Der Sohn des Abtes - Michael Rusch - E-Book

Der Sohn des Abtes E-Book

Michael Rusch

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Beschreibung

Im Jahre 1596 macht im Hafen von Osaka im Schutze der Nacht ein portugiesisches Handelsschiff fest, dessen Besatzung aus Vampiren besteht. Diese beginnen, die Menschen zu überfallen und zu töten. Das Schlimme daran ist, dass ihre Opfer selbst zu blutgierigen, untoten Monstern mutieren. Es scheint, als sei das Schicksal der Menschen Japans besiegelt. Der Autor Michael Rusch erzählt in diesem Roman die Geschichte Ryus, eines traumatisierten Jungen, der bei einem Massaker seines Dorfes seine Eltern verliert und von Meister Nakamura, dem Abt eines buddhistischen Klosters, als Pflegesohn angenommen wird. Er hilft dem Kind, sein Trauma zu überwinden, indem er ihn mit Liebe und Geduld, aber auch durch ein hartes körperliches und mentales Training, zu einem Ninja ausbildet. Doch plötzlich verändert sich Ryus Leben auf dramatische Weise. Sein Kloster wird von Vampiren bedroht und sein bisheriges Leben zerstört. Der Shogun befiehlt die Ninjas nach Edo, die in einen Krieg gegen die Vampire ziehen. Wer von den Ninjas wird ihn überleben? In diesem Roman verbindet Rusch die historische Realität gekonnt mit einer Geschichte aus dem Genre Fantasy.

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Für Sabine und Wolfgang Ernst

Inhalt

Prolog

Teil 1 Der Daimyo von Koga

Das verwüstete Dorf

Das Kloster

Vorbereitungen

Angriff der Vampire

Seppuku

Ankunft in Koga

Teil 2 Die Rückkehr der Vampire

Die Ausbildung

Naomi

Die Vampire

Eine Welt bricht zusammen

Der Abschied

Die Fledermäuse

Menschen

Teil 3 Die Spezialeinheit

Ankunft in Edo

Die neue Taktik

Konflikte

Japan in Not

Das Dorf

Versprochen

Ankunft in Osaka

Hinter den feindlichen Linien

Vorbereitung auf die Schlacht

Die Schlacht

Ryu

Nachwort

Der Autor

Prolog

Im Sommer des Jahres Kaicho 1, das nach europäischer Zeitrechnung das Jahr 1596 darstellt, fuhr ein Segelschiff aus Portugal in den Hafen der Stadt Osaka ein. Das geschah in einer späten Abendstunde, als nur noch zweifelhafte Gestalten einige Bordelle und heruntergekommene Kneipen besuchten, um sich ihren ebenso zweifelhaften Vergnügungen hinzugeben. An der Pier sprangen einige Männer von Bord, um die Karavelle zu vertäuen. Sie war ein europäisches Handelsschiff, das sich, wenn es von anderen Schiffen angegriffen werden sollte, verteidigen konnte. Zu diesem Zweck war es mit Kanonen ausgerüstet worden. Es herrschte nahezu undurchdringbare Finsternis. Die Öllampen der Stadt, die vor mehreren Jahren in Abständen von ungefähr dreißig Metern an runden Holzpfeilern angebracht worden waren, vermochten die Straßen nicht wirklich zu erhellen. Unbemerkt schlichen weitere Männer von Bord des portugiesischen Schiffes. Im Schutze der pechschwarzen Nacht bewegten sie sich auf leisen Sohlen durch die Gassen, die vom Hafen ins Zentrum der Stadt führten. Sie hofften, dort auf Einheimische zu stoßen. Keiner der Männer wollte an Bord des Seglers zurückkehren. Deshalb würde das Schiff mehrere Wochen und Monate verwaist an seiner Pier liegen. Das wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand. Die Männer liefen bis zu einem Platz im Zentrum der Stadt, zu dem mehrere Straßen, Gassen und kleine Gässchen führten.

Einige Samurais verließen zur gleichen Zeit gemeinsam ein Bordell, das wahrscheinlich schon in den letzten einhundert Jahren an diesem Platz stand. Sie befanden sich in einer großartigen Stimmung, denn in den vergangenen Stunden hatten sie dem Sake reichlich zugesprochen. Außerdem hielten sie ihre Gedanken und Glücksgefühle mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln fest, die mit der Eroberung einer Dame aus dem Bordell verbunden waren. Sie bedauerten das Ende dieses Abends, aber sie wussten, dass diese Damen ihnen an einem der nächsten Abende erneut zur Verfügung stehen würden. Vor dem Bordell verabschiedeten sie sich voneinander und gingen ihres Weges durch die kühle finstere Nacht.

Das außergewöhnliche Erlebnis, das die Männer an diesem Abend im Freudenhaus geschenkt bekamen, verdankten sie einer besonderen Kunst der Körperbeherrschung, die diese Frauen perfektioniert hatten. Der Besuch der Oiran in einem solchen Haus blieb für die Samurais immer wieder etwas Besonderes und Einmaliges. Selbst dann, wenn sie diese Besuche schon mehrmals genossen hatten. Jedoch sorgte der Genuss des vielen Sake und der Vergnügungen mit den Oiran dafür, dass sie unaufmerksam für Gefahren wurden. Sie verschwanden in den engen Gassen, und hingen ihren Gedanken an das vergangene Erlebnis nach. Die Samurais bemerkten nicht, dass ihnen ein Besatzungsmitglied der europäischen Karavelle auf den Fersen war, obwohl sich ihr Verfolger nicht die Mühe machte, besonders leise zu sein.

An einem besonders dunklen Ort geschah etwas Unfassbares. Es erfolgte in solch einem atemberaubenden Tempo, dass die Samurais keine Chance auf eine Gegenwehr hatten. Von hinten wurde ihnen der Kopf in den Nacken gerissen. Ihre Peiniger beugten sich über sie und schlugen ihre Augenzähne in den Hals ihrer Opfer. Als sie ihnen das Blut aussaugten, starben die Samurais. Danach setzte eine Metamorphose ein und sie kehrten als untote Vampire zurück. Fortan mussten sie als Diener ihrer Mörder ihr Dasein fristen.

Seither wurde Japan von blutsaugenden, untoten Wesen der Nacht heimgesucht. Blutgierig töteten sie jeden Menschen, der sich ihnen in den Weg stellte. Das Schlimmste daran war, dass aus den Opfern Vampire wurden, die im ganzen Land ihr Unwesen trieben. Genauso wie diejenigen, die für ihren frühen Tod und für ihre Existenz als Vampire die Verantwortung trugen. Das Schicksal der Menschen schien besiegelt zu sein. Wer von den Blutsaugern verschont blieb, versuchte in seiner Verzweiflung alles Mögliche, um die Vampire zu bekämpfen. Jedoch blieb der erhoffte Erfolg aus.

Aber es gab in Japan eine Macht, die sich bisher in den Kampf gegen die Vampire noch nicht eingemischt hatte: Die Schattenkrieger oder Krieger der Nacht, wie sie im gemeinen Volk hießen, wurden im gesamten Land gefürchtet. Es handelte sich dabei um die Ninjas oder Shinobis, wie sie auch genannt wurden. Selbst der mächtige Daimyo Toyotomi Hideyoshi hatte vor den Ninjas eine ungeheure Angst. Das führte dazu, dass er die einzige wirksame Waffe, die die Menschen gegen die Vampire besaßen, vernichten wollte. Die gefürchteten Krieger der Nacht, die durch ein jahrelanges und hartes Training beinahe übermenschliche Fähigkeiten entwickelt hatten, könnten dafür sorgen, dass die furchtbaren, blutsaugenden Vampire erfuhren, dass Menschen für sie doch gefährliche Gegner sein konnten.

Teil 1 Der Daimyo von Koga

Das verwüstete Dorf

Langsam wurde der klare Sternenhimmel über der Provinz Koga von der Morgenröte abgelöst. Die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die Berge und erreichten die Felder und die Gemüsehändler, die mühsam ihre schweren Karren durch den Sand des Weges zogen. Wer in ihre Gesichter sah, erkannte, wie schwer es war, es war eine anstrengende und kräftezehrende Plackerei. Vögel saßen in den Büschen und Bäumen und zwitscherten fröhlich vor sich hin, als wollten sie den beginnenden Tag und die Menschen begrüßen, die an ihnen vorüberzogen.

Die Gemüsehändler aus Hino, die zum Markt nach Koga zogen, kannten sich seit Jahren und waren gute Freunde. Mühevoll bewegten sie sich dem kleinen Dorf Yokoyama entgegen. Einige wurden von ihren Frauen begleitet. Sie freuten sich darauf, bald das Dorf zu erreichen, und dort eine Rast einzulegen, denn allmählich verließen sie ihre Kräfte.

Gemeinsam machten sie sich jeden Samstag im Sommer des Jahres 1597, oder nach japanischer Zeitrechnung im Jahre Kaicho 2, auf den Weg in die Stadt Koga. Dort nutzten viele Gemüsebauern, Schmuckhändler und Handwerker die Gelegenheit, ihre Waren auf dem Markt, der sich im Zentrum der Stadt befand, anzubieten und zu verkaufen.

Gut gelaunt liefen sie über eine kleine Holzbrücke, die über einen kleinen Fluss führte. So erreichten die Händler trockenen Fußes das andere Ufer. Von dort sahen sie hinter einem Berg Rauch aufsteigen. Nasaki meinte: „Vielleicht gibt es in Yokoyama eine Zwischenmahlzeit mit Fleisch?“

Seine Gefährten wussten, dass er gern Fleisch aß, und lachten herzhaft, ohne dabei gemein zu sein. Jedoch machten sie sich insgeheim Sorgen, denn die Rauchfahne stieg aus der Richtung auf, in die sie ihr Weg führte. Was hatte das zu bedeuten?

Trotzdem scherzten Nasakis Freunde mit ihm über seinen legendären Appetit, den er immer wieder auf die verschiedensten Fleischgerichte verspürte. Tatsächlich ruhten sich die Gemüsehändler jedes Mal in Yokoyama aus, wenn sie das Dorf erreichten, und tranken mit seinen Bewohnern bei interessanten Gesprächen Tee.

Schon oft hatten die Händler dort einige von ihren Waren verkauft. Manchmal tauschten sie ihre Produkte für eine frische Mahlzeit ein, denn die Yokoyamer waren exzellente Köche. Um das Dorf aus der Entfernung sehen zu können, mussten die Freunde einen steilen Hügel hinaufgelangen. Voller Vorfreude nahmen sie Anlauf, als wolle jeder von ihnen der Erste sein, der auf dem Hügel ankommt.

Als sie das Dorf dann endlich erblickten, gefror ihnen das Blut in den Adern. Anstelle der schönen Holzbauten bot sich ihnen ein schreckliches Bild der Verwüstung. Die sonst so gesprächigen fröhlichen Händler wurden still. Nur noch die Vögel zwitscherten sorglos ihre Lieder in den Wind, der den schockierten Menschen in sanfter Geschwindigkeit einen hässlichen Brandgeruch entgegenwehte. Langsam und vorsichtig näherte sich Nasaki dem Dorf. Schon von Weitem erkannte er, dass Yokoyama das Opfer einer furchtbaren Katastrophe geworden war. Ihm folgten einige seiner Freunde, um zu erfahren, was mit diesem Dorf und den darin lebenden Menschen geschehen war. Vielleicht konnten sie den Verletzten helfen? Doch dann mussten sie feststellen, dass sich ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigten.

Wohin sie auch sahen, erblickten sie auf dem Boden oder vor den zerstörten Häusern Leichen. Teilweise brannten die Gebäude noch. Zwischen den Ruinen erkannten die Männer verkohltes, zum Teil noch glühendes Holz. Das Blut der Toten tränkte überall die Erde. Die ermordeten Menschen waren noch nicht einmal kalt. Ihr Blut konnte nicht länger als vor zwei Stunden vergossen worden sein. Wer hatte das Dorf überfallen? Denn daran gab es keinen Zweifel, dass hier eine mörderische Bande ihr grausames Werk vollbracht hatte.

Plötzlich hörte Nasaki in seiner Nähe unter einem Holzstapel einen Hund leise winseln. Auf dem Holzstoß lag ein großer, dicker Balken. Schnell lief er dort hin. „Hey, kommt hier her! Macht schnell, hier ist ein Hund versteckt, vielleicht befinden sich auch Menschen hier, denen wir helfen können!“

Nasakis Freunde folgten seiner Aufforderung. Als sie ihn erreichten, wies er mit seinem Arm auf das Holz. „In diesem Holzstapel muss er versteckt worden sein. Aber wir müssen den Balken gemeinsam herunterstoßen.“

Die Männer stemmten sich gegen das schwere Bauteil. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte versuchten sie stöhnend und ächzend, den Balken vom Holzstapel herunterzuschieben. Das trieb ihnen den Schweiß aus ihren Körpern. Doch das Hindernis bewegte sich nicht einen Zentimeter.

„Dann lassen wir es eben sein“, meinte einer der Männer.

Nasaki war entsetzt. „Bist du verrückt? Das können wir nicht machen! Woher willst du wissen, dass kein Mensch in dem Haufen liegt? Willst du vielleicht schuld an seinem Tode sein?“ Verzweifelt schlug er mit der Faust gegen das große Hindernis. „Scheiße, aufgeben geht nicht! Wir müssen es schaffen!“ Seine Stimme klang resigniert und er war erschöpft.

„Aber so wird es funktionieren!“, hörte er seine Frau Ayumi sagen, die sich hinter ihm den Männern näherte.

Als er sich zu ihr umdrehte, sah er sie mit vier weiteren Freunden, die gemeinsam eine stabile Holzstange in den Händen hielten. Eigentlich war diese Stange eher ein Balken. Er war etwas kleiner und dünner als der Balken, den sie vom Holzstoß entfernen wollten. Ayumi erklärte: „Siehst du in dem Holzhaufen den Spalt? Genau da passt unser kleinerer Balken hinein. Ihr drückt von unten gegen den großen Balken und wir werden ihn von der Seite her mit unserem kleinen aus dem Weg hebeln.“

Nasaki nickte hoffnungsvoll. „Das könnte funktionieren.“ Er wandte sich seiner Gruppe zu. „Dann mal los, Freunde, lasst es uns noch einmal gemeinsam versuchen!“

Gegenseitig feuerten sich die Gemüsebauern an. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte drückten sie das schwere Ungetüm einige Zentimeter in die Höhe. Das trieb ihnen erneut den Schweiß auf die Stirn und entlockte ihnen angestrengte Laute, die an Tiere erinnerten. Ayumis Leute schoben den kleineren Balken unter das Hindernis. Mit vereinten Kräften hebelten sie nun das riesige Holzstück Zentimeter für Zentimeter zum Rand des Holzstoßes. Die Männer stöhnten unter dieser Anstrengung und feuerten sich gegenseitig an, nicht nachzulassen. Der kleine Balken gab unter dem Gewicht des großen nach und bog sich gefährlich durch, sodass Ayumi befürchtete, er könnte brechen. Die Anstrengung war den Helfern deutlich anzusehen. „Los, Männer, nicht nachlassen, wir schaffen es!“ Nasaki fühlte, dass sie das Hindernis vom Holzstapel schieben konnten. Mit einer letzten Kraftanstrengung gelang es ihnen tatsächlich. Laut polternd fiel er auf den Boden. In diesem Moment fragte sich Nasaki, wie ihn die Bewohner des Dorfes auf den Holzstoß gehievt hatten. Doch dann rief er erfreut aus: „Ja, wir haben es geschafft!“ Zufrieden sah er seinen Freunden ins Gesicht. Immer noch hörte er den Hund winseln. Endlich beugte er sich zu dem Spalt herunter und spähte in den Holzstapel hinein. Immer wieder schob sich ein kleines Pfötchen in sein Blickfeld, das aber sofort wieder verschwand. Das arme Tier versuchte, den Boden aufzukratzen. Sein Winseln wurde lauter. Schnell schob Nasaki das restliche Holz zur Seite. Was er die ganze Zeit bereits erwartet hatte, sprang ihm in diesem Moment entgegen: ein kleiner verängstigter Welpe. Auf seinem schwarzgrauen Fell lag der Straßenstaub des verwüsteten Dorfes. Nasaki glaubte, dass der junge Hund nicht älter als vier Monate sein konnte. Als wüsste das Tier, welches grausame Drama sich hier vor ein paar Stunden ereignet hatte, blickte es Nasaki traurig in die Augen. Als dieser sich auf den Boden setzte, sprang der Hund sofort auf seinen Schoß und versuchte, ihm mit der Zunge über die Wange zu lecken. Für einen kurzen Moment zauberte das Tier ein kleines Lächeln auf das Gesicht des Mannes. Während er den Hund streichelte, begaben sich seine Gefährten auf die Suche nach weiteren Überlebenden. Nach wenigen Sekunden hob der Hund seine Nase in den Wind. Mit aufgestellten Ohren blickte er zu einem abgebrannten Haus hinüber. Plötzlich sprang er von Nasakis Schoß herunter und lief zwischen verkohlten Holzbrettern hindurch und verschwand schließlich hinter den Überresten eines Hauses. Überrascht blickte Nasaki ihm nach, dann stand er auf und folgte ihm.

Hinter der Ruine sah er das Tier mit seinen Pfoten im Gras kratzen. Er erkannte, dass der Hund den Boden aufgraben wollte, aber erfolglos bleiben würde. Er ging zu ihm und untersuchte die Stelle, wo der Hund mit seiner Pfote im Gras kratzte. Dabei musste er den kleinen Welpen zur Seite schieben. Mehrmals schlug er mit seiner rechten Hand auf den Boden. Dabei entstand ein dumpfes Geräusch, als würde er auf Holz klopfen. Der Mann wusste, dass sich unter der Erdoberfläche ein mit Brettern abgedeckter Hohlraum befinden musste. Konzentriert suchte er den Eingang dafür und fand eine dicke Schnur, an der er zog. Im Boden öffnete sich ein schmaler Spalt. Sofort war ihm bewusst, dass er eine mit Gras und Wurzeln bewachsene, geheime Falltür gefunden hatte. Nasaki zog kräftiger an dem Strick, um sie zu öffnen. Als ihm das gelang, sprang der Hund sofort in die Öffnung hinein.

Dem Gemüsehändler schien die Sonne ins Gesicht, sodass er nicht sehen konnte, was sich vor ihm in dem Loch befand. Er schob seinen Hut nach vorn ins Gesicht und kniete nieder. Jetzt spendete die Hutkrempe seinen Augen etwas Schatten und er blickte in ein viereckiges Loch. Es maß etwa je einen Meter in der Tiefe, in der Breite und in der Länge. Es war tatsächlich nicht mehr als ein Loch. Darin sah er ein Kind, das leise vor sich hin weinte. Es handelte sich um einen kleinen Jungen, der wie ein Embryo auf der Seite zusammengerollt vor ihm lag. Der kleine Knabe sah ihn hilflos und vor Angst zitternd an. Der Junge tat Nasaki leid, der sein Alter auf fünf Jahre schätzte. Bekleidet war das Kind mit einem langen weißen Nachthemd. Der Hund sprang mit seinen Vorderpfoten auf den Körper des Jungen und stupste ihm immer wieder mit seiner Schnauze ins Gesicht und wedelte freudig mit seiner Rute.

„Okami“, flüsterte der Junge und streichelte dem Hund zärtlich mit einer Hand über den Kopf.

Nasaki war von dem, was er vorfand, so sehr überrascht, dass er nicht fähig war, auch nur ein Wort an den Knaben zu richten. Er wollte in diesem Dorf gemeinsam mit seiner Frau und den anderen Gemüsebauern Menschen aus ihrer Notlage retten, die von einer unbekannten Macht offensichtlich gewaltsam herbeigeführt worden war, aber dass er einen kleinen Jungen fand, um den er sich nun kümmern musste, damit hatte er nicht gerechnet. Er bemerkte jedoch, dass der Hund beruhigend auf den Jungen wirkte. Sein nervöses Zittern ließ nach. Dann stützte er seinen Oberkörper mit den Ellenbogen ab und blickte den Mann, der sein Versteck gefunden hatte, mit großen, fragenden Augen an. Noch verstand er nicht, dass sein Leben in großer Gefahr gewesen war.

„Na, mein Junge, hast du denn gar keine Lust aufzustehen?“ Nasakis Stimme klang ruhig und freundlich. Er reichte dem Knaben die Hand. Daraufhin setzte sich der Junge langsam auf und schaute seinen Retter mit einem skeptischen Gesichtsausdruck an.

„Hallo. Ich bin Nasaki und werde dir helfen. Du musst keine Angst haben, es ist alles vorbei. Gib mir deine Hand, damit ich dich aus deinem Versteck herausholen kann.“

Das Kind sah ihn immer noch misstrauisch an. Doch nach einigen Sekunden des Zögerns nahm es die ihm dargebotene Hand an. So konnte Nasaki dem Jungen aus seinem dunklen Versteck heraushelfen, das ihn an ein Grab erinnerte. Er war froh, dass seine Eltern ihn so gut versteckt hatten. Der Hund, den der Knabe Okami nannte, versuchte ebenfalls, daraus hervorzuspringen. Jedoch fiel er mit jedem Versuch, seinem jungen Freund zu folgen, wieder auf den Boden des Loches zurück.

Deshalb beugte sich Nasaki auch zu dem hilflosen Welpen herunter, ergriff ihn und setzte ihn vor seinen Füßen auf den Boden. Freudig sprang das Tier um die Beine des Mannes und um den Jungen herum.

Nasaki glaubte, dass er dem Kind die traurige Wahrheit erzählen musste. Er ging vor dem Jungen auf die Knie und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Aus dem rechten Auge des Jungen stahl sich eine Träne, die an seiner Wange herunterlief. Stumm sah der Mann dem weinenden Kind in die Augen. Was er ihm sagen wollte, wusste er, aber wie er ihm die traurige Nachricht erzählen sollte, wusste er nicht.

„Wo ist meine Mama?“ Mühevoll unterdrückte der Knabe einen Schluchzer.

Nasaki zog den kleinen Kerl zu sich heran und sagte leise: „Es ist etwas Schreckliches geschehen. Böse Männer sind in euer Dorf gekommen und haben alles kaputtgemacht, auch die Häuser. Viele Menschen aus eurem Dorf leben nicht mehr. Ob auch deine Eltern tot sind, kann ich dir nicht sagen. Aber jetzt kümmern wir uns erst einmal um dich.“

Der Junge verstand die Worte des Mannes, und begann zu weinen. Das überwältigte seinen Retter, zu dem Nasaki geworden war und der sich in diesem Moment hilflos fühlte. Wenn er mit kleinen Kindern Umgang hatte, wurde er stets unsicher, weil er ihnen nicht wehtun wollte. Er fragte sich, wie er den Jungen wieder beruhigen konnte. Doch dann besann er sich darauf, dass er ein Vater von vier Kindern war. Er tat das einzige Richtige in dieser Situation und nahm den Knaben in seine Arme und streichelte ihm über den Rücken. Auf diese Weise versuchte er, ihn mit leisen Worten zu beruhigen. Danach stand er auf und schaute sich um. Seine Freunde hatten sich in alle Richtungen zerstreut, sicherlich suchten sie nach weiteren Überlebenden. Das war auch gut so, aber es half ihm in diesen endlosen Sekunden nicht, denn er benötigte Hilfe. Verunsichert rief er seine Frau. „Ayumi! Wo bist du?“

„Hier bin ich!“

Nasaki drehte sich in die Richtung, aus der er die Stimme seiner Frau hörte. Als er sie erblickte, ging er zu ihr. „Sieh nur, ich habe ein Kind gefunden!“

Nasaki wusste, wenn ihm jemand helfen konnte, dann war es seine Frau, die eine liebevolle Mutter war. Täglich bewies sie ihm das bei der Erziehung ihrer gemeinsamen Kinder. Sie hatte ein Gespür dafür, im richtigen Moment das Richtige zu sagen oder zu tun.

Als auch die Gefährten des Paares erfuhren, dass sie in den Trümmern des Dorfes ein Versteck mit einem Welpen und einem kleinen Jungen gefunden hatten, stürmten sie von ihrer Neugier getrieben zu ihnen. Der Junge weinte herzzerreißend auf Nasakis Armen. Ayumi nahm ihn von ihrem Mann entgegen und setzte sich mit ihm auf einen großen Stein. „Was schaut ihr denn so blöde und macht dem Kind Angst. Verschwindet und sucht weiter nach Überlebenden. Das ist sinnvoller, als hier herumzulungern!“, herrschte sie ihre Freunde an.

Wortlos wandten sich die Gemüsehändler ab und taten, was Ayumi von ihnen verlangte.

Nasakis Frau wendete sich dem Knaben zu und sah ihm ins Gesicht. Leise und einfühlsam sprach sie zu ihm. „Sie sind alle weg. Du musst keine Angst mehr haben, mein Kleiner. Ich verspreche dir, dass ich dich beschützen werde. Du hast mich bestimmt schon einmal gesehen. Wir sind die Gemüsehändler, die immer in euer Dorf kommen, um sich auszuruhen.“

Der Junge beruhigte sich, sah zu ihr auf und nickte. „Ja, ich habe dich schon mal gesehen. Du bringst uns auf deinem Wagen Essen mit.“

Ayumi schmunzelte kurz und setzte ihren kleinen Gesprächspartner neben sich. Danach schaute sie ihm freundlich lächelnd in die Augen. „Verrätst du mir deinen Namen, kleiner Mann?“

„Ich heiße Ryu.“

„Ein sehr schöner Name. Weißt du auch, was er bedeutet?“

„Nein.“ Mit großen Augen sah das Kind die Frau erwartungsvoll an, die mit sanfter Stimme zu ihm sprach. „Ryu bedeutet Drache. Ich glaube, du wurdest im Zeichen des Drachens geboren. Weise Leute sagen, dass Menschen im Laufe ihres Lebens die Eigenschaften der Tiere aus ihrem Horoskop annehmen. Das bedeutet, dass du irgendwann einmal so stark wie ein Drache sein wirst.“

Ayumi bemerkte, dass der Junge von ihren Worten überrascht war. Trotzdem schwieg er. Deshalb fuhr sie fort: „Ich möchte dir helfen, Ryu. Ich bringe dich von hier weg. Und zwar zu guten Menschen, bei denen du in Sicherheit bist. Hier kannst du leider nicht mehr bleiben. Ist das für dich in Ordnung?“

Ryu, der nicht verstand, was ihre Worte für ihn bedeuteten, nickte tapfer. Daraufhin nahm ihn Ayumi wieder auf ihren Arm und er legte Schutz suchend sein Gesicht auf ihre Schulter.

„Schließe deine Augen, mein Junge, du musst dieses Elend hier nicht sehen.“

Er schloss seine Augen, wie Ayumi es ihm gesagt hatte. Er fühlte, dass sie und auch ihr Mann für ihn das Beste wollten. Somit blieben die vielen Toten und das verwüstete Dorf vor ihm verborgen.

Ayumi trug ihn bis zum Waldrand, wo die Händler ihre Karren stehen gelassen hatten und der Welpe Okami folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Dabei stolperte er immer wieder mit seinen kleinen Pfötchen im weichen Sand, weil er dem Tempo der Frau folgen wollte, und fiel das eine oder andere Mal auf seine Nase.

Einige Händler waren schon vor Ayumi zum Wald zurückgekehrt und warteten dort auf sie. Auch Nasaki befand sich bereits am Waldrand. Als er seine Frau erblickte, ging er zu ihr und erklärte: „Die anderen bleiben in Yokoyama. Sie werden die Toten verbrennen, bevor sie von Wildtieren geschändet werden und dort Ordnung schaffen, soweit es ihnen möglich ist. Wir werden aus Koga Hilfe holen und für den kleinen Jungen eine Bleibe suchen.“

Ayumi schaffte auf ihrem Karren Platz und setzte Ryu darauf. „So, mein Junge, jetzt hast du es bequem. Wenn du willst, kannst du schlafen, bis wir in Koga sind.“

Bis Koga war es vom Dorf aus etwa eine Stunde zu Fuß. Die Gemüsehändler mussten ihre beladenen Karren mit sich ziehen, würden also mehr Zeit für ihren Weg benötigen. Aber wenn das Wetter so blieb, sollten sie es trotzdem noch bis zum Mittag zum Markt schaffen. Ayumi sah zum Himmel hoch. Immer noch strahlte die Sonne am blauen Himmel. Einige Schäfchenwolken zogen daran vorbei und Ryu rätselte mit leiser Stimme, welche Figuren er in den kleinen Wolken erkennen konnte.

Die Händler ergriffen ihre Karren und zogen weiter. Ryu war der Einzige, dessen Stimme sie hörten, aber schon bald wurde sie leiser und schließlich blieb der Junge stumm. Auch wenn er die grausamen Ereignisse nicht unmittelbar miterlebt hatte, litt er trotzdem unter ihnen. Das hatte seine Kräfte erschöpft und er schlief schnell ein.

Auf dem weiteren Marsch der Händler nach Koga herrschte Schweigen. Im wahrsten Sinne des Wortes war es totenstill. Nur die Geräusche der Karren, deren Räder immer wieder über Steine rollten, waren zu hören. Selbst das Gezwitscher der Vögel verstummte. Es schien fast so, als ob die Natur gemeinsam mit den Gemüsehändlern um die Freunde trauerte, die sie in den letzten Jahren in Yokoyama auf ihren Reisen nach Koga gefunden hatten. Nasaki dachte an die vielen guten Mahlzeiten, die sie von den Dorfbewohnern bekommen hatten, wenn sie dort eine Pause in eingelegt hatten. Jedes Mal, wenn sie das Dorf erreichten, wurden sie mit einem freundlichen Hallo begrüßt und interessante Gespräche schlossen sich an, bis sie…, bis sie endlich eine wohlschmeckende Mahlzeit erhielten, die sie nirgends sonst auf der Welt bekommen konnten. Sie lernten sich kennen und schätzen. Die Geschäfte mit den Dorfbewohnern waren stets gewinnbringend für beide Seiten. Mal etwas mehr und mal etwas weniger.

Der Weg durch den Wald wurde für die Händler einsam und traurig. Sie hingen ihren Gedanken nach, jeder für sich allein. Nur Ayumi schaute sich ab und zu nach Ryu um. Sie war eine liebevolle und einfühlsame Frau, die sich in diesen Minuten sehr um ihn sorgte. Sie wusste, dass es kaum eine Hoffnung gab, Ryus Eltern zu finden. Sicherlich sind sie bei dem Überfall auf das Dorf umgebracht worden, so wie die anderen Bewohner auch. Hätte Nasaki mit seinen Freunden diesen verängstigten Knaben nicht gefunden, wäre er einen schrecklichen Tod gestorben. Er hätte verhungern und verdursten müssen. Und doch war sie sich nicht sicher, ob das, was vor ihm lag, besser für ihn sein würde als der Tod. Jedoch wusste sie, dass sie und Nasaki alles für ihn tun würden, was in ihren Kräften stand, damit er ein relativ sorgloses Leben führen konnte. Aber sie wusste auch, dass ihre Möglichkeiten hierfür sehr begrenzt waren. Ayumi sah sich den kleinen Jungen an, der friedlich schlief und von seinem Welpen Okami bewacht wurde.

Die Anstrengungen der letzten Stunden machten sich bemerkbar. Ayumi und Nasaki fühlten sich erschöpft. Außerdem saß ihnen der Schock in den Gliedern. Ayumi konnte nicht verstehen, dass Menschen so grausam sein konnten, die Bewohner eines ganzen Dorfes abzuschlachten und ihre Behausungen zu zerstören. Das Dorf wurde nahezu vollständig niedergerissen und niedergebrannt und die Bewohner wurden ausgerottet! Wer mochte dafür verantwortlich sein? Die Suche nach Überlebenden hatte Kraft und Energie gekostet, denn sie mussten dabei Trümmer beseitigen und Hindernisse aus dem Weg räumen. Wie es Ayumi und Nasaki erging, so musste es auch ihren Gefährten ergehen. Sie alle mussten die gleichen traurigen Ereignisse erleben und ertragen. Am schlimmsten daran war, dass sie gemeinsame Freunde verloren hatten. Wut und Trauer erfüllten die Menschen dieser kleinen Gruppe von Gemüsehändlern, die wegen des Dramas in Yokoyama viel zu spät den Markt in Koga erreichen würden. Ayumi glaubte, dass sie am heutigen Tage kaum noch etwas von ihren Waren verkaufen konnten. Es sei denn, sie hätten das unwahrscheinliche Glück, jemanden zu finden, der bereit war, ihre gesamten Waren zu kaufen. Das hatten die Diener von höhergestellten Persönlichkeiten schon mehrmals getan. Zum Glück ging es von Yokoyama bis zu ihrem Ziel in Koga nur noch bergab.

Ayumi blickte erneut auf den schlafenden Ryu, der ihr leidtat. Erst jetzt bemerkte sie, dass der Junge keine Schuhe an seinen kleinen Füßen trug. Dabei dachte sie sich nichts, denn in Japan gehörte es damals zur Normalität, dass Kinder im Sommer keine Schuhe trugen. Plötzlich blieb Nasaki, der neben ihr ging, stehen.

„Warum hältst du an?“, wollte Ayumi wissen.

Nasakis Gesicht spiegelte seine verschiedenen Gefühle wider. „Es gibt Gerüchte, dass Yokoyama ein Ninjadorf gewesen sein soll.“

„Ach, Unsinn, du solltest nicht alles glauben, was du hörst. Denkst du wirklich, dass sie diese Katastrophe nicht hätten verhindern können, wenn sie die Fähigkeiten der Ninjas beherrscht hätten? Du weißt doch, was diese Schattenkrieger alles können.“

Nasaki nickte und dachte laut nach. „Ja, sie sind in der Nacht praktisch unsichtbar und schneller als alle anderen Menschen. Vor allem sind sie lautlos und können mit allen Waffen umgehen. Außerdem beherrschen sie die Kräuterheilkunde. Vielleicht schmeckte ihr Essen deshalb immer so gut, weil sie für sich stets die perfekte Gewürzmischung zubereiten konnten.“

Ayumi schüttelte den Kopf. „Das alles bildest du dir nur ein, mein Lieber!“.

„Nein, das glaube ich nicht. Du sollst nicht immer so gehässig zu mir sein, Ayumi. Du hast doch neulich, als wir auf dem Markt in Kyoto waren, auch von den Kreaturen der Nacht gehört. Erinnerst du dich noch daran? Wahrscheinlich wurden sie von denen angegriffen. Diese Furcht einflößenden, blutsaugenden Monster, die leider nicht totzukriegen sind. Sie sehen wie Menschen aus, abgesehen davon, dass ihre Haut völlig blass ist. Ihre Eckzähne können lang und scharf werden.“

„Vampire meinst du?“

„Ja, genau die meine ich.“

Ayumi guckte verängstigt, dann schaute sie auf den Boden und sagte: „Ja, sie sind anscheinend unsterblich. Ich habe noch nie gehört, dass es jemand geschafft hätte, so einen Vampir zu töten. Gegen diese Blutsauger hätten die Yokoyamer keine Chance gehabt, selbst wenn sie Ninjakämpfer gewesen wären. Mir wird es bange, wenn ich nur daran denke. Sie töten immer mehr Menschen und werden dadurch immer mehr. Wenn das mit denen so weitergeht, wird es noch eine Katastrophe geben.“

Nasaki hatte bisher noch keines dieser blutsaugenden Ungeheuer gesehen. Das wollte er auch nicht. Allein der Gedanke an diese Monster flößte ihm Angst ein. Schweigend ging er weiter.

Auch seine Freunde, die wie er nicht nur Gemüsehändler, sondern auch Bauern waren, liefen still und nachdenklich weiter. Auf den Marktplätzen in den Städten, die sie mit ihren Karren zu Fuß erreichen konnten, verkauften sie, was sie selbst anbauten. Plötzlich hörten sie Benjiro mit freudiger Stimme einen Witz erzählen. „Ein Bauer arbeitete auf dem Feld, als sein Sohn zu ihm kam und rief: „Papa! Papa! Komm schnell her! Mama kämpft mit einem Bären!“

Darauf antwortete der Bauer: „Ach mein Junge, damit muss der Bär selbst klarkommen!““.

Niemand lachte außer Benjiro. Tatsächlich lachte der Kerl über seinen eigenen Witz. Nasaki, der vor ihm mit seinem Karren herlief, empfand das Verhalten dieses komischen Witzboldes als sehr unpassend. Außerdem war es in dieser Situation, in der sie um ihre Freunde aus Yokoyama trauerten, vollkommen unangemessen. Er verdrehte die Augen und eine unbändige Wut packte ihn. Er blieb stehen, stellte seinen Karren ab und lief auf den ungehobelten Witzbold zu. Einen Schritt vor Benjiro blieb er stehen und packte ihn zornig mit beiden Händen am Schlafittchen und schüttelte ihn kräftig durch. „Hör auf zu scherzen, du Dummkopf! Es ist gerade ein ganzes Dorf abgeschlachtet worden! Viele dieser armen Menschen waren unsere Freunde! Und du dummer Bauer reißt Witze, während wir trauern!“

Gleichzeitig sprang Okami von Ayumis Karren herunter, als verstünde er, was gerade geschah. Er lief um die beiden Kontrahenten herum und begann laut zu bellen. Das Verhalten des Hundes öffnete Nasaki das Herz für den Vierbeiner. Das führte dazu, dass sich sein Zorn auf Benjiro legte und er von ihm abließ. Der empathielose Bauer begriff, dass nicht nur Nasaki auf ihn böse war. Mit leerem Blick stand er einsam an seinem Karren. Er ärgerte sich über sich selbst und ließ seine Gefährten an sich vorbeiziehen. Erst, als ihn auch der letzte seiner Kameraden passierte, packte er seinen Karren und ging den anderen reumütig hinterher.

Nasaki jedoch beugte sich zu Okami herunter, streichelte ihn und setzte ihn zu Ryu auf Ayumis Karren zurück.

Als die Gruppe der Gemüsebauern wieder zur Ruhe gekommen war, sah Ayumi ihren Ehemann von der Seite an. Leise sagte sie, sodass nur Nasaki sie verstehen konnte: „Sag mal, musste das sein? Du weißt doch, dass er mit seinem heiteren Gerede seinem Ärger Luft macht. Jeder geht ein bisschen anders mit dieser Situation um. Du kennst doch Benjiro. Wahrscheinlich hast du jetzt einen Freund verloren, Nasaki. Wir wissen doch alle, wie wichtig es ist, dass wir Bauern zusammenhalten. Werden wir denn nicht genug von den Samurais schikaniert?“

Nasaki war immer noch wütend auf Benjiro. Energisch antwortete er: „Das war respektlos! Außerdem müssen wir das nicht vor dem Jungen ausdiskutieren! Ich will nichts mehr davon hören!“

Schweigend liefen sie weiter. Nach etwa einer halben Stunde sahen sie die ersten Bauernhäuser am Stadtrand von Koga. Zehn Minuten später passierten sie den ersten Turm der Stadt, die zwar nicht befestigt, dafür aber sehr gut bewacht wurde. Überall in der Stadt standen hohe Türme, auf denen sich Wachsoldaten befanden. Nasaki staunte immer wieder, wenn er nach Koga kam, dass Menschen solche hohen Türme bauen konnten. Er glaubte, dass viele von ihnen fünfzig Meter hoch sein mussten. Seit circa einem Jahr waren sie ständig mit Wachposten besetzt. Denn seit dieser Zeit wurden sie ein beliebter Ausgangspunkt für die Angriffe der untoten Wesen der Nacht, von denen Ayumi und Nasaki vor nicht einmal einer Stunde sprachen. Mit großer Beliebtheit stürzten sich die Vampire von den Türmen einer Ortschaft auf ihre Opfer. Das löste in der Bevölkerung große Angst aus.

Leider mussten in den letzten Monaten viele Orte das Schicksal von Yokoyama teilen. Die einzige Hoffnung der Menschen ruhte auf den Heeren der Daimyos, vor allem auf die adligen Samurais, die besonders mutig in jedem Krieg kämpften. Denn der Kampf gegen die Vampire entwickelte sich bereits zu einem Krieg. Die Kriegerkaste der Samurais kämpfte lange Zeit sehr erfolgreich gegen diese schrecklichen Wesen der Nacht oder der Finsternis, wie sie auch genannt wurden, weil sie zunächst nur einzeln auftraten, um ihr Unwesen zu treiben. So konnten mehrere Samurais mit vereinten Kräften Vampire in die Flucht schlagen, aber noch nie gelang es jemandem, einer dieser Kreaturen den Garaus zu machen.

Seit diese Blutsauger jedoch wie Wölfe in einem Rudel auftraten, waren sie kaum aufzuhalten. Diese monströsen Bestien waren noch schlimmer als Wölfe, denn sie kannten keine Furcht und keine Gnade. Im Kampf waren sie den Menschen durch ihre Stärke und Schnelligkeit deutlich überlegen. Dabei halfen den Vampiren auch ihre Selbstheilungskräfte – die Fähigkeit ihres Körpers, in wenigen Sekunden Verletzungen zu heilen, die ihnen von ihren Gegnern zugefügt wurden.

Nasakis Gruppe traf auf weitere Händler, die aus anderen Orten nach Koga kamen. Die Straßen und Gassen, die die vielen Menschen passieren mussten, waren schon an normalen Tagen überfüllt. Aber an den Markttagen besuchten die Stadt zusätzlich viele Menschen aus den umliegenden Dörfern. Dadurch wurden die Gassen sprichwörtlich verstopft. Deshalb gelang es den Gemüsehändlern aus Hino nicht, beisammenzubleiben. Es entstand ein großes Gedränge, an das sich Nasaki nie gewöhnen würde. Aber er bemerkte, dass außer ihm und seinen Freunden viele andere Händler ihre Verkaufsstände auf dem Markt im Zentrum der Stadt noch nicht aufgebaut hatten. Damit stiegen seine Hoffnungen, doch noch einen großen Teil seiner Waren verkaufen zu können.

Ayumi und Nasaki bauten ihre Wagen zu einem Verkaufsstand um. Danach warteten sie auf die ersten Kunden. Ayumi wusste, dass Nasaki für den kleinen Ryu ein neues Zuhause suchen wollte. Liebevoll schaute sie ihn von der Seite her an. „Sag, mein lieber Mann, ist unser Findelkind nicht ein hübscher Junge?“

Nasaki kannte seine Frau und ahnte, worauf sie hinauswollte. Deshalb achtete er auf seine Wortwahl, weil er ihr nicht unnötig wehtun wollte. „Ja, meine Liebe, das ist er. Aber was willst du mir damit sagen?“

„Na, ja, mein Schatz, er ist doch jetzt allein. Wo soll er hin? Wollen wir ihn nicht bei uns behalten und für ihn sorgen. Ich glaube, er ist ein guter Junge. Und wenn er etwas älter geworden ist, kann er uns auf den Feldern helfen. Was meinst du dazu?“

„Ach, Ayumi, ich weiß doch längst, dass du Ryu ins Herz geschlossen hast. Glaube mir, das habe ich auch. Gerne würde ich ihm in unserer Familie ein neues Heim schenken. Jedoch glaube ich, dass wir vernünftig sein sollten. Wir haben die Pflicht, für ihn und für unsere Kinder das Beste zu tun. Und das Beste für sie ist, wenn wir für den Jungen etwas suchen, wo er viel lernen kann und nicht hungern muss. Wir haben schon vier Kinder. Es fällt uns manchmal schwer, sie sattzubekommen. Wie wird es wohl sein, wenn die Portionen noch kleiner werden? Dann würde Ryu bestimmt nicht glücklich werden. Außerdem ist er nicht unser eigenes Kind. Es ist also keine Schande, ihn in ein Waisenhaus zu geben. Aber wenn du es möchtest, können wir ihn ab und zu besuchen.“

Ayumi hörte ihrem Mann zu. Sie wusste, dass er recht hatte. Schweren Herzens stimmte sie nickend zu. „Trotzdem macht mich das traurig.“

„Ja, ich weiß. Ich kann das verstehen, meine Liebe.“

Da sie schwieg, sprach Nasaki nach einer kurzen Pause weiter. „Was in Yokoyama geschehen ist, können wir nicht für uns behalten. Ich glaube, ich sollte zum Daimyo gehen und ihn darüber informieren. Bei dieser Gelegenheit kann ich Ryu gleich mitnehmen. Aber seinen kleinen Hund lasse ich erst noch bei dir, damit er uns in diesem Gedränge nicht verloren geht. Vielleicht empfiehlt mir der Daimyo für den kleinen Burschen eine liebevolle Familie, in der er gut versorgt wird.“

Ayumi sah ihn mit großen Augen an. Sie hatte gehofft, noch einen Tag oder wenigstens bis nach dem Markt mit Ryu zusammenbleiben zu können. „Du meinst, du willst jetzt gleich gehen und ich bleibe so lange allein hier an unserem Stand?“

„Ja, meine Liebe, ich glaube, das ist das Beste.“

„Ja, wenn du das meinst.“ Ayumi wurde traurig und ratlos.

Nasaki nahm sie liebevoll in seine Arme. Als er ihr antwortete, klang seine Stimme sanft. „Glaube mir, Liebes, es ist besser so. Ich werde mich beeilen.“

Er machte sich gemeinsam mit Ryu auf den Weg zum Haus des Lehnsherrn von Koga, der als Samurai vom Kampaku Toyotomi Hideyoshi in sein Amt und seinen Stand erhoben worden war. Aus politischen Gründen übernahm Toyotomi damals nicht das Amt des Shoguns, aber als Kampaku war er, wie der Shogun auch, der oberste Heerführer und mächtigste Daimyo des Landes.

Schon von Weitem erkannte Nasaki sein großes und prächtiges Haus, dessen Dach kunstvoll geschwungene Enden besaß. Davor standen zwei Wachsoldaten mit Speeren. Mit bösen Blicken fixierten sie den Neuankömmling mit dem Kind.

Einer der Soldaten sprach Nasaki mit seiner tiefen Furcht einflößenden Stimme an. „Was willst du hier, Bauer?“

Nasaki, der die Riten der Höflichkeit kannte und sie einhalten musste, wenn ihm sein Leben lieb war, verbeugte sich leicht vor dem Mann. Dabei achtete er darauf, dass er seinen Oberkörper so weit nach vorne beugte, wie es sich für den Stand des Soldaten geziemte. Anders verhielt es sich bei den Adligen. Je höher ihr Stand war, desto tiefer musste er sich vor ihnen verbeugen. Respektvoll antwortete er: „Ich bitte um Verzeihung, ehrenwerter Herr! Ich komme mit meinen Freunden aus Hino. Als wir nach Yokoyama kamen, mussten wir feststellen, dass dort etwas Schreckliches passiert ist. Davon muss ich dem ehrenwerten Daimyo berichten. Es ist sehr wichtig. Ich bitte Euch, ehrenwerter Herr, sagt dem ehrenwerten Daimyo, dass ich ihn dringend sprechen muss!“

„Warte hier!“ Der Wachmann verschwand im Haus. Gehorsam wartete Nasaki geduldig und hoffte, dass der Daimyo ihn empfing.

Während dieser Zeit entwickelte sich in Japan der Feudalismus anders als in Europa. Es gab dort keine Grafen und Herzöge oder andere feudale Titel und Stände. Der Daimyo gehörte im damaligen Japan dem Schwertadel an, also den Samurais, zu denen auch der Shogun gehörte. Der Shogun als mächtigster Samurai des Landes konnte die unter seinem Stand gehörenden Samurais für ihre Treue und Loyalität mit einem Lehen belohnen. Damit wurden diese in den Rang eines Daimyos erhoben. Schon danach kamen die Bauern und Handwerker als angesehenster Stand. Allerdings waren die Daimyos unterschiedlich einflussreich und bedeutend.

Mehrere Minuten vergingen und Nasaki verlor allmählich die Hoffnung, mit dem Lehnsherrn der Stadt Koga und den Dörfern in ihrer näheren Umgebung sprechen zu können. Der Wachsoldat kam zurück und beschied ihm: „Der ehrenwerte Daimyo, Genshin-san, ist sehr beschäftigt, aber er wird dir gleich zuhören!“

Nasaki verbeugte sich höflich. „Ich danke Euch, ehrenwerter Herr!“

Geduldig wartete er. Was blieb ihm anderes übrig. Die Höflichkeit gebot es ihm, solange zu warten, bis sich der Lehnsherr für ihn Zeit nahm.

Nasaki wusste nicht, wie lange er gewartet hatte, als sich endlich die Tür öffnete und ein großer Mann mit grauen, langen Haaren erschien, der sie traditionell nach Art der Samurais zu einem Chonmage zusammengebunden hatte. Dazu wird das Haar mit einem parfümierten Kamillenöl eingeölt und mit einer gewachsten Papierschleife zu einem Pferdeschwanz gebunden, der dann auf der Oberseite des Kopfes gefaltet wird, sodass sich eine Art Knoten ergibt. Meist wurde dazu auch das Haupthaar der Kopfoberseite abrasiert. Der Lehnsherr machte auf Nasaki einen gepflegten Eindruck. Sein langer weißer Bart reichte ihm bis zum Bauch herunter. Gekleidet war er mit edlen Kleidern, die Nasaki in dieser Art bisher nur bei den höchsten Adligen gesehen hatte, wenn er sie denn überhaupt einmal zu Gesicht bekam. Schließlich verkehrte ein Gemüsebauer üblicherweise nicht mit den Adligen. Seine Beine bedeckte der Lehnsherr, Genshin Yuto, mit einem traditionellen Hakama, einer Art plissiertem Hosenrock mit weitgeschnittenen Beinen, der den Körper etwa von der Taille abwärts bedeckt. Außerdem trug er einen vierteiligen in feinster Seide geschneiderten Herrenkimono. Auf seiner linken Seite befanden sich in kostbaren Scheiden seine ebenso kostbaren Schwerter, ein Kurzschwert und ein Langschwert, das für den Kampf vorgesehen war und Katana genannt wurde. Sie waren das sichtbare Zeichen der Samuraikrieger und durften nur von diesen in der Öffentlichkeit getragen werden. Das Kurzschwert, das Wakizashi, das wie das Katana im Nahkampf benötigt wurde, kam außerdem beim traditionellen Selbstmord von Samurais, dem Seppuku, zum Einsatz.

Einen Bauern in seinem Haus zu empfangen, ließ der Stand des Lehnsherrn und Daimyos nicht zu. Es würde seine Würde verletzen. Deshalb war es Genshin Yuto nicht gestattet, Nasaki in seinem Haus zu begrüßen.

Dieser stand immer noch in demütiger Haltung am Eingangstor. Als er den Samurai sah, fiel er zehn Meter vor ihm auf die Knie und beugte seinen Oberkörper nach vorn. Seine Hände streckte er vor sich auf den Erdboden aus, auch seine Stirn berührte in Ehrfurcht vor dem hohen Herrn den Boden. Als Ryu sah, was Nasaki tat, nahm auch er diese Haltung an.

Leise befahl einer der Soldaten dem Gemüsebauern mit erhobenem Zeigefinger: „Du wirst erst dann sprechen, wenn der ehrenwerte Daimyo, Genshin-san, das von dir verlangt. Hast du mich verstanden?“

„Ja, Herr!“

„Erhebe dich!“, sagte eine energische Stimme, die dem Lehnsherrn gehörte.

Nasaki tat, wie ihm geheißen. Demütig beugte er den Kopf. Auch Ryu erhob sich und sah ihn von unten fragend an. Dann nahm auch er die Haltung Nasakis an.

„Warum kommst du zu mir?“, fragte der Adlige.

Nasaki erzählte ihm, was er in Yokoyama gesehen und erlebt hatte, auch dass er Ryu dort in einem Versteck fand und nun für ihn ein neues Zuhause suchte.

Der Lehnsherr verlor etwas von seinem Hochmut und sah Nasaki beinahe respektvoll an. Doch seinen Stolz verlor er dabei nicht. „Du hast das Kind gefunden und gerettet?“

„Jawohl, Genshin-san, sonst wäre es wahrscheinlich elend ums Leben gekommen, es hätte verhungern und verdursten müssen, falls nicht jemand anderes es gefunden hätte.“

Der Samurai strich sich über seinen Bart und lief nachdenklich Auf und Ab. Nach einigen Augenblicken drehte er sich zu den Wachen hin. „Bringt fünfzig Ashigarus und einen Schintopriester her. Wir werden den in Yokoyama verbliebenen Bauern helfen, dort aufzuräumen und die Toten bestatten, wie es Brauch ist und wie es sich gehört. Informiert den Hauptmann der Samurais. Ich will, dass auch er mitkommt. Wir werden uns vor Ort alles ansehen. Macht schnell, wir müssen zurück sein, bevor es dunkel wird. Ich möchte nicht, dass uns diese Bestien, die Vampire, überfallen.“

Danach sah der Lehnsherr zu Ryu und anschließend wieder zu Nasaki. „Es gibt in Koga kein Waisenhaus, aber jemand, der Kinder sehr liebt. Leider hatte er selbst nie welche. Ich bin davon überzeugt, dass der Abt des Zenklosters, Meister Nakamura, für Ryu der beste Vormund sein wird, den er sich wünschen kann. Also bringe ihm das Kind. Das Kloster liegt dort oben auf dem Berg.“ Mit der Hand zeigte er in die entsprechende Richtung.

Nasaki folgte ihm mit den Augen und erkannte das Kloster auf dem Berg, der höchsten Erhebung in der Stadt.

„Hast du mich verstanden?“, fragte der Lehnsherr.

„Jawohl, Genshin-san.“ Nasaki verbeugte sich so tief vor dem adligen Herrn, wie es die Höflichkeit gebot. Nachdem er die Erlaubnis erhielt, sich zu entfernen, ging er mit Ryu zurück zum Markt, wo Ayumi auf ihn wartete. Er erzählte ihr von seinem Gespräch mit dem Lehnsherrn.

„Dann soll er ein Mönch der Zen-Buddhisten werden?“, fragte Ayumi. Sofort darauf gab sie sich selbst und ihrem Mann die Antwort auf ihre Frage. „Warum nicht? Dann hat er für sein Leben ausgesorgt.“

„Ayumi, du bringst Ryu zum Kloster und ich räume hier alles zusammen.“ Nasaki wollte sich endlich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.

Seine Frau war damit einverstanden, denn nun konnte sie mit Ryu zusammen sein, bis die Trennung von ihm für sie unvermeidlich wurde. Sie hoffte, dass sie ihn ab und zu besuchen durfte, wenn sie nach Koga zum Markt kamen.

Viele Menschen eilten geschäftig von einem Ende der Stadt zum anderen. An einem Markttag wie dem heutigen waren besonders viele Leute unterwegs. Unter ihnen befanden sich leider auch viele zwielichtige Gestalten. Ryu folgte Ayumi bereitwillig. Er verstand zwar nicht, was mit ihm geschah, aber er wusste, dass die fremde Frau für ihn nur das Beste wollte. Endlich gelangten sie zu einem Pfad, der zum Kloster führte. Es ging steil bergauf und schon nach kurzer Zeit ermüdete der kleine Junge. Auch der Welpe war erschöpft. Ayumi gönnte sich, dem Knaben und seinem Hündchen eine kurze Pause. Nach einigen Minuten setzten sie ihren Weg fort. Als Ryu zu quengeln begann, dass er nicht mehr laufen könne, sah sie ihn verständnisvoll an. „Der Weg ist auch recht steil und kräftezehrend. Bisher hast du das sehr gut gemacht. Willst du noch eine Pause einlegen?“

„Oh, ja, sieh nur, Okami braucht auch eine Pause!“ Ryu zeigte zu seinem kleinen Welpen.

„Dann setzen wir uns jetzt hier für einige Minuten hin.“

Dankbar nahm der Junge auf einen Stein Platz. Ayumi tat es ihm gleich. Sie sah über die Stadt hinweg und dachte an Ryus Eltern. Jetzt war sie sich plötzlich sicher, dass sie ihre Leichen in dem verwüsteten Dorf gesehen hatte, als sie Ryu auf ihren Armen aus Yokoyama heraustrug.

Ryu bemerkte, dass Ayumi sehr still geworden war. „Was hast du, Tante? Warum bist du plötzlich so traurig?“

Statt einer Antwort sagte sie zu ihm: „Los komm, ich nehme dich jetzt auf meinen Rücken. Du kannst dann deine Arme um meinen Hals legen.“

Das ließ sich das Kind kein zweites Mal sagen. Glücklich, nicht mehr laufen zu müssen, kletterte er schnell auf Ayumis Rücken. Okami lief vor ihr her, aber auch er wurde schnell wieder müde. Schließlich erreichten sie eine Treppe. Nach der zweiten Stufe weigerte sich der Hund, weiterzugehen. Wenn die Frau ihr Ziel erreichen wollte, musste sie den Welpen auf ihre Arme nehmen. Also ging sie die Treppe mit dem Jungen auf dem Rücken und dem Hund auf den Armen hinauf. Es war eine lange Treppe, die ihr alles abverlangte. Endlich hatte sie es geschafft. Außer Atem und vollkommen entkräftet ließ sie den Hund auf den Boden gleiten und den Knaben von ihrem Rücken steigen. Danach setzte sie sich auf die Treppe und ruhte sich einige Minuten aus. Sie war froh, dass sie den Rückweg später allein antreten konnte und ihr Weg überwiegend bergab führte.

Nachdem sie wieder zu Kräften gekommen war, ging sie mit Ryu und seinem Welpen weiter. Fünf Minuten später standen sie am Eingangstor des Klosters. An den Torflügeln befanden sich je ein großer Metallring, mit denen Ayumi laut an das Tor klopfen konnte. Nach einigen Augenblicken vernahm sie hinter dem Tor Schritte. Ein Riegel wurde zur Seite geschoben und das Tor schwang einen Spalt auf, durch den sie ein junger Mönch in einem blau-weißen Gewand anschaute. Er hatte seine flache Hand nach oben gerichtet und vor seine Brust gelegt. Der Mönch sah Ayumi ins Gesicht und nickte ihr zu, die seine Begrüßung erwiderte.

„Was kann ich für euch tun?“, fragte der junge Mönch mit einem ernsthaften Gesichtsausdruck und blickte dabei zu Boden.

Die Bäuerin lächelte den Mönch freundlich an. „Der ehrenwerte Herr Lehnsherr hat meinem Mann aufgetragen, dieses Kind zu Meister Nakamura zu bringen. Da heute Markttag ist, bin leider nur ich abkömmlich und bringe den Jungen allein.“

Der Mönch sah die Frau an. „Bitte, warte hier!“ Daraufhin verschloss er das Tor und Ayumi hörte, wie er sich mit leiser werdenden Schritten entfernte.

Sie wusste nicht, wie lange sie mit dem Kind vor dem Tor wartete, als es sich doch noch knarrend öffnete. Der junge Mönch stand wieder vor Ayumi. „Meister Nakamura empfängt euch. Ich bringe euch zu ihm. Bitte, folgt mir!“

Ayumi fragte: „Darf der Hund mit reinkommen?“

„Ja, aber nur in den Hof“, entgegnete der junge Mann.

Als sie das Tor passierten, sahen sie einen Garten, der dieses Kloster besonders schmückte. Er war sehr schön angelegt. Am Rande des Geländes befanden sich Rabatten, auf denen die verschiedensten Blumen wuchsen. Unter anderem gab es einen Bereich, auf denen rote Rosen blühten. Auch hatten die Mönche Schatten-Schachblumen angepflanzt. Das fand Ayumi sehr erstaunlich, denn diese Pflanzen wuchsen normalerweise nur am Berg Haku-san. Des Weiteren wuchsen Lilien auf einem extra für sie angelegten Beet. Außerdem gab es viele andere Blumen in diesem Garten, die nicht nur zur Sommerzeit die Mönche mit ihren Blühten erfreuten.

Als Blickfang diente ein großer Baum, an dem sich im Frühling tausende rosa-rote Kirschblüten befinden mussten. Aber jetzt bewegten sich im sanften Wind nur seine Blätter leise hin und her. Er stand auf einer grünen Wiese, die mit weiteren Blüten von Wiesenblumen geschmückt wurde.

Ein überdachter Gang führte um den Garten herum. In seinem Zentrum befand sich ein Brunnen, neben dem eine Bank stand. Zu dieser führte der junge Mönch die Besucher.

Ein älterer Herr, der sich wie der junge Mönch kleidete, trat ihr entgegen. Seinen glattrasierten Kopf zierte ein langer weißer Bart. Er lächelte Ayumi freundlich an und entrichtete ihr den gleichen Gruß wie der junge Mann, der sie am Tor empfangen hatte. Höflich grüßte sie zurück.

Der alte Mönch sagte: „Ich bin Nakamura Sho und der Abt in diesem Zenkloster. Bitte tretet ein und erzählt mir, warum euch der ehrenwerte Daimyo, der Herr Genshin-san zu mir geschickt hat.“

Mit einer Handbewegung lud er Ayumi ein, mit ihm auf der Bank Platz zu nehmen. Gerne folgte sie seiner Einladung, während Ryu es sich vor ihnen auf dem Boden bequem machte. Nun erzählte die hilfsbereite Händlerin dem Abt, was in Yokoyama geschehen war und wie ihr Mann Ryu fand. Während sie erzählte, richtete der Kleine neugierig seinen Blick auf den alten Abt. Es schien, als fühlte sich das Kind in seiner Nähe wohl, aber Ayumi beobachtete auch eine gewisse Skepsis, die der Junge dem Abt gegenüber hegte.

Sie beendete ihren Bericht und schaute Meister Nakamura mit ernsten Augen an. Dieser sagte: „Ich hatte nie die Gelegenheit, eine Familie zu gründen. Mein Weg führte mich hierher, obwohl ich mir schon immer ein Kind gewünscht habe.“ Er machte eine Pause und blickte zu Ryu. „Der arme kleiner Kerl! So viel Schmerz, so viel Leid, dass du schon in deinen so jungen Jahren erleben musstest.“ Dann sah er wieder Ayumi an. „Eine unserer Hauptaufgaben als Buddhisten ist es, Menschen von ihrem Leid zu befreien. Ich wäre sehr glücklich, wenn Ryu bei mir bliebe. Ich glaube, ich kann ihm helfen, seinen Schmerz zu ertragen, wenn auch nicht zu vergessen.“ Dann drehte er sich zu dem Jungen hin und schaute ihm in die Augen. „Ryu, willst du bei mir bleiben?“

Der Knabe sah Meister Nakamura mit großen Augen an. Ayumi bemerkte, dass er nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Meister Nakamura wiederholte seine Frage. „Na, was ist, mein kleiner Freund, willst du oder willst du es nicht?“

Verlegen schaute das Kind zum Boden und danach wieder zu dem alten Mann hoch. „Ich weiß es nicht.“

Meister Nakamura sah zu dem Jungen herunter und lächelte ihn freundlich an. „Ryu, komm doch mal zu mir auf die Bank.“

Das Kind kletterte auf die Bank und setzte sich neben ihn. Der alte Mann legte ihm einen Arm um die Schulter und fragte: „Weißt du denn, wo du sonst bleiben kannst?“

Ryu zuckte mit den Schultern und schulte zur neben dem Abt sitzenden Frau hin. „Vielleicht bei Ayumi?“

Vor Rührung schossen der Gemüsebäuerin die Tränen in die Augen. Sie hatte den kleinen Kerl liebgewonnen und ließ ihn nur ungern zurück. Aber sie akzeptierte Nasakis Argumente, weil sie in ihrem tiefsten Inneren wusste, dass er recht hatte. Deshalb schaute sie Ryu direkt ins Gesicht. „Ich würde dich gerne bei mir behalten, aber das geht leider nicht. Wir haben schon vier Kinder. Ein fünftes Kind bekommen wir nicht mehr satt. Aber ich verspreche dir, dass wir Freunde bleiben und mein Mann und ich dich besuchen kommen, sooft wir können.“ Zunächst schwiegen sie. Da nach einigen Sekunden das Schweigen anhielt, fragte Ayumi noch einmal: „Willst du hierbleiben, Ryu?“

Darauf nickte der Junge mit einem ernsthaften Gesicht, als wollte er sagen, wo soll ich denn sonst hin.

Meister Nakamura freute sich. Sein Lächeln konnte und wollte er nicht verbergen. Endlich ging für ihn sein sehnlichster Herzenswunsch in Erfüllung. Noch konnte er nicht ahnen, welch ein herzliches Verhältnis ihn und Ryu einmal verbinden sollte.

Ayumi hatte ein gutes Gefühl. Sie wusste, dass der Abt dem Knaben ein guter und liebevoller Vater sein würde. Sie sprach: „Außer seinen Namen und ein paar Sätze, hat er heute nichts gesagt, ehrwürdiger Meister.“

„Nach allem, was er erleben musste, ist das auch kein Wunder. Aber ich verspreche euch beiden, dass ich ihm ein guter Vater sein werde. Egal, was passieren mag, Ryu wird für mich immer wichtiger sein als alles andere auf dieser Welt.“

Ayumi schaute zu Okami hin, der an den Füßen des Meisters schnüffelte. „Ehrenwerter Meister, dieser Hund ist das Einzige, was dem Kleinen von seiner Familie geblieben ist. Deswegen bitte ich Euch darum, dass der Hund auch hierbleiben darf.“

Der Abt schwieg zunächst und es schien Ayumi, dass er überlegte, wie seine Antwort ausfallen sollte. Tatsächlich dachte er darüber nach. Sollte er den Vorschriften des Klosters folgen, würde er dem Jungen seinen Hund nehmen. Das wollte er nicht. Aber der Hund durfte nach diesen Vorschriften, die nicht Meister Nakamura festgelegt hatte, auf keinen Fall mit Ryu im Kloster leben. Aber dann fragte sich der Abt, warum er als Vorsteher dieses Klosters die Regeln nicht ändern sollte. War es nicht im Sinne des Buddhismus, sich für einen kleinen Jungen einzusetzen und ihn glücklich zu machen?

Als Ayumi schon glaubte, dass der Abt ihre Bitte abschlagen würde, nickte er doch noch und sprach: „Wir könnten ihm hier im Garten ein Häuschen bauen. Hier kann er sich frei bewegen und wer weiß, vielleicht wird er einmal ein guter Wachhund.“

Ryu sprang auf und liebkoste seinen kleinen Welpen, als ahnte er, dass Meister Nakamura soeben ein Urteil über ihre gemeinsame Zukunft gefällt hatte. Und Ayumi freute sich über die Worte des Meisters. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt und wusste, dass es Ryu in Zukunft gut gehen und er in Geborgenheit aufwachsen werde. „Meister Nakamura, es ist schon spät, mein Mann wird sicherlich auf mich warten.“

„Dann sollten wir uns jetzt verabschieden.“

Gemeinsam mit Ryu, den er an eine Hand nahm, begleitete Meister Nakamura Ayumi bis zum Tor. Dort ging sie vor dem Knaben in die Hocke, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. „Pass gut auf dich auf, mein Junge. Ich bin nicht aus der Welt und werde dich besuchen. Du wirst es erleben!“ Sie umarmte ihn und drückte ihn sanft und liebevoll an sich. Danach verabschiedete sie sich von Meister Nakamura und dem Kind. Nachdem sie einige Schritte gegangen war, sah sie sich noch einmal um. Der Abt hatte den Jungen wieder an die Hand genommen. Er lächelte Ayumi zu. Dann begann auch Ryu zu lächeln. Als sie die beiden nebeneinander, Hand in Hand, stehen sah, hatte Ayumi plötzlich das Gefühl, dass sich Ryu und Meister Nakamura schon einmal in einem früheren Leben begegnet waren. Sie winkte den beiden noch einmal zu und kehrte dann dem Kloster den Rücken. Hinter ihr schloss sich das große Tor mit einem knarrenden Geräusch, als sie zurück in die Stadt und zu ihrem Mann ging.

*****

Als Ayumi Nasaki von Meister Nakamura erzählte und ihm sagte, dass sie davon überzeugt sei, dass dieser für Ryu ein liebevoller Vater sein werde, erreichte Genshin Yuto, der Lehnsherr Kogas, das verwüstete Yokoyama. Er befand sich in Begleitung seiner Fußsoldaten, den Ashigarus, seinem Hauptmann der Samurai, Kiyoshi Yamamoto, und einem Shintopriester der Stadt. Die erste Maßnahme Genshin Yutos bestand darin, den Gemüsebauern, die im Dorf zurückgeblieben waren, für ihren Einsatz zu danken und sie wieder nach Hause zu entlassen. Danach sah er sich das Dorf an, um den Grad der Verwüstung einzuschätzen. Was hier geschehen war, löste in ihm und seinen Leuten das pure Entsetzen aus. Aber überrascht waren sie trotzdem nicht, denn solch einen Anblick erlebten sie nicht zum ersten Mal. In der Vergangenheit waren viele Dörfer auf ähnliche Weise vom Erdboden verschwunden. Der Lehnsherr bemerkte die vielen Blutlachen, die er überall in Yokoyama fand. Das war in den überfallenen Ortschaften, die er in den letzten Monaten gesehen hatte, nicht der Fall gewesen. Deshalb fragte er den Hauptmann der Samurai: „Seid Ihr Euch sicher, Kiyoshi-san, dass es hier das Werk von Vampiren ist? Normalerweise saugen die doch den Menschen das Blut aus und hinterlassen nicht solch ein Blutbad.“

„Natürlich waren das Vampire, Genshin-san, wer denn sonst?“, antwortete Kiyoshi Yamamoto.

Genshin Yuto sah seinen Hauptmann zweifelnd an. Hatte der denn noch nie einen von Vampiren getöteten Menschen gesehen?

Nachdem die Ashigarus die Toten aus dem Dorf geborgen und sie auf einen riesigen Scheiterhaufen zusammengetragen hatten, sprach der Priester ein Bestattungsgebet und setzte den Scheiterhaufen in Brand. Der Lehnsherr stand nachdenklich dabei. Seine Betroffenheit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er zweifelte daran, dass der nächtliche Überfall auf Yokoyama auf das Konto von Vampiren ging. Er fragte sich, wer sonst dafür verantwortlich sein konnte, wenn nicht diese Bestien? Aber die Wesen der Nacht hinterließen keine Blutlachen, wie er sie in diesem Dorf gesehen hatte. Mehrmals strich er sich über seinen langen, weißen Bart und war davon überzeugt, dass die Kriege unter den Menschen unbedingt aufhören mussten.

Wenn die Menschen ihre Kräfte nicht bündelten und gemeinsam gegen die untoten Wesen der Nacht kämpften, würden sie verloren sein! Wenn sie sich nicht auf diesen einen Kampf konzentrierten, der sich nach seinem Empfinden über einen langen Zeitraum hinziehen werde, mussten bald alle Menschen Japans tot oder untot sein. Aber das wollte sicherlich niemand.

Das Kloster

Nachdem Ryu und Meister Nakamura die hilfsbereite und liebevolle Ayumi zum Tor des Klosters begleitet hatten, sah ihr der Knabe hinterher. Leise murmelte er mit Tränen in den Augen: „Danke, Ayumi.“ Ryu war in seinem Alter von erst fünf Jahren ein außergewöhnlicher Junge. Seine Fähigkeit zu denken war noch nicht sehr weit entwickelt, und er begann erst, in seinem Langzeitgedächtnis erste Erinnerungen von seinen Erlebnissen zu speichern. Trotzdem hatte er verstanden, dass Ayumi und ihr Mann Nasaki ihm das Leben gerettet hatten. Ohne sie wäre er in seinem Versteck qualvoll zugrunde gegangen.

Der Abt hatte die Worte des Jungen verstanden und war gerührt. Freundlich legte er ihm seine Hand auf die Schulter und wartete, bis Ayumi sich ihren Blicken entzog. Dann schob er Ryu ins Klostergelände zurück und verschloss das Tor. Er nahm den Jungen an die Hand und ging mit ihm langsam zur Bank zurück. Dort setzten sie sich nochmals nieder. Der Abt wollte versuchen, von Ryu einige Antworten zu bekommen und zu erfahren, wer er war und wie er seine schrecklichen Erlebnisse verarbeitete. Es war ihm bewusst, dass das Kind dabei Hilfe benötigte. Andererseits wollte er herausfinden, in welchem psychischen Zustand sich Ryu befand.

Zunächst saßen sie einige Sekunden schweigend auf der Bank und blickten auf den wunderschönen, großen Garten des Klosters. Ryus Beine hingen in der Luft und nervös bewegte er seine Unterschenkel hin und her. In seinem Gesicht erkannte der Abt, dass der Knabe sehr traurig war. Ryu kämpfte mit sich. Der alte Mann dachte daran, wie solch ein kleiner Junge wie Ryu, dessen Verstand sich erst zu entwickeln begann und der seine ersten Erlebnisse bewusst wahrnahm, mit solch einem schrecklichen Drama, dem er ausgesetzt war, leben sollte. Ob er in diesem Augenblick diesen schönen Garten, in dem sie sich befanden, wahrnahm?

Meister Nakamura ließ dem Jungen etwas Zeit, damit er sich an seine neuen Lebensumstände gewöhnen konnte. Dafür würde er ohnehin mehrere Tage, wenn nicht sogar Wochen, benötigen. Der Abt ahnte, wie der arme Junge diese Minuten erleben musste, und empfand tiefes Mitleid mit ihm. Schließlich fragte er: „Ryu, kannst du dich daran erinnern, was geschehen ist? Willst du es mir sagen?“

Ryus Gesichtsausdruck versteinerte und sein kleiner Körper zuckte merklich zusammen. Dann schaute er auf den Boden und schüttelte den Kopf. Dem Abt wurde bewusst, dass er noch nicht darüber sprechen konnte, was ihm widerfahren war. Das Trauma, das er erlebte, steckte zu tief in seiner kleinen Seele und war noch zu frisch. Aus diesem Grund wechselte Meister Nakamura das Thema. „Siehst du diese Ecke dort?“ Er zeigte mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf einen Punkt, an dem zwei Mauern auf dem Innenhof aufeinandertrafen. „Da bauen wir das Häuschen für Okami.“

„Aber ein großes Häuschen.“ Ryus Worte kamen spontan und er schaute in die vom Abt angezeigte Richtung.