er ihr.
»Ich bin ihr einziger Verwandter, ihr Vater war mein Bruder, also ist es meine Pflicht, sie bei mir aufzunehmen.«
»In unserem Haus«, sagte sie, das »unser« betonend, »ohne mich vorher zu fragen, ob's mir auch passt?«
»Unser Haus?«, wiederholte er. »Mein Haus ist es mitsamt den Schulden, die ich dir verdanke, Lois!«
»Ich bin jetzt die Wirtin hier, und wenn ich nicht wär›‹, dann wärst du immer noch ein armseliger Gastwirt!«
»Armselig? Ein solides Wirtshaus hab ich gehabt, aber aus unserem alten Gasthof hat ja ein neumodisches Hotel werden müssen!«